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Nr. 190 Erstes Blatt

178. Jahrgang

Dienstag, 14. August 1928

Cr|4<tal tdghd),aefctr Renntage sei Jiirrtegs

Beilegt«:

(Bitfrwr FamMendllttler Helma, im Blld

Die Scholle.

«ets.Bqieiprtli: Z Reichsmark und 20 firl$spfrirxig ftr Trägt» lohn, auch bei Nichter­scheinen ting ein et Wummern nfol^e höherer Gewalt. 3ern|pred)an|d)ll||e:

51. 54 and 112.

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Gießener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberheffen

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Dr. Jnebr. Wilh. Lange. Verantwortlich für Tolüili Dr. Fr Will) Canat; ftr Feuilleton Dr h Tyyrcot. für den übrigen Teil Ernst Dlumfchein: für den An» jtigenieil Hurt Hillman«, sämtlich in (Biefjen

Olympische Trachtlänge.

Die neunten olympischen Spiele sind am Sonntag in Amsterdam zu Ende gegangen. Sie bauen sirr uns dadurch ihre besondere Bedeu­tung. das, zum e r ft e n m a l nach dem Kriege Deutschland sich wieder an dem Wettbewerb be­teiligt- Dafür hoben wir zahlenmäßig nicht schlecht abgeschnitten. wir stehen mit 71 Punkten hinter den 1H der Amerikaner an zweiter Stelle vor Frankreich. England und den übnaen Staaten, wobei mir sagen dürfen, daß wir viel Pech gehabt haben, auch ist anzumerkcn, daß einen wesentlichen Teil des Erfolge» die deutschen Frauen errungen haben. Und es ist schließlich einzugestehen, daß wir in den wich­tigsten Sportarten, die den olympischen Kämpfen eigentlich ihren Charakter verleihen, nicht allzuviel zu bestellen batten Gerade hier ist gegenüber den twchgespannten Erwartungen, mit denen Deutschland nach Amsterdam gegangen mar, eine Enttäuschung nah ein Mißerfolg unverkennbar. Erklorungsgrundc dafür gibt es genug: Wir müssen die verlorenen Erfahrungen erst wieder ergänzen, wir sind vielleicht auch in den deutschen Fehler der Ueberorganifation ocrfaUen und haben unsere Vertreter vorher so aus­gepumpt, daß sie, als es hart aus hart ging, Re fernen nicht mehr zur Verfügung hatten.

immerhin, was Deutschland nach Amsterdam schickte, roar unser eigenes Gewächs, wäh­rend Amerika. England und auch Frankreich sich nicht scheuten, fremde Federn sich an ihren Hut zu stecken und auf ihre Kolonialvölker zu ruck zu- greifen. Reger, mit denen der Amerikaner nicht in denselben Klub geht, die auch in England sonst nicht vaUwertig sind, waren hier plötzlich gut genug, bis Vunbesfarben zu vertreten und Siege zu erringen, die sonst anderen Staaten zugesallen wären. Um solchen Ruhm wollen wir die anderen nicht beneiben, im Gegenteil, gerabc wenn man aus den olympischen Spielen bao Gute und Nützliche hmuisarbeilen will, tut man gut, gegen derartige Methoden einen scharfen Trennungsstrich zu ziehen. Die Rekordwut. die vor allem in Amerika gedeiht, mitzumachen, Haden mir keine Veranlassung Wir wollen ben Sieg nicht um be» Renomees willen, für uns soll der Sport nicht Selbstzweck werben, sondern Volkserziehungsmittel bleiben. Nur roenn das der leitende Gesichtspunkt ist, bleibt die Beteiligung an der Olympiade und das Geld, was hineingesteckt werben muß, zu rechtfertigen. Keine Spitzenleistungen, sonbern eine möglichst i n bie Breite gehende gute Durchschnittsquali­tät. keine körperlichen Wunderkinder, fonbem guter Sport. Dav ist bas Ziel, wie wir es an- zusteuern haben.

Durch da» Bersailler Diktat ist un- da- Recht auf die militärische Erziehung hcrlorenflcgangen. Wieviel ist über den Drill, über den preußischen Äafcrnenbof bei un- und in anderen Ländern SeschoUen tvorben. Die anderen haben un- darum c n c i b c t. für die Heranwachsende Jugend if! e- kein Fehler gewesen, daß sie durch diele harte Schule gehen mußte. Fehlt sie un- vollständig, dann ist e- fast unvermeidlich, daß eine ver­weichlichte und disziplinlose Generation Heron» wächft. Das einzige Gegenmittel, da- wir haben, ist der Sport, der die Selbstzucht übt und im ehrgeizigen Wettbewerb die Kräfte des ein­zelnen über sich selbst herau-wachsen läßt. Rur wenn wir auf dieser Grundlage weiter arbeiten und die Anerkennung, die Deutschland- Hoch­schule für Leibesübungen in Amsterdam gesun­den hat, zeigt, daß wir auf dem rechten Wege lind rechtfertigt sich Arbeit und Mühe, die m den olympischen Kamvf hineingesteckt werden, weil sie dann nicht Mittel nu fclbftgefälliger Reklame, sondern Mittel der Bolkserziehung sind.

Slresemanns pariser Reise.

Letzte Beratungen. - Schubert beim Bußen. Minister in Lberhos.

Berlin. 13. Aug. (Priv.-Tel.l Die offizielle deutsche Antwort auf die französische Einladung zur Unterzeichnung des Kellogg-Paktes wird Ende der Woche nach Paris übermittelt. Die Entscheidung darüber, ob der Außenminister nach Pari- fährt, fällt schon in den näch­sten Tagen Der Stellvertreter des Außen­minister-. Staatssekretär v. Schubert, begibt sich morgen nach Oberhof, wo Dr. Strese- mann zur Rachkur eingetroffen ist. Gegenstand der Besprechungen sind alle mit der Pariser Tteik und dem Kelloggpakt zusammenhängenden Fragen. Auch die Genfer Ratstagung dürste be­handelt werden. Da Stresemann- Gesundheit-- zustand befriedigend ist und über da- sranzösische Auslieferungsbegehren eine Ver­ständigung erzielt ist. nimmt man bestimmt an, daß die deutsche Antwort an Briand eine Z u s age enthalten wird. Wann der Außen­minister die Reite nach Paris antritt, steht noch ni<bt fest, vermutlich am 24. oder 25. August

Ehinas ungleiche Vertrage.

England zu Verhandlungen

mit Nanking bereit.

London, 13. Aug. (XU.) Das englische 21 up en amt veröfientlichre am Montagabend den

-wischen der Bankingregierung und dem drr.cfchen Generalkonsul m Schanghai über r egung Nankinger Zwi» a« Q> erklärte Außenminister

fälle Bankingregicrung die Zwischen-

falle aufrichtig beteuere Sie fei bereit, die

-u übernehmen, ob- tpobl sie ausschließlich durch Kommunisten

Annahme her Aeiinnoabkommen in her Belgraher Skupschtina. Die kroatischen Abgeordneten verlassen vor her Abstimmung has Parlament.

Belgrad, 14. Aug. (TU.) 3n der AbendsiHung der Skupschtina am Montag begann die Aussprache über die Ratifizierung der Jlettuno-Mbfommen. E» kam zu stürmischen Auseinanderset­zungen, al» die Abgeordneten der Canbroltlc- parlei gegen die Vorlage der Rettuno-Abkommen Einspruch erhoben und seststelllen, daß damit die Regierung da» Land Dalmatien an Ita­lien verkaufe. Diese wichtige Frage dürste in Abwesenheit der kroatischen Abge­ordneten in der Skupschlina überhaupt nicht e r le ö l gl werden. Unter tosendem Lärm be­antragte die Opposition schließlich die Vertagung der Erledigung der Relluno-Abkommen. bis die Kroaten in die Skupschlina zurückgekehrt seien.

In seiner Antwort selbst stellte der Vertreter de» Außenminister». Dr. Schumenkowitsch, ein­leitend fest, daß die jugoslawische Regierung den aufrichtigen Wunsch hab«1, mit Italien alle schweben- den Fragen zu regeln. Die Abkommen von Ret- tuno regelten zahlreiche Fragen rein technischer Natur. Auch pribitschewitsch habe nicht den Beweis erbringen können, daß ernste Gründe für die Ablehnung der Abkommen vorhanden seien. 3m

Gegenteil trage auch pribitschewitsch einen Zeil der Verantwortung für diese Abkommen, da er Mit- glich der Regierung gewesen sei, die die Verträge abschioß. au» denen die Abkommen her- oorgingen. Aehniich äußerte sich Schumenkowitsch auch bezüglich der ablehnenden Stellungnahme I r u m b i t s ch ». Auch die kroatische Bauernpartei trage einen Teil der Verantwortung dasür, da ihr Führer Stefan Radilsch in der Regie­rung gesessen habe, die die Abkommen g u t - hieß. Schumenkowitsch bat zum Schluß seiner Au,- sührungen die Abgeordneten, die oorgelcglen Ab­kommen zu ratifizieren in der Uebcrzcugung, daß damit dem Vaterland ein Dienst erwiesen werde.

Rach dieser Erklärung schritt die Skupschlina um 9.30 Uhr abend» zur A b ft I m m u n g über die An nähme der Relluno-Abkommen. Eharakleristisch war, daß fein einziger kroatischer Mbgeorb- n e t e r, auch nicht die der Regierungspartei ange­hörenden Kroaten, bei der Abstimmung zugegen waren. Sie verliehen kurz vor der Abstimmung den Saal und entschuldigten sich mit dringenden Ge­schäften. Da» Relluno-Abkommen wurde mit 158 Stimmen angenommen.

Entente Goröiafe oder Locarnopakt.

Liberale Rritif an hen gemeinsamen britisch-französischen Hheinlanhmanövern.

London, 13.August. (WB.) Zu der Meldung von her Teilnahme britischer Kavallerie an den französischen Rheinlandmanövern schreibtM a n - (hefter Guardian* im Leitartikel: Handelt cs sich hier um eine Taktlosigkeit oder hat diese» Vorgehen politische Bedeutung^ Wenn der Kriegssekretär auf eigene Initiative hin gehandelt hat, sollte ihm gesagt werden, daß er Ml weit gegangen ist: wenn der Staatssekretär de» Auswärtigen feine Genehmigung erteilt hat, so sollte er dem Lande seine Gründe nennen. Die Angelegenheit ist gegenwärtig befimbers schwer begreiflich und zwar aus zwei Gründen:

1. Da die Rheinlandbeseßung bestimmt bei der Zusammenkunft des völkerbundsrate» er­örtert wird, ist es besonder» erwünscht, alle» zu vermeiden, was Erbitterung erzeugen kann.

2. 3n Locarno haben wir versprochen, Frankreich gegen Deutschland zu helfen, aber auch Deutschland gegen Frankreich zu schützen. Wenn jetzt britische Truppen an den IRanöoem einer vertragschließenden Partei teilnehmen, fo sollte klar ausgesprochen werden, daß sie genau s o bereit sind, an den Rlanöoern der anderen Partei teil­zunehmen: andernfalls muh die Zusammen­arbeit französischer und britischer Truppen bei den militärischen Hebungen den Eindruck er­wecken. daß wir wieder zum alten System zurückkehren, von dem man glaubte, e» sei durch Locarno beseitigt worden.

Es ist ein großes Unglück, daß das Parlament nicht tagt und daß Chamberlain krank ist und von einem Minister vertreten wird, desien Urteilsfähig­keit kein Vertrauen erwecken kann. Dieser Zwischen­fall trägt dazu bei. den Eindruck zu verstärken, daß eine Aenderung in unserer Außenpo­litik eingetreten ist und daß wir zu den alten Methoden und der alten Geheimpolitik zurück- kehren.etar beklagt dendummen Zwischen­fall, der durch die Meldung von der Teilnahme britischer Kavallerie an den französischen Manöoern im besetzten Gebiet entstanden sei. Das Blatt sagt, hierin könne man nur einen Radelstich gegen Deutschland erblicken. Solche Zwi­schenfälle seien an sich selbst vielleicht nicht wichtig, gäben aber jenen Leuten eine Handhabe, die den Locarnooerträgen und Kelloggpakten gegenüber Mißtrauen spürten ober sie aus eigennützigen Gründen zu zerstören wünschten. .,E v e n i n g Standard meint, das Ereignis werde in Frank­reich und in Deutschland als ein Anzeichen für d ie neue ungeschriebene Allianz betrachtet, die von der halbamtlichen französischen

Presie als Ergebnis des Marinekorn- prornisses bezeichnet worden sei. Sn Paris fei großer Wert darauf gelegt worden, dem Dorsal! eine politische Bedeutung zu geben. Die Einladung sei nicht von den militärischen sranzöfisä-en Stellen ausgegangen, sondern sei dem Foreign Office vom Quai d'Orsay übermittelt worden.

..Morning P o ssi antwortet m einem Leit­artikel auf den Protest derFrankfurter Zeitung". DaS eftrem konservative Blatt führt aus: Memanb. der in England etwas zu sagen habe, fei der Meinung, daß die Wieder­versöhnung mit dem vormaligen Feinde bedeute, daß man sich mit feinem Freunde verfeindet.

Großbritannien und Frankreich fahren fort, da» Rheinland auf Grund des Versailler Vertrage» beseht zu hallen, und jede gemeinsame Aktion zwischen den beiden Armeen ist sowohl natürlich als auch wünschenswert. Ls mag löblich fein, die Ereignisse von 1914 bi» 1918 zu vergeben, aber es Ist unmöglich, sie zu vergessen.

Die Beschwerden einer hervorragenden Tages- Acvtunfl in einer Angelegenheit, die aus­schließlich unseren Freund Frank­reich und unsereigenes Land angeht, sind nicht geeignet, die Entwicklung freundschaft­licher Beziehungen zwischen Großbritannien und Deutschland zu fördern. Die liberaleDaily News and Westminster Gazette" sagt: Unter Berücksichtigung aller Umstände erschernt es unS besonders unglücklich, daß der gegenwärtige Augenblick gewählt worden ist. bri­tische Truppen an den französischen Manövem 'm deutschen besetzten Gebiet teilnehmen zu lasten. Des ist kränkend für die Deutschen und wird den Eindruck vertiefen, daß wir in einer besonderen Operation mit den Franzosen be­griffen find. Es ist eine Geste, die i n d i r e k t e m Gegensatz zu der in Großbritannien beinahe einstimmig herrschenden Empfindung steht, daß d'.e Rheinlandbefetzung sobald wie möglich be­endet werden sollte. Die Teilnahme eines bri­tischen Regiments an den Manövem der Rhem- armee werde selbst in gemäßigten deutschen Krei­sen als ein Schlag gegen Locarno emp­funden. Es lönne kein Zweifel bestehen, daß man in Deutschland außerordentlich bit­tere Gefühle hege über diefe Demonstration am Rhein, die rm gegenwärtigen Augenblick als eine Taktlosigkeit empfunden werde. Die ileberrakfcung in Deutschland sei um so größer, als die britische Beteiligung an den Manövern in dem Augenblick komme, in dem Stresemann die Frage anschneiden wollte, an welchem Tage auf Grund der Bestimmungen desBerfa iHer Vertrages die Besatzung auszuhören habe.

hervorgerufen worden feien. Die an dem Zwi­schenfall beteiligte Division sei inzwischen auf­gelöst worden. Schrrtte für Bestrafung der Be­teiligten seien ein geleit et. Für alle Schäden werde Ersatz geleistet werden. Wang schlägt die Einsetzung eine- gemischten Aus­schusses zur Festsetzung der Höhe de- Schaden­ersatzes vor.

Die Antwort deS britischen Generalkonsul- gibt der Hoffnung Ausdruck, daß die Banking- Regierung die an gekündigten Maßnahmen mir vollem Rachdruck durchführen werde. Em wei­teres Schreiben des Außenministers Wang, das die 'Aufmerksamkeit der englischen Regierung auf die Beschießung von Teilen des Habens von Ranking durch einen britischen Kreuzer lenkt, wurde von dem britischen Generalkonsul

dahingehend beanitoortet. daß die Beschießung lediglich zum Schutz der in Gefahr befindlichen britischen Staat-angehörigen erfolgt sei.

3n einem dritten Schreiben drückte Außen­minister Wang die Hoffnung aus. daß nunmehr ein neuer Abschnitt in den Beziehungen zwilchen Qnglanb und Ehma beginnen werde und schlug vor. daß Schritte zur Revision der be­stehenden Ber träge auf der Grund'ag: der Gleichberechtigung unb gegenseitigen Achtung getan werden.

Der britische Generalkonsul erwiderte darauf, daß feine Regierung die Berechtigung des chinesi­schen Ber lang end auf Abänderung der Beiträge anerkenn e und bereit sei, demnächst mit der Rationairegierung in Bcrhandlungen dar­über eingutrvten.

Reichsbahngericht und Reichsbahnfinanzen.

Don Hans piening, R6ht

Rach dem Reich-badngesetz kann bet Meinungs- verschiedenbei len zwischen Reichsregicrung und ReichSbahngefellfchaf t da- Rcich-bohnge- richt zur Entfchetdung angerufen werden E- liegt in der Batur der Lache daß diele- Gericht, da- aus einem Senotspräfidenten des Reichs- gertchts al- Borsitzendem und je einem Vertreter der Reichsregierung und der Reich-bahnge'ell- schaft al- Beisitzer beliebt, nur in außerordentlich schwierigen Fällen, die nicht Im Verhandlungs­wege einer Lösung entgegengefübrt werden ton­nen. in Anspruch genommen wird Bisher ist da- Gericht nur zweimal in Tätigkeit ge­treten. und zwar einmal in der Frage der B e Neuerung der ReichSbahngelelllchaft durch d.e Gemeinden und ferner vor 1',, Zahven in der Frage der Anwendbarkeit des gesetzlichen Schlichtung-verfahren - aus da» Reichs- bahnpersonal. Der Fall, der da- ReichSbahnge» richt jetzt beschäftigen soll, ist von so außerordent­lich tnedtragenter wirtschaftlicher Bedeutung, daß man sich fragen muß, ob da- Reichsbahngericht tn der Lage ist, die Verantwortung für die endgültige Lösung der Frage zu übernehmen. Als sehr bedauerlich muß es bezeichnet werden, daß weder der ReichSvcclehrsministcr. noch die Reich-bahngesellschaft es für notwendig gebalten haben, vor Anrufung des Gericht» den durch die Reichsverfasiung eingesetzten Reichseisen­bahnrat zu hören. Diele- Gremium, da» sich au- den ersten Biännern der deutschen 'Wirtschaft zusammensetzt. wäre wohl in der Lage, in dieser die Desamtwirtschaft berübrenben Frage ein Gut­achten abzugeben.

ES ist bekannt, daß in der Ablehnung der Tariferhöhung die Spitzenverbände eine selten ein­mütige Haltung bis in die jüngste Zeit einge­nommen haben. Damit ist da- schwierige Problem der künftigen Gestaltung der Fiiranzen der ReichSbahngesellschaft selbstverständlich nicht ge­löst. Die Reich-bastn beansprucht Mittel für den Aufbau und die Erneuerung der Anlagen, die sich aus den laufenden Berkehrseinnahmcn nicht ergeben. Der Berkehrsrückgang in den letzten Monaten hat einen EinnahmeauSsall zur Folge gehabt, ohne daß die Ausaaben sich vermindert haben. Der Einnahineausfall, der im Monat Mai 27 Millionen betrug, ist bisher aus den Rücklagen deS Borjahres gebedi worden. Eine solche Deckung ist naturgemäß nur solange möglich, al- Rück­lagen vorhanden sind. Sobald die Mittel erschöpft ftnb und eine Einnahmeerhöhung durch Besserung der Wirtschaft-konjunttur ausbleibt, istbieReichs- bahngeselllchaft zu Erfparnismaßnahmen gezwun­gen, die sich für dic Wirtschaft außerordentlich schädigend au-wirken, wie z. B. im letzten Halbjahr durch die Streckung und Drosselung der Aufträge. Die vielen Unfälle der letzten Zeit haben ter Reichsbahngesellschast heftige Borwürfe ob ihrer Sparasmkeitspolittk eingebracht, so daß ter Gene­raldirektor ter Gesellschaft es für nötig gehalten hat, vor ter Presse die Fragen ber Unfälle und der Sicherheit teS Berkehrs zu erörtern. Diese Aussprache hat für die Aufklärung ter Oessent- luhkeit zweifellos einen großen Wert, weil ge­rade in ter Öffentlichkeit vielfach irreführende Rachrichten verbreitet werden, die geeianct sind, das Bertrauen zur deutschen Reichsbahn zu er­schüttern. Die Unfälle werden meist mit ter Finanzpolitik ter Reichsbahn in Berbinbung ge­bracht. obgleich sich auS den beklagenswerten Izr- eignisien lediglich ergibt, wie ungemein wichtig für bie Sicherheit des BertehrS gerate ter Aus­bau und bie Erneuerung ter Anlagen sind. Mittel hierfür zu verweigern, hieße Mitwirken an ter Herbeiführung von Zuständen, die den Unsicherteitvfaitor zu erhöhen geeignet sind. E- srcwt sich nur. ob die Finanzsrage ter ReichS- bahngc>elsichast auf dem Wege berTarif- erhöhung zu losen ist. oder ob andere Wege zu begehen Imb. Die Reichsregierung ist nach Prüfung des Antrags ter Reichsbahn, auch nachdem sich ter BerwaltungSrat erneut in zu­stimmendem Sinne geäußert hat. zu ter An­schauung gekommen, daß die bi-her gegebenen Unterlagen nicht hinreichend sind, um die Bot» wend.gke».t einer Tariferhöhung darzutun und daß vor ter endgültigen Entfchndung die Ent­wicklung ter Einnahmen ter ReichSbahngesellschaft schon mit Rücksicht auf die große Bedeutung für die gesamte Boll-Wirtschaft, zunächst abzuwar- ten sei.

Bun soll das Reichsbahngericht entscheiden, ob unb in welchem Ausmaß eine Tariferhöhung not- toenbig ist. um den Finanztedarf txr ReichS- bahnge'ellfchaft zu decken. Es ist einzigartig und noch nie dagewefen, daß eine die Reichsbahn als auch die Wirt chaft, die feit Zähren die Ber» telligung des Arbeitsprozesse- alt> eine Lebens­frage ansieht, so ernfchreidenb berührende Wirt- fchaftsfrage zur Entscheioung drei Männern an» be.mgcgebcn werten soll, von denen man zwar selbstverständlich vorauSzufetzen hat. daß sie forg* fältigft auSgewählt ftnb unb üter genügende ja» ristriche Kenntnisse verfügen, um in einer Rechts­frage teS entscheitente TSvrt zu sprechen Hier handelt es sich aber um wesentlich anderes. ES muß grundsätzlich abgelehnt werden, daß die Tar.sirage als eine juristische Frage behandelt wird. Die Wirtschastsvelastung durch die Bahn­tarife ist eine Existenzfrage der deut­schen Wirtschaft, unb mit jeder Beute- lastung wird die Lage der auf dem Weltmarkt schwer kämpf erten den sichen Industrie und des deutschen Handels kritischer. Aus diesem Grurrde wird dem Stcnrdpunkt ter Reichsregierung bei-