Nr. 38 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffeu)
Dienstag, H. Zebruar 1928
Zeitungsschau.
Das gerichtliche Nachspiel, das die Steglitzer Schülertragödie nach sich gezogen hat. hat namentlich in der Form, wie die Verhandlungen in voller Oeffentlichkeit geführt wurden und in der Ausschlachtung durch sensationslüsterne Grohstadtprehorgane in verantwortungs- bewußten Zeitungen lebhafte Kritik erregt. So schreibt die „Germania", das Berliner Zen- Irumsorgan: „Aach beschranktem Laienverstand brauchte dieser unsinnige „Mord"-Prozeß gegen den Oberprimaner Paul Krantz nicht geführt zu werden. Durste er nicht — zum mindesten nicht in dieser Form — überhaupt verhandelt werden. Dieser Prozeß, der dadurch schon bemerkenswert ist. daß keinerlei politische Voreingenommenheit in chn hineinspielt, hat unendlichen Schaden schon angerichtet, und wird weiter in unabsehbarer Auswirkung Schaden anrichten an dem heiligsten Gut, das Eltern und Erziehern anvertraut ist, an der Jugend. Getragen wurde leider die unfaßliche Regie dieses an sich schon unnötigen Prozesses durch eine Berichterstattung eines Teiles der Presse, die mit dem Worte „skandalös" nur milde gekennzeichnet wird, und die zum Teil sogar die Notwendigkeit des Gesetzes gegen Schmutz und Schund zu erweisen bemüht zu sein scheint. Hat niemand daran gedacht, daß Zeitungen auch von Jugendlichen gelesen, und daß Jugendliche - wenn Elternsorge ihnen auch bestimmte Berichte fernhält — an jedem Zeitungskiosk daS Blatt mit den lnalligstcn Sensationen lausen können? Man mag über Hilde Scheller, jenes im innersten Kern verderbte Jungmädchcn einer Liebergangsperiode denken wie man will. Ihre Vernehmung über die Tat selbst und über die Hintergründe der Tat, die Aufrollung ihres unreifen Liebes- und Freundschaftslebens vor hunderten sensationslüsternen Ohren, sie hineinzustellen in den sensationsgierigen Dlickkreis von Hunderten von Augenpaaren war falsch! Wäre die Aussage der Hilde Scheller unter Ausschluß der Oeffentlichkeit vorgenommen worden, so wäre sehr wahrscheinlich viel mehr aus ihr herausgekommen. — Änd dann die Vereidigung, die Vorausvercidigung. gerade dieser Zeugin Hilde Scheller. Je stärker man die Notwendigkeit und die Heiligkeit des Eides hochhält. um so sinnloser mußte die strafprozessual absolut unnötige Vorvereidigung der 16jährigen Hilde Scheller erscheinen. Zwar bestimmt der Buchstabe des Gesetzes, daß eine volle 16 Jahre alte Person e i d e s s ä h i g ist, aber ... „Das ist ein weites Feld. Luise", sogt Theodor Fontane, Wenn die Warnungen vor der Vereidigung so junger Mädchen im Falle Hilde Schellers schon berechtigt waren, so hat die Vernehmung der ebenfalls 16jährigen Ellinor R a t t i die Llnhalt- barkeit solchen Systems zur Evidenz erwiesen. Die eidliche Aussage der Zeugin Ellinor Ratti im Krantz-Prozeß wird und muß zum Ausgangspunkt werden einer Reform der Straf- Prozeßordnung in diesem Punkte. Diese Zeugin nämlich war überhaupt nicht in der Lage, irgendeine positive Bekundung zu machen, nur weil man sie vorher vereidigt hatte. Eie selbst sagte glatt dem Gericht ins Gesicht mit den Worten: „Ja. auf der Polizei und bei Untersuchungsrichtern habe ich die Dinge so geschildert. wie sie nach meiner Meinung waren. Aber jetzt — nachdem ich vereidigt bin, habe ich Angst bei jedem Wort, daß meine Angaben doch nicht ganz zutreffend sein könnten!" Als im väterlichen Tone Vorsitzender und Verteidiger bitten, sich auf nähere Einzelheiten zu besinnen, steht als Zeugin vor den Richtern ein schluchzendes weinendes Kind. ..Ich will mich ja besinnen. Aber es geht nicht. Ich habe Angst vor einem Meineid." Ganz bestimmte Angaben macht Ellinor nur in den Punkten ihrer Aussage, die den Bekundungen Hilde Schellers widersprechen. Eid steht also gegen Cid. Besser konnte die Unmöglichkeit der Vereidigung, noch dazu
Gießener Konzeriverein.
Violinkonzert Lzcnt-Györgßi.
Wohl keine Instrumentaltcchnik ist so durch körperliche Gegebenheiten gebunden und bestimmt ime das Violinspiel; denn die Faktoren, die ein gutes Spiel und volle klangliche Ausnützung des Instrumentes bedingen, sind so verschiedenartig, daß noch heute nicht völlige Klarheit und Einigkeit über die rechte Art der Streichinstrumententechnik herrscht. Und zu keiner Zeit mag wohl das Ringen um geigerische Probleme größer gewesen sein als in der Gegenwart: die große Zahl von theoretischen Aeuße- rungen auch von hervorragenden Prakttkern des üiolinspiels in letzter Zeit mag dafür sprechen, ilnsere, aus allen Gebieten der technischen Verwirklichung zustrebende Zeit, hat wohl vermocht, fast alle Jnstrumentalklänge mechanisch zu erzeugen, nur den Ton der Streichinstrumente nicht.
Die im Violinspiel ruhenden Schwierigkeiten, einmal die Bogenführung, dann die Ausnützung der linken Hand, haben wohl ihre praktische Lösung von Fall zu Fall bei den großen Diolinmeistern, wie sie die Geschichte aufweisen kann, gefunden. Gleichgerichtete Individualitäten sammelten sich um einen Meister, imt> so hat der Begriff der „Schule" für den Geiger eine ganz besondere Bedeutung gewonnen: einmal durch die Handhabung der TeäMk, dann aber durch die mit der Technik eng verbundene Art des musikalischen Stiles. So ist z. B. aus der Ioachimschen Schule eine Generation von Geigern heroorgegangen, die sowohl musikalisch wie auch geigentechnisch, durch den Meister gründlich durchgebildet worden waren und so ein solides Rüstzeug lür ihre spätere musikalische Tätigkeit erhalten hatten.
Die'sogenannte Verwach'enheit mit dem Instrument läßt den Vortrag des Geigers im aller- engsten Kontakt mit der jewe.Ugen körperlichen und physischen Konstitution erscheinen. 2e nach der geistigen Richtung wird sich mehr eine ©tn- stelluna für das musikalisch Formale, für das Emotionale oder auch das Motorische erkennen lassen. Denn für den Interpretierenden wie auch für den schaffenden Künstler bedeutet die Zeit -nicht nur eine meßbare Größe, sondern als Dauer wird sie das Entwicklungsseld für einen -inneren geistigen Prozeß. Das Metrische, Gemessene der Musik steht dem sich gleichzeitig ab- spielenden geistigen Entwicklungsprozeß gegenüber, und so unterscheiden sich gewiße musikalische Formen, die sich auf der Zeiterfassung als meßbarer Größe auf bauen, von denen, tn denen
der Vorvereidigung, so jugendlicher Zeugen nicht dargetan werden. Unerträglich beinahe wäre wohl der Gedanke, daß diese halben Kinder — noch des Gesetzes Strenge — wegen Meineidsverdacht im Gerichtssaal verhaftet worden wären. Aus dem unlösbaren Gegensatz der Bekundungen der beiden eidlich vorhandenen Tatzeuginnen zog die Verteidigung die Konsequenz, daß sie der Anklagevertretung Zurück- ziehung der Anklage nahelcgcn und auf alle weiteren Beweisanträge, die sich auf die Glaubwürdigkeit der Zeuginnen beziehen, verzichtete. Die Staatsanwaltschaft war für eine Zurückziehung der Anklage noch nicht zu haben. Aber der Vorsitzende erklärte, daß das Gericht keine Sachverständigen mehr über die Glaubwürdigkeit der Zeuginnen brauche, sondern s i ch s e l b st das Urteil darüber gebildet habe. Das wurde allgemein so verstanden, daß mit den sich widersprechenden Aussagen der beiden jungen Mädchen überhaupt nichts anzufangen ist----."
Die ..Tägliche Rundscha u" äußert sich u. a. folgendermaßen: „Cs ist nicht nut verständlich. sondern selbstverständlich, daß die Erregung über die Oesfentlichleit der Verhandlungen im Mordprozch gegen den Oberprimaner Krantz mit jede.n Tage wachsen muß. und es ist gleichermaßen selbstverständlich, daß. je gieriger die Heranwachsende Jugend nach Sensationsblattern greift, um den Prozeßbericht zu lesen, desto stärker die Empörung über eine solche Behandlung heikelster Dinge sein muh. Daß das Gericht sich nicht gescheut hat, alle Phasen dieses Prozesses öffentlich zu verhandeln, bleibt unverständlich. Dadurch, daß auch die tiefsten Gewissens(ragen vor breitem Publikum erörtert wurden, hat man nicht nur eine Heranwachsende Jugend gefährdet, sondern man Hot sogar die, die im Gerichtssaal cuf Fragen antworten müssen, gewaltsam an den Abgrund gezerrt, an dem sie sich zu entscheiden haben, ob sie den letzten Rest schwerverletzten Schamgefühls tottreten sollen oder ob sie unter Wahrung innerster Werte die Wahrheit beugen und ihren Cid. von dem sie vielleicht noch nicht die ganz richtige Vorstellung haben, verletzen sollen. Das Gesetz kennt da nur einen Weg. der Mensch aber hätte den Ausweg finden müssen.---Das
Gericht hat eine schwere Verantworiung aus sich geladen. Ob es überhaupt erforderlich war. Hi de- gard Scheller vorzu vereidigen, tot b nicht ohne Grund bestritten. Ob ihre Aussagen in den intimsten Singen sich ganz gerade an den Weg der Wahrheit halten, muß das Gericht zu entscheiden wissen. Wem aber die Schuld zuzuschreiben ist, wenn die Zeugin einen kleinen Schritt vom Wege der Wahrheit abgetoichen ist. wo die moralischen Zwangsgründe für einen solchen Fall liegen würden, auch das muß das Gericht dann wissen. Der Prozeß Krantz wird nicht geführt für die Jugend, sondern u m die Jugend und damit für die Eltern: nicht nur für die Eltern Krantz und Scheller, sondern für alle Eltern, in deren führender Hand die Er- ziehuna der Kinder liegt. Zu den nichtangeklagten Angeklagten gehören die, die diesen jungen Menschen, deren Zerfall sich vor dem Richtertisch offenbart, in den kritischsten Zeiten ihrer Jugend nicht Begleiter gewesen sind. Man hat diese Jungen und Mädchen zu einer Zeit, in der sie am stärksten einer Führung bedurften, allein gelassen. Man hat sie in dem Stadium ihrer Entwicklung, in dem der Vater dem Sohne Freund und die Mutter der Tochter Freundin sein muh. ihren Weg gehen lassen, ohne sich ihres inneren Wachstums anzunehmen. Lind diese „selbständige" Jugend ist damit den Weg der — „Aufklärung" gegangen. Eine Jugend, die an leitender Hand und umgeben von führender, wegweisender Vater- und Mutterliebe die Ent- Wicklungsjahre durchschritten hat. weiß anders einer Gefährdung standzuhalten. Eine Jugend, der solche Wegweiser fehlten, zerschellt an den Klippen, die auf dem Wege liegen, den sie nicht hat gehen sollen und auf dem es feinen Halt mehr gibt. — — —“
Für ein englisch-deutsches Kohlenlocarno.
Der Gedanke einer deutsch-englischen Kohlenverständigung ist sowohl diesseits wie auch jenseits ie) K nals schon oft crö.tert vor e t. Selbst direkte Aussprache.: zwischen in:cr.<f erten Kreisen haben stattgesunden, allerdings stets jn i t negativem Ergebnis, weil die Engländer keine ernsthafte Neigung zeigten, der deutschen Kohle auf dem Weltmarkt den Platz einzuräumen, der ihr dank ihrer Bedeutung zusteht. Als die letzten Verhandlungen über dieses Thema geführt wurden, befand sich die deutsche Kohle vor der mit Hilfe der Staatsunterstützung siegreich vorstoßenden englischen Kohle auf dem Rückzug. Sann kam aber durch den englischen Streik ein Umschlag, der die Engländer veranlaßte, vorläufig ton einer Verständigung nicht mehr zu sprechen. Inzwischen ist es ihnen jedoch mit Hilfe ihres Dumpings gelungen, wieder die deutsche Kohle zurückzudrängen. Sie halten nun anscheinend den Zeitpunkt für gekommen, um die damals geführte Aassprache fortzusetzen. Daraus deutet die Rede eines konservativen Abgeordneten im Unterbaut, der sich stark für ein ..Kohlen-Locarno" einsetzte. Wir glaube;, daß man auf deutscher Seite sehr für eine Aufteilung' der Absatzgebiete zu haben sein wird, allere dings nur unter der Voraus etjung, daß die deutsche Volkswirtschast und das riesige Heer der deutschen Bergarbeiter keinen Schaden erleiden. Darin sind sich sowohl Llnternehmer als auch Gewerkschaften einig. Warten wir ab, ob es zu ernsthaften Verhandlungen kommt und ob die Engländer vernünftig genug sind, nicht die Absatzgebiete zu verlangen, die ihnen dank chrer Schleuderlonkurrenz zuge allen sind. Dazu gehören auch weite Strecken des Reiches, in denen heute trotz unseres Kohlenreichtums englische Kohle dankbare Abnehmnec findet.
Ein neuer He Mm.
In England ist soeben ein Film herausgelom- men, der sich in nichts von den berüchtigten Hehfilmen der Kriegszeit unterscheide.. Das üble Machwerk eines geschäftstüchtigen Engländers namens Wilcox dreht sich um den Tod der Miß C a v e 1 l. deren Hinrichtung seinerzeit viel Staub ausgewirbelt hat und von der feindlichen Propaganda noch lange nach dem Kriege gegen uns ausgebeutet worden ist. Der Tkmstand, daß Miß Cavell durch ihre Arbeit im Rücken ter deutschen Truppen zugunsten des Feindes gegen das internationale Kriegsrecht verstieß, findet überhaupt leine Beachtung. Getreu der Hetzpropaganda der Kriegszeit versucht der Film weniger geschichtliche Tatsachen toiederzugeben, als aufs neue eine deutschenfeindliche Stimmung im Auslande zu erzeugen. Den besten Beleg dafür liefert die Darstellung der Hinrichtung selbst, die als eine Marterung der Verurteilten geschildert wird, die schließlich, obwohl bereits bewußtlos geworden, von einem deutschen Offizier erschossen wird.
Von deutscher Seite ist alles Erdenkliche versucht worden, um das Heransbringcn dieses Films zu verhindern. Die amtlichen englischen Stellen verhielten sich zwar nicht ablehnend, unternahmen aber auch nichts, um dem sauberen Herrn Wilcox das Handwerk zu legen. Dennoch machte sich in England eine starke Bewegung gegen die Fortsetzung der Deutschenhetze bemerkbar. Bekannte Zeitungen verlangten ganz energisch das Einschreiten des Zensors. Jetzt hat auch der englische Außenminister Chamberlain sich auf die Seite der Gegner des Films gestellt und dem Produzenten des Cavell-Films einen Brief geschrieben. der an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig läßt. Ein ähnliches Schreiben ist auch an den Filmzensor gegangen, in dem ebenfalls die Aufführung dieses Filmes auf das schärfste ter«
die Zeit als Dauer einen vitalen Prozeß darstellt, z. B. den Variatcons ormen, der Rondoform mit ihren verschiedenartigen Sei.enfätzen zwischen der Wiederkehr des Hauptthemas.
Dr. Paul von Szent-Ghörghi ist eine von den geigerischen Naturen, die von starkem inneren Impuls getrieben werden und eine ständige We terenlwicklung und innere Umwandlung zeigen. Das o.fcnlbarte sich am deutlichsten in der Art, wie die Wiederholungen von einzelnen Vorträgen sich zur ersten Darbietung ve.hielten. Vesta.igt wurde diefe Tatsache aber am meisten dadurch, wie die Eiaconna von Tommaso Vitali in der variierenden Abwandlung des Themas herauswuchs zu architektonischer Gröhe und barocker Steigerung. Da konnte er alle feine Fähigkeiten als Geiger in Las rechte Licht stellen: seinen ausfallend großen und vollen Ton, die ausladende Kraft des Crescendos und den weit gespannten Dogen der Kantilene. Da fand er auch Gelegenheit, all sein technisches Können zu entfalten: Doppeltriller, Oktavenspiel und die verschiedensten Bogenkünste.
Mit diesem Werk deckte er aber auch zugleich die Grenze des ihm zugedachten Gebietes auf. Bei aller Bewunderung seiner Fertigkeit, seines hohen musikalischen Gestaltungsvermögens erkannte man im weiteren Verlauf der Vortragsfolge doch immer deutlicher, daß das rein geigerische Moment, also das Instrumentale, über das Geigerisch-Musikalische hinausreichte. Wenn auch zeitweilig in seinem Spiel eine starke Lei- denschastlichkeit zum Ausdruck kam, so erwies sich das besonders in der Handhabung des Dynamischen, weniger in der Durchführung des Zeitmaßes. Sein Programm an sich hatte er auch durchaus seiner virtuosen Einstellung angemessen und nur durchaus bewährte, schon fcit_ langem als wirksam befundene Stücke ausgewählt. So L a l o s viel gespielte Symphonie espagnole, die einmal dem temperamentvollen Solisten ein dankbares Wirkungsfeld gewährt, zum andern aber durch die Glätte der Form immer wieder dankbare Hörer findet, wenn auch diese dadurch über eine gewisse Leere des Inhalts hinweggetäuscht werden. Im Original mit Orchesterbegleitung mußte dieses Werk manches von seiner Farbig- feit einbüßen, trotz der sehr gewandt durchgeführten Begleitung am Flügel. Im Rondo brillant lernte man Franz Schubert von einer besonderen Seite kennen: eine stimmungsreiche Andanteeinleitung führt zu einem Allegro, das besonders durch seine eigentümlichen, fast k^ck zu nennenden Rhythmen im wiederkehrenden Haupt
thema Gelegenheiten zu einem sich ständig steigernden Vortrag gibt, die aber nicht immer völlig und restlos ausgenützt wurden. Mit Kreislers Bearbeitungen wird jeder echte Geiger Beifall finden, und so blieb auch hier die Wiederholung des Tambourin chinois wie auch des Brahrnsschen Walzers nicht aus. Ebenso bot auch die Polonaise von W i e n i a w s k h dem Solisten reiche Möglichkeiten, alle seine geigerischen Vorzüge ins Feld zu führen und sich als Meister des eleganten Violinfpiels zu zeigen. Angefichts der phänomenalen Fähigkeiten Paul von Szent-Györgyis und seines hochstehenden Virtuosentums forderte das Publikum Zugabe um Zugabe, so daß wohl alle Verehrer geigerischen Könnens auf ihre Rechnung kamen.
Vom Begleiter am Flügel, Siegfried Meik. hatte man stellenweise, zumal in der Ciacvnnw, ein noch stärkeres, ausgeprägteres Mitgehen wünschen mögen: in seiner wohl zu würdigenden Absicht, sich dem Solisten diskret anzupassen, legte er sich stellenweise zu große Beschränkung auf. Mit den verschiedenen Stilen des vielseitigen Programms fand er sich recht geschickt ab.
Dr. H.
Oer Orang-Utan singt . . .
Die Mitteilung von dem freudigen Ereignis im Berliner Zoologischen Garten, daß dort ein junger Orang-Utan geboren worden ist, durfte nur bei denen ein berechtigtes Aufsehen erregen, die wissen, wie lange Zeit man vergeblich versucht hat, diesen Menschenaffen in der Gefangenschaft am Leben zu erhalten und seine Jungen aufzuziehen. Dis zum Jahre 1926 kamen nur ganz selten erwachsene Orangs in die zoologischen Gärten und gingen dort bald ein. Erst in der allerletzten Zeit ist es dem erfahrenen Tierfänger Mynheer van GoenS gelungen, eine größere Anzahl von Orang-Lltans lebendig zu fangen und nach Europa zu bringen. Der erste dieser unheimlichen Gesellen, der bei uns heimisch wurde, war der Orang-Utan Goliath, der sich jetzt im Dresdner Zoo befindet: er hat Familie erhalten durch die Äefsin Suma und das kleine Orang-Utan-Baby Duschi. Versuche, die mit diesen indischen Menschenaffen angestellt wurden, beschreibt Paul Cipper in „Westermanns Monatsheften" und schildert auch den seltsamen Eindruck, den der bisher kaum je gehörte Gesang des Orang-Utans hervorbringt. So wurde ein Musikapparat in das neben dem Käfig des
urteilt wird. Ob die englischen Zensurbehörden nun endlich einschreiten werden?
Ein Großdeutsch-Hessischer Völkerbund.
Man schreibt uns: „Als Ergebnis der Gießener Tagung der grohdeutsch-hessi chen Föderalisten am 18. Dezember 1927 wird mit dem 15. Februar 1928 der Grohdeutsch-Hessifche Volksbund ins Leben treten, der dazu berufen ist, alle die zu sammeln, die zwischen Weser und Neckar, Rhön— Spessart und Hunsrück—Westerwald aus dem Großsrank^urt-Kasseler Wirtschaftsgebiet und hessisch-fränkischen Volks- und Kulturgebiet innerhalb des grohdeutschen Volksreiches, das es in den nächsten Jahren zu schaffen gilt, ein einheitliches Reichsland Hessen bilden wollen unter Beseitigung der kleinstaatlichen Grenzpsähle, die bis letzt diesen Reichsteil an einer gesunden Entwicklung gehindert haben. In dem Großdeutsch-Hessiichen Volksbund soll der hessische Föderalismus eine einheitliche Form und einheitliche Zentrale in seiner Landesleitung in Gießen erhalten, die ihm bei den kommenden unausbleiblichen Aenderungen des Reichsaufbaues im Sinne einer Vereinheitlichung und Verwaltungsresorm und zugleich zu erstrebenden Selbstverwaltung der zu bildenden Reichsländer den ihm gebührenden Anteil an Mitbestimmung gewährleisten. Der Grobdeutsch-Hessische Volksbund will nicht von sich aus eine einseitige Lösung des dezentralisierten Einheitsstaates versuchen. fonbern durch rege Zusammenarb.it mit der unitarisch-regionalistischen Bewegung des Rhein-Maingeb'.ctes zur Klärung der Einheits« frage beitragen, damit im Großfranksurk-Kasseler Wirtschaftsgebiet eine politische Einheit erstehe, die unter Ausschaltung zentralistischer und parti- kularistischer Extreme dem Wesen und den allgemeinen Wünschen seiner Bevölkerung entspricht. Der Grohdeutsch-Hessifche Volksbund hält es an der Zeit, daß nach der Gründung des „Bundes zur Erneuerung des Reichs" vorn 6. Januar, der entweder eine Konferenz zur Klärung der Cinheits- und Neugliederungsfrage sein wird oder der Schauplatz kommender Kämpfe der ilnitarier und Föderalisten mit Zentralisten und Partikularisten, daß nach der Länder- konferenz, die sich offiziell mit der Cinhcits- und Neugliederungsfrage beschäftigt hat, in Frankfurt a. M. eine Landesarbeitsye- rneinschast südwe st deutscher Regional i st e n Zusammentritt, bestehend aus den Vertretern aller unitarischen und föderalistischen Parteien und Verbände, um eine einheitliche Formel zu finden.
Oberheffen.
Landkreis Gictzcn.
u. Klein-Linden, 13. Febr. Bei dem Saalpreisschiehen des hiesigen „Schützenklubs Roland 1 9 0 9“, das an den letzten Sonntagen veranstaltet wurde, errang den 1. Preis mit 35 Ringen Lokomotivführer Friedr. Stein, der Schützenkönig des letzten Herbstes, den 2. Preis mit 34 Ringen Willi Müller und den 3. Preis mit 33 Ringen Heinr. Fried- r i ch. Die Preise bestanden in wertvollen nützlichen Haushaltungsgegenständen.
ck. Heuchelheim, 13. Febr. Der Gesangverein „Teutonia" hielt am Samstagabend in der Turnhalle sein diesjähriges Wintervergnügen ab. Im offiziellen Teil wurden unter Leitung des Dirigenten C u r t h s (Gießen) einige Chöre in wirkungsvoller Weise zu Gehör gebracht. Die als sehr gut bekannten Theaterspieler des Vereins erfreuten durch die gut gelungene Aufführung einer Schwank-Operette, sowie einigen mit großem Beifall aufgenommenen humoristischen Duetts. Auch zwei Baritonsolovorträge wurden gut vorgetragen. Die Kapelle Weller (Gießen) brachte einige Konzertstücke in vollendeter Weise zu Gehör. Der zweite Teil des Abends bestand aus Tanz.
Orang-Utang gelegene Nilpferdhaus gebracht. Die „Matthäus-Passion" wurde gespielt, dann die ..Wolgaschiffer" und schließlich schallende Blechmusik. „Goliath saß hoch oben an seiner Mauerwand," erzählt der Verfasser, „und fuhr, wie von einer Tarantel gestochen, herum. Er begann zu suchen. Von einer Ecke des Käfigs angelte er zur andern, lugte unter die Baumstämme, beobachtete prüfend das Nilpferdpaar, sah nach der Decke hinauf, nirgends war der Ursprung des fremdartigen Geräusches zu entdecken. Vielleicht von draußen her, dachte er. und sah aus dem Fenster. Auch da war nichts Besonderes. Das Grammophon, den tatsächlichen Geräuscherreger, übersah der Ocang. Seine kleinen Ohrlöcher liegen unvermittelt hinter den fetten Backenwülsten, so daß er den Schall niemals direkt von vorn wahrnehmen kann." Schob man, während der Affe trank, einen großen Spiegel von unten her ans Gitter und Goliath erblickte darin einen haarigen, braunen Affen, dann blitzten feine Augen lebhaft, er vergaß zu trinken und beobachtete das Bild, aber eine Handlung löste der Anblick nicht aus. Wurde der zahme Leopard in seinen Käsig gebracht, so fuhr Goliath erschreckt in die Höhe, eilte rückwärts zur Wand, richtete sich zu voller Höhe auf, klafterte die riesigen Arme und wölbte seinen enormen Brustkasten. Der Kinnbart sträubte sich, unheimlich lange Eckzähne wurden sichtbar, und er schien den Angriff des Raubtieres zu erwarten, an dessen Gefährlichkeit er sich vom ilrtoalö her erinnerte. Die stärkste Erschütterung, die er je bei Tieren erlebt hat, nennt Cipper den Gesang des Menschenaffen. Er mußte viele Stunden warten, bis Goliath endlich, als Dunkel seinen Schlafraum füllte, zu fingen anfing: „Da—oa—oa—oa", leis, dumpf, aber sehr schnell, wie das Rumpeln eines'Motors, drang von oben her ein Ton. Er kam aus dem Tier und stand pausenlos, vielleicht 10 Sekunden, wurde durch ein seufzerartiges Atemholen unterbrochen und fuhr alsbald wieder fort, diesmal eine Oktave höher und anschwellend in der Stärke. Wieder ein Seufzer, noch höheres „oa—oa—oa", schon zitterte mein Trommelfell im überlauten Klang: ich sah, wie dem Orang der Kehlsack schwoll und nun dröhnte zwischen das Singen hinein ein donnerähnliches, markerschütterndes. lang hingezogenes „huuuh"! Immer schneller wechselte „aaaa" und „huuuh", ein gewaltiges Lied, stark wie Löwengebrüll — der Sang der lirtoelt, Donnersprache der Natur ..."


