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Aus der Provinzialhauptstadt.

Gießen, den 14. Februar 1928.

Lebensführung.

Ein Philosoph, ein kluger Kopf, kein Bucher- Wurm, sondern ein Tatmensch, der mit klaren Augen die Welt sah, hat ein Buch über geben5- führung geschrieben. Ich habe das Buch sehr gern, nehme es gern zur Hand in Stunden, in denen ich mit der Welt und noch mehr mit mir selbst unzufrieden bin. Nicht daß es Weisheiten gäbe, die so fernab lägen, daß man nicht selbst daraus käme. Man findet meist nur die Be­stätigung seiner eigenen Betrachtungen und Ur­teile, doch sind die Gedanken schön geordnet, die Horm ist geschlissen und geistreich, und so prägen ftch gewisse Wahrheiten, über die man sonst wohl leicht hinglitte, fest ein, daß man sie bereit hat, wenn man sie braucht. Ich erinnere mich da eines kleinen Borfalls, der bezeichnend dafür ist. Ich war von Kindesbeinen auf sehr jähzornig. Oft brach der Zorn wegen einer Geringfügigkeit los, und in solchen Augenblicken konnte ich alles um mich vergessen, alle Klugheit außer acht lassen, mit Füßen zertreten, was mir lieb war. schmähen, was ich achten und schätzen muhte. Diese Unbeherrschtheit hat mir viel geschadet, aber alle guten Doriätze erwiesen sich als erfolg­los. Gerade im kritischen Augenblick ging mein Jähzorn mit mir durch.

Bis mir eines Tages ein Freund dieses Buch brachte. Ich las und las unb fand plötzlich, doh dos Schlimmste am Menschen seine Unbeherrscht­heit sei. Der Augenblick, in dem man sich gehen läßt, kann die mühevolle Arbeit langer Jahre zerstören. Ein Wort im Jähzorn kann zerschlagen, was einem die Freude bedeutet, die graue Tage zu verklären vermögen. Das Buch bot mir ge­wiß nichts Neues, ober bah hier ein Fremder das aussprach, was ich selbst ost empfunden und be­dacht hatte, war das Wesentliche. Ich hatüe etwas Greifbares, an das ich mich halten konnte. Und wenn mich einmal der Jähzorn überfallen wollte, dann stand dos Buch mit seinem schönen Einband und dem Golddruck vor mir. und es war mir. als ob es mir in seiner gepflegten Sprache zurie'e: Beherrschtheit! Der Jähzorn hatte seine Macht über mich eingebüßt. Und manches andre, das mir sonst nicht dienlich war, fiel auch von mir ab, manche kleine Leidenschaft, die ich pflegen zu müssen glaubte, damit mein Dasein schön und angenehm würde, zeigte mir ihr falsches Gesicht, manches kleine Steckenpferd, das Zeit und Geld kostete, wurde in den Winkel gestellt, manche Unruhe, die in meinem Leben war, besänftigte sich.

Letzter Tage gab ich dieses Buch einem jungen Freunde, der mich um Lesestoff gebeten hatte. Am besten Reiseschilderung. Abenteuer und so etwas." Ich gab ihm die Lebensführung. Schon am nächsten Tage brachte er es mir wieder. Das ist doch fein Buch für mich," sagte er vorwurfsvoll.Was soll ich damit?" Ich be­gründete es ihm.Ach was," unterbrach er mich, ich will etwas erleben. Und wenn ich einem im Zorn die Zähne einschlage, der Zahnarzt hat neue."

Er war sehr verärgert, mein junger Freund, holte sich aus meinem Bücherschrank einen Detektivroman heraus und verschwand.

Da Hobe ich dem Buche meines Philosophen einen besonderen Ehrenplatz angewiesen. Sr.

Daten für Mittwoch, 15. Februar.

1564: der Physiker und Astronom Galileo Galilei in Pisa geboren (gest. 1642). 1763: der Friede von Hubertusburg beendet den Sieben­jährigen Krieg. 1781: der Dichter Gotthold, Ephraim Lessing in Braunschweig gest. (geb. 1729). 1808: der Maler Karl Friedrich Les­sing in Breslau geb. (gest. 1880). 1837. der Nomanschriftsteller Wilhelm Jensen zu Heiligen-- Hafen geb. (gest. 1911). 1856: der Psychiater Karl Kräpelin in Neustrelitz geb. (gest. 1926).

Gießener Wochcrrmarktprcise.

Es kosteten auf dem heutigen Wochenmarkt das Pfund: Butter 170, Matte 30 bis 35, Käse (10 Stück) 60 bis 140, Wirsing 40, Weißkraut 25, Notkraut 30 bis 35, gelbe Rüben 15 bis 20, rote Rüben 15 bis 20, Spinat 35 bis 40. Unter- Kohlrabi 10 bis 12, Grünkohl 30, Rosenkohl 60, Feldsalat 120 bis 150, Tomaten 150, Zwie­beln 25, Meerrettich 100, Schwarzwurzeln 60, Kartoffeln 5 bis 5> 2. Aepfel 10 bis 20, Birnen 10 bis 15, Suppenhühner 100 bis 120; das Stück: Eier 16 bis 17, Blumenkohl 60 bis 300. Salat 40. Endivien 30 bis 35. Lauch 15 bis 20. Rettich 10 bis 30, Sellerie 10 bis 60 Pfennig.

Bornotizen.

Tageskalender f ü r Dienstag: Stadttheater, V/9 Uhr.Der Hexer" (Ende gegen 101 . Uhr). Deutsche Volkspartei, 8' Uhr, Gasthaus Hindenburg. Diskussionsabend. - Licht­spielhaus Bahnhofstraße:Höhere Töchter". Astoria-Lichtspiele:Die Opiumhöhle von Ha­waii".

Die Vortrag s Vereinigung hat für ihren letzten dieswinterlichen Vortragsabend Kurt H i e l s ch e r aus Berlin zu einem Lichtbilder­vortrag über das ThemaVon Dalmatien durch Montenegro, Herzegowina nachSi d Mazedonien" eingeladen. Der Redner dürfte sicherlich noch von seinem früheren Vortrag in der Dortrags- vereinigung überDas unbekannte Spanien" in bester Erinnerung stehen. Seine Lichtbilder­aufnahmen gehören zu den besten, die im Vvr- tragssaal gezeigt werden können. (Siehe heutige Anzeige.)

Gesellschaft für Erd- und Völker­kunde. Nächsten Donnerstab abend in der Aula Lichtbildervortrag von Professor Dr. K l u t e über Die Entwicklung der hessischen Landschaft". (Näheres in der gestrigen Anzeige.)

.'Kirchenkonzert. Man schreibt uns: Am Sonntag, 19. Februar, abends 8 Uhr, will in der Iohanneskirche der Posaunen- chor Lang-Göns ein Kirchenkonzert ver­anstalten. Der Chor pflegt mit besonderer Liebe die Bachfche Kirchenmusik. Er legt Wert darauf, daß die musikalische Wiedergabe der Bachschen Sätze in innigster Hebere", nflimmung mit dem Sinn des Textes erfolgt. Da der Instrumental­musik natürlich das Wort fehlt, und anderer­seits gerade in der kirchlichen Musik d a s W o r t und der T o n durchaus zusammengehören, so werden die Texte von Frau Dr. Aubel, einem Mitglied der Rolenburger Schule, gefprochen werden. Der Konzertbesucher darf einen echten Kunstgenuß und zugleich eine geweihte Stunde der Andacht erwarten. (Siehe gestrige Anzeige.)

" Eine öffentliche Stadtverord­nete nsihung findet am kommenden Freitag, nachmittags 5 Uhr beginnend, im Stadtvervrd- netensihungssaale statt. Auf der Tagesordnung stehen nur wenige kleinere Vorlagen; u. a. ein Gesuch der Volkshochschule um Erhöhung des ihr von der Stadt gewährten jährlichen Zu» schusses, Kreditbewilligungen für Aufstellung von Wegebezeichnungstafeln und für den Einbau von Nasselweckern in die Feuermelder.

** Der Intendantenwechsel im S t a d t t h e a t e r. Man schreibt uns: Die Neu­heitDer Hexer", die heute ihre Erstauf­führung erlebt, ist das letzte Stück, das unter Leitung des scheidenden Intendanten Stein- Svetter herauskommt: weiter sind von ihm noch Vorbereitungen getroffen für die Aufsüh- rung von MolieresEingebildetem Kranken" im ücbruar und für die Operngastfpiele für das Dienstag- und Freitag-Abonnement, dieWal­küre" vom Mainzer Stadttheater undSiegfried" vom Darmstädter Landestheater bringen sollen. Mit Schluß der laufenden Woche zieht sich, nach Hebereinkunft mit der Stadtverwaltung, Hos- rat Steingoetter aus dem Betriebe zurück und sein Nachfolger. Intendant Dr. P rasch, übernimmt die Geschäfte.

** Städtische Holzversteigerung.

der gestrigen Nadel-Nuhholzversteigerung in den Waldungen der Stadt Gießen wurden folgende Durchschnittspreise erzielt: Kiefern- Langholz !a und Ib 28.50 bis 30 Mark. Ha und Hb 34.50 bis 37 Mark. IHa und IHb 56 bis 72 Mark. IVa 57 Mark. Kiefernabschnitte Ha und Hb 31 bis 37 Mark. IHa und IHb 54 bis 76 Mark. IVa 76 Mark, Lärchenlangholz la und 11a 35,50 Mark. Fichtenlangholz la und Ib, Ha und Hb 36,50 bis 43 Mark.

** Zur Veranlagung d er Einkom­men- und Hmsatzsteuer der Land­wirtschaft. Der Präsident des Landessinanz- amts hat an die Finanzämter ein Ausschreiben gerichtet, in dem es heißt: Die Landwirtschafts­kammer für Hessen hat Klage darüber geführt, daß ihre Vertrauensmänner bei der Vorberei­tung der Veranlagung zur Einkommen- und Hmsatzsteuer nicht in ausreichendem Maße zu­gezogen würden. Die Finanzämter beschränkten sich zum Teil auf die Anhörung des Vertreters der für die Pflichtigen zuständigen Gemeinde­behörde. Häufig sei dieser auch Vertrauensmann der Landwirtschastskammer. Wo dies aber nicht der Fall sei, dürste es sich empfehlen, den Der- trauensmann der Landwirtschastskammer beson­ders hinzuzuziehen. Eine weitgehende Heran­ziehung Der Vertrauensmänner der Landwirt- schastSlammer liege nicht nur im Interesse einer möglichst gerechten Veranlagung, sondern auch im Interesse der Verwaltung, da hierdurch spä­tere Rechtsmittel oder Schwierigkeiten und Ar­beitsüberlastung eingeschränkt würden.

Bürgervereiniguna Sachsen­hausen-Gießen. Anläßlich ihres 40jährigen Bestehens veranstaltete die Dürgervereinigung Sachsenhausen-Gießen in ihrem Vereinslokal »Ium Fischerhof" am Samstag einen Ehren­abend. Der erste Vorsitzende, Karl D i e r I a m m, schilderte in einer Ansprache den Werdegang des Vereins von der Gründung am 11. Februar 1888 bis heute. Die Mitgründer des Vereins, Philipp H i l l g ä r t n c r und Friedrich Becker,

die heute raxfc Mitglieder sind, sowie das Mit- glied Adam Zinn mit 34jähriger Mitglied­schaft und Mitglied Heinrich Noll VII. anläh- lidj seines 81. Geburtstages wurden zu Ehren­mitgliedern des Vereins ernannt und ihnen als äußeres Zeichen der Anerkennung Ehrenurkunden überreicht. Namens der Ehrenmitglieder dankte (Friedrich Becker für die Auszeichnung, und gedachte dabei auch mit kurzen Worten der Mitgründer und Mitglieder, die durch den Tod schon abberufen wurden. Im weiteren Verlaufe des Abends kam die Geselligkeit voll zu ihrem Rechte.

Die Freiwillige Sanitäts- k o könne vom Roten Kreuz in Gießen hielt am Samstag ihre Jahreshauptversammlung ab. Der erste Vorsitzende gedachte zunächst de« verstorbenen Kameraden Heinrich Sauer, dessen Andenken in Üblicher Weise geehrt wurde. Dann gab der Vorsitzende Ausschluß über die Rot- Wendigkeit der Anschaffung des zweiten Kranlen- krastwagens. Der vom Schriftführer verlesene Jahresbericht wurde genehmigt. Dem Rechner wurde nach dem Vortrag seines Rechenschasis- berichts einstimmig Entlastung erteilt. Der Kolonnen sichrer erstattete wdann Bericht über die Verleihanstalt für Krankenpflege- geeäte, weiter berichtete er über die Hnterstühungskasse. Der Rechner der Sterbe­kasse erstattete hieraus seinen Bericht. Der erste Vorsitzende dankte sodann den beiden Kolonnenärzten, dem Kolonnenführer, dcm Rech­ner der Kolonne dem Rechner der Sterbekasse und dem Schriftführer für ihre Mühewaltung im verflossenen Vereinsjahr. Auf Antrag deS Rech- ners der Sterbekasse wurde beschlossen, der Frauensterkekasse beizutreten. Da sich die Mit- gkiederzahl der Kolonne wesentlich erhöht hat, vermehrt sich die Führerschaft um 3 Mitglieder. Schließlich wurden noch die Ausschüsse zur Vor- bereitung des im Sommer d. I. stattfindenden 25. Jubiläums der Kolonne, zu dem Kolonnen­vertretungen aus ganz Hessen und den benach- barien preußischen Kreisen erwartet werden, gewählt.

** Naturheilverein Gießen. Der Vor­trag von Dr. Malten (Baden-Baden) übet Nerven und Der rankheiten" bot den Be­suchern eine:'- von interessanten Tatsachen und wertvollen Belehrungen für Gesunde und Kranke. Die Einleitung des Vortrages bildete eine kurze Hebersicht über den Bau und die Arbeitsweise des Nervensystems, das der Träger des geistigen und seelischen Geschehens ist. Hier­auf zeigte der Redner, wie im einzelnen die Er­scheinungen der Nervosität zu erklären sind, und mit tiefem Verständnis hob er hervor, wie falsch es fei, den Nervösen damit zu trösten, daß seine Beschwerdennur nervös" oder gareingebildet" seien, weil dadurch der Kranke sein Leiden nur noch schwerer empfinde. Verständnis mit dem Leiden des Kranken sei die erste Voraussetzung der Hilfe. An Hand zahlreicher eigener Erfah­rungen in seiner Praxis als Leiter einer Anstalt für Nerven- und Stoffwechselkranke zeigte der Redner, daß sich selbst schwere Nervosität heilen läßt und aus gebrochenen Kranken doch noch gesunde, arbeitskräftige und lebensfrohe Men­schen werden. Zum Schlüsse gab der Vortragende noch einen kurzen Heberblick über die von ihm angewandten Behandlungsmaßnahmen.

Mr

ebenso gross wie den Tigarren-läbaken, deren Anbau-Länder durch Ozeane voneinander° getrennt sind-

Sicher gibt es viele Rauchen die etwas tiefer eindringen, möchten in die Kenntnis des Zigi- retten-Tabaks Wir wollen uns dieser Aufgabe, gern unterziehen>- Wir wollen auch nicht den fehler machen, Ihnen viele fachmännische Her- kunitsbezeichnungen zu nennen, Sie würden) sie doch nicht behalten- Wir wollen Jhnen viel­mehr nur einige Grundbegriffe vermitteln- betrachten Sie deshalb nochmals unser Bild und merken Sie sich heute nur das kleine Fleckchen Erde, das der Sonnenstrahl bescheint t SONNE auf MACEDONIEN-Hier ist das äl­teste und wichtigste Anbau-Gebiet, welches den edelsten Tabak hervorbringt-Hier wächst der ^Havanna 'des, Orients

Unsere Einkäufer sind in diesem Gebiet lw Hause, denn unsere Firma ist sät Jahren der grösste europäische Käufer dieser edlen Ware-

(Deshalb können wir Jhnen noch einige inten essantQ Kenntnisse von diesem wichtigsten Tabak-Gebiet vermitteln

O »H G«

NOCH im Jahre entfiel auf fünf

EUERBUR6

WM Zigarren-Raucher nur ein Anhänger der Zigarette-Seitdem hat sich das Verhältnis umge­kehrt Heute übertrifft der Zigarettenverbraudv um das Fünffache den der Zigarre-

cSfoch hat leider die Kenntnis des Zigarettenrau­chers von dem edlen Rohstoff, den er tagtäglich, konsumiert, mit dieser Entwicklung nicht Schritt gehalten<Der Zigarren-Raucher weiss genau, was eine Havanna-Zigarre ist, eine Brasil oder Sumatra-,- der Zigaretten-Raucher dagegen) kennt nur den Sammelnamen Orient-

°c7m Grunde ist das Wort Orient ein ganz ober­flächlicher Begriff -Es bedeutet nichts anderer als per Osten", der jedem Erdbewohner anders liegt flVur der Europäer versteht darunter dos^ Land zwischen Mittelmeer und dem TJndi sehen Ozean-

&Aber dieser Begriff wäre viel zu weit gefasst für das, was man mit dem Namen Orient-Zigarette Zu bezeichnen pflegt-Nach den heutigen politischen Grenzen sind es die Länder GRIECHENLAND/ TÜRKEI und BULGARIEN,in denen der,Orient- Tabak wächst, während Ägypten keinenTabak hervorbringt Diese Tabak länder sind jedoch fad dreimal so gross als Deutschland, und es gibt in ihnen unendlich verschiedene Tabäksorten.0 (Die Geschmacksunterschiede sind ungefähr»

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