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Nr. 104 Zweiter Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Dberheffen)
Samstag, 14- Zuli (928
Deutschland und Rußland.
Außenpolitische Umschau
Ion Dr. Otto Hoehsch, o. Prof, der Geschichte an der Universität Äerlin, TR. d. X
Nach zweimonatiger Dauer ist der Moskauer Prozeß zu Ende gegangen. Die Sowjetregierung selbst wird nicht glauben, daß sie die Wirkung erzielt hat, die sie mit seiner Aufmachung beabsichtigte 3m Verhältnis zu dem großen Apparat und der monatelang aufrechterhaltenen Agitation ist auch im Sinne der Wünsche der Sowjetregierung das Er- gebnis außerordentlich gering. Was ist nun eigentlich naa>gewiesen ? Don irgendeiner den Bestand des Sowjetregimes bedrohenden gegenrevolutionären Bewegung ist keine Rede Was an sog. gegen revolutionären Akten wirklich erwiesen ist, das ist im Verhältnis zu der Tatsache, daß die Sowjet- rrflieninq besteht, gleich Null. Der Prozeß war ein «elastui.gsmaiiover, sollte die Unzufriedenheit im Lande a d l e n ke n , indem die Stimmung gegen die log „Spezialisten", gegen Techniker und Ingenieure geruhtet und das Massengefuhl der ?lrbeiterschaft dagegen aufgepeitscht wurde. Die Massen haben so einen ßtegner vor Augen gestellt erhalten, der an- geblich vollständig erledigt ist.
Wer unter diesen Arbeitern überhaupt etwas nach denkt, wird aber fragen, wie es möglich war, daß jahrelang diese sog „Sabotage" überhaupt gehn I b f t werden konnte. In der Liste der Angeklag- ten sielen verhältnismäßig viele Namen von Leuten auf, die früher Besitzer waren und nach der Cntcig nunfl als Beamte dem Sowjetstaat dienten. Hat man ha nicht entsprechend kontrollieren können? Konnte man von diesen Leuten verlangen, daß sie mit besonderer Begeisterung dem Sowjetregime in Bc trieben dienten, die man ihnen genommen hatte? Diejenigen, die etwas nachdenken, werden weiter iragen, inwiefern durch dieses Agitotionsvorgehen die mm einmal vorhandenen Schäden im Wirt- i ch a ft s s >) ft e m abgestellt fein sollen: Die Sowjet- rgienmg ist sonst so außerordentlich geschickt in der Regie. Glaubt sie, daß diese ermüdende, jeder Schlager und der Sensation entbehrende Prozeßaufmochung und Prozeßführung die gewünschte Wirkung auf die Gemüter haben wird? Selbst dem überzeugtesten Bolschewisten mußte die Berichterstattung über diese Prozeßverhandlungen einfach langweilig werden!
Der Prozeß hat dafür Rußland, d. h. dem jetzigen Regime draußen nur geschadet. Daß es kein Rechtsstaat ist, daß keine Sicherheit des Rechtes existiert, hat der Prozeß dem Auslande wieder gezeigt. Es ist eine Klassenjustiz, die da betrieben worden ist, und wir wundern uns nur, wie bei uns der Kommunismus auf Abschaffung der Todesstrafe drängen kann, während drüben bei diesen verhältnismäßig geringen Verfehlungen die Todesstrafe ausgesprochen und sogar vollstreckt wird. Bei der Doll- streckung Hal sodann, wie bei dem ganzen Prozeß, die Sowjetregierung den gleichen Fehler begangen, nie seinerzeit bei den Massenerschießungen nach dem Abbruch der englisch-russischen Beziehungen. Das Ausland verträgt dergleichen einfach nicht mehr! I!nd die Sowjetreaicning ist doch auf die öffentliche Meinung dieses Auslandes angewiesen, mit dem sie Geschäfte machen und von dem sie Kapital borgen will. Dazu hat der Prozeß monatelang vor einer praktischen Tätigkeit der Innenpolitik abgehalten, die recht notwendig wäre. Man hat hier Spezialisten verurteilt, das ganze Problem der nicht- kominunistischen sachverständigen Mitarbeiter aufge- rührt, Unsicherheit und Unruhe in diese Kreise getragen, die Maßen darüber aber doch nicht beruhigt. Und man braucht diese nichtkommunisti- scheu Spezialisten: die Ausbildung in den kommunistischen Anstalten für den Ersatz reicht ja nicht im rntfernteften aus.
Nun hatte der Prozeß noch eine besondere außenpolitische Seite darin, daß die Sowjetregierung, mit ihrer starren Tendenz dadurch Angst einzujagen, d i e Beziehungen zu Deutschland wirklich auf bas ernsteste auf» Spiel gesetzt hat. Schließlich hat Sie Regierung wie das Gericht auch begriffen, daß her eine äußerst gefährliche Hetze betrieben wurde, und der Ausgang ist in bezug auf die deut- ßhen Angeklagten wenigstens nicht so, daß ganz «rnfte Folgen für das deutsch-russische Verhältnis daraus erwuchsen. Aber gerade, wer jahrelang an Ser Notwendigkeit enger deutsch russischer Belebungen sestgehalten hat und auch heute noch daran l-'fthält, wird nachdrücklich fordern, daß dergleichen ffch nicht wiederhole. Eine zweite derartige Be liftungsprobe hält das deutsch-russische Verhältnis, iisonderheit da» Verhältnis der deutschen Wirtschaft rU Rußland, nicht aus. Man kann es der deutschen Wirtschaft und ihren einzelnen Gliedern nicht vcr
Goethe kneipt nicht mehr.
Von Gustav W. Eberlein (Vom).
Mit gewaltigem Getöse, so habe ich gehört unb elsbald den 'Behebt an meine Zeitung weiter- «geben, ist die altberühmte O ftcrx a della Matena, wo Goethe feine Faustina fand, ein- gestürzt.
Kaum war die histohsche Depesche fort, der "Botenjunge hat sie geschwenkt wie einen pleite gegangenen Divibenbenschein, verfiel ich in Mc- ancholie. Man bente. Goethe kann jetzt nicht mehr kneipen, rauchender Schutt verhüllt die Stätte, vv ein Göttlicher sterblich ward, sogar eine Leiche bat man herausgezogen. und das alles erfährt die Welt bereits ein paar Stunden später, nichts (inn man ihr mehr schonend beibringen. Die ganz anders damals, wie schön hatte es mein Kollege Wolfgang, der als Kriegsberichterstatter noch gußeiserne Dollkugeln aus bronzenen Kanonenrohren herausspazieren sah und als Journalist richt zu befürchten brauchte, die Konkurrenz werde vielleicht seinen Drahtdienst mit einem Funkdienst schlagen. Ach, der Herr Geheime Rat fktzte sich einfach malehsch hin. federkielte einen diplomatischen Bericht für Weimar, hübsch aus- gifeilt mit Rücksicht auf die Epigonen unb Literarhistoriker. faltete ihn kunstgerecht, setzte abwechselnb e-n Siegel und einen Decher Frascati, erhob sich gravitätisch, schellte dem Diener, sprach bedeut- s-ime Worte geradeaus und (bei sich) wohl- 'kandierte Verse. dann wurde das Ding nach allerhand feierlichen Prozeduren durch die Poft- krtsche auf genommen, so und mm... nun konnte fr auf ein paar Wochen zu seiner Faustina X-gen.
Zwischen Brief und Antwort vergingen ba- nals Seligkeiten, heute kaum noch Stunden. Diesen Zeitunterschied hatten sie voraus, wvchen-
denken, wenn sic sich dafür bedankt, Kredit und Lieferung an sich schon zu riskieren unb dabei Gefahr zu laufen, daß sowohl ihre Angestellten drüben als Verbrecher behandelt werden, wie, daß die deutsche Wirtschaft, die einzelnen Firmen, ohne jeden Beweis, auch ohne daß nur der versuch des Beweises gemacht wurde, vor aller Welt zielbewußter Unterstützung der gegenrevolutionären Bewegung an- geklagt werden.
Wir wollen auch trotzdem die Beziehungen zu Rußland ruhig betrachten. Was in ihnen für uns wichtig und notroenbig ist, bleibt es nach wie vor. Aber die Frage, ob es Deutschland, seiner Wirtschaft und feiner Politik, möglich gemacht wird, auf so unsicherem JBoben überhaupt zu arbeiten. Wir stehen vor dec Frage, ob die an diesem Prozeß abgebrochenen deutsch russischen Wirtschaftsoerhand. l u n gen wieder ausgenommen werden sollen. Wir sind dafür, daß das geschieht, aber mit der Zurück- Haltung und auch mit der Klarheit über die deutschen Forderungen, die geboten ist. Wir müssen aus der Unsicherheit dieser Beziehungen heraus. Die deutsche Wirtschaft muß sich im Verhältnis zu Rußland f e st zusamm^nschließen trotz aller dem entgegen stehenden Schwierigkeiten, damit in diesem Verkehr der Geschlossenheit und Entschiedenheit auf der einen Seite auch auf der anderen Seite das gleiche gegenübersteht. Das ist Rußland nicht an- genehm, aber das muß es sich gefallen lassen, und das ist eine Forderung, die längst erfüllt sein müßte. Daß sie das bisher noch nicht ist, ist kein Ruhmesblatt für unsere Exportindustrie und unseren Exporthandel.
Wir brauchen bann weiter eine Wiederaufnahme der Vertragsverhandlungen von Staat zu Staat. Was hierin erreicht ist, ist nicht genug, und der Prozeß hat gerade in dieser Beziehung die Unsicherheit tur Gknüoe behtonftrierL Rußland wird einsehen müssen, daß es das in feinem eigenen Zn- tereffe braucht. Wen hat es denn auf der weiten Welt überhaupt noch als Freund? In der Frage der Anerkennung durch andere Staaten ist seit langem eine Pause eingetreten Weder die politischen Verhandlungen, noch die Wirtschaftsbeziehungen und Krediterörterungen mit den anderen Staaten fent
lang störte sie nichts in ihrer Ruhe, es war halt doch eine gute alte Zeit.
Unb ich sinniere weiter, wie wohl bet Herr Minister unb Kammerpräsibent den Schlag im Ghetto ausgenommen hätten. Ha, bies rollenbe Auge! War es nicht gestern noch, baß bic Hexameter auf hohem Kothurn sich drängten heran an den fremden Apoll:
Seib mir gegrüßt, ihr Schenken.
Offenen, wie euch schicklich ber Römer benennt!
Freundin, o wie wirb mir! Faustina. „bic auf dem hölzernen Blatt Kreise bot Feuchtigkeit zieht"!
Wie. bas sollte jetzt nicht mehr fein?? Richt mehr in Liebe geantwortet auf nämlid'c Art? Kreis auf Kreis, so unterhielten wir uns. wurde boch Wort auf Wort, ein jedes Verheißung, daraus!
Faustina —! Bitte, nicht im Lexikon nach- schlagen. Dort steht sicher nur von einer Mutter unb Tochter zu lesen, beide wegen ihrer freien Sitten bekannt. Lieber die römischen Elegien wieder genoffen, den Schmelz des auf schönen Rücken getrommelten Versmaßes!
Zürne nicht. Mädchen, bah bu dich so schnell mir ergeben... Faustina war übrigens dabei ganz modern, sie hatte schon einen legitimen (Satten. aber der Mutter gefiel ber herrliche Fremdling. Goethe wußte das frellich nicht fo genau wie unsere Literarhistoriker, ein Glück, daß er so schlecht Italienisch sprach.
3a also, um aus den verteufelt sühen Hexametern herauszukvmmen. da macht er sich auf, eiligen Schrittes, unb nimmt unter bie Füße den traulichen Weg. Man kommt dabei auch an dem Fenster vorbei, aus dem die schöne Mailänberin heraussah — aber das gehör: nicht zur Sache. Bleiben wir bei Faustina. Schon finb wir am Hause ber aphrodisischen Beatrice angelangt, die ber Betturinv. den Barbaren belehrend, stets
men irgendwie voran. Die politische Lage Rußlands in der Welt hat sich zusehends verschlechtert. In der großen Aktion, die Kellogg eingeleiici hat. ist Ruß land übergangen und ignoriert. Das ist natürlich auch nicht richtig Denn die ganze Aktion verliert ihren Wert, wenn größere Teile der Welt, wenn ein Staat von der Größe und Bedeutung Rußlands nicht in sie einbezogen wird Auch hier ist cs, wie in der Adrüstungsbewegung, Deutschlands Ausgabe, Mittler und Vermittler zu sein, Rußland klarzumachcn, daß cs in seinem eigensten Interesse in die Welt hineinwachsen muß, in die Weltwirtschaft wie in die Weltpolitik. Dann muß cs aber auch den anderen Staaten das möglich ntachen, auf der Grund- läge, die ja in Genf bei der Wirtschaftskonscrenz gefunden wurde, der „Nebeneinanderexistenz- und der .Zusammenarbeit".
Im Ernst denkt kein Meitjch daran, die Well ztt einem Kreuzzug gegen Rußland zusammenzufassen Die Gefahr ist für Rußland viel mehr, daß cs selber seine Isolierung immer weiter treibt, so weit, daß es schließlich allein dasteht und, weil die Hilfe von außen fehlt, endlich das Rad seines Wirt- schastsprozesses stillsteht. Die Aufgaben der deutschen Politik und besonders ihrer Vertreter in Moskau find darum nicht leicht und erfordern viel Selbst beherrschung und Zuruckhaltung, (tzeschicklichkeil und Vermittlungstatigkeit Sowohl die deutsch.- Presse wie die deutsche Politik haben sich in diesen schwie- rigen Monaten der deutsch-russischen Spannung außerordenllich zurückgehalten und aus Herausforderungen nicht geantwortet. Der Prozeß ist jetzt vorbei. Run möge der Schaden, der ungerichtet ist, baldig st wieder giilgemacht werden Rußland braucht die Unterstützung und die Freundschaft Deutschlands. Darin halt Deutschland auch in seinem Interesse durchaus fest. Wenn wir es gegeneinander abwägen, so braucht wohl heute Rußland Deutsch land mehr als umgekehrt. Die beste Einsicht ober in die Notwendigkeit einer Gemeinschaft der Interessen und der beste Wille, sie zu betätigen, finden ihre Grenzen, wenn der andere Teil es an Verständnis und Ernst zur Verwirklichung fehlen läßt
mit Dantes unsterblicher Geliebten verwechselt, bic aber bie unglückliche Cenci war. und es öffnet sich, ber Geruch schon fünbet es an und das Tohuwabohu ber Kinder, ber köstliche Ghetto.
Da also — da — Ich kann nicht umhin, schmerzlich die Hand vor die Augen zu legen, elegisch wirb mir zumute, mich packt schon wieder ber Rhythmus: Faustina. wo bist bu —?
Herz in die Hand, hier war es, hier das Theater des Marcellus das sie freilegen von den angeklebt en Zinshäusern, bie seine Säulen nahmen zur Stütze ber schwächlichen Wänbe. Mussolini toill es anders, ber Duce nahm den Pickel in bic Faust unb demolierte zur Ehre ber ewigen Roma. Da krachten zuiammen die Dächer aus Schindeln, es sprang aus dem Stuck hervor wie aus dem Haupte oes Zeus einst Pallas Athene die Wucht der Quader der hehren Antike — und nicht nahm ber Grollenbe Rücksicht aufs Häuschen, das doppelgefcnstert dabeistand. Osteria della (Satena geheißen.
Hm die Wahrheit zu sagen, die alte Kneipe war längst, längst ausgeflogen, umgezogen, von einem Signor Goethe wußte niemand mehr etwas zu sagen. Rur König Ludwig, deS Bayernlandes Stolz und olympischer Herrscher weihte dem Bruder in Apoll eine Gedenktafel aus Marmor mit sinniger Inschrift, voll Rührung Iden sie stets bic gvethetrunkenen Deutschen.
Gefetzt den Fall, bas schmale Häuschen, es sah aus, wie eine auf den Kops gestellte Zigarren- schachtel, ein nur durch die Anschmiegsamkeit gleichgesinnter Wohnstätten gemilderter Anblick, gefetzt den Fall, es wäre schon vor Goethe eingestürzt: wir wären um bie schönsten ber römischen Elegien ärmer. Bielleicht hätte sich bann bas mit ber Mailänberin anders entwickelt, bie ganze Literatur- unb Weimarer Geschichte hätte eine andere Richtung genommen — nicht auszudenken
Die internationale Zunft der Spione.
Wie Frankreich unb Polen in Deutschland spionieren. — Russischer ErkundungS- bienst.—EineuropäischesSpionageneh!—GeneralstabsoffiziereimGeheimbienst.
Die Verhaftung des deutschen Regie- rungsbaumeisters Ludwig wegen Luftfahrt-Spionage ist umso bedeutungsvoller, als erst vor wenigen Tagen der dänische Jknfanteriehaupttnann Lembourn feftgenommen wurde, weil er militärische Geheimnisse — wahrscheinlich in französischen Diensten — zu erkunden suchte. Weitere Verhaftungen ber letzten Zeit beweisen, baß ganz Europa von einem Retz von Spionage-Organisationen überzogen ist.
Rach einem Wort Rapvleons werben Kriege mit ben drei Hauptwaffen Infanterie, Artillerie unb Kavallerie geführt; die Entscheidung fällt aber durch bie vierte und wichtigste Waffe, die Spionage. Run besteht kein Zweifel, daß in kriegerischen Zeiten weit mehr Mittel für Spionagezwecke zur Verfügung gestellt werden als in friedlichen Epochen. Doch auch im tiefsten Frieden finb bic Generalstäbe aller Länder bemüht, zu erfahren, welche Aufmarschpläne in fremden Kriegsministcrien vorbereitet liegen, wie gegnerische Heere bewaffnet sind und. besonders in letzter Zeit, welche Vorbereitungen für den chemischen Krieg getroffen werden. Vor allem sucht man zu erfahren, ob in fremben Laboratorien Versuche mit gesährlichen Gasen erfolgreich gewesen sind und welche Verbesserungen es im Flugzeugbau anderer Staaten gibt da der Gaskrieg der Zukunft, sollte es einmal zu einem so schrecklichen Ereignis kommen, sicherlich mit Flugzeugen geführt werden wird. Der deutsche Regierungsbaumeister. der nach wochenlangcr Beobachtung jetzt mit einigen Helfershelfern in Adlershos verhaftet worden ist. hat also nicht allein Werkspionage betrieben, indem er nichtige Zeichnungen über den Bau moderner Flugzeugmotore bei ber »Deutschen Versuchsanstalt für Luftverkehr" in Adlershof unb bei ben Junkers werken in Dessau entwendete, um sie der Sowjetregierung zu verkausen, sondern er hat neben ber wirtschaftlichen Schädigung der Betriebe, in denen er beschäftigt war. auch Verrat am Deutschen Reich geübt, da er durch seine Untreue bic militärische Rüstung einer fremden Macht stärkte.
Gerade in diesen Tagen ist auch ein anderer Spionagefall aufgedeckt worden, bei dem frellich ungleich plumper und daher auch erfolgloser gearbeitet wurde. Der dänische Znfanteriehaupi- mann Lembourn vcZüchte unter salschem Ra- men, wahrscheinlich als ein Mr. Brown, in ben Besitz militärischer Geheimnisse zu gelangen; er bediente sich dabei einer zweiundzwanzigjährigen Stenotypistin, die dumm genug war, einen noch dümmeren Bekannten ins Vertrauen zu ziehen. Dieser naive junge Mann ging schnurstracks zu einer hohen Reichs Wehrbehörde, ber er so seltsame Fragen vorlegte, daß man ihn sofort in ein scharfes Kreuzverhör nahm und ben Drahtzieher mühelos feststellte. Es erscheint zunächst unbegreiflich, daß sich Offiziere eines fremden GeheimbiensteS an völlig einflußlose Personen wenden, von denen von vornherein sicher ist, bah sie selbst weder Geheimnisse wissen noch Beziehungen zu gut informierten Persönlichkeiten besitzen. Doch ist erst kürzlich vom Reichsgericht bic Berliner Stenotypistin Berta König zu zwei Zähren Gefängnis verurteilt worden, weil sie im französischen Geheimdienst gestanden hat. unb ähnlich erging cs ber Bureau- angestellten Wally Howillcr aus Freiburg im Breisgau. Man benutzt solche Frauen, die sich der Tragweite ihrer Handlungen fast nie bewußt werden, um Verbindungen z u Reichs- wehrsoldaten herzustellen. bie bann nach ber Stärke ihres Truppenkörpers, nach ihrer Bewaffnung und nach internen Vorgängen in ber Reichswehr ausgefragt werden. Diese Ermittlungen sollen basu dienen, Deutschland auf irgendeine Weise Verstöße gegen die Bestimmungen des Fricbensrertrages nachzuweifen und damit diplomasisches Material in bie Hand zu bekommen, das u. a. zur Begründung ber weiteren Besetzung ber Rheinland« ober zu ähnlichen Schikanen dient.
3n gut informierten Kreisen ist man ber Ansicht, daß gerade die französische Spionage - Or g a n i s a t i o n, die unter ber Leitung des Generals Gourrcaub steht, in letzter Zeit immer größer geworden ist. Richt nur in den Grenzlänbem, in Belgien, Holland, Dä
nemark. Polen und ber Schweiz, gibt e» Bureaus die'es französischen Geheimdienstes: auch i m besetzten Gebiet in Mainz. Trier. Koblenz und Ludwigshafen, bestehen Filialen ber .Süreto •nilitaire.“ die über große Geldmittel rerlügen. Auch diese Stellen haben es besonders auf Soldaten ber Reichswehr aboesehen, die das besetzte Gebiet nur unter Innehaltang besonderer Vorscheinen betreten dürfen, verstoßt cm Soldat gegen diese Vorschriften, fo wird er verhaftet. Doch stellt man chm meist In Auo- sichr. ihn wieder sofort freuulaffen. falls er auf bestimmte ihm vorgelegte Fragen Auskunft erteilt. Aber nicht nur Frankreich unterhält einen großen Spionageapparat. auch in Polen läßt man sich die Ermittlung milltärischer unb politischer Gebemtnissc gern etwas kosten. G* gibt in Warschau eine regelrechte Schule für bic Ausbildung von Geheimagenten, und es steht außer Frage, daß viele der hort angelernten Epione ihren Weg nach 'Deutschland finden. Besonders groß ist die polnische Spionage tu den deutschen Oftprovinzen. vor i.Mcn Dingen t n Ostpreußen, gerade im letzten Jahr mußten eine ganze Anzahl Personen dort verurteilt werden weil sie ben polnischen De he Midi en st Material geliefert hatten
Aber der polnische G c n c r a l st a b. ber so gern etwas über interne 3ngelcgenbcitcn des deutschen Heeres wissen nwchte, ist scll»st keineswegs fieber, nicht auSspioniert zu werden Es gibt in Polen und in den östlichen Randfraaten große russische Deheunorganisationcn, die na- türlich zuweilen auch auf Mittelenro^i unb bc- fonbtre aus England übergreifen. Fabrikbirek- toren, Inhaber von Spielhöllen von Kaffeehäusern und von Handelsfirmen nxiren in bic Prozesse verwickelt, die in Polen fast ununterbrochen gegen russische Spione stattsinden Am erfolgreichsten Uxir wohl die Tätigkeit des früheren Direttors ber polnischen Agrar-HanbelSge- nosienschast. Znicz, der von polnischen Offizieren, z. B. von dem Kapitän S t rcelecki, Ctnfnrmalionen über das polnische Heer erhielt: biefc Informationen waren besonders wertvoll, weil Strcelecki im polnischen Deneralstab beschäftigt war. und zwar in der Spionageabteilung. 3n Litauen ist Ende Mai vorigen IahreS ein hoher Offizier, ber General Klctfchinski, vor ein Kriegsgericht gestellt unb kurz daraus erschollen worben, weil er der Sowjetregierung wichtige Atten ausgehändigt hatte und dafür bas schäbige Gehalt von SOO Lit im Monat erhielt. Es gelang der litauischen Polizei damals, Kletschinski gerade In dem Augenblick zu überraschen, in dem er sich mit dem russischen Militärattache Sokolow in seiner Wohnung unterhielt. Ein diplomatischer Konflikt zwischen der Sowjetregierung und Litauen ist daraus nicht entstanden, da die litauische Regierung auf dem vernünftigen Standpunkt steht, daß Militärattaches im allgemeinen z u Spionagezweckcn in fremden Ländern weilen, also die Regierung, die solche diplomatische Beamten zuläht, sich selbst die Schuld zu- zuschreiben Hut, wenn sie bespitzelt wird. Man sprach damals von einem „litauischen Fall Redl", in (Erinnerung an jenen österreichischen Oberst Redl, der wenige Monate vor Ausbruch des Krieges dem russischen General st ab den österreichischen Ausmarschplan verschaffte und sich erschießen mußte, als die Angelegenheit entdeckt wurde. Der Ausmarch - plan wurde zwar sofort geändert: aber es ist erst vor kurzem herausgekommen, daß auch das ab- geänderte Dokument nach Petersburg ge- wandert ist, dort photographiert wurde und dann wieder in der geheimen Kassette des österreichischen Kriegsministeriums landete, wo man den Diebstahl nie bemerkt hat. Die Wahrheit ist erst durch die bolschewistische Veröffentlichung zaristischer Dokumente bekanntgeworden.
Jede Regierung b c st r e i t e t, Spione au entsenden, aber jede Polizei muß Agenten fremder Regierungen bekämpfen. In England war z. B. die Entrüstung der bolschewistischen Spione vor etwa zwei Jahren außerordentlich groß — doch hütete man sich, darauf hinzuweifen, daß Sir Paul Dukes im Jahre 1922 feine Memoiren veröffentlicht hat und dabei ausplauderte, wie er sich als englischer Geheimagent durch das revolutionäre Rußland schlich, seine Auszeichnungen auf Pauspapier schrieb, das er dann in seine Jacke einnähte und sich nachher rühmte, ein erfolgreicher Spion gewesen zu sein. Auch im letzten Jahrechat man in Rußland englische Spionageorganisatianen entdeckt und damit den Beweis geliefert, daß der Geheimdienst ein internationales Uebel auf Gegenseitigkeit ist.
Gefetzt den Fall aber, bet weinsellge Verse- trommler hatte biefen Einsturz, wie eben geschildert, hütet lebt, die elegischste ber elegischen Elegien hätte ben Weg nach Weimar genommen.
Statt meines nüchternen Telegramms.
So weit war ich mit diesem Feuilleton gekommen, als mich ber Hafer stach, ben Ort des Geschehens selber in Augenschein zu nehmen. Es ist ja bekannt, baß eS ben Verbrecher immer zum Schauplatz seiner Tat zieht. Schwang mich also ans Steuer unb preschte los, einen langweilig daher- s kandierenden Herrn glatt überfahrend. Wie der Polizeiberichl später wissen wollte, handelte es sich um einen ausländischen Minister aus ber durch die RationalVersammlung Anno 1919 bekannten deutschen Stadt.
Auf ber Piazza Montanara. neben der dis Piazza della Eatena liegt, angekommen unb das schon halb freigelcgtc Marc cllusthea ter kritisch ins Auge fassend, stellte ich fest, daß nicht bic alte Goethe kneipe, sondern ein Stück eines benachbarten Hauses anticipato eingefallen war. das heißt etwas vorzeitig. Hätte ich nur nicht gleich brauf- lostelegraphiert! Schade, daß die Konkurreriz meinen Drahtdienst nicht durch Funkdienst geschlagen hat.
Freilich, ber feuchte Tisch mit dem selig hin- gezogenen Liebesbialog wird durch diese Voreiligkeit auch nicht mehr lebendig. Wusiolinis Pickel hat ihn zu Tode getroffen. Die Gedenktafel des Bayernknigs soll bereits in irgendeinem Museumarchiv bei»?fetzt worben sein. Man schallt Luft für die Eookschen Herdenautos. Goethe hat bie Kneiperei hier auf gegeben.
Dagegen fand ich in bet Rähe das Fenster ber schönen Mailänderin wieder, völlig intatt, unb als ich hin aufsah — als ich hinaufsah da — es war nicht leer — nun, ich will nur Jagen es bcfamcterte mir heiß unb kalt über den Rücken.


