Donnerstag, 13. Dezember 1928
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gderb.^en)
Nr. 293 Drittes Blatt
Schöffengericht Gießen
Hofrat Ringler drückte feilten Gast in liebend* würdigster Weife auf bad Keine Gobettnsofa
schäften und Helfer zu wirklichen Gemeinden.
Pfarrer zur Nie den (Hutzdorss dankte im 01 amen der Versammelten und unterstrich besonders die Ausführungen vom Wirken Gottes rn unserer Zeit, Gebet und Opfertet Uigfcbt. Ermuntert wurde zur Beteiligung an Dibelstunden, die helfen einen Kreis engere Gemeinschaft zu bilden zur Rückenstärkung der DolkSmission.
richt keinen Anlaß fand, t>on der Beurteilung durch das Finanzamt abzuweichen. Das Urteil lautete auf die gleichen ©trafen, außerdem wurde auf Verbsfentlichung erkannt.
Das Geheimnis des Temple
Oer Roman eines königlichen Kaspar Hauser.
Kirche und Schule.
Volksmission.
X Die Hess ischeVolksmission hatte zum Dienstag in den Saal der Herberte zur Haimat etngeladen zu einem Vortrag von Direktor R ö h* richt (Darmstadt): »Die Hilfe der Volk S- mifflon bei der Gern ein beb lldung". Der Redner sagte u. a: Nachdem die Kirche vom Staate sreiqcwvrden ist. ist lange Zeit durchgeschlepptes Christentum in Kirchenfeindfchaft um- grschlagen. Die Seelsorge ist vielfach vom Pfarrer auf den Arzt übetgegangen. Dazu w'rd die Kirche noch immer für den Schildträger des Kapitalismus gehalten. Das äusteoe kirchliche Leben beruhigt noch viele, darf aber nicht über das Fehlen der wirklichen Gemeinde hinwegtäuschen. Hoffnungslosigkeit ist nicht angebracht, wo man weist, dah auch heute Gottes Stunde schlägt. 'Die Volksmission ist nW ein Mittel, die Entfremdeten für
die Kirche imd das Christentum wrederzuge- toinnat, sondern sie erreicht diese höchstens indirekt durch die mit der Kirche noch in Ver- bindung stehenden. Gin« VollSmis'tonSwoche kann solche, die mit Ernst Christen sein Wien, schulen zum Svangelistendienst im Kleinen. Die gibtS unter der Jugend, wie unter den Erwachsenen. Als Gemeindekerne können sie In her Gemeinde fruchtbar werden. Die Vollsmission darf nicht nur predigen, sondern muh Gemeinschaftspflege werden So muh sie immer mehr xu einer dauernden Arbeit werden. Der geeignete Boden wäre der Landesverein für Innere Mission. Ein Zwang für innerlich nicht zum Mittun bereit Gemeinden wäre zu verwerfen. Ohne ernstlich betriebene Nacharbeit hat keine Dolksmission Erfolg. DaS Begehren nach Gemeinschaft soll sie erfüllen. Diese Gesinnunggemeinschaft um Gottes Wort soll kein neuer Verein sein; Satzungen und Beiträge braucht sie nicht, aber Mitarbeiter, in
* Gießen, 12. Dez. Ein Dienstmädchen trt Bad-Rauheim hat von einer dort wohnenden Frau einen Eingriff vornehmen lassen. Es erhielt eine Gefängnisstrafe von drei Monaten, die Mitangeklagte wegen Lohnab-- treib ung — sie hatte sich 50 Mk. bezahlen lassen und gab zu, auch in anderen Fällen, dte sie nicht näher bezeichnen wollte, geien Entgelt tätig gewesen zu fein — neun Monate Gefängnis. Sine Frau aus dem Vogelsberg, die das Mädchen an die Täterin verwiesen hatte, erhielt lL u t ___________ ... wegen Beihilfe drei Monate Gefängnis,
bi her Brudecaedanke lebendig ist. Sie geben Ein Viehhändler au« TreiS an der Lumda die wertvollsten Glieder der kirchlichen Körper- hatte gegen zwei Steuerbe cheide des Fi- ' * " ' “■" " 1 nanzamtes Giesten auf gerichtliche Entscheidung
angetragen. Wegen Umsatz- und Einkommen steuerhinierziehung hatte erGeld- strafen von 850 und 525 Mark erhalten. Die Beträge beruhten auf Schätzung, da er dis erforderlichen Bücher teile nicht geführt, teils sie, als die Sache aufkam, vernichtet hatte. Seinem Antrag, die Sache an den ReichSfinanzhos zu verweisen, wurde nicht stattgegeben, da das Ge-
Briefe. Sine überwältigende Wasie imbekannter, kostbarer Literatur ist hier verarbeitet und zu einem übersichtlichen Bilde gestaltet worden. Raundorsf ist gestorben. Gerade in dem Augen, blick, da ein Vertrag mit der niederländischen 'Regierung über seine KriogSerfindungen die materiellen Sorgen von ihm und den Seinen gebannt hatte. 3n den Äachschlageteerken steht er immer noch als Betrüger verzeichnet. Aber feine Söhne und Enkel haben den Kampf um ihre Anerkennung niemals aufgegeben. Von England und Holland ist er als Ludwig XVII. anerkannt worden, und Offiziere der holländischen Armee tragen heute mit verbrieftem Recht seinen Hamen. Zahlreiche Bilder und Dokumente sind dem Buch beigegeben. Auch die letzten Sprossen des Hauses Aaundorss tragen, wie ihr Ahnherr, der preußische Uhrmacher, Ne unverkennbaren Züge der Bourbonen. Fel ist Pan ton.
„Ich habe ihn fallen lassen!"
„Ola - Mizzerl!"
„3aI“ schrie sie aufweinend hinaus.
_Js ja gar net möglich daß d das fertigbracht hast!" wimmerte Leopold. „Letzt, wo er kein Wenschn mehr hat als dich! - Wagst dir 'n an- fd>ami, wann f ihn bringen, mit einer Kugl durch dcn Kopf? — Oder wann s 'ihn Lus dem Wasser ziehn, well das noch billiger is? — Soll ich .ihm nachlaufn? — Sag doch, Mizzerl. — Ich hol 'n noch ein!"
Ihr Körper wurde vom Weinen hin und her geworfen. „Schick ihm meine ganze Mitgift, dah er sich eine Existenz gründen kann. Wenn's nicht reicht, verkaufst du meinen, Schmuck und was mir sonst noch alles gehört. Ich will nicht schuld sein an feinem Tod!"
.Mizzerl. was redst denn! — Dem Joachim Geld schickn! Jetzt! — Der Hütt deine Liab braucht und ein Plätzeri, wo er sich hält können hinflüchten In seiner grohen Rot, und einen Menschen, der ganz zu ihm ghört Hütt. bei Tag und Aacht! — Das hätt ihn wieder aufgricht! — Aber dein Geld!" Er lachte verächt'ich hinaus. „Jetzt is nix mehr zu ändern! Bleibt nur zum hosien, dah dich net reut!“
„Wein Geld nimmt jeder!" weinte sie in Angst und Trotz. .
»Du hast recht! Fragt sich grab, was d dir für einen damit kaufst. Ich hab noch im Geschäft zu tuni ‘On einer Stund bin ich wieder zrück!"
Ohne sie wie sonst zu küssen, ging er aus dem Zimmer. Sie horte ihn draußen eine Welle eindringlich mit Franz, dem Dienet, sprechen, dann blieb es still.
Die Rachmittagssonne rann unablä.fig über die hohen Spiegelscheiben. Aus der Stukkatur der Decke erschienen die Schattenbilder des ununterbrochen flutenden lebens, das drunten in der Mariahilferstrahe vorüber "'astet.': Fuhgänger, Autos, Trambahnen und Droschken Der Lärm drang dumpf verworren zu ihr herauf.
Die Augen brannten und der Kopf schmerzte sie, so hämmeHe das Gewissen in ihr. .Fallen hat sie ihn taffen am Tage seiner größten Rot!"
Sie sprang auf und schrie feinen Äamen in den Raum.
< Stockheim. 11. Dez. Dieser Tage fand hier Ne L e h rer konf e ren z des Kreises Büdingen statt. Am Dormtttag bl.lt Lehrer Hermersdors aus Offenbach einen sehr ein- gehenden Vortrag, verbunden mit Schriftproben, über die sogenannte »Offenbacher Schrift" (Dr. Koch). Der Vortrag löste eine lebhafte Aus- spräche aus, wobei es sich besonders über das Derhäl nis ter beiden „Schrif en", der „6üttei> lin-" uiib der ^Offenbacher Schrift" zueinander drehte. Beide wurden von den verschsid"nsten Seiten aus beleuch et, tootel man ans praktischen Gründen mehr die „Sütterlinschrsit" befürwortete weil diese älter und auch bereits in Preußen im Gebrauch? sei. Arn Rachmillag fand die Äon- fer nz ih e For setzu g verbunden mit der Tagung der heimatkundlichen Vereinigung des Kreises Büdingen, beide unter Geltung von Schulrat G ö ck e L Zunächst hielt Gtzm-
seines Empfangszimmers und setzte sich dann neben ihn. Es tut mir unendlich leid, verehrtet: Herr Rich Hofen. aber Kollege Fehmann ist feit vier Tagen in der Schweiz. — Eine Bem? Hochzeitsreise, wenn auch ein bihchrn verspätet." Er lach« tc zwischenhin in, ,Aber ter Äalzge hat's wirklich gebraucht und die k eine Frau auch. Sie glauben gar nicht, wie diese beiden jungen Leutchen mich alten, einfamen Wann verwöhnen. So viel Liebe habe ich in meinem ganzen Leben nicht gen offen, womit ich fetzt überschüttet werden Ich bitte gar nicht gedacht, dah e3 so dankbare Menschen gibt."
„Die Adres e meines Freundes wissen Sie nicht, Herr Hofrat?"
„Mein Gott, der ist freute da und morgen dort. Einen Augenblick!" Er trat an seinen Schreibtisch und kramte in seinen Papieren. Die erst« Karte war von Zürich. Er reii>'.e sie tem Gaste hinüber und drückte dann auf den Knopf einer Klingel, worauf ein alte3 Fattotum erschien.
»Sehen Sie einmal nach, Felix, was uns die Post gebracht hat!" Ain'er den Zeitungen, die der Alle gleich darauf hereinbrachte, steckte eine Karle. „211x3 Lugano, lieber Richthofen! Er ist asio schon ziemlich weit südwärts. Hüter Sie den Kollegen dringend benötigt? Wenn Sie mit mir vorlieb nehmen wollen? Ich habe die Verlrrtung!"
Richkhofen stand auf und ftrei te seine Lederhandschuhe platt. „Es handelt sich nicht um einen Kranken, für den ich den Lehmann gebraucht hätte — oder doch —, vielleicht hätte ich sogar sagen sollen, für einen Schwerkranken. Der junge Hettingen — Sie kennen ihn eh, Herr Hofrat —» her Joachim, ist drauf und dran, Schluß za machn mit sich selber. Ich hab jetzt grab eine Stund lang auf ihn hineingredt. Es hilft nix. ^Es hat keinen Zweck mehr." sagt er. Ich bat vielleicht die rechtn Wort nicht gfunbm Aber der Feßmann, der hätt's fönnem Der hat ja auch schon trübe Tag g ehn, da kann man dann leichter das Richtige treffen."
°Es ist entseh'ich, die'es Unglück im Hause Hettingen!" sagte ter Ho>rat. „Cßknn Ei? meinen, stelle ich dem lungen Baron gerne mein Haus zur Verfügung. Der Kollege ist sicher eütoerfianbm.*
(Ffttsetzung folgt)
Jnuner, wenn ein königlicher Geschlecht unter wirren llmftänten zugrunde geht, melden sich
Rachzügler: Die Romanows fielen unter den
Händen der Revolution, und hie rätselhafte Groß- fürftin Anastasia tauchte auf.
Die Geschichte erfinhet hte spannendsten und
rätselvollsten Romane, vor der Eindringlichkeit der Tatsachen verblatzt die erhitzte Phantasie der Schriftsteller. Hans Roger Wadol schreibt ein Buch „Der Schattenköni g"e) er überliefert Geschichte, er prüft affte Dokumente, holt aus einer kostbaren und verschollenen Literatur wesenttiches anS Licht, er hat das Glück, unbekannte Materialien zu entdecken, die er nun in sein Thema verarbeiten farm, auf etwa zwanzig Heiken gibt er allerlei Rachweise und Belege, so dah kaum ein Satz dieses Bandes „unbelegt*' bleibt, und doch lieft sich diese Geschichte aus der Geschichte romanhafter, spannungsvoller, rätselhafter als eine Sherlock-Holmes-Spisode von ftonan Doyle. Denn hier redet daS Leben.
In den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts erfdjien der Uhrmacher Karl Wilhelm Aaundor ff au« Preußen tn Paris und behauptete, der Sohn jenes Ludwigs XV!. zu fein, her bekanntlich am 17. Januar 1792 in Paris durch die Guillotine hingerichtet worden war. Er selbst aber, dieser llhrmacher OtaunZtorif, der Dauphin fein wollte, war doch schon 1795 als zehnjähriger Knabe im Temple, in dem die königliche Familie damals gefangen geh allen worden war, geft otben? War sein Ende nicht ut tun blieb belegt, war er nöcht ordentlich begraben worden? Hatte nicht die Well von den entsetzlichen Wärtern gehört, unter denen der zarte Dauphin bei dem rohen Schuster Simon und seiner megärenhasien Frau gelitten hatte? Run kam plötzlich der Uhrmacher Raundorff aus Preußen daher, behauptete, der älteste Sohn Ludwtgs XVI. zu sein, un Beginn seines Pariser Ausentha-ltS war er der französischen Sprache kaum mächtig — aber der Hofstaat des letzten französischen Königs, sein Justizminister und fein Geheimsekretär, die Kinderfrau des Dauphins, die ncd> lebte, ev- fannten ihn sämtlich an; in Jules Favre sand Raundorff den leidenschaftlichsten Verteidiger, der sich mühte, die Sache seines Schützlings vor ein französisches Gericht zu bringen. Denn weiter erstrebte der Ausgetauchte ni-dyt#, er rang nur um hie Anerkennung seines Ramens — aber nicht einmal ein Gericht konnte er in Frankreich finden, die Regierung wich ihm ängstlich aus, viermal wurden Attentate gegen ihn verübt, und die beschlagnahmten 202 Dokumente, mit denen Raundorfs feine legitime Herkunft beweisen wollte, hat er niemals wieder gesehen. Lieber seinem Grabe zu 'Delft ist ein Stein errichtet: Hier ruht Ludwig XVII., König von Frankreich und Ravarra, geboren in Versailles den 27. März 1785, gestorben in Delft den 10. August 1845.
Aus dem Buche Madols ersteht nun sein Leben. Es ist eine Legende, die aus durchsichtigen Gründen verbreitet wurde, dah jenes berüchtigte Ehepaar Simon unendlich brutal gewesen und hab der Dauphin sozusagen unter seinen Schlä- gen seinen Geist aufgegeben habe. Die SimonS waren recht gutmütige Leute, die sich sehr revolutionär gebärdeten, weil es die Umstände erforderten, im Innern aber immer noch an dem Glanz des königlichen Hauses hingen. Außer- hem waren sie nur ganz kurze Zeit die Wärter. Das Protokoll über den Tod des Dauphin aber enthält folgende merkwürdige Sähe: . haben wir den toten Körper eines Knaben gefunden, von dem uns die Kommissare gesagt (1) haben, <zt sei der Sohn des verstorbenen Louis Eapet, und den zwei von uns als das Kind wiedererkannt haben, dem sie seit einigen Tagen ihre Sorgfall haben an gedeihen lassen. Der Tod dieses
*)HansRoger Wadvl: Der Schatten- £ 6 n i g. Das Leben Ludwigs XVI!. von Frankreich und die Schicksale der Familie Raundorsi- Bvurbon. Wit 16 Bildtafeln und 5 Faksimiles. Im Insel-Verlag, Leipzig (702).
Amtsgericht Gießen.
• Gießen, 4. Dez. Der Handl ungsfälle, dis immer In den Sitzungen toieterkehren. sind auf dem Gebiete des Verkehrs die K.a t ahrzeug- ütertutungen mit den häufig durch sie Derart« labten fahrlässigen K llperverlctzungen und auf sozialem Gebiete die Veräumni fr gewissenlose« und unterhal spjlichliger Ck em ihren unte:halis- bedürftigen Kindern gegenüber.
Ein Fall der letzterwähnten Art, der von den gewöhnlichen Fällen abweicht, Interef iert insofern, als ein Vater unumwunden erlitte, es lagen allerdings a'Ic Vorauss tz n'en s inrr S.rafbar-
nasiallehrer Dr. Becker von Büdingen einen autzero^d.n sich sachkundigen Vortrag über Flllr« namen. Dr. Decker hat berei s vor Jahren tnc Flurnamen von Ridda b:a:bei.et und darüber in den .Blättern für Volksllmde" einen grösiercn Aufsatz gelte,ert. Er tont e auf Grund feiner genauesten Forschungen sowie seiner Sprachkennt-' nisse als Germanist auf mannig och« 2lnfragen aus der Versammlung heraus sachllmdigen Do- scheid geben, überhaupt zeigen, welche gn>5c BereichLrung unserer Heimatkunde die Ersor- schuivg der Flurnamen gib Sein Vor rag sand reichn Beifall, ebenso der Vortrag des nach- solgendm Redners, des Pfarrers Wolf von Ranstadt, der über das Thema fpr,nch: „Wrc treibt nun O.tsgeschichie?" Zur Ei leitung stell c er als Grundsatz auf, dah die OrtsgefchiHte mit derselben We hohe und der gleichen Fragestellung zu arbeiten habe, wie übsrhaup; die moderne Geschich's'o.schung, soll ein Prak sicher Wert entspringen. Rich! darf man sich wie es die ältere Grschich schreibung getan, damit begnügen, unter Aneinanderreihung der einzelnen Ereignisse zu wissen, was haben unsere Dä^r erlebt, sondern es gilt, dis inneren Zusammenhänge^ ^u gewinnen und zu fragen: Unter welchen Verhältnissen Pott.sicher, kul'ureller, wirtschaftsicher, fo- xialec und geiftigtr Art haben unsere Väter ge-» lebt. Er empfahl mit der Erforschung der Slur«* namen zu beginnen, die uns zum Teil in die vorgeschtchtliche Zeit weisen, dann auf bk geschichtliche Zeit überzugeh n. die »Herren" der Dörfer festzustellrn, dann die Anlage des Dorfs von. ältesten Zeiten her, Ortsstvasten, alle Häuser, Befestigungen, Stadttore, Grabsteine ufta, । sod:nn die Verwaltung des Dorfes (Schul h.-ih. I Schöffengericht usw.). das Ve.hältnis zur Herrschaft (Bede, Zehm eir, Fronden ufte.). Auswan- berung, Kriege, Völls künde u. <l 3u dem Zweck sind chlle gedrückten Quellen, sowie die verschie- dnrsten Ällchive. sowie Gemeinderechnungen zu benützen. Der Redner, der auf Grund eingehender archivalischer Studien reiche Belege zu seinem Vortrage zu bringen Imftanlto war, hat den Anwesenden wertvolle Anlei'ungen zur ^Bearbeitung ihrer Ortsgeschichte gegeben.
Franz kam erschrocken xur Türe b^reingestürzt. Als er sah, dah sie ihn gar nicht beachtete, verschwand er w.eder.
Maria preßte die Finger an die Schläfen, dah das Blut in den Gefähe'n stockte. Sie fühlte, wie ihre Lippen wund und ris.ig waren. „<3o habe ich dich geliebt!"
Und dah er ihr Geld brauchte? — Für sich hatte er es ja nicht gewollt. Rur für seinen Vater! — Wie der Blitz fuhr diese Erkenntnis ihr durch das Gehirn.
„Franz " Sie d üdt? g'eichtzeittg mit zitternden Fingern auf dis K in^e'.
„Gnädiges Fräulein —*
Der Bediente kam mit verstörtem Gesicht herbeigelaufen.
„Den Wagen!" unterbrach sie ihn. „Wissen Sie, wohin mein Bruder gegangen ist? Rach der Fabrik? Dringen Sie mir meinen Mantel! Schnell! Ich habe keine Zeit, mich umzukleiden!"
„Das gnädige Fräulein tragen noch die Hausschuhe," erlaubte sich ter Dirner zu bemerken. MU nervöser Hast lieh sie sich die Stiefel an den Fuh streifen und nestelte sie dann selber zu.
Wie viel kostbare Zeit das a.les verschlang.
Unb doch erwartete sie, als sie drauhen in den Fabrikhos einbog. eine fürchter iche Enttäuschung. Der Direktor begrüßte sie mit einem Handkuh und zuckte bedauernd die Achseln: Herr Richthofen wäre seit gestern abend nicht mehr nach dem Bureau herausgekommen. Er teif e auch nicht, wo er zu finden sei. Llber er werde dem gnädigen Fräulein sofort Bescheid geben, wenn er ein treffe.
Maria nickte und stieg totster in den Wagen. Als dieser sich wieder in Bewegung setz de, fühlte sie, tote ein£ lähmende Schwäche ihr den Kopf in die Kif en zurückzwang.
In planlosem Zick-Zack Strahen und Plätze durchquerend, fand sie sich nach einer Stunde toietet in ihrem Heim. Ihr Warten auf den Anruf des ÄrettorS war umsonst, denn Leopold Richthofen kam an diesem Tage nicht mehr nach ter Fabrik hinaus.
Kindes muh auf eine seit längerer Zett «lttstte- rente Skrofulose zurückgesührt werden." Aber auch daö Buch Wadols macht die Behauptung Rcnmdorffs durchaus wahrfchernlich: jenes Kind, dah die Aerzte nach seinem Tode unterfuchten, ist schon nicht mehr der Dauphin gewesen. Der Knabe, her zuLetzt hn Tempi« gehalten tourte, war tatsächlich ein skrofulöses und taubstummes Kind. Aber ter echte Dauphin war dama'ls schon längst von Getreuen i n S i ch e r - beit gebracht worden. Die französische De- b^ufiongreglerung aber durfte dieses Verschwinden au8 politischen Gründen nicht verlauten lassen. So wurde der taubstumme Knabe untergeschoben. Raundvrff aber war, wie et ergäbt, inzwischen durch ein Schlafmittel betäubt und nach dem vierten Stock des Temple gebracht Worten, wo chm mitunter einer ter Wohlgesinnten das Rillige zutrug. Jntesien hatte man ein Kind nach Strahburg abgehen lassen und verbreitet, das sei ter Dauphin. So glaubt die Revofutionsregierung kurz nach dem Dev- schwinden des Knaben an eine gelungene Flucht und setzte zur Verschleierung her Wahrheit das taubftumme und skrofulöse Krnd an feine Stell« — den Dcruphin hat nie jemand wirklich krank oder leitend gesehen-, et war «In offener zutraulichst Knabe. Der aber, testen Tod man bescheinigte, offenbar taubstumm. Der Körper, ter in dem Grabe des „Daacphins" gefunden tourte, war aber ter eines sechzehnjährigen Menschen, nicht eines zehnjährigen Knaben.
ES gibt andere Zeugnisse für feine 3teiüitäi, und die wichtigsten hat Raundvrff selbst geliefert: er entsinnt sich jener unglücklichen Flucht der königlichen Familie, hie biS nach Darer.neS kam, bis in alle Einzelheiten, die nachweislich in keinem Buch« gedruckt zu finden waren, er hat hie Harte, hie von einem frühen Kaninchenbih herrührt, er hat die Familisn- ähnlichkeit der Bourbonen. 2llle, die ihm menschlich nahegetreten sind — auch sehr stark Dor- eingenommene — haben sich durch seine Sprache, seine Bewegungen, feine Haltung, die immer wieder an feinen Vater erinnerte, manchmal kräftiger überzeugen lasten als durch andere Zeichen.
Wenn ater dieser Karl Wilhelm lllaundorff nicht der Dauphin war — wer war er eigentlich? Ein Betrüger? Woher tarn er? Riemals ist ihm ein Ursprung in Preußen ater sonst irgendwo nachgewiefen worden, ater eS ist Tatsache, dah die preuhischen Behörden stets auherordentttch mitte mit ihm verfuhren, wenn es um feine Papiere ging. Es steht ebenso fest, dah er und alle seine Anhänger, die er immer und überall gefunden hat. dah seine bedeutenden Parteigänger stets bedroht waren, dah ihre Akten gestohlen ober plötzlich beschlagnahmt wurden, dah sie eines geheimnisvollen und plötzlichen Totes gestorben sind. R a u n d o r f s selbst war immer bedroht. Zwei Attentate mit der Waffe gegen ihn in Frankreich, zwei Anschläge in England (wo er bejubelt wurde) gegen sein pyrotechnisches Laboratorium, in dem er an kriegerischen Erfindungen arbeitete und Explosivstoffe aufbewahrte. Er ist immer mit dem Leben davongekommen. 11 nb warum hat ihm Frankreich eine gerichtliche Untersuchung seiner Ansprüche geweigert? Warum tourte von der Pariser Geheimpolizei z. V. versucht, die Frau des Schusters Simon, welche die Revolution lange überlebte und diese Entführungsgeschichte jedem erzählte, der sie hören wollte, als altersschwach und trunksüchtig hinzustellen, während die Aussagen der Hospital- schtoestern das gegenteilige Bild ergeben? Rätsel und Fragen.
Das Buch Roger Wadols hat die offensichtliche Tendenz, den Schattenkönig nach seinem Tode wieder in die Rechte einzusetzen, die ihm sein Leben hindurch vorenthalten wurden, lind di?seS Buch ist ein aufschlußreicher und, bei aller Objektivität dem Material gegenüber, geschickter und beredter Anwalt. Da tauchen sie denn wieder auf, alle die vergilbten Dokumente, die Protokolle über Verhöre, die Broschüren und die
5<w6eSM«$$»t
ZRomon von 3- Schneider-Foersil.
Urteberrechtsschutz Oskar Meister. Werdau L Sa.
20 Fortsetzung. Nachdruck verboten.
Mtt raschem, stählernem Griff hatte er ihren Leib umfaßt, ritz sie an sich hoch und zwang ihren Mund an den feinen. .
„Ohm kommt das Ende!" dacbi'e sto in ter» schwimmender Bewußtlosigkeit und ließ ten Kops hilflos gegen seine Schullern gleiten.
Als er sie wieder frei gab, standrn auf ihren Lippen dunkle Tropfen. „6o hroe ich «ch geliebt!" sagte er in rauhem Heisersein. »Da; ist der andere Grund, um tessenttoillen ich um dtH geworben habe. Das hat dein Freund vergessen, dir milzu'.eilen!"
^Joachim!"
Mit einem verzweifelten Weinen glitt sie vor ihm in die Knie. Einen Moment des Zögerns — bann ging er nach ter Türe und druckte sie, ohne sich umzusehen, ins Schloß»
Maria horte seinen Schritt nach ter Treppe geben, dann die Stimme ihres Bruders. 'Der Schlussel zu seinem Zimmer tourte gedreht. Werter vernahm sie nichts mehr. .
Als sie eine halbe Stunde später die Augen cuisschlug, sah sie baS besorgte Gesicht des Bruders über sich geneigt »Mizzerl, was machst denn für Sachen!' Er rieb ih.e heihen Wangen und dann die kältestarren Finger. »Is ja eh net wahr, was der Joachim da alles dahergredt hat von deinem Geld tootln und die Finna damll rettn und dein Vermögn in die Hände trtegn. Der arme Kerl weih ja h-ut gar net, was er alle« lagt. Der is ja glattweg vorn Verstand. Wundert mich auch nicht! So über Rächt kopfüber von obn nach urttn gestürzt wem, da muh man Zeit habn, bis man sich wieder zurechtfindt Der Vater am Sterbn! D' Mutter im Irrenhaus! 's ganze Geld verlorn. Aus die Knie dankt er dir's später, wannst ihn net folln Iaht in einer Zeit, in ter er ärmer dran is tote ein Toter im Kirchchos braufcn, denn ter hat wenigstens ferne Ruh!"


