Nr. 64 Drittes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)Donnerstag, 15 März (928
Heue Formen weiblicher Lehrtätigkeit.
Zur Mädchen-Berufswahl.
Von Dipl. Handelslehrerin Or. Erna Barschat, Berlin.
Wenn wir an die Mitwirkung der Frau an der Volkserziehungsarbeit denken, so wird unwillkürlich die Tätigkeit der Lehrerin in den verschiedensten Schulformen im Mittelpunkt unserer Heberlegung stehen, und deshalb soll in den folgenden Ausführungen von der Ausbildung, der beruflichen Stellung und dem Ausgabenkreis einzelner Lehrberufe die Rede sein.
Eine grundlegende Aenderung hat in den letzten Jahren die Ausbildung der Volks- schullehrer und Lehrerinnen in Nord- und Mitteldeutschland erfahren. Während früher die Ausbildung auf Seminaren (zuletzt Ober» lyceen genannt) erfolgte, hat diese Ausbildung gänzlich aufgehört. Ein junges Mädchen, Öa< Die Volksschullehrerin-Tätigkeit erstrebt, muh jetzt zunächst die Reife einer neunklassigen Lehranstalt besitzen, d. h. sie muh ihr Abiturium machen, um in eine der neuen Lehrerbildungsanstalten ausgenommen zu werden. Welche Form der höheren Schule sie durchläuft, ist für diesen Zweck gleich, humanistisches Gymnasium, Realgymnasium, Oberrealschule oder Deutsche Oberschule: in der Berechtigung zum Eintritt in die neue Lehrerbildungsanstalt sind die Reifeprüfungen sämtlicher Schulformen gleichgestellt. Die eigentliche Berufsausbildung erfolgt nun auf hochschulmähiger Grundlage, und zwar auf einer pädagogischen Akademie in einem zweijährigen Lehrgang. Als Aufnahmebedingung verlangt die Pädagogische Akademie außer der Ablegung der Reifeprüfung auch den Nachweis einer ausreichenden gesanglichen und instrumentalen musikalischen Vorbildung, von der nur in besonderen Ausnahmefällen abgesehen werden soll. Die Wissenschaft! ich e Ausbildung der Alademiebesucher erfolgt in Vorlesungen und Hebungen, ihre praktische Ausbildung durch Llnterrichtsbesuche und eigene Hnterrichtsertei- lung. Für die technische und k ü n st l e r i s ch e Ausbildung sorgen theoretische Unterweisungen und praktische Hebungen. Die Ausbildung schließt mit einer Lehramtsprüfung ab. Da die ersten drei Akademien Ostern 1926 eröffnet worden sind, so werden die ersten Prüfungen im Frühjahr 1928 abgelegt werden.
Die Spezialisierung der Berufe, die sich auf sämtlichen Gebieten unseres Lebens zeigt, hat auch vor der Lehrerinnen^Tätigkett nicht halt gemacht. Während früher die Ablegung des Lehrerinnen-Examens zum Schuldienst an einer ganzen Reihe verwandter Anstalten berechtigte, ist heute die Vorbildung für die einzelnen Schulen einer weitgehenden Differenzierung unterworfen. Das zeigt sich ganz besonders bei den neuen sozialpädagogischen Lehrberufen, so bei der Gewerbe- und bei der Handels- lehr er in. Roch vor zwanzig Jahren erfolgte ihre Ausbildung in Seminartursen, die auf irgendeine andere Berufstätigkeit aufbauten (oft war es die Lehrtätigkeit der Volksschullehrerin, hon der der Hebergang zur Lehrerin an Berufs- und Fachschulen erfolgte), während heute die Ausbildung zu diesen, in den letzten Jahren sehr begehrten Berufen, zum Teil schon in neuartiger Form vor sich geht.
Die schnelle Entwicklung der beruflichen Ausbildungsanstalten der Mädchen in den letzten Jahren hat eine große Rachfrage nach Gewerbelehrerinnen yir Folge gehabt, die aller Voraussicht nach noch andauern wird, so daß der Berus der Gewerbelehrerin als einer der Berufe mit günstigen Aussichten bezeichnet werden darf.
„Wie wird man nun aber Gewerbelehrerin?" Gegenwärtig entstammen die zur Zeit amtierenden oder sich in der Ausbildung befindenden Gewerbelehrerinnen entweder einem praktischen Beruf oder sie hatten die Volksschullehrerinnen- oder die Prüfung als technische Lehrerin bestanden, bevor sie die Ausbildungs-
Bse gswenen Berge.
CRomon von Elara Mebig.
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14. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
Wenn sie Herrn Dousemont nun einmal, wenn der Vater es nötig haben sollte, fragte, ob der ihm wohl Geld geben würde? Sie hatte oft gehört, was die Herren beim Wein über die Lage des Winzers sprachen. Der Herr Landrat sagte: „Der Winzer klagt immer", aber Herr Dousemont war ganz anderer Ansicht. Der würde sicher dem Vater etwas vorstrecken und nicht gegen so hohe Zinsen. Aber nein, dem sagte sie doch nichts! Der sagte es dann gleich seinem Sohn wieder — nein, und das wollte sie nicht! Auf keinen Fall. Es bäumte sich in Maria etwas dagegen auf. Sie seufzte tief und unruhig: ach, wenn sie doch einschlafen könnte und nicht mehr an so vielerlei denken müßte!
Als sie endlich den Schlaf gefunden hatte, hielt sie ihr Kopfkissen mit beiden Armen fest an sich gedrückt und hatte unruhige Träume. Die alte Lena bumste von nebenan unsanft gegen die Wand: was ächzte und warf das Mädchen sich denn so und störte sie im besten Schlaf?!
Etwas Schweres hatte sich im Traum auf Maria gesenkt, es beängstigte sie mit breiten, alles beschattenden Flügeln. Sie suchte sich dagegen zu wehren, sie ächzte und wollte entfliehen. Aber es war stärker als sie.
Am andern Morgen bat Maria Herrn Dousemont, nach Hause fahren zu dürfen.
Auf einmal? Mußte es gerade jetzt sein? Er war erstaunt; aber da er noch ein schlechtes Gewissen hatte von gestern her, fragte er nur, ob es nicht möglich wäre, daß sie wartete, bis sein Sohn weggefahren sei, der mußte ja noch einmal nach Bonn.
Aber es mußte jetzt sein. Von der großen Unruhe, die sie so plötzlich erfaßt hatte, konnte Maria ihm nichts sagen. Was hätte sie auch wohl Darüber sagen sollen? Sie kannte den Grund ja selber nicht. Nur fort, nur jetzt schnell einmal fort, nach Hause!
Heinrich Dousemont war im Garten, als Maria am Morgen das Haus verließ. Er machte höflich die Gartenpforte für sie auf, aber er blieb noch in der geöffneten Türe stehen, ihr so gleichsam das Hinaus
anftalten besuchten, die für den Beruf der Gewerbelehrerin vorbereiten. Die neuen erhöhten Ansprüche, die man mit Recht an die Ausbildung und Tätigkeit einer Lehrergruppe stellt, die den gesamten Nachwuchs im Gewerbe unterweisen soll, führen zu einem Hmbau in der gesamten Ausbildung der männlichen wie der weiblichen Gewerbelehrerschaft. Dieser Hmbau ist noch nicht abgeschlossen, jedoch lassen sich die Tendenzen bereits deutlich aufzeigcn, nach denen sich dieser Neubau eines der wichtigsten Gebiete moderner Lehrtätigkeit vollziehen wird. Man darf heute schon behaupten, daß der Zugang zur Gewerbe- lehrerinnen-Lausbahn am vorteilhaftesten auf einer der neuen höheren Fachschulen für Frauenberufe erreicht wird. Die eigentliche Berufsausbildung der Gewerbelehrerin ist wie die ihrer männlichen Kollegen zur Zeit in einer Hindildung begriffen, deren Einzelheiten noch nicht feststehen. Immerhin läßt sich bereits sagen, daß die neue Gewerbelehrer-Bildung wie die aller anderen Lehrergruppen auf einer Hochschule erfolgen wird und erfolgen muß, um den unendlich schwierigen Anforderungen, die die Tätigkeit in der Fach- unb Berufsschule an fachliches Können, soziales Verständnis und pädagogisches Geschick der Lehrkräfte stellt, auch voll genügen zu können.
Einen breiten Raum in der Lehrtätigkeit der Gewerbelehrerin nimmt die Hnterweisung des weiblichen Nachwuchses in praktischer Arbeit ein: sei es in den eigentlichen Frauengewerben, wie Schneiderei, Putz, Wäscheanfertigung, sei es in hauswirtschaftlicher Arbeit. Aus diesem Grunde gehört auch eine praktische Tätigkeit in einem der erwählten Zweige der späteren Hnterrichtspraxis zur Ausbildung der Gewerbelehrerin: für die Fachgewerbelehrerin ist eine längere Praxis in einem Frauenhandwerksbetrieb, für die Hauswirtschaftslehrerin in einem Betrieb der Hauswirtschaft unerläßlich. Für die Lehrerin an Berufsschulen, die sich besonders dein Hnterricht der jungen Jndustriearbeiterin widmen will, erscheint eine sozialfürsorgerische Praxis sowie praktische Arbeit in einem Fabrikbetrieb erforderlich, um den besonderen Ausgaben der Lehrtätigkeit an Arbeite- rinnenschulen gerecht toeröen zu können.
Es sind also hohe Anforderungen, die in Bezug auf Eignung, Vorbildung und Ausbildung an die Gewerbelehrerin gestellt werden. Entspricht nun die Aussicht, in dem erwählten Beruf vorwärts zu kommen, all den Anstrengungen, die die Ausbildung verlangt? Wie bereits erwähnt, sind die Berufsaussichten für die Gewerbelehrerin durchaus als günstig anzusprechen, und es ist anzunehmen, daß mit der fortschreitenden Einrichtung gewerblicher und hauswirtschaftlicher Mädchen-Berufsschulen auch die Nachfrage nach Gewerbelehrerinnen nicht ab-, sondern eher noch zunehmen wird.
Nicht so günstig wie für die Gewerbelehrerinnen sehen zur Zeit die Berufsaussichten für die Handelslehrerinnen aus. Während noch vor einigen Jahren die Anstellungsverhältnisse der Handelslehrerin als besonders günstig angesehen werden konnten, scheint zur Zeit die Aussicht auf Anstellung nicht mehr so gut zu sein. Immerhin ist die Berufslage als eine solche zu bezeichnen, daß einem für den Lehrberuf besonders begabten Mädchen mit ausgesprochener praktisch-kaufmännischer Begabung und sozialem Verständnis nicht davon abgeraten zu werden braucht, die Prüfung der Handelslehrerin abzulegen. Dies ist besonders deshalb möglich, weil die Handelslehrerin, wie dies kein anderer Berus zuläht, durch die Verbindung von praktischberuflicher Leistung und pädagogischer Eignung in der Lage ist, auch den Berus zu wechseln, d. h. die Handelslehrerin wird unter Hmständen in die kaufmännische Praxis übergehen können, wenn ihr vorübergehend der Zugang zum Schul-
gehen verwehrend. „Sie gehen heute nach Haus?"
„Ja."
„Wann kommen Sie denn wieder? Doch heute noch?!"
„Ja", sagte sie und dachte keinen Augenblick mehr daran, daß sie die Erlaubnis hatte, bis morgen aus- zrrbleiben.
„Also heute abend noch, ja? Auch sicher?!" Er hielt ihr die Hand hin und sah ihr in die Augen.
„Heut abend", sagte sie leise und legte ihre Hand in die seine. —
Als sie schon längst in der Bahn saß, die allen Windungen des Flusses folgt und keine von ihnen ausläßt, dachte sie noch immer an dieses: „Heut abend". Wenn sie doch schon wieder zurückführe! Die zu Haufe würden nicht zufrieden damit fein, daß ihr Besuch nur so kurz war — aber sie konnte nicht länger bleiben, jiein, nein, sie mußte rasch wieder zurück. Sonst hatte Herr Dousemont nicht seine gewohnte Ordnung, und der Herr Doktor —?! Sie seufzte auf und lächelte doch dabei.
Heute morgen, als die Sonne eben aufging, war sic schon aufgestanden gewesen — nur fort, fort! — und nun war sie fort und wünschte sich doch schon wieder zurück. Sie empfand eine große Ungeduld: wie langsam der Zug trödelte! Noch immer spürte sie es, wie er ihre Hand gedrückt hatte, er hatte feinere Finger als alle anderen — was hatte der Kaspar für grobe dagegen! — aber fest konnten sie doch drücken.
Sie schloß die Augen, es durchrieselte sie: mochte er sie wohl leiden? Sie hoffte es. Denn sie, ach ja — eine glühende Nöte schoß ihr in die Stirn und sie atmete hastig — sie machte ihn leiden. Biel lieber leiden als den Kaspar. Er hatte ihr arg gut gefallen, gleich vom ersten Tag an. Er hatte sie nicht viel beachtet, aber jetzt — ja, aber jetzt? Wie eine Frage drängte es sich ihr auf und zugleich etwas von dem Gefühl eines Stolzes: ja, sie gefiel ihm. Sie preßte die Hände zwischen die Knie und saß vornübergebeugt, den .Kopf gesenkt unter der Last des schweren und doch seligen Bewußtseins: sie gefiel ihm, und er wartete auf sie.
Wie im Traum ging sie bann von der Bahnstation nach Porten. Daß es ein ziemlich weiter Weg war, empfand sie heute gar nicht, ihre Gedanken beschäftigten sie, und sie lächelte, in diesen erglühend, beständig vor sich hin. Wenn sie hier zurückging, war es bald abend. Und dann stand er wieder an
amt verschlossen bleiben sollte. Die Ausbilbungs- bewegung ist in diesem Beruf durch die Reformbestrebungen der letzten Jahre zum Stillstand gekommen und gestaltet sich heute solgendermahen: entweder muß das junge Mädchen, das den Beruf einer Handelslehrerin erstrebt, das Abt- turium machen, genau wie die zukünftige Philologin oder Volksschullehrerin, und muß bann nach einer kaufmännischen Praxis ein sechssemestriges Studium auf der Handelshochschule absolvieren, um zur Prüfung für das Lehramt an kaufmännischen Schulen zugelassen zu werden, ober sie wählt den Weg über die höhere Handelsschule, legt dann die Ersahreifeprüfung ab und kommt so zum Studium und zur Handelslehrerprüfung. Dieser zweite Weg über eine anerkannte höhere Handelsschule wird besonders in all den Fallen gewählt werden, in denen die pekuniäre Lage des Elternhauses eine so langwierige und teuere Ausbildung, wie der Weg über das Abiturium einer höheren allgemeinbildenden Lehranstalt erfordert, nicht zuläht. Für die künftige Handelslehrerin scheint mir dieser Weg über die Praxis deshalb besonders erwünscht zu fein, weil die spätere Lehrerin bei dieser Form der Ausbildung als Berufs ollegin mit ihren späteren Schülerinnen zusammenarbeitet und so die Röte und Vorzüge des Berufes selbst als Berufsangehörige erlebt hat.
Unter den verschiedenen Zweigen der Handelslehrerintätigkeil scheint besonders aufnahmefähig für künftige Berufsaspiranten die Lehr- Praxis an Verläufer innenklassen zu sein. Fast alle Städte, die die Berufsschulpflicht für die weibliche kaufmännisch tätige Jugend eingeführt haben, gehen dazu über, die Kontoristinnenklassen von den Verkäuferinnenklassen zu trennen. Das bedeutet aber eine Nachfrage nach besonders dafür ausgebildeten Lehrerinnen. Eine Einstellung auf die besonderen Anforderungen für den Unterricht an diesen Klassen würde die Berufsaussichten der künftigen Handelslehrerin nicht wesentlich verbessern. Daß dazu aber Praxis im Verkauf, möglichst eine längere Tätigkeit als Verkäuferin im Einzelhandel notwendig ist, braucht wohl kaum erwähnt zu werden.
Noch eine weitere Kategorie von Handels- lefjrerinnen wird günstige Aussicht auf Beschäftigung haben: Das sind Lehrerinnen mit dem Examen für eine oder zwei fremde Sprachen und Ausländsaufenthalt. Der Sprachunterricht nimmt naturgemäß in den Handelsschulen einen breiten Raum ein, und eine besondere Einstellung und Eignung für diese Seite des Unterrichts in den kaufmännischen Lehranstalten wird die Berufsaussichten der jungen Lehrerin verbessern können.
Heber die Befriedigung, die alle diese Lehrberufe zu bieten vermögen, entscheiden natürlich Ausbildungswege und Eingruppierung in Gehaltsklassen in keiner Weise. Und für die Berufswahl junger Mädchen sollten diese Fragen, so wesentlich wir sie vom Standpunkt der Bewertung eines Berufes auch anfefjen mögen, niemals an erster Stelle stehen. Denn nicht: „wo stehe ich in der Besoldungsordnung?" wird die Frage heißen, die ein junger Mensch stellt, wenn er vor der wichtigen Frage der Berufsentscheidung steht, sondern: „werde ich den sachlichen' und menschlichen Anforderungen genügen, die die Arbeit auf einem Gebiete der Dolkserziehung von mir erfordert?"
Wer glaubt, daß ihm die Beschäftigung mit der Dolksschuljugend im Alter von 6 brs 14 Jahren mehr Freude macht, wer unserer Jugend gern die grundlegende Bildung übermitteln möchte, wird sich mit Erfolg dem Beruf der Volksschullehrerin widmen, wer glaubt, daß er mehr Begabung und Neigung besitzt, die Jugend im Entwicklungsalter von 14 bis 18 Jahren zu unterweisen, und wer Freude an praktischem Tun besitzt, wird sich eher zur Gewerbe- oder Handelslehrerin eignen. Hnd sicherlich wird bei diesen beiden Zweigen des Lehrberufes auch erheblich die Freude an der Einführung in Fragen der sozialen Zusammenhänge und in die Welt der Wirtschaft mitsprechen, die die Ausbildung gerade hier vermittelt.
Hnd doch wird bei aller Verschiedenheit der Anforderungen, die der einzelne Beruf stellt.
der Gartenpforte — und er nahm ihre Hand unb — unb —?! Es burchschauerte sie.
In Maria war eine große, bis bahin noch nie gekannte Erregung. —
Der Doktor hatte heute wie immer seinen täglichen Brief bekommen. Edith schrieb lieb wie immer, aber er runzelte die Stirn: oh, diese kühle norddeutsche Art! Die müßte sie doch jetzt wirklich verlieren. Er wußte ja, baß sie ihn liebte, aber merken konnte man es aus ihren Briefen eigentlich nicht. Und gerabe der letzte Brief von ihm, auf den biefer von ihr bie Antwort war, war so voller Verlangen gewesen, noch mehr als sonst, benn er hatte ihr geschrieben, daß er nun zum ersten Oktober eine Wohnung gefunden hatte — endlich! —, baß er die Praxis dann anfing, daß sie zum gleichen Termin — endlich, endlich! — heiraten konnten. Er konnte es ja auch länger nicht mehr ertragen. Unb sie, was schrieb sie darauf? „Auch ich freue mich sehr." Dies genügte ihm heute nicht.
Konnte sie benn keine anderen Worte finden? Wärmere, sehnsüchtigere, jubelndere? Mußte sie denn immer die wohlerzogene höhere Tochter bleiben?, so zart und so blond wie ihr Haar? Was ihm an ihr gefallen hatte und ihn gerade doppelt gereizt, ihre mädchenhafte Scheu und Zurückhaltung, mißfielen ihm heute, kränkten ihn. Sie war ein Fisch, kalt, keine warmblütige Natur! Keine Natur, die der Allgewalt des Triebes widerstandslos folgt, sich freudig hingibt, wie dieses Land hier der Sonne, die das Traubenblut kocht.
Der Bräutigam zerpflückte den Brief in kleine Stücke und ftreute sie in die Mosel, als er selber hineinsprang, um sich abzukühlen. Das Wasser trug den Brief der Braut nur eine kurze Weile, rasch feuchteten bie Papierfetzen durch — bann gingen sie unter.
8. Kapitel.
Frau Bremm buchte mit einiger Unruhe an ihre Tochter; bie war ihr so oeränbert vorgekommen bas letztemal. Hatte Maria Verbruß gehabt bei Herrn Dousemont? Nein, danach war bie boch nicht gewesen; es ginge ihr ja auch sehr gut, sie wäre sehr zufrieden. Aber sie hatte bas nur so hingesagt, war auf gar nichts Näheres eingegangen. Nach bem Weinberg hatte sie wohl gefragt, unb mit den Ge- sckwistern hotte sie sich auch gefreut unb auch gelacht, aber es wollte bie Mutter blinken, als wäre ihr das Lachen nicht so ganz von Herzen gekommen.
all diesen Betätigungsgebieten etwas gemeinsam sein: alle diese Berufe stellen in gleicher Weife hohe intellektuelle Anforderungen an die jungen Mädchen, die sich ihnen widmen wollen und verlangen pädagogische Neigungen, soziales Verständnis und Einfühlungsvermögen.
Dafür werden sie aber auch den jungen Mädchen. die diese Berufe wählen, das Bewußtsein geben, nicht an totem Stoff, sondern am edelsten Material, an Menschen und für Menschen arbeiten zu dürfen.
Wirtschaft.
Oie Forderungen der Großbanken.
Die deutschen Großbanken haben in den letzten Tagen ihre Geschäftsberichte für das abgelaufene Jahr vorgelegt. Wie üblich, haben sie dabei allgemeine wir.scha Apolitische Aus i'ihrun- gen gemacht, in denen sich das Bild der nationalen und internationalen Wirtschaftspolitik spiegelt.
Gleich der erste, der Geschäftsbericht der Dresdner Dank, stellt den Zusammenhang zwischen den Empsehlungen und Ergebnissen der Weltwirtschaftskonferenz und bet tatsächlichen Lage der Wirtschaftspolitik in sehr drastisch"r '"'•irm fest. Eine Erhöhung des allgemeinen Wohlstandes, so wird da ausgeführt, kann nur durch - efeitiguug der Hemmungen erreicht werden, die durch eine ungesunde Erweiterung des Gedankens wirtschaftlicher Autarkie entstanden sind. Die Schwächungen der europäischen Wirtschaft und des internationalen Wirtschaftsverkehrs überhaupt, die der Krieg und feine Folgeerscheinungen verursacht haben, werden durch die protektionistischen Bestrebungen and Methoden weiter verschlimmert. Die internationale Kartellpolilik, so notwendig sie erscheint, ist auch nicht ohne Bedenken, weil sie teilweise nur einen Ersah für den Protektionismus bildet, teilweise die Konkurrenzfrage nicht löst, fonbern einen Kampf um die Kartellquote an Stelle dieser Lösung seht. Das Genfer Freihandelsbekenntnis muß von den politischen Instanzen praktisch ausgewertet werden, um einen Fortschritt zu bringen. In dem Bericht der Diseonto-Gesellschaft wird der Ton mehr auf die innerpolitischen Vorgänge der Arbeit. Wirtschaft und Finanzpolitik gelegt, und es wird für die Neufestsetzung des Gesamtbetrages der Reparationslasten Vernunft gepredigt. Weiter tritt die Forderung in den Vordergrund, durch 2lbdrosselung der Einfuhr die landwirtschaftliche Erzeugung zu steigern. Aber auch hier wird unter Anerkennung der Fortschritte auf dem Gebiete der Handelsverträge gegen die „Mauern des Heberprotektionismus" ein deutliches Wort geredet und Verwirklichung der theoretischen Erkenntnisse gefordert, die in den Genfer und Stockholmer Resolutionen gefunden worden sind. Die Commerz- und Privatbank stellt gleichfalls an den Anfang ihres Berichts die Klage über die Hemmung des deutschen Außenhandels „durch wirt- schastliche und politische Störungen, vor allem durch hohe Schutzzölle, deren Beseitigung für uns (und für die andern!) von vitalem Interesse ist". Die Deutsche Bank schließlich, die infolge ihrer Bedeutung für die gesamte und vor allem auch die Auslandwirtschaft Deutschlands eine entscheidende Rolle spielt, bringt den Passivsaldo unserer Handelsbilanz in richtigen Zusammenhang mit der Dorratsbildung und den Auslandkrediten, ferner mit der Vermehrung der Kaufkraft und der Kapitalbildung. Auch sie fordert vor allem eine Steigerung der landwirtschaftlichen Produktion zur Verminderung der Passivität, und eine vernünftige Lösung des Reparationsproblems, sie streift aber entsprechend der stark innerpolitischen Tendenz ihres. Berichts das Problem des Außen- Handels nur kurz mit der Feststellung, daß die Verbesserung unseres Produktionsapparates und die zunehmende internationale Wirtschaftsverflechtung durch Abschluß von Handelsverträgen zwar den Export fördern, aber ihre Grenzen an der Aufnahmefähigkeit und dem Ausnahmewillen der Einfuhrländer finden, die bestrebt sind, eigene Industrien aufzubauen und zu schützen.
Also im ganzen ein übereinstimmendes Plädoyer gegen den Protektionismus, für den
Kam das durch die Eile, die sie hatte, daß sie in allem so wenig bei der Sache war? Es war auch zu keinem rechten Vertrautfein gekommen.
„Red nit so dumm", sagte Bremm ärgerlich zu seiner Frau, die sich beklagte. „Du willst sie noch immer wie ’n Kind haben. Sie war als lang genug kindisch. Nu is sie selbständig, geht ihren eignen Weg."
Und dann sprachen sie nicht mehr weiter darüber. Stumm ging der Mann seiner Arbeit im Weinberg nach, deren es oft zu viele und zu schwere für ihn allein war, denn die Hilfe der Jungen konnte er noch nicht rechnen. Die waren meist rasch so müde, daß ihnen am hellichten Tag schon die Augen zufielen. Daun ließ der Vater sie liegen, wo irgend nur ein kleines Fleckchen Schatten war und stand für einen Augenblick und betrachtete die Schlafenden. Arme Kinder! Ihre Arme waren dünn, ihre Beine steckten stöckrig in den viel zu großen und weiten Winzerschuhen, die Arbeit im Berg war noch zu hart für sie. Aber wo waren die großen Söhne —?!
Vom Joseph hatten sie nichts mehr gehört. Bremm sprach mit der Anna nie darüber, er hatte eine Scheu davor; sie würde gleich meinen. Er wußte, daß es mit der rheinischen Republik zu Ende war, der Dorten hatte ausgespielt — kein Mensch wußte, wohin er gekommen war — und seine Anhänger waren aufgeflogen. Die hatten allzuviel Unfug getrieben, böse Dinge, hatten skandaliert, demoliert, waren der Schrecken des ruhigen Bürgers gewesen. Nun waren sie es nicht mehr, denn die Franzosen hielten sich zurück, und Polizei und Bürgertum hatten sich auf sich selber besonnen, ließen sich nicht mehr ins Bockshorn jagen, Disziplin und geordnete Zustände gaben ihnen die Uebermacht. Nicht viel Besseres als eine Räuberbande waren ja die Horden gewesen, die in Wiesbaden das Landeshaus besetzt hielten und seine schönen Räume besudelten; Schlimmeres, viel Schlimmeres noch war an anderen Orten geschehen: Raub, Totschlag, Mord. Darum behandelte man auch jeden wie einen aus einer Räuberbande Versprengten, von dem man wußte, er hatte mit dazugehört. Das Volk im Rheinland rächte sich selber für ausgestandene Schrecken, ob- gleich das von der Besatzung verboten war. Aber wer fragte danach? Wo sich einer von jenen verkrochen hatte, wurde er aufgestöbert, aus dem Schlupfloch gerissen, konnte noch Gott danken, wenn er mit Prügeltrachten daoonkam. (Forts, folgt.)


