Nr. 59 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffe»)
Mittwoch. 15. Zebruar 1928
Gießener Stadttheater.
Edgar Wallace: „Der Hexer".
„®a$ verehrliche Publikum wird höflich gebeten, zur Aufrechterhaltung der außergewöhn- lichen Spannung, die diesem Stück innewohnt, und im Interesse der späteren Besucher Stillschweigen über die Lösung zu bewahren." Wir haben diesen Vermerk, der im Interesse nicht nur der Besucher, sondern auch der Theaterleitung liegt, auf dem Programmzettel vermißt. Fast alle Bühnen, welche diese famose Kriminalkomödie bisher aufgeführt haben, baten in der angedeuteten Form um Diskretion, um den anderen, die auch hingehen wollten, den Spaß nicht zu verderben. Wer also da war und Be- scheid weih, der zwinkere nur mit den Augen, wenn das Gespräch auf den „Hexer" kommt — und in jeder größeren Gesellschaft wird das Gespräch unfehlbar darauf kommen, wenn nur einer von fünfundzwanzig im Theater war — zwinkere diskret, lächle höflich und wissend, zucke gleichwohl mit den Achseln und empfehle jedermann, sich selber ein Urteil zu bilden. Diese Geschichte ist spannender als ein Sechstagerennen und aufregender als ein Großkampfabend im Sportpalast, und wer schreckhaften Gemütes ist, kann hier in allen drei Akten das Gruseln lernen.
Der geplagte Referent hat es heute abend verhältnismäßig gut: er braucht mal nicht von vorn bis hinten zu erzählen, was los ist, und warum das so ist, und wie das überhaupt zugeht. Alle Kritiker, die es betraf, haben es bisher als ihre verdammte Pflicht und Schuldigkeit angesehen, wider jedes Herkommen den Mund zu halten und nichts zu erzählen. Der Fall ist selten: im Interesse des Publikums und der Theaterleitung — siehe oben! — vielmehr höflich zu grinsen, diskret zu zwinkern, mit aufrichtigem Bedauern die Achseln zu zucken: wir wissen von nichts. Rein gar nichts wissen wir. Wer etwas wissen will, muß sich schon selber, bemühen. Die nächste Vorstellung ist in aller Kurze. Hereinspaziert, meine Herrschaften!
Lieber Leser, insonderheit geneigte Leserin: nicht wahr, Sie sehen ein, es geht nicht anders! Wo doch die Leute in den Pausen mit dem Personenverzeichnis in der Hand gruppenweise die Köpfe zusammen stecken und wie besefsc.. raten, wer der verdammte Hexer ist. Spannender als ein Kreuzworträtsel! Was sag' ich: Kreuzworträtsel — da ist wenigstens ab und an mal was
Oer hessische Staatsvoranschlag für 1928.
Don Or. Fritz Niepoth, Bürgermeister der Stadt Schlitz, M. d. L Als der Staatsvoranschlag für das Rechnungsjahr 1927 — abschließend mit einem Ausgabebetrag von 124,8 Millionen Mark — vorgelegt wurde, da hat mancher oberflächlicher Beurteiler aus der Tatsache, daß der Voranschlag 1926 mit 126,8 Millionen Mark, also 2 Millionen mehr, Ausgaben aufgewiesen hatte, die Hoffnung geschöpft, daß der Kulminationspunkt auf der Ausgabenseite glücklich überschritten sei und daß man nach und nach die öffentlichen Lasten auf ein für die Leistungsfähigkeit der Gesamtwirt, schäft erträgliches Matz herabdrücken könnte. Schon damals habe ich mit Rachdruck davor gewarnt, sich falschen Hoffnungen hinzugeben und nachgewiesen, das; die Ausgabeverminderung nur eine scheinbare sei, hervorgerusen durch eine veränderte D u ch u n g s a r t, die heute im einzelnen zu erläutern wohl ohne Interesse sein dürfte. In Wirklichkeit waren schon bei Vorlage des Budgets die Ausgaben des Rechnungsjahres 1927 um 2 Millionen Mark höher wie die des Vorjahres, ein Betrag, der sich nach Abschlutz der Budaetberatungen um weitere 6,4 Millionen Mark erhöhte. Die veränderte Duchungs t e ch n i k des Voranschlags 1927 mag vom sachlichen Standpunkt aus der vorher gebräuchlichen vorzuziehen sein, falsch war es jedenfalls, sie in dem Augenblick anzuwenden, als seitens des Finanzministers das größte Interesse bestand, die Gesamtausgaben möglichst gering erscheinen zu lassen und damit den Verdacht zu erwecken, als habe man mit einer gewissen Unkenntnis mancher Kritiker gerechnet.
Der Etat des Rechnungsjahres 19 28 bringt zunächst ein weiteres Anwachsen der Ausgabeziffern von 131,2 auf 139,2, also um 8 Millionen Mark und zeigt damit, in welch außerordentlichem beängstigenden Ausmaß sich die Ausgabesteigerung sortseht. Loyalerweife muß allerdings bemerkt werden, daß etwa 75 Prozent der Ausgabesteigerung, das sind 5,9 Millionen Mark, auf den für die Besold ungserhö- hung eingesetzten Pauschbetrag entfällt und daß auch mindestens von einem Töil der Opposition die Zwangsläufigkeit dieses Ausgabepostens anerkannt wird. Diese notwendige Feststellung darf aber nicht zu der Annahme verleiten, daß der Mehrbedarf gegenüber 1927 nur 8 — 5,9 — 2,1 Millionen Mark betrüge. So günstig liegen die Dinge nicht. Genau wie in 1927 haben sich in Kapitel 10 wiederum nur durch eine veränderte Duchungsart (Uebernahme der Rechnungsvorschriften des Reichs) die Ausgaben um 1,5 Millionen äußerlich vermindert, dazu kommt, daß infolge der ..Hefrag"gründung die im 1927er Voranschlag für das Kraftwerk Wölfersheim vorgesehenen Ausgaben etwa 1,3 Millionen in Wegfall kommen. Mit anderen Worten, auch der Voranschlag 1928 hat wiederum ohne den Mehrbedarf für Deamtenbesoldung eine Ausgaben st eigerung von 4,9 Millionen Mark gebracht. Das beweist aufs neue, daß das bisherige System der Regierung, wirkliche Ersparnisse zu erzielen, gründlich versagt hat und daß andere Wege gegangen werden müssen.
Diese Wege im Rahmen des vorliegenden Aufsatzes im einzelnen zu behandeln, würde zu weit führen. Rur so viel soll gesagt werden: Der auch von mir und meinen Parteifreunden erstrebte Einheitsstaat und der leider fast zum Schlagwort gewordene Ruf nach Verwaltungsreform werden so lange kein Allheilmittel fein, als nicht der ernste Wille besteht, durch Abstoßung überflüssiger Staatsaufgaben und im besonderen durch systematische ^Übertragung möglichst vieler Aufgaben von den Zentralbehörden an die Lokalstellen eine wesentliche Vereinfachung der Staatsverwaltung durchzuführen. ________
H<rnd In Hand mit der Steigerung der Aus- gabeziffern geht leider auch die Vergrößerung des voranfchlagmäßigen Fehlbetrags von 0,5 Mill. Mark in 1927 auf 11.2 Mill. Mark in 1928. Wenn man sich der inspirierten Pressenotizen im vorigen Frühjahr erinnert, in denen triumphierend daraus hingewiesen wurde, daß es gar keines besseren Beweises bedürfe, um die seinerzeitigen Berechnungen der Opposition ad absurdum zu führen, als die Vorlage eines Etats mit einem Fehlbetrag von nur l/* Mill. Mark, dann allerdings mühte ein Fehlbetrag von 11,2 Mill. Mark heute direkt alarmierend wirken. Für jeden Eingeweihten kam allerdings das Eingeständnis eines derartigen Fehlbetrags nicht so überraschend, denn schon vor einem Iah re lag der schwache Punkt der Beweisführung des Finanzministeriums. für jeden der lesen konnte und wollte, klar zutage.
In der dem Voranschlag 1927 beigegebenen Denkschrift '.rnr nachstehendes Schema enthalten:
1925
1926
1927
Er-
geschätztes Er-
Bor-
gebnis gebnis anschlag in Millionen Mark
Deckpng aus Ucberschüssen
früherer Jahre
1,5
7,0
2,0
aus Beihilfe des Reichs
—
5,2
5,0
ungedeckt
—
—
0,5
Ueberfchuß am Ende
des Jahres
9,0
2,0
—
Daraus ergab sich: Hm aus politischen Gründen ein möglichst günstiges Ergebnis ausweisen zu können, Mußte man 1927 die Beihilfe des Reichs, die doch nur versuchsweise gegeben war, als Zuschuß einsehen, man mußte ferner einen ile6crfd)ufj des Rechnungsjahres 1926 für 1927 ctatifieren, trotzdem damals für 1926 überhaupt n o ch kein Abschluß vorlag. Schon damals habe ich gegen derartige „Kunstgriffe" Einspruch ergeben. Heute gibt man mir recht. Formell dadurch, daß man gar nicht daran denkt das noch nicht vorliegende Ergebnis des Rechnungsjahres 1927 für den Voranschlag 1928 zu verwerten: Mate riell dadurch, daß das Rechnungsjahr 1926 nicht, wie angenommen, einen für 1927 verfügbaren Ueberschuß von 2 Mill. Mark, sondern einen Fehlbetrag von 7,47 Mül. Mark ausweist. Dieses Ergebnis muß aber auch die Rechnung von 1927 auf das Empfindlichste berühren und zeigen, daß der auf dem Papier errechnete Fehlbetrag für das Rechnungsjahr 1927 in Höhe einer halben Million nur eine Fiktion war, die der rauhen Wirklichkeit nicht stand hielt.
Boshafte Kritiker haben der Rachweisung auf Seite 4 der Denkschrift des Finanzministeriums zum Voranschlag 1928 entnommen, daß sich folgender Gesamtfehlbetrag ergäbe:
1926 7,47 Mill. NM.
1927 11,50 Mill. NM. (7,3+ 4,2 für Mehrbesoldung)
1928 11,20 Mill. NM.
zus. 30,17 Mill. NM., daß wir also nach Meinung des Finanzministeriums wieder etwa so weit wären, wie vor dem Volksentscheid.
So verlockend eine solche Rechnung für ein Mitglied der Opposition auch fein mag, ich will mir diese Beweisführung, deren ziffernrnätzige Richtigkeit nicht bestritten werden kann, nicht zu eigen machen. Das eine aber muß wiederholt gefordert werden: Ein Voranschlag muß ein objektives Bild geben, er darf nicht so frisiert fein, wie man es aus politischen Gründen gerade für richtig hält. Ein solches Verfahren schafft nur Verwirrung und mutz auch bei den in Betracht kommenden Reichsstellen nicht gerade angenehm wirken.
Ob ich nun von dem voranschlagsmätzigen Fehlbetrag für 1928 mit 11,2 Mill, oder der Summe der ungedeckten Fehlbeträge der Iahre 1926 bis 1928 ausgehe, niemand wird — bei aller Anerkennung der Verpflichtung des Reichs, helfend einzuspringcn — den Ernst der Finanzlage Hessens verkennen. In der Denkschrift des
richtig. Hier hat jeder einen anderen Ramen am Wickel, und jeder einen falschen. Der Referent, der ganz zufällig, aber aus bester Quelle den richtigen Tip besah, hatte gestern abend ein schönes Stück Geld gewinnen können, wenn er feine totsichere Wette Perfekt gemacht hätte. Aber man ist ein Kavalier. Unb verzichtet auf den schnöden Mammon.
Zeitungsausschnitte, Plakate. Steckbriefe verkleiden abenteuerlich den Bühnenrahmen: Mord! Der Hexer! Belohnung! Wer ist der Mörder, der hexen kann, den man jagt und sucht und nicht findet, weil er seine Gestalt wandelt und bald hier, bald dort auftaucht, während man kaum weiß, ob er lebt ober schon gestorben ist? Die Szene wechselt zwischen nüchternen Polizeiquartieren und einem Hause, in dem es nicht geheuer ist': einem Hau e mit vergitterten Fenstern, mit verborgenen Türen, mit geheimnisvollen Lichtzeichen unb unheimlichen Geräuschen. Hnb für den verzweifelt Gesuchten hat man die Auswahl unter zwei Detektiven, einem Sträfling, einem Rechtsanwalt, einem Polizeiarzt unb noch etlichen andern Personen männlichen unb weiblichen Geschlechts. Kombinationen bilden sich, verwischen sich, verdichten sich, müssen aufgegeben Werdern Derbachtsgründe häufen sich, ohne daß man sie auf einen der Mitspielenden zu sammeln vermag. Eigentlich ist zuletzt kaum noch einer da, der nicht verdächtig ist. In der allerletzten Szene, blitzschnell, völlig überraschend, jede Voraussicht überrumpelnd, kommt die Lösung. Darauf beruht die faszinierende Wirkung dieses Stückes, über dessen Inhalt nun an dieser Stelle schlechthin nichts mehr zu sagen ist.
Die Komödie, so raffiniert sie gebaut ist, hat übrigens auch einige nicht ganz feste Stellen unb etliche Angriffspunkte. Die liegen aber so unauffällig, daß jebe halbwegs gewitzte Regie leicht darüber hinweg spielt. Das Ganze ist so beschaffen, baß der Spielleiter kaum etwas anderes zu tun hat, als den Zuschauer, dessen Phantasie und Reugier schon in den ersten Auftritten angeregt und gefesselt wird, bis zum Ende gewissermaßen nicht mehr aus den Händen zu lassen. Für die Stimmung des Schauplatzes muh der Theatermann sofort instinktmäßig die Witterung haben. Unb die Rollen müssen geschickt beseht werden: hier kann man nämlich in der szenischen Wiedergabe leicht etliches verderben.
Die Ausführung, die T a n n e r t herausbrachte, war im Sinne des eben Gesagten exakt, intet»
Reichssparkommissars, der feine Tätigkeit von neuem ausgenommen hat, werden ja wohl praktische Vorschläge gemacht werden. Vorschläge, deren Durchführung hoffentlich nicht nur den Fehlbetrag des Haushalts beseitigt, sondern auch die Möglichkeit gibt, die selbst nach Ansicht des Finanzministeriums bis zum äußersten angespannte Steuerschraube zu lockern.
Was die E i n n a h m e s e i t e des Budgets anlangt, so ist festzustellen, daß das Steuer- Erträgnis sich insgesamt auf 83,4 Mill. Mart beläuft, gegenüber 80,7 Mill. Mark in 1927. Der Unterschiedsbetrag von 2,7 Mill. Mark gibt jedoch infolge der veränderten Buchungstechnik auf die ich oben schon aufmerksam machte, ein falsches Bild. Tatsachlid) sind die Anteile an Reichssteuern mit 3,6 Mill. Mark höher eingesetzt, während von „Landessteuern und indirekten Auflagen" Grunderwerbssteuer unb Stempelgebühren mit einem Mehr von zirka 600 000 Mark erscheinen. Die „berichtigten" Mehr- cingänge betragen also 4,2 Mill. Mark. Ob die Anteile an Reichseinkommen- unb Körperschaftssteuern in ber veranschlagten Höhe von 34,6 Millionen eingehen, darüber bestehen, wie die Reichstagsdebatten bctoci en, mancherlei Zweifel: dock) wirb man dem hessischen Finanzministerium keinen Vorwurf machen dürfen, wenn die Vor- anschlagssummen des Reichs für die Errechnung der he, fischen Qlntcile zugrunde gelegt wurden. Die ertragreichste, allerdings auch die drückendste unb unbeliebteste Laubes st euer ist nach wie vor die Sondersteuer vom bebauten Grundbesitz mit einem Aufkommen von 28 Mill. Mark, wovon 12 Millionen für Förderung der Reubau- tätigkeit und 12,3 Mill, für Zwecke des allgemeinen Staatsbedarss verwandt werden. Solange bas jetzige, m. E. verfehlte, System der Woh- nungszwangswirtschaft (ich verstehe unter Woh» nungszwangswirtschaft je ht nicht die Mieter- schutzgesehe) noch aufrecht erhalten wird, muß der Staat dem Baumarkt einen Teil ber notwendigen Kapitalien als verbilligte Baubarlehen zur Verfügung stellen. Es fragt sich nur, ob biefe Mittel durch Erhebung ber Sondersteuer in der jetzigen Form aufgebracht werben müfsen: benn eS besteht doch kein Zweifel, daß der Staat hier mit ötcuercrträgniffen Vermögenswerte schafft, ein Verfahren, das in ber Wissenschaft anerkanntermaßen als falsch angesehen wird. Cs ist hier bei Besprechung des Voranschlages nicht Zeit und Ort, das Problem des Wohnungsbaues erschöpfend zu behandeln. Wenn aber in der Denkschrift des Finanzministeriums zum Ausdruck kommt, daß der Staat nicht mehr in der Lage ist, Beamtenhäuser zu bauen ober Beamten sog. Arbeitgeberbarlehen zu gewähren, wenn weiter vor kurzem mitgeteilt wurde, daß für verbilligte Daudarlehen nur ein Bruchteil ber im Rechnungsjahr 1927 bereitgestellten Mittel zur Verfügung stehen, bann wird man sich erneut fragen müssen, ob man bisher nicht falsche W e g-e eingeschla- gen hat.
Wie schon bemerkt, hat sich das voranschlags- mähige Aufkommen an Sondersteuer nicht geändert: gleich geblieben sind auch die Erträgnisse der Grund- und Gewerbesteuer mit je 7,2 Mill. Was letztere Steuer anlangt, wird man jetzt, nachdem das Steuervereinheitlichungsgesetz im Reichstag nicht verabschiedet wurde, endgültige Veranlagung schon für Rj. 1927 auf gerechter Grundlage verlangen müssen.
Zusammenfassend kann ich nur wiederholen, daß die Finanzlage Hessens keine rosige ist, und es wird der Zusammenfassung aller verantwortungsfreudigen Kräfte bedürfen, um aus dieser Lage einen Ausweg zu finden. Ob es aber in abfehbarer Zeit zu einer solchen Zusammenfassung kommt, dazu besteht nach den Ereignissen der letzten Wochen kaum Hoffnung.
Sprechstunden der Redaktion.
12 bis 1 Uhr mittags, 5 bis 7 Uhr nachmittags. Samstag nachmittag geschloßen.
effant und von frappanter Schlagkraft: vielleicht kann an einigen Stellen im Tempo noch etwas zugelegt werden: dein Zuschauer darf in der Szene selbst möglichst gar nicht Zeit gelassen werden, in Kombinationen abzuschweisen, ine mit großer Wahrscheinlichkeit ohnehin falsch sind.
Im Ensemble sah man lauter gute, ausgearbeitete Leistungen: wir nennen nur einige Ramen: Dolck, als Dizeches der Polizei von Scotland Darb, in einer eminent englischen Maske: B a st 6, ber mit erheiternder Drastik und bernerlenswerter Einfühlungsgabe einen ziemlich schweren Iungen mimte (für harmlose Anfänger: das ist der Hexer nicht!): Tannert gab dem Polizeiarzt viel trockenen Humor und nonchalantes Engländer- tum: Teleky spielte einen höchst verdächtigen Rechtsanwalt, aus dem man zunächst nicht ganz klug wird: Alix Krahmer, eine Dame, von der man ebenfalls nichts Genaues weiß, sah sehr apart aus: auch Gefsers, Schubert, Scherer, Hennig unb Gehre wirkten recht angenehm.
Es war ein großer Erfolg. Hrtb er wird umso nachhaltiger fern, je weniger vorzeitig aus der Schule geplaudert wird. Dr. Th.
Landwirte der Steinzeit.
Man ist im allgemeinen geneigt, anzunehmen, die Menschen bet Steinzeit seien Säger ober allenfalls Viehzüchter gewesen, aber nicht seßhafte ßanbbebauer. Das trifft indessen keineswegs überall zu: im vorkolumbischen Amerika gab es Indianerstämme, die eine sogar verhältnismäßig hochentwickelte Landwirtschaft besaßen. Es sind dies die sogenannten Eliff-dwel- lers, die Höhlenbewohner, die ihren Ramen von der Gewohnheit erhielten, ihre Behausungen unter Benutzung der natürlichen Felsenhöhlen anzulegen. In Arizona unb Rew Mexiko finden wir noch heute ganze wohlerhaltene Ortschaften und burgenähnlich ragende Bauwerke. Die Zeit dieser Höhlenbewohner liegt etwa 2000 bis 4000 Iahre hinter ber heutigen zurück. Sie kannten kein Metall, hatten keine Haustiere außer dem Truthahn und übten keine Iagd aus: dagegen verstanden sie das Dauhandwerk, die Weberei unb Flechterei vorzüglich. Die Anlage ihrer Wohn» plähe an schwer zugänglichen Orten erklärt sich durch Verfolgungen seitens stärkerer Romaden flämme. Diese abgelegenen Feifentäler aber sind gerade zur Landwirtschaft wenig geeignet; ihre
Oie Aoistandsattion für den oberen Vogelsberg.
Don Ernst August SLeinmann, Fortbildungsschullehrer, Herchenhain.
In der Oesfentlichkeit ist in der letzten Zeit wenig ober nichts von der Rotstandsaklion für den oberen Vogelsberg zu hören gewesen. Das besagt aber nicht, daß in dieser Zeit die Rotstandsvertretung untätig die Hände in den Schoß gelegt hätte. Wohl war ihr daS Arbeiten wegen der unsicheren politischen Verhältnisse in Hessen, wie Fehlen einer verantwortlichen Regierung, drohen e Landtagsauflösung usw. äußerst erschwert. Dies ist auch der Grund, weshalb sich der erfolgreiche Abschluß der Rotstandsat.ion solange hinausgezögert hat. Die Vorarbeiten sind Wohl nun ziemlich re tlos durchgeführt. So sanden im Ianuar Besprechungen und Verhandlungen mit dem Finanzministerium und dem Ministerium für Arbeit und Wirtschaft in Darmstadt statt. Aus leicht verständlichen Gründen kann über das Ergebnis der Verhandlungen mit dem Finanzminister nm vorläufig nid)ts berichtet werden. Es dürste dies auch weiter nicht notwendig fein, da die Landwirte des Rotstandsgebietes das Ergebnis selbst mitgeteilt bekommen werden. Rur so viel fei gesagt, daß damit ein wesentlicher Teil unserer Forderungen für die augenblickliche Hilfe erreicht sein bürf.e. Das Minister.um für Arbeit und Wirtschaft glaubte uns bis jetzt nur bestimmte Aussicht auf Verlängerung des restlichen Rotstandskredites aus 1 9 2 4 geben zu können. Bezüglich der (Saat- gutbeschaff ung wurde uns nach eingehender Prüfung des übergebenen Materials wirksame Unterstützung, allerdings unter Hinweis auf die angespannte Finanzlage des hessischen Staates zugesagt. Als nun der Landtag die Regierungsvorlage über die Unterstützung der Hagelgeschä- digten mit verschiedenen Zusatzanträgen zur späteren Beratung zurückgestellt hatte, entschloß sich die Rotstandsvertretung, selbst einen zweckdienlichen Antrag zur Behebung der Unwetterschäden im oberen Vogelsberg an den hessischen Landtag einzubringen. In diesem Antrag wurde als Beschluß des Landtages gefordert:
1. Das Gebiet des oberenVogelsberges, bestehend aus den Orten Herchenhain, Breungeshain, Rebgeshain, Sichenhausen, Feldkrücken, Eichelhain, Rudingshain, Lanzen- hoin, Engelrod, Hartmannshain, Ulrichstein, Helpershain, Kölzenhain, Kaulstoß, Busen- born, Volkartshain, Hörgenau, Bermuthshain, Stumpertenrod, Eichenrod, Michelbach, Ober-Seemen, Ilbeshausen, Vaitshain, Burkhards, Schotten, Eichelsachsen, Crainfeld, Banneros, Dirlammen, Grebenhain, Ober- Moos, Eschenrod, Wingershausen, Götzen, Betzenrod, Herbstein, Matches und Ober- Seibertenrod wird als Aotstandsgebiek erklärt.
2. Der Rotstandskredit auS 192 4 toirb verlängert, und es treten weitere Steuerermäßigungen ein.
3. Zur Beschaffung von Saatgut werden auf Grund eines von der Rotstandsvertretung aufgestellten und von der Regierung! geprüften DerteUungSplanes 203 196 Rm. zur Verfügung gestellt.
4. Um die Umstellung der landwirtschaftlichen Betriebe von Ackev* bau auf Viehzucht zu ermöglichen, werden Staatsmittel zur Durchführung der Feldbereinigung als Grundlage und Vorarbeit für die Aufstellung und Bearbeitung eines aus wirtschaftlichen Erfahrungstatsachen begründeten Generalkulturplanes für Den oberen Vogelsberg bereitgestellt. Die Regierung wird um baldige Vorlage eines solchen Generalkulturplanes ersucht.
Weiterhin hielt es die Rotstandsvertretung für unbedingt erforöerlid), sämtliche politische Parteien auf diesen Antrag aufmerf-
Dewohner müssen also diese Kunst bereits mitgebracht haben, als sie sich hierhin zurückzogen, mußten aber hier viel dazu lernen. In der Rähe der Wohnplätze, von denen sie sich nicht weit entfernen dursten, gab es kein fliehendes Wasser, nur in der kurzen Regenzeit schoß ein rauschender Strom durch das steinige Flußbett. Aber ein anderer Umstand kam den Leuten zugute: unter einer Schicht Sandstein liegt Schiefer: wo diese Schichtung am steilen Talrand angebrochen erscheint, sickert ständig Wasser heraus, Regenwasser, das gleichsam durch einen natürlichen Filter geht und völlig rein ist. Dies Wasser auszufangen, haben die alten Indianer überall Becken in die Felsen gehöhlt und so die Möglichkeit einer künstlichen Bewässerung geschaffen, ohne die jede Landwirtschaft unmöglich gewesen wäre. Wo keine Seitentäler münden, wurden außerdem Hunderte von Terrassen angelegt, um das dort nicht so stark strömende Regenwasser direkt auszu- nuhen. Schließlich lernten sie auch, Wasser in großen steinernen Gefäßen aufzubewahren. Die Pflanzungen dieser Urbauern bestanden in Bohnen und Getreide: von letzterem hat man in einem Silo Reste gefunden, die nach den Ermittlungen des Superintendenten Iesse Rußbaum mindestens 2000 Iahre alt sind und einer noch heute im Südwesten kultivierten Getreideart mit kleineren Aehren und dicken Körnern gleicht, die nach Luther Burbank von dem Wildgras Tiosente herstammt. Man pflanzte die Saatkörner zu mehreren in ein Loch, um durch die enge Stellung der Pflanzen größeren Dlattschatten zu erzeugen, unter dem sich der Boden feucht hielt, wie das heute noch in jener Gegend geschieht. Während des Sommers flochten die Frauen große Körbe, die Männer bauten in der Rähe der Siedlung geräumige fteineime Vorratsräume, und nach der Ernte wurden die Körner in die Körbe getan, diese durch eine mit Lehm verllebte Steinplatte geschlossen und in den Dorratsraum gestellt, und schließlich dessen Tür ebenso durch verkittete Steinplatten geschlossen. In diesen Silos, gesichert gegen Rässe, Ragetiere und Insekten, hielt sich die Ernte lange Zeit hindurch. Diese Vorsicht war notig, weil bei der geringen Regenmenge mancher Iahre auf fünf Aussaaten zwei Mißernten kamen — wie heute, denn die Ratur ist die gleiche geblieben. Von den Menschen aber, die so einst mutig den Kampf mit einer feindlichen Ratur aufnahmen, wissen wir nichts mehr, kein Rame, kein Wort ihrer Sprache ist erhalten.


