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Nr 294 Zweites Blatt

KauLe Kompromiße.

Wieder ostoberichlciischc Klagen vor dem Völkerbund.

Don unserem W. M.^ridt'.erRatter. 2la<^Wd auch mit Qucllena '.g >be verboten!

Kattowitz, Dezember 1928.

Der Kampf gegen das Deutschtum in Ostober- schle irn wird in unser n vierter Sch irfe fort- geführt. Ledig ich die Kampfmcthoden sind andere geworden, S>eate wird weniger mit dem Gummilnüppel gearbeitet als in den ersten Jah­ren nach der Abtrennung: die Polen führen den Kampf ietzt mit verfeinerten Metho­den. Die De"tschen werden vor altem durch wirtschalticke Schwierigkeiten le kämpft, durch die man den deutschen ®.cm:n.en die ©ri'tentm g i hteit ab .ugraben ve^uch'. Be­sonders schlimm i t dies für die Deutschen, dle als Qlnre tefHe. Arbeiter oder Beamte in O.tober- schle ien tätig sind, da sie naturgemäß wirt- schaft'ich am stär.sten abhurnig .ind von dem herrschenden Regime. Wenn diese Deutschen ih r Stellungen nicht rrrltercn toot cn. so berat ihnen nichts anderrs übrig, als sti lschwe gend alles zu dulden und ihr Deutschtum nach außen hin nach Möglichkeit zu verbergen. ,

Aach wie vor grlt neben den wrrtschaftlrchen Bedrohungen der Kampf der Minderheits- schule, die ja das Hauptstück einer deutschen Zukunft in Ostoberschle ien i't Auch hier ist man im Laufe der Zeit zu einer neuen 2Nethode ge­kommen. Der Kampf gegen die deutsche Schute wird jetzt geführt durch Kompromisse, die nach außen hin Öen Eindruck erwecken, als ob Voten bemüht sei, Frieden mit der deutschen Min­derheit zu halten, die in Wirklichkei t aber schwere Gefahren für die Zukunft des Deutschtums in sich bergen. Dis ietzt sind auf dem Gebiete dcs Schulwesens zwei Kompromi.se geschloßen worden. Der erste wurde im März 1927 in Genf vereinbart Cs war dies die ungluckte ige Vereinbarung der Sprachprü­fungen, bei der von deutscher Seite auf das Aecht der Eltern, selbst zu bestimmen, ob die K nler in die deutsche Wind rh'itsschule gehen sollen oder nicht, verzichtet wurde und die Aufnahme in eine deutsche Minderheitsschule von dem Aus,all einer Svrachprü png abhän'ia gemacht wurde. Durch diesen Kompromiß sind rund 4030 Kn der den deutschen Schulen in Ost- oberschlßien verloren gegangen. Man sieht daraus schon, welch unheilvolle Folgen solche deutschen Verzichte haben.

3m Aovember d. 3. ist wiederum auf das Drängen des Präsidenten der Gemachten Kom­mis Ion zwischen Vertretern der deutschen Min­derheit und der polnischen Regierung ein ne ucr Schulkompromiß ab--eschlossen wordcn. der eine Erledigung der Beschwerde d7s deutschen Dolksbundes wegen Schließung von Min - derheitSschulen brachte. Es handelte sich um >echs Minderhcitsschulen. Aach dem Gen'er Abkommen war diese Maßnahme völ'ig ungerecht- ser igt. und wenn der Völkerbund die Kra t 6e- se fen hätte, das von ihm geschaffene Genfer Ab­kommen durchzuführen. so hätten säm liche sechs Schu'en wieder eröffnet werden muf en. Der macht ofe Völkerbund, der ja in den Minderheits- fracen völlig versagt, hat sich aber um eine klare En sck^eidung h^ rumgedrückt und de Sache der Gemischten Krmmi sion zur Erledigung über­wiesen. Das Ergebnis dieser Erledigung ist der neue Schulkompromib, bei dem man eineHalb- und Halb-Lösung gefunden Hot. Don den sechs geschlossenen Schulen werden drei wieder er­öffnet und drei bleiben geschlo sen. Mit den drei geschloßenen Minderh itsschu en g hen 63 Kin­der der deutschen Schule verloren.

3n Wirtlichkeit bedeutet dtefer Kompromih einen Verlust für die deutsche Sache in Ost- ober fehle ien. Denn wenn man so weiter Korn- Promis e schließt, wie man das bereis zweimal ge'an hat, bröckelt immer mehr von Öen öeut- fchen Schule inrichlungen ab, bis nach 3ahren zum Schluste üb rhaupt nichts mchr übrig b eib*. Diese Kompromis e bedeuten nichts anderes als frei­willige Verzichte auf Rechte, die im Genfer Vertrag ausdrücklich zuge­sichert sind. Allerdings gibt es für dio Deut­schen in Ostoberschlesien kaum andere Lösungs-

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Dberhesienl Freitag, 14. Dezember 1928

Möglichkeiten: öemi ein Schützer der Genfer Der- tragsrechte fehlt. Die de tsche Minderheit ist praktisch ter Willkür der polnischen Behörden auSce i fer l. Die deutsche Regierung, die vielleicht nach Versagen des Völkerbundes als Schirmer der Rechte der deutschen Minderhßt auftre'.en könnte, hat andere Sorgen. Rhei üandräumung und Reparationen sind zwei so wichtige Fragen, daß ihnen gegenüber die Sorgen der deutschen Minderheit in Ostoberschle ien in den H ntcrgrund gedrängt werden. Unter diesen HmRäntei sieht allerdings der Deutsche in die em schweren Kampf um fein Vo'kbtum dem Ende mit wenig Hoffnung entgegen. Es kann daher nicht dringend genug betont werden, daß. wenn es so weiter geht, Ostoberschle ien für immer verloren ist: denn die Poteniiierung macht große Fortschrille. Die Tal ik der Kompromis e, das Herumdrücken des Völ e.buntes um k are Entsch ibungen. Öre man­gelnde deutsche Aktivität in den großen Ost-» sra^en sind öen Poloni ierungsbestrebungen auherordenßich günstig. .

Die Deutschen in Osto'terschl s'en sind allem auf sich selbst ang'.wie en. Kllnrr hilft ihnen. Kcin Völkerbund I Keine Rei hsregierung! Aur die ihnen angeber n: obc-rschte ifche Z'h'gke't läßt sie festhallen an ihrem Deut chturn. Ein n t.c.nen Ausschnitt aus der Füße der einzelnen Sorgen, die in der Leidensgeschichte der Deutschen in Ostoberschle ien eine Rolle spieten. zeigt die Tagesordnung der geteito r i en Dezember- Ratstagung in Lugano, auf der wieder nicht toe"iger als neun ostoberschle ische Be­schwerden stehen. Verwiegend ind eS Schulange- te genbeiter. Das Haug tinter sse be n pruchi eine Kolleltivbßchwcrde des Deutschen Volk'bundes über die falsche Austegung des vom Völker­bunde bet its bestätigten Ärtcils öc3 Haager Schiedsgeri btshofeö in der Frage ö?r Entschei­dung üter die Aufnahme in die deutsche

Minderheitsschu'e. Denn o'wohl in dieser Frage all: Instanzen gegen Polen en schieden haben, legt die polniiche Regierung de letzte endgültige Entscheidung des Haager Schiods- gerichtshofes gegen Öen klaren Wi len des Ur­teils inihremSinne aus und hält sich einfach nicht an die sich aus dem Urteil ergebenden klaren Folgerungen. Alle diese Fragen, die tric.crum auf dem Völ'er'undsorogramm stellen, sind für die deutsche Minderheit in Ostober- sch'e ien von grundsäh iher Bedeutung. Aber wie es scheint, besteht auch diesmal wieder die Ge­fahr, daß die ostobersch'esischen Ange e^.chei en erst wieder zum Schluß der Tagung in Bausch und Dogen behandelt werden, so daß über­haupt nicht abzute en ist, wann diese Deschwcr- ten. unter ömen sich einige befinden, die be­reits seit 3ahrrn laufen, erledigt toe den. Die deutsche Minderheit ii Osto'erschl sei fragt sich nur, toie lange noch ihre Geduld durch dieses Theuterspiel beim D^l.erbund in Anspruch ge­nommen werden soll.

Quo uque t~ndem?W i e lange noch<'. das ist die Schicksalsfrage der deutschen Minder­heit in Ostoberschlesien. Wie lange noch soll der Kampf gehen? Wie lange noch soll das in feier­lichen Der rigen garantterte Recht leinen Schützer fin.en? Wie lange noch sollen wir allein stehen in unserem Kampf um un er Volkstum? 11 die Antwort? Aus Genf? Aus Derßn? Wenn Völkcrbund unö Reichsregierung die H'lte- rufe nicht hören, bann bleibt der deutschen Min» terhllt ja nichts anderes übrig, als sich an das ganze deutsche Volk zu wenden, dem es sich zugehörig'I1, damit her Kampf der deutschen Minderheit ii Oboberschl.s en Sache des gan en deutschen'Dol es wird. Dafür zu sorgen in Wort und Schrift, ist je.zt die wichtigste Auf­gabe.

Geschichten aus aller Welt.

Aachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!

Ter Bitz des toten Haisischs.

(aga) Aeuhvrk.

Zwecks Wahrung seines im Laute einer fünf» undzwanzigjährigen jou.malistischen Laufbahn niemals ernstlich in Frage gezogenen Rufes, nie mehr als unbedingt nötig von der Wahr­heit abgewichen zu sein, möchte der Schreiber nachstehender Zeiten vorausschicken, daß er für die Geschichte dokumentarische Beweise hat und bereit ist, sie gegen Einsendung der Schreibgebüh­ren ufto. jedem Zweifler abschriftlich zu.'ommen zu lassen.

Daß an Versicherungsgesellschaften zuweilen die abenteuerlichsten Forderungen wegen erlitte­ner Leibesschäden gestellt werden, ist männiglich bekannt, und man braucht um besonders ekla­tante Fälle durchaus nicht die Ak en der ameri­kanischen Gesellschaften zu durchstöbern. ES dürfte aber doch in feinem anderen Lande der Welt möglich sein, daß ein Mann Anspruch aus Kran­kengeld und Schadenersatz stellt, tooil er von einem toten Haifisch gebissen worden ist.

Besagter Haifisch hieß mit Vornamen Louis und entstammte der weitverbreiteten Familie Shark. Er war vor langer Zeit Fischern ins Aetz geraten, und man hatte ihn dem Rcutzorker Aquarium geschenkt, wo ihm als exklusive Do­mäne eines der größten Becken überwies m wor­den war. Kürzlich hat LouiS au 3 irgendeinem Grunde das Zeitliche gesegnet, und man. rief das Aaturhistorische Museum an. ob es auf den toten Fisch reflektiere. Eine Bereicherung ö.r neueröffneten Fischhalle ist den Mu eumsbehiir» den stets willkommen: sie schickten ein großes Lastauto u.ö mehrere Angestellte, um den toten Ludwig abzußolen. Ein besonders neugieriger Museumsangestellter wollte sich eigenhändig da­von überzeugen, wie scharf eigentlich die Zähne eines ^aififcheS sind, und steckte feine Hand in Öen halb offenen Schnabel, oder di: Schnauze, oder toie man das Mundwerk beim Fisch sonst nennen mag. Dabei berührte er jetzt wird die Sache wissenschaftlich - einen Reflexnerv im Rachen des toten Louis, und schwapp, schlos­sen sich die Kieser. Wahrscheinlich war des

seligen Louis Geist zugegen imb wartete nur auf die Gelegenheit, sich iwch nach dem Tode an der Menschheit zu rächen, die ihn jahrelang in ein ödes, mit weißen Kacheln ausgelegtes Schwimmbecken eingesperrt hatte. Man mußte auf großes Ehrenwort Lruis die Kiefer mit einem Stemmeisen auseinanderzwängen. Der von dem toten Fisch Gebissene mußte ins Kran­kenhaus gebracht werden und erhebt jetzt An­spruch auf Kranken- und Schmerzensgeld.

Einsiedlers Ende.

(r) Amsterdam.

DerSurinam-Bode" (Riete. ländisch-3ndien) erzählt folgende Geschichte, die uns rn unserer Zeit der Ozeanflüge, der Rekorde und der Ihr* rast doch für einen Augenblick aufhorchen läßt.

Seit einigen 3ahren übte im entlegenen Ge­biete des Sara-Creeks ein Engländer feinen Be­ruf als Goldgräber auS. Er wohnte, von jeder menschlichen Siedlung, von jedem Cingebo- cenenöorf meilenweit entfernt, muttei-seelenallern in einer niedrigen Schilfhütte mit einem kleinen Gemüsegärtchen, unö kam nur alle Vierteljahre einmal an die nächste, über 85 Kilometer ent­fernte Bahnstation, um dort Sendungen auf» zugeben oder abzuholen. Er sprach dabei mit niemandem ein Wort unö verständig e sich mit den Beamten durch kleine Zettel, auf die er feine Wünsche unö Bestellungen aufschrieb. Er war jedoch nicht, toie man etwa annehmen könnte, taubstumm; er verstand jede Frage, und Duschneger, die In der Aähe seiner Hütte jag­ten, hörten ihn deutlich sich mit seinen Hun­de n unterh alten. 3m September dieses 3ahres ward er zum letzten Male auf dem kleinen lirwaldbahnhvf ges:hen: er erbat sich zum Trans­port seiner (Sachen einen Duschneger, da er, toie er auf einen Zettel notierte, sich beim Fall über eine Daumtouizel einen Bruchschaden zugefügt hätte und daher nicht in der Lage fei, selbst etwas zu schleppen. 3n feiner'te angenom­men, en lohnte er den Buschmann sehr reichlich: das war das letzte Lebenszeichen, das man von ihm empfing.

Ein Duschhäupßing, der den Weißen bei seinen 3agd- und Streifzügen öfter zu Gesicht bekom­

men hatte, schöpfte zuerst Verdacht und be­schloß. mit einigen seiner Leute nach dem Rech­ten zu sehen. Als man sich der Hütte näherte, sah man den Weihen schon von weitem als Leiche unter seiner Hängematte vor der Tür liegen, an ihn geschmiegt die Kadaver seiner beiden Hunde. 'Ser Tod mußte schon vor Wochen elngcticten fein; merkwürdigerweise hatten sieb die Urtoaldbestien nicht an die toten Körper gewagt.

Auf dem rohen Tisch in der Hütte sand man einen Zettel. Auf ihm stand:

1. 3ch mein jetziger Aame sei Ebenezer Thorn will mit meinen Hunden, die ich vergiftet habe, an dieser selben Stelle der Erde übergeben werden.

2. 3ch habe feine Verwandte, Freunde und Bekannte

3. Meine Hütte soll niedergebrannt werden. Die sechs Goldnuggets auf dem Tisch mögen sich die teilen, die mich gefunden haben.

4. Heiratet nicht! Don da tomnü alles Unglück der Welt!

5. Die Sprache der Toten sei die Bibel der Lebendigen!

Mit diesem letzten, orakelhaften Passus wußte man nichts anjufangen. Unö bis auf dm philo­sophischen Passus Ar. 4 ist das sonderbare Te­stament des sonderbaren Ebenezer Thorn aus­geführt worden.

Auch her Halbmond verschwindet»

(h) StambuL

Einst schreckte er ganz Europa und kündete der Welt die Größe des osmanischen Reiches, und jetzt soll auch er, der Halbmond. von den türkischen Fahnen verschwinden, KemalPascha ist eben der Feind jeder Tradition. Vergeblich kämpfen die Osmanen, die sich jetzt bekanntlich alle, ob alt oder jung, hinfetzen müssen, um das europäische Alphabet zu lernen, gegen diesen neuesten Schlag des allmächtigen Diktators. 3n diesen Tagen erscheint die neue türkische Fahne, auf der der Halbmond durch ein großes C, öcv Anfangsbuchstaben des WortesChunhuriet (Republik) ersetzt wird. Dieses C wird dann noch, gleich einem Monogramm, von einem T durch­brochen, so daß das Ganze dannTürkische Reprchlik" heißen wird. DieS ist das Ende des türkischen Halbmonds, des Wahrzeichens von tausend siegreichen Schlachten, öaS über den Köpfen jener 3anitscharen flatterte, die halb Europa eroberten. Sic transit ...

Oberheffen.

Oer Birdinger Haushaltsplan»

!! Büdingen, 13. Dez. Aus dem kürzlich genehmig en Voranschlag der Stadtver­waltung entnehmen wir nachstehend einige bemerken iitoerte Angaben: Die städtischen Gebäude, einschließlich Rathaussaal, bringen an Miete 18 393 Mark ein und erfordern für Unterhaltung, Verzinsung und Amortisation 4663 Mark. Die städtischen Grundstücke bringen aus Pacht und Autzuna einen Erlös von 4202 Mark und erfordern für -Unterhaltung, Be­rnd Entwässerung ufto. 3411 Mark. Der Wald bringt rund 82 000 Mk. wovon jedoch für Löhne, Forstverwal ung Forsteinrich^ung, Derntessang ufto. 56 813 Mark abgehen. Die in 3 Dezi ken verpachtete 3a g ö bringt pro 3ahr 4Z5 Mark ein. Messen und Märkte liefern für die Stadt 1150 Mark. DaZ Gaswerk schließt mit einem voraussich lichen älebeßchuß von 6000 Mk. ab. Weiter erhebt die Stadt einen Strom* kostenzu schlag von 5 Pf. pro Kilowattstunde, wodurch für die Stadt eine Einnahme von 5000 Mark entsteht. Die Wasserversor­gung bringt eine Einnahme von 15 351 Mark, für äln erhal ung, Wasseruntersuchung, Ver­zinsung unö Tilgung sind 10 362 Mark als OIuS' gäbe zu verbuchen. Die Stadtverwaltung nimmt an Gebühren, Strafen, Stempelgelder, Re- klamegebühren ufto. 2638 Mark ein. Für Ge­halt der ©emcinöebeamten, sachliche Kosten, Reisegeld^, Tagegelder, ufto. sind 41000 Mark aufaubringen. Der Sicherheitsdienst er­fordert für Schutzleute, Aachtwache ufto. 17 500 Mark. Die Stadt toeiltet ferner auf: für Ge­sundheitspflege 1890 Mark, für Feuer­löschwesen 1538 Mark, für Armenpflege 15 700 Mark. Ein befoaöereS Ausgabe api.el bil-

Gießener GtaSitheaier.

Gastspiel des Hessischen Landestheaters: Fatme".

Zeiten, wie unsere Gegenwart, deren Opernstil noch im Garen begriffen ist, lassen gern den Blick auf solche Werke bewahrter Meistcr schweifen, die seinerzeit nicht die volle Anerkennung gesunden haben. So haben die letzten Jahre verschiedentlich Bearbeitungen Derdischer Opern beschert, so wurde auch F l o t o a> s verscholleneMacht der Betröge' non" einer gründlichen Umschaffung durch Dr. Benn B a r d i unterzogen und alsF a t m e" von verschiedenen deutschen Buhnen in den Spielplan mit Erfolg aufgenommen.

Die vorliegende Fassung stellt die Person der Fatme in den Vordergrund: sie wird zur Verkörpe. rung der ehelichen Treue, die allen Verlockungen . uon noch so hochgestellten Persönlichkeiten zu widerstehen vermag. Stets bleibt sie die Herrin der Situation, wenn auch durch das Eingreifen des ihr hilfreich zur Seite stehenden vermeintlichen Der­wischs (in Wirklichkeit des Kalifen).

In dem Stelldichein, das sie ihren drei Wider­sachern gibt, weiß sie ihre Frauenehre so geschickt zu wahren, daß sie unantastbar aus Öen verfäng­lichsten Situationen heroorgeht. Dem lüsternen Dr. Babuk täuscht sie Fieberwahn vor, den großmäuli­gen Kadi läßt sie tanzen, und auch der liebes- schmachtende Grvßwesier gelangt nicht zu seinem Ziel. Aber auch selbst den Zudringlichkeiten d?s bärbeißigen Korsaren widersteht sie, und gibt so dem als solchen verkleideten Kalifen den moralischen Grund zum Eingreifen.

Die Äuffasiung des Eharakters der Fatrne ist bestimmend für Die Inszenierung des ganzen Wer­kes. Da ergeben sich verschiedene Möglichkeiten. Ist Fatme ein mondänes, raffiniertes weibliches Wesen, das mit schlauer Berechnung sich den Männern ge­genüber unnahbar macht, oder ist sie die ehrbare Ehefrau, die durch angeborenen Mutterwitz und Fraueninstinkt Auswege findet, um sich ihren Nach­stellern zu entziehen? Damit entscheidet sich auch die Einstellung zur Gesamthandlung, die man einmal als ein Maskenspiel ansehen kann, die zum andern mit gleicher Berechtigung aber auch als Spieloper

gelten Fann, die bei allem Märchenhaften der Hand­lung doch innerliche Tone anschlägt. Die Entschei­dung fällt in diesem Falle der Musik zu. Wer die Partitur gründlich durchsetzen konnte, wie es dem ^Referenten lange vor der Darmstädter Aufführung möglich war, muß zu dem Ergebnis kommen, daß die Auffassung derFatme" als Spieloper die glücklichere ist.

Gewiß ist Flotows Musik auch prickelnd, und sicher weist auch hier wie in andern Opern Flotows manches in Offenbachs Nähe. Gelangt auch der fein pointierte Humor zu feinem Recht, so hält er sich doch frei von allem Karikierten. Zum andern ist der Musik Flotows ein gewisser gemütvoller, vielleicht auch etwas sentimentaler Zug eigen, der allerdings bei Ueberspitzung leicht zur gegenteiligen Wirkung ausschlagen könnte.

Die Einstellung der Darmstädter Spielleitung (Renato Mord o) entsprach mehr dem heiteren Maskenspiel unö verwies mit der Herausstellung einzelner Züge ins Burleske, ja ins Groteske mit Anklängen an den Charakter einer Offenbachiade.

Allerdings, wie diese Aufgabe gelöst wurde, das wirkte aud) bei dem, der innerlich anders zu dem Werk eingestellt ist, volle Anerkennung aus. Denn an sich wurde der einmal angenommene Stand­punkt konsequent durchgeführt.

Die Fatme, Käte Walter, gab sich prickelnd- delikat, fast wie eine Operettendiva und brachte den würdevollen, vornehmen Zug, der der Ehefrau Fatme zukommen müßte, nicht voll zur Geltung. In ihrer Art beherrschte sie das Spiel, vor keinem Mittel zurückschreckend. Gescknglich erfaßte sie ihre Partie von dem Standpunkt Der stimmlich hochbe- fähigten Koloratursängerin aus, die überall da, wo es nur irgend angängig ist, ihre Fiorituren an­brachte, in den Koloraturen eben nur technische Passagen sah, sie aber nicht mit dem Affekt des per­sönlichen Erlebens erfüllte. So blieb in der großen Arie, die mit zu unseren schönsten und dankbarsten Spielarten gerechnet werden muß, manches hinter den Erwartungen zurück. Besonders die große Ka­denz aufTreue" liefe kaum den großen melodischen Bogen, der ihr innewohnt, heraustreten. Ebenso tarnen die dramatischen Züge derFieber-Arie" nicht re[tlo5 zur Auswirkung. In den Ensemble- szenen führte sie: überall fand sie sich mit sicherem Bühneninsünkt mit ihrer Rolle ab.

Als Gegenspielerin vertrat Anna Jacobs die Asra. Durchaus anzuerkennen war, wie sie ihrem an sich schweren Organ die Leichtigkeit des Par­lando abzugewinnen vermochte und sowohl im Ter­zett des ersten Akteseinem Mühlrad gleich" schwa­dronierte und sich im Quartett des zweiten Aktes mit edler Tongabe einfühlte.

Die drei Liebhaber der Fatme waren charakte­ristisch in Gesang, Spiel, Gebärde und Maske. Hein­rich Kuhn als begieriger Doktor Babuk und Karl Ebert-Beyer als überheblicher Großwefier hätten sich in ihrer Auffassung der Huldigungcge- sänge an Fatme (Schönste der Frauen",Stille mein Verlangen ...") mehr Mäßigkeit im Tempo auferlegen können. Im ßiebesfingen des zweiten Aktes fand Karl Ebert-Beyer warme Töne, und fiel durch bie feine Art feiner Koloraturauffassung an­genehm auf. Eugen Vogt als Kadi war in seiner Maske und im Soiel etwas stark marionettenhaft. Ein wenig mehr Würde war sicher am Platze. Die ihm zufallenden lieöförmigen Arien arbeitete er recht charakteristisch heraus. Der Kalif (Ernst O v e r [ a rf) gab sich durch voluminös quellendes, satt gefärbtes Organ als Derwisch mit Würde. Als Kor­sar wurde er zum Schrecken der Halunken, als Kalif zeigte er sich mit Hoheit und Milde.

D>e Chorszenen waren stimmungsvoll durchge­arbeitet und szenisch bis zur kleinsten Bewegung durchgestaltet. Die Pantomime des zweiten Aktes wirkte stark grotesk. Die Bühnenbilder beider Akte konnten nach jeder Richtung hin vollste Bewunde­rung erwecken. Hier hatte Lochar Schenck von Trapp neue Ideen greifbar in die Tat umgesetzt. Der bunte Wechsel der Farben war eine besondere Freude fürs Auge. Diesem Rahmen fügten sich auch die Kostüme stiwoll ein, wenn man sich auch bis­weilen eines Eindruckes des Revuehaften nicht er­wehren konnte. Geschmacklosigkeiten, wie in den Schattenbildern unö Albernheiten, wie in der Groß wesierszenc mit dem Kamel mufe man ganz ent­schieden zurückweifen.

Das Orchester war ausgezeichnet, Holzbläser, Streicher und Hörner erklangen dezent und fein akzentuiert: nicht zum mindesten ein Verdienst des Dirigenten Max Rudolf, wenngleich man an Öen oben erwähnten Stellen nicht immer mit der Stab­führung gleicher Meinung sein konnte. 2(ber gerade, well die Aufführuirg derFatme" noch nicht mit

Tradition belastet ist, erschienen manche der vor­stehenden Ausführungen am Pl^e. Leider war das Haus nicht voll besetzt. Die Bemühungen der Intendanz hätten sicher ein größeres Interesse von feiten der Gießener Bürgerschaft verdient.

Dr. H.

Weiches Spielzeug gefällt un.eren Kindern am besten?

Den unzähligen Eltern, die sich jetzt in der Weihnachtszeit, von liebevoller Sorge erfüllt, die Frage vorlegen, mit welchem Spielzeug sie ihren Lieblingen wohl die größte Freute be­reiten werden, unö die sich in öiefer üeberlegung über Sinn unö Wert des kirchlichen Spieles überhaupt Klarheit verschaffen wollen, sei ein Aufsatz von K. Kurt Eberlein im Dezem^ berheft des ^Kunstworts" (Verlag Call- toey'Münchcn) überDas Kinterspielzeug unö seine Form" zur aufmerlfamen unö lehrreichen Lektüre warm empfohlen. Es heißt hier u. a.: DaS wahre Kind ist keinwirklichkeitfordernder Caliban", im Gegenteil, es ist sein eigener Spiel­former unö Spielzeugfabrikant, traumwand­lerisch sicher schafft es sich seine Spielsorm, und die besten Spielzeuge werden immer nur die sein, die dieser Kinderform am nächsten kommen, 'deshalb ja auch die besten Spielzeuge der Well nur von der kindernahen Volkskunst geschaffen worden finö unö noch geschaffen werten. Wer den Cinflllß öeS Spielzeugs auf die Kinderfeele nichts von Erziehung, wer seinen Kindern schlech­tes, ö. h. unkindliches Spielzeug schenkt, öeffat Spielwert minderwertig ist, ist der Kinder nicht wert. Die billigsten Spielsachen haben oft den höchsten Spielwert, die teuersten oft den geringsten Spielwert. Die Kinderform des Spiel­zeugs kennt keine Hemnumg. 2lber wenn di« Erzeugerform, wie so oft, der Kinderform wider­spricht, wenn sie die Phantasie durch Raturähn­lichkeit ermüdet unö die schöpferische Kraft auf­hebt, so wird sie dem Kinde unliev, schadet dem Spiel unö dem Spieler. Hier liegt zumeist der Fehler des maschinell und industriell hergestell­ten Spielzeugs, daß es täuschende Erzeugerfvrm ist, die das Kind ausschließt."