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Donnerstag, 15. März 1928

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesseu)

Ur 64 Zweites Blatt

Amnestie für Or. Vorms!

Ein internationaler Aufruf zu (Äunftcn dcS ungekrönten Königs von Flandern.

Am 8. Februar begann das zehnte Jahr, das der geistige Führer des flämischen Aktivismus aus der Kriegszeit, Dr. *21. Vorms, im bel­gischen Zuchthaus zu Löwen erlebt. Er war als einziges Mitglied desRates von Flan­dern" im Lande geblieben, um mit Willen Märtyrer zu werden. Man machte ihm den Pro» zest, in dem seine TInabhängigkeit von jeglichen deutschen Interessen klar zutage trat. Er wurde trotzdem zum Tode verurteilt, aber wider seinen Willen zu lebensläng­lichem Zuchthaus begnadigt. Man hat ihm dann später seine Freilassung angeboten, wenn er außer Landes ginge, aber er weigerte sich. Seine Eltern weigern sich im Einverständ­nis mit ihm, Gnadengesuche einzureichen. Er verlangt statt dessen ein ordentliches Verfahren So hält ihn der belgische Staat weiter gefangen, trotz der Amnestieklausel des Versailler Ver­trages.

Vorms ist heute der ungekrönte König von Flandern. Die belgischenStaatsparteien" samt ihren flämischen Flügeln haben bis jetzt trotz allem Amnestiegerede Vorms immer von allen Amnestievorschlägen ausgenommen. Aber er harrt ungebrochen weiter aus. Er hat etwas von der Art jenes irischen Vürgermeisters von Cork, der im englischen Gefängnis nach 63 Tagen eines heroisch ertragenen Hungerstreiks den freiwil­ligen Tod fand. Dr. Vorms wird einst zu den garu großen Charakteren der Geschichte gezählt toeröen, Er ist eine der edelsten Figuren dieses so opsermüden Europas. Seit Jahr und Tag fordert das nationale Flandern in Massen­versammlungen, Eingaben, Reden, Aufsätzen die Freiheit für Vorms, die Amnestie. Aber der sich sonst so liberal gebährende belgische Staat zeigt sich hier als Tyrann. Auch in den liberalsten Staaten gibt es eine Staatsräson. Wenn sie so schars ablehnt, Freiheiten auszuteilen wie in diesem Falle, dann ist das ein schlüssiger Ve° weis für die innere Unsicherheit dieses Staates. Fürchtet Velgien, daß die Freiheit dieses heim­lichen Königs, dieses geistig bedeutenden, po­litisch klugen und charaktervoll unerschrockenen Mannes seinen Bestand gefährde? Fürchten die belgischenStaatsparteien", daß ihnen die so sorgsam aufgebauten Geschäfte zerschlagen wür­den, wenn die Stimme dieserGlocke von Flan­dern" wi"^er ungehindert zum flämischen Volle bringen könnte? Auch die Dynastie, der König aus heutigem Geschlecht und die wittelsbachische Königin tun nichts zur Freiheit dieses Mannes, im Gegenteil: der unversöhnlich flamenfeindlichen Königin wird ein großer Teil Schuld für die Richtaufhebung der Haft beizumessen f&n.

Vorms' Schicksal ist jenseits der belgischen Grenzen, auch in Deutschland, bis jetzt fast un­bekannt geblieben. Die propagandistisch auf­frisierte Maske des belgischen Staates verdeckte der Welt das Vtld des Löwener Zuchthauses und seines Insassen. Erst jetzt, zum 10. Jahres­tage der Haft, hat sich ein flämischer Amnestieausschuß unter der Leitung des Genter Tlniversitätsprofessors Dr. Daels an die geistige Führerschaft Europas und Rordameritas gewandt, um helfende Unterschriften für eine neue Amnestieetngabe zu gewinnen. Am 8. Fe­bruar 1928 wurde folgende Eingabe dem bel­gischen Parlamente überreicht:Wir unterzeich­neten Bürger aller Rationen, nicht durch un­freundliche Gefühle gegen Belgien bewogen, aber um eines guten internationalen Geistes willen, legen Berufung bei Ihnen ein, dc ß an Dr. Dorms und die andern verurteilten flämischen Führer völlige Amnestie verliehen werde."

Unterschrieben haben an 200 Personen aus Dänemark, England, Finnland, Frankreich, Hol­land, Irland, Italien, Rorwegen, Schweden. Portugal, Südafrika. Schweiz, der Tschecho­slowakei, aus Ungarn, den Vereinigten Staaten von Amerika. Folgende bekannte Ramen fallen auf: Aus England Galsworthy und Wells, sowie die Herausgeber von Daily Herald, West-

ZmSalonwagen durch die Sahara

Von Karl Richard Grawitz.

Die französische Regiertrng hat beschlossen, noch in dieser Parlamentssession die Ge­nehmigung für den Bau der Sahara- Eisenbahn einzuholen. Die Finanzierung dieses gewaltigen Unternehmend, das in der Hauptsache von deutschen Firmen aus­geführt werden soll, wird durch die deut­schen Sachlieferungen auf Reparations- konto ermöglicht werden.

Das Reich der gelben, hohen Dünen, das sich in einer Ausdehnung von 5000 Kilometern von Westen nach Osten und von 1600 Kilometern von Rorden nach Süden erstreckt, dieses stille, einsame Gebiet des wandernden Flugsandes ist so groß wie Europa und hat soviel Einwohner wie Stettin. Wie ein mächtiger Wall, wie ein unüberbrückbarer Festungsgraben, der nicht durch Wasser, sondern durch Trockenheit trennt, sperrt die Sahara das tropische Zentralafrika von den marokkanischen, algerischen, tunesischen und tri- politanischen Küstenstrichen und hemmt die toitf- schaftliche Entwicklung der fruchtbaren Gebiete am Higer und am Tsad-See. Mehrfach ist es schon gelungen, mit dem Auto die Wüste zu durchqueren, auf den uralten Karawanen- strahen in wenigen Tagen, von Oase zu Oase eilend, eilige Reisende oder wissenschaftliche Expeditionen aus Algier nach Timbuktu zu be­fördern. Aber das Auto ist ein unsicheres Be­förderungsmittel. wenn so große und so gefähr­liche Strecken überwunden werden sollen. Die Wüste ist menschenleer: doch ist sie keineswegs so unbevölkert, wie sich der Europäer diese ungeheure Sandfläche ich allgemeinen vorstellt, und in den weit verstreuten, ziemlich großen Oasen wohnen räuberische Beduinenstämme, die niemals ganz unterworfen werden tonnen., well es ganz unmöglich ist. ein so dünn besiedeltes Gebiet militärisch zu besehen.

Eine Eisenbahn ist natürlich viel geeig­neter, die Herrschaft über das Gebiet zu sichern, kann man doch mit ihrer Hilfe schnell größere Truppenkörper in entlegene und sonst schwer zu erreichende Gegenden entsenden. Wcit wich­tiger als die strategische Bedeutung wäre jedoch

minster Gazette, Daily Rews, Foreign Afsairs, The Ration. Aus Holland haben eine Fülle von hervorragenden Persönlichkeiten aller Lager unterschrieben. Aus der Schweiz der Theologe Dr. Adolf Keller und der Schriftleiter Ernst Zahn. Aus den Vereinigten Staaten sind O. G. Villard und Prof. Barnes besonders be­kannt. Aus Frankreich Romain Rolland, der Benediktiner Dom Morin, der reformierte Theologe Iezequel, George Duhamel und auch Prof. Basch von der französischen Liga für Menschenrechte! Es muß immerhin vermerkt werden, daß Prof. Basch, der sich bis jetzt gc- fienü&er den politischen Forderungen der elfaß- othringischen Heimatbewegung noch immer stark ablehnend verhielt, hier den flämischen politischen Aktivismus während des Krieges gutheißt, dessen Programm und Ziel in dem einladenden Rund­schreiben genau mitgeteilt war. In Deutschland hat man keine Hnterfdjriften erbeten.

Riemand weiß, ob diese moralische Hilfe durch 200 hervorragende Persönlichkeiten fast der gan­zen Welt irgendeinen Erfolg im Sinne der Am­nestie haben wird. Sicher hat aber diese Wer­bung der ausländischen Kenntnis von der flämi­schen Frage und dem wahren belgischen Staate wesentlich genützt. Die belgische Unfreiheit für Flandern ist endlich einmal ins unerbittliche Licht der Wahrheit gestellt worden. Flanderns . guter Geist". Dr. August Bor ms, ist weiter­hin bereit, sich selbst der flämischen Freiheit zum Opser zu bringen. Wo solche Opfer noch an- geboten und gebracht werden, da muß einmal doch die Stunde der Wandlung erscheinen. Elsaß- Lothringen dürfte Anlaß haben, auf diese flä­mische Opferbereitschaft und ihre Wirkungen auf­zumerken.

Oer neue polnische Senat.

Tie deutsche Fraktion in der alten Ltarke von fünf Mandaten

Warschau, 12. März (WB.) Das vorläufige Gefamtergcbnis der Senatsnxchlen in Polen zeigt eine bedeutende Stärkung des Regie» rungsblockes und des Minderheiten- b l o ck e s. Dagegen haben die S o z i a l i ft e n eine Geringe Schwächung erfahren. Der national» atho! ijche Block (in der Hauptsache Ratio» naldemokraten) und die Witos-Partei find nur mit sehr kleinen Gruppen in den Senat hineinge» kommen Die Regierungslifte hat von 111 Manda­tenten 49 Mandate erlangt. Der Minderheit t e n b l o cf erhielt 23 Mandate, die Sozialisten 10, der national-katholische Block 9, die radikale Bau­ernpartei Wyslowenie 7, die Witospariei und die christlichen Demokraten zusammen 6 Mandate. Die Domfki Bauernpartei errang 3 Mandate, die natio­nale Arbeiterpartei 2, die Korfantygnippe 1 und die galizischen Zionisten ebenfalls 1 Mandat. Die Deutschen haben auch bei den Senats-Wahlen gut ab geschnitten, da sie wiederum in der früheren Stärke in den Senat einziehen werden. Für das verlorene zweite Mandat in Oberschlesien ist ein neues im Korridor erobert worden, so Daß sich die Neuverteilung der fünf deutschen Mandate folgendermaßen darstellt: In Oberschlefien, Pofen, Pommerellen und Lodz je ein Mandat und das fünfte auf der Landeslifte. Das politische Bild zeigt gegenüber dem Sejmwahlergebnis keine besonderen Veränderungen. Es wäre nur zu erwähnen, daß der vollkommene Zusammenbruch der Rechtsparteien im neuen Senat noch klarer zutage tritt.

Die Fristen des IreißabegeMes

Berlin, 13. März. (WTB.) Rach dem ame­rikanischen Freigabegesetz, das der Präsident der Vereinigten Staaten soeben unterzeichnet hat, erhalten die deutschen Berechtigten vorerst nur 80 Proz. ihres Eigentums, während die restlichen 20 Proz. zusammen mit anderen für diese Zwecke verfügbaren Beträgen zur Deckung der von der dazu eingesetzten Kom­mission anerkannten amerikanischen Scha- denersahsorderungen verwandt werden, um später aus den eingehenden Reparations­zahlungen erstattet zu werden. Da die Sin­

der Einfluß, den die Bahn auf die Entwicklung Rigerias und des Kongogebietes ausüben wird. Es ist äußerst bedeutungsvoll, daß die bisher recht umständliche und beschwerliche Reise ins Innere Afrikas tn Zukunft ohne große Schwierig­keiten ausgeführt werden kann. Arn wahrschein­lichsten ist es, daß ein Projekt zur Ausführung gelangt, das vor etwas mehr als zwei Jahren von dem französischen .Obersten Rat der Landes­verteidigung" geprüft und dringend zur Aus­führung empfohlen worden ist. Die Dahn wird in Oran an der Küste des Mittelmeeres be­ginnen, also eine Fortsetzung der bisher be­stehenden Linien von Tunis und Algier fein; sie soll dann von Oran zunächst südwestlich durch das Atlasgebirge ein Gebirge, das größer und höher als die Alpen ist nach Colomb-Beckar und dann über das tief­gelegene Taourirt, im wesentlichen einer alten Karawanenstraße folgend, über Tessalit nach Tosage, einem Ort am Rigerfluh, gehen. Tim­buktu wird wahrscheinlich nur eine Stichbahn erhalten, mit der diese wichtigste Stadt Nord- westafrikas an das Bahnnetz angeschlossen wird: außerdem kann man Timbuktu durch Fluß­dampfer von Tosage aus erreichen. Die Haupt- linie soll Dann durch das früher deutsche Gebiet von Togo bis nach Lagos oder einem andern Hafen am Golf von Guinea verlängert werden: eine Zweigbahn wird die Verbindung mit Dem Hafen Dakar an Der Küste von (Senegambien, der den Kap Verdischen Inseln gegenüberliegt, Herstellen. Diese Bahnstrecke ist schon jetzt bis zum Riger, und zwar ungefähr bis zu dem kleinen Ort Ryamina. fertiggestellt und wird mit Der Sahara-Bahn in Der Rähe von Wagadugus zusammentreffen.

Es soll also im RorDwesten Afrikas ein Eisenbahnnetz entstehen, Das mit zentral­afrikanischen Bahnen oerbunDen werben wirD. Um Dieses Projekt durchzuführen, werden un­geheure Summen erforderlich sein. Man hat berechnet. Daß j e D e r Kilometer Der Sahara-Bahn 1 50000 Goldfranken kosten wird, in diesem Betrag sind allerdings die gewaltigen Spesen enthalten, die die Wasserbeschaffung verursachen muß. Immerhin plant man. um nicht allzu große Summen für die kostbare Feuchtigkeit aufzuwen­den, die Bahn zu elektrifizieren und in sieben Kraftwerken Strom von 70 000 Volt (Span-

behaltung der 20 Proz. die Freigabe erst ermög­licht. wird der Alien Property Custodian in Washington von den deutschen Freigabeberech­tigten Die Abgabe der Erklärung ver­langen, daß sie mit der vorläufigen Zurückbehal­tung der 20 Proz. einverstanden seien. Diese Erklärung ist zweckmäßig gleich dem Antrag aus Freigabe beizufügen.

Hat der deutsche Berechtigte bereits in Amerika einen Vertreter, so w.rd auch dieser Vertreter die Erklärung des Einverständnisses für feiiwn Klien­ten abgeben können, falls er von diesem Klienten eine Vollmacht vorlegen kann die ihn zur rechtswirksamen Abgabe der Erklärung ermäch­tigt. Rach Den Bestimmungen des Gesetzes sind Anträge auf Freigabe innerhalb eines Jahres zu stellen. Wird diese Frist versäumt, so werden die Vermögensobjekte als Eigentum der deutschen Regierung behandelt und zur Befriedigung der amerikanischen Forderungen gegen Deutschland verwendet werden. Diese Frist dürfte auch für Die Vor­legung der Einwilligungserklärung gelten und zwar dergestalt, daß Anträge. Denen Die Cinwilligungserklärung n i ch t beiliegt, von der Berüäsichtig mg bis auf weiteres zurück- gestellt und schließlich als nicht recht­zeitig eingegangen angesehen werden trenn die Einwilligungserklärung nicht innerhalb der für die Stellung des Freigabeantrages vor­gesehenen Frist von einem Jahre noch nach­gereicht wird.

Das hessische potizeibeamiengeseh.

Darmstadt, 13. März. 2m Ge'etzgebungs- ausschuß kam das Police.beamtengesey zur Be­ratung. Die Verhandlungen begannen mit einer (änc.e.en Aussprache über Zweck und Ziele des Gesetzes, worüber der Minister des Innern einen l.ejerblid gab. In erster Le ung wurde Art. 1 des Gesetzes in Der Fassung der Regierungs- Dorla, e angenommen. Ein Antrag Schreiber auf Einbeziehung Der vollbeschäftigten Gemeinde- Polizei in das Gesetz und ein Antrag der Kom­munisten, Den Artikel 1 zu streichen, wurden abge'ehnt. Ein Antrag Dr. Müller auf nähere Bezeichnung des Wortes SicherheitsPoli- z e i wurde ebenfalls abgelehnt. Für Artikel 2 hat die Regierung eine neue Fassung vorge­schlagen, wonach jedem Polizeibeamten nach Maßgabe seiner Bildung, Fähigkeit und Leistung Der Aufstieg zu allen Stellen Der Polizei ofsensteht. Die allgemeinen Vorschriften zur Aus- bilDung werden vom Minister des Innern er­lassen. Der Artikel wurde angenommen und Anträge hierzu abgelehnt. Artikel 3, Der vor- sieht. Daß Polizeianwärter vor VollenDung des sechsten Dienstjahres der Genehmigung zur E i n- geßung einer Ehe bedürfen, wurde ab- gelehnt. Die Artikel 4, 5, 6 und 7 wurden in Der Fassung der Regierungsvorlage gegen eine Stimme angenommen.

In Position a des Artikels 8 ist vorgesehen, daß Polizeibeamte während der ersten Drei Lahre entlassen oder gekündigt werden können, wenn sie bei ihrer Einstellung wissentlich falsche An­gaben gemacht Haden. Die Abgeord-eten Schrei­ber und Schill beantragten, die Beschränkung auf drei Jahre zu streichen, so Daß ihnen jeder­zeit gekündigt werden kann. Der Abgeordnete Sturmjels wünschte, in den Kündigungsbedin­gungen zum Ausdruck zu bringen, daß eine Ent­lassung nur baim erfolgen soll, wenn es sich bei den falschen Angaben um schwere und ehren­rührige Verfehlungen handelt. Die Ziffer b, die von der Entlassung beim Eingehen einer Ehe handelt, und die Ziffer ck, Die die Ent­lassung bei Dienstverweigerung aus­spricht, sollten gestrichen werden. Der An­trag Sturmfels wurde angenommen. Der übrige Teil des Artikels wurde nach der Re- gierungSfaffimg a g nommen. Arti.el 9 und 10 wurden in der Fassung der Regierungsvorlage angenommen. Artikel 11, der Den Hebergang in Die unkündbare Anstellung regelt, erhielt eine reDattionellc Aenderung, wonach ein Antrag auf

Entlassung erfolgen kann, soweit ausnahms­weise voranschlagsmäßige Stellen nicht ver­fügbar sind. Zu Arti.el 12 hat das Ministerium eine neue Fassung vorge.ch agen, die lautet: Scheiden jüngere Pollzeibeamri freiwillig aus. so kann, falls für ihre Ausbildung besonders Aufwendungen gemacht worden find, ein völliger oder teilweiser Ersatz verlangt werden. Artikel 13 wurde mit einer Ergänzung angenommen, wo­nach Den in Artikel 6 genannten Polizcibeamtcn Der Hebertritt in Die Stellen Der Ge­meindepolizei offensteht. Die Arillel 14. 16 und 17 toUiDen zuruckgestellt und Die Artikel 15, 18 bis 23 im wesentlichen in der Fassung der Regierungsvor'.age angenommen.

Erhöhung der

Leistungen d-r Znvaiidenverficherurrg.

Berlin, 14. März (Prio.-Tol.) Der Sozial- Politische Ausschuß des Reichstages überwies einen Entwurf Der Reichsregierung zur speziellen Vorbe­ratung an seinen Unterausschuß, der in der Inva­lidenversicherung den Steigerungsbetrag für die vor der Inflation zurückgclcgten Beitrags- Zeiten im Reichsdurchschnitt um 4 0 Prozent er­höhen will. Die dadurch entstehende jährliche Mehr- ausgabe von ungefähr 100 Millionen will das Reich aus eigenen Mitteln tragen und von einer Beitragserhöhung deshalb absehen, weil sonst, wie Ministerialdirektor Grieser vom Reichsarbeits­ministerium hervorhob, die Lohnerhöhungen der letzten Zeit illusorisch würden. Die Invaliden­renten würden in den Städten um monatlich 6 bis 8 Mark erhöht werden. Auch für die Hinge» stelltenoersicherung ist ein analoges Vor­gehen geplant.

Tarisverhandlungeu der Reichsbahn.

Berlin, 13. März. (Wolff.) Zur Vermei­dung einer Gefährdung des Arbeitsfriedens hatte Die Deutsche Reichsbahngescllschaft Den Rcichs- arbeitsminister um Die Einleitung eines Schlich- tungsversahrens in ihrem Lohnstreit n it Den Tarllgewerkscha ten ersucht, well Die Reichs­bahngesellschaft Den sehr weitgehenden Forde­rungen der Gewerkschaften gegenüber eine ab­lehnende Stellung einnahm. Aus Anregung des Reichsarbeitsministers ist heute nochmals mit den Gewerkschaften über deren Forderungen ver­handelt worden. Da beide Teile von ihrem frü­heren Standpunkt trotz eingehender Erörterung aller Gesichtspunkte nicht abgingen, kam eine Verständigung nicht zustande. Die Deutsche Reichsbahn hat deshalb ihren Antrag auf Einleitung eines Schlichtungsverfahrens wiederholt.

Oberheffen.

Landkreis Gietzcn.

5 Allendorf a. d. Lumda, 14. März. Im An­schluß an Die Rotiz imGieß.Anz." betr. Beobach­tung von Kiebitzen in Gießen, ist zu berichten, daß auch hier und im benachbarten Treis am Sonntag eine Schar dieser Vögel gesehen wurde.

'Oppenrod. 14. März. Dee älteste Ein­wohnerin unseres Ortes, Frau Henriette Bender, beging dieser Tage im Kreise ihrer Angehörigen ihren 8 9. Geburtstag. An Der Feier nahmen 5 Kinder, 23 Enkel und 17 Hrentel Der Frau teil. Die Greisin erfreut sich noch bester körperlicher und geistiger Rüstigkeit.

i. Ettingshausen, 14. März. Wieder hat die Arbeit in Der Steinindustrie der hie­sigen Gegend zu einem schweren Unglück geführt. Diesmal war der Schauplatz des Hn- heils Der hiesige, von Der Firma Launspach L Co. betriebene S t e i n b r u ch. Der 42jähr ge Hermann Vogler und Der 17jährige Otto Vlei von hier wollten, währenD Die übrigen Ar­beiter beim Mittagessen waren, ein Schußloch l a D e n , um nachher eine Sprengung aus­zuführen. Bei Diesen Ladearbeiten entzün­dete sich die Ladung. Der Schuß schlug zurück und verletzte beide Arbeiter. Otto Blei trug schwere Kopfverletzungen davon. Die Die Augen in Mitleidenschaft zo-

nung zu erzeugen. In Hnterßaiionen soll Dann Der elektrische Strom auf ArbcitLspannungen von 16 000 Volt umgeformt werden. Falls es aber nicht möglich fein wird, Die ganze Strecke sofort elektrisch zu bauen, sollen in Der Hauptsache Lokomotiven mit Dieselmotoren Verwen- Dung finDen, Da man für Diese Maschinen nur wenig Wasser braucht, unD das Pflanzenöl, Das als Verbrennungsstofs benutzt werben kann, im Lande selbst hergestellt WirD. Obwohl also nur ein geringer WasserbeDarf vorhanDen ist, finD Die Baukosten im Wüste, gebiet ziemlich hoch, unD Da Die Ocfamtftrede Der neu zu erri.ßtenben Bahnen ungefähr 3000 Kilometer lang ist, wirD man für ihren Bau, nach einem vorläufigen Kostenanschlag 450 Millionen Gold- franken auftocnDch müssen. Aus Dem fran­zösischen BuDget finD solche Summen zur Zeit nicht abzuzweigen, unD es lag Daher nahe, einen Teil Der Deutschen S a ch l i e f e r u n g e n für Diesen Zweck zu verwenDen. Aehnliche Lie- ferungsveriräge sinD in Der letzten Zeit schon zwischen anDeren französischen Kolonialgebieten unD Deutschen Firmen abgeschlossen toorDen. So hat man Deutsche Firmen zum Bau einer Bahn von Der Ostküste MaDagaskars nach Betsilöo unD zur Errichtung einer Eisenbahnlinie in Jndo- china herangezogen. Auch für einige Bahnbauten in Französisch-Westafrika. Die insgesamt 22 Mil­lionen Mark kosten sollen, sind Deutschen Firmen Aufträge ertellt toorDen. Frankreich versucht auf Diese Weise, einen großen Teil Der Sachliefe­rungen auszunutzen, zu Denen DeutschlanD nach Dem Datoesplan verpflichtet ist. In Den kom- menDen Jahren wird Frankreich nämlich jedes Jahr 800000 Millionen Mark Der Re- parationszahlungen in Form von Sach­lieferungen erhalten. unD es ist ganz unmöglich, Daß das europäische Gebiet unseres westlichen Rachbars so gewaltige Sachlieferungen ohne schwere Schädigung seiner eigenen Wirtschaft ent­gegennehmen kann. Daher ist es verständlich, daß Frankreich Den Versuch unternimmt. Den Dawes­plan DaDurd) zu retten. Daß es mit Hilfe Der deutschen Leistungen sein Kolonialgebiet aus­baut und wirtschaftlich toeiterenttoidelt

Die Sahara-Dahn soll mit Der Rormalspur von 1,44 Meter gebaut werben, und es wird also möglich sein, nach ihrer Fertigstellung im europäischen Salonwagen Die Wüste äu durch­queren. Die Oase Biskra, die man bisher mit

einem recht bequemen Zuge von Algier aus erreichen konnte, wird also bald mit anderen Oasen in Wettbewerb treten, und viele reiche Leute Rordeuropas werden einige Wintermonate im Innern der Sahara verbringen. Denn dieses regenarme Gebiet nur alle zwölf bis dreizehn Jahre fällt einmal Riederschlag dieses Land ewigen Sonnenscheins weist auch an Winter­tagen Temperaturen von 25 bis 30 Grad auf. Hnangenehm sind allerdings die großen Temperaturschwankungen: kann es doch geschehen, daß nachts das Thermometer bis auf zwei Grad unter Rull sinkt. Ein Wärmeunter­schied von dreißig Grad zwilchen Tag und Rächt ist eine alltägliche Erscheinung, doch sind auch Temperaturstürze von 60 bis 70 Grad zu be­obachten. Denn im Sommer kommen in der Sahara bei glühendem Sonnenbrand Tempera­turen von 45 Grad im Schatten und 65 Grad in der Sonne vor. und selbst in dieser Jahres­zeit herrscht nachts zuweilen Frost. Sogar im bequemen Salonwagen wird also die Durch­querung der größten irdischen Wüste nicht ganz angenehm sein, und es mag den zukünftigen Reisenden überraschen, wenn er bemerken wird, daß fein Schlafwagen nachts geheizt werden muß.

In erster Linie wird die neue, von deutschen Firmen zu bauende Bahn. Die übrigens als längste und schwierigste Wüftenbahn ein tech­nisches Wunderwerk sein wird, natür­lich wirtschaftlichen, strategischen und politischen Zwecken dienen. Aber auch Vergnügungsreisende, Die nicht Angst vor tropischer Hitze und nächt­lichem Frost haben, werben auf ihre Kosten kommen. Sie werben Die Oasen besuchen. Die nicht etwa kleine Flecken im ungeheuren Meer Der Wüste, sondern große Palmenhaine von Der AusDehnung ansehnlicher Deutscher WälDer find. unD in Denen es prächtige Raturerscheinungen zu beobachten gibt. Ist Doch Die Atmosphäre so trocken, Daß sie stets bis in große Höhen mit feinem Staub erfüllt ist; in Dieser Dunstschicht flimmern am Tage Die Sonnenstrahlen tn selte­nem Glanz, unD wenn Die Sonne unter Den Horizont gesunken ist, entstehen Dämmerungs­erscheinungen in den glühendsten Farben vom krassesten Gelb bis zu überaus leuchtendem Rot eine Pracht, wie sie sonst nirgendwo auf der Erde vorkommt.