Nr 295 Zweiter Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Tberhesseu)Donnerstag, (5. Dezember (928
Hessen und die Neugliederung des Reiches
(Fortsetzung folgt.)
Meine beiden interessantesten Fälle
Verfassung der Unterausschüsse Berichterstatter die finanzielle und Ländern.
zone, die von der Ostsee bis zum Aegäischen Meer, von Ostdeutschland und der Adria bis zu jener auch klimatisch wichtigen Niederungs-, Seen- und Sumpfzone reicht, die vom Finnischen bis zum Asowschen Golf reicht und von P e n ck der Warägische Grenzsaum genannt worden ist. Jenseits dieses Saumes, in Sowjctrußland, besteht heute ein auf die Spitze getriebene Kulturautonomie der Sprachgebiete und lebensunfähigen, schriftsprachenlosen Restvölkchen, deren Gesamtzahl man aus 156 in die Höhe gedrückt hat. Hier sind künstlich Rechte gezüchtet worden, die Millionen von Hochkulturmenschen in der Trümmerzone vorenthalten werden.
[eine Feinde. Die Polizei hatte daher nur zwischen der Einbruchstheorie und der obenerwähnten Annahme zu wählen. Nun war in einer der vorhergehenden Nächte in einem Hause in" der Nachbarschaft eingebrochen Wor.en. Der Dieb hat e alle Silbergeaenstände, deren er dort habhaft geworden war. in ein Laken gepackt, aber nur e i n silbernes Sal-f ah mit genommen und den Nest der Deute dagelasen. Aus dieser Handlungsweise war zu sch ießen, das; es sich um einen ängstlichen und unerfahrenen Einbrecher handeln muhte. Aiir persönnch erschien es weitaus wahr chein.ichcr. daß ein E.n- brecher entgegen den Regeln der Einbrecherzun t gebandelt haben, als daß ein OHitg'hD eines ruhl- cen Haushalts ein Verbrechen begangen ha.^en sollte, für das kein Motiv vorlag. Am Grund dieser Annahme wurde dann auch die Tat „re - konstruiert". Ein Stuhl wurde so an den Tisch gerückt, daß das Licht so gut toi? nur möglich auf das Duch de) dort sitzenden Lesers fa len mußte. Der Einbrecher hatte das Fenster un- aesichcrt vorgefunden und war in das Sp.me- zimmer in der Hoffnung, dort Sitber zu finden, eingestiegen. Als er seine Erwar ung enttau cht sab. halte er den Schürhaken als Waffe mitgenommen und sich die Treppe hinaus geschlich-'n. um in den Schlafzinunern nach Deute Ausschau zu halten. Die erste Tür hatte er, als er die Klinle geräuschlos niederdrückte, versch'ossen gefunden weil die Gouvernante ihr Schlafzimmer abgeschlossen hatte. Die zweite Tür hingegen öfr.etc sich Der Einbrecher, der darauf gefaßt gewesen war, ein dunkles Zimmer vor sich zu sehen, stand plötzlich in einer Flut von Licht. Sin Mann, der auf dem Stuhl gefejen hatte, wandte sich bei dem Geräusch um und sah dem Einbrecher ins Gesicht. Hier war also e n Zeuge, der ihn wiedererlennen konnte, ^eshalv schlug der Einbrecher erbittert mit dem schweren Schüreisen auf den Mann ein. Um dem Hagel von Schlägen zu entgehen, versuchte das Opfer, das Dett zwischen sich und den Einbrecher zu brinren und sank hinter dem Dett bewußtlos nieder. Der Mörder ergriff die Uhren, schatte c das Licht aus und schlich sich die Treppe hinao. Diese Annahine hatte viel Wahrschttn ich'e t für sich, aber tote sollte man ohne nähere 3nfci;ien den Täter unter den acht Millionen Bewohnern von London herausfinden?
Wie üblich, war eine Beschreibung des Salzfasses und der beiden Uhren an alle Pfandleihen in London gesandt worden. Aber wir setzten nur geringe Hoffnung auf diese Prozedur, wenn uns nicht ein Zufall, wie das brs- toeilen geschieht, zu Hilfe kommen sollte. Die krön amtliche Totenschau war immer wieder in der Hoffnung vertagt worden, dah es doch noch gelingen werde, einen Wahrspruch, dah der Fall nicht aufgeklärt werden forme, zu vermeiden. Spur auf Spur war verfolgt worden, bis sie sich
ttickien Struktur Aus dem Gebiete der Physis hob dagegen zeigt eine beispiellose Sprachverfilzung. ÄSS or: die . Seifet Am ftärtfien « »W. In ».r poM. ?en Xr_
rung unter Aufrechterhaltung und Bildung von leistungsfähigen Ländern machen soll, mährend der zweite die Abgrenzung der Zuständigkeiten und die Frage der Auftragsverwaltung zu prüfen berufen ist. Indes haben Bayern und Württemberg gegen die Uebertragung von Reichsaufgaben an die Länder in Form von Auftragsverroaltung gestimmt. Die Frage der Aufstellung neuer Richtlinien für die " Länder ist unter den Aufgaben der nicht erwähnt, aber es sind doch dafür bestellt worden, ebenso für Auseinandersetzung zwischen Reich
Gesellschaft für Erd- und Völkerkunde.
Vortrag von Or. von Loesch.
Der Vortrag des Herrn Dr. C. von Los sch, Begründers und Leiters des deutschen Schutzbundes für bas Grenz- und Auslandsdeutschtum, war einer her Höhepunkte der Gesellsä-ast. Die Ausführungen des Redners über das Thema: „Europa von innen heraus“ begannen mit einem Hinweis auf die doppelte Aufgabe der Wissenschaft, das Sammeln neuen Tatsachenmaterials und die gene- tische Verknüpfung bekannter Tatsachen. In einem Vortrag über die politischen Hauptprobleme unse- ree alten und in der Vorkriegszeit so uninteressanten Erdteils konnte es sich nur um die zweite dieser Aufgaben handeln. Die Lage Europas schreit geradezu nach einer solchen Betrachtung. Denn so verschieden auch Nationalität und Parteietnstellung sind, eines ist allen Einsichtigen klar: Die Volker und Staaten Europas müssen neu £F9°nt1'crt werden. Es fragt sich nur, auf welche Welle das geschehen soll, ob z.B. die Auffassung des Grafen Coudenhooe-Calergi Erfolg verspricht, dah bei dieser Neuorganisation an den zur Zeit bestehenden Staatsgrenzen nicht gerüttelt zu werden brauche, da diese zu Jnnengrenzen der „Vereinigten Staaten von Europa" würden, datz jedoch Voraus- setzung die allseitige Einführung der demokratischen Swatssorm sei. Der Vortrag von Loesch deutete in keinem Schluß andere Lösungsmöglichkeiten an.
Der aus der Zeit altgriechischer Schiffahrt stam- wende Name Europa, ursprünglich lediglich ein Begriff der physischen Geographie, hat in der Zeit der Türkeninoasion einen wesentlich anderen, tub turaeoaraphischen Inhalt bekommen. Er umreißt feither bie scharfen kulturellen und zivilisatorischen Unterschiede zwischen dem Abendland und der mohammedanischen Welt. Das z.sural.sche Rußland muß man nach Loesch in diesem Sinn noch zu Europa rechnen. Die Wesenheit des Erdteils spiegelt sich dann in dreierlei Gestalt: in einer bestimm- fen Physis, in deren Veränderung ,e nach dem Stand der Technik und in einer bestimmten vöt-
vom 22. Oktober ein Programm vorlegte, das als Hauptpunkte enthielt: territoriale Neugliederung ohne Beschränkung auf Gebiete in Gemengelage; Aufstellung von Richtlinien für Verfassung und Verwaltung der Länder; Beseitigung des Dualismus zwischen Reich und Preußen; Betrauung der Länder mit Verwaltungsausgaben nach Anweisungen des Reichs (Auftragsverwaltung). Zur Prüfung dieses Programms und zur Ausarbeitung von Vorschlägen setzte der Ausschuß zwei Unterausschüsse ein, von denen der erste Vorschläge für Neugkiede-
Conan Doyle erregt einen Sturm.
Sir Arthur Conan Dohle, der Schöner der Shrrlock-Holmes-Gestalt. bei inte: sich augenblicklich auf einer Reise in Südafrika und hat sich dort sehr unbeliebt gemacht. Ein Sturm der Entrüstung brauste gegen ihn auf, vor dem er sich schnell zurückzog. Er hat nämlich die ^ait- losigreit besessen, von seinem englischen Standpunkt aus über das Denkmal zu Dloeinsontein zu sprech.'n, das zur Erinnerung an die Duren- fvauen und Durenkinder errich.et wurde, die während des Durenkrieges in den englischen 5<on- zen.rationLlagern elend dahingesiecht sind. Conan Dohle erklärte das Denkmal für „eine Lüge und eine Deleidigung für den Ort, an dem es steht, und für Großbritannien". Darau.hin zogen 200 junge Afrikaner, unter denen sich nach dem De- richt der Kapstadter Blätter Professoren und Aerzte, Rech'sanwälte und Journalisten, Beamte und Studenten befanden, vor das Hotel, in dem er wohnt, um von ihm eine Erklärung zu verlangen und ihn zu zwingeii, seine Aeußerung zurückzuziehen. Die Stimmung war überaus erregt, und die Drohung wurde laut, man werde „den Engländer teeren und federn". Aber zu dieser Lynchjustiz ist es nicht gekommen. Der älebel- täier war glücklicherweise nicht anwesend, und nachdem man eine Zeitlang gewartet hrtte, erklärte der Führer der Demonstration, man hoffe, daß sich Conan Doyle sofort äußern werde. „Wir überlassen ihn der besseren Ein .icht seiner Lands - leute," fügte er hinzu, „und hoffen, daß es noch Engländer gibt, die die Dinge miterfe&t haben und ihm die Wahrheit erzählen werden." Trotzdem erschien die Sicherheit Conan Doyles so gefährdet, daß man ihm ein starkes Polizeiaufgebot zur Begleitung gab. Er begab sich in die Redaktion der Zeitung „Die Durger" und entschuldigte sich damit, daß durch seine Unfenrrt- nis der holländischen Sprache in ihm die Anschauung entstanden sei, man beschuldige durch das Denkmal direkt die Engländer, die armen Frauen und Kinder getötet zu haben. Er bedaure daher seine Aeußerung und ziehe sie zurück; sie habe auch nur besagen wollen, dah der Platz für dieses Denkmal nicht glücklich gewählt sei.
rungen, die in ihren Anträgen freilich auch jetzt noch stark von einander abwichen. Neben durchaus gemäßigten Vorschlägen, wie z.B. dem des hessischen Staatspräsidenten Adelung. der nur eine zweckmäßigere Grenzziehung unter den Ländern und eine klarere Abgrenzung der Zuständigkeit des Reiches und der Länder befürwortete, standen weit ausholende Pläne, die an die Orunbfcften der Verfassung griffen: so empfahl der bayrische Ministerpräsident Held nach wie vor Umkehr zum Föderalismus, während der sächsische Ministerialdirektor Poetzsch-Hesster den Lutherschen Lösungsversuch eines Reichslandes Preußen übernahm und der preußische Ministerialdirektor Dr. Brecht eine äußerst komplizierte Zwischenlösung verfocht, nach der die Reichsregierung mit der preußischen sich verschmelzen, aber doch der preußische Landtag fortbestehen sollte.
Angesichts dieser Zersplitterung war es von Bedeutung, daß die Reichsregierung aus ihrer Zurückhaltung heraustrat und ihrerseits in der Sitzung
Der Tod des Captain Tighe.
Von Sir Vafil Thomson, früheren weiter von Scotland Hard.
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3n der Frühe eines November,normens wurde die Potizei telephonisch nach W.ngfi.ld Lodge, einem großen Haus in der Gemeinde Wimbledon gerufen, in dem der Kapitän Edward Tighe wohnte. Von der Polizei wurde festgestellt, daß Captain Tighe einem Wordanschlag zum Opfer gefallen war, und daß er jetzt besinnungslos war. Tighe hatte an Asthma ge.itten und deshalb ein Zimmer im Obergeschoß des Hauses bezogen, wo er ruhig sitzen und leren konnte, wenn er infolge asthmatisch r Beschwerden nicht schlafen konnte. Um 11 Uhr abends hatte er sich in fein Zimmer zurückgezogen. Am nächsten Morre', um 8 älhr fand ihn das Li nflinadchen, das ihm fein warmes Wasser bringen wollte, am Boden neben dem Belte liegend. Sie holte Frau Tighe herbei. Der Arzt, der sofort gerufen wurde, stritte fest datz er a ch t st a r k b l u t e n d e Wunden am Kopf davönge'regen h'tte. Der Verletzte schleppte sich noch vier Tage hin und starb dann, ohne das Dewutztf ein wieder erlangt zu haben.
Bei der Durchsuchung des Zimmers entdeckte die Polizei hinter einem Sosallssen denSchür - haken auS dem Eßzimmer, an dem sie Blutflecken fest stellte. Die toitere Untersuchung ergab, datz an einem der Fenster im Erdgeschoß der Fensterriegel nicht geschlossen war und dah die Fensterläden aufstanden, ferner fehlte ein alter Regenmantel, der von der Dienerschaft benutzt wurde. Auch fehlten zwei billige silberne Uhren - eine davon war eine Schätzer Repe iecuhr, die Cap- tain Tighe gewöhnlich auf feinem Nachttisch zu liegen hatte. Der Diener behauptete steif und fest, datz er die Fensterladen am Qlbenb fest gesch'os en habe; die Polizei hatte indes en in dieser Hinsicht Zweifel. Fingerabdrücke oder Fußspuren wurden nicht gefunden. Obwohl der Einbrecher, trenn ein Einbrecher seine Hand im Spiel gehabt hatte, unbehinderten Zugang zum Erdgeschoß gehabt hatte, so hatte er von dort nichts von irgendwelchem Werte mitgenommen. Un er diesen ilm- ständen war die Annahme, datz der Titer unter fen Mitgliedern des Haushaltes zu suchen sei, nicht von der Hand zu weisen.
Die Familie war in Wingsield Lodge erst fünf Tage vor dem Morde eingezogen. Der Haushalt bestand aus Captain Tighe, seiner Gattin, den beiden Töchtern des Ehepaares und deren Gouvernante, sowie aus fünf oder sechs Dienstboten. Captain Tighe besah viele Freunde, aber
der Vortrag besonders hervor ...
horizontale Gliederung, die die innersten Meeresbecken (Finnischer Golf, Schwarzes Meer), durch drei- und vierfache Sperren von der offenen See trennt (z. B. Bosporus-Dardanellen, Kreta-Spora- den, Sizilien, Gibraltar), den Eisverschluß der Nordfront, die leichte Durchschreitbarkeit der euro- päischen Gebirge, insbesondere der Alpen, den Gegensatz zwischen dem mild ausgeglichenen Seeklima des Westens und dem scharf gegensätzlichen Kontinentalklima des Ostens.
Der Redner erläuterte seinen durchweg mit großer Spannung verfolgten und für die meisten Hörer ungemem eindrucksvollen Vortrag daraus durch 30 Lichtbildkarten. Er schloß mit den folgenden Ausführungen: In einem großen Teil Europas tritt der Staat heute mit dem völlig neuen Rechtsanspruch auf, Menschen nach seinem Ideal zu formen und zu pressen, lieber die Hälfte des Erd- teils hat damit auch rein formal eine empfindliche Rechtsverschlechterung über sich ergehen lassen müssen. Dadurch find die nationalen Gegensätze zu einer solchen Schärfe emporgepeitscht, daß für Millionen ein schiedlich-friedliches Vertragen mit ihren jetzigen Peinigern für jede Zukunft unmöglich geworden ist. Ein Paneuropa ohne eine vorherige Revision der jetzigen Gewaltgrenzen ist daher unmöglich. Vor der Begründung der Vereinigten Staaten von Europa muß vielmehr die Entsühnung des Erdteils stehen. Diese muß von dem Grundrecht der Völker ausgehen, Dem Recht auf einen eigenen Staat für die geschlossenen Siedlungsräume der großen Völker und dem Recht, die eigene Kultur zu erhallen, für die in der Diaspora lebenden Telle der großen und für die lebensfähigen der kleinen Völker. Dann erst kann mit einer politischen Zusammenfassung Europas Ernst gemacht werden. Diese muß, wie jede Staatenbildung, die es bisher gegeben hat, von einem Kristallisationskern ausgehen. Einen solchen Kern kann nur das Volk liefern, dessen Hauptmasse in Europas Mitte sitzt, und das auf 21 von jenen 31 Staaten verteilt ist, das deutsche! H. L.
Sänger verweilte er bann bei der völligen Struktur. Diese meist ungewöhnlich energischen, kriegerischen und hochbegabten Völker mit ihrem ausgeprägten geschichtlichen Bewußtsein sind heute in 31 Staaten gegeneinander organisiert — ganz im Gegensatz zu dem geschichtslosen Amerika, dem die Assimilierung der vielgestaltigen Einwon- dererscharen so leicht fällt, da jeder als Emzel- indioiduum und mit dem guten Willen kommt, die europäischen Gegensätze hinter sich zu lassen und sich in die neue Ordnung zu fugen. Die Bevolke- rung Europas hat sich von 1700 bis 1820 das erste- mal und von da bis heute das zweitemal verdoppelt (HO 220 450 Mill.). Sie steht heute unter einem Uebervölkerungsdruck, ganz besonders in Dem Kreis maximaler Dichte, dessen Mitte bei Muhlheim an der Ruhr liegt, und der bis Mittelengland, Oberschlesien und Oberitalien reicht. Der Redner ging dann auf die Verteilung der Geburtenziffern ein und unter chied dabei vier Gruppen: die Hoch- kulturoölker (20 v.H.), die Nachfolgestaten der österreichisch-ungarischen Monarchie (27 v.H.), die Romanen des Mittelmeerraumes (30v.H.) und De Oftslaoen (40 o. H.). Deutlich spiegeln diese Zahlen die Gefahr der Unterwanderung Der ersten Gruppe durch die vierte, eine Gefahr, die wegen der nachkriegszeitlichen Beschränkung der Ueberseeauswanderung, besonders akut geworden ist. Der Geburtenziffer nahezu parallel geht die Analphabetenzahl, und auch dadurch wird jene Gs- fahr vergrößert. Ausführlich wurde darauf die sprachliche Gliederung Europas behandelt. Im Westen Europas sind die Sprachgrenzen scharf und einfach im Verlauf; Sprachinseln fehlen. Der Osten
und die für sie bedrohlichen Wirkungen der Reichs- sinanzresorm ließen sich damals noch nicht in ihrem ganzen Umfang erkennen. Vergebens versuchte späterhin der preußische Landtag (Januar 1926), den demütigenden Wirkungen der Reichsverfassung durch ein Landesgesetz über einheitliche Stimmabgabe der preußischen Staats- und Provinzial- stimmen zu begegnen, der Gesetzentwurf mußte scheitern an seinem parteipolitischen Einschlag, an seiner Unvereinbarkeit mit der Reichsverfassung und am Widerstand des föderalistischen Elements der preußischen Verfassung, des preußischen Staatsrats. Eine Aenderung ist bisher nicht gelungen, obwohl außer verschiedenen Theoretikern (Anschütz, Bilfinger u. a.) auch politische Führer (Koch-Weser, Stresemann) der Frage Beachtung schenkten. Die Praxis hat sich nur mit dem kümmerlichen Ausweg geholfen, einen preußischen Staatssekretär zu den Sitzungen des Reichskabinetts und umgekehrt Übertreter der Reichsregierung zu den Sitzungen der preußischen Regierung zuzulassen.
3. Die Neugliederung. Der drille Punkt der Reichsreform, die Neugliederung des Reiches !ur Erzielung einer billigeren Verwaltung, nimmt einen Ausgangspunkt in den Schwierigkeiten der taatlichen Finanzwirtschaft. Die Sparmaßnahmen im Bereich der Verwaltung, wie namentlich der Beamtenabbau, die sich als unabweisbare Folge aus der Stabilisierung Der Währung ergaben, hat- ten ursprünglich nichts zu tun mit dem Einheits- staat; sie wurden, wenn auch durch das Reichsrecht vielfach grundsätzlich geregelt, doch durchgeführt im Rahmen jedes einzelnen Staatsorganismus. Da indes weder der Beamtenabbau noch sonstige Sparmaßnahmen eine wesentliche Besserung der Finanzlage bewirkten, so suchte man den Ausweg aus der Finanznot in dem Abbau der Einzelstaaten. Beeinflußt ist die neue Bewegung zweifellos durch Ra- tionalisierungs- und Zentralisierungsbestrebungen in der Organisation der Wirtschaft. Es ist daher kein Zufall, wenn ein Mann wie der frühere Reichs- tangier Luther durch Gründung eines Bundes zur Erneuerung des Reiches (Januar 1928) in die Bewegung eingriff. Um die Anhänger der bundesstaatlichen Organisation nicht von vornherein abzu- schrecken, hat der Bund seine Zielpunkte möglichst verschwommen und harmlos mit „Stärkung des Reiches", „Vereinfachung Der gesamten Verwaltung", „Verringerung überflüssiger Arbeit" gekennzeichnet; aber zwischen Den Zeilen läßt sich eine grundstürzende Aenderung der Verfassung heraus- lesen, die denn auch in dem Lösungsvorschlag des Erneuerungsbundes, Preußen in ein Reichsland zu verwandeln, zutage getreten ist.
Oie Verhandlungen zwischen JReid) und Ländern.
1. Die Länderkonferenz. Ende 1927 nahm sich die Reichsregierung Der Ausgabe Der Reichs- reform an, in Dem sie Vertreter der Länder nach Berlin berief. Auf Dieser jogenannten Landerkonse- renz (16. bis 18. Januar 1928) wurde wenig erreicht, zu schroff stießen die Gegensätze aufeinander, da die einen (Preußen, Sachsen, Hamburg, Hessen) den Einheitsstaat, die andern (Bayern, Württemberg) eine Verstärkung des Föderalismus forderten. Die Deschlüsie hatten daher meist negative Bedeutung: man war sich einig In Der Zurückweisung der Teillösung, lediglich die leiftungsschwack-en Länder in Reichsländer zu verwandeln, und in der Verwerfung des Mittels der finanziellen Aushöhlung der Länder. Das positive Ergebnis war gering: in der Frage Der Neugliederung bezeichnete Die Konferenz eine Erleichterung des Aufgehenv kleinerer Lander in benachbarten Ländern und das Verschwinden der Enklaven und Exklaven als wünschenswert. Für Die Vereinfachung der Verwaltung verwies die Konfe- renz auf den Weg von Derwalttmgsgemeinschoften der Länder untereinander. Immerhin setzten sie; zur Vorbereitung weiterer Maßnahmen einen Ausschuß ein aus Vertretern des Reiches und der Lander (meist Deamte, aber auch einige Staatsrechtslehnr).
2 Der Ausschuß der Länderkonferenz. Die Tätigkeit des Ausschusses bestand im wesentlichen in der Sichtung und Bearbeitung der zahllosen Vorschläge zur Reichsreform; sie ebnete damll den Boden für die Stellungnahme der Regie-
Verfassungsrechtliche Gedanken zur Reichsreform.
Don Or. Hans Gmelin, o. ö. Professor des öffentlichen Rechts an der
Landesuniversität Gießen.
L
Ausgangspunkt der Reichsreform.
Bei der Reichsreform*) handelt es sich um drei sehr verschiedene Fragen: um Die Berücksichtigung der auf Stärkung Des Föderalismus abzielenden Wünsche Bayerns, um Beseitigung Des Dualismus zwischen Dem Reich und Preußen und um Neu glieDerung des Reiches zum Zweck einer billigeren Verwaltung.
1. Die föderalistischen Wünf che Bayern». Die bayrischen Forderungen wurden durch die in Der Erzbergerschen Reichsfinanzreform sich ausprägende unitarifche Uebertreibung ausgelöst; unmittelbar nach dieser Reform erfolgte der Austritt Der bayrischen Abgeordneten aus Dem Zentrum und ihr Zusammenschluß in Der bayrischen Dolks- partet (Januar 1920), die im Bamberger Programm sich ganz unverhüllt zum Föderalismus bekannte. Der Gegensatz zwischen der dem Einheitsstaat zu- neigenben Reichstagsmehrheit und den bayrischen Föderalisten steigerte sich in Den folgenden Jahren (1922,1923) mehrmals xu offenen Konflikten, die zwar durch Vergleiche beigelegt wurden, die aber die bayriscye Regierung dazu ausnützte, mll Forderungen auf föderalistische Umbildung der Reichsverfassung an die Reichsregierung heranzutreten. In zwei Denkschriften vom 8. Januar 1924 und 7. Mai 1926 entwickelte sie ihr Programm, das die Reichsverfassung im wesentlichen auf den Stand der früheren Reichsverfassung (jedoch ohne Wiederherstellung der preußischen Vorherrschaft) zurückführen sollte.
2. Der Dualismus von Reich und Preußen. Auch bei der zweiten Frage der Reichsreform, der Beseitigung des Dualismus zwischen dem Reich und Preußen, handelt es sich um ein Wiederanknüpfen an die Bismarckjche Reichsverfassung, indem zwar nicht die preußische Hegemonie, aber doch ein engeres Zusammenwirken des Reiches mit Preußen wiederhergeftellt werden soll. Die Stellung, Die die Weimarer Reichsverfassung Preußen zugewiesen hat, ist für das Reich wie für Preußen in gleidjer Weise untragbar: für das Reich, weil ihm der preußische Staat in den Weg treten kann, für Preußen, weil fein Stimmgewicht im Reichsrat viel zu gering ist: schon an sich ist Die Zahl Der preußischen Staatsstimmen niedrig im Vergleich zu der Zahl der bayrischen Stimmen: 14:11. Und dadurch, daß die preußischen Provinzial- stimmen in anberm Sinn als die Staatsstimmen abgegeben werden können, verringert sich das Gewicht Der Staatsstimmen entsprechend und könnte sogar ganz lahmgelegt werden. Daher konnte man sich in Preußen mit dem neuen Rechtszustand nicht zufrieden geben. Schon am 17. Dezember 1919 faßte Die preußische Landesversammlung einen Beschluß, in dem sich Preußen bereit erklärte, im Reiche auf- zugehen, vorausgesetzt, daß die übrigen Lander sich Tu demselben Schritt entschlossen. Der Beschluß war nicht so selbstmörderisch, wie ihn Triepel bezeichnet, denn in einem deutschen Einheitsstaat hätte Preußen zwar nicht als solches, aber doch als Volk vermöge feines zahlenmäßigen Uebergewichts und durch die Lage der Reichshauptstadt, einen größeren Einfluß auf die Reichsgeschäfte gewonnen, als er ihm nach Der Verfassung zusteht. Das Echo be, den übrigen Staaten blieb jedoch aus; begreiflicherweise, denn sie hatten durch die Weimarer Verfassung im Vergleich zu Preußen einen Machtzuwachs erfahren,
*> Dgl. die Aussätze K l u t e : Geographische Voraussetzungen in Nr. 283 und 284 des G. A. vom 1 und 3^ Dezember; Aubin: Geschichtliche Be- trachtunaen in Nr. 287 und 289 des G. 2Ü vom 6. und 8. Dezember und M o m b e r t : Die Reichs- reform in ihrer wirtschaftlichen Bedeutung in Nr. 290 des G. A. vom 10. Dezember.


