nr.165 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger iGeneral-Anzeiger für Oberheffen)Montag, 16. Juli 1928
Das Drama pilsudski.
Jen ufllerem ?)-Derichterftatter
Jlflchbrutf, auch mit Quellenangabe, verboten.
S a r I <b 3 i:. Juli 1928.
3u den cigtnarligficn oMtalten unserer Zeit- gelchtchlc gehört unzweiselhast der einem litauischen Adelsgeschlecht entsprossene Marschall Joseph P r l s u d s I >. der mit bewunderns- werter Energie und polnischem Temperament die Freiheitsbewegung seiner Nation von der Jahr- hundertwcnd.' an b».v zu dem von Mickiewicz heiß erslehwn .allgemeinen Völkerkrieg' wesentlich beeinflußt Hal. der während deS Weltkrieges an der Leite der Zentralmächte seine Legionen gegen den russischen Erbfeind führte. um endlich als Staatsoberhaupt der unabhängigen polnischen Republik die Erfüllung seiner kühnsten Träume zu erleben.
Der Rückschlag war Ichmerzlich. Der verlas! unggebende Seim Iah das Pilfudsti-Lagcr. das l'ch damals im Parlament vornehmlich auf die Polnische Sozialistische Partei (PPS.> stutzte, in der Minderheit. So wurde in der neu zu beschließenden Konstitution die Stellung des Staatspräsidenten jeder wirklichen Macht ent- kleidet und nach dem Muster der Westeuropa,- lchcn Formaldemokratie aus rein repräsentative Funktionen beschränk,. Pilsudski zog die Äon- lequenz und lieft sich bet der Wahl des ersten verfassungsmäßigen Staalsprä,identen nicht mehr ausftellen. Man wühlte seinen ftreunfr. den Ingenieur Gabriel Rarutowicz, der wenige Tage später von einem fanatisierten national- Demokraten ermordet wurde. Pilsudski schrieb ein Klagelied über den Tod seines Freundes Jonathan erreichte die Mahl seines anderen Vertrauten aus revolutionären Tagen, Stanislaus Wojciechowski zum zweiten Staatspräsidenten. behielt den Oberbefehl über das Heer und wartete im Hintergründe, bi- seine Stunde gekommen war.
Mehr gedrängt von der hinter ihm stehenden Militärpartei der Geheimen Krtegsorganisation <POW.) als aus eigenem Entschluß - man sagt dem Marschall nach, daft er in entscheidenden Momenten einem Fabius Eunctator gleiche — unternahm und gewann er die Mairevolu- t i o n v c» n 1 9 2 6. die das System der parlamentarischen Regierungen durch seine Diktatur ablöste. Es war eine Diktatur besonderer Art, eine Herrschaft deS Pilsudskilagers. die der Legalität nicht entbehren wollte und das Parlament ruhig seinen verfassungsmäßigen Stiwhtod sterben lieft. Aber die Beschlüsse jenes ersten Sejm, der dein verfassungsgebenden gefolgt war, die Vollmachten, die er der neuen Regierung kurz vor seinem Erlöschen bcttilligte, (amen unter dem Druck der drohenden Diätenentziehung und der nicht minder einschüchternden Maschinengewehre zustande.
So konnte der Marschall darauf verzichten, den »Sejm der Korruption", wie er jenes Parlament zu bezeichnen beliebte, nach Hause zu jagen. Ja, er riskierte noch mehr: im Herbst deS vergangenen Jahres, als der erste Eindruck der Mairevoiution, der ihm alle Herzen zugeführt und die Opposition in die Gcke gedrückt hatte, schon stark verflüchtigt war. als der innenpolitische Deaner sich wieder zu sanrmeln begann und selbst die Sozialdemokratie mit ihrem größten Genossen nicht mehr zufrieden war, schrieb Joseph Pilsudski, getreu der von ihm gehaßten Verfassung, die Neuwahlen auS.
Dewift konnte die Regierung durch Veld und Terror die Wahlen beeinflussen und aus den verschiedensten Elementen in dem sogenannten .Unparteiischen Block zur Unterstützung der Regierung" dem zweiten Sejm die stärkte Partei zuführen, ja sogar im Senat mit anderen Hllss- truppen eine knappe Mehrheit erzielen. Aber die Mehrheit des ausschlaggebenden Unterbaute# war nicht pilsudskifromm, wenn es auch einem geschickten Taktiker leicht gewesen wäre, selbst hier eine Majorität zu schaffen.
Da wurde das überraschende Ereignis. Pilsudski, über den unvollständigen Erfolg seiner Wahlen erregt, eröffnete den Sejm in höchsteigener Person. Bei der Verlesung deS EröfsnungSbe- IchlusseS funkelten seine Augen wild und drohend, fein Atem ging schwer, und man merkte, welche Mühe es ihm kostete, die Fassung zu bewahren. Bei den ersten Schmährusen von kommunistischer Seite griff er in höchster Empörung durch und lieft bie Schreier demonstrativ durch Militär,
Verschollene Menschen.
Von Ernst Wesner.
Das geheimnisvolle Verschwinden des belgischen Bankiers Alfred Löwen st ein erregt die Gemüter der Welt. Aus der Luftreife von England nach Frankreich verschwindet ein Menfch spurlos, niemand vermag mit Sicherheit anzugeben, ob er vielleicht noch lebt, oder wenn nicht, wie dieser Man« fein Ende gefunden hat. Sein Verschwinden ist ungeklärt, wird cs möglicherweise auf ewig bleiben. Dennoch ist der geheimnisvolle Vorgang nicht ohne eine Fülle von ähnlichen Geschehnissen, alljährlich verschwindet eine ganz erhebliche Anzahl von Menschen auf unserer doch so mustergültig durchorganisierten Erde und nur eine sehr bescheidene Anzahl von Fällen wird der breiteren Oeffentlichkeit bekannt. Man braucht, um Beispiele zu nennen, gar nicht so sehr weit zu gehen, die verunglückte Expedition des Gene- rals 'S obi le nach der Arktis nennt schon jetzt eine ganze Reihe von Fällen, in denen Menschen verschwinden, um vielleicht nie wieder aufzutauchen. Da ist es als erster der Forscher Amundsen, der als Retter der in Rächt und EiS Derrmglückken mit einem Flugzeug in das Polargcbiet vorstieft. Seit Wochen ift man ohne bie geringste Rachricht über fein Schicksal geblieben, und die-Stimmen mehren sich, die ihn als weiteres Opfer in die Verlustliste der Robile- Expedition aufnehmen wollen. Auf seinen Fahrten zur Erforschung deS Pols und der arktischen Gewässer ist der Norweger allerdings schon einmal verschwunden getoefen, um nach einem J a ft r e e r st wieder aufzutauchen. Er hatte den Kampf mit den Raturgewallen siegreich über- Dar jedoch damals besser ausgerüstet, als bei der jetzt in aller Eile recht flüchtig vorbereiteten RettungSexpedition.
Von dem ungefähren Ablauf der Geschehnisse kann man sich im Falle Amundsen wenigstens noch ein Bild machen, das ungefähr der Wirk-
nicht etwa durch die Sejmwache, abluhrcn Roch immer stand es in seiner Hand, das Parlament aufzulöscn und dem Staatsstreich der Präsidenten- und KablnettSvertreibung zwei Jahre später den Staatsstreich der Verfassungsänderung folgen zu lallen. Der Marschall blieb jedoch auf halbem Wege stehen und entfieft schon nach einer Stunde die ungebärdigen Tollet-ertrctcr auS der Hall Unter dem niederschmetternden Eindruck hi- e Zwischen!all- wählte der Sejm nicht den >n Pilsudski vorgefchlagenen Vizekanzler Bartel zum Präsidenten, sondern den Kandidaten der Opposition. den Sozialisten Dafzynfki. den gleich- wohl viele Erinnerungen an eine bewegte gemeinsame Vergangenheit mit dem Diktator verbanden
An diesem Tage brach der Marschall körperlich und seelisch zusammen. Die Budgetberatungen wurden ohne feinen dominierenden Einsluft zu Ende geführt. Trotzdem wurde eS durch die verständnisvolle Tattik DafzynfkiS möglich, daft der RegierungSvorfchlag mit geringen Aende- rungen zur Annahme gelangte. Rationaldemokraten und Sozialisten enthielten sich der Stimme nur die Minderheiten stimmten gegen den Stal Auch die Regierung gab etwas nach und steckte einige demonstrative Abstriche an ihren For- berungen ein, indem sie ihre Denatsmehrheit anwieS, dnS rom Sejm beschlossene Budget unverändert anzunehmen. Das Parlament wurde in die Ferien geschickt, bevor es die Debatte über die Wahlmiftbcäuche und das Prefsedekret zu Ende führen konnte.
Pllfudfki hatte sich zu dieser Zeit von der infolge einer schweren Arterienverkalkung etnge- tretenen körperlichen Lähmung mit bewundernswerter WillenSencrgie wieder erholt. Er konnte sich öffentlich zeigen und an wichtigen diplomatischen Beratungen teilnehmen. Doch gerade diese Selbstbeherrschung zehrte an seinen Geisteskräften, und so rieten ihm seine Aerzte zu einem längeren Urlaub. Wie recht sie mit ihrer Diagnose hatten, zeigte die Kabinettssitzung vom 25. Juni, in der cs zur Katastrophe kam. Jn unerhört schonungsloser Weise ging der Marschall mit seinen nächsten Mitarbeitern ins Gericht und machte ihnen das an sich sehr verständige Paktieren mit der entgegenkominenden Parlamentsopposition zum Vorwurf, Zwei Tage später kam völlig unerwartet die Kabinettsumbildung zustande, in der Pilsudski zwar formell das Kriegsministerium behielt, aber das Präsidium an Bartel a b g a b, was dem uneingeweihten Beobachter besonders merkwürdig erscheinen inuftte, da Bartel selbst ebenso wie der Auftenminister Zaleski schwer erkrankt ist und für mehrere Monate in einem französischen Bade Erholung suchen will. Dafür erschien einer der mächtigsten geheimen Drahtzieher des Pilsudski- Blocks, der Ches des politischen Depariements im Innenministerium. Dr. Switalski, an der Oeffentlichkeit und besetzte das Kultusministerium, in Wahrheit auch das Präsidium des Kabinetts.
Die größte politische Sensation sollte das polnische Volk aber am 1. Juli erleben. Der zurück- getretene Marschall, der sich an diesem Tage mit feine i Töchtern und einigen Ministern zu einer bela e en Passagierdampfer-Weihe nach Gdingen .egab, lieft an jenem Sonntag eine Unterredung mit der Regierungspresse veröffentlichen, in der er über die Gründe seines Rücktritts in erstaunlicher Form Auskunft gab. Seine unerhörten Angriffe gegen den „Sejm der Straftendirnen", seine unbeherrschte Beschimpfung des polnischen Volkes, die zwischen Gröftenwahn und krankhaft-schamloser Phantasie schwankende Darstellung seiner Gedankenwelt, lassen für einen normal denkenden Mitteleuropäer nur den Schlaft zu, daft die Grenze, an der sich Genie und Wahnsinn so nahe berühren, in verhängnisvoller Weise überschritten wurde. Wenn es auch irrig ist, balkanische Verhältnisse mit unserem Rechts» und Moralempsinden beurteilen zu wollen, wenn cs auch durchaus möglich erscheint, daft zahlreiche Anhänger des geistig verwirrten Heros seine Matansälle als den Ausdruck einer imponierenden Kraft hinnehmen, so muft doch selbst ein grofter Teil der polnischen Ration, zumal im ehemals preuftischen Teilgebiet, vor solcher Hemmungslosigkeit erschrecken. Und wenn es richtig ist. was der Marschall im letzten Satz feiner Unterredung behauptet, daft nämlich die Leitung der polnischen Außenpolitik wie bisher in feiner Hand bleibt, dann muft die noch lange nicht befriedete Welt mit groß- ter Beunruhigung feststellen, daft in einem Rachbarlande des bolschewistischen Wahnsinns,
lichkeit entsprechen mag. Ganz unmöglich ist das aber in allen jenen Fällen, in denen man nichts weiter erfährt als eben die Tatsache des Verschwindens. Jn unserer Erinnerung wird noch jener sonderbare Vorgang um bie Schwester der bekannten Kammersängerin Maria Jvo- a ü n fein. Fräulein Mayer, so hieft die Schwester der Frau Jvoyün, befand sich zu Anfang diefes Jahres auf einer Reise um die Welt, die der Dampfer „Resolute" veranstaltet hatte. Jn den Gewässern Hinterindiens war es bereits, als man die junge Dame eines Morgens vermiftte. Die verriegelte Tür gab nicht nach, man muftte sie gewaltsam ausbrechen, um nur feststellen zu können, daft sich die Gesuchte nicht in der Kabine befand. Wie sollte also Fräulein Mayer verschwunden fein? Hin und her gingen die Vermutungen: die naheliegendste aber, die Verschwundene sei aus dem Kabinenfenster gestürzt, erwies sich als unmöglich: das Fenster war viel zu klein, als daft ein Mensch auf diesem Wege die Kabine hätte verlassen können. Geheimnisvoll blieb daS Verschwinden bis auf den heutigen Tag. und es erscheint sicher, daft das Rätsel nie eine Aufklärung erfahren wird.
Weiter zurück liegt schon das sensationelle Verschwinden des deutschen Jngenieurs Dr. Die- f e l. Der bekannte Erfinder, der durch die Konstruktion des nach ihm benannten Motors eine gewaltige Umwälzung auf dem Gebiete der Kraft- und Wärmewirtschaft hervorrief, befand sich wie <o oft auf der Fahrt von Antwerpen nach Harwich. Die Fahrt durch den Aermelkanal mag bei vielen Passagieren nicht beliebt sein, weil sie fast immer eine Unzahl von Opfern der Seekrankheit fordert. Daft sie aber unsicher sei. toirb niemanb behaupten formen, weil sie nun einmal bie stärkstbefahrenc ötrede aller Ozeanwege ist. Man weiß nicht recht, was allo da einem mit Schiff ahrtsverhältnissen vertrauten Menschen schon widerfahren sollte, wenn immer Hilfe in unmittelbarer Rähe ist. Dennoch verschwand Rudolf Diesel in einer dunklen Septembernacht, ohne die geringste Spur zu
da-» an allen leinen Grenzen von ungelösten Problemen umringt ift, ein Mann am Steuer stehl, dellen Handlungen unberechenbar, dessen GersleSkräste krank und einer vollständigen Ruhe bedürftig find.
Der Kamps um den ii Zischen Bauer, (htglanb und bie Agrarkrisio in Indien Don unserem (f)-Derichterstatter.
Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten. London, Juli 1928.
Allmählich hat sich der englische ZeitungSleser an die täglichen Unruhemeldungen aus Jndien gewöhnt. Es läftt ihn ziemlich gleichgültig, wenn aus Bombay über Massenkundgebungen zugunsten der Verweigerung der Landsteuer berichtet wird. Ja selbst bie jüngste Meldung der ..Morn.ngpost . Wallabhabhan Patel, ein Vruder des Präsidenten der Gesetzgebenden Versammlung, habe, in Bombay stürmisch begrüftt, erklärt eine Derhastung wäre ihm gleichgültig, da int Falle einet derartigen Vorgehen» der Regierung daS ganze Land sich unter Ghandis Führung zusammen scharen würde, selbst diese für England ziemlich starke Herausforderung hat hierzulande die CCOogen der Erregung nicht allzu hoch gehen lassen.
Und doch steht Jndien gegenwärtig politisch wieder einmal im Vordergrund, toemi auch die Verwirklichung der Ziele feiner radikalen Rationalisten ferner scheint denn je. Soeben hat sich die indische Delegation zum 21 r - beitcrlongreft des britischen Reiches in London endgültig zurückgezogen um damit gegen die Haltung der Labour Party, bie der Einmischungg der Simon-Untersuchungskommisfion zugestimmt hat, zu protestieren. Und das Unterhaus wirb in den nächsten Tagen Gelegenheit haben, den Bericht der Königlichen Kommission über bie indische Landwirtschaft zur Kenntnis zu nehmen. Dieser Wcricht, der wohl das Erschütterndste darstellt, das man von afta- ttschein ElendSdasein zu hören gewohnt ist, bildet aber zugleich einen Markstein britischer Jndien- politik wie den Beginn einer ne i e n englischen Jntervention
Man erfährt dabei eigentlich zum erstenmal etwas Authentisches über die entsetzlichen Zustände, die in den indischen Landbezirken herrschen. Wohl hat Lord Curzon in den letzten Jahren die landwirtschaftlichen Bezirke im Gebiete des VizekönigS neu eingeteilt, aber alles, was bisher geschah, wurde unter dem Gesichtspunkt der Daumwoll - und ReiSproduk- tion behandelt. Die entsprechenden Distrikte blühen denn auch, soweit sic unter britischem Einsluft stehen, aber desto grauenvoller ist die Lage der Getreidebauern. Es gibt im Jn- nem Indiens bäuerlichen Besitz in der durchschnittlichen Gröfte von fünf Morgen. ES handelt sich nicht um kompakte Blocks, vielmehr ist das Land unregelmäßig gegliedert, reicht oft weit hinein in das Rachbargebiet, ja sogar richtige Enklaven kommen vor, und man kann sich mit einiger Phantasie vorstellen, was für Zustände hierdurch entstehen müssen. Es sind die Regionen der H o l z p f l ü g e, die von degenerierten, unterernährten Ochsen gezogen werden, kratzen den Boden drei bis vier 3d[[ tief auf. Das Rind wird nicht auf Milch und Fleisch gezüchtet, sondern ausschließlich als Zugtier verwendet und muß seine Rahrung selbst finden. Wird das Vieh unbrauchbar, so läßt man es eines „natürlichen Todes" ft erben, indem es verhungert. Es wird ebensowenig geschlachtet, wie man dies bei überflüssigen Menschen tun würde. Das Schwein gilt auch bei den Richtmohammeda- nern als unrein und wird selten gehalten. Der H a m m e l ist neben dem Geflügel der einzige Fleischspender. Weiden und Heulager sowie Stallungen im europäischen Sinne, sind in Indien völlig unbekannt. Jn dem erwähnten Bericht der Königlichen Kommission heißt es wörtlich: „Gewohnheit und religiöser Brauch sind beim indischen Dauern weit mächtiger als Hoffnung auf Gewinn, Komfort und sogar leibliche- Wohl."
Und so kommen die englischen Sachverständigen zu folgendem Schluß: Die Beseitigung deS indischen Bauernelends ist keine technische F r a g e. Sie kann keineswegs durch Einführung wissenschaftlicher Methoden gelöst werden, auch nicht durch Maschinen, Düngemittel und der
gleichen AU dies käme erlt an zweiter Stelle. Die Lösung liegt nach englischer Ansicht vor allem auf p I y ch o l o g ' s ch e m Gebiete: Man wlll dem inhifeben Landmann bi« „Lust am Dasein" beibringen. Dimmt er doch Hunger Krankheit und Seuchen als gottgewollte Schickungen, gegen die an zu kämpfen lächerliche- menschliches Vermessen märe Mr. D H More- land, einer der hervorragendsten Indiensachverständigen GroftbritannienS. legte der Kominillion ein Gutachten vor. in dem es u. a. heißt
Das Heil der iildilchen LanDbevöllerung kann nicht von technischen Fortschritten allein erwartet werden Ser Wille zum Leben muft stärker als bisher die treibende Kraft werden Die Gleichgültigkeit und Faulheit des indischen Bauern ift weniger eine .Solge des Klimas. alS vielmehr eine solche btt Tradition."
Jnteressanterweise ist ein entsprechendes Experiment von englischer Seite bereits angestellt worden. Ein gewisser Brayne hat in der Gegend von Gurgaon sieben Jahre lang die Behörden veranlaßt, den Bauern die Liebe zum Dasein - aus bisher noch unaufgeklärte Weise beizubringen. trotz Mohammed und Buddha. Und derselbe Brayne, dessen Bericht von der Kommission wörtlich übernommen wurde, will sogar Erfolge erzielt haben!
DaS englische Parlament wird also ausgefordert werdeii, ein Trommelfeuer von moralischem Lebenselexier auf Indien loszulassen. Die Haltung der Inder selbst ift bereit- von vornherein klar. Sie sagen: ..Wir wollen ja leben. Gebt uns die Freiheit. daS ist der beste Lebenssaft." Und dabei ist eS durchaus noch nicht sicher, ob die ganze Aktion nicht auf Gurgaon beschränkt bleiben wird. Denn die Sache kostet überdies Geld, waS von dem Kommlssionsbericht auch keineswegs in Abrede gestellt, sondern im Gegenteil recht stark betont wird. Und allein darum ist es schon zweifelhaft, ob England diesen psychologischen Feldzug. diesen Kamps um die indllchc Bauernseele, gewinnen wird. Wir glauben nicht daran. ...
Oberheffen.
Landkreis (tiitRcu.
Z 21 llendorf a. d. Lda., 15. Juli. Die jünaste öffentliche GemeinderatSsihung befaßte sich mit der Beratung deS Voranschlages für 1 9 2 8. Dieser schließt in Einnahme und Ausgabe ab in Der Betriebs-Abteilung , iit 93 240.99 Mk.. in der DerrnöaenSabteilung mit 2472.35 Mk. ES kommen auf Die Rubriken Rcch- nungSrest 294.09 Mk. Einnahme u. 150 Mk. Ausgabe: Güter unD ©runDftüae: 4785.10 Mk Einnahme unD 2686 Mk. Ausgabe: WalDungen 61 111 Mk. Einnahme unD 32 091.50 Mk AuS- gäbe; Jagden. Fischereien, Teiche 3860 Mk. Einnahme; Wasserversorgung 2836 Mk. Einnahme, 2136 Mk AuSgabe: Allgemeine Verwaltung 450 Mark Einnahme, 8760 Ml Ausgabe: Oeffent- liche Sicherheit 2480 Mk. Ausgabe; Oeffentliche Gesundheitspflege ufto. 2000 Mk. Ausgabe; Feuerlöschwesen 70 Mk. Einnahme, 240 Mark Ausgabe: Armenpflege 10.25 Mk. Einnahme, 1000 Mk. AuSgabe; Schulen 1010 Mk. Einnahme, 2300 Mk. Ausgabe; Evangelische Kirche 3750 Mk. Ausgabe; GemeinDefrieDhöfe 31.55 Mk. Einnahme, 731.55 Mk. Ausgabe; Straften 5300 Mk. AuSgabe; Kanäle 300 Mk. Einnahme, 600 Mk. Ausgabe; Landwirtschaftszwecke 60 Mk. Einnahme. 4380 Mk. Ausgabe; Grenzverhältnisse 884 Mk. AuSgabe; Flüsse, Bäche, Gräben 300 Mark Ausgabe; Ruhegehälter, Witwen- und Waisengelder, soziale Fürsorge 3080 Mk. Ausgabe; Steuern. Abgaben 7220 Mk. Ausgabe, Sondersteuern 700 Mk. Einnahme; Anteile an ReichSsteuem 5700 Mk. Einnahme; Reservefonds 4421.94 Mk. Ausgabe; Mobiliarerneuerunas- fonds 50 Mk. Einnahme. 350 Mk. AuSgabe; Kapitalzinsen 80 Mk. Einnahme, 5100 Mk. Ausgabe; (BetneinDeumlagen 8000 Mk. Einnahme, 500 Mk. Ausgabe. Die nicht besonders erwähnten Rubriken bewegten sich in Beträgen unter 300 Mart. Die Ansätze der Bürgermeisterei wurden im graften und ganzen gutgehetften. Zu Rubrik .Straßen" wurde beschlossen, vorerst Die Ennelbachstraße auszubauen unD Die neue Fried- hosstraße fertigzustellen. Auch soll Demnächst Der Errichtung eines Lrtsstaluts bezüglich her AuS- bauung der Kanalisierung Der Ortsstraßen und Erhebung der Kanalgebühren näßergetreten werden.
hinterlassen. Selbstmord oder Unglücksfall? — ES wurde nacfcßaltig darüber gestritten, aber die geordneten LebenS- und Vermögensverhältnisse des Erfinders gaben für einen etwaigen Selbstmord wahrhaftig keine Erklärung.
Ein Opfer des Meeres ist auch die Filmschauspielerin Lucie Blyer geworden, deren Rame heute kaum 'noch geläufig ist. Wer sich noch auf Filme mit Max Lindner entsinnen kann, wird auch seine Gegenspielerin nicht vergessen haben. Im Jahre 1911 war eS. als sich die Künstlerin auf der Reise nach Eleveland befand. An einem Abend noch hatte man recht fröhlich und ausgelassen chren Geburtstag gefeiert, in heiterster Laune war das junge Blut aus der Gesellschaft in die Kabine gegangen. Am andern Morgen wartete man vergeblich auf ihr Erscheinen. Auch hier wurde endlich die Tür zur Kabine gewaltsam geöffnet, auch hier fand sich nicht eine Spur von Der Künstlerin. Feststellen lieft sich nur. Daß Lucy Blyer aufgestanden war und Toilette gemacht hatte; das war aber auch alles. Rie hat sich ermitteln taffen, wie die beliebte Filmschauspielerin ihr Ende gefunden hat.
Daß aber Verbrechen auf See sich hin und wieder auch ereignen, obwohl das nahe Dei- einanderleben Der Personen des Schiffes das Verschwinden eines Menschen sehr schnell auffällig macht, geht aus der Geschichte eines kleinen Dampfers hervor, der in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts den Passagierverkehr zwischen dem südamerikanischen Kontinent und den Teufelsinfeln vermittelte. Hier verschwanden mit grausamer Regelmäßigkeit Personen, ohne daß sich feststellen lassen wollte, wie das möglich war und wohin sie gelangten. Man vermutete angesichts der Regelmäßigkeit und unter Beobachtung Der Tatsache, daß die Verschwundenen immer recht begütert waren, ein Verbrechen und lieft den Dampfer durch einen findigen Detektiv beobachten. So gelang dann endlich die Aufklärung: Ein Teil Der Mannschaft steckte mit Dem Kapitän des Schisses unter einer Decke. Die Derbrecherbande hatte in einer Kabine eine
Planke so eingebaut, Daß sie sich durch einen Druck auf einen Knopf öffnete unD das Opfer in Den Fluten ver f chw inden ließ. Riemand formte so von den zahlreichen Verbrechen etwas merken, immer schien ein Unglück möglich, Da man vorsorglich eine Kabine mit besonDers breitem und tiefliegendem Bullauge gewählt hatte Die unmenschlichen Verbrecher fanden ihr verdiente- Ende, und seit der Zeit ist die Fahrt nach Den TeuselSinseln kein Wagnis mehr.
Aber auch die Hochgebirge erfordern alljährlich eine Reihe von Opfern, deren Verschwinden nur selten aufgeklärt zu werden vermag. Da ist in noch gar nicht so weit zurückliegender Zeit ein Fall bekannt geworden, der großes Aufsehen erregte. Die bekannte Berliner Sängerin Zinaida Jurgewskaja war in die Schweiz gereift. Lange Zeit blieb jede Rachricht von ihr aus. lange Zeit zerbrach man sich den Kops über das Verschwinden der beliebten Künstlerin. Viele Wochen waren vergangen, bis man endlich ihre Leiche im Flußbett der Reich sand. Auch hier begann ein großes Rätselraten über die Möglichkeiten, die den Tod der Frau Jur- gewskaja herbrigeführt hätten, aber wieder blieb es Geheimnis, ob Selbstmord oder Verbrechen vorlag. Ebenso wie das Meer erlebt das Gebirge eine Unzahl von Tragödien hier wie dort walten ewige Geheimnisse über dem Tod der verschollenen Personen.
Unheimlich groß ift die Zahl aller derer, bie alljährlich bei den Behörden a l s „ Der mißt“ gemeldet werden. Gewiß gelingt es, eine ganze Anzahl von Fällen auf natürliche Weise zu erklären. rnttoiß mögen Personen Darunter fein, die ein Interesse an ihrem Verschwinden haben, um an anderem Orte weiterzuleben: dennoch bleibt ein ansehnlicher Rest von Vorgängen, die nicht zu klären sind. Und da die Wenschhe.t nicht gewillt ift, über derartige Geschehnisse ruhig hinwegzugehen waltet die Phantasie und schasst Erklärungen, die wohl selten genug der Wahrheit nahekommen mögen.


