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Samstag, 4 April '928

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffeu)

Nr 88 Zweites Blatt

Als Telephonist im Dienst der Entente.

Deutsche Landesverräter liefern der Kontrollkommission Stoff für ihre Einspruchsnoteu.

me).

,Lch oerfrinte mit bem Chef der Nachrichten- abteilung." Mit diesem verabredeten Stichrvori wurde noch nranches Gespräch auf das Telephon in meiner Ecke überwiesen, und bald war ich ein rvu- nnitrier Spionagechri der Interalliierten Konttoll- kormnifsion, daß ich schon nach den ersten Worten erkannte, ob es sich um einen leichten oder schwieri­gen Fall handle, ob ein raffinierter Bursche oder ein 2£njängt r uns telephoniert« und wie ich handeln müsse, um den schlechten Kerl in unser Garn zu locken und unschädlich zu machen.

Manchmal stammelte ein unerfahrener Betrüger [o dumme Sätze am Telephon zusammen, daß ihn selbst ein gutgläubiger Franzose nicht ernftflenom- men hätte. In diesem Falle genügte es nur, den l,ch mit angeblichen politischen Geheimnissen Antne kenden zu verscheuchen. Ich saate ihm kurz, natürlich mit starkem, französischen Akzent sprechend, er solle uns mit seinen Dummheiten verschonen, wir wären schon oh auf dies« Weise genarrt worden und hätten keine Lust, unsere Zeit zu vergeuden. Blieb er hartnäckig, so unterbrach ich einfach di« Der- biiwbunfl. Schwieriger war es in anderen Fällen. Ich muh da ein« fast unglaubliche Geschichte er­zählen, die leider vom Anfang bis -um Ende wahr ist.

Line» Tage» meldete sich am Telephondraht ein ehemaliger deutscher Offizier und bot seine Dienste an.Sie können alle» von mir er­fahren, wa» Sie wissen wollen." sagte er M) hab« Freund« und verwandte in allen Mi­nisterien Sie können mir auch fragen stellen. Aufträge erteilen und, was ich selbst nicht weih, kann ich bi» ins letzte Detail für Sie recherchieren."

Den Mann muh ich mir doch anschauen, denn ich erkannt« aus der zynischen Offenherzigkeit, mit der «r sein« schamlosen Dienste anbot, daß nur ein ganz gewissen, und charakterloser Mensch so tief sinken und seine Vergangenheit so ganz vergessen konnte.

Wir verabredeten ein Stelldichein bei Aschinger am Afexanterplatz. Ehe ich dorthin ging, Halle ich natürlich die deutsche Behörde, die un* weit davon ihren Sitz hatte, verständigt und mit ihr alle Eventualitäten besprochen. Der neue Spion kam pünktlich an. Er wiederholte und er» gänzte di« Angaben, di« er mir schon durchs Tele» phon gemacht hotte. (Wir hatten sie inzwischen über» prüft, uns über seine Persönlichkeit informiert und beftatigt erhalten, daß er die Wahrheit g e - sprachen.) Darm ober platzte er mit seiner wich­tigsten Forderung heraus:

Er wollte Geld haben, eine sehr hohe Summe, um [eine Schulden bezahlen zu können, und um eine Au»landreise zu unternehmen Sein egoistt» scher Plan war sehr geschickt zurechtgelegt.

Mitten in der Aussprache, als wir aerobe Zu» ftmftsträume schmiedeten und Lustschlösser bauten, wurden wir o«rhaftet. Nicht nur er, diesmal auch ich.Reine Widerrede! Folgen Sie uns, ohne Aufsehen .zu machen!" waren die energischen Dort« der Beamten, die uns längere Zeit vorher beob- achtet hatten, da sie In bem überfüllten Lokal ganz in unser« Nahe kommen konnten.

Wir marschierten zusammen über den Platz, dann wurden wir getrennt, um verhört zu werden, Während ich zum Scheine noch bewacht wurde, stand meinSpießgeselle" im Kreuzfeuer vieler Fra- gen, auf bi« es nur ein« einzig« Antwort gab: die WahrheU äu gestehen. Ich mußte warten, um einer etwaiaen Konfrontation gewärtig zu fein. Es kam nicht fo weit, denn der lieberrumpelte bekannte sich nach kurzem Leugnen zu seiner Sünde und Schande, daß er beabsichtigt hatte, sein Daterlond zu verraten. Fünf Jahre Zuchthaus waren gewöhnlich der Lohn. Im Auslände kostet Landesverrat noch viel mehr!

) Dgl. Nr. 83 desG. A." vom 7. April und Nr. 85 desG. A." vom 11. April.

durfte ich unter militärischer Bedeckung die Schreib* maschine au» dem Bureau holen.

Dann diktierte ich in unserer Zentrale meine Be­richte. die nicht für die Ententekommission, sondern für ein« deutsche Aml »st eil« bestimmt waren. Rom ober wirklich einmal ein Offizier in» Zimmer, jo war diese» gefährliche Manuskript schnell versteckt, so biftierte ich harmlos irgendein Feuilleton oder einen Sportbericht. Und dann wurde die Schreibmaschine unter militärischer Bedeckung in da» betreffende Bureau zurückgebracht. Ja: e» war ein geordneter, wohlorganisierter Betrieb' . .

So ging es 6i Jahre lang Und ich Hane mich bald in meine Noll« al»Ehe! de» französischen Spionagedienstes" so hineingelebt, daß ich ,.e» bei­nahe selber glaubte". E» gab bi» zu drei Fällen in einem Monat. Und 6i Jahre lang bat es geklappt, wie im Kientopp" wie mein i)auplmitarbeUer von der deutschen Behörde, stet» vergnügt grinsend, agte. Nie kam eine Störung nicht von außen und nicht von innen. Alle meine Telephonisten haben tadellosdicht gehalten".

Internationaler Geist und nationale Erziehung.

Don unserer Derliner Redaktion.

Der soeben in Berlin eröffnete Pädago­gische Kongreß, der Hand in Hand geht mit einer Tagung der Internationalen Bereinigung der Lehrerverbände, hat sich zu einer über Erwarten großartigen und umfangreichen Kundgebung gestaltet. ®cgcn 7000 Delegierte sind der Einladung gefolgt, und natur­gemäß ist auch das Interesse in nichtfachlichen deutschen Kreisen .so groß, bah die sämtlich:» Veranstaltungen deS ersten Tag:s verdoppelt, d. h. an zwei Stellen in wiederholter Auflage gegeben werden mußten.

3m Mittelpunkt steht, wie zu erwarten war, der einleitend« Vortrag d:S preußischen Kultus­ministers Dr Becker über .j.iternalbnaicc Deist und nationale Erziehung". Dr. Decker ist ein tiefer Denker und gottbegnadeter Päoagoz. Das wissen auch wir, die ihm politisch m<bt nahestehen, und schätzen eS. Und d mgemäß wird dieser Vortrag die Verbreitung finden, die er verdient. Dr. Decker hat in erstaunlich ein­leuchtender und tiefschüpfend:r Form die Syn­thes« darzustellen vermocht, die zwischen dem richtig verstandenen Internationalen Geist, wie er in den modernen Schulen aller Länder im Humanitären und politischen In­teresse herangebildet werden soll, und zwischen einer ebenso richtig verstandenen nationalen Erziehung besteht, die auf den eigenen, durch die Ratur und die Tradition eines starken und selbstbewußten Volkes gegebenen Werten diese- Volkes allein beruhen muß und kann. Im allgemeinen steht man wohl auf dem Stand­punkt, daß einem solchen frischen internationalen Geist und dem nationalen Geist ein unüberbrück­barer Gegensatz bestände. Vielleicht mühte ein solcher Pädagoge von solchem Grad kommen, um einmal aufzuzeigen, daß in der Tat nicht nur dieser Gegensatz keineswegs besteht, son­dern daß im Gegenteil daS eine durch das andere bedingt wird, also ein wirkliches Verständnis für fremde Völker und fremd.S Geistesleben nur erwachen kann auf dem "Be­ben einer bewußt gepflegten nati­onalen Eigenart. Insofern hat also der Vortrag des preußischen Kultusministers, der wie alle seine Reden auch durch die Form und die rethorische Ueberlegenb.'it Deckers bestach, eine über den engeren Kreis der pädagogi chen Interessen hinauSgch nte, erhebliche politi che Dedeutung. Lind man darf wünschen, daß diesen und vielleicht zum ersten Male in dieser Form von deutscher maßgebender Stelle ausgehenden vorgetragenen Gedankengängen im Auslände eine möglichst starke Verbreitung zu­teil werde, weil es sich dadurch für den den-

Danz besonder» war e» der Kontrollkommission darum zu tun, Plätze zu erfahren, wo angeblich Waffen versteckt worden wären. Zeder, der mit solchen Mitteilungen kam, wurde mit offenen Armen empfangen. Und waren feine Angaben geeignet, sic zu einem diplomatischen Protest zu verwenden, so wurde er auch mit klingender Münze, sogar sehr reichlich, bezahlt. Da meldete sich eines Tage» am Telephon e i n Pole, wie ich nach seiner harten Aussprache ver­mutete. Er war zwar deutscher Staatsbürger, doch polnischer Abkunst. Und er kündigte hochwichtige Enthüllungen an. Der Mann war sehr gerissen und gefährlich, wie ich schon am Telephon erkannte. Wir trafen uns noch am selben Tag, in einer Heinen Kneipe in der Luisenstratze. Obwohl ich in meinem Aussehen einem Sudsranzosen gleiche und mir einen sehr glaubhaften Dialekt eingelernt hatte, in dem ich die deutschen Worte mit den französischen Brocken zu verwechseln und zu vermischen pflegt«, mutzt« ich diesmal mit besonderer Vorsicht ans Werk gehen, um das Vertrauen des spröden, mißtrauischen und in allen Spionage sm gen gut unterrichteten Burschen zu gewinnen. Jedes Wort, das ich sprach, mußte wohl überlegt werden, denn die kleinste ungeschickte Geste formte mich verraten. Ich muh meine Rolle gut und glaubhaft gespielt haben, denn nach einigem Zögern begann der edle Pole zu erzählen.

Er wisse von großen Dafsenlagern, die in der Nähe von Glah und in Mecklenburg verborgen sein sollten. Er bezeichnete diese Orte geogra­phisch ganz genau, gab sogar topographische Einzelheiten befaunl, machte Angaben über an­gebliche deutsche Geheimorganisationen und nannte auch Namen bedeutender Persönlich­keiten, die in der antifranzösischen Bewegung eine wichtige Rolle innehaben sollten, wofür er uns auch dokumentarifche Beweis« in di« Hände spielen wollte.

Diese zu erlangen, war meine erst« und wichtigst« Sorge. Nach einem Geplänkel über die Kostenfrage vertagten wir die Sitzung, um uns am nächsten Tag, wieder in einem Restaurant am Afexanterplatz, neuerlich zu treffen. Diesmal brachte er auch einen Kollegen mit, der imstande fein sollte, seine An­gaben zu bestätigen und eine ganze Menge Pa­piere, die angeblich belastenden Dokumente. Ich ver­gewisserte mich zunächst, daß diese Schriftstücke wirk­lich zur Stelle waren. Dann gab ich das Zeichen an die wartenden Detektive. (Eine Minute später waren wir verhaftet. Der Pole war durch die bei mir gefundenen Papiere überführt* und formte nichts ableugnen. Resigniert mußte er sich m sein Schicksal ergeben, das ihm fünf Zuchthausjahre m Aussicht stellte.

Nicht alle, die der (Ententefommtffwn ihre Spio- nagebienfte offerierten, liefen in unser« Netze. Oft kam es vor, daß ein Franzose am Tele­phonschrank Platz genommen hatte, um sich in bem Dienst, der so viele manuelle Fertigfeit ver­langt, ju üben, oder um sich in der deutschen Sprache zu vervollkommnen. Kam dann gerade einer, der das Zeug in sich fühlte, Spion zu werden, so wurde er freundlich auf genommen, und der Fran­zos« verband wirklich zmn Bureau desInforma­tionsdienstes", nicht ohne dazu behaglich und zufri«. den zu grinsen.

Oft hörten wir auch vom anderen Ende des Drahtes den bangen, verzweiselten Stoßseufzer:

3 d) will zur Fremdenlegion."

Manchmal konnten wir begütigend, optimistisch oer- tröstend abraten, doch in vielen Fällen blieb uns nichts anderes übrig, als mit einer kernigen Aus- fünftDann hängen Sie sich lieber auf" den Despe­rado zu verscheuchen. Ntemols jedoch, solange wir im Tricphondienft waren, hat so ein jugendlicher Abenteurer sein Ziel erreicht.

Gelegentlich der Verfolgung eines Reichswehrsol- baten, der sich telephonisch an den Spionagedienst der Kontrollkommission zu wenden versucht hatte, war ich mit der zuständigen Stell« des Berliner Polizeipräsidiums, die sich mit der Abwehr des

ieindlichen Spionagedienstes zu befassen hatte, in l Berührung «kommen und arbeitete seither r>anb in i Hand mit ihr.

Nach den ersten, erfolgreich bestandenen Abenteu­ern wurde dieser Derkeyr noch inniger und inten­siver. Klingelte fo ein Bursche, der Fähigkeiten als französischer Spion in sich fühlte, bei un» an, fo gab ich in der Zelle das ZeichenP. P. das hießPolizeipräsidium". Mein« Kollegen und der von der Postbehörd« der Interalliierten RontroQ- kommission zu geteilte Storungssucher bemühten sich daraufhin mit Eile und Eifer, eine tetephonisch« Der- binbung zum Polizeipräsidium hcrzustellen.

Einen Augenblick der Ehef wird benachrich­tigt", hieß es für den Wartenden, während fein Draht bereits mit der Leitung zum Poli^ioräsiteurn verbunden wurde. Einige einleitend«, französisch gesprochene Höflichkeitsfloskeln:Voila Monsieur le Directeur il taut parier Allemand avec lui bitte sprechen Sie!"

Und bann sprach er, der Spion werden wollte, dierekt mit dem Lhes des Spionagedienste» allerdings mit dem Lhef de» deutschen Abwehr-Dienste», und verabredete, gut­gläubig und ahnungslos, mit Ihm Zelt und Ort, wann und wo er verhaftet und feiner Bestra­fung zugeführt werben sollte.

Gewöhnlich war es derselbe Kriminalkommissar, mti dem er zuerst telephonierte, und der ihn dann später verhaftete. In anderen Fällen ließ ich den xriminanommiffar nur mithören und bearbeitete den Verräter noch weiter bis erreif" war.

Mit der berühmten Einheit im Ententeiager war cs damals schon nicht mehr weit her. Das Hauptkon­tingent der Offiziere und Beamten in der Kontroll- kommission stellten naturgemäß England und Frankreich, während Belgien, Italien und Japan in viel geringerem Ausmaß vertreten waren. Während die Engländer im sogenannten Innen- dienst dominierten ich mutz einscholten, daß sie sich sehr korrekt benahmen und daß es sich mit ihnen resp. unter ihnen ganz gut arbeiten ließ besorgten die Franzosen den A u tz « n d i e n st, der wohl in der Hauptsache al» Spionage yi klassifizieren ist. Es gab viele dienstliche und persön­liche Reibungen zwcschen ihnen, sie konnten ein- ander, wie der Dolksrnund zu sagen pflegt, gegen­seitig nicht riechen, ober ihre diplomatische Erziehung und Zurückhaltung bewirkten «s. daß laute Strei­tigkeiten unterdrückt wurden.

Merkwürdig war auch folgendes: Während der Engländer niemals ein Hehl machte, daß er ein Engländer war. hatten di« Franzosen. wie bereits gesagt wurde, sehr viele Offizier« nach Berlin ge­schickt. die nicht nur deutsch« Namen trugen, topisch deutsch aussahen blondes Haar und blaue Augen sondern auch fehler- und akzentfrei das Deutsche beherrschten. Diese Eigenschaften ermöglichten es ihnen, sich überall unauffällig in Deutschland zu be- wegen und alle möglichen Rollen zu spielen, ohne daß jemand auf den Verdacht gekommen wäre, daß sie Ausländer, Franzosen, sogar französische Offi­ziere und Mitglieder der Interalliierten ÄontroU- kommission waren.

Nachdem unsere Aufseher in der Telephon- Zerttrale abkommandiert worden waren, erreichte ich durch energisch« Beschwerden, daß «s jedermann, auch den Offizieren aller Grade, verboten war, die Telephonzelle zu betreten umde n Betrieb nicht zu st ö r e n". Ein Riesenplakat, in drei Sprachen abgesoßt, von dem Chef des Verwaltung», stades eigenhändig unterschrieben, prangte zur Be- fräftigung dieses Befehles dautzen an der Tür. Wir hatten also keine Störung mehr zu befürchten.

Ich für meine Person hatte mir unter dem Vorwand schriftstellerischer Arbeiten die (Erlaub­nis erwirkt, nach Schluß der Bureaultunden eine Schreibmaschine aus einer Kanzlei, der Kon­trollkommission zu holen. Das Betreten der Bureaus ohneinteralliierte Begleitung" war sonst den deut- scyen Angestellten strengstens verboten. Daher hatte mir ein Major einen schriftlichen Erlaubnis­schein ausgestellt, eine Schreibmaschine der > Ententekomnrission benützen zu dürfen. Mit diesem

Gießener Etadttheater.

Frederick Lonsdale:Mrs. Cheneys Ende."

Dieses Stück sollte mal ein Deutscher geschrieben haben! Es wär« rMchrschsinlich von keiner besseren Bühne angenommen worden. Und wenn es ange­nommen worden wäre, dann würde es bei der Pre­mier« schon mit einem Gerassel durchgefallen fein, hu man vermutlich ziemlich weit gehört hätte. Da e» aber eine Ucberjeßung ist, da es (diesmal von England) importiert wurde, hat es in Berlin eine Äufführungsserie «riebt, die hübsche Tantiemen ge­bend)! habei> muß. Wobei allerdings zu berücksich­tigen ist, daß man für die Titelrolle die Bergner aufgeboten hatte. Schade um die Bergner!

Das Stück ist typisch für die gegenwärtige Situa­tion. Die Lage ter Theater ist der des Büchevinarttes verzweifelt ähnlich. 30 000 Nununern wies ter letzte Iahreskatolog auf. Das bedeutet eine mehr als un- geflirrte Ueberburbung und Abdrosselung des Mark- les. Und das bedeutet, daß wir uns nicht den Luxus gestatten dürfen, derartig irrsinnig« Zahlen durch eine Sündflut minderwertiger Uebersetzungen ins Unerträgliche zu vergrößern.. Die Ausnahmen, die die Regel bestätigen, fallen nicht ins Gewicht. Die wertvollen Neuigkeiten aus Frankreich, England und Skandinavien find durchaus und ohne Schwie­rigkeit namentlich aufzuzählen: ein geradezu un­scheinbarer Prozentsatz ter Iahreszisser 30 000, mit deren Verringerung für 1928 zu rechnen kein Anlaß besteht.

Wieviel« junge wertvolle deutsche Autoren kämp­fen darum, mit einem ersten Buch zu Wort zu kom­men! Die wird gesucht und gesiebt, bis einer aufge- führt wird! Wieviel Enttäuschungen, wieviel Schwie- rigkeiten, wieviel bittere Wartezeit, wieviel Umwege ... und wieviel Gerede von schlechten Zeiten und von der Krise des deutschen Theaters! Jawohl: die Zeiten sind schlecht, und die Krise ist nicht zu leug­nen. Aber «s würde vieles erheblich zu bessern sein, wenn man sich entschließen könnte, vier Fünftel (schlecht gerechnet!) fremden Durchschnitts und aus­ländischen Kitsches über Bord zu werfen und dafür Raum und Möglichkeiten für gute inländische Werke zu gewinnen.

Das Lustspiel von Lonsdale, das wir gestern sahen, ist em spottschlechtes Stück, ist ganz billige, ganz roerttofe englische Ramschware. Das klingt Hari, aber der Kritiker ist zur Offenheit verpflichtet. (Werm es sich um eine gelegentliche ober einmalige, urö nicht um eine fetter sehr charakteristische Er­scheinung handelte, wären ja gar nicht so viele Worte über das Ganze zu oerlicren.) Tlan verfolge doch bi« Aufführungsbericht« und die Spielpläne der deutschen Theater, man lese die Riefens palten ter Neccerschein'.mgen auf dem Bühnenmarkt unb habe den Mut zu ter Feststellung: so geht «s nicht roeiter!

Mrs. Chcney's Ende" ist ein fahrlässig ungeschickt gebautes Stück, das von Unwahrfcheinlichkeit, von Sentimentalität und falschen Gefühlen sttotzk, das in zwei Bildern einfach langweilig ist, und in den übrigen zwei Bildern die wenigen erotischkrimina­listischen Spannungsmomente mit einer Treffsicher­heit verpaßt, zu ter fast Begabung gehört, und deren vielleicht nur etn englisches Temperament fähig ist.

Die Fabel ist so: ein Warenhausmädchcn kommt auf di« schief« Bahn unb wird von geriebenen Ver­brechern dazu gebrach, als unbekannte, hübsche L<chy von Ueberfee in die gute Gesellschaft einzu­dringen und das wertvolle Perlenhalsband ihrer Gastgeberin zu stehlen. Anderthalb Akte find nötig, das vorzubereiten. Sie wird erwisch, es passiert ihr nichts, sie kommt nicht nur heil davon, sondern kriegt auch noch einen leibhaftigen Lord zum Monn: happy end.ßuftfpieT!

Die das gemacht ist: schon die Einführung ter Gäste durch das Dicnerpersonal (Mrs. Che- neys Komplizen!): eine vorsündflutliche Technik. Dann die Entdeckung des Anschlags durch einen Vries, der nicht in die Hände der Cheney gelangt, !entern in die des Lords, der sie liebt! Der wechselt schnell das Schlafzimmer mit seiner Tante und ergreift die Diebin. Die Chen^ ver­zichtet darauf, in naheliegender Form lich los­zukaufen. CUteil Lonsdale ein Engländer ist. der natürlich nichts Unschickliches gestattet, er spielt bloß ein bißchen mit der Möglichkeit', was hätte ein Franzose daraus gemacht, wo Bett und Ampel im Hintergrund warten! Keine Angst: es passiert nichts.)

Also der Lord toifi sie retten, aus Edelmut und Liebe. Aber sie führt selbst die peinliche Entdeckung herbei. Warum nur, warum? Wie ist das zu begründen? Die englische Psvchologie bedarf dringend der Aufklärung. Dann kommt dasgute" Ende: man kann das Kuckucksei gar nicht der Polizei übergeben. Weil noch ein Lord da ist. Der die Cheney auch liebt: ihr sogar einen Heiratsantrag gemacht hat; auch noch schriftlich. Und in dem Vries wird die ganze gute Gesell­schaft, soweit sie hier vertreten ist, fürchterlich kompromittiert. (Warum? Weil es Herrn Lons­dale gerade in den Kram paßt.) Damit man der Cheney eine höbe Summe anbieten kann, wenn sie das fatale Schriftstück wieder raus rückt. Unb damit sie sowohl den Scheck wie den Brief zer­reißen kann. Mit einer schönen Geste. Weil sie - man staune! über Rochtein anständiger Mensch" geworden ist. Durch den ersten Lord crämlich. Mit dem sie dann alsbald aur Kirche fährt, sich trauen zulassen. Glückliche Reise muh man ihr wünschen.

Die Regie hatte Sannett Er hätte eine Menge streichen und den Rest schneller spielen sollen. Diel ist nicht zu machen. 3m übrigen war seine Aufführung korrekt; daß vieles lang­weilig und vieles unmöglich wirkte, daß Span­nung vertan und mit verbogenen Gefühlen iongliert wurde, ist ja nicht seine Schuld. Er selbst spielte sogar den Lord DiUing, der zuletzt das große Los gewinnt, so sympathisch, wie seine Rolle es ihm irgend gestattete.

Mrs. Eheneh war Susanne H e h m. die ein Feuerwerk von Koketterie, Laune undinnerer Wandlung" aufbot. das fürwahr einer besseren Sache wert gewesen wäre. Sah übrigens sehr hübsch aus und führte einen aparten Toiletten- wechsel vor. Glatt und nett gab Dast 6 den Kammerdiener" aus Whitechapel, dem Mrs. Cheney ihre vortrefflicheAusbildung" ver­dankt. Die gute Gesellschaft war in ausgewählten Exemplaren würdig vertreten: Doll, Gehre, Jüngling,Baumann, Marcks, Rus­sig. 2 och.

Die Neuigkeit wurde beifällig ausgenommen.

Dr. Th.

Was der Herzog von Reichstädt wissen wollte.

Als ein Opfer von Metternichs Politik ist der Sohn Rapoleons 1. gestorben, verzehrt durch den Kummer über die Lage und über die Untätigkeit feiner edelsten Kräfte. In der Erinnerung der Rachwelt ist er zu einer romantischen Gestalt ver­klärt worden. Wie er wirklich war, schildert an Hand der Quellen und unterstützt durch eine Fülle von farbig wiedergegebenen, z. T. ganz unbekannt gebliebenen Bildern aus den Wiener Sammlungen Dr. Wilhelm Deetz im Aprilheft von Vel - Hagen & KlasingS Monatsheften. Er­greifend wirkt der Eifer, mit dem der kleine Prinz seinen Erzieher Eollin immer wieder über seinen Vater, über Frankreich befragt Deetz teilt ein Gespräch aus dem Jahre 1818 mit Der da­mals Siebenjährige fragte: ,Warum hat man mich eigentlich König von Rom genannt?' Eollin: »Das stammt noch aus der Zeit, tn der Ihr Vater seine Herrschaft so weit ausgedehnt hatte." Prinz: . *at denn Rom meinem Vater gehört?' Collin: Hom gehörte dem Papst als heilige Schenkung." Prinz: »Wo ist dieser jetzt?' Collin:3n Rom." Rach einer Weile setzte der Prinz die fifrage fort: .Mein Vater ist in Ostindien, glaube ich?' Collin: .Ach nein, keineswegs." Prinz:Ober ist et in Amerika?" Collin:Warum sollte er dort sein?* Prinz:Wo ist er also eigentlich?' Collin:Ich kann eS Ihnen nicht sagen." Prinz: .Die Damen erwähnten einmal, er wäre in England gewesen und fei bann von dort entwischt" Collin:Das ist ein Irrtum. Sie wissen wohl, mein Prinz, tote oft Sie etwas falsch verstehen." Prinz:Ja. freilich." Collin:Ich kann Sie auf Ehre ver­sichern, daß Ihr Herr Vater nie In England war." Prinz:So glaube ich auch gehört zu haben, daß er im Elend sei." Collin:Wie im Elend?' Prinz:3a. CollinWie sollte das möglich ober wahrscheinlich sein?' Prinz: Freilich nicht!" damit beendete er seine dies­malige Fragestellung. Wan hielt es für zu gefähr­lich, chm zu sagen, bah sein Vater Gefangener auf St. Helena sei.