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Nr 12 Zwett« Blatt

Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Gbrrheffen)

Samstag, H Januar (928

Brüssel im Winternebel.

Don Liesbet Dill.

Wein erster Besuch gilt dem Grab des unbe­kannten Soldaten. Es liegt hoch über der Stadt Sischen den zwei Löwen, aut dem öodel steht opold I.. die Grabplatten sind mit frischen iKränzen bedeckt Der Wächter muh erst zwei Herren veranlassen, gefälligst die Hüte aozu- nehmen.Ici r6pose un Soldat inconnu, mort pour Li patnc. Darunter steht: .Hier ruht een onbekende Soldaat. voort Vaterland gesneuveld." Sine Bronzeplatte. Da- ist alle-. Sine Flamme lodert über einer Urne aus Blumen und Kränzen . Dann führt mich die Tram chocolat hinaus nach dem Tir National, wo zwei Spio­ninnen während deS Kriege- erschossen wurden. Wenn man in Brüssel Soldaten sehen will, muh man sich schon zum weitentlegenen Schießplatz begeben. Und richtig oben ererzieren die Äbafi» gelben, von Unteroffizieren eingedrillt, flämisch« Kommando-... sie schwenlen die Beine und sehen aus wie lauter Rubens, Rembrandt- und tunge JotdaenS. gesund, robust, die blauen Trod­deln wackeln an den spitzen Mützen. Man läßt mich in da- hohe, kalte Gebäude ein. führt mich xum Platz. Her mit Blumen geschmückt ist: hier standen die beiden Frauen an ihrem letzten Tag. SS ist da- Schicksal der Spione, und sie gehen fast alle denselben Weg mit diesem Ziel vor Rügen, und dennoch wird es immer wieder Spione geben, und nach ihrem Tod wird man ergriffen vor ihren Gräbern stehen. 'Mort pour h patrie...

Drunten in der Stadt sind heute alle Lokale geschlossen. Sine unabsehbare Menschenmenge durchzieht die engen Gassen, staut sich auf den Boulevards Manifestation gegen waS. gegen wen? Mufik. Schilder schwanken im Rebel. E- sind die Hoteliers. Eafetiers und Destillateure zusammengeströmt nach Brüssel, fk protestieren gegen die Antialkoholiker... gegen die Wem- ftcuer. die Stempel Hier wird alle- gestempelt. Die Steuern, die Belgien vor dem Krieg nicht zu bezahlen brauchte, holl es jetzt nach. Sogar die Dame in der Teestube überreicht uns eine zierliche Rechnung eine Tasse Tee ein Giteau und einen Stempel, bunt und zierlich ebenfalls. Brülle! ist teuer geworden. (Sin Zimmer zu 100 Frank ist auch für unsere Begriffe teuer, die zu 40 Frank sind kaum zu empfehlen. Ein Diner

Zn West und Ofi.

Außenpolitische Umschau.

Don Dr. Otto Hoetzftb, o. Prof, der Geschichte an der Universität Berlin, M. d. X

Da- französische Parlament ist -u seiner letzten Tagung zutammengetrete». S- steht wohl so gut tote fest dah die Reuvahlen tn der letzten Aprilwoche sein werden. Sbenso steht man deutlich genug, worum der Wahl- tzcunps geht und gehen wtrd Da- wirb Der- hältnismähta wenig die Auhenpolltik fein. Sie ist in dieser Woche stark bewegt durch die Antwort bee amertkani'chen Slaat-sekreiär- Kellogg vom 2? Dezember (veröffentlicht am 4 Januar, aus eine weit zurückliegend« An­regung Brianbs. Man er.nnert sich, dah dieser schon im April letzten Jahre- versuchte, mit Amerika in ein besonderes Der- t ra g - v e t h ä l t n i s zu kommen, intern er Amerika einen zweiseitigen sranzösisch-amerikani- fchen Bertroa vorschlug, der den Äneg verurteilt« und natürlich vom sranzösischen Standpunkt aus bie Absicht verfolgen sollte. Amerika an die Seite Frankre chs zu bringen Brianb nahm an. bah diese Anregung, den Krieg al- Wittel zur Au-sechtuna von Meinungsverschiedenheiten förmlich aozuschwören besonders eingestellt sei auf die amerikanische Meinung für bi« sogenannte out-lawry of war".

Dah stch Briand in dieser Srwartung täuschte, dah man in Amerika sehr wohl bi« Fußangeln des sranzösischen Vorschlag- er» Knute, konnte ihm schon der Umstand zeigen, dah Kellogg monatelang aus bi« Brianbsche An­regung nicht geantwortet hat. Erst die Rotwen» bigkeit. tn irgendeiner Form hi« Qkrlängerung des im Februar 1928 ablaufenden sranzösisch- omerikanischen Schied-vertrag«- von 1906 zu ver­handeln, veranlahte Kellogg zu dem Schritt, der nun in Paris und London sehr lebhaft erörtert Wird Darin lehnt Amerika höflich aber ohne Einschränkung Briand- eigentlichen Dorschlag ab. Kellogg tut die-, indem er darüber hinau-geht, wnft an Stelle einesbilateralen" Vertrages »wischen Frankreich und Amerika einen ..muiti» lateralen", da- heißt allseitigen Vertrag Kft. Di« betressende sehr wichtig« Stell« heiht.

h ..bi« Regierung der Vereinigten Staaten te» reit sei, mit Frankreich zu verhandeln in der Ab« stcht aus Abschluh eines Vertrages unter den Hauptmächten ter Welt, ter zur Unterschrist allen Rationen osfenstehen soll, ter den Krieg verdammt, und aus ihn alS Instrument der nationalen Politik zugunsten friedlicher Aus­tragung internationaler Streitigkeiten verzichtet."

Damit ist mit grohem Geschick die Führung ter Angelegenheit Frankreich entwunden und damit aunächst ganz nach amerikanischer Absicht ter französische reale Vorschlag in einen Stob in die Lust verwandelt. Denn, wenn es gewiß auch nicht ohne Bedeutung ist, dah die Vereinigten Staaten ihrerseits auf bi« allgemeine Krieg-» Verurteilung des Döllerbunte- aus dem letzten September eingeben, so ist damit nicht Diel mehr gesagt als eben im September. Und wenn nun versucht werben soll, einen solchen genauer formu­lierten Vertrag zustande zu bringen, so ist damit eine unabsehbar« Arbeit eröffnet und sind grohe Schwierigkeiten bezeichnet. Das war auch ter schwächst« Punkt in dem Briandfchen Vorschlag, die Frag« aus QDafhington: wie sich eine solch« KriegSverurteilung verhalt« zu den Völker* bundSverpsltchtungen, bi« ja gegebenen­falls eine i Krieg notwendig machen Und weiter­hin, wie Frankreich sich denke, hier, in der Ver­abredung mit Amerika, auf den Krieg zu ver­zichten und andererseits doch wenigstens die Möglichkeit, mit einer anderen Macht in einen Krieg verwickelt zu werden, nicht ausschliehen zu können. Man sieht, dah damit schwierige Fragen ausgerührt werden, denen Kellogg in sehr ge­schickter und diplomatischer gar nicht verletzen­der Form ausweicht.

As dreht sich zwischen Frankreich und Amerika jetzt um m to e i Verträge Ueber diesen neuen, ter den Krieg überhaupt aus ter Welt schaffen will, soll verhandelt werten Daneben soll der alte Veriraa von 1906 (der sogenannt« Rootsche Schiedsgericht-vertrag vom 27. Februar 1906, er­neuert. was alle fünf Jahre geschehen muh. und zugleich sozusagen auch motemifkrt werten Gr enthält ein« flmleüuna^ d.« allgemein« Er­klärung gegen kriegerische Austragung von Kon­flikten, und ergänzt di« Sch. edsge richt-fragen in etwas moderner Form. Im Grund ater ist es der alte Root-D«rtrag. ter seinerseits sehr enj mit dem Bryan-Vertrag vom September 1914 zufammenhängt

Das sind für den Völkerrechtler und Juristen sehr interessante Fragen. Von ganz großer po­litischer Bedeutung sind sie n i ch t! In G n g- lanb sieht man mit einer gewissen Schaden­freude diesem Deitcraang ter Dinge zu, sieht man darin einen R ü cks ch l a g für dieBrian dfche

hin. den Widerspruch, dah hier Kellogg, ter Auhenminlster. die allgemeine Verwertung des Krieges propagiert und dort sein flol ege von der Marin« die ..erhebliche Seerüstrmg' tn Ueber- einstimmung mit ter Botschaft des Präsidenten Loolidge in Angriff nimmt Das ist ter andere Punkt, die Abrüstungsfrage, das Herum­reden um die Kernfrage noch deutlicher, ter Dille ter wirklich Tlafoctenten, b*< nicht zu lösen.

Uns geht jetzt das Programm der Januar- verhandlungen im Osten mehr an Deutschland und Litauen verhandeln übet WinkchasiSftagen. Litauen und Polen verhandeln Un An'chluh an ten bekannten Genier Beschluß Beite Außen» Minister haben dafür ten Ton angegeben, frellich in rech, verschiedener Art DolvemataS bat erneut betont, was keine Ueberraschung ist. ater die Verhandlungen nicht erleichtert dah Litauen keinessalls Wllna ausgete. dah ter Beschluh tes Dotschafterrats über Wilna und Litauen

Das große Heimatblatt

Gießener Anzeiger

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Befttünngcn für bie zweite Monalrhälsle nehmen entgegen: in Gießen die Sicschäslr stelle in der Zchulstrahc und die Trägerinnen, auswärts die örtlichen vertriebrstellen.

Politik. Briand wieder kann par nicht ander» als die amerikanischen Vorschläge im Prinzip annehrnen, allerdings mit Vorbehalten und Bedenken, und wünscht, diesen Amikriegspakt jetensalls zunächst nur zwischen Frankreich und ten Vereinigten Staaten zu vollziehen, mit ter Freiheit für die anderen Völler, in ähnlicher Weife mit Frankreich oder Amerika abzuschliehen. Man sieht, dah die alte Absicht nicht aufgegeben wird, und die anderen Mächte tun gut, aus ter Hut zu bleiben.

Der Entwurf d«S neuen Vertrages ist übrigen- auch den anderen Grohmächten von Kellogg zugeleitet worden. Deutschland ist in der­selben Lage wie England, dah es al- unbeteilig­ter, aber interessierter Zuschauer daneben steht. Au- ter ganzen bisherigen Verhandlung ist für uns baS Richtigste und Wichttgste, was die Times" am 6. Januar dazu sagt« mit dem Hin­weis, dah allmählich Schiedsverträge, Fveunb- fchastS- und Nichtangriffspakte in Hülle und Fülle ejriftieren, eine verwickelte Maschinerie, um internationale Streitigkeiten vor kriegerischem AuStrag zu bewahren, dah aber trotz dieser Masse von Verträgen, Erklärungen usw. «ine ge­wisse Nervosität und Unsicherheit in Europa existiert, dah bi« Ueberzeugung selbst jetzt noch nicht sest begrüntet ist. ein Krieg würde nicht irgendwie einmal auSbtechen." Liegt incht die Frage nahe, warum das so ist? Führen nicht für den unvoreingenommenen Beobachter alle derartigen Verhandlungen zwingend zu ter Erkenntnis, dah man eine Form finden muh, die Frietensverträge wirklichrevisibel" zu machen, wenn nicht eben aus ten FriedenSver- trügen selber unausgesetzt die Spannungen und Gefahren entstehen sollen, von denen das Lon­doner Blatt mit Recht spricht? Es weist ferner auf die Rüstungen ter Vereinigten Staaten

weder juristisch noch moralisch binde, uni> dah darum der Völkerbund eben gebeten werden müsse, die Vermittlerrolle, die er übernommen hat, nun mich weiter zu spielen.

Diel versöhnlicher und optimistischer hat ter polni f che Auhenminister Z a l e s k i in einer großen Rede am 9. Januar gesprochen. Er sprach optimistisch über daS Verhältnis zu Litauen, zu Ruhland und auch zu Deutschland. Gegenüber Ruhla nb betonte er, dah 'Polen nach wie vor in ter Verhandlung über ten RichtangrissS- Pakt die Schiebs^erlchtsllausel fordere, und Ruh- land sich nach tote vor dagegen sträube, mit ter bekannten Begründung, dah «s einen Schieds­richter aus einem kapitalistischen Staate nicht akzeptieren könne. Sbenso hält Zaleski an ter polnischen Forderung sest, dah zunächst stoi­schen Polen und ten anderen Randstaaten Rccht- angriff-Pakte geschlossen werten mühten, eh« Dolen und Rußland mttelnanter abschliehen könnten.

Auch gegenüber Deut schlank» toar di« Red« de- polnischen Außenminister- versöhnlich und freundlich gestimmt Er toieS auf die Haltung Deutschlands bet ten VölkerbundSkonferenzen tn diesen Fragen und auf ten Umschwung hin, ter sich tn der deutschen öffentlichen Meinung Polen gegenüber vollzogen habe. Die letzter« Bemerkung tft insofern richtig, alS man in Deutschland selbst­verständlich die Augen nicht dagegen verschließt, dah Polen im letzten Jahr Fortschritte in seiner Konsolidierung gemacht hat. Wir wären ja tö­richt, wenn wir unS blind stellen wollten. Da­gegen ist der Umschwung in ter deutschen össent- lichen Meinung in tem anderen Sinne, ten Zaleski damit verbindet, dah eine Zusammen­arbeit, «ine Verständigung mit Polen gewonnen werten müsse, nicht so groß, einfach deshalb, weil er von ter deutschen Seite aus nicht so fein

kann Sonst mufften wir Forderungen und An­sprüche an die Haltung Polens anmfiten deren Erfüllung im Sinne unterer nationalen Lebens- intereflen im Osten einfach notwendig ist.

Die Rede Zalellis ist intcrcHant und beachten-- toen. aber irotztem bleibt, was wir Polen vorzuhalien haben. Sem Verhalten gegen btc deutschen Volksgenossen in seinem Staate und die Frage ter teuttch-polnsichen Gvenze über bk die Akten noch nicht geschlossen find, weil sie für uns nicht geschlossen stein können, weil wir. um das unendlich oft Getagte noch einmal zu wiederholen, mit diesen Grenzen in unserem Osten einfach nicht bestehen können Will ter polnische Auhen­minister einen dauerhaften teut'ch polnischen Aus­gleich. so muh er auch in diesen betten Fragen :,atte bekennen. Und er muh intern et ich an feine öffentliche Meinung wendet, dafür sorgen, dah sowohl die polnisch« Verwaltung wie bk öffentliche Meinung sich in dieser 'Beziehung eben umstellen.

Blickt man auf bk ebuelnen Fragen Danzig oder Ostoterschlesien, so ist davon freilich wenig zu svüren. Bleibt das ober so, dann sind auch Aus'ühru.ioen. wie die tes jetzigen polnischen Außenminister- eben mehr oder minder nur gut flingente Formeln, um nicht das unhöflichere Wort Redensarten zu brauchen. Genau so tote tm deutsch-französifchen Verhältnis gilt beut« tat deutsch-polnischen, dah hie Zeit für wohlgemetn»« allgemeine Erörterungen über Verständigung und dergleichen nicht ist. sondern dah man mit dem Willen dazu an die konkrete Einzelarbeit gehen muh. und dah man dabei ernsthaft wollen muh. Das aber hängt, wie die Dinge ge­lagert sind, von Polen ab Zaleski mag selbst bis zu einen, gewissen Grate ernsthaft wollen, aber er hat dabei bi« realen Faktoren in seinem Staate heute nicht hinter sich. So werden sowohl di« polnisch-lllauifchen wie bk polnisch-deutschen Verhandlungen nach wie vor aus sehr erheblich« Schwierigkeiten unb Hemmungen stoßen!

Havanna.

Don <5. von UngerivOttrnberg.

Demnächst wird in Havanna eine pan­amerikanisch« Konferenz zusammentro- ten, deren Arbeiten Insofern «ine besondere Be­achtung verdienen. alS auf ihr blc Gegen­sätze zwischen Lateinamerika und den Vereinigten Staaten schroff an- emanter zu prallen versprechen. Argentinien, Meriko. Paraguah. Haiti und Sanio Dvrninao haben bereits im voraus beschlossen, gleich­lautende Anträge einzubringen, wonach jeder Mitgliedstaat ter panamerikanischen Union, ter sich in die Angelegenheiten eines unteren ameri­kanischen Staates etnmischt, [ti as durch Ge- bietsbesetzung ober durch irgendeine andere Fram, ter Intervention, ohne weiteres seiner Mii- gliedschast verlustig gehen soll. Dieser Beschluß richtet sich natürlich gegen hie Interven­tion - t a k t i k der Vereinigten Staa­ten, von bet die letzten Greignilf« in Rikara- g u a ein besonders krasses Beispiel abgebtn Es wird bereits amtlich mttgetefli, bah bk Re­gierung in Washington auher ter militärischen auch bie finanzielle Verwaltung ter kleinen mittclamerikanischen Republik zu übernehmen av- tenkt, und bah sie ihren bisherigen finanziellen Ratgeber in Haiti. Dr. Eumberlanb, nach Managua entsendet Riöaragua soll unter bat bauernbe Protektorat der Vereinigten Staa­ten gestellt werten, unter das «s sich saktisch schon heute befintet, da sich bi« Regierung teS konservativen Staatspräsidenten Diaz nur unter tem Schutze ter Bajonette her nord amerikanischen Warinesoldaten halten kann, die in sortdauem- tem Kampfe mit ten liberalen .Rebellen" unter General Sacasa liegen. In ten Wahlen zu den Stäbtekammem. die letztens ftattfanben, haben bie Konservativen eine volle Rieder läge erlitten. Sogar tn ter Hauptstadt erzielten bie Liberalen boppelt soviele Stimmen als die Kon­servativen, aber die Dolksstimmung wirb bie

im Hotel fängt man mag essen waS man will mit 35 Frank an. und auf bet gestempel­ten Rechnung kommt noch so allerlei bazu. 45 Frank sinb hier rasch auSgegeben.La bonne vic, waS die Brüsseler so schätzen, hat sich sehr gehoben.

Dagegen kann man in kleinen, sauberen Lokalen im Zentrum schon für 8. 10 und 12 Frank sehr gut dinieren Eine Unmenge Brauereien unb Bierlokal«. Wenig Obst. Fast keine Obftftänbe. Dagegen kann man in Süssigkeiten. Patisserien, Kuchen. Lebkuchen. Bonbons. Schokoladen usw. ersticken. Die Küche ter Belgier ist berühmt. Rahrhaster unb .solider" alS bie französische. Bis in bie Rächt hinein werten Muscheln auf ben Straffen gesotten, bie man von ten wachs­tuchbezogenen Tischen iht. Herrliche Fische gibt- hier. SS weht schon Meerluft in Brüssel. AuS tem Regen macht man sich gar nichts mehr. Es regnet viel, e- zieht unb schüttet. Die Damen tragen Wetterseste Hüte die Herren klappen ben Mantelkragen hoch Unb man geht burch ten strömenden Regen weiter

Die Moten? Wie bei uns Reue- sieht man nicht. Die Damen stülpen sich dieselben Blumen- töpse über ten Kopf, tragen dieselben, mit hellem Pelz besetzten Mäntel, frieren in seidenen Strümpfen und für den Abend trägt man Perlen- roten unb bestickte zartfarbige Flitterkleider. Sine .Dame" sieht man so selten, bah man nicht sagen kann. waS sie trägt. Die Strahenuniform gleicht ganz ter deutschen. Rur sind bie Röcke hier nicht ganz so kurz wie bei unS nicht mehr. sondern man trägt sie hier eben länger. In ben Spitzensabriken sitzen immer noch die Frauen über ihre Ratelarteit gebeugt, sie ar­beiten ten hauchfeinen Tüllgrund mit der Radel, aus blauem Papier, sie applizieren bie feinsten Rosen unb Tüll, aber wer soll biefe mächtigen Scharpcs tragen? Es muh schon toicber eine Spitzenmod« tommen... bie jenige ist im AuS- sterben. In den Klöstern tes Landes wo man noch Zeit hat. Jahre an demselben Kiagen zu arbeiten, werden sie noch gemacht bie Dalen- ciennes. die Walines unb Duchekes. ater wer sie laufen soll, weih man nicht Auf welchem Kleid kann man heute noch einen Brüsseler Spitzenkragen tragen ?...

Die Brüsseler Häuser sind sch naltrontig. oft unten nur ein Fenster unb eine Tür. ater sie sind gemütlich -war lebt man in vier Stock­werken ater die K.:che im Seut'rrain ist m i allen Stagen burch einen Auszug verbunden, der deS

Morgens schon bie Schokolabe in- Schlafzimmer hinausbringt: unten ein Salon. Nein, schmal, nach dem Garten das Ehzinuner, mit kleinem Wintergarten, ein schmaler Garten, ein winziges Treibhaus fehlt leiten, oben Schlasräume, Bab. unb im ztotziten Sto ckwohnen die Dienstboten. Jede Dame versteht zu kochen, nicht jebe Hausfrau kann sich noch eine Köchin halten Früher hatte man hier nur deutsche Bedienung, jetzt.behilft" man sich.

Brüssel ist ganz international. Man hört flämisch hier. Rie war diese Sprache so hervor­getreten wie jetzt. Ein Teil ter Bevölkerung versteht kein Wort Französisch. Viel Holländisch unb lufemburger Platt wirb gesprochen. Wenn man atenbS auS ber oberen Stadt. In der .man wohnt", heruntersteigt In baS lichterglitzemte. von Rellamen bunt strahlende Zentrum, macht man immer wieder Halt auf tem herrlichen Markt vor den goldglänzeirden Falladen ter alten Häuser Geschichte wird wach mit all ihren Bildern. Sgmont. ter Herzog von 2Hba. Man ist bezaubert und formiert von dem Reichtum unb ter Schönheit dieser groben, alten Plätze.

Man hat sich jetzt ganz hier auf da- .Inter­nationale" eingestellt Man ist wiederneutre", ater man hat nicht vergessen. Immer wieder blitzt eS aus. die Erinnerung an vergangene Kriegsjahre. Sogar in ben Dars, im (Sinema. Im Theater, in bad man geht, um zu lachen sinb betonter- die Damen sehr politisch. In ber Gaitl" tritt eine dicke Blondine al- Amor aus. Wa- stellst du vor? Je suis lAmour, je fais lAmour. Und sie singt ein zündendes Lied, welche- da- ganze Parkett mitfummt... in tem der Revolver, die Politik unö die Boche- eine grohe Rolle spielen.

WaS und wundert, ist die veraltete Ausstat­tung ber Lokale, ter Theater, besonders dieser überlebte verstaubte, stillose Prunk. Mein Rach­bar fragt mich, ob es so waS auch in Berlin gäbe? Er findet es wunderbar . Früher gab man hier Brüsseler Schauspiele, die hier ge­wachsen waren, köstlich fr'kch von Witz und Humor. Was ich jetzt hier sah. sind amerikani­sierte Pollen, in denen ein Mann mit roter Rase in schmutzig tariertem Sommerjackett die Hauptrolle spielt ohne dah man zu lachen braucht. Abends gosi es wieder. Als ich im strömenden Regen mit einem mühsam eroberten 'Tari" ins Hotel fuhr, wurden gerate die eiser­nen Vorhänge der Bierlokale aufgezogen, über die Gesichter ter , Manifefiasionierenden" Männer

ging ein Aufleuchten, unb sie strömten hinein, kaum dah ter Garton btc Türen aufgeschlossen hatte, sie quollen, sie stürmten bie Restaurants, unb bie Boulevard- wurden endlich frei für bie anberen. An einer Scke sah ich einen Men- schenauslauf um ein Gemälde, Kaiser Wilhelm in der weihen Kürassieruniform. ber seiner Schwester, einer Greisin im Brautschleier, blc Erlaubnis erteilt, sich mit einem .Schüsselauf- Wascher" zu vermählen...

Unter einem kaSkadenartigen Regen stehen ruhige Fläminnen mit ihren Ponysransen unb Kittelschürzen unb rufen unermüdlich die neuen Zeitungen aus und sieden ihre .,Maules vor tem Gare du Nord für späte Pasfanten, die mit ten Rachtzügen tn die Provinz zurück- sahren.

Hochschulnackr-jchten.

Der Lehrstuhl ter Statistik In ber 8t l p g t g e r philosophischen Fakultät ist dem OberregierungS- rat Dr. oec. publ. tm Preuhifchen Statistifchen Landesamt und nichtplanmähigen auherordent- lichen Profelfor an der Berltner Universttät Dr. Rudolf Weerwarth angeboten toorbex.

Professor D. Dr. Karl Stange in Göt­tingen hat den Rus an die Universität Ber- l t n abgelehnt. An der Friedrich Wilhelms- Universität sollte et ten durch bie Emeritierung des Geh. Rats Prof. Reinhold Seeterg erledig­ten Lehrstuhl ter Dogmatik übernehmen. Auf daS durch ben Weggang deS Geb IustizratS Prof. Manigl nach Marburg erledigte plan­mäßige Ordinariat für römisches und bürgerliches Recht an der Universität Breslau ist der ordentliche Prosessor ebenda Dr. Eberhard Bruck berufen worden. Prof. Dr. med. Hans Rein­hard Schmidt in Bonn hat den Ruf auf den Lehrstuhl der Geburtshilfe unb Gynäkologie an der Medizinischen Wadernie in Düssel­dorf alS Rachfolger von Prof. O. Pankow angenommen. Der a. o. Professor für Chirur­gie an der Universität Frankfurt a.M. und Oberarzt ber chirurgischen Klinik Dr. Karl Scheele ist von bet Italienischen Urologischen Geselllchast zu ihrem korrespondierenben Mit­glied ernannt worden. - Zum ordentlichen Pro­fessor für bürgerliches und römisches Recht an ber Tübinger Universität als Rachfolger von Prof. v. Blume ist der Professor ebenda Dr. Heinrich Stoll ernannt worden.