Eü.163 Zweiter Blaff
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)
Zreitag, 13. Zull 1928
Kanada —
eine neue Wirischastsmacht.
Ion Professor Dr. Hermann Levy.
* licat nahe. Aufstieg und Zukunft Kanada« der ®nttoidlung derDereinigtenStaa- i zu vergleichen, welche heute schon ihr eigent- jt einvgee. wirklich bedeutsames Nachbarland.
vieler Hinsicht beneiden und eine immer le re Verbindung mit demselben suchen. Allein, pc solche Parallele wird von den vorsichtigen rlschasiSwissenschaftlichen Beobachtern a b g e - hn t werden. Es ift gewiß erstaunlich, was r^da — mit seinen nur 9 Millionen ®in- tehnern — in kurzer Zeit au« sich ..gemacht" It. aber gerade schon in dieser Bevölkcrungs- cr liegt immer wieder ein Moment, welches Zukunst dieses Neulande« an ein relativ igfame« Tempo, besonders in industrieller Be- hing, bindet: dazu kommt, daß der Legen, 'chen die Natur über Kanada gebreitet hat.
in vieler Hinsicht dem der Verewigten । cf en gleicht, daß aber andererseits in mancher i sicht schon heute da« Nicht-Dorhandensein larlicher amer.kanischer Reichtümer aussällt. 'i Beispiel wird wohl Kanada niemals hber : Baumwolllulturen und die Erdölfelder der I »n und MelikoS verfügen, und die beson- ' - Schwierigkeiten der Derkehrsentwicklung : icn auch den sonstigen Fortschritten ..ameri- i scher ' Art noch große Hemmungen in den ■w vorausgeschickt, um Ziffern, die un- lts rgt erstaunlich wirken, von vornherein im tqen Licht erscheinen zu lassen. Diese Ziffern b unlängst von sachverstäirdiger kanadischer re. nämlich von Mr. James Malcolm, dem irischen Handelsminister, der Oessentlichkeii 'geben worden, und man kann Wohl sagen. ' ie. ohne Kommentar, ihre Sprache sprechen, t 20 Jahren hatte Kanada Hendclsbeztehun- nrt 65 Ländern entwickelt: heute sind diese l 110 ongewachfen. Die Ausfuhr Kanadas f :ilfl damals 263 Millionen Dollars im Jahre: ; i c beträgt sie 1250 Millionen, was einem Zu- : ♦ von 374 Prozent gleichkommt. Bor 20Jah- I bestand diese Ausfuhr fast nur aus Roh- 1 fJen und Nahrungsmitteln, heute s fi sich bereits in überwiegendem Maße aus I « bverarbeiteten Waren und Fer - I «waren zusammen. Hierbei ist freilich zu F* cnken. daß. ganz ähnlich wie bei dem Fabrtkat- rÄ'-t der Bereinigten Staaten von Amerika.
Fabrikate sich in erster Linie aus Waren ^•x’n. für deren Erzeugung bestimmte hei - aj'che Rohstoffe mit quasi monopoli- ti tem Eharakter die Grundlage sind, nicht bei denen die gelernte Arbeit das wesent- Kostenelement bildet, ein Umstand, der «Äd bei Betrachtung der amerikanischen Waren- 6» rhr häufig übersehen wird. Es ist natürlich M Ausfuhr der kalifornischen Obst-Konscrvcn- i? irie ai« „Fabrikaf'-Ausfuhr Weltwirtschaft- I g-sehen etwa« garcz anderes wie etwa die ‘ ihr europäischer Wirkwaren: dort ist eS das ge Obst, welches die Dasi« für ein ..Fabrikat" rt welches eigentlich noch halber Rohstoff )>rt handelt e« sich um ein wirkliches ..Fertig- 'ot". das seine Stellung auf dem Weltmarkt t besondere Arbeitsleistung, verfeinerte Tech- -r». erobert hat und erhalten muß. Die ..Fa- ck'-Ausfuhr Kanadas erstreckt sich keineswegs Lrzeugnisse einer verfeinerten Arbeitstechnik, k'tn in erster Linie auf die Nahrungs- tbelindustrie. die Zellulose- und e rerzeugung, die Ausfuhr von 13 ze nmehl usw. Man würde fehlgehen. Sman Kanada für die nächste Zeit als ’ neuen Wettbewerber auf dem Markte hoch- ■ Qer Erzeugnisse, etwa der Tertilindustrie. äÜ Stahlindustrie, der chemischen Industrie usw., 1>en wollte.
? enorm rasch sich steigernde Reichtum Kana- ourzelt ersten« in der Landwirtschaft, en« in seiner Mineralerzeugung. t« in feinen Wäldern, für deren Er- >vse die neueste aller Großindustrien, die Tseidenindustrie. als großer und I-t Abnehmer seit etwa 20 Jahren hinzu - n-ncn ist. Der Wert der agrarischen Erzeug- lat sich m den letzten fünf Jahren rapide
Tanz und Theater.
Nach dem Essener Tanzkongreß von Or. Johanne« Günther.
•f ist ja eigentlich merkwürdig, daß man 33t; und Theater erst in Beziehung setzt. Sie g0r<n ja uranfänglich zusammen. Aber — wie '«Ift - - auch hier ist der Ursprung allmählich gMji verwischt, und man muß die Beziehungen nitif t suchen und mit taktvollem Eifer neu auf- bfOn. Fragen wir die Afrikareisenden. Sie WMrR uns erzählen, wie bei den Negern Freude aagtei Dermummung. Gespensterangleichung und 18» seelischer Wachpeitschung sich im Tanz aus- biett und vollende. Spüren wir in der Schau- fiel khinas und JapairS herum. Die legendär- roM -»-tchen Spiele sind beweguirgsgebunden und 'irr -7 gerade in dieser formelhaften und doch 'io«£ft>ten Sraktheit Oder haben wir cunmal
Alück. javanische Tänzer zu sehen? Dai'n Mwi wir ein für allemal die Gewißheit, daß Künste ineinander passen, ja. daß hx ihrer litten Reise die eine ohne die andere gar euslommcn kann. Jede Wendung des Ge- iMi jede Zirkelung dec Finger, jedes Schieu- 'rTj vder Fächeln der Schlepptücher ist ein ^Älterer lieblicher Ausdruck, ein Wort der kW?gungssprache. Der Fluh der Bewegungen hN *' t Qluge gefällig komponiert und doch auch 'JW kerstande wichtig. Zustandsempfindüng uxrd fließen in eins. Tanz und Theater?
Dcr wir taffen uns von den Erforschern der > n! v-belehren. Die Freude an der Wiedergabe V1 Geschehens wird in tänzerischer Fassung W-fteilt Die Volkstänze erzählen, durch die S««graphie der Gruppen und die Einzel - j?ngen der Tänze vom Mahlen der Mühle, -^'Itern des Weins, vom Weiden des Viehs, mi 5ampf, von den Erlebnissen des Gottes. >itt rxatcr selbst trat der Tanz in dienende - t?ic ja auch die zurückhaltende
mAxiche Musik —: als Begleitung des Chors Schauspielers, der aber auch nur daraus ihm der Dramenkompvnist eine "i2rschafrliche Rollenpartie zudichtete, bei der rvvschrtwll hcraxxsgehen" konnte, und. dem
Vlastempfinden entsprechend, doch die
gesteigert, und zwar ganz besonders bei der Viehzucht, deren Erzeugung im Jahre 1922 ca. 77 Millionen Dollar, dagegen 1927 über 183 Millionen Dollar ausmachte eine Steigerung von 137 Prozent in fünf Jahren. Im Jahre 1927 batte der kanadische Farmer zum dritten Male eine hervorragende Ernte. Man hat geschätzt, daß in den Jahren 1925. 1926 und 1927 der Wert der kanadischen Feldfruchternten nicht weniger alS dreiundeinhalb Billionen Dollar betragen batl Dabei verdient besondere Beachtung, daß nach den Angaben des Landwirtschafts- minifterS W. R. Motherwell das Farmeinkommen in Kanada ergiebiger ist als in der Union. Ss beträgt in Kanada 25 Dollar per Acre (ein Acre gleich 0.45 Hektar), in den Bereinigten Staaten nur 24 Dollar, wobei diesen Berechnungen sogar noch bessere Bodengualitäten und intensivere Wirtschaft als in der Union zugrunde gelegt find. Diese an sich vielleicht zunächst gar nicht so sensationell scheinende Tatsache. hat eine grundlegende Bedeutung, wenn man sich ein Dill) von der zukünftigen Agrarwirtschaft beider Länder und ihrer kommenden Wettbewerbslage macht. Mit Recht schreibt der Landwirtschaftsminister Motherwell im Manchester Guardian Commercial vom 28. Juni, daß auf Grund dieser unb ähnlicher Berechnungen festzustellen sei, daß es dem kanadischen Farmer besser gehe als dem amerikanischen, der bekanntlich seit längerer Zeit über Notlage klagt. Wesentlich beigetragen hat zu diesem Wohl- befinden des kanadischen FarmerS die Bildung des sogenannten Weizen- Pools, das heißt einer Art von Syndizierung des Weizenverkaufs unter gleichzeitiger Beeinflussung der Preisbildung. Dieses Poolsystem - zuerst eingeführt in der Provinz Alberta von einem amerikanischen Experten — bezweckt, die Preissluktuationen unmittelbar nach der Ernte und Schleuderverkäufe in Weizen zu verhindern, ähnlich wie es in der Union durch die Elevators (Lagerhäuser) und das Warrantfystem durchgesührt worden ist. Wie man auch über die Pools volkswirtschaftlich urteilen möge — auch hier wird man der Monopolorganisation innerhalb nicht übertriebener Grenzen ihr Recht zuoilligen müssen —. so hat jedenfalls der kanadifche donner durch den Zusammenschluß Vorteile gehabt und seine Einnahmen steigern können.
Der Wert der kanadischen Mineralerzeugung hat sich seit 15 Jahren verdoppelt und beträgt jetzt 250 Millionen Dollars im Jahre. Gold, Blei. Kupfer. Nickel, Silber und Zink folgen einander an Bedeutung. Dazu kommen die nichtmetallischen Mineralien, vor allem Kohle. (Srben und Asbest. Für die außerordentliche
Wertfteigeruna. welche die Ausnützung der kanadischen Holllchähe mit sich bringt — besonders ba die Amerikaner die ihrigen in erreichbarer Nähe durch Raubbau zerßört haben - sprechen bie Ausfuhrzifsern von Sulphitzellulose Im Jahre 1922 führte hiervon Kanada ca. 151000 6hort Tons au«, dagegen im Jahre 1927 bereit« 237 000 Short Tons.
Es wird sich in den nächsten Jahren und Jahrzehnten darum handeln, ob Kanada die iom von Natur gegebenen Güter volkswirtschaftlich au Höchstleistungen weiterentwickeln kann Hier kommt es immer mehr und immer wesentlicher auf die Wirtschaftspolitik an. Der erste Ansturm auf die Entfaltung natürlicher Güler ist stets relativ leicht, erst wenn die Organisations- Probleme und die Fragen sich widerstreitender Wirtsd-aftsinterefsen in Erscheinung treten, teigen sich die Konflikte und die nötigen Entscheidungen. Dor allem wird es sich fragen, ob Kanada die engherzige Einwanderungspolitik seines amerikanischen Nachbarn aus chauvinistischen Gründen mitmachen wird, oder ob es in Erkenntnis der Notwendigkeit einer rasch wachsenden Bevölkerung eine freudige und ermunternde Jmi- grationspolitik treiben wird. Dann wiederum fragt es sich, ob Kanadas Staatsmänner ihre Energie auf die Weiterbildung der bereits bestehenden Gewerbe konzentrieren werben oder ob sie sich dazu verleiten lassen, durch besondere Zollabsperrungen immer neue kostspielige Industrien in« Leben zu rufen, nur um nach außen bin dem Lande den Schein allgemeiner Selbstversorgung zu geben. Man ist z. D. in Kanada sehr stolz, daß man die ©ummiinbuftric geschaffen hat. obschon man selbstverständlich den Rohstoff importieren muß. Man könnte meinen, daß Kanada vielleicht besser täte, zu erstreben, seinen Absatz in solchen Erzeugnissen im Auslande zu steigern, in welchen es dank seines billigen Rohmaterials besonders niedrige Erzeugunskosten hat und dem Auslande dann Gelegenheit zu geben, diese Waren mit den ihm besonders nahestehenden Fabrikaten zu bezahlen. Auch wir in Deutschland werden die kommerzielle Weiterentwicklung Kanadas mit besonderem Interesse verfolgen. Denn wir standen im Jahre 1926'27 bezüglich der kanadischen Einfuhr an vierter Stelle, wenn uns auch Kanada nur für 15 Millionen Dollars Waren abkaufte. Als Kunden Kanadas standen wir freilich an dritter Steile in dessen Ausfuhr, gleich hinter den 11621. unb England. Diese beiden Lander freilich haben nach wie vor aus begreiflichen Ursachen den Löwenanteil an der Kundschaft dieser neuen großen Wirtschaftsmacht.
Der deutsch-ungarische Handelsvertrag.
Wirtschaftliche Zusammenarbeit — nicht ^.mitteleuropäische" Utopie!
Don Professor Or. Max Hermann, königlich ungarischem.Handelsminister.
Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.
Schon gegen Ende des vergangenen Jahres wurden zwischen den zuständigen deutschen und ungarischen Stellen Wunschlisten ausgetauscht, die sich auf die beiderseitig angestrebten handelspolitischen Erleichterungen bezogen, die ein deutsch- ungariicher Handelsverirag bringen müßte. Leider sind wir damals über die erste Fühlungnahme nicht hinauSgekommen. Immer noch besteht zwischen den Wirtfchastskörpern des Deutschen Reiches und Ungarn« feine geregelte Beziehung. Sämtliche Staaten Mitteleuropas. vor allem aber Deutschland, übrigens auch wir. waren in der letzten Zeit mit den verschiedensten Handelsvertragsverhandlungen überlastet. Jetzt erst ist so weit Ordnung in das bisher herrschende handelspolitische Chaos Mitteleuropas gekommen, daß wir an die endgültige Regelung unterer Wirtschaftsbeziehungen schreiten können und hier natürlich vor allem mit dem Deutschen Reich zu einem Liebe reinkommen zu gelangen hoffen, nachdem unsere Handelsbeziehungen zu Oesterreich durch die bekannten Abmachungen neu geregelt sind.
Für den Frühherbst ist der Begiim der Han« delsvertragsverhanblungen mit Deutschland in
Aussicht genommen. Da Schwierigkeiten gegen den Vertragsabschluß in Deutschland hauptsächlich in agrarischen Kreisen auftauchen können, liegt mir besonders viel daran, mich mit den Vertretern der deutschen Landwirtschaft auSsprechen zu können. Wir sind uns der Nöte, mit denen diese zu kämpfen hat, durchaus bewußt. Wir wissen aber ebenso, daß unsere handelspolitischen Forderungen keineswegs geeignet sind, diese Nöte noch weiter zu verschärfen. Sie alle zielen nicht darauf ab, Deutschlands Einfuhr an Agrarprodulten zu steigern. Wir wollen nichts anderes, als in denjenigen agrarischen Artikeln — wobei hauptsächlich Schlachtvieh in Frage kommt — die ohnehin in Deutschland eingefübrt werden, zur freien Konkurrenz zugelassen zu werden. Deutschland führt sein Schlachwieh aus den verschiedensten Nachbarstaaten ein. Nur der ungarische Import wird infolge einer für uns unerträglichen Handhabung der veter>närvvlizeilichen Vorschriften lahmgelegt. Linser hauptsächlichster Wunsch ist nun. daß diese Vorschriften in einer Weise gehandhabt werden, die Ungarn nicht von vornherein von jeder Konkurrenz au«» schalten. Die ungarische Handelsbilanz ist be-
Schränkung durch den Tanz suchte. Das Erotische trat in den griechischen Völls- unb Theatertänzen verschwindend zurück, in den Rausch-Kulttänzen war es natürlich vorhanden: es wuchs an Bedeutung und Beliebtheit in der Zeit des Verfalls an. es entheiligte heilige Zeichen, es wurde eine Abwechslungs-Piece des Varietes, eine Nummer der Mimen, wo sie sich in harmloserer Form, den Elericis zum Schabernack, sogar in die Ministerien einschlängellr. Die« ein Rest des Tanzes im Theater nüchterner Böller. Im welschen Süden aber ist der Tanz das Theater. Cs gibt kein anderes Schauwerk. 2Tber es hat auch seine besonders überwältigende Art Zu Festen der Kirche, der Obrigkeit und der Gesellschaft sind riesige Umzüge beliebt. Die Massen werden choreographisch kommandiert. Es sind bombastische Exerzierreigen unb Prozessionen mit vielfältiger Kostümierung: unb bekommen doch vom vollhaften Mummenschanztrubel. der sich in der „commedia dell’arte“ bald seiner Kräfte bewußt wird, stets frisches Blut. 2lls man das Schaugepräge in geschlossene Theater verseht, wird der Blick von der Massenfigur mehr auf die Kunstfertigkeit des einzelnen gelenkt. Der Schautänzer wird auf wirkungssichere Stellungen und Bewegungen. Läufe, Sprünge und Schlin- gungen gedrillt. 3m Fest der Sinne eint sich bas Geschaute mit dem Gehörten. Eingefpiel-, Oper- und Tanzspiel-Dallett machen gemeinschaftliche Sache, überschwemmen die zivilisierte Welt, verschönen noch bas schon prachtstrotzerrde Leben der Fsirsten. werden sogar von den Jesuiten als Versteck für ihre Bekehrungen gebraucht. Die Wanderschmieren notdürftigen literarischen Charakters suchen dagegen aufzukommen, sie meinen, <br geringes Publikum durch lustiges Beiprogramm, durch Tanzeinlagen. also durch Intermezzi, „Vorspiele^ und „Nachspiele" vor Verstimmung zu bewahren. Es glückt natürlich nicht.
Aber da raffen sich die kleinen Bühnen auf und bauen ihre Eigentümlichkeit aus. setzen sich die Aufgabe, abseits vom Gepränge, die Dichtkunst dienend zu pflegen. Da im 18. Jahrhundert ist, z. B. wenigstens für Deutschland, bie Scheidung zwischen Tanz unb Theater -wllzogen. Das Ballett allerdings erfährt — durch Noverre — seine Reformation, öffnet sich, bem Drang der
Zeit entsprechend, der Eharakteristik. Aber bie Kluft ist und bleibt ba. Als um die Wende des Jahrhunderts Goethe bie in ihrer Hatürlidtfeit allzu toilb rankenden Schauspieler maßregelte, wandte er, mit Jffkanb, dem französischen Marrn- Heimer sympatisierend. wieder den Dellamations- und Posenbrill an. bessen Ergebnisse, wie noch erhaltene Regiebilder zeigen, mitunter auch tänzerische Pantomimenszenen jener Zeit sein könnten. Das notwendig mißverstandene Weimarer- tum. welches nun das ganze 19. Jahrhundert beherrscht, ist in seinen hohlen, breiten und gezierten Bewegungen ballettverwandt: aber es ist nicht die urspiüngliche Einheit von Tanz unb Theater, sondern es ist bie Todesstarrheit —: in Frankre'.ch noch musikalisch umsalbt. in Deutsch- lanb von Schauspielern wie SehdelmaTM. tote Lewinsky, von Spielleitern wie Laube und besonders Dingelstedt gelegentlich ins Leben zurückgerufen.
Die wenn auch innerlich unwahre Ballettverwandtschaft erhält einen neuen Bruch (um die Wende zum 20. Jahrhundert) durch die Ausbildung des Bühnen-Naturalismus. Aber während dieser wächst und sich in sich selber zermürbt. wird der Tanz als Echtheit, wohl aus längst verschüttetem Ursprung, von nguem geboren. Aber er wendet sich in scharfer Feindschaft gegen bas Ballett. tt>cil es Dressur, Artistik, -Unnatur fei, weil es keinen geistigen Gehalt trage und weil seine schnell erschöpfte Grammatik keinen Ausdrucksreichtum biete — während der „Olenc Tanz" (wie das Schlagwort lautet), aus der natürlichen Bewegung erwachse und unermeßlich sei in dem Seelischen, was es symbolisiere. Der „Treue“ Tänzer hat auch einen Haß gegen das Theater. Sobald dies Wort genannt wird, wittert er Ballett (wegen der alten Verbindung in Oper und Pantomime): zudem gilt ihm Theater darum als Minderkunst. weil der Schauspieler Fremdes vorstelle, sich also verstelle und weil bie Schaubühne Wirklichkeit vortäusche, also betrüge — während der Tänzer eigenes augenblickliches Gefühl ehrlich darbiete. Es war bezeichnend, daß auf dem zweiten Deutschen Tänzerkongreh, der jetzt in Essen stattsand, der Zwiespalt zwischen Tänzer und Schauspieler erdrückend auf den Reden lastete, die sich mit
kannllich stark passiv. Siner andauernden leichten Steigerung des Imports steht ein ebenso dauernder schwerer Rückgang de« Erport« gegenüber. Noch immer ’tnb 80 Prozent unserer Öu ortartikl landwirtfchallliche Produkte. Ihrer Ausfuhr einen Weg zu babnen. soweit die Pro- h.b.tivzölle verschiedener Nachbarstaaten es ermöglichen. ist eine wiri'chastliche Lebensnotwendigkeit für unkr Land
Nun st das mit den Prohibitivzöllen in Mitteleuropa eine eigene Sache Gerade bie Staaten, die sich am demonstrativsten zur Idee des Freihandels bekennen, sind in der Regel diejenigen, die die höchsten Zollmauern an tbren Grenzen aufrechten Begreiflich, daß wir dem Programm deS zoll geeinten Mitteleuropa mit einer gewissen Skepsis gegenüber- stehen. wenn wir auch überzeugt sind, dasi durch- greifenbe Erleichterungen im Handelsverkehr eine Lebensnoiwend.gleit für alle mitteleuropäischen Staaten sind. Notwcndtg wäre aber nicht nur eine Herabsetzung der Zölle, sondern auch e i n vollständiger Umschwung in der allgemeinen Mentalität. Solange die Tendenz besteht, in der Tartfpolitik und durch tausenderlei behördliche Borschristen die rrompen- lationen wettzumachen, bie sich in den Zollpositionen vielleicht erreichen lassen, find alte Hoffnungen in dieser Richtung ein bißchen utopisch. Ein kleiner Wirifchaftskörper. wie der ungarische, kann natürlich nicht selbständig damit beginnen, auf den Schutz deS Jnlandmarktes zu verzichten. Bevor wir in der Prari« so weit sind, wird ganz Europa ssch umstellen müffen.
Im allgemeinen halte ich die Tendeirz der alten Industriestaaten, ihre Agrarproduktion auf Kosten der alten Produzenten und ihre« Absatzes au steigern, für ebenso falsch wie die Jn- dustrialisierungstvndenzen dieser Agrarstaaten selber. Ungarn macht diese Tendenz nur sehr zögernd mit. Wir haben uns bisher auf die Schaffung und Stützung unserer Tefftilindustrie beschränkt, die ja unter den gleichen Bedingungen arbeitet wie die Tertilindustrie irgendeines anderen mitteleuropäischen Staates, die genau so auf Einfuhr von Rohmateriallen angewiesen ist, genau so teuer ihre Kraft bezahlen muß und mithin genau so ..natürlich" ist. wie etwa die tschechische
In den Produkten, die dasDeutscheReich ausführt. denken wir natürlich nicht daran, der deutschen Industrie Konkurrenz zu machen. Wir haben aus dem Reich im Jahre 1927 um 204 Millionen Pengv Waren bezogen, hauptsächlich Eisenwaren. Gewebe, chemische und pharmazeutische Produkte, die meisten unter ihnen vollständig zollfrei, während unsere Ausfuhr nur den Wert von 106 Millionen Pengö erreichte. Mögen diese Ziffern im ungeheuren Handelsverkehr des Deutschen Reiches auch keine übertrieben große Rolle spielen, so charakterisieren sie doch die Tatsache, daß Deutschland tn seinem Verhältnis mi Ungarn vorwiegend Importeur ist und daß es darum selber ein gewisses Jnteress- an der Intensivierung unserer Handelsbeziehungen haben mußte. Do hoffen wir zuverlichllich, die handelspolillfchen Tendenzen im Reich sowohl als auch tn Oesterreich werden sich in einem Sinne entwickeln, der die ungestörte Fortführung und deir weiteren Ausbau der traditionellen engen wirtschaftlichen Verbindung zwischen unseren drei Staaten ermöa- ttcht.
Amtsgericht Gießen.
• Gießen, 10. Juli. Der Kausm inn M4i. von Gießen, der in der Unflatic szeit eine Goldanlaufstelle betrieb, hatte sich beule wegen Beamtennötigung, Beamtenbeleidigung und Sa chbeschädigung in drei Fällen zu verantworten R. hat nach seiner Verurteilung durch dar Schi-ften gericht das Inventar seiner Zelle ■, ctriimimeri. Auch in der Beruhigungszelle hat er Gegm.'nand. zerschlagen. Die Gefängnisbeamten fpt er be droht und beleidigt R. behauptet, n ch§ hiervon zu wissen. Nach dem Gutachten des mt-N zwischen Sachverständigen kommt eine ilnz,,' ?<fr nungSfähigkeit des N. nicht in Frage. 17. wurde zu einer ©efamtgefängni«ftrcifc v -n zwei Monaten verurteilt.
Tanz und Theater beschäftigen sollten. Die^an^ -er kennen den Wert de« Theaters nicht, wissen auch offenbar nicht, daß der Schauspielkünstler tich sage absichtlich Künstler) in seinen Rollen- leiftimgen recht wohl eigenes Empfindungsgut gestalte, schöpfend allerdings aus einer vielfältigen. keiner einfach angelegten Seele. Würden sie erkennen, daß die Schaubühne unserer Zeit den Naturalismus aus einem unrechtmäßigen Herrscher zu einem Diener gemacht und den Realismus steigert zu einer Gefühls-. Gedanken- unb Feierkunst, wenigstens zu steigern sich sehnlich bemüht, dann öffneten sie ihren Willen und ihre Macht dem Theater. Wir haben in Deutschland schon Schauspieler und Spielleiter (Fehling. Paul HeTickels. Leonllne Sagan u. a.), welche den Tanz in ihren Bühnenwerken auswerten. Sie sind wahlverwandt den Russen Leon Bakst, dem sich das Gefüge dramatischer Rede in Tatiz- ausdrücke zerlegt, der einer der größten Kostüm- dichter zu nennen ist. und der seine Bühnenbilder rgurnllch sah. nicht mehr bloß auf die Fläche entwarf, und Wachtanger, der den Schauspieler erlöst aus der Einseitigkeit des Sprech- und Gesichts-, vielleicht noch Fingerspiels, ihn den drei Dimensionen wiedergab, allo zum guten Gefährten des Tätrzers macht, daraufhin aller- ding« auch den ganzen Raum (mit der Höhe!) für seine Schau'vieler gewinnen mußte, und deswegen mittels Treppen,' Stufen, Galerien, Brücken, Gerüsten auf teilte — was wiederum zur Folge hatte, daß der Schauspieler sich dieser Architektonik fügsam einordnen muhte, ja zu einer genauen Beobachtung seiner Schritte und Stellungen gezwungen war — also auch dadurch dem Tänzer nahekam. Das tonnte freilich schon zu Uebertreibungen führen. Aber durch eine choreographische Llltsbildung der Regisseure und eine pflichtmäßige Gymnastik- und Tanzaus- bildung der Schauspieler kann es dahin kommen, daß Massenszenen, Kampfszencn, Grotesken, Bewegungsfluh, Dewegungskhmbolik und Raum- ausnützung auf der dramatischen Bühne künstlerisch gelingen und natürlich erst recht auf der Opernbühne, die ja ohnehin die realistische Bewegung zum Tanz steigern sollte, wie sie ja auch das gesprochene Wort zum Gesungenen, zum Klange steigert.


