Nr. 165 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für GberlMlü
8reitag, 13. Juli 1928
Das Pferd.
Ium 'Hext« und Fahrturnier am 14.n.l 5 Juli. Von Major a. D. Orees.
Alljährlich werden bei unS in Deutschland, inlonderheit im £au[< tes SommerS. in allen Gauen unseres Vater'.anteS pserdelport- liche Veranstaltungen aller Art abgehalten. Ds ist eine recht erfreuliche Erscheinung, daß gerade diese Veranstaltungen sich von Jahr zu Jahr eines zunehmenden Inter es es wc i re iter Kreise aller VevöllerungSschiHten erfreuen. Drc'c Erscheinung verdient Beachtung, denn man vergesse nicht, dah wir im .Zeitalter der Techm5 leben, also in einer Zeit, die in Riescnausmaßen den Maschinen von Tag zu Tag ein grohercS Arbeitsfeld erschließt. Wenn sich aUo trotz dieser Tatsache gerade der Pferdesport bei uns zur Zeit in hoher Blüte befindet und ollem Anschein nach weiterer Entwicklung fähig ist, so muh er auf gesunder Grundla-e beruhen, sonst wären ihm ja die Daseinsbedingungen heute entzogen Diese gesunde Grundlage beruht eben darauf, daß sich in fiarcr Erkenntnis der Zeiten olle an der Pferdezucht tntercfiierten Kreise in lobenswertem Mähe bestrebt zeigen, die heimische Pferdezucht durch emsige Arbeit zu heben und nur noch erstklassiges Material auf den Markt zu bringen.
Wenn vom Standpunkt des Pserdefreundes aus die Frage.PserdoderMotor" angeschnitten wird, so empfiehlt es sich bei den Erörterungen unbedingt, mit offenem Blick und ohne Scheuklappen durchs Leben zu gehen und die Derhält- nlsse fo zu nehmen wie sie sind: nur dann werden Enttäuschungen ousbleiben. Andererseits aber wird sich zeigen, dah auch noch eine ganze Reihe non Möglichkeiten vorliegt, uns das Pferd noch für lange Zeit nutzbringend im Wirtschaftsleben !u erhalten, und auch im modernen Heerwesen ot heute das brave Pferd noch keineswegs seine tolle ausgespielt.
Zunächst die Wirtschaft. Hier ist zu unterscheiden zwischen Stadt und Land, bei ersterer vor allem die Grohstadt. Es bedarf nicht vieler Worte. daS Leben zeigt es mit aller Deutlichkeit^ hier wird das Pferd sich wohl nicht mehr allzulange mit Erfolg dem Motor gegenüber te- bauptcn können. Die Grohstädte der Ausland- staaten, in denen die Wirtschaft nicht der Verarmung anheimgesallen wie die unserige, sprechen eine beredte Sprache, und auch bei uns nimmt die Verwendung der Kraftwagen von Tag zu Tag »u; die neu cinlaufenten Anmeldungen über die in Betrieb gestellten Kraftwagen sind ganz erheblich rind schwellen zusehends an. Ganz gewiß wird bereits in absehbarer Zeit der Zustand eintreten, dah tierischer Zug sich aus dem Fahrdamm der Grohstadt als Verkehrs störend erweist und nicht mehr geduldet werten kann. Es kommt hinzu, dah die andauernd wachsenden Ausdehnungen der Städte auch derartige Entfernungen zeitigen, dah diese nicht mehr in wirtschaftlicher Weise mit Pserdezug gemeistert werden können. Zeit ist Geld. Dieses Sprichwort trifft nirgends so den Aagel auf den Kopf, wie im Wirtschaftsleben. Es lieg! daher auf der Hand, dah die Schnelligkeit des Kraftzuges eine große Rolle spielt.
Run zum Land. Auch auf dem Lande hat der Kraftzug vielfach mit Erfolg feinen Einzug gehalten; es wäre töricht, dies bestreiten zu wollen. Anderseits aber ist nicht zu vergessen, daß bei uns im hochkultivierten und eng besiedelten Europa die Verhältnisse wieder erheblich anders liegen, alS in der neuen Welt. Die räumlichen Aus- dchnungSverhältnisse Amerikas lassen sich beim landwirtschaftlichen Betrieb in keiner Weise mit den räumlich viel begrenzteren Europas verreichen. Ausdehnung der Anbauflächen und ihre Snisernung vom Schtenenstrang sind drüben ganz erheblich größer als hier. Es ist daher selbstver- fiändlich, daß in Amerika zur Bewältigung der Arbeiten .Anbau" und .Abschub der Erzeugnisse" Sem Motor eine überragende Stelle zukommt; in der europäischen Landwirtschaft hingegen kann
Möwe im Sturm.
Vornan von Sophie Kloerp.
IZ. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
„3a. ein Sorgenfeuer, von meiner leichtsinnigen Schwester entzündet. Du wirst einmal sehr ver- ständig fein beim Ice, Elen. Mich ruhig mit — mit dem jungen Herrn reden lassen und ihn nicht gleich an deine Rette legen. Das kannst du später, wenn ich weih, was ich von ihm wissen will."
,T)H, ich werde mich benehmen wie ein Nönnchen. Sn der Büßerkutte. Und die Augen auf die Fußspitzen gefenft.“
vo empfing sie Heinz Godesheim wirklich in einem grauen Florklcidc, einen leichten, bläulichen Schal um den Hals gelegt, sehr anmutig, sehr zurückhaltend. Und lachte doch im stillen, wie seine lünfticraugen aujflarnmten bei ihrer Schönheit. Eine Frau von so vollendeter Vornehmheit und Anmut hatte seinen Weg noch nicht gekreuzt. Mit schneller Bewegung beugte er sich und zog ihre Hand an die Lippen, sic kaum berührend, und wie er sich wieder aufrichtete, war er bereits vollkommen Herr der ersten Ueberraschung.
Schau, schau, dachte die Fürstin. Er hat eine güe Kinderstube gehabt. Man sagt, daß es das unter den deutschen 'Bürgerfamilien geben soll. Die Daria kann mit diesem Verehrer immerhin gesehen «erben.
..Ich danke Ihnen aufrichtig, daß Sie mich gc- rufen haben," sagte Heinz Godesberg, als sie um fcn kleinen Teetisch saßen und das Zöschen die Tasten reichte. „Was befehlen Sie, daß Ihr erge- btner Diener tun und leisten soll?"
„Nur eine Kleinigkeit, aber für uns etwas Gro- Bis. Raten Sie uns, wohin wir den Sommer gehen sollen. Hier in München wollen wir nicht »eiben. Wir sehnen uns nach ein wenig Grün. ueQeidjt nach den Bergen, vielleicht nach einem ®ee, wo wir rudern können, segeln, auch einmal schwimmen. Gibt es so etwas hier in der Um- Jtgenb? Zu weit möchten wir nicht fort von Münzen. Was meinst du, Elen?"
„Ich bin im voraus mit allem einverstanden, was nr beschließen wirst. Sie glauben ja nicht, Herr Godesheim, wie ich unter dem Pantoffel meiner
Turnen, Sport und Spiel.
im großen ganzen die Arbeit noch hinreichend vom Ticr bewältigt werden, und unter verschiedenen Gesichtspunkten betrachtet, arbeitet das Tier hier rationeller. Anschaffung. Abnutzung. Verwertung der Rebenprodukte und Möglichkeit der Weiterveräußerung des Tieres nach Ablauf einer gewissen Dienstzeit, alle diese Punkte sprechen jedenfalls in viel acher Weife zugunsten des Pferdes in unseren landwirtschast- Üchen Betrieben. Die Beschasiungskoften können durch Selbstzucht oder Erwerb eines Jungtiere- erheblich vermindert werden. Der Motor dagegen, kostspielig in ter Beschaffung, entwertet von Tag zu Tag. Die llnterhaltungs- und Betriebsstoffe stellen sich für den Landmann wesentlich teuerer als das selbst angebaute Futter, zudem reduzieren sich die Futterkosten ganz erheblich durch Umwertung des Futters in das wichtige Rebenprodukt, den Dung.
Run zum Heer. Auch hier hat die so nach- halttg sich auswirkende Technik dem Pferd und seiner Verwendung wesentlichen Abbruch getan, gewiß zum Leidwesen vieler Soldaten der alten Schule. Das Pferd und die berittene Waffe geben ja dem Soldatenleben ihren besonderen Reiz. Wer wollte das leugnen? Immerhin braucht zur Zeit auch das Heer noch Pferde, und wenn die Ansprüche auch nicht mehr so groß sind als früher, so hat das auch sein Gutes, denn wenn die Wirtschaft nicht mehr über so zahlreiche Bestände an Pferden verfügt, kann auch das Heer nur noch verminderte Ansprüche stellen. Roch ist weder die
Reiterei, noch die bespannte Artillerie aus dem HeereSkvrper verschwunden, und auch der Rachschub kann in wegarmer Gegend die Psertc- kolonnen nicht entbehren. Also noch haben wir erfreulicherweise daS Pferd nach wie vor als treuen Kampfgenos en tes Soldaten, und damit ist auch daS rege Sporttnteresfe. daS für den Pferdesport in allen Heeren besteht, erklärlich und sprech tigt.
W»e diese Zeilen in Kürze darlegen. spielen also nach wie vor tes Pferd und die P'ertezucht ihre wesentliche Rolle im Wirtscha'tslebcn und Heergefüge ter Staaten, doch nicht mehr die gleiche Rolle wie in vergangenen Zeiten. Es wäre töricht, dies nicht rückhaltlos anzuerkennen. Rur Klarlegung ter tatsächlich bestehenden Verhältnisse ermöglicht allein, für die Pferdezucht die richtigen und Erfolg versprechenden Wege zu beschreiten. Hierbei stehen, wie bei jeder Gefchäfts- gebarung, zwei Momente im Vordergrund, einmal Regelung von Rachfrage und Angebot, also Verhütung ungesunder lleherproduktion. dann aber Herstellung hochwertiger Produkte. Für minderwertiges Psertematerial ist in Zukunft sicher keine Absatzmöglichkeit vorhanden.
Aus alle Fülle zeigen die Reit' und Fahr- t u r n i c r c zur Genüge, daß wir bei unserer heimischen Pferdezucht zur Zeit in richtigen Dahnen wandeln. Das allerorts gezeigt: Material und auch die sportlichen Leistungen lassen hierüber keinen Zweifel.
Deutsch, sportliche Ethik.
Von Dr. Geisow, Vorsitzendem des Deutschen Schwimmverbandes.
Das Stiftungsfest tes Gießener Schwimmvereins gab mir Gelegenheit zu einer eingehenden Betrachtung der treibenden Kräfte in unserer sportlichen Entwicklung. Ich folge gern der Aufforderung des „Gießener Anzeigers", einige Grundgedanken meiner auf dem Festkommers ter Schwimmer gehaltenen Ansprache schriftlich niederzulegen.
Die Welt sagt: Wir leben im Zeitalter des Sportes. Gewiß mag man eine Zeit, in ter überall in unserem Vaterland« Spielplätze, Schwimmbäder oder Stadions entstehen, „sportliches Zeitalter" nennen; aber wir bleiben an der Oberfläche hasten, wenn wir nur die äußere Erscheinung, die Betätigung der Jugend im Wettkampf in Luft, Licht und Wasser bet ratzten und nicht versuchen, auf gewisse geistige Kräfte zu dringen, die unsichtbar hinter ter Erscheinung wirken. Aeußerliche Erscheinungen drücken nie einem Zeitalter ihren Stempel auf, sondern nur Kräfte geistiger Art. So ist es bei den Zeitaltern der Stcnaiffancc, tes Humanismus oder der Raturwissenschaften gewesen.
ihn diese geistigen Kräfte zu fc&auen, müssen wir uns zunächst die Frage vorlegen: WaS ist eigentlich Sport? Gemeiniglich verstehen wir darunter eine Betätigung, bei der körperliche Kraft und Geschicklichkeit sich im Wettkampf zeigen, hie und da geht man weiter und fordert noch Höchstleistungen, Rekorde; aber, daß eS sich im Sport viel mehr um eine geistig- seelische Einstellung, als um das tot» perlichc Moment handelt, daß Sport eine be* stimmte Lebenshaltung, fast möchte ich tagen, Weltanschauung bedeutet, daran denkt man nur in den seltensten Fällen.
Wenn wir zunächst rein philologisch forschen, so finden ttxr, daß die Bezeichnung „Sport" sich von „disportare“ ab leitet. DaS heißt, eine Beschäftigung um ihrer selbst willen treiben. Also mag ter Briefmarkensammler ein philologisch verbürgtes Recht haben, seine Liebhaberei seinen .Sport" zu nennen, wenn auch ter Begriffsinhalt des Wortes, als es von England herüber in den deutschen Sprachschatz lam. sich wesentlich verändert hatte und körperliche "Betätigung im Wettkampf mit dem Ziel
einer Höchstleistung bedeutete. Tiber immerhin hat der Briefmarkensammler ein weit größeres Recht von feinem .Sport" zu roten, als ter Berufsboxer und ter Eechs-Tage-Radfahrer, ter für feine körperliche Leistung vor den Augen ter sensationslüsternen Menge sein Geld einsteckt. Bei diesen fehlt das wesentliche Moment tes Sportbegriffes, daß die Betätigung um ihrer selbst willen geschieht. Ein Berufssport ist eine Unmöglichkeit. Es gibt nur ein De- rufsathletentum, ter Sport setzt immer den Ama teurbegrif f voraus. Wie sehr ist es doch zu wünschen, daß unsere Tageszeitungen einen dicken Trennungsstrich zwischen diese beiden durch Welten getrennte Begriffe Sport und Beruf sathletetttum machtenI Welche Begriffsverwirrung entsteht, wenn nebeneinander etwa von den Meisterschaf tSkämpsen des Deutschen DchwimmverbandeS und von dem Knock-out-Sieg eineS Berufsboxers Im .Sportteil" berichtet Wirch! (Der .Gieß. Anz." hat diese .Scheidung ter Geister" schon von jeber grundsätzlich durchgeführt. Die Red.)
Jeter Professionalismus, auch ter verkappte, den wir heute leider vielfach beobachten, sind mit dem Sportbeariff unvereinbar. Im Amateurgedanken ist ter Sport eins mit der ihm verwandten Turnerei.
Aber wesentliche Merkmale unterscheiden den Sport vom Turnen. Während sich die Tumerei an die Massen des Volkes wendet imZ> bestrebt ist, eine möglichst hochstehende Durchschnittsleistung zu erzielen, hat sich ter Sport, als wir ihn vom Oludtante übernahmen, an den Einzelmenschen gewandt und war bestrebt, den einzelnen zur Höchstleistung zu führen. Das war gerate das Reue, was das Ausland hatte, und was die prächtige teutfebe Tumerei Jahns noch nicht kannte! Der Rekordgedanke.
Dieser zog bei uns ein nach englischem Vorbild. und zunächst „betrieben“ wir unteren Sport nach ausländischem Muster. Hier ging es uns aber, wie wir es in unserer Physiologie täglich erleben: Jede vom Körper aufgenommene Rah- rung muh von unserem Detchauungsapparat in ihre Bestandteile zerlegt, Brauchbares assimiliert unb älnbrauchbares ausgeschieden werten;
Schwester stehe. Sie weiß ihn so glänzend zu regieren, daß man vollkommen willenlos ist."
„Glücklich der, der unter solchem Pantöffelchen leben darf," sagte der galante Heinz. Und meinte, was er sagte.
Sie einigten sich auf Leoni am Starnberger See. Weit genug von der Stadt, um Natur zu gewähren, nah genug, um jederzeit hineinkommen zu können.
Als er ging — man nötigte ihn nicht zum Bleiben, es ging alles sehr korrekt zu —, sagte Elena lächelnd: „Und wenn Ihre Arbeit Sie nicht allzusehr in Anspruch nimmt, werden zwei schutzlose Frauen immer gern bereit sein. Sie zu empfangen und Ihren Rat zu hören. Ich fürchte, es wird da in dem Ort — wie hieß er noch? — Leoni etwas langweilig werden."
Nach den letzten Worten hatte er kein Recht, sich sonderlich ausgezeichnet zu sichten durch diese Auf- forberung.
Maria mar selig in dem stillen Ort am See, der um diese Zeit noch nicht von Reisenden über- schwemmt war. Elena langweilte sich. Am vierten Tage bereits schrieb sie Godesheim eine Starte, daß sie dringend eines Rates bedürfe in bezug auf einen Ausflug in die Berge, von dem sie sich alles erdenkliche Unterhaltende versprach. Als sie aber bann mit ihm unb Maria auf den Wendelstein gefahren war, legte sie sich drei Tage auf der Pen- stonsoeranda in den Schaukelstuhl und behauptete, ihre Nerven seien vollkommen zerstört von der wahnsinnigen Fahrt mit der Drahtseilbahn. Sie stürze immer kopfüber in irgendeinen greulichen Abgrund, sobald sie nur die Augen schlösse. Und von den Bergen habe sie ein für allemal genug. Da machte es sich so allmählich von selber, daß Maria alle acht bis vierzehn Tage einmal zusammen mit Godesheim eine Wanderung in die Umgegend machte, während Elena daheim in französischen Romanen schmökerte.
Auf diesen Wanderungen ober Rudervartien waren sie zwei siohe Kameraden. Sowie aber die Wände der Pension wieder um sie waren, kam eine gewisse Steifheit zurück, die keiner überwinden konnte.
Maria wurde durch Elenas leise spottende Blicke in Schranken gehalten, der Mann sah den Dander-
gefährten plötzlich zurückoerwandett in die vornehme Frau, von der er, trotz so vieler zusammen verlebter Stunden, im Grunde immer noch wenig genug wußte. Mitten im vertraulichen Geplauder entschlüpften ihr Worte, die sie plötzlich verstummen ließen, als hätten sie zuviel von sich verraten. Und er sagte sich, wenn sie von ihrer Kindheit unb ersten Jugend sprach daß da Lebensgewohnheiten geherrscht haben mußten, die sich mit dem einfachen österreichischen Adel kaum vereinbaren ließen. Doch als der zurückhaltende Hamburger, der er war, gestattete er sich nicht eine Frage.
,Hch halte es nicht lange mehr hier aus," sagte Elena endlich einmal. „Dies Leben hier — morgens Kaffee mit Butter und Marmelade, und mittags falscher Hase ober ein junges Hähndel, unb abenbs Rührei und Salat — und als einzige Unterhaltung die loggenburgerei deines Verehrers — ich würde chm fo gern einmal etwas einheizen, wenn es dich nicht kranken würbe — Also, ich habe an Fredi Hochheim geschrieben, wenn Sergei mich hier nicht bald erlöste, stürzte ich mich in den See ober in bas Leben. Wie lange ist man denn noch jung?"
„So herrlich ist es hier. Unb wie jung und frisch du aussiehst, Elen."
„Damit fängst du mich nicht. Drei Zentimeter bin ich stärker geworden in der Taille. Mit dem Dick- roerben fängt bas Alter an. Wir müssen mal etwas Neues vornehmen, liebes Kind."
„Neues? Wenn bu etwas Neues roiUft, ist es immer ein Angriff auf unsere Kasse. Wir oerbrau- chen schrecklich viel Geld, Elen."
„Also bas ewige Lied mußt du singen, wenn du allein bist. Ich bekomm' ja nichts mehr von dir in die Hände. Nicht mal das Dutzend Seidenstrümpfe wolltest du bezahlen. Geh, sei still. — Ach, wenn ich denke, wie früher die Rubel gar nicht gezählt wurden. Ob es hundert waren ober tausend oder zehntausend — dazu war der Haushofmeister da. Das Leben ist widerlich." Sie fing an zu meinen. Schluckte ein paarmal in die Kissen, hob den Kopf wieder und lauschte auf. Eine sehr lebhafte und resolute Stimme fragte draußen: „Wo finde ich denn die Damen9 Kind, red doch nicht solche entsetzliche Sprache. Euren Dialekt versteht ja kein
so bauen wir au# artfremden Stoff Arteigenes. unseren Organismus. auf. Der sportliche Gedanke wäre tot und unfruchtbar geblieben, wenn wir es nicht nerftunten Hütten, das was wir vom Ausland gelernt haben, deutscher Wesensart anzupassen, und heute ist ter Sport in unserem Vater,ante im Begriff, eine ganz bestimmte deutsche Rote zu erhalten, die daS Ausland sich nicht erarbeitet hat. 3n meinem Buche .Deutscher Sportgeist' «Verlag Dieck L (So.. Stuttgarts habe ich versucht, dieser Wandlung tes Sportbegrisses auf deutschem Boden bis in alle Einzelerscheinungen nachzugehen. Hier seien nur kurz die wesentlichen ÖHomente herrvrgehoten.
Der Amerikaner baut Wolkenkratzer, ter Deutsche legt solide Fundamente. So träte eS u n- deutsch, wenn wir im Sport nur das Züchten von .Kanonen" sehen wollten, die Gipfelleistungen voUbringen können. AlS mir vor einigen Jahren gelegentlich eines Schwimm- wetlkampses für ein Stromstafselschwimmen eine Ehrengabe ton einer deutschen Großstadt mit dem Aus trag übergeben war. sie „dem besten Verein" zu überreichen, habe ich diese Auszeichnung ter Mannschaft überreicht, die alS Leyte durchs Ziel gegangen war. Die# geschah unter lebhaftem Beifall einer tausendköpsigen Menge. Die so ausgezeichnete Mannschaft hatte in ihrer Heimat keine Trainingsgelegenheit,und war i-.i- tig in ein Rennen gegangen, Vas ihr keine Aussichten bot: aber jeder Kämpfer hatte seine letzten Kräfte aufgeboten. AIS man empfand, daß nicht ter „her Best e" ist, ter mühelos durch überlegene Kraft den Sieg nach Hause trägt, sondern der, ter auch im aussichtslosen Kampfe seine äußersten Kräst anspannt, da schien mir der Sportgedanke einen ganz besonderen deutschen Sinn zu bekommen, einen subjektiven Sinn. Es heißt nicht .leiste daS Beste", sondern: .Gib Dein Bestes her!"
And in dieser Forderung liegt eine tiefe Ethik für unsere Zeit, die. von der Maschine beherrscht, eine starke Diskrepanz zwischen den Rlenschen und seine Arbeit gebracht hat. Die deutsch- sportliche Ethik, ins Leben übertragen, kann uns die Synthese von Mensch und Arbeit bringen. Zu Hans Sachs gehören Poesie und Schusterhandwertzeug. Ihm war sein Schusterberuf leine mit Unlust verbundene Beschäftigung. um Geld zu verdienen, was ter bürgerliche T-cruf beute ja leider so vielen bedeutet. Mensch und Arbeit gehörten zusammen. Aus ter Sportbahn ist unS diese Synthese möglich. Der Mensch, auf sein Können angewiesen, vollzieht sie durch seinen Willen und seine Kraft. Er vollbringt die besttnögliche persönliche Leistung. Run soll der Sports mann aber auch das auf der Kampfbahn, die ihm ja nur ein Symbol teS Lebens ist, Erlernte in das Leben selb st übertragen. Jede TageSarbeit soll sich unter seinen Händen zu einer persönlichen Höchstleistung gestalten. So tt/irbt er sich den Alltag zum Freunde, so wird auch die kleinste, unscheinbartbe Tätigkeit geweiht und geheiligt, weil ter Mensch, das göttliche Ebenbild, sie vollbringt. Sv führt unS ter Sport, wenn wir ihn nicht „treiben", sondern „ leben" zur höchsten Menschenwürde, und fast könnten wir von einer Religion des Sportes sprechen.
11 nö noch etwas können wir, wenn wir tief greifen, tom Sportgedanken lernen: Auch ter vollendetste Mensch ist wertlos, wenn fein Können nicht der Gemeinschaft frommt. Der soziale Gedanke ist mit der PersönlichleitS- itee nirgends so wunderbar verwoben als im Sport. Am Start stehen in einer Front ter Sohn des Geheimrats und ter Arbeitersohn, und von dieser nivellierenden BasiS aus soll jeder seine individuelle Höch st le ist ung erreichen, und den testen Ausdruck findet der Gemeinschaftsgedanke in den Mannschaftskämpfen, die wir in Deutschland bewußt höher bewerten als jedes Einzelrennen, und sei es eine Mei-
„Maria — hast du gehört? Das ist Ihre Hoheit Frau Schulze. Die Stimme kenne ich, bic vergißt sich nicht."
„Wer? — Die Tante Margarethe Elisabeth?"
„Genau die. Ah," sie kam schnell aus dem Schaukelstuhl in die Höhe. „Endlich ein Besuch, der Freude bringt," und mit tiefem Gruß — es lag ein wenig Spott in ihm, sie spottete doch immer zu gerne — neigte sie sich vor einer kaum mittelgroßen, ziemlich starken Dame, die mit schnellen Bewegungen die Treppe heraufkam.
„Gott sei Dank," sagte die Dame. „Wie ich her' umgefragt habe nach euch! Großfürstin Wlabimiro- witsch? Was die Leut' für Augen machten! Kein Mensch kannte die. Herzogin von Alcheim? — Nicht zu sagen. Solche Herrschaften waren nimmer in Leoni eingekehrt. Bis ich dran denke, daß mir der Fred! geschrieben hat, ihr lebt hier inkognito. Da ging es endlich." Sie hatte Elena, währcich sie sprach, die Wange getätschelt, jetzt stand sie vor Maria, sah an ihr in die Höhe und meinte: „Die Haare sind's, die Augen sind's auch, hast du beides von deiner Mutter, ober in der Figur bist du beinern Vater nachgewachsen. Wie eine Tanne. Weißt bu, wer ich bin?"
„O boch. Ich war bei Elenas Hochzeit boch schon zehn Jahre alt. Ich habe Sie nicht vergessen, Tante Margarethe."
„Sieh, bas ist nett. Anbere Leute vergessen mich jetzt zum Teil sehr gern. Mein Gott, wenn man einen Mann heiratet, ber ganz einfach Schulze heißt — furchtbar. — Ich meine furchtbar für bie anbem. Mir gefällt mein Leben jetzt sehr viel besser als früher. — Ja, wißt ihr, warum ich komme?"
„Vermutlich, weil ber Frebi Hochheim dir geschrieben hat. Das hat denn ber angegeben?"
„Erst einmal saß er roieber tief brin in ber Tinte. Das ist ja meist fein Fall. Unb wollte Hilfe. Aber in biefem Punkt — Ich habe Herrn Schulze nicht geheiratet, bamii leichtsinnige Prinzen sein Gelb verspielen. Darin bin ich ganz kaltschnäuzig. Ja, wirklich. — Kinder, eure Pension liegt hier entzückend, aber dieser Dust von Bratklops — habt ihr den immer?"
„Manchmal riecht es auch nach Essig ober angebrannter Milch. Die Küche ist unter der Veranda." (Fortsetzung folgt.) ,


