Mtag, 14. Dezember 1928
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)
Nr. 294 Drittes Blatt
Turnen, Sport und Spiel.
Turngau Hessen O. T.
2. Bezirk.
. . 0 — Der 2. Bezirk (Gießen-Wehlar-Grün* fcra) hielt am Soantagvormittag zu Gießen in der Turnhalle des Tv. 1846 seine zweite planmäßig« Vorturner stunde im neuen Arbeitsjahr ab. Die Turnwarte der Bezirks- Vereine waren sehr zahlreich vertreten. Nach einleitenden Hebungen aus der Körperschule ging der Leiter, Dezirksturnwart Paul Schüler, Wetzlar, zu den verschiedenen Arten der ihn* reihung aus der Stirn- und Flankenreihe über und behandelte anschließend In breiter Aufstellung die drei Gruppen der allgemeinen Freiübungen, wie sie für die nächstjährigen Veranstaltungen des Gaues vom Turnausschuß verbindlich erklärt worden sind. Die Hebungen für das Wintergerätewetturnen bildeten den Schluß. Sie sind von Gauoberturnwart W. Will, Gießen, und dem Gauwart für das Männerturnen, Martin Textor, Marburg, zu- sammengeftellt und wurden riegenweise mit Gerätewechsel eingehend behandelt. Die Hntertoci- sungen wurden im einzelnen geleitet von dem 2. Dezirksturnwart Karl Reuter, Tv. 1846, Gießen, von den Turnern Ludwig Hebstreit und Arthur Kreiling. Mtv. Gießen. Franz R e u s ch l i n g, Tv. Heuchelheim und Wilhelm Weiß, Tv. Großen-Linden.
Nachmittags schloß sich eine Tagung der Vorsitzenden der DezirkSvereine im Kaufmännischen Beremshaus unter Leitung des Bezirksvertreters. Hniversitätsoberinspettor W. Erle. Gießen, an. Der Derwaltungs- bericht für das abgelaufene Jahr brachte yim Ausdruck, daß die Vereine des Bezirks in gau- treuer Gesinnung ihre Pflichten erfüllen. Die Aufspaltung der Turnvereine in mehrere Fach- abteilungen vermehrt zwar die Ausgaben, soll aber deswegen nicht beschränkt werden, solange sie an der gemeinsamen Grundlage der allgemeinen turnerischen Ausbildung mit festhält. Der Turnbericht erkannte an. daß die Vereins- turnwarte die Docturnerstunden des Bezirks fleißig besuchen und lernfreudig bei der Sache sind, so daß dadurch eine gute Schulung im örtlichen Vereinsbetrieb möglich wird. Der 'Bezirk hat eine große Anzahl gut durchgebildeter Turner aufzuweisen, die auch in den Wettkämpfen der übergeordneten Verbände erfolgreich bestehen. bis hinauf zur Deutschen Turnerschaft, wie das Deutsche Turnfest in Köln bewiesen hat. Auch für die Altersturner hat der 'Bezirks- turnwart eine Vorturnerstunde eingerichtet, und ihre Beteiligung an den volkstümlichen Wettkämpfen beim Bezirkssest soll in Erwägung, gezogen werden; die gleiche Anregung wurde für die Frauenabteilungen ausgesprochen.
Das Wintergerätewetturnen hat für Anfang Mär.; der Tv. Heuchelheim übernommen. Dabei werden die Schüler (Dom 12. Lebensjahr und darüber) einen Siebenkampf bestehen müssen aus je einer Pflicht- und Kürübung an Reck, Darren und Pferd, sowie einer Bflichtsveiübung; 92 Punkte berechtigen zum Sieg.
as gleiche gilt entsprechend für die Jugend- Hntersttise (15 und 16 Jahre alt). Gin Äeun- lampf ist für die Jugend-Oberstufe (17 und 18 Jahre alt) und entsprechend für die Sumer* stufe (über 18 Jahre alt) ausgeschrieben. Da hier noch zwei Geräteübung en (Barren und Pferd) dazukommen, sind 120 Punkte die Mindestleistung. Das volkstümliche Wetturnen des Bezirks wird m Lützellinden abgehalten. in Verbindung mit dem Jubiläumsfest des dortigen Vereins.
3um Schluß wurde Dezirksvertreter W. E r l e. Gießen, auf drei Jahre einstimmig wiedergewählt.
Kunst- und Werbeturnen in Großrn-Linden
Morgen Samstag, abends 8 Uhr, veranstaltet der Turnverein Großen-Linden (DT) in feiner Turnhalle ein Kunst- und Werbeturnen. Da einzelne Abteilungen des Vereins sowie die Besten
des Gaues Hessen, wie Turnlehrer S i n n w e l l (Bad-Nauheim), Eckhardt (Nidda), G o « t s ch und Fink (Marburg) und die besten Frankfurter Tur- ner, wie Pfeiffer, Winter und Müller, Mitwirken, verspricht der Abend einen vollen turne- rischen Erfolg. Man beachte die gestrige Anzeige.
Handball-Berbandsspiele
im Männeriurnverein (0. T.)
Die 1. Mannschaft trägt bereits am kommenden Sonntag gegen To. Großen-Buseck das Rückspiel aus. Die Männerturner können nur dann die Niederlage vom letzten Sonntag ausgleichen, wenn sie dem Spiel ernsthaft oorstehen und jeder auf seinem Poften ist.
Die zweite Mannschaft fährt nach W e tz l a r, um gegen den dortigen Turnverein zu spielen Die Aus- sichten für beide Parteien stehen noch offen.
Handball im Turnverein 1846 Gießen.
Die erste Mannschaft spielt am nächsten Sonntag in Marburg. Die Ularburger haben gegenüber dem Vorjahre an Spielstärke eingebüßt, was wohl zum großen Seil an der wechselnden Zusammenstellung der Mannschaft liegt. Trotzdem haben die 1846er keinen Grund, sie zu unter» schätzen: besonders noch, da das Spiel in Marburg stattfindet. Der Sturm muß allen Ernstes sich besinnen und mehr Tore schießen, sonst ist ein Sieg sehr in Frage gestellt.
Handball der E>p.-Dg. 1900.
Die Paulus-Mannschaft in Gießen.
ö. Das zweifellos wichtigste Spiel der Handball- ferie im Lahnkreis kommt am nächsten Sonntag auf dem 1900er Platz zum Austrag. Der als unge- fchlagene Mannschaft die Tabelle anführende V. f. L. Wetzlar steht der mit nur zwei Verlustpunkten folgenden Spielvereinigung gegenüber. Gewinnen die Gäste, so sind sie ohne weiteres Lahnkreismeister. Bringen die 1900er die Punkte an sich, so werden sie, vorausgesetzt, daß ihnen das noch ausstehende Rückspiel gegen Wetzlars 2. Mannscdaft keine Schwierigkeiten bereitet, mit dem D. f. L. punktgleich, und der Meister muß in einem beson- ders anzusetzenden Entscheidungsspiel ermittelt wer- den. Unter diesen Umständen wird es am nächsten Sonntag einen scharfen Kampf um den Sieg geben. Wem er zufallen wird, ist eine offene Sache. Betrachtet man die Mannschaften als Ganzes, so kann man bei den Spieloereinigungsleuten eine größere Einheitlichkeit feststellen. Wetzlar setzt dem einige bessere Einzelspieler, vor allem aber Paulus, gegenüber, der auch als Mannschaftsdirigent äußerst wertvolle Dienste leistet. Die Gießener Hintermann- fchaft wird bei dem gut durchdachten Spiel der Leute um Paulus äußerste Aufmerksamkeit entfalten müssen, während andererseits der 1900er Sturm nur durch ideenreiche, entschlossene Spielweise zu Erfolgen kommen kann.
Das dem Hauptspiel vorangehende Treffen der zweiten Mannschaften wird einen nicht minder spannenden Verlauf nehmen. Wenn sich auch die zweiten Garnituren noch nicht gegenubergeftanben haben, so haben sie dock in den bisherigen Kämpfen den Beweis erbracht, daß sie in ihrer Spielstärke kaum eine Klaffe hinter den Meisterschafts, anwärtern zurückstehen.
Als dritte Wetzlarer Mannschaft wird sich, die 1. Jugend von V. f. L. einfinden. Sie dürfte über die gleiche Elf der Spielvereinigung, wenn auch nach Kampf, Sieger bleiben. 1900s 2. Jugend wird bei dem Wetzlarer Sportverein keine Lorbeeren ernten können, zumal die Wetzlarer den Vorteil des eigenen Platzes genießen.
Handbatt in Gießen.
Universität — Pädagogisches Institut Mainz 8:2 (3:2).
Das Spiel zeigte zwei gleichwertige Mannschaften. Das unerwartet hohe Ergebnis entstand vor allem durch die Durchschlagstraft des Gießener Jnnentrios. das von Außenstürmern und Läufern vorbildlich unterstützt wurde. Schon in der 2. Minute erzielte Mainz, in dessen Reihen
man mehrere bekannte Spieler der Mainzer Turnvereine sah, das erste Tor. dem in der 5. Minute das zweite folgte. Die in neuer Zusammensetzung spielende Gießener Hintermannschaft war zweimal überramit, ehe sie sich ein- spielen konnte. Dann tarn die einheimische Läuferreihe in Form, gab dem langsam auftauenden Sturm Vorlage auf Vorlage, so daß bald der Ausgleich da war. dem kurz vor Halbzeit der Führungstreffer folgte. Mainz hatte sich ftarl ausgegeben. Gießen konnte in der zweiten Halbzeit zeitweise stark drücken, was sich in dem Endresultat zeigt.
Handball im Lahn-Oirnsberg-Gau.
Zur Fortsetzung der Verbandsspiele hat am kommenden Sonntag Wieseck auf eigenem Platze Londorf zum Gegner, und es wird Sieg und Punkte wahrscheinlich den Gästen überlassen müssen. In Allendorf trifft Allendorf auf Kinzenbach. Trotz der hohen Niederlage am vorigen Sonntag gegen Gar- benteid) hat Allendorf immerhin noch Aussichten, das Spiel für sich zu entscheiden, da sie den Vorteil des eigenen Platzes haben.
Handball in Heuchelheim.
Am nächsten Sonntag hat die Erste des Tv. Heuchelheim die gleiche Mannschaft des Tv. Nidda zu Gast. Da Nidda als spielstark betannt ist und das Vorspiel auf eigenem Platze zu seinen Gunsten gestalten konnte, ist mit einem spannenden Kampf um die Punkte zu rechnen.
Zwischenrunde
um den deuischen Handballpokal.
Auf Grund der Ergebnisse der Handballpokal- Vorrunde vom 11. November gibt die Deutsche Sportbehörde für Leichtathletik den Spielplan für die Zwischenrunde am 10. Februar 1929 bekannt. In Frankfurt a. b. Oder bzw. Berlin spielt der Verband Brandenburgischer Athletik-Vereine gegen den Südostdeutschen Leichtathletik-Der- band, in Darmstadt der Süddeutsche Fuhball- und Leichtathletik-Verband gegen den Verband Mitteldeutscher Ballspiel-Vereine. Als Schiedsrichter wurden aufgefteltt Jähnert-Leipzig und Pöthmann-Barmen.
Universität Münster Handballmeister.
Hm die Hochschul-Handballmeisterschaft stan- den sich am Mittwoch nachmittag in Münster die Mannschaften der Hniversi-ät Münster und der Hniversität Köln gegenüber. Beide Mann- fdxiften lieferten sich unter Leitung des Schiedsrichters Boy man n - Münster 08 einen spannenden Kamps. Bei Hall»zeit lagen die Münsteraner mit 1:0 in Führung. Aber gleich nach dem Wechsel konnten die Kölner den Gleichstand erzielen, doch mußten sie sich im weiteren Verlauf des Kampfes noch zwei Tore der Hniversität Münster gefallen lassen, die schließlich mit 3 :1 siegreich blieb und dadurch den Titel eines Hochschul-Ha ndballmeist er errang.
$. E. ^Teutonia" Steinberg.
I. Mannschaft — Garbenteickl 5:2.
I. Steinbach — ll. Jugend Garbenteich 2:2.
Die erste Mannschaft hatte am vergangenen Sonntag die erste Mannschaft von Garbenteich zu Gast. Das Spiel hatte Steinberg völlig in der Hand. Garbenteich mußte zeitweise mit der ganzen ! Mannschaft verteidigen, tim sich vor einer höheren Niederlage zu schützen.
Die zweite Jugend trat in Steinbach gegen die dortige erste Äugend an. Steinberg spielte mit neun Mann und stellte das obige Resultat her.
Ä. f. X Lich.
Die zweite Mannschaft der Licher Rasenspieler trifft am nächsten Sonntag noch einmal mit der zweiten Mannschaft von TeutoniaLaubach zum Punktspiel zusammen, da das erste Spiel nicht genehmigt wurde. Kann Lich sein damaliges Ergebnis wiederholen (1:1), so kann es die Vorrunde mit dem dritten Platz beenden.
Mrischafi.
Bereinigung
der russischen Anleihe-Gläubiger.
Nachdem die ständige Kommission zur Wahrung der Interessen deutscher Besitzer ausländischer Wertpapiere in Berlin dem internationalen Komitee zum Schatze der Inhaber rassischer Anleihen beigetreten ist, haben sich die Häuser Mendelssohn & Co., S. Bleichröder und die Direktion der Diskontogesellschaft in Berlin, die vor dem Kriege eine große Anzahl von russischen Staatsanleihen und staatlich garantierten Eisenbahnobligationen in Deutschland begeben ha, ten, entschlossen, zur Er* leicherung von Maßnahmen, die sich im Zusammenhang mit dem Beitritt zur internationalen Schuhvereinigung künftig als notwendig erwei- sen follien, eine besondere deutsche Schuhvereini- gung in Form eines rechtsfähigen Vereins zu ildcn. Der Name dieser Schutzverci ügung wird lauten: „Vereinigung zur Wahrung der Interessen der deut scheu Inhaber russischer Wertpapiere E.V." Der Zweck der Vereinigung ist die Wahrung der Interessen der deutschen Inhaber von Anleihen, die von dem russischen Staat, oder einer russischen Gemeinde, oder einer andcrtoci.igcn öffentlich- rechtlichen russischen Körperschaft aufgenommen, übernommen oder garantiert find. Dir Vereinigung wird sich ausschließlich mit solchen Anleihen beschäftigen, welche die Form von Wertpapieren haben und an den europäischen Börsen außerhalb des früheren Rußland notiert waren oder gehandelt worden sind. Girr Ausruf d:r Gläubiger, oder eine Aufforderung zur Anmel* dang der in deutschem Besitz befindlichen russischen Anleihen ist zunächst nicht beabsichtigt. Der Sih der Vereinigung ist Berlin bei Mendelssohn & Eo.
• Metallgesellschaft A.-G., Frankfurt a. M. In der gestrigen Aufsichtsratssitzung wurde beschlossen, der G.-V. vorzuschlagen, aus einem nach regulären Abschreibungen von 1921 141 Mk. und nach Abschreibung des gesamten Disagios, sowie der Spesen auf die im Mai auf genommene Pfandanleihe mit 912 683 Mk. verbleibenden Reingewinn von 6 382 097 Mk. eine Dividende von 8 v. H. auf 55 Mill. Mk. Stammaktien zu verteilen, während auf die im Portefeuille der Gesellschaft befindlichen 10 Mill. Mk. Qfftien der Dividendendienst ruht. Der orbent» lieben Reserve werden zur Qtbrundung auf 10 Mill. Mk. 322 151 Mk. zugewiesen. 150 000 Mk. sollen der Versorgungskasse überwiesen und 438 437 Mk. vorgetragen werden.
* Preuß. Central-Bodenkredit A.-G. 3m heutigen Anzeigenteil ist ein Prospekt über eine Zeichnung auf neue 8proz. Zentral-Goldpfandbriefe vom Jahre 1928 der Preußischen Central-Boden- kredit-Aktiengesellschaft, die an der Börse zu Berlin bereits amtlich notiert werden und auch an anderen Börsenplätzen zur Einführung kommen, enthaften. Die Pfandbriefe sind ausgefertigt in Abschnitten zu 100 bis 5000 Goldmark und mit halbjährlichen Zinsscheinen, jeweils am 1 April und am 1. Oktober fällig, versehen. Die Zeichnung auf einen Teilbetrag von 10 000 000 Goldmark findet vom 18. bis zum 31. Dezember statt zum Kurse von 97,50 o. H., während der Börsenkurs 98 v. H. notiert. Die Abnahme der Stücke kann in beliebigen Beträgen bis späte- stens 31. Januar, eventuell aber auch schon sofort geschehen. Die Gesamtkündigung dieser Anleche ist bis zum 1. Oktober 1934 ausgeschlossen. Die Tilgung der gesamten Anleche muß bis 1. April 1966 beendet fein. Die Pfandbriefe werden von der Reichsbank in Klaffe A bestehen. Bei einem Grundkapital von 18 200 000 Mark waren von der Gesellschaft am 30. November 1928 in Verkehr 294 453 000 Goldmark Zentral-Pfandbriefe, denen als Deckung 300 756 000 Goldmark hypothekarische Darlehnsforderungen gegenüberstanden.
¥ Die Internationale Rohstah l* gemeinschaft hat gestern in Paris eine
Lache Vaiarro t
Roman von J. Echneider-Foerstl.
Urbeberrechtsschutz Oskar Meister, Werdau i. Sa.
21. Fortsetzung Nachdruck verboten.
Richthosen strich noch immer an seinen Handschuhen und schüttelte dabei den Kopf.
„Older ihr Fräulein Schwester mußte doch als seine Braut den meisten Einfluß auf den armen Menschen haben!" warf Ringler ein.
Leopold sah mit abwesendem Ausdruck nach einem schwarzgerahmten Bild, das über dem Schreibtisch hing. .Wie s halt so geht, Herr Hofrat! Ein Hnglück kommt nie allein! Das Sprich» wort hat schon seine Richtigkeit — Sie habn sich zerschlagn die zwei. — Es ist alles aus! Meine Schwester hat ihn falln lassen!"
»Der arme Mensch! Das auch noch! Nun begreif ich schon, daß ihm das alles zu viel wird."
„3a! Wann ich nur wüßt, was sich tun laßt für den Augenblick." Richthosen ging mit langsamen Schritten nach der Tür und sah den Hofrat ratlos an. „Er hat mir das Ehrenwort gehn, daß er nicht Hand an sich legt, bis sein Vater nicht die Augn zugmacht hat. Aber das kann jede Stund sein. Wann ich jemand auf mich zulaufn seh, mein ich jedesmal, er bringt mir schon die Nachricht, daß er tot ist!"
„Lieber Richthofen, das ist ja fürchterlich! Da 'muß man ja sofort Schritte unternehmen, den armen Menschen zu retten. Ich fühle mich förmlich dazu verpflichtet, weil ich so oft Gast bei seinen Eltern gewesen bin. Hob den Joachim, den hab ich immer hoch geschäht, weil er ein so vornehmer Charakter ist. Nehmens mich mit, Herr Richthosen, vielleicht kann ich doch was mit ihm machen!"
Rickthofen trug ein verzweifeltes Verneinen im Gesicht. „Es ist umsonst, Herr Hosrat! „Ich habe schon abgeschlossen!" Das ist alles, was man xur Antwort von ihm bekommt. Ich hab mich heiser gredL Bitt hab ich! Die Hand hab ich auf* ghvbn! Grob bin ich worden! Droht hab ich ihm und hab ihm in Aussicht gstellt, daß ich ihn
beobachtn laß! Einen Feigling hab ich ihn gheihni GS hat alles keine Wirkung ghabt!"
„Die Baronin muhte dvcy inS Irrenhaus gebracht werden," sagte Ringler und hatte die Augen voller Tränen.
„Ja! Die arme Frau! Sie hat sich etnbildt, sie ist schuld an dem Hnglück. Die Perlen, die ihr der alte Baron vor drei oder vier Wochen gschenkt hat, sagt f, habn ihren Mann ruiniert Und das hafs wohnsinnig gmacht Allewell bat’6 an der Schnur nachzählt und hat ausgerechnet, wie viele Milliarden als dafür kriegt Aber sie sind net amal echt, sagn die Juwelier!"
»Schrecklich, lieber Richthosen!"
„3a, net wahr? Man könnt selber gleich den Verstand Oerliern, wann man so was miterlebt. Jetzt geh ich halt wieder. Vielleicht fallt mir noch was ein, das ich dem Joachim weis mach daß ich wenigstens noch ein paar Tag Aufschub erwirk. Eine jede Stund ist kostbar."
„Wenn Sie mich brauchen sollten Heber Richt- Hofen ob bei Tag ober Nacht —'
„I komm schon Herr Hofrat, wenn'S gar nimmer anders geht. Solang er lebt, ist allemal noch ein Hoffn!"
Ringler ging mit ihm zum Wagen, dessen Schlag der Chauffeur oftenhielt Schwer sank er in die Lederpolsterung im Fond. Ein Nicken noch, dann fauchte er über den spiegelglatten Asphalt am Opernring herunter.
Was nun? — Zu wem? — Wen gab es noch in dem großen Wien, dem Hettingens Geschick am Herzen lag? Der in der größten Stunde der Not dem Freunde über die gefährliche Klippe hinweghalf? Wo fand er die Hand die ftarl genug war, ihn abzuhalten, bah et nicht über Bord ging? Wo den Mund, der eine solche Beredsamkeit besaß, Joachim von der Notwendigkeit seines Daseins zu überzeugen?
Die Schwester war die einzige gewesen, die es gekonnt hätte und sie sagte sich in der Stunde, in der alles über dem Mann ihrer Lieb« zusammenbrach. von ihm los.
Wo fand er eine andere Frau die Macht über den armen verzweifelten Menschen hatte?
Ein Auto glitt blitzschnell an dem seinen vorüber. Eine Dame in pelzbesetztem Mantel und
einem blauen wehenden Schleier sah im Fond und hatte kein Auge für all das Leben ringsum.
„Lassn S' den rotn Wagn net aus dem Gsicht. Stephan!" rief er durch das Sprachrohr dem Chauffeur zu. der sofort verstand und hinter dem Auto dreinflitzte. „Bleibn S' hinter ihm, bis er halt!" gebot Richthosen.
Das Nicken des jungen ManneS bestätigte ihm, daß er sich aus ihn verlassen konnte.
Am Schwarzenberger Platz stoppten die beiden Kraftwagen mit knapp zwei Meter Abstand. Beide Chauffeure riffen zu gleicher Zett den Schlag auf und legten die Hand an die Mütze.
„Gestattn S' einen Augenblick, Frau Kammersängerin!" Richthosen hatte schon nach ihrer Hand gegriffen und neigte sich ehrerbietig darüber.
Zwei große, verwehrte Augen sahen auf ihn nieder. Die Stimme der Diva klang in verhaltenem Schluchzen. „Habn S' mir vielleicht noch ein Hnglück zu melden. Leopold? — Glangt's noch immer nicht bei die Hettingen? — Muh auch das allerletzte noch kommen?"
„Es hat gairj den Anschein, als ob's so wär!" Flüsternd neigte er sich zu ihrem Ohr. „Der Joachim will Hand an sich legn!“
„Richthosen!" Isabella Jeska schüttelte chn voll sinnloser Angst am Arm. „Red'n S' doch, Leopold! — Wo is er denn, der Bub! — Ich muh ihn doch sindn können! — So schaun S' doch nimmer lang. Ich möcht ja z' spät kommen sonst!"
Seine Worte überstürzten sich, während sie starr an seinem Munde hing.
„So weit is! — Hnd ich hab keine Ahnung ghabt, hab mich bloh um — um seinen Vater gforgt — Aber jetzt! — Herr Richthosen. haltn S mich nimmer auf! — Ich krieg ihn schon zu sassn. Hnd ich hab auch ein Mittl durch das ich rhn gefügig mach! — Wie ein Kindl wickl ich ihn ein. Ganz warm kommt er zu tiegn! Ganz warm! — Sorgn Sie sich nimmer, Leopold. — Jetzt hab ich keine Zeit mehr, aber morgn — gelt, morgn kommen S' dann zu mir!"
Ein warmes Leuchten brach aus ihren Augen, die rot gerändert waren.
„Ich werd kein Lid zutun heut nacht. Frau Kammersängerin!" Richthosen preßte ihre Finger zwischen den feinen.
„Wenn S' so in Aengsten um den Joachim sind dann telephonier ich 2rt)nen halt, Herr Leopold. Is nachher recht?"
„Ich bitt recht herzlich, gnädige Frau lassen S mich doch wissen, ob S' was ausgricht habn bet ihm!"
„Gwih! Sie können sich verlassen! Aus Wieder- sehen!"
Richthosen half ihr wieder in den Wagen und legte behutsam die gemusterte Sammetdeckc über ihre Knie. „Sagn S' ihm net, daß ich Ihn verratn hab an Ihnen. Er tät mir's nie verzeihn!"
„Nein! Nein! — das braucht er nie zu wissen.
— Ich dank Ihnen, Herr Leopold."
Gin fetter Druck von Hand zu Hand, dann stand Richthosen allein auf dem hitzesprüh enden Pflaster und sah dem roten Wagen nach dessen Spur sich schon nach Sekunden im Trubel und dem Durcheinander des hin- und herflutenden Verkehrs verlor.
„Der Herr Baron ist leider nicht zu Hause," sagte der Diener, als Isabella Jeska die Klingel tm Erdgeschoß der Villa Hettingen zog.
Sie maß ihn mit einem prüfenden Blick. „Oskar, mich sollten S' doch schon nicht anlügn. Keine fünf Minuten ist es her, da ist er vor mir den Parkweg heraufgegangen. Stimmt es nicht?"
Der Alte geriet einen Moment aus der Fassung. „Die Frau Kammersängerin haben sich getäuscht!" meinte er achselzuckend.
„Aber bitte! Ich werde doch den Herrn Joachim nicht mit einem andern verwechseln! Das wär ja lachhaft! Melden Sie mich! Karte brauchen Sie gar keine. Sagen Sie, die Jeska vom Burgtheater möchte ihn sprechen."
Wenn die Diva sich eines reinen Hochdeutsch bediente, war Gefahr auf Verzug. Dann rebellierten ihre Nerven und drohten, über die Stränge zu schlagen. Oskar sah den stolz auffahrenden Blick der von ganz Wien vergötterten Frau und wurde unsicher.
„Wenn die gnädige Frau sich vielleicht ein! andermal herbemühen möchten!"
„Nein!----
(Fortsetzung folgt.) z


