Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Vberheffen) Dienstag, lZ. November (928
Nr. 268 Drittes Blatt
Turnen, Sport und Spiel.
Gaufechteriag Hessen O. T.
—o— Am Sonntag waren die Fechter des Turngaues Hessen D.T. in der Tarnhalle des Männer tu rnvereins zu Gießen zusammengelom- men um die planmäßigen Ausscheidungskämpse der Jungmannen in Florett und leichtem Säbel durchzusühren. Es waren vertreten die Fechter- abteilangen der Turnvereine zu Gießen, Tv. 1846 und Männerturnverein. Turn- und Sportverein 1860 Marburg, Turngemeinde Friedberg, Tv. 1860 Dab-Rauheim, Turn- und Sportverein Butzbach und Tv. Wetzlar. Unter der Leitung des Gaufechtwartes Fr. Gross (Marburg) wurde in je einer Bor- und einer Endrunde mit über hundert Gefechten die Rangfolge der Teilnehmer in beiden Waffen herausgearbÄtet.
3m Flvrettkarnpf belegte den ersten Platz Erwin Lemke, Tgde. Friedberg, mit 4 Siegen, den zweiten Rang erkämpfte Ludwig Krämer, T.- und Sp.-B. Butzbach mit 3 Siegen, dritter wurde Walter Gerhardt, To. 1846 Gießen, vierter Hans Mulch, Tv. Wetzlar, beide mit je 2 Siegen und je zehn Minustreffern, deren Rangordnung durch den letzten Gang entschieden wurde: damit sind diese vier Fechter in die Gruppe der Altmannen aufgerückt. An die fünfte Stelle der Endrunde kam Ludwig Kraft, Mtv. Gießen, mit zwei Siegen und acht Minustreffern, an die sechste Ernst Beck. T. und Sp.-B. Butzbach mit zwei Siegen und sieben Minustreffern. Als die Kampfbesten aus der Vorrunde erhielten den siebenten Rang Emanuel L i ch t e, T. u. Sp.- D. 1860 Marburg, Hans Maurer, Mtv. Gießen und Wilhelm Ludwig, Tv. 1860 Bad-Rauheim.
Beim Säb elfechten stiegen zu Altmannen auf: 1. Ludwig Vaubel, To. 1846 Gießen, mit fünf Siegen: 2. Hans Mulch, Tv. Wetzlar, mit vier Siegen; 3. Karl Frankenberger, Tgde. Friedberg, mit drei Siegen; 4. Josef Schlier, Mtv. Gießen, mit zwei Siegen; den 5. Rang in der Endrunde behauptete Wilhelm Ludwig, Tv. 1860 Bad-Nauheim; den 6. Rang Ludwig. Kraft, Mtv. Gießen. Aus der Vorrunde fam an die 7. Stelle Wilhelm Chateau, To. 1860 Marburg; an die 8. Stelle Ernst Beck, T. u. Spv. Butzbach.
Die zu Altmannen aufgerückten Fechter sind nunmehr mitberechtigt zum Wettkampf beim Gauturnfest, das Ende Juli in Alsfeld ftattfindet; die drei als Gaubeste zu ermittelnden Altmannen kommen in das Ausscheidungsfechten um die Sonderklasse des Mittelrheinkreises, die bei der Aufstellung der Sonderklasse der Deutschen Turnerschaft mitwirkt.
Aus den anschließenden Verhandlungen sei hervorgehoben, daß die frühere Hebung, am Vorabend des Gauturnfestes ein Schaufechten darzubieten, wieder aufgenommen werden soll. Ferner wurde der Zeitplan festgelegt, der außer einem Kreislehrgang Prüfungen für Anfänger, Ausscheidungsfechten für Jung- und Altmannen, Wettkämpfe für Fechter über 40 Jahre, und zum ersten Malo auch eine Prüfung für Fechterinnen, im Gau aufgenommen hat; gemeinsame Hebungen mit benachbarten Gauen sollen der weiteren Ausbildung eine breitere Grundlage geben. Leider ist der seitherige verdienstvolle Gaufechtwart Fr. G r o o s (Marburg) nicht mehr in der Lage, die Führung über das kommende Frühjahr hinaus beizubehalten; in Würdigung seiner Gründe beschloß der Gaufechtertag einstimmig, dem nächsten ordentlichen Gauturntag die Wahl des Turners Karl Kühn, Tgde. Friedberg, zum ersten Gaufechtwart vorzuschlagen.
Handball im Turnverein 1846 Gießen.
Tv. von 1846 I — 21Uo. I 2:2 (2:0).
Wer. das obige Resultat als schmeichelhaft für den Tv. 1846 bezeichnet, ist im Llnrecht. Das Spielergebnis entspricht vollkommen dem Spiel
verlauf. Ein neuer Beweis für die Beständigkeit der Mamrschaft vom Gießener Turnverein ist erbracht. 1846 ist ohne Zweifel augenblicklich die spielstärkste Mannschaft des Gaues. Sie versteht bis zum letzten Augenblick zu kämpfen und triumphiert durch ihre Geschlossenheit auch über technisch bessere Gegner, wie z. D. über Tv. Wetzlar. Das Spiel am Sonntag gegen Mtv. konnte in jeder Weise befriedigen. Beide Mannschaften gaben ihr Bestes her. Die erste Halbzeit sah Tv. 46 leicht überlegen, was in zwei Treffern zum Ausdruck kam. Halbzeit 2 :0 für 1846. Rach der Halbzeit stellte Mtv. um. Die Mannschaft war sichtlich deprimiert, doch raffte sie sich wieder auf und vermochte dem gegnerischen Tore einige Wale gefährlich zu werden. Ein Ball, der infolge der Rässe dÄn Tormann entglitt, verhalf dem Mtv. zum ersten Erfolg. Kurz darauf erzielte der Linksaußen den Ausgleich: der Verteidiger wurde allerdings von einem Mtv.er regelrecht festgehalten, was der Schiedsrichter übersah. Das Endergebnis lautete gerecht 2 : 2.
Vorher spielte die 2. Mannschaft gegen die 1. des T. u. Spv. Butzbach Rachdem Butzbach am Sonntag vorher die 2. Mannschaft des Mtv. 9:2 schlagen konnte, war man auf ein hohes Ergebnis zugunsten der Gäste gefaßt. Doch hielten sich die 1846er über Erwarten gut und verloren nach schönem Spiel 4 :2.
Handball der Sp.-Dg. 1900.
1900 1. Mannschaft — D. f. L. Wetzlar 2. Mannschaft 9:3.
1900 2. Mannschaft — V. f. B. Gießen 1. Mannschaft ausgefallen.
1900 1. Jugend — V. f. L. Wetzlar 2. Jugend 3:1. 1900 2. Jugend — D.f. D. Gießen 1. Jugend, vom V. f. D. abgesagt.
ö. Aus dem Gelände der Ochsenwiese in Wetzlar standen sich die zweite Mannschaft des V. f. L. Wetzlar und die erste Elf der 1900er am Sonntag zum fälligen Punktspiel gegenüber. Obwohl die Spielvereinigungsleute vier Ersatzleute einstellen mußten, lieferten sie ein weitaus besseres Spiel als am Dorsonntag. Die günstige Wendung ist in der Hauptsache auf das Mitwirken des neuen Mittelstürmers, der einen vorbildlichen Sturmführer abgab, zurückzuführen. Zu Spielanfang erschien es allerdings nicht so, als ob die Gießener zu einem klaren Sieg kommen würden, denn die Wetzlarer Mannschaft fand sich sofort gut zusammen und ging in Führung. Rach Verlauf einer Viertelstunde hatte 1900 jedoch die Oberhand gewonnen und dominierte bis zum Schluß, nachdem man beim Stand von 5:2 die Seiten gewechselt hatte.
Das Spiel der 2. Mannschaft gegen V. f. D. Gießen kam nicht zustande, da der Waldsportplatz zu der für das Spiel angesetzten Zeit nicht fvei war.
Die 1. Äugend traf in Wetzlar auf die zweite Garnitur des V. f. L. und hatte in ihr einen recht hartnäckigen Gegner. Der bis zur Halbzeit gesicherte Vorsprung von 3:1 konnte in der zweiten Spielhälfte nicht vergrößert werden.
Handball im Lahn - Oünsberg - Gau.
Garoenleich I — Londorf 1 3:1.
Am Sonntag trafen sich diese Mannschaften in Garbenteich zum fälligen Verbandsspiel. Sofort nach Spielbeginn konnte man eine leichte lleberlegenheit der Garbenteicher feststellen, die sich während des ganzen Spieles immer mehr auswirkte, da diese ballsicherer waren. Einige Durchbrüche der Londorser, von denen einer auch zu dem Treffer führte, scheiterten an der Hintermannschaft Garbenteichs. Obwohl Londorf eine sehr flinke Mannschaft darstellt und sich die größte Mühe gab, die zwei Punkte an sich zu
bringen, mußte sie sich doch der technisch besseren Mannschaft beugen.
V. f. B.
Liga — W. S. D. Liga 2:1.
Ligareserve — W. S. D. Ligareserve 1:7.
Dritte — Ettingshausen I. 2:0.
1. Jugend — Riedergirmes 1. Jugend 2:5.
2. Jugend — Spielvereinigung 2. Jug:nd 0:1.
Die Ligamannschast schlug in Wetzlar den dortigen Sportverein. Das Resultat mutet zwar etwas knapp an, es war aber vollauf verdient und stellt in Anbetracht der Umftänbe eine recht gute Leistung dar. Daß Wetzlar dem Gießener Rivalen den Sieg nicht ohne weiteres überlassen würde und dank seines energischen und wuchtigen SpiÄs selbst nicht ohne jede Chance in den Kampf ging, war vorauszusehen. Trotzdem überraschte die Platzmannschaft durch eine unerwartet gute Gesamtleistung. Wenn auch V. f. D. gerade nicht in Hochform war, so war er seinem Gegner in punkto Technik und Taktik doch um ein bedeutendes überlegen. Der beste Teil der Mannschaft war die Verteidigung einschließlich Tormann: auch die Läuferreihe lieferte eine prächtige Partie. Der Sturm dagegen hatte einen schwarzen Tag und zeigte eine erschreckende Schußunfähigkeit. An ihm lag es, daß das Resultat nicht wesentlich höher aussiel, wir es dem Gesamtspielverlauf entsprochen hätte. Die treibenden Kräfte der Angriffsreihe waren die beiden Außen, die jedoch zu wenig bedient wurden und infolgedessen nicht wie sonst zur Geltung kamen. Auffallend indisponiert war der gesamte Jnnensturm, der jegliche Schutzlratt und -sicherheit vermissen lieh. Der Spielverlauf war kurz folgender: Trotz des fremden und schlechten Platzes fand sich D.s.B. zuerst und zeigte das bessere Feldspiel. Seine flott vorgetragenen Angriffe brachten das Tor wiederholt in Gefahr, ohnr daß die hierbei herausgearbeiteten Torgelegenheiten ansgenutzt wurden. Wetzlar wehrte sich unter äußerster Ener- gieentfaltung und überschritt hierbei mehrmals die Grenzen deS Erlaubten, was ihm eine Reihe von Strafstößen und Verwarnungen durch den Schiedsrichter eintrug. Einen Elfmeter schoß der Mittelstürmer an den Pfosten und verschenkte damit die sicherste Gelegenheit zum Führungstor, das aber dann kurz darauf nach forschem Alleingang des Mittelläufers von diesem erzielt wurde. Bis zur Pause leicht überlegenes Spiel Gießens, das im Feld besser war als Wetzlar und auch die größere Zahl Erfolgsmöglichkeiten hatte, von denen der Sturm jedoch keine verwertete. Aach dem Wechsel kamen die Sportvereinler etwas aus und trugen einige recht gefährliche Angriffe vor, die jedrxh von der Gießener Verteidigi'.ng abgestoppt wurden, oder im Tormann ein Hindernis fanden. Rach kurzer Zeit schon übernahm Gießen wieder daS Kommando und vermochte durch den Halblinken auf 2:0 zu erhöhen. Gegen Schluß verschärfte der Gegner nochmals das Tempo und versuchte unter allen Umftänben das Resultat für sich zu verbessern, was ihm auch gelang. Der Rest der Spielzeit war ausgefüllt mit beiderseitigen Angriffen, die aber ergebnislos blieben. Nachdem die D. f. B.-Mannschcht auch diese beiden Punkte gewann, steht sie nach sieben Spielen ungeschlagen an der Spitze der Tabelle.
Die Ligareserve verlor ihr erstes Spiel dieser Serie, indem sie gegen die gleiche des W. S. V. hoch unterlag. Der Sieg der Wetzlarer war verdient, wenn auch nicht ganz in dieser Höhe. V. f. B. lieferte das schlechteste Sp'el der Saison und brachte kaum eine einheitliche Aktion zustande, lieh es aber auch sehr am nötigen Eifer fehlen.
Die Dritte gewann ihr Verbandsspiel gegen Ettingshausens Erste und errang damit einen wertvollen Sieg über die spielstarken Ettings- Häuser, die mit zu ihren stärksten Gegnern zählen.
Geld fällt vom Himmel.
Roman von Paul Enderling.
Copyright by Earl Duncker, Verlag, Berlin.
42. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
,Jch habe eine Riesensumme geopfert, weggewor- sen. Wenige Menschen in Europa konnten eine solche Summe verschmerzen. Sie bekommen von mir keinen Pfennig, keinen Der, keine Kopeke, keinen Sou, verstehen Sie mich?"
„Ich verstehe Sie gut. Ihre Stimme ist deutlich gemtg. Aber Sie sollten Ihre Weigerung noch überlegen."
„Warum? Was noch von meinem Gelbe vorhanden ist, gehört nicht mir. Es gehört meiner Tochters Sie soll gesichert bleiben, sind nun genug."
Blinskys Stimme gewann einen drohenden Klang. „Sie vergessen eins. Man kann nicht jedes Spiel beenden, wann man will. Wer sich so weit einließ wie Sie, muß auch weiter mithalten."
Brodersen richtete sich auf. Es sah auf, als wollte er sich auf den andern stürzen. Seine breiten, schweren Hände ballten sich. „Wollen Sie erpressen, Sie Schuft?" Er ließ eine Menge Schimpf- worie auf Blinsky niederregnen, und Blinsky duckte sich wie unter Steinwürfen.
„Ich bin an Ihre starken Ausdrücke schon gewöhnt", begann er endlich. „Sie sind mit mir nie besonders zart umgegangen."
„Mit Ihnen nicht unzarter als mit andern."
„Ich bin in einer Zwangslage. Bis sich Ihr Geld widerfindet, muß id) neues haben. Das Komitee fordert es von mir.'
„Es tut recht daran. Sie haben unverantwortlich gehandelt, als Sie das Geld so offen zur Schau yinlegten."
„Geheimnistuerei wäre noch gefährlicher gewesen/
„Schluß. Ich inache Sie darauf aufmerksam, daß ich mit dem Komitee abgeschlossen habe."
„Maizow hat...?"
„3a, Maizow hat einaefeljen, daß ein blinder Mann ein ungeeigneter Mitarbeiter ist."
„Das ist Verrat."
„Sie irren. Das ist Vernunft/
„Wenn ich ihn finde!" keuchte Blinsky. „Wenn ich ihn finde!"
„Nun, was geschieht dann?"
„Dann muß er sterben ..."
„Mord? Sind Sie schon so weit?"
„Das wäre kein Mord, das wäre Vergeltung, Gericht."
jonglieren Sie nicht mit solchen BegriffenI Tat ist Tat. Kein Mensch und kein Gott befreit Sie davon."
„Gott?" machte Blinsky achselzuckend.
„Nun habe ich genug von Ihrer Narretei. Verlassen Sie mich." Er wandte sich an Si, die bis dahin lautlos, bewegungslos daneben gestanden hatte, und sagte ihr einige malaiische Worte. Sie glitt fort. Niemand schien sie hier aufzufallen. Man sah über sie hinweg wie über einen Schatten. „Meine Tochter kommt gleich wieder. Gehen Sie. Ich will nicht, daß sie Sie hier sieht. Außerdem ist es Zeit zum Schlafen."
Blinsky erhob sich mühsam. Ohne ein Wort zu sagen, verließ er die Nische.
*
Vor seinem Zimmer blieb Blinsky einen Augenblick horchend stehen. Er hatte ein Geräusch darin gehört, und er öffnete vorsichtig und sprungbereit. Er fühlte im Zimmer den Atem eines Menschen und knipste eilig das Licht an.
Der Lange mit den Sommersprossen saß auf einem Stuhl am Fenster, das halb geöffnet war und kaute Sonnenblumenkerne.
„Was soll das?"
„Ich habe den Namen meines Hotels vergessen, Brüderchen. Was doch alles vorkommt, nicht wahr? Nun mußt du mir schon ein Dach über dem Kopf gönnen."
„Warum hast du dich nicht hingelegt?"
„Ich wolltö warten, Ilja, bis du mich aufforder- test. Man muß auch Gastfreundschaft nicht ausnutzen. Es saß sich übrigens schön hier. Die Stimmen der großen Stadt, diese vielfälttgen Stimmen, sie sind wie das Geflüster eines Stromes in der Nacht. Kennst du den Dnjepr?"
„Ja, aus Gogol", sagte Blinsky finster.
„Nun also, das ist es, was mir die ganze Zeit durch den Sinn geht: wie verwandt doch alles ist, Stadt und Strom. Man fühlt, sie sind beide von der gleichen Hand geformt. Der gleiche Wille steckt dahinter und gibt beiden den Atem. Widersprich nicht, Brüderchen! Auch die Menschen, die die Stadt auftürmten, sind nur Werkzeuge gewesen."
„Du redest wie ein Pope. Sieh zu, daß du nicht verdächtig wirst. Das geht heutzutage schnell."
Der Sommersprossige knackte einige Kerne. „Ich rede doch nur literarisch. Begreifst du übrigens, daß Gogol sich das Leben nehmen konnte?"
,3a, das begreife ich!" schrie Blinsky auf.
„Du bist nervös, Brüderchen. Du solltest etwas für deine Gesundheit tun. Beruhigt dich diese ver
worrene Sinfonie der Stimmen draußen wirklich nicht? Klingt es nicht, als wenn in hundert Kirchen hundert Totengebete zu gleicher Zeit gesprochen würden?"
Blinsky setzte sich an den Tisch, der mitten im Zimmer stand, und entzündete eine Zigarette. „Bist du nur deswegen zu mir gekommen, um mir solche Dummheiten zu erzählen?"
„Wie du redest! Ich sagte dir doch schon, daß ich den Namen meines Hotels nicht weiß."
„Den kann ich dir sagen. Gehst du bann?"
Der Sommersprossige lächelte. „Bin ich dir so zuwider? Laß mich nur noch ein Weilchen hier fitzen."
„Bis zum Morgen, wie? Bis du abgelöst wirft?"
„Wer wird solche Worte gebrauchen? Es klingt so nach Dchrana."
„Nein, nach Tscheka."
„Jacke wie Hose, Brüderchen. Db Dershawin oder Iwan der Schreckliche — das immer gutgläubige russische Volk betet sie an. Sie müssen notwendig fein, sonst wären sie nicht, verstehst du das?"
Blinsky zerdrückte wütend seine Zigarette. „Du solltest dich um einen Philosophenposten bewerben."
„Leider bringt er nicht ein. Inzwischen bin ich Briefträger geworden. Hier ist etwas für dich. Ein Eilbrief aus Deutschland. Wartet ein Liebchen auf dich?"
Blinsky riß ihm den Brief aus der Hand. „Ich habe an andres zu denken, du Narr." Ehe er den Brief öffnete, untersuchte er den Hmschlag. „Nicht aufgemacht? Da muß ich mich wohl noch bedanken?"
„Wo denkst du hin? Das Briefgeheimnis ist unverletzlich — solange es sich nicht um wichtige Briefe handelt."
Der Sommersprossige las am Gesicht des Lesenden eine ganze Skala der Leidenschaften ab. Alles war drin, von der Enttäuschung bis zum gellenden Triumph, von fliegender Hngeduld bis zum genießerischen Auskosten von Einzelheiten. Also doch eine Liebelei — dachte er.
„Ich bin gerettet', stieß Blinsky endlich hervor. „Ich bin gerechtfertigt. Lies!"
Der andere knackte erst einige Kerne auf, ehe er den Brief überflog, jch verstehe mich schlecht auf Deutsch. Lies ihn mir vor, aber füge nichts hinzu!"
Der Brief war von der Auskunftei Dkulus, Letter Kiewenina. Er schrieb seinem Auftraggeber, dessen richtigen Namen er längst verwandte, daß es dem Scharfsinn seines Instituts gelungen sei, „den Besitzer des geraubten Geldes zu „eruieren". Er erzählte vom mürbe gewordenen Dekepper, der Grot- teck bei Martha Rebmann belauscht und angegeben
Die erste Juaendmannschaft verlor ihr erstes Diplomspiel. Rachdem sie in der Vommde Riedergirmes 5:0 schlagen konnte, muhte sie diesmal im Rückspiel eine Riederlage hinnehmen. Abgesehen von den schlechten Platzverhältnissen und den wenig befriedigenden Leistungen des Schiedsrichters, zwei Momente, die den Spielverlauf ftarf beeinflußten, war die ersatzgeschwächte V. f. V.-Elf der Platzmannschaft nicht gewachsen.
Die zwecke Jugend mußte einige ihrer heften Spieler als Ersatz an d:e Erste abgeben und verlor gegen die gleiche der Spielvereinigung mit dem knappsten aller Resultate, 0:1.
Fußball in Großen-Buseck.
F. C. 1926 Großen-Buseck I — Sportv. Heuchelheim I (0:6 (0:3).
Jugend beider Vereine 0:0.
Der aufgeweichte Boden, der durch das voran- gegangene Handballspiel noch spielunfähiger wurde, ließ ein präzises Spiel nicht zu. Die Heuchelheimer Mannschaft, an und für sich körperlich kräftiger, konnte auf dem glatten Rasen besser durchhalten, und es ließ sich eine Niederlage, die allerdings nicht so hoch hätte auszufallen brauchen, schlecht umgehen. Der Busecker Torhüter hatte dazu noch reichlich Pech, auch machte ihm der Boden aufs schwerste zu schaffen. Dadurch, daß der F. C. Er- satz, der sich nicht bewährte, einstellen mußte, war man auf den Punktverlust gefaßt. Das Spiel war in jeder Hinsicht fein und ließ sich reibungslos durchführen.
Die Jugend trennte sich unentschieden, nachdem sie sich ein ansprechendes Spiel lieferten.
Spielvereinigung 1926 Leihgestern.
Leihgestern 1. Jugend — Sportverein Rieder- Weisel 1. Jugend 12:0 (6:0).
Leihgestern 1. Schüler — Sp.-Vgg. 1900 Gießen 1. Schüler 5:1 (2:1).
Leihgesterns Jugend hatte am Sonntag die Jugend von Rieder-Weisel zum fälligen Pflichtspiel zu Gast. Die Platzmannschaft spielte in der ersten Halbzeit ständig überlegen, und es gelang ihr auch, bis zur Pause beit Torwart der Gäste sechsmal zu schlagen. Rach der Pause wurde die äleberlegenheit der Leihgefterner noch größer. Der Sturm schoß aus allen Lagen und brachte es bis Schluß des Spieles fertig, noch sechs Tore zu schießen. Rieder-Weisels Jugend [am an der Leihgefterner Hintermannschaft nicht vorbei.
Leihgesterns Schüler trugen aus eigenem Platze ein Freundschaftsspiel gegen die erste Schülermannschaft der Sp.-Vgg. 1900 Gießen aus. Die Platzmannschaft gewann das Spiel mit 5:1. Sp.-Vgg. 1900 Schüler traten allerdings nur mit neun Mann an.
B. f. K Lich.
Die erste Mannschaft weilte am Sonntag in Grünberg und konnte durch einen 3:1- Sieg (2:1) zwei weitere Punkte erringen. Dem Dtärkeverhältnis nach zu urteilen, hätte das Resultat höher ausfallen müssen, aber Grünberg verstand es, durch zahlreiche Verteidigung das obige Ergebnis zu halben.
Die zweite Mannschaft unterlag auf eigenem Platze den guten Leihgesternern mit 6:3 (3:2). Lich spielte erst mit 10 Mann und hatte Ersah. Das hohe Resultat ist auf viele Umstellung und schwache Stürmerleistung zurück- zuführen, dem Spielverlauf nach zu urteilen, wäre ein Unentschieden gerecht gewesen.
Sport am Polytechnikum Friedberg.
Das Hockey-Probefpiel gegen Tv. Sachsenhausen 185Z am vorigen Sonntag ermöglicht die Aus
hatte. Der Schluß des Briefes enthielt eine leise Drohung: „Bezugnehmend mif Ihren geschätzten Hinweis absoluter Diskretion erlaube ich mir die ergebene Anfrage, was nun geschehen soll. Es steht zu befürchten, daß besagter Dekepper die Angelegenheit der staatlichen Polizei mitteilt, die seinen Komplizen von damals (wegen eines andern nicht hierhergehörigen Delikts) schon in Händen hat. Da die Befürchtung naheliegt, daß die Hntersuchung dann in Ihnen unerwünschte Bahnen gelenkt wird, empfiehlt es sich, besagten D. mit einer Geldsumme zu versehen, um ihn von hier zu entfernen. Andernfalls wäre ich nicht in der Lage, Ihren Wünschen nachkommen zu können, ohne mein Institut, vorzüglich seinen Rus, zu schädigen. Ich sehe Ihren Anodnungen, insbesondere bezüglich des Grotteck, mit Vergnügen entgegen, und bemerke gleichzeitig, daß die bislang gelieferten Vorschüsse ausgeoraucht sind ..."
Blinsky war fertig. „Nun?" sagte er. „Bin ich nun gerechtfertigt?"
Der Sommersprossige überlegte einen Augenblick. „Wir wollen zu Maizow. Rue Legendre, nicht wahr?"
„Hnd was sagst du dazu?"
„Nichts, Brüderchen. Vergiß nicht, daß ich nur ein kleiner Vertrauensmann bin, der sich keine eigne Meinung leisten kann." Sein ironisches Lächeln gefiel Blinsky nicht.
Sie verließen gemeinsam das Hotel, fuhren durch die nächtliche Stadt, am Warenhaus Printemps vorüber, über den Bahnhofsplatz St. Lazare, bis sie in der Nähe des Alexandre-Dumas-Denkmals ausstiegen.
„Kennst du den Grafen von Monte Christo?" fragte der Sommersprossige. „Der Mann mit dem Schatz? Der da Hot ihn geschrieben. Ein fabelhafter Erzähler. Die Phantasie auf zwei dicken Männerbeinen." Er lachte gemütlich.
Der Kommissar Maizow wohnte in der kleinen russischen Pension. Er lag, noch wach, im Bett, beim Schein einer Nachttischlampe Broschüren und Zeitungen lesend. Auf der Bettdecke und dem Fußboden lagen ganze Stapel aufgetürmt.
Sein hageres, gelbliches Gesicht, das der schwarze Knebelbart noch verlängerte, lag wie eine Totenmaske auf dein Kissen. Es schoß ein wenig Farbe hinein, als Blinsky erzählte. „Her mit dem Brief!"
Blinsky reichte ihn, tief aufatmend, hin. Der Kommissar betrachtete aufmerksam den Hmschlag, dis Marke und den Stempel darauf, bis er iyn endlich, ohne eine Miene zu verziehen, las.
(Fortsetzung folgt.)


