Dienstag. 15. Mai (928
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)
Itr.U4 Zweites Blatt
Ein Rundgang durch die Kölner pressa
der
Mer
eiet
für die geistige, technische, wirtschaftliche, kultu
vievicle Menschen laqau». tagccn. Nacht für
-
öbaÄ'
halte hror.
i Artikel nach per Meter.
b In DEfl. IUS- auf DtP tat ®L 670
verkauft. Eine hon am Saras« tel nicht mehr Ich erneut
Bon der Arche Noah zur Notationsmaschine. Die kulturhistorische Abteilung
Di
bei
bim- äDlb alb. itobl Lir, 311.) Ihr.
lei loche da,
etei« uns dop
So also steht eS mit der Zeitung. Aber wie ist es mit dein ZeitungSlcser. dem ZeitungSkäu.er. dem Zeitungsabonnenten bestellt? Er weist von nicht-. Er weist nicht, wie alt die Zeitung (im heutigen Sinne1 ist. wie sie entstand, sich entwickelte und vervollkommnete. Das soll ihm auf der Pressa gezeigt werden.
Er weist auch nicht, wie der technische Totgang zu verstehen ist. wie der Herstellungsprozeh, in grosten Zügen wenigstens, verläuft. Er soll den Weg kennen lernen vom Papierballen zur fertigen Tage< o usgabe: den Weg der Meldung. deS Berichtes vom Schauplatz, vom Tatort über öte Redaktion zur Setzerei, zur Stereotypie. zur Rotation und zur Erpedition. Er soll die Technik begreifen, vielleicht sogar bewundern lernen, die da- alles zustandrbringt.
Der Durchschnittsmensch weist aber auch ge- meinhin nichts von der geistigen Leistung, die hinter der fertigen Zeitung steht. Bon der Arbeit des Berlegers. der Redakteure. Reporter. Korrespondenten. Photographen. Drucker. Reproduktionstechniker und anderer unbekannter und meist namenloser Zeitgenossen, die Tag für Tag und Rächt für Rächt an der Zeitung mitschaffen.
Der Laie hegt, wenn überhaupt, die wunderlichsten Ansichten über das Wesen eine« Redakteurs und seiner Beschäftigung, und stellt die kindlichsten und seltsamsten Fragen, wenn schon einmal das Gespräch daraus kommt. Z. B.: wie eS kommt, dah immer .alles hineingeht" in das Blatt, dast der Stoff gerade da aufhSrt, wo die Seite zu Ende ist. (Dies ist Vas Geringste und gehört zum Teil in die technische Gruppe: s. o.) Aber weiter: wo kommt das Material immer her? Passiert denn jeden Tag immer gleich viel? Schneiden Sie das alles aus anderen Zeitungen aus? Wer schreibt den Leitartikel sür Sie? Ist das auch alles wahr, was Sie bringen? Mach das sein, dast Sie die Kritik nachts machen? Was bekommen Sie denn für so «inen Artikel? Wer ist dran schuld, dast ein Druckfehler nacht beseitigt wird? Und so weiter und so weiter.
Alle diese Fragen sollen, loweit etz überhaupt
lat- Ubr- »a* Sonn' lfBlot
werb, ladwtniäh • u. preiswert je itimmt u- repor
WiiWl teleobon 2W
Aikiilabr.Slö» il parmonlnm»
PMW M l i.
relle Bedeutung bet Tageszeitung und aller, die daran mitarbeiten und sie Herstellen.
ÄS'
rat»!.
nicht gcmrel werden" vom Qinerki der 3n- tellcgen.zdlätter um Ito? Grosse zusammen- büngende Epochen werden cm Spiegel zeitaenbs- icscher Presse uberschanvar: tojabriger Krieg.
M' rtOSfr
W mit* len- L l*flr- ?. 000 5
Wifi'
Der (Sinn der Ausstellung.
Köln. 13. Mai.
Dir haben gestern schon im Dorbericht an- •ebrutet, dast es unmöglich sei. tn etner Schilde- £na der grosten Preste-Ausstellung m.t dem Streben nach möglichster Botlstand-.gki.it alk6 tmb jedes aus-uz ch'.en was einem aus dei> Wanderungen durch die weitverzwctgte Mcf estadt unter die Augen kommt. Ss ist u?mogUaus dem eins ach. n Lästeren Grunde well dre Ausstellung zur Stunde, wo diese Zrtlen geschrieben werden, noch nicht fertig ist. und weil tmr "icht alles sehen konnten, was es zu 'ehen gibt. Um «alles zu sehen alles einzelne wirklich emgehend und im Zusammenhang zu erfassen brauchte man viele Tage, vielleicht sogar mehrere Wochen. Aber selbst wenn wir alle- gesehen und in unS ausgenommen und verarbeitet hätten wurden wir es nicht für erstrebenswert halten, ben Leser durch eine Aufzählung von Gegenständen und Ginrichtungen zu ermüden, von denen er fid> al« ßaic und ohne eigenen Augenschein zum rmn- Pcften nur ein unvollkommenes Bild machen
Pressa in der' umgebautcn Räumen der ehemaligen Deutzer Kurassierkafern: untergebracht veranschaulicht den historischen Werdegang der 3d- tung, die Entstehung und Bervollkommnung des Rachrichtenwesens. Sie beginnt sozusagen in mythischer Zeit, mit der Sünd lut Die erste Zeitung war. wenn man es recht verstehen will, der Oclzweig .den Roahs Taube im Schnabel führte. Aber auch tonst ist. wenn wir einmal von der ältesten Zeitung der Welt, dem chineli- fchrn Staatsorgan .Ping-Pao' ableben wollen, mancherlei zu zeigen, was als Keimzelle und Borstufe heutigen Pressewe en» anzu prechenwäre.
Bor allem die prtmittven Rachrichtenmittel der frühen unb fremden Kulturen, Histiäus schrieb z. D. wie man im Bilde lieht, seine Rackrichten auf den glattrasierten Kops eines Sklaven: Ovid gibt den trefflichen Rat. geheime Liebesbriefe der Magd auf den Rücken zu malen. Ebenso originell wie umständlich. Aber natürlich fällt uns der berühmte Läufer mit der Siegesmeldung von Marathon ein. und die alt- kretitchen und pompeianischen Mauereinfchriften fehlen mit Recht ebensowenig wie die Signalhörner und Trommelnachrichten der Reger, die Feuerzeichen Rollenstäbe. 6taffetten und Holz- fignalc früherer Zeiten, wie fie bei Azteken. Australiern, Indianern und Griechen im Gebrauch waren.
Don diesen frühesten Anfängen versolgi man. chronologisch aufsteigend, den Weg der Rachrichtenübermittlung durch die Jahrhunderte: alles ist in Bildern. Figuren, finnfälligen und überschaubaren Statistiken im Raume oder als Wandfries angeordnet, in Bitrinen zur Schau gestellt. Richts ist hier trocken und ledern, alles lebendig, eindringlich, für den Laien berechnet, mit vielseitigen politischen, kulturhistorischen und literarischen Anspielungen. Ausblicken und lchr- rei<ben Parallelen. Mit der Zeitung, in Bild und Wort, wird zugleich die Zeit, der sie entstammt, in all ihren geistigen, sozialen, historischen Bindungen wieder lebendig. Wenn plötzlich irgendwoher, fast unheimlich, eine tiefe schöne Männerstimme zu fingen anhebt, in einer ein- fad?ca und fremdartigen Melodie die Kampfweise Walthers von der Bogelweide erklingt. ..Ich hört ein Wasser rauschen".... und man erblickt zugleich rings an den Wänden die monumental stilisierten, ernsten Gestalten eines Ribelungen- frieses, dann hat man das unbestimmte, dennoch eindringliche Gefühl, dem deutschen Mittelalter auf ein paar Herzschläge nah« zu fein.
Man brauchte viel« Stunden, um allein diese Abteilung eingehend und so. wie sie es verdient, zu würdigen. Man schaut auf einen Jahrmarkt mit Bänkelsängern. Guckkästen und Zeitungskrämern. Man sieht die volkstümliche Publizistik des 16. und 17. Jahrhunderts in ..Fliegenden Blättern". Einblattdrucken. Kampfschriften. Man sieht die Schätze des GutenbergmuseumS in Mainz, man hört fernher das monotone Stampfen einer Papiermühle von gewaltigen AuSmahen. Man kann die Entwicklung des PostwesenS und der Eisenbahn überschauen. In Reproduktionen, Karten und Modellen bekommt man ein Bild vom Wesen der ..Moralischen Wochenschriften" der vorklafsischen Zeit — an die Wand geschrieben die kluge, weitschauende Order des grosten Friedrich: ..Spazetten müfsen
„König der Könige".
Lichtspielhaus Vahnliosstratzc.
Der amerikanifche Chriftusfilm. der zur Zeit im Lichtspielhaus in der Dahnhosstraste zu sehen ist. wurde nuhrfad) in so überschwänglichen Worten gelobt, dast man auf eine ganz austergewohnliche Stiftung gefasst sein durste. Wir müssen gestehen, dast wir uns diesen Lobeserhebungen nicht oder doch nur sehr bedingt anzufchlieben vermögen: es scheint uns. als ob man diesen jilm, möglicher» mei e unter der Suggeftinoorftcllung, dast alles was von drüben kommt, ersten Ranges sein müsse, in seiner künstlerischen Bedeutung einigermaßen überschätzt. Das Austerordentliche, das ihm nachzurnh- men wäre, befiehl zunächst einmal in den grast» zügigen Abmessungen des in IS Akte gegliederten, zweiteiligen Werkes. Sodann in gewissen techni» schen Reinheiten, die ohne Zweifel einen Fort» kbntt und eine bedeutende fllmische Leistung bar» stellen einige Abschnitte des umfänglichen Streifen* sind, was wir bisher nur bei ..Ben hur' ge» ftben haben, koloriert und in der farbigen Wieder» gäbe (wie auch in den übrigen Abschnitten) technisch einwandfrei behandelt. Diese technische -au- berteit und eine gute, flüssige Regie, die über einen bedeutenden Ausftattungsauswand verfugt, sind un- seres Erachtens die wesentlichsten und bemerkens» werten Vorzüge des Films Jtönig her Könige . Allerdings muh man dabei billigerweise feftftellen. dast es eine ganze Reihe groster deutscher Filme gibt, die regiemästig und technisch dem ...Honig der Könige" — wenn man etwa von der gelungenen Kolorierung absehen will — durchaus ebenbürtig an di« Seite zu stellen sind. Hingegen vermögen wir die eigenschöpferische Leistung der Hersteller dieses Films nicht eben hoch einzuschätzen. Die 18 Akte — ein Film vom Leben, Wirken und Leiden Christi — stellen im großen und ganzen nur eine (mit geschickter Auswahl vorgenommene) Illustrierung des Sehens Jesu bar, wie es in den verschiedenen Fassungen des Reuen Testamentes ausgezeichnet ist. unter Zugrundelegung und ausdrücklicher Anlehnung an die wahlbekannte lieber- lieferung. Es must selbstverständlich dem Empfinden jedes Einzelnen überlassen bleiben, _ ob ihm eine solche Diiberreihe mit unterlegtem ^christtext notwendig oder erstrebenswert erscheint. Dir haben den Eindruck, daß man, nachdem man sich einmal zur Verfilmung des an sich hierzu aus oer» ((Siebenen Gründen wenig geeigneten Stoffes entschlossen hatte, im allgemeinen mit Geschmack an den Stoff herangegangen ift Vorzüglich im ersten Hauptteil. Auch hat man aus der Fülle der lieber; fieferung vorwiegend solch« Motiv« b«rausgegriffen.
franzölilche Revolution, bi« Rest au ra tionszeil. die 1Scr Jahre bi« A«ra Bismarcks. Wir stehen .'.n der Schwelle des 20. Jahrhunderts 5Ycr 'chlleht sich l.nngemäft bi« Kernausstellung der Presta an. in der Haupthalle: die moderne Tageszeitung, das Rachrichtenwesen um 1928
Lebendige Statistik.
Zuvor lohnt es sich aber, in ben Oberst ml hinaufzusteigen. wo die wissenschaftlich- ft a t i ft 114) c Abteilung untergebracht ift. und wo es übrigens durchaus nicht Io langweilig und trocken zugeht, tote vielleicht einer zuerst i^ermuten könnte. Rein, hier werden, zwar mit sachlichem Ernst, der der Bedeutung des Ausstellungsobjektes zukommt, doch mit lebendigem Zugriff, anschaulich, übersichtlich, unmifv» verständlich oft in humorvoller Form, allerlei wichtige verfängliche und nachdenkliche Fragen gestellt und prompt beantwort.
Grundfragen: Wie verteilt sich bet Stoff einer Zeitung? Wie verhält sich der redaktionelle Teil zum Inseratenteil? Wie gliedert ftd) der allgemeine der polittsche. der wirtschaftliche Teil eines Blattes? — Spezialfragen: Wieviel Familienanzeigen entfallen auf 1000 Einwohner einer grosten Stadt? Wieviel ^Gsterherzeius- wünichc gab eS beifpielsweife in Köln? Woratis tourb? der Rachdruck gelegt? Innere, äustcre Eigenschaften? Einheirat. Häuslichkeit, gesicherte Portion, tadellose Dergangenheit. helleres Gemüt? Das zu wissen, ift soziologisch von aroher Tcbcutung Man lieht das ..Grundbuch der Zeitung", die Rormalzeitung. di« auS dem Durch- Ichnitt genau ..berechnet" werden könnte. — Zur Illustrierung des Handelsteils ist etwa der gaiye . 'chwarze Freitag" ausgestellt, wie er seinen Riederlckstag in der deutschen Presse fand, oder die Bör'enberichte im Bild, in ihrer Bedeutung und in ihren Folgeerscheinungen an die Wand gemalt.
Was es sonst noch hier oben gibt? 3n aller Kürze und Auswahl: ein? wundervolle Sammlung ..Europäische Buchkunst", ein paar Wände voll glänzender. äusserst Kes sendet und überaus unverschämter Karikaturen von Literaten, Kritikern. Redakteuren und Dichtern, von Thomas Mann bis Ringelnah. von Arno Holz bis Pirandello. von Alfred Kert bis Meier- Gräf«. Fabelhaft.
Dann die Sonderausstellungen der Retchs- vegierung und Reichs Verwaltung, die Gruppen „Frau und Presse". ..Akademiker und Presse". Und Plakat?. Aufrufe. Haftbefehle, örtrablältcr, Kriegsberichte. . r
Eine Ehronik von betäubender Bielfalt und verwirrender Buntheit. Gehen wir weiter.
Oie presse als geistige Macht.
Der Grundstock, das Kernstück, die Hauptschau der Pressa. befahl sich mit der modernen Tageszeitung und dem modernen Rach- ri<f>tontecfen. Hier wird der Weg beschlofsen. Der drüben, im kulturhistorischen Museum, mit bet Taube NoahS. der Regertrommel und dem Marathonläufer begann. Hier sollen die vielem Fragen beantwortet werden, von denen wir einige aufzählten. Hier soll die Zeitung in ihrem Wesen popularisiert werden. Der Laie soll sie kennen und verstehen und würdigen lernen. Das geistige Gesicht der Presse soll gezeigt werden. Deshalb hat «S dieser wichtigst« Teil
Williger scheint uns der Derfuch zu sein in Kürze auseinanderzusetzen. was die Ausstellung eigentlich darstellt. waS l'e^aentotll und wofür sie BerstandmS zu wecken versucht Man geht dabei am zweckmässigsten von einer Tatsache a^dte verblüffend klingt. aber kaum bestellten werden kann: dast nämlich, kurz gesagt, der Lace. auch der gebUbele, im allgemctnen vom Welen Der Tn-re von ihren wirtschaftlichen DorauSsehungon. von ihrer aciftuen und technischen ßetftunq. keine Llhaung bat. Dies ist um so bemerkenswerter .als c« raum ein Ding, eine Erscheinung, eine Ware gibt, welche so innig und untrennbar mit dem Öffentlichen 2t ben nicht nur. sondern auch mit dem Leben jedes einzelnen verbunden ist. Sin moderner Mensch ohne Zeitung ist undenkbar, auf die Dauer unmöglich. Die Zeitung ist eine Rotwendigkeit und eine Selbstverständlichkeit. Sie begleitet den Menschen von der Geburt bis zum Tod. von der Wiege bis zur Bahre, sie ist stets für ihn da. Sie ist so billig, dast ieber. ob reich oder arm. sie kaufen kann, der industrielle wie der Arbeiter, der Generaldirektor wie feine letzte rippmamfelt oder der Lehrbub. Wenn du dich verlobst, erheiratest, trauen lästt: die Zeitung! Wenn da ein Klavier kaufen, alte Kleider verhökern. französische Stunden nehmen. Gesangsunterricht erteilen willst: die Zeitung! Wenn du etwas verloren ober gesunden hast, wenn du wissen willst. waS ein Paar Schuhe, ein Pfund Obst, eine neue Nähmaschine kostet: die Zeitung!
Das lind so Kleinigkeiten. Liber du magst sein, wer du wlllst. arm. reich, jung. alt. Mann, Weib verheiratet oder nicht — die Zeitung wird dir nie entbehrlich sein. WaS in der Welt vorgebt. die großen Schachspiel« der Politik, die Schwankungen der Börse, die Lage von Handel und 3nZmftne. das Reueste aus dem Reiche der Kunst, der Wissenschaften, des alltaguchen Leben» erfährst du durch deine Zeitung schnell, sicher, zuverlässig und interessant. Die Theater- kritik wie den Produktenmartt, die Heiratsanzeigen wie den ^zeanllug. die jüngste Erfindung wie den Sommersahrplan.
Gut. Dies alle» (es ist nur eine kleine Auswahl. ein paar Stichproben! — ist dir geläufig und selbstverständlich. Aber hast du einmal dar» über nachgedacht, wie dies alles zustandekommti Welch ein Weg zurückzulegen war. bis die bedruckten Blätter dir ins Hau- fliegen —— *
Uraufführung
im Hessischen Landestheater.
Kurt Hey nick«, ein nicht schlechter Lyriker, hat. wie in den Blättern des hessischen Landes theaters ciusgefiihrt wird, die Erfahrungen, die er als Spielleiter und Dramaturg an zwei rheinischen Theatern gesammelt hat, in einer Komödie: „20 er gewinnt Lis «tte ?" nutzbar verwendet. Wie «r selbst In einem Aussatz in der gleichen Nummer der sogenannten Zeitschrist ausführt, hält er die Zeit für gekommen, dast deutsche Lustspielautoren die französischen und englischen ab» lösen. Wenn «r glaubt, mit „Wer gewinnt Cifeile" einen ersolgrelchen Schritt in dieser Richtung getan zu haben, so wird ihn die Uraussührung in Darmstadt belehrt haben, dah er jedenfalls nicht der Mann ift. zum mindesten bisher nicht, die von ihm theoretisch nicht schlecht dargelegten Anforderungen an ein deutsches Lustspiel in das Praktische zu übersetzen. Der Gedanke für das Thema, geschöpft aus einer Zeitungsnotiz, war gewih nicht unbrauchbar. Ein junges Mädchen, das einer niedrigen Sphäre entstammt, hat einen Selbstmordoer- such gemacht, von dem sie durch zwei Kavaliere gerettet wird. Diese verlieben sich in das Mädchen und versuchen, sie auf gemeinsame Kosten durch einen, an der Rettung ebenfalls beteiligten Lehrer der guten Lebensform zur Dame heranziehen zu lasten Die Spekulation dieser (9. m. b.f). schlägt fehl, denn das Mädchen Lisette wählt den ihren Kreisen entstammenden Chauffeur. Wenn Heynick- lagt, dah wir für ein Lustspiel Unbedenklichkeit, Laune und Natürlichkeit brauchen, so ist das gewih richtig, aber er bat nicht verstanden, diese drei Eigenschaften in seinem Lustspiel entsprechend zu verwirklichen. Aus Unbedenklichkeit und Natürlichkeit ist Plumpheit geworden, und der Laune fehlt jene Spritzigkeit, jene Situationskomik und jener schlagende Dialog, der uns gestattet, von Herren zu lachen. So wird diese Komödie, deren Uraufführung im Kleinen Hause des Hessischen Londes- theaters wir am Sonntag erlebten, zu einer reichlich langweiligen Angelegenheit, die auch durch die Mühe, die man sich mit der Inszenierung und der Darstellung gab, — Bestie Hoffart als Lisette, und die fieren ®e ft ermann, (Bollinger und 3 ü r g a s in den männlichen Hauotrollen — nicht gerettet werden konnte. Der Höflichkeitsbeifall könnt: nicht darüber hinwegtäuschen, dah das Publikum sich langweilte und daß die Talente des Dichters wohl nicht auf dem Gebiete der Theaterdichtung zu suchen sind. vr. Winter.
die bildhaft und dramatisch auszuwerten waren. Lebhafte dramatische Akzente tragt naturgemäß auch der zweit« Teil, der die Leidensgeschichte be» handelt. Die Abendmahlszene ift schön, schlicht und bildhaft gestaltet. Dagegen halten wir eine mit ausführlichen Einzelheiten ausgeftattetc Verfilmung des Passionsweges, der flreuügimg und der Auf- erstehung für ein wenig glückliches Unternehmen. Es mag jeder selbst nachprüfen, wie weit er ba dem Film zu folgen und sich mit Ihm einoerftan» den zu erklären vermag. Aus dem großen Schauspieleraufgebot ist der ungemein scharf charakterisierte Kaiphas von Rudolph Schildkraut an erster Stelle \u nennen. Um die Christusgestalt bemüht sich H. B.Warner mit feinfühliger Zurück» Haltung, in der Maske ein wenig an gewisse Thri- ftusbilber von Uhde erinnernd. Gut sind ferner I. Logan (Maria Magdalena), Bar von y (Pilatus), Torrenee (Petrus): weniger überzeti» nenb der Judas Ischariot In der Ausfassung von Joseph Schildkraut. *r-
Uraufführung x
im Frankfurter Schauspielhaus.
Di« Uraufführung von .Kadebrechts Meineid". Tragikomöbie in fünf Szenen von Paul Edmund Hahn, stand fchon zu toicber- boltcn Malen auf dem Epielplan des Schau- fpielhaufes. so oft. dah der Frankfurter Witz behauptete, dir Aufführung fei nicht mehr möglich, weil der Meineid bereits verzährt fei. Weichert, der die Regie selbst übernommen hatte, fühlte sich wohl nicht recht behaglich, wenn er an dieses Stück dachte, dellen Annahme sicher nicht darauf zurückzuführen war. dah man es als geeignet betrachtete, der Kasse der städtischen Bühnen auS dem Dalles zu helfen.
Der Bersaster versucht in feinem Stück, unserer Rechtsprechung und unserem geltenden Recht eins auszuteifchen, indem er den Stndienrat Kakebrecht in dem Bestreben, einen nach Kadebrechts Uebcr- zeugung unschuldigen Kunsthändler vor einer Strafe wegen Urkundenlälschung zu bewahren, schwören läht. er habe auf einem Gemälde eines alter. Meisters das Signum gesehen, während die Anklage behauptet, dah dieses Si-num erst nachträglich von dem Kansthänd'er auf das Bild gefetjt worden fei. Die Art, wie diele Anklage und der Meineid zustande kommen, wirkt stark gekünstelt, so bah die offenbare Abficht das Verfassers. Recht und Rechtsprechung als reichltch verkalkt hinzustellen, als mihlungen be-etchnet werden muh. Wer zur Defeittgung der schaden im Hause der deutschen Justiz aus dem Weg« der Bühnendichtung beitragen will, muh den
Siuillielsatltt- MSftS ” der 6lM »bmorid):
®abnb0'h!in?t^nr ^leuirtL
DK- gSjtf*
Rächt, sich regen müssen, damit da dies alles ganz bequem im Lehnstuhl, auf dem Kanapee, beim Äaflee, zum Aden dessen, oder im Bett beieinander hast und dir nur herauszusuchen brauchst, was dir gefällt: das Reuest« aus der Stadt oder da- Reueste vom chineli'chen Kriegsschauplatz, den Konzertbericht, den Fuhballkamps oder ben Roman. Auf wenigen Blättern entfaltet sich vor dir eine Welt, der ganze Erdball kommt zu dir ins Zimmer, die schtoarzen Zeilen verbinden d ch mit den fernsten Zonen, zum Pol kannst du reifen mit Wilkins und Rovile. über den Gzecrn mit Köhl, mit jeder Karawane, mit jeder Erpedition in ferne Länder. Alles bringen dir die Blätter heran, breiten es vor dir hin. daS ganz« grob? bunte Leben Tag für Tag auf der weiten Welt. .Für ein paar Pfennige. Du kannst dich darauf tKtlaffcn. Die Zeitung ist immer da. Morgen kommt eine neue. Die alte ist dann ein Häufchen Makulatur — für dich. Außerdem ober auch eine Ehronik von unschätzbarem Wert und einer unübertrefHieben Bie'feitigkeit, Bollständia- feit und Zuverlässigkeit. Wenn vom ganzen Srd- ball nichts übrig bliebe als ein paar Dutzend Zeitungen —: bi« gesamte Welt, alles Leben, alle Kultur könnte neu erbaut, rekonstruiert, er- Ichlollen werden aus dem winzigen Haufen bedruckten Papiers!
Konfliktstoff schon so gestalten, dah der Zuhörer I überzeugt wird. Hier merkte man, dah nur | Thea'er gespielt wird. Weder das Komödienhaste, noch das Tragische kommt zu seinem Rechte. Die Sprache ist zu pathetisch
Den Achtungserfolg rettete Impekoven, der den ganz von Pflichtbewuhtfein und RechtSgefühl behertschten Studienrat meisterlich darsteTte. aber letzten EndeS an der dichterischen Gestaltung dieser Rolle scheitern muhte. Reben ihm fiel San egget als Althändler die von isyn gut gelöste Aufgabe zu. dem Stück über die geschil- berten Mängel hinwegzuhelfen. Bleibt die Frage, welche Gründe da'ür mahgebend gewesen lind, dah gerade daS Frankfurter Schauspielhaus diele ilr- ausführung herausbringen muhte.
3m Reuen Theater aab eS .Broad- w a y" von Dunning und Abbott. Ein Schmarren, gewih. aber ein interessanter Schmarren. der unS in Atem hält, der uns wie ein spannender Det:ktivroman fef eit und auch unserm Gemüte eine Kon^fsion macht. Er ist des er als ein schlechtes Lustspiel, das den Ehrgei.; hat. Literatur zu fein und besser als sehr vieles andere, was tn letzter Zeit über die Frankfurter Bühnen gegangen ift. Literatur ist eS gewih nicht, aber niemand wird das Theater perlaffcn. ohne unterhalten zu fein. Dah es fo ist, ist Berdienst der Regie und der Darstellung. Arthur Hellmer, der sich diesmal um die Regie bemühte hat sich selbst übertroffen. Wir werden in einen Wirbel gezogen, ob wir wollen oder nicht, folgen jeder Bewegung deS zwanzigkvpfigen Personals mit Andacht und werden uns im Banne dieser Führung gar nicht bewuht. dah dieles Ltück der Andacht gar nicht wert ist. Hier zeigt sich die Kunst des Regisseurs: sie allein schon hat den Erfolg gebracht.
Aber sie wird trefflich asfiftiert durch die Darsteller, allen voran Theo Gingen, der mit Recht manchen Beifall frei offener Szene ein- hcimst. durch feine Partnerin Liselotte Henke, die sich hier die ersten Sporen beim Frankfurter Publikum verdiente, durch Grohmann als Tingeltangelbefeher und alle die vielen anderen bis zu ben feschen Tanzgirls, die ihre schlanken Glieder in den Dienst der Sache stellten. Sie alle hatten — das merkte man ihnen an — ihren Späh an ihrer Rolle und nehmen mit gutem Recht jeder einen Teil des starken Beifalls entgegen. der allabendlich zu ihnen emporfchlägt und diesem Stück den Stempel des Kassenstücks aufdrückt. Und der Inhalt? Seht ihn selbst, denn er wirkt nur an Ort und Stelle.
Quidam.
Jaulen,
496U


