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Nr. 191 Zweiter Blatt
Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Mittwoch, 15. August (928
Oie Tragödie einer Kaiserin.
(£ine Buchbesprechung
3« »eit« wir uni von btt Katastrophe ent» lernen, b* boi Cnbe bei Hauses Romanow bebrütete. um fo mehr wächst die Literatur um bie Personen bet Drama» non 3eloterin«burg. Besonderes Interesie fmbet habet natürlich bie Ver1bnjuf)!cit ber leiten (Zarin Für bie Oe» Ichichlslchreider ist ei vielleicht noch zu früh sich mit bet Holle zu beladen bie Mc Kaiserin Hlcianbra gctoollt ober ungewollt m ben letzten zwei Iaht zehnten ber (Selchichte bei Zarenreichei gespielt har Immerhin wäre ci auch jetzt schon eine bantbare Aufgabe, bie beungftiaenb an- fchwellenbe 2nemoircnliteratur mir sachtunbiget Aonb zu fichten um einmal bie Spreu von hem Dez« zu Icheiben. Dich nach dem bisher per» rhentiutiim Material ein zutreffen bei Bild von ber Periönludkell ber Zarin Alerandra zu machen, »rfcheint fo gut wie unmöglich 3ebei neu er» scheinende Buch ergibt — abgesehen von her fast rege'mast g vorhandenen Tenbenz - eine andere Darstellung von bem (Jbaraflet her 3arm unb hon Gang ber Ereignisse, die endlich 1917 zur Katastrophe geführt haben. Auch bas *3ilb 7t a 1 b u 11 n i. bei sibirischen Wundermanncs. schlltcri noch m allen Farben. Ader bas scheint jedenfalls lestzustehen. hast beide, die Zarin Aleranbra unb bet Starez Rasputin. einen ganz auherorbenllichen Tin Hust aus ben Kaiser Ai» fofaui unb bannt auf bie (beschicke Rußlands vor bem Kriege unb im Weltkriege selber gehabt haben Ti wurden hier kürzlich bie Memoiren der Anno Wtrubowa an^ezeigt, ber intimen Freundin Aleranbras, bie m den letzten Jahren offenbar ali Mitteliperson die Verbindung zwischen dem .sarenpaare und Rasputin aufrecht» erhellten hat Da» jetzt erschienene Buch Wladimir Pollakosis'). hab in feinen ersten Teilen auf Briesen unb Tagebüchern bei Zaren Paares auf» baut, unb dessen Verfasser an schein en b auch Rasputin persönlich nähergetreten ist, gibt eine sehr andere Schilderung dieses mysteriösen Mannes. Aber auch Pvliakoff stellt fest, bah Aasputin vor bem Eintritt Auslands in den Weltkrieg dringend gewarnt hat, weil er aus bem zu erwartenden Ausgang des Krieges den Umsturz unb die Katastrophe des Houses Romanow beuilich vorauchah Aber in den entscheidenden August tagen war Rasputin fern von Petersburg in feiner sibirischen Heimat, sein Sin- nufl am Zarrnhose war ausgeschaltet, Rckolaus unterlag den Einwirkungen ber Grohfürst en Partei unb unterzeichnete ben verhängnisvollen Mobilmachungsbefehl. Das Buch Pvliakofss gibt von ber Ehe bes letzten Zaren eine Darstellung, die In allen wesentlichen Zügen wohl zutrefsen mag. Nikolaus' Heirat mit ber hessischen Prinzessin, Enkelin Königin Viktorias von England, war eine ausgesprochene Neigungsehe. Der Großsürst-Thrvnfolger muhte dne Reihe von Schwierigkeiten überwinden, namentlich auch ben Widerstand seiner klugen unb ber Heirat widerstrebenden Mutter, der Zarin Maria Fevdorowna. Die starke persönliche Zuneigung, bie beide Ehegatten verbunden hatte, blieb die ganzen, mehr alS zwanzig Zähre hindurch biS zur bitteren T odesstunde im Kerker von 3ef ater inen bürg unvermindert. Hnb bei ber weichen Natur des Kaisers Nikolaus war es vielleicht nicht anders möglich, bah mit btt Zeit ber grohe Einstich, ben bie Zarinmutter Maria Fevdvrowna in ben ersten Jahren ber Regierung auf ihren Sohn ausgeübt hatte, immer mehr auf die junge Alerandra überging. Aleranbras, durch bie Heirat notwendig gewordener Hebert ritt zur grie» chisch-vrthodoren Kirche war keineswegs aus rein formal-politifchen Gründen erfolgt, sondern eine tiefinnerste Heberzeugung verband sie von Jahr zu Jahr mehr - wenn wir dem Buche von Posiakoft Glauben schenken dürfen — mit dem mystischen Kultus des Orients. Nur aus dieser, für ihre geistige Entwicklung rnahgebenden Einstellung, ist ihre Auffassung vom absolutistischen
*) Wladimir P ol ia ko f s: Die Tragödie einer Kaiserin Lebensgeschichte der 3arm Alerandra von Rußland. Verlag Z. Bruck- mann. A -G . München Mit acht Bildbeilagen in Leinen gebunden 7,50 Mk. (314).
Verhängnisse.
Vornan nen Liesbek Dill.
Copyright by Marlin Feuchtwanger, Haste (Saale). Nachdruck verboten.
E- ONir nach schwül, obwohl e» beieits buntelte. Line zarte, violette Dämmerung, sanft wie ein Schleier, den jemand leise über eine Stabt breitet, sank herab über die ftiDyeroorbcnen Gassen.
Da» Nollen de» Zuges, der allabenblid) gegen acht Uhr au» der Richtung Lyon in bem kleinen Landstädtchen B. eintraf, unterbrach für einen Augenblick bie lähmenbe unb druckende Stille in ber die Stabt wie versunken lag. Luch auf bem kleinen verödeten Bahnhof war jegliche» Leden wie enterben.
Au» bem Zuge fliegen nur vier Menschen aus. Zwei Soldaten, bie vom Urlaub kamen unb nicht mehr ganz nüchtern warm: sie hatten unterwegs unaufhörlich Lieber gesungen und mit Kameraden, die nach anderen Garnisonen fuhren, Notwein ge- tHinten, sie strebten ihrer Kaserne zu, ein kleiner aller Mann, der sich mit einer schweren Leder- moppe schleppte, unb sorgenvoll unter seinem allen Schlapphut hervor!ab. ein Beamter, ber von einem auswärtigen Termin kam. unb ein Herr, der au» erster Klaise ausstieg und sich nach einem Gepäckträger umzuseben schien, und. da keiner ankam. rasch die Gelcüe überquerte unb den 3kg nach ber etabt einschlug, ohne bie beiden Omnibusse zu benutzen, bie hinter bem Stationsgebäude hielten unb deren Kutscher auf ben Trittbrettern iahen und nutetnanber schwatzten, ohne auf die Reisenden zu achten.
«ie schauten ben beiden betrunkenen Soldaten nach, bie sich untergehakt hatten, unb riefen ihnen alieriei nach, was von ben Betrunkenen gedühvenb cruxbert wurde. Dann bestiegen die beiden Kutt'cher ihre v'tze^inb ratterten mit den leeren Omnibusse» "07 der etahl zurück. Der ältere Vagen trug bie Aufschrift "Ltonb or . S« andere, ..Hotel des Arcades. nut mfchern, gelbem Lack bezogen, sah mit seinen grünen oammetpolftem unb epicqeln im Innern um einen Grad eleganter aus. Dieses der vornehmere Gastho'. aber noch zu neu. um besucht zu sein, im .Lionb'or* stiegen meist
Regime des russischen Zarentums zu versteh«. Ihr unerichütterkuher Glaube an bie besondere Sendung des Zar«, chres Mannes, ber bei 'einer Thronbesteigung, durch ben „Pakt mit bem Himmel zum Selbstherrscher aller Neusten Ik- stimmt, feinen zwilchen sich mb Gott dulden dürfe, bieler G.aube trieb He. die feit ber furchi- baren Krankheit ihres einzigen Sohnes starr und emlam geworden war. tat ben verhängnisvollen Krieasja^r«. nach ben schweren Niederlagen Mr russischen Armeen, ben beherrschenden Emsiuß auf ben Zar« und die N:g erungsgrichäfte. an sich zu reisten Aber die Zarin batte feil langem nicht mehr die Volkstümlichkeit, die m dieser Zeit notwendig gewesen wäre, bae russische Doll zum Ausharren zu bewegen Die bei<crte- aebrängte Grostlürvenpartei rächte 'ich durch die Ermordung RafputinS das Kriegsglück Hieb auch unter bem Oberbefehl des Zaren den ru".schen Heer« fern, Hunger unb Korruption lasteten
auf bem N efenreich. und die Zarin in ihrer ob« schon skizzierten mystischen Auffassung von der Aufgabe des Selbstherrschers war naiur- gemäst bie letzte, durch liberale Zugestär dnisie und Reform« bem innerpo!irischen Druck nachzugeben. So kam es beim zur Revolution Keren» sfis und später zur Herricha't der Bolschewiken. Die furchtbaren Dlonate. bie die Zarenfann ie m der Gefangenschaft ber Revolutionäre zubringen mustte. bis die Revolverichutte «imenschter lettischer Henkersknechte fie erlösten «etaten die Zarin Alerandra in btt ganzen Helden hast« Gröste. der ihr starker, geschloßener, wenn auch ganz einseitiger Eharakter iahlg war — Wir will« nicht, wie weit da« Bild, da- das Buch Polia- kofls von ber letzten Zarin zeichnet, in all« einzelnen Zügen zutriftt. Aber es schemt doch zumindest ein austervrd«tlich wertvolles Dokument für bie Geschichte ber letzt« Zarin unb ihrer menschlich« unb politisch« Tragödie zu fein.
Quer durch Albanien.
3m albanischen Rom. - Kreuz und Schwert. - Oie Volksbildung. - Oie freien Bewohner der Berge.
Don unterem I. d>' -Berichterstatter">.
Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verholens
S k u t a r i, 3uü 1828.
Dor ber Hnahhänglgkeitserkiärung Albaniens war Skutari (auf albanisch Schkadra. unb auf serbisch Skabre) ber Wohnsitz dos türkischen Genera l-GouverneurS «des Wall) unb hatte eine beträchtliche wirtschaftliche Bedeutung Infolge des Ballankrieges unb be« Weltkrieges hat Skutari beinahe sein gesamtes Hinterland verloren, da ein groster Teil Albaniens, das ganze Dilajet Äoflottw, an Jugoslawien abgetreten werben muhte. Ein Gebiet, beff« au«- schließlich albanische Bevölkerung früher in ber Hauptsache über unb mit Skutari Hanbel getrieben hatte Nun. nach bem wirtschaftlichen Ruin Skutari« ist e« naturgemäß auch kein po- lltische« ober Verwaltungszentrum mehr Seine Bevöllerung. bie vor bem Balkankriege auf über 30 000 geschätzt wurde, ist stark zurückgegangen und wird z. Z. nur noch auf 22 000 bis 24 000 Seelen geschäht
Die Türken haben bem freien Albanien in Skutari zahlreiche Kasernen hinterlassen, die jedoch während des großen Krieges mehrfach in Brand gerieten, unb ein wundervolle« b reift Mi» ?e« Gebäude, in dem früher die Verwaltung sah. In diesem Gebäude, in dem man alle Ministerien Albanien« hätte unterbringen können, befindet sich jetzt bie Präsektur. und es ist daher fein Wunder, bah man bort heute mehr 3 immer al« Beamte borfinbet. Obwohl Skutari in der Hauptsache von katholischen Albanesen bewohnt ist, bietet bie Stadt — eS gibt nur eine Straße, bie europäisch aussieht — ein« gänzlich asiatischen Anblick. Die Straßen sind eine ununterbrochene Folge hoher Mauern, hinter denen sich die Häuser verbergen. Dabei trag« in Skutari die Männer, und zwar nicht nur die junaen, heute noch ihre pittoresk« Nattvnal- kostüme mit den breiten Gold- und Silberstickereien. Auch die Äoftüme ber Frau«, beten Wert durch schwere goldene Ketten vermehrt wird, stellen ein Heine« Vermög« bar.
Denn Skutari auch seine alte wirtschaftliche unb politische Bedeutung verloren hat. so ist es doch der religiöse Mittelpunkt der la- kholisch« Bevöllerung Albanien« geblieb«, die ja immer noch eine gewisse Bedeutung behalt« hat. besonder« wenn man berücksichtigt. daß die katholisch« Bewohner der Berge nicht nur ber kultivierteste, sondern auch der unabhängigste und stolzeste Teil der albanischen Bevölkerung sind. Nord-Albanien, da« fast ausschließlich von katholischen Meridit« uckd Malissoren bewohnt wird, die sehr fromm sind und ihrer Priesterschaft blind gehorch«, gliedert sich in fünf Bistümer unb zwei Erzbistümer, die von Durazzo
e) Dgl. Nr 176 be« ..G. QL“ vom 28. Juli, und Nr. 181 vom 3. August
unb Skutari Der Erzbischof von Skutari hat ben ältesten Bischofssitz unb ist der Reichste unter seinen StandeSgenosfcn. Er ailt daher auch als der eigentliche Ehef der katholisch« Kirche in Albani«.
Man muß der katholisch« Geistlichkeit in Albani« Gerechtigkeit widerfahren lassen. Sie hat nicht nur viel für die Unabhängigkeit Albanien« getan, sondern auch viel für die Volksbildung. Wenn Albani« 1913 seine Unabhängigkeit erklärte, unb wenn e« imstande war, diese 1921 zurückzugewinnen, so war bie« zum großen Teil dem Einfluß und ber Prova- ganba ber katholischen Geistlichkeit zu verdanken. Die durchweg albanischer Abstammung ist. AIS feurige Patrioten befolgen die katholischen Priester Die Regeln ihre« Ordensbegründers sie sind meist Franziskaner — sie sind ebenso arm, wie eS der heilige Franz von Assisi war Qlber was die Verteidigung ihreS Vaterlandes an» betrifft, so sind sie eher mit den Templern zu vergleichen, beim oft genug haben sie zur Zeit der Herrschaft QkncbigS unb der Xürfen selbst zu ben Waffen gegriffen unb sinb an ben Spitze ihrer Pfarrkinder in ben Kamps gezogen. Die katholische Geistlichkeit lebt babei wie bie 'Bevölkerung, teilt also mit ihnen Freud unb Leid Daher haben sie cb«fo wie die Führer der Elan«, ber BairaktarS, ein« groß« Einfluß, ber praktisch unter d« Dergstämm« unbegrenzt ist. 3a, man kann sag«, daß ihr Einfluß immer unter all« Umstand« größer ist. al« ber Einfluß ber Regierung in Tirana.
Die katholische Geistlichkeit hak überdies zahlreiche Volksschulen geschaffen, und zwar für bie Kinder beider Geschlechter, sowie ein Seminar, ein Gymnasium unb eine Handelsschule in Skutari, wie auch ein« Kindergarten für 400 Kinder! Die Lehrer in all« katholisch« Schul« sind italienische Jesuiten, die aber die albanische Sprache ausgezeichnet beherrsch« und gewiegte Pädagog« sind. Der Erzbischof, der in Skutari ein« groß« Palast bewohnt. besitzt eine prachtvolle Bibliothek, in der Bände enthalt« sind, die noch au« der Zeit der v«ezianisch« Herrschaft stamm«. Die Schu- 1« unb die katholisch« Einrichtungen werd« au« Stiftung« ber Bevölkerung unb au« Unterstützung« ber öongregatio Propaganda Fidel unb solch« ber : taIien ischen Regierung unterhalten. Die itali«ischen UnterstützungSgel- ber sinb an die Stelle der früher« allerdings größer« Subsidien der Oesterreicher aetreten. Der Erzbischof von Skutari. der mich sehr freundlich aufnahm, schi« von ber gegenwärtig« Regierung nicht sehr viel zu halt« Er sagte mir, bah bie Regierung Mc Absicht habe, alle katholischen Schul« der Geistlichkeit zu nehmen unb Lai« gnzuvertrauen. Man kann über Me Konfessionsschule verschieben« Ansicht
Reifende ab. (Fr hatte, obwohl er etwa» veraltet umt, feinen guten Ruf und fein Stammpublikum befonder» an Markttagen, wenn die Reis«den unb Viehhändler ankamen. Von diesem letzt« Abendzug fuhren die beiden Omnibusie meist leer zurück, wie auch heute. Selten kam bann noch ein -stachzuglcr.
Unterwegs holten die Kutscher den kleinen Mann mit der Aktenmappe ein. Der Kutscher be» „Lion b or* lub ihn ein, aus seinem Bock Platz zu neh- men. inbem er bie Peitsche senkte, aber ber kleine Mann nickte bekümmert unb dankte, (fr war ein alter Bureauoorfteher eine» Advokaten, der aus dem Dienst entlaßen war und mit dieser Nachricht belastet, vor feine vielköpfige Familie treten sollte, und bem biefe fo im Kopse berumpmg, bah er weder auf die Menschen, noch etwas anderes achtete, fände« tiefgebeugt unb mit feinen Sorg« beschäftigt burch die abenbstillen Straßen trottete, inbem er bicht an ben Häusern auf bem schmal« Bürgersteig weiterschritl.
Den anher« Herrn hollen beide Wagen nicht mehr ein. (fr mußte wohl seitwärts in eine der engen, dunklen Gasi« eingebog« fein, bie von ber Dahnhofsstraße strahlenförmig nach bem ZeMrum der Stadt führten, wo die Hotel» und die Kache- brale lagen.
Den,- Bahnhof gegenüber strahlten bie Fenster eines Soldatencafs» weithin. Das Cas« war ganz leer, man sah bie Kellnerin hinter bem Schenktlsch tttzcn. bic etwas nähte. Alle Fenster unb Türen standen weit offen, der Hitze wegen, bie noch in den engen Gaff« lagerte. Kein Winbstoß ging, unb kein Lüstchen wehte. Alles war schwer, schwül, brückend und still .. .
Nirgendwo brannte ein Licht. In d« Häusern schien man bereits zu schlafen, die Läden waren berabgelafien, auch hinter ihren Nitz« sah man ^e*n~ Fernand faß vor der Tür, wie oft sonst an Sommerabenden, nur ein paar Ragen schlichen lautlos, auf Beute gehend, bicht an den Häufe« entlang. In ben «gen Winkeln ber Gasi« lagerte bereits tiefe Dunkelheit, unb ber Mond, ber eigentlich fällig war, hielt sich hinter Wollen verborg«.
Matt glänzte das blaue Schieferdach der alten Kathedrale, die bie Stabt überragte; eine Uhr schlug langsam rafielnb achtmal, eine anbere wiederholte es irgendwo in der Ferne. Die Schritte ber Sol boten waren verhallt, die »oferne, die links hinter
dem Bahnhof lag, hatte fie ausgenommen, unb der kleine Herr mit ber Mapve war in einem ber ersten Hauser einer engen, büfteren Gasse verschwunden.
Die Geschäfte hatten ihre Türen geschlossen, der runde Marktplatz, der sich noch einer Seite schräg lenkte, lag in tiefer Ruhe da. Nur im „Üionbor“ brannte im unteren Stock noch Licht, unb man sah hinter den Gardinen eine Familie um ben runden Eßtisch fitzen, die eben ihre Abendmahlzeit einnahm.
Die Suppe wurde von einer alten Wirtschafterin mit Mullhaube aufgetragen. Obenan saß eine stattliche ältere Dame, eine würdige Matrone im schwarzen Seidenkleid und mit blitzend« Ohrringen, die mit ihrem Sohne, einem großen, stattlichen. blonden Mann von ungefähr funfunddrcißig Jahren^ sprach. (Eine dunkle, anmutige, brünette junge Frau von unbestimmbarem Aller gab ihren beiden Söhnen die Suppe auf.
«Zch- hatte mir gleich gedacht, daß .er nicht kommt", sagte die alte Dame. „Er ist immer pünki sich und 'ährt mit Exvreßzüg«. Wir hätten gar nicht _mit dem Esten aus ihn warten sollen. Nun ist der Fisch zerfallen, unb bas Filet verträgt auch das Herdfeuer nicht so lange.*
„Immerhin, wir hab« da» unfrige getan*, sagte ber Sohn, und begann die Suppe zu elfen, eine Fleischbrühe mit geröstetem Brot unb vielen grünen Kräutern. Der „Uion d ar* war bekannt wegen ieiner ausgezeichnet« Küche. Madame Gontarb führte bas Geschäft, feit fie Witwe war, unb. nachdem ihr einziger Sohn Tharies geheiratet hatte, nxir sie es, bie hier das Regiment sichrte, nicht bie jungt Frau Obettc.
Diese beschäftigte sich mit ben Kinbern. einem neunjährigen Zwillingspaar, benen fie bie Ser- oietten oorbanb unb das Fleisch schnitt. Zuwell« hob sie die Lug«, ein paar zerstreute, sehr Helle blaue Hupen mit dunklen Wimpern, die in die Herne zu >eh« schienen. Sie schaute über ben stillen Marktplatz, auf dem sich kein Menich zeigte, unb senkte den Blick dann tvieder auf ihr« Teller, von dem sie wie in Gedanken etwas mit ber Gabel nahm, ohne zu sehen, was es war.
Mutter und Sohn sprach« von einer Hypothek, bie ihnen gestern zuruckgezahlt war, unb über bic Neuanlage dieses Gelbes. Die Mutter machte die Vorschläge, ber «ohn, ber dem Filet und den salz-
•ein. aber fo. tv e Ne Dinge hegen wurde diese Umwandlung der fatfooiddb« Schul« In Albani« ihrer Unterdrückung gleichrvinmen. Sie würden verschwind«, da b:e albanische Regierung keine Lehrerschaft bat. die zum Sr- lan der katholisch« Lehrer und der 3efult«- patres ausveich.e
3m allgemein« lasten d.e Beziehungen zwilchen d:r Regierung AchZned 3ogu» und der kathv- lifwen Geilinchke.t zu wünschen übrig. Die Geistlichkeit hat einen harten Kampf gegen d>c Zivilehe und die Z i v i l s che i d u n g getübrt. die durch ein Londergesitz im letzt« öabre e ingesührt wurde. Man muß zwar ai.er- fenn«. daß in Albanien einem Lande, in dem cs drei verlchiedene Religionen gibt bic Einführung der Zivilehe und der ZisilschZdung vom Standpunkt der Staatsraison au» eine kluge Maßnahme toar obwohl naturgemäß auch der IDiber- stand der katholischen und ortbobocen Geistlichkeit gegen bte*e Maßnahme verständlich ist Weniger flug beflog« ist die Weigerung der Regierung Achmed Zogus. mit dem Papst et r Konkordat ab- zufchlleßen. was zur Folge bat. daß der Gelandte des Papstes in Tirana d« heilig« Stuhl nicht offiziell bei der Regierung vertritt.
Trotzdcm sind äußerlich bie Beziehungen zwischen dem Erzbischof von Skutari und der Regie- nma von Tirana lehr korrekt, da selbst Achmed öngu bicoffene Kriegserslärung an die katholische Geistlichkeit nicht wag« kann. <rr weiß febr wohl, wie er den Einfluß der Geistlichkeit unter den Söhnen der Berge einzuschätzen hat. und die Berg- löbnc zu reizen, die ja in Wirklichkeit völlig unabhängig sind, ist ein gefährliches Ding. Selbst die türkische Regierung zog cs vor, diese Stämme in Ruhe zu lassen und ließ sie so leb«, wie sie es wollten. Denn selbst Im Sommer ist eS schwierig, die in den weglosen Bergen verlorenen Dörfer d.eser Leute auszuslnden 3n den sechs Wintermonaten b?3 Jahres aber ist es ganz unmöglich, die Schlupfwinkel der Meridilen und Malissoren auszuspür«. Heberdies sind bie albanischen Bergbewohner äußerst kriegerisch, schieß« ausgezeichnet, sind gut bewafmet und kenn« alle Schleichwege ihrer Berge. Sine militärische Erpedition gegen die Bergbewohner wäre daher, wenn sie nicht von einer Ubr großen Armee unternommen wird, die auch Berggeschütze zur Verfügung hat. von vornherein zum Schellern verurteilt. Zeder anderen Expedition würde es so geh«, wie den Türk« und der Regierung Achmed Zogus 1926. die damit zufrieden fein mußten, die Bergbewohner in die Berge zurück- getrieben zu haben, ohne die Möglichkeit zu besitz«, sie zu verfolg«.
Darum zieht die Regierung in tinma es vor, mit den Bergstämmen zu verhandeHn, anstatt ihnen d« Krieg zu erflären. Achmed Zogu hat eS verstand«, die erblichen EhesS der Stämme, die DairaklarS, zu gewinn«, den« die Meredit« und Malisiov« blind gchorchem Jeder Dairaktar erhält von der Regierung eine gewisse Anzahl Napoleon», die etwa seiiunn Einfluß und der Stärke seines Wes«» entspricht. Es gibt Dai- raktar». die bis zu 500 Napoleons (8000 Mark) im Monat erhalt«! Natürlich zahlt der Bai- raktar auch seinerseits monatlich an die Einflußreichst« seines Elans 1 bis 2 Napoleons So wird die Ruhe und die Sicherheit im Derglande Nord-Albaniens aufrechter Hal ten, und so erhält sich auch wenigstens nach auß« hin die Wacht Achmed Zogus.
So sieg« die Dinge in diesem Teil Albani«-, dem einzig« Teil Europa-, wo sich noch ein romantisches Herrentum erhallen hat und wo man noch Zustande beobacht« kann, die im übrigen Europa längst zur Geschichte oder Leg«de ge- worben sind.
Talen für TonnerStag, 16. Ausiust.
Sonnenaufgang 4.46 Uhr, Sonnenuntergang 19.21 Uhr. — Mondaufgang 5.19 Uhr, Monduntergang 20.16 Uhr.
1717: Sieg de» Prinzen (Eugen üb« die Türken bei Beigrab; — 1795: ber Komponist Heinrich Marfchner in Zittau geboren (gestorben 1861); — 1870: beutscher Sieg bei Dionotlle-Mar» la Tour. — 1919: ber russische Diplomat Alexanber Petrowitsch von Iswolsky in Paris gestorben (geboren 1856).
bestreuten Pommf bnrte ihr zu,
währenb bie junge Frau den Salat «machte mit ihr« gepflegten weißen Händen, denen man anfah, daß fie keine grobe Arbeit taten.
..Es ist nicht gut, jetzt Gelb balieg« zu haben*, sagte bie alte Samt. ..E» ist nur eine Sorge mehr, aber in Hauser möchte ich es nicht mehr stecken. Du siehst ja, wa» dein Freund Supon für eine Mühe hat, sein Hau» loszuwerden. Niemand will jetzt Hauser, von ben« man nur Lost« hat und Kost«.. .*
..Das ist richtig, Mama, aber sie sind immerhin noch da» Sicherste .. .*
.Vch bin für Ackerland*, sagte die Mutter.
„Ach, davon hat man so wenig ... da» bißchen Pacht Unb bann zahlen sie immer nicht Wenn wir es in Onbuftriepapieren anlegten, hätte man wenigstens Zinsen. Sie Börse steht jetzt wieder fest.*
„Ja, du mußt immer spekulier«, bu bist wohl von der Longeoille angesteckt*, sagte bie alte Dame, indem sie bem Salat noch etwas Essig beifügte. .Er hätte boch wenigstens telegraphier« können, bein txreunb. Zu meiner Zeit war es üblich, sich zu entschulbig«, wenn man nicht kam.*
-.Aber Mama, e» war ja überhaupt ganz unbestimmt, wann er kommen würbe*, wandte bie junge Frau ein. Sie schob bic Schüße! mit ben Pommes Irites ihrem Manne hin.
„3br wißt boch, wie er ist. Er hat sicher in Lyon Station gemacht. Hier hat er nur Aergerliches, wenn er kommt.*
"3a. so ein Haus ... wäre er’» nur erst los!" fegte ibr Mann.
Sie Wirtschafterin brachte ben Kaffee unb das Obst und deckte das übrige ab.
»3st ber Herr Ccpitaine wirklich nicht gekom- men?* fragte fie, während fie das Geschirr auf das Teebrett lub.
' .Das sehen Sie ja. Artemis", sagte bie alte Same, „nun haben wir bas schöne Siner umsonst gemacht."
„Unb bas Bett in der Fremdenstube?"
..Das lasten Sie nur. Wenigstens bis morgen, Artemis. Dielleicht kommt er noch", sagte Eharies, und schälte sich eine Birne.
Der Lion d'or* war ein zweistöckiges Haus, das an der Seite in eine schmale Gaste syh, die sich


