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Nr. 12 Drittes Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Tberheffen)

Samstag, 4 Januar 1928

Geschichten aus aller Wett.

C®a<$brucf auch mit Quellenangabe, verboten!) Ein Arzt nnv drei Sralmäntcl.

_ ,, (r) Wien.

Lebhaften AnteU nahm die Oellentlichfeit an einer Dericht-verhandlung. die sich vor kurzem Kier abfpicite. 2lrxgcfTÄgt war em junger Arzt, der da- in unserer unmoralischen <jeu ntch; un­gewöhnliche Derbrechen begangen Haire, seine Liebe drei grauen zugleich zu schenken D-.ele dre» Frauen sahen i:-. milrelmähige Sealmäntel alhullt, denn auch al- gestrenge 2lnklägerinnen hinter ihm. Dcr Arzt, em Dr 21., hatte nach dem Kriege mit seiner ersten Frau und zwei Feldwebeln seine» Regiments in Wien ein Kohlenge chatt eröffnet, da- in kurzer Zeit zu- arunde gewirtschaftet war und damit endete, bah bet damalige Student der Medizin sch Wechieischulden in Höhe von 80 (XX) Schilling geaenuberlah Seine Frau beging Selbstmord, urd er ging noch Detltn. Hier fehle et sein etuiium »ort. und um d,e Mittel dazu zu be­treuen, spielte er des Abend- ,n den Docht- eaf6S der Rcich^haupt:act. Gd gelang chm aber, den Doktortite zu erhalten und er kehrte nach Dien, in obskuren Kaffee äufcrn ter Dorstadt zu ist ba- deut che Doklotdivlom in Oesterreich noch nicht ..nostri'iziert", und so war der neugebackene v,'. mcd. wieder ba.rau angewiesen, diesmal in Dien, in obskuren Eaföhäusern der Dorstadt zu musizieren. Da tauch en die drei Sealmäntel aus. Die ersten beiden galen ihm Geld, und der dritte, natürlich die Trägerin, gewann seine Liebe. Aber eine- schonen Tage- kam die Sache hetau-, die beiden Wohltäterinnen verwandelien sich in bitterste Feindinnen, und so kam Dr R aus die Anklagebank 2lber da. angesichts der strafenden Gerechtigkeit, gaben die Ank.ägennnen klein bei und erklärten, sie hätten die fraglichen Summen dem jungen R. auch geborgt, trenn sie gewußt hätten usw. So kam es zum Freispruch, und glückselig zog Dr A. mit der Dritten Fra. öie selbstverständlich viel jünger und hübscher al- die beiden anderen war. von bannen.

Dad (teer her Ratten.

(f) London.

Die neue Wegubersührung durch da- Tal des Flusse» Lea in England ist vor kurzem durch Vie Frau de- DerkehrsministerS A s h l e b dem Der kehr übergeben worden Wenige Tage nach der Eröffnung trat diese Üebcrtobrung der Schau­platz von etwas, waS man als eine Mafsendemvn- stranon der Ratten bezeichnen könnte Die langen Regcnsälle der letzten Wochen hatten da- ttes- gelegene Marschland des Tale» in einen Sumps verwandelt und die zahllosen dort lebenden Rat­ten zum 2krlalfen ihrer Löcher genötigt Sie wurden immer weiter -urückgedrängt und ver­sammelten sich schließlich am Fuhe des neuen Viaduktes Ihre Loge wurde immer schlimmer. Tausende von Ratten hatten sich zusammenge­funden. und schliehlich erllommen sie wie auf ein Kommando die neue Drücke und setzten sich, wie von einem unsichtbaren Rattensänger ton Hameln geführt, in Marsch in Richtung auf den Forst von Epping. Dünne und fette, kleine und grobe, lange und kurze Hatten bedeckten die gesamte Fläche der Strohe Ein entgegenkommender Last­kraftwagen störte sie nicht im mindesten. Sr fuhr durch bas Rattenheer hindurch, die geschickt au»- wichen, ohne bafj eine einzige Ratte zu Schaden kam. Aber einige Arbeiter, die der Ratten- wanderung auf ihrem Wege zur Arbeit begeg­neten. kniffen rühmlos au- und flüchteten und die Anwohner der Landftrahe liefen in ihre Häuser und verbarrikadierten sich Diejenigen, die über diesem Mangel an Manne-mut die Rase rümpfen, seien darauf hingewiesen, bafj e- auch in Deutschland Männer gibt, welche der Anblick der bekanntlich sehr viel kleineren Mau- in Schrecken verletzt, wobei wir nicht ein­mal an das bekannte Symptom der weihen Mäufe denken!

Bolschewistische Bornamen.

(n) Mo-kau.

Regieren ist eine schwere Kunst See besteht nicht nur darin, ein Doll glücklich zu machen

Es zogen drei Lutschen wohl über den Mein ....

Raman van Erica Gr upe.Lärche r.

17. Fortsetzung. Nachdruck verbaten.

Wir werden immer und immer zusammenhal- tcnl Wir dreil Weil mir uns so gut, jo völlig ver­stehen!" War nicht auch ihm bas ans dem Her­zen gesprochen? Ein lichtes Zukunftsbild? 0, wann wunde es sich erfüllen können?

Melujine aber hielt ihre Hände im Scho he ver- schrankt. Sie sah weder den Bruder noch den (Be­liebten an. Sie schwieg.

Wie aus weiter Ferne klang wiederum jene sehn- süchtig-traurige Melodie in Dietwart, die er da­mals in der Stunde des ersten GMütfcs, die er heute von neuem gehört. Quand l'amour meurt!

Eine ferne Ahnung flieg in ihm auf. Worum schwieg die (Beliebte? Worum blieb ihr Blick ge- senkt?

Blieb ihre Zusage flamm unter dem Druck inne­rer Erschütterung? Ober hüllte sie in ihr Schwei- gen den Gedanken an andere Zukunftsbilder?

Der erste Besuch durste mir kurz sein, der Kranke mußte vor der Möglichkeit zu lebhafter Unterhal­tung bewahrt bleiben. Als Dietwari sich nach eini­gen Augenblicken aus der feierlich-versonnenen Stimmung wieder aufrichtete und sich nach Schwe­ster Wendula mit der Frage umfab, daß man wohl «rusbrechen müsse, erblickte er sie nicht mehr. Cr ent- ann sich, daß er vorher, kaum nach ihrem Eintritt hier, die Tür wieder hatte leise hinter sich gehen hören.

Dann fand er sie draußen am Fenster des gro­ßen Treppenhauses stehen, als er mit Melusine das Krankenzimmer wieder verließ. Einige freundliche Sorte, die er noch an sie richten wollte, wurden ihm erschwert durch den säst verzerrten Ausdruck ihrer Züge. Gerade die abgeklärte, ruhige, fast son­nige und ebenmäßige Freundlichkeit ihres Wes'ns hatte fte ihm bis jetzt so anziehend gemocht. Was war in ihr oorgegangen?

Er brachte ihre sichtliche Verstörtheit mit tem Be­finden von Raymond zusammen. Er wußte, für |?utc nacht hatte der Oberstabsarzt die Wahrjchein-

so wie man es aussaht. sondern auch die klein­sten Lebensregungen dieses Dvlkes xu regeln und dem herrschenden »System" und seinem Geiste unterzuordnen Das macht sehr viel Mühe und sie wird n.e rocht gewürdigt 3m Gegenteil, die Zeitgenossen spotten meistens über die saure Ar­beit. die sich die Regierenden machen. So lacht man heule überall da in Sottr.ctrufilanb, wo nicht gerade ein amtlicher Vertreter des System- in akustischer Reichweite ist. über die neueste Pubsi- lation des Dolkskommissar.ats für innere An­gelegenheiten. Diese Veröffentlichung ist cme Seite der amtlich zugelassenen Romen für Kinder, die das Sluck hoben, in dieser herrlichen Mensch- hertsperivde im Regicrungsl.>cresth der Moskauer Dewobhaber geboren zu werden.

Unter den männlichen Dorn amen, die von oben her nunmehr gewün'ch: werden, lieft man solche wie »Barrikade". ..Komintern" und ..Radio", welcher Harne einem Läugsing allerdings gut an- stkhcn must, der ja nichts anderes als ein otgani- f<hrr Lautsprecher ist. dann Taylor. Desmoul.ns. Spinoza. Lincoln. Bakumn Ltedknecht (ein sehr serviler Rome für einen Kommunisten!). Trotz (Trotzki). KvSziuflo. Lolumöus. Voltaire, Grac­chus. Spartaku- ufto. D e kleinen Mädchen dür­fen jetzt nur noch Ramm tragen w.e. Barrikada. Proletara. Rinel (Abkürzung von Qcn;n), Lu- natejara (von Luna Ich..rski> Akademia. Am- nestia. Iauresa. Dano.na. Bebclina ulw. Wa- gewist eine anmutige Auslese ist. angelicht- derer einem die Wahl aber schwer werden kann.

Dcr (frifllänber und her Lchlittschnh.

(r) Amsterdam.

Einen beweglichen Stoßseufzer hat ein junger Holländer in einem großen heimatlichen Blatt von sich gegeben. Sr ist wahrend der letzten Wochen geschäft-halber in England gewesen, und erklärt nun auf Gründ der dort gewonnenen persönlichen Eindrücke, alles daran setzen zu wol­len. dieLegende von der englischen Lpvrt- beaeisterung" zu zerstören.

Bekanntlich Hal England, ebenso wie das Fest­land. heute schon einige sehr stvenge Winter­tage gehabt, während dcver di' Landschaft in einer dichten Schneedecke begraben war. und Bäche und Teichc sich mit einer haltbaren Eiskruste bedeckt hatten. Der junge Holländer, der schon bei vier Grad Kälte den .al überquert hotte, war als begeisterter Wmterf portier Io vorsorg­lich gewesen, sich ein Paar Schlittschuhe mit nach England hinüber zu nehmen, wo cr sich mehrere Wochen aufzuhalten und feine Muße­stunden mit Eissport auszufüllen gedachte. Wer beschreibt feine Eittgeisterung. als er am ersten Tage, an dem er sich feinem Sport widmen wollte, an dem großen zugeforenen Teich im Hyde-Park in London ankam und die ganze aus­gedehnte Eis!lache völlig leer und unbefucht fand? Ünb durch weitere Nachforschungen und Erkun­digungen kam er dann zu der erstaunlichen Er­kenntnis. daß der Engländer, insbesondere der Londoner, nicht einen Schatten von 3ntereHe für den Eislauf besitzt, eine Erkenntnis, die ge­rade einen Holländer, der ja einem alten Sprich­wort zufolge mit Badehose und Schlittschuhen geboren wird, mit der tiefsten Betrübnis erfüllen must.

Für das geistlose Fußballspiel.' so schreibt der Gekränkte,mobilisieren die Städte Hundert­tausende von Zuschauern, die alle mehr ober minder aktiv diesem rohen Sport huldigens der elegante Eislauf jedoch scheint in England keine Liebhaber zu besitzen." Dem enttäuschten Sohn der Riederlande kann jedoch geholfen werdens et braucht nur nach 6t. Moritz ober DavoS äu fahren, um das mit Passion fchlittschuhlaufende und rodelnde Albion ht voller Tätigkeit zu sehen.

Tic bartlose Fran;osen-Armec.

() Paris.

Zufolge der Berührung mit den Armeen Eng­land- und Amerikas hat man auch in der fran­zösischen Armee mit einem allen Brauch ge­brochen. nämlich mit dem Tragen des sprichwört­lich gewordenen französischenHenry IV. Da­hat in höheren militärischen Kreisen der fran-

lichkeit der Krisis geäußert. Giniw Worte wurden jetzt zwischen chnen dreien über bas Befinden ge­tauscht. Ein rotn»iger Hoffnungsschimmer schien heute auszulauchen.

Als Melusine der Schwester die Hand gereicht, nahm Dietwart nochmals das 'Bort.Fräulein Welzin hat Quartier in Ihrem Schwesternheim ge­funden. Wenn oie sich ihrer ein wenig annehmen können soweit es Ihr Dienst erlaubt, Schwester Wendula?

Die Schwester schien von der Mitteilung im ersten Augenblick überrascht. Dann fühlte sie so­fort die Fürsorge von Dietwart heraus, der Liefe für die Baronesse angenehmste Lösung der Duartierfroge zu erstreben gewußt.Gewiß, Fräulein von Welzin, gern werbe ich Ihnen die Stabt hier zeigen, soweit ich dienstfrei bin. Unser Lazarett ist voll belegt. Aus Wiedersehen nachher beim Abendesten, nicht wahr?

Als sie die Treppe zu zweit wieder herab- schnnen, begegnete ihnen der Chefarzt.Ah, f)err Leutnant! Es ist mir heb, daß ich Sie noch ehe. Litte kommen eie in den Derbandsaal. Ich möchte eie neu verbinden, da ich morgen nach 61 Quentin muß."

Dietwart hörte es mit einiger Verlegenheit. Baronesse, wollen Sie mich vielleicht jetzt entschul­digen? Ich hätte Ihnen .zwar gern noch den Weg zum Schwesternheim in Ihr Quartier gezeigt."

Aber Melusine beeil* sich, ihm zu versichern, daß sie den ®ey ganz gut allein suchen und ihr Ziel um jo sicherer finden würde, als sic ja das iZranzösisch vollkommen beherrschte und sich weiter fragen konnte.

Er beschrieb ihr hastig noch in großen Zügen die Richtung, die sie einzuschlagen hatte, und folgte dann dem Chefarzt in den Derbandfaal. nickst ohne noch ein Wiedersehen mit ihr für morgen früh zu verabreden.

Es ging zur Rechten ein Stückchen des bäum- bestandenen Boulevard hinab, dann zur linken in eine noch stillere Seitenstraße entlang, an deren Straßenschild sie die gesuchte bereits erkannte. Auch hier die Häuserflucht entlang der Eindruck von Woh­nungen des wohlsituiertcn bürgerlichen Mittelstan­des. Meist waren es einstöckige Häuser, hinter denen sich wunder soll« (Bärten dehnuu».

zösllchen Republik lebhaften Unwillen hervor- Gerufen und der bekannte General Fronchet bfr<p<-Tab hat die Armee komm andanten vor etntpen Tagen iu sich befohlen und f'u geradezu beschworen, doch dafür Sorge zu tragen, bah die alte Tradition der .bärt.g n Armee w oder zu Ehren komme. Er erinn rte daran daß die .llnfterblichen der Großen Armee" sii'i au*, nahmslos bärtig gewesen wär.n, und das, Ra- poleon den jugendlichen Mar chall Reo. der n ch keinen Flaum auf der Oberlippe hatte geradezu zwang. sich einen falschen Schnurrbart anzulegen Wie die Zeitungen berichten soll diese Red? des Generals d^p-ray eine tiefe Wirkung auf die versammelten Kommandanten gchaöt lx».»n. die sich mit den besten Dorsäyen nunmehr daran macherr, die französische Arm.'e wieder »bänig zu gestalten.

DerWilhelm Tell" von -rew-Orleans.

(a) Reuyork.

Amerika ist das Land der Rekorde, das für europäische Ideale nichts übrig hat Man baut ein neue- Venedig auf mit Bl ikamm m. Seufzer brücke und richtigen Gondeln ohne Motor, die jetzt in Maifen von einer Monopol- firma hergestellt werden, retouchiert und .ver- besfert" die importierten Erzeugniffe alter ita­

lienischer Meister warum soll man sich da tw Wilhelm Tell mit seim-m altmodi'ch<-n Sch,estgerät imponieren lallen? Da gibt es doch hier andere Kerle! Ein echter Bank« schlägt den Rekord und macht es besser. So war es möglich und auch verständlich, daß der Posizc coverst H v ck n e y und der Bankdtr.ktor T a d c in einem öffentlichen Lokal in Rew-Orfeans in feucht­fröhlicher Stimmung eine Wette um je 103 Dollar abschtollen. CÄe der bekommen follte. der dem anderen nacheinander lechz Zigaretten vom Munde fortschöffe. Der Bankdirektor me.r ber erste, der zun, Schießen kam. nahm 12 Schritt Abstand und zielte so stch.r, daß i?ber*t Ho^kney bald lechs zer'chossene Zigaretten. unfr> willig, ausgefpuckt hatte. Run war die Reth. an Hockney. Auch er schoß viermal und tral Haar­schars. Beim fünften Male fehlt, er t doch. und das Geschoß mna statt in den Leib der Zigarette in den Untetriefer des Bankdr.ktors. thr blut­überströmt zusammenbrach Jetzt liegt er im Krankenhaus, und fein Zustand ist äußerst em',, da er sich zum Ucberfluft auch noch eine Wund­infektion zugezvgen &at 3n seiner Dienstwoh­nung aber trauert bei zerknirscht Pvsiz lobe: ft weil er seine Wette verloren hat Der Teufel hole alle Gefühlsdufelei und fämtliche landfrem­den Ideale!!

Ein Blick in Spaniens Zukunst.

Don General primo de JRioera, Marauös de Ssiella, Duque de Äjdir, (gl. spanischem Ministerpräsidenten.

Es ist stets eine undankbare Aufgabe gewesen, die Rolle des Propheten zu spielen. Der Mensch denkt, (Bott lenkt. Katastrophen irgendwelcher Art. mögen fw wirtschaftlicher Natur sein oder in Form inter­nationaler Verwicklungen auftreten, können unsere besten Vorsätze zunichte machen. Wir können die bestenSufbauprogramme entwerfen, wir können mit größt ein Krieg kann all

bas zerstören, was wir mühselig aufgebaut haben. Spanien ist sichettich eines der friedliebendste n Län­der der Welt, und zwar aus dem einsachen Grunde, weil seine Interessen nicht mit den Interessen ande­rer Länder kollidieren. Fast jedes europäische Pro­blem, das einen Konflikt hervorzurufen tn der Lage ist, läßt Spanien unberührt. Um aber den Frieden ausrecht zu erhallen, muß der Friedens­wille auf allen Seiten vorhanden fein. Ein Weltkonftikt würde jedenfalls der wirtschaftlichen Entwicklung Spaniens äußerst ab­träglich sein. Dies vorausgeschickt, beschränke ich mich daraus, die Pläne der spanischen Reaierung für die nächsten fünf Jahre kurz Zu skizzieren^ ich gehe dabei von der Voraussetzung aus. daß keine Katastrophe irgendwelcher Art die normale Entwicklung hindert.

Das die Innenpolitik antangl. so bin ich über­zeugt, daß Spanien auch nach fünf Jahren nicht in der Lage fein wird, zu der sogenannten reinen Demokratie zurückzukehren. Eine solche Demo­kratie ist, ich bediene mich dcr Worte Mussolinis, das Privileg starker und blühender Nationen: ihre Existenz ist an die Voraus- fekuna friedlicher Zeiten geknüpft. Das soll natur» sich nicht heißen, daß die gegemDärttge Regierung in der Zustlchenzell nicht vmgebildet werden kann ober bah ich persönlich Ende 1992 noch Minister. Präsident fein wend'- Es soll mir heißen, daß Spanien meiner Meinung nach nicht in der Lage fein wird, zur alten parlamentarischen Form mit ihren Parteikämpsen und chronischen Rajen zurück- zu kehren, da ja gerade diese Schwachen zur Ab- schaffung dieses demokratischen Parlamentarismus führten. Wie ich bereits in einem früheren Aufsatz aussührte, muß auf ein Jahrhundert osn schwa- chen Regierungen mindestens ein halbes Iah rhundert folgen, das durch eme ftarfe Regierung gekennzeichnet ist.

In fast jedem Lande der Welt sehen mir dieselben Probleme aus tauchen. Die wichttgsSen dieser Pro- Weme berühren die Be rfassung und Ver­waltung. Sie gipfeln in der Ausgabe, eine wahre Volksvertretung mit einer stabilen Regierung und einer guten Verwaltung in Einklang zu brngen. Dieses Problem muß sowohl in Rom wie in Dar- schau, in Moskau wie in Budapest, in Angora wie

in Bickarest gelöst werden. Da, alte spanische Par- la ment hat seine Berechtigung verloren, iveil seine ursprüngliche wirtschaftliche Basis i n Trümmer ging. Es harmonierte nicht mehr mit unterer Zeit, 'hieber die spanischen Rationalisten noch die itasienischen Faschtsten sind wirklich die iwrflorften Konservativen, d. h.. die Anhänger am Alten, sondern vielmehr jene Demokraten, die so verzweifelt den überholten Parlamentarismus des letzten I^ihrhundert» verteidigen. Leider hoben wir noch nicht einen endgültigen Ersatz für das frü­here parlamentarische System gefunden Vielleicht wird, was wir bekommen, dem korporattvcn System Italiens ähneln, vielleicht wird es ctroa, anderes fein. Wcnn eine neue Well geboren wird in Italien ist dies sicherlich der Fall -- (o darf man nicht erwarten, sofort eine endgültige Form zu finden.

Die Mitglieder der von mir einberufenen R a tionaloerfammlung find nicht gewählt, he sind ernannt. Trotzdem vertreten sie besscr die wirksichen Interessen der spanrschen Ration ab das im September 1928 aufgelöste Parlament, welche Interessenvertretung stellte bann dieses alte Parkt- ment dar? Höchstens die Interessenvertre- tu ng einiger Hauptparteien', da, ist olles, llnd Neuwahlen bedeuten bei uns keinen ehr- sichen Volksentscheid, sondern vielfach Stimmen- kauf, Druck auf den Wähler von feiten der vor- gesetzten. Arbeitgeber usw. und gefälschte Wahl- eogednisse. In der neuen Rationalversam'nluna fin­den roir alle Interessen vertreten. Wir sehen darin Repräsentanten der Arbeller, der Bauern, bei Adels, der Presse, der Industrie und de» Gewerbe». Auch bie fl r o u e n fett Jahrhunderten kn po­litischen Sinne rechtlos haben zum erstem Male In der spanischen Nationalversammlung Sitz urtb Stimme. Ich kann tatsächlich ohne Uebertveibung behaupten, daß die Nationalversammlling minde­stens ebenso bemofratifd) ist wie das alte Paria- ment. Sie besitzt zudem die Möglichkeit wirklich nützliche Arbeit leisten zu können, ohne es als ihre erste Ausgabe au betrachten, eine Krise zu provozieren. Dies ist rin nicht zu unterschützender Vorteil, setzt er doch die Regierung in den Stand, erfolgreich ihrer Aufgabe obzuligen. Ich bin mit der Arbeit, die die Nationalversammlung bisher ge­leistet hat, ganz zufrieden.

Die wirtschaftlichen Aussichten Spa- nien» können als durchaus günstig beutchnet werden. Spanien das dürfen wir nicht ver- Sessen hat nicht mehr als 45 Einwohner auf den Quadratkilometer. Ihm ist also ein UeberoöKerungs- Problem unbekannt. Im Gegenteil, unsere Vevölke- tung kann und soll sich vermehren, um den

Der junge Franzose richtete seine nachstchwarzen Augen von etwas mandelförmiger Rundung mit einigem Erstaunen auf sie. .Lhnen ist ein Quartier in unserem Hause angewiesen? Ich weiß von nichts! Sind Sie nicht die Enkelin von der Freundin mei­ner Großmutter, die heute aus Dazcy Herkommen wollte?"

Ihr fiel ein, daß der Natne cm der letzten klei­nen Erienbahnstation vor dem Orte hier gestanden hatte. Er hielt sie also für eine junge Dame aus dem Nachbarort.

Es war zum zweiten Male heute, daß man sie hier für eine Französin hielt.

.-34 glaube, es liegt ein Mißverständnis vor, mein Herr. Denn ich bin keine Bekannte Ihrer Großnwtter. Ich komme au» dem Elsaß hier !>er, um meinen schwerkranken Bruder im Lazarett be­suchen zu können. Und da man mir mitteilte, tm Schwesternheim sei Quartier für mich eingeräumt, glaubte ich, hier richtig am Ort zu fein, aber ich l»he. ich habe mich wahrscheinlich in der Haus- nummer geirrt?*

Seine Bewegung, mit der er sie jetzt wieder zur Tür geleiten wollte, als sie sich zum Ausgang wandle, war rein mechanisch. Denn nachdem er halb gedankenlos geäußert?Das Schwesternheim be- linde: sich unmittelbar nebenan, Demoifeue!*, riß er sich plötzlich aus seiner Versonnenheit und meinte mit Lebhaftigkeit:Aus einen Augenblick noch, Mademoiselle! Sie kommen aus dem Elsaß? Welch ein Zufall! Auch meine Großeltern, denen dieses Haus gehört, flammen aus dem Elsaß. Würden oie nicht noch eine kurze Weile hier warten? Meine Großmutter muß jeden Moment kommen. Sie würde sich gewiß sehr freuen, eine Landsmännin aus ihrer Heimat begrüßen zu können Ich bitte Sie. warten Sie nur noch einige Augenblicke"

War es die Begründung seiner Bitte, war es der Klo na ferner Stimme, der fie zum Bleiben zwang? Sie blieb stehen. Es war ihr, als ob plötzlich ein warmer f)oudj rings für sie in diesem Hause auf- sprang, der jie mit der eignen Heimat verband. Darum sollte sie eilen? Ins Schwesternheim kam sie noch früh genug.

.Hhre Großmutter stammt aus dem Elsoß^ Ikt cs auch Ihre Heimat, Monsieur?"

(Fonsetzung folgt)

Während sie langsam ooranschritt und die Haus­nummern verfolgte, begann sie auf rin herrliches Klavierspiel zu achten, das ihr immer naher erU- gegenfam. Sie kannte die Weise nicht. Aber cs klang wie ein fremdes, etwas fcfnvermütiges Volks- lieb. Nun stand sie vor dem Haufe, aus dem das Spiel tarn. Zweifelnd hing ihr Auge an der Stum­mer. Sie konnte sich nicht ganz genau mehr auf die Nummer besinnen, die Dietwart ihr in der Hast zugerufen hatte. Aber dem Aeußercn nach war es wohl möglich, daß in diesem hübschen, mit heller Fensterfront sich an der Straße hinziehenden Hause das Schwesternheim untergebracht war. Jedenfalls mochte es auf eine Frage ankommen Das herrliche ftlatrierfpiel ließ ihr das Haus gleich sympachtsch erscheinen.

Zur Linken eine Art Toreinfahrt, die von der Straße breit zu einem schönen, tiri suh hm ziehenden (Barten führte. Zur Rechten der eigentliche Eingang wr Wobnung. Sie las nirgend rin Namensschild. Das bestätigte chre Dermuttmg, am rechten Platz zu sein. Deswegen zog sie jetzt om Glockenstrang, der nnt allmodischemRinggnri neben der Entreetür in einer Klammer hing, oofort brach das Klavieripiel brinnen ab. Schritte kamen näher.

Em junger Herr öffnete ihr die Tür. Sie er­kannte m ihm auf den ersten Blick den Franzosen. Dielleicht war es der Hausverwalter des Heims?

Er lachelle nur verbindlich, schien über ;hr Er- scheinen durchaus nicht erstaunt, sondern tub sie mit einer ebenso eleganten, wie sicheren Bewegung rin, einzuttelen.

Ein mittelgroßes, fast viereckiges sauberes Par- terrcymmer nahm sie au», wie man es mit seinem Meublement in den gut bürgerlichen Kreisen der sranzosischen Provinz zu sehen gewohnt war. Er bot ihr einen Stuhl an und tagte, während er auf das Klavier zuschritt und Aristalten machte, die Noten zuiartunenzulegen und dcn Deckel zu schlie­ßen:Meine Troßmutier unrb jeden Augenblick zu- rückkchren, Mademoiselle. Lielleicht mögen Sie jo- lange hier Plag nehmen?"

Melusine war tm Begriffe gewesen, sich auf dem Stuhle niederptlafsen. Ietzi erhob he sich wie- der und blieb neben dem runden Eßtische stehen. Sie antwortete ihm auf Französi'ch. daß Sie ihr Quartier beziehen wolle, das man ihr angewiesen hav«.