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Nr. 137 Drittes Blatt

Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsenf

Mittwoch, 13. Zuni 1928

Aus dem Reiche her Krau.

Die gute Kinderstube.

Don Liesbei Dill.

Nachdruck verboten.

Es ist vielleicht nur menschlich, daß die «Altern immer erzählen, daß die Kinder früher besser erzogen wurden und sich besser benommen haben. Ob es wirklich so war oder es nur in der Er­innerung so scheint?

3n einem Punkte aber sind die Zeiten des vorigen Iahrhunderät nicht mit den unserigen zu vergleichen, in der Anspruchslosigkeit. Mein "Ba­tet reiste als Sechsjähriger mit seinem Vater in der Postkutsche über Land. Unterwegs wurde Halt gemacht, und während die Pferde gewechselt wurden, ah man in einem Gastoause zu Mittag an einer langen gedeckten Tafel. Aber man hatte vergessen, dem kleinen Jungen einen Löffel tjinjulegcn, und so saft der kleine Junge schwei­gend feinem vollen Suppenteller gegenüber, er wogte nicht, die Unterhaltung (einei Vaters, die dieser mit feinem Qlatbbar führte, deshalb zu unterbrechen . . . Das war noch Erziehung, >eyle mein Vater hinzu. Und er hat dies seinem Vater durchaus nicht verübelt, sondern es lacheind als etwas SelbstvciHändlicheS in seiner Erinnerung gebucht.

Solche Kinder gibt es nicht mehr und sicher nicht solche Väter Die Kinder würden selbst um den fehlenden Löffel bitten, und der Kellner würde deshalb angesahren werden und wenn es (ich um einen Knirps von drei Jahren han­delte . . . Heute wird den Kindern schon früh eingeprägt, ihr müht euch durchsetzen. Manche Eltern halten sogar daraus, dah, wenn Gäste ins HauS kommen, die Kinder vorgeführt werden: sie müssen etwas aufsagcn. eine Rede halten, damit sie sich an dasfreie Sprechen gewöhnen". Früher hielt man die Kinder bescheiden im Hin­tergrund. bis die Gäste nach ihnen fragten. Un­gebeten paradierte man mit seinen Kindern jeden­falls nicht.

Häuler. in denen die Kinder dominieren, wer­den niemals ein ruhiger und gemütlicher Auf­enthalt sein. Kinder sollen früh Disziplin halten: es schadet ihnen durchaus nichts, wenn sie sich fügen lernen. VS gibt für sie Hausgescye. so gut wie für die Erwachsenen . . . Und doch gibt es Mütter, die niemals zu einer Mittagsruhe kommen, weil sie ihre Kinder nicht erzogen haben, der Mutter eine Stunde Ruße am Tag« zu gönnen. Sie treten auf den Verven der Hausbe­wohner unbarmherzig und fröhlich herum, ohne zu wissen, daß ihre Undifzipliniertheit bad ganze Haus in Unruhe verseht. Für geistige Arbeiter ist eine solche Umwelt eine Holle

Die Dome im Gommer.

Don Oanna Sitte-Hutter.

Nachdruck verholen.

Swigss^D«ch'elspi«l »Wischen Ratur unbDlobe: allen bekannt, viermal jährlich erwartet und doch jedesmal mit Spannung erwartetI Immer wieder bte Sehnsucht nach Sonne. Freude. "Blumen und Farben, die es den Frauen angetan hat und Me sich schon darum willfährig der Mode unter- ordnen: ist doch auch sie gleich ihnen ein Ab­bild dieser beseligenden Iahr^Sz.nt

Dult und Farbenpracht! Sie sind auch Heuer das Sharakteristttum der Sommermod. Die neuen Stoffe: Imprime, Foulards. Georgettes, Musseline, bezaubern durch ihre Neinen lustig- feinen Muster. In so einem Kleid doll bunter Blumen kann man gar nicht anders als gut aufgelegt sein

Und noch eineS soll Wirklichkeit werden: die Mpoe des arosten Sommer-StrohhuteS. Wohl brach!« auch Der Frühling Strohhutmodell« Den endgültigen Sieg des Strohhules über den Filz- Hut wird aber doch erst her Sommer für sich buchen können, wenn es der Dettergott gut mit uns meint. Sommerliche Strohhüte groß, leuchtend, wippend, farbenfreudig, mit "Blüten und "Bändern, sie sind es, nach denen sich die Frauen nach mehreren verregneten Sommern sehnen: einmal ohne Regenschirm ausgehen können, ohne den lästigen Regenmantel über dem Arm zu habeni

Richtige« Sommerwetter ist die Voraussetzung für alle mobiid-.en und Frauenwünsche, die sich im Rahmen folgender Richtlinien halten:

Der Vormittag beschert unS noch Immer das Jumperkleid. (Jin allgemeiner Seufzer der Er- leichterung wird dieses Modediktat begleiten. Keine Frau könnte es sich vorstellen auf dieses praktische, austerordentlich kleidsame Garderoben- stuck sobald zu verzichten. Während für kühlere Sommertage (die kluge Frau baut vor) Kasha- stosse dominieren, bringen die richtig warmen Tage für den Vormittag Erepella und unver­ändert moderne Rohseiden mit sogenannten "Bdumrlntenmuftern, welche teilweise vordüren- artig verarbeitet werden. Die sportliche Rote, die in der praktischen Dormittagskleibung zum Aus­druck kommt, verschwindet nachmittags vollstän- d'.g Da wippen Godets, Glocken und spiele­rische Plislees um schlanke Frauenbeine, ein Vo­lant reiht sich lustig über den anderen der weiblichen und modischen Kapricen gibt es kein Snde Wollgeorgettes, (Sbarmelaine, Eripe Ge­orgette und Trip« de Ehine sind die Schlager für den Sommemachmiltag.

Die Abendtoiletten sind ein Svmbol der Grazie und des Prunkes dieser an Blüten und glühen­der Pracht verschwenderischen Jahreszeit. Gin Meer von Spitzen, eine Wolke bauchartiger Ge­webe. in den Händen ein RichtS. am Körper der geliebten grau -- ein Sommemachtsiraum!

"Nüchterne Modedircktiren: Die Taille scheint endgültig zur anatomischen Mitte zurückzukehren und wird bei den Kleidern für alle Gelegenheiten sehr gern durch die Anwendung eines Gürtels unterstrichen: neben allen bunten Farben be­haupten sich Schwarz und Weist für den Aach- mittag und Abend: daneben sind sehr en voguc alle grünen Töne, vom zarten Flustgrün. über Mandel-. Erbsen-. Moos- und Steingrün biS zum dunkelgrünen, ersterbenden Ton: langhaarige Pelzbesätze lind beliebt, da sie Dem Gesicht schmeicheln und. am Rockrand verwendet, einen anmutigen und graziösen Gindruck vermitteln. Die Gürtel- und Hutschmuckagraffen bestehsn zum Unterschied vom Vorjahre au» riesengroßen,

meist viereckigen Simllis Aparte Tücher be­leben sonst itreng geschnittene einsache Kleider und find überhaupt unentbehrliche» Requisit des Vormittags- und Nachmittagskleides Richt nur an der Riviera, sondern auch b:l uns Habet man Rodierstosfe als Material zu allerdings kostbaren Modellen. S.hr beliebt unter den so- fenannten .neuen Stossen ist gewachster (gc- adter) Satin, den man vornehmlich für Idx-iry Nachmittagskleider verwendet, doch zieht man die bunten Rodierstosfe dielen für Die Sommerzeit vor, wie sich überhaupt die Rodierstosfe durch ihre bizarre Zeichnung und den subttlen Ge­schmack. der sich durch Farbtönung kundgibt. Deltruhm erworben baden Die Rocklänge ist nicht so sehr Streitobjekt geworden, wie man geglaubt hat, da jedem Geschmack Rechnung ge­tragen wurde: man findet enge, bis »um Knie reichende Klctder. daneben solche, welche durch einen dnfeltiqrn Zipfel oder unregelmässigen Rocksaum Verlängerung Vortäuschen, und schließ- lich das moderne Stilkleid, das den Fußknöchel erreicht und rückwärts meist noch etwas länger ist. In den balbftarren Pastellbatisten sieht das Stilkleid übrigens entzückend aus "Betont muh werden, dah da» große Dekottets immer mehr verschwindet: kleinen, viereckigen Halsausschnitten wird der Vorzug gegeben.

Die Hülle richtet sich selbstverständlich nach Art und Gbarafter der Toilette. Fast jedes Sommerkleidchen wird mehr au» Spielerei, denn zum Schutz, durch ein kleines Jäckchen kom­plettiert: ferner finden wir starre, gerade oder

auch gieden artig ausfallende Xoltmänid. dann solch« aus ombrierlan Cripe be Chine, die un­gefüttert find und das Kleid durchschimmern lassen EapeS aus borpelfri tigern Velourchiffon flotte Lau!mänlel speziell für die Kurpromenade aus PastellkashaS mit Lamerücken > und schließlich wetterleste Homespuns und imprägnierte Cripe be cfy.ne- und Samtwettermäntel.

Das Schuhwerk ist luxuriöser denn je und stets der Gelegenheit ongepaßt: derbe elegante Vorkalss mit Cbrornsohlen und slachen Ab­sätzen. Sidechftn-Purnps oder Schlangenprome­nadeschuhe mit doppelten Spangen und halb­hohem Absatz. Diele Schuhe lind halbrund, manchmal sogar viereckig gegen die Spitze: Im Gegensatz zu den nachmittäglichen und abend­lichen Galanterielchuben. die au» ombrierten und opalisierenden Lacken, allen Repttlledern. Seiden Vrokateii. Goldschnüren. Hlberleber artig mit Si­milisteinen abgesetzt, eine säst spitzige, weil gra­ziösere. doch nicht zu lange Form bevorzugen.

Die vermögende Frau leistet sich natürlich noch einen Sommerpelz und zu jeder Toilette den entsprechenden Schmuck: ist es doch in den Pariser Modehäusern, welche nur von Dollar- scheckS leben, gang und gäbe, das Kleid nach dem Schmuck, den sich eine Dame aus wählt, zu komponieren Aber auch ohne diese luiurlöfen Srtrakaganzen, bk stet» da» Privileg einer be­sonders begüterten Gesellschaftsklasse sind, wer­den wir elegant und schön sein. Liegt doch die Glücksmöglichkeit nicht so sehr an äußeren Dingen und Gütern, sondern ... in uns selbst.

Wie lebt die berufstätige Frau von heute?

Don Gertrud Zweig.

(ie ist schwer, sich als Frau durchzusetzen. doch e» lohnt sich Man könnte sich's etwas leister machen, aber dann würde es sich nicht mehr loh­nen", jagte eine junge, erfolgreiche Schriftstellerin. Ihr Ausspruch auf dos Leben der modernen Frauen­generation bezogen, scheint die Quintessenz besten, was alle arbeitenden Frauen suhlen.

Unsere Zeit, nüchtern und zwiespältig, schuf ein neues, schweres, aber unabhängiges Leben, in dem es weder soziale Vorurteil« noch Begrenzungen der geistigen und materiellen Möglichkeiten gibt. Der Weg ist jo, daß cs an den Frauen selbst liegt, ob sie aus ihrem Dasein als Siegerinnen heroorgehen oder ob |ic vom Leben unb feiner Problematik be­siegt werden.

Was für ein trauriges Kapitel sind die Frauen vongestern, das Heer der verwitweten Rätinnen oder Frauen der besseren Stände, die von dem un­erbittlichen Rhythmus von heute wie von einem Sturm überrascht worden sind, die keine Wosfe der Abwehr besitzen und ihr enterbtes Leben handarbei- tenb ober zimrnervermietenb weiterschleppen. Diese Dafeinsform ist ber berufstätigen Frau unserer Tage glücklicherweise legendär geworben. Sie fühlt sich als vollwertig in ihrer Arbeit, nicht nur blc Pro- buktioe, für bie Beruf gleich Berufung ist, bie aus­übende Künstlerin, die Schriftstellerin, die Wissen- jchaftlerin, die Akademikerin, nein, auch die Frau des bürgerlichen Berufe», die aussührenb«, ber ihre Arbeit oft nur Erwerbsmöglichkeit bebeutet. Rennen wir die Bureauangestellte, die Direktrice, die Ver­käuferin, die Fabrikarbeiterin usw. sie alle haben er­kannt, daß sie ber aussührende Faktor für bie Ma- Idjinerie bes Lebens sind. Well sie notwendig wer den, bekommen sie alle mehr ober minber die Nei­gung zu ihrem Wirkungskreise, ber ihnen innerhalb ber gezogenen Grenzen Anregung unb Beglückung

bietet Es ist merkwürdig, aber wahr: unter den be­rufstätigen Frauen gibt es viel weniger verkrachte Existenzen, als unter den Männern. Diel weniger verfehlte Berufe, weil bie ffrau zu ihrer Arbeit Liebe bekommt, jclbft wenn sie sie zu Anfang nicht gehabt hat

Die berufstätige ffrau ist gezwungen, genaueste Zeiteinteilung zu haben unb jogar bis zu einer gewißen Dirluosität zu bringen, damit bas Leben ihr nicht ein unlösbares Rätsel ist. Die Morgen- unb Vormittagsstunden, in denen der Organismus am straffsten arbeitet, sind die entscheidendsten des gan­zen Tages. Daher heißt es: Aufstehen zu früher Tageszeit. Die gesunde Lebenstechnik hilft der be­rufstätigen ffrau außerordentlich. Sie kommt fo weit, daß bie Müdigkeit unb die Abspannung ihr schließlich ein unbekannter Begriff werden. Man kann beobachten, bah bie Frauen ein gewijfes Trai- ning bekommen, unb baß fie um fo leistungsfähiger sinb, je mehr sie sich mit Arbeit umgeben. Die Zer­streuung finben sie in ber Geselligkeu unb im Klub, von ben vielen geschickten Neuerungen, bie wir aus England unb Amerika übernommen haben, ist ber Frauenklub eine ber erfreulichsten. Seine unver­heiratete ffrau ist heute noch gezwungen, ihr Leben in Einsamkeit zu vertrauern Sie Hot ihren Klub ober irgenbeinen ähnlich gearteten Kreis, in bem sie sich unter Gleichgesinnten sicher fühlt. Hier lernt fie Zusammenleben unb ©ollbarität. Sie schöpft sich voll Straft, um ben Ansorberungen bes Alltags ftanbzu- halien.

Zwei Beispiel« aus ber Praxis »eigen, wie zwei Frauentypen ganz entgegengesetzter Berufe, bie durch ihre Tätigkeit gezwungen waren, ben Tag auf Vas genaueste einzuteilen, mit ihrem Leben fer­tig werben. Straffe Disposition machte ihnen Ar beit unb bas Dafein zur ffreube. Fall 1. Eine Ner-

Es ist bekannt, baß man sich über den Lärm von fremden Kindern und erst recht nicht von fremden Hunden bei den Besitzern be­klagen kann, ohne sich mit ihnen zu vedeinden. Daher trägt man lieber alles, oder rückt auS ins Freie. Sin Arbeiten ist unmöglich.

In guten Häusern war es früher nicht Sitte, daß Kinder bei Tisch da» große Wort führten. Sie sahen dabei und hörten zu. Diese Stunde am Tage mußten sie auch einmal schweigen können. Man soilte Kinder an Selbstzucht ge­wöhnen. statt dah lie .auftreten" lernen und Reden halten bei Tisch. Ich glaube nicht, dah man einen BiSmarck, Luther, Wirabeau oder RobeSpierre und alle groben Redner im Sltern- hause dazu angelernt hat. Sie waren eben zu Rednern geboren. Wer das nicht ist, wird eS auch nicht, wenn er als Kind die Gäste ferner Ellern mit gestammelten, auswendig gelernten Reden ergötzt, die weder dem Kinde, noch ben Gästen Freude machen.

Sin Redner entwickelt sich gan^ anders. ES kommt ja nicht Darauf an. dah wir grobe Reden halten, sondern dah wir ettvaS zu sagen haben, wenn wir aufstehen . . . Man muh erst , etwas fein, um etwas zu machen, sagt Goethe. . Die Kinder von beute sollten eher lernen, zu schweigen und zuzu hören, als zu reden. Es wird immer weniger Menschen geben, die zuzu- hören verstehen, als Durch'chnittsreDner . .

Erziehung soll den Kindern das Leben er- leldHcrn. .In Freiheit dressierte Kinder" aber wird das Leben später noch manches lehren, was die Eltern versäumt haben, ihnen etnzu- prägen, die die Disziplin für eine überwundene Sach« erklärten. . .

Kind und Krankheit.

Don Lisa Honroth*Loewe.

Nachdruck verboten.

Welche liebevolle Mutter wünschte nicht ihrem Liebling, neben jeder Kümmernis, auch das Kranksein abnehmen zu können. Aber wie in allen Dingen, die ben Menschen beschieden sind, müssen wir uns auch darein fügen, dah unser« Kinder alles Schwere selbst Durchmachen. Wir können ihnen nichts abnehmen, wohl aber können wir durch unser Verhalten, abgesehen von der selbstverständlichen Erleichterung durch sorgsamst« Pflege, ihnen noch in anderer Weise helfen. Das wichtigste Ergebnis der Erziehung beruht sicher­lich darin, dah wir das Kind daran gewöhnen, sich in die Tatsachen des Lebens zu fügen- also auch in Die Tatsache einer etwaigen Erkrankung. Dazu gehört aber vor allem Die Selbsterziehung ber Mutter. Sieht ein ÄinD, Dah »Gr eine

Krankheit mit llngeDulD ausnehmen, dah wir glauben, vom Schicksal besonders betroffen zu sein, dah wir mit übergroßer Angst ober Ver­stimmung selbst auf leichter« Krankheiten rea­gieren. so wirb daS Kinb, welches gewöhnt ift, sein eigenes Verhalten von bem unseren ab­hängig zu machen, sich genau ebenso ber Krank­heit gegenüber benehmen. Lieht das Kind je- boch, dah wir bei eintretender Krankheit Geduld und Gleichmah bewahren, dah wir unsere Unluft nicht durch schlechte Laune an unserer Umgebung aus lassen, so wird das Kind, sosern es nicht ge- rabe schwer krank und bamit sozusagen nicht ver­antwortlich ist, versuchen, die gleich« Mähigung und Geduld aufzubringen. Gelingt ihm Das nicht aus dem eigenen Witten heraus, zu erreichen, so hat auch in Den Tagen der Erkrankung unsere Erziehung nicht auszusetzen. Ist das Kind nicht ledensgesahrlich erkrankt, so dürfen wir es nicht »ulassen, dah es feinet Laune die Zügel fchiehen läßt. Denn abgefen, dah solch ein launenhafter Patient für seine Umgebung zur Qual wirb unb feine Launenhaftigkeit auch späterhin gern bei­behält. ist Hemmungslosigkeit ber Stimmungen auch für ben Patienten selbst von Hebel Die Mutter, die alle Launen des Kindes damit ent­schuldigt, dah es krank ist. ahnt nicht, welch einen schlechten Dienst sie in Wahrheit einem kranken Kinde Damit erweist. Denn jede "Beschwerde, die das Kind zu ertragen hat, verstärkt sich, wenn es ihr zu sehr nachgibt. Es steigert seine Reizbar­keit, seine Unrast, seine Auflehnung gegen die nicht zu ändernde Tatsache des Krankseins. Ge­wöhnen wir das Kind aber, auch in Zeiten der Krankheit sich zu beherrschen, so wird es sein« Leiden leichter ertragen. Das Wort ..Lerne leiden ohne »u klagen" hat also nicht nur rein ethischen, sonbern auch eminent praktischen Wert.

Freilich kann die Erziehung bet un<crm Kinde nicht erst beginnen, wenn eine wirtliche Krank­heit gekommen ist. Denn bann soll solch ein Heiner Mensch ja schon eine gewisse Fähigkeit iti Geduld und Beherrschung erworben haben, um sie nun so zu tragen. Die Erziehung muß tütl früher ernfeßen bei kleinen Unannehmlich­keiten wenn ein Kind sich schlägt, wenn es fällt, wenn es Die ersten kleinen Schmerzen mit Bewußtsein erlebt. Gewöhnt man das Kind durch liebevollen, aber ruhigen Zuspruch, feinen fkinen Schmerz zu beherrschen - gewöhnt man «o6, bei kleinen Magen Unpäßlichkeiten ohne Klage auf begehrte Leckerbissen zugunsten einer Diät zu vernichten gewöhnt man es, für kurze Un- wohtteinStage Bett ober Zimmer ohne Murren zu ß fiten, so hat man für späte re fdptoete Zetten viLl gewonnen. Wetter muß das Kind lernen, daß Unwohlsein kein Fveibn-ri ist auf Die im-

venörztin, Mutter von Drei erwachsenen Kindern, die. obwohl bereits im Studium, Die mütterlichen Ratschlage nicht rmvehren können eit muß ihren Kindern bl» acht Uhr morgens ober nach acht Uhr abend* zur Verfügung steyen. Zwischen «ich! und neun Uhr moracns. bi» ber erste Patient erwartet wird, widmet sich diele vorzügliche nausfrau ganz der Disposition ihre» ausgedehnten Haushalt» Dann beginnt die Berufsarbeit, die das Einsetzen ihres ganzen Menschen verlangt Durd) eine Iurie Mit­tagspause, bei der die Familie uertimmelt ist. wird ihr« Tätigkeit untertrodun. Unb eift nach acht Uhr abenbs gehört fic sich selber Jetzt aber findet sie noch Zeit und Frische, gemeinsam mit Ihrem Munn wissenschaftlich zu arbeiten und durch die gemein- fane Arbeit ihr glückliche» Eheleben Immer mehr 3u festigen Oft gehört der Abend den Denn ihr Hau» ift eines der geselligsten de» geistigen Le­ben». Trotz oder gerade der ungeheuren Kraftean- spannung roegrn, kennt diese ffrau feine Müdigkeit. In her Praxi» hat e» sich erwiesen, daß ein Der­artige» Leben weniger verzehrend ist. al» da» träge Hlnledcn ber berufslosen ffrau. fall» sie nicht In Ihrem Haushalt das gleiche Arbeitsfeld findet

Fall 2 ist dem entgegengesetzten Milieu entlehnt, der Atmosphäre einer Frau, blc sich nur durch blc feste Arbeit der Hände Ihre Existenz au,gebaut hat. Der Tag beginnt bei ihr um fünf Uhr morgen». Das Tagewerk in der Fabrik fängt um fünfunbein- halb Uhr an. Nack, zehnjähriger Arbeit als Wick­ler! n ist sie heute Leiterin ihrer Abteilung unb be- aussichllat clnbunbcrtunbfünhig Frauen, ohne selbst bie praktische Arbeit ausgcgeben zu hoben

Macht Ihnen blefc Arbeit nach zehn Jahren noch ffreube?" mürbe sic gefragt.

..Selbstverständlich! Wenn man nach Feierabend sich einmal das Resultat des Tage» ansteht. 200 Spulen ober mehr, bann merkt man bock), baß man ein notwendiges Glied in ber Rette ber großen Arbeitsmaschine ist. Mein Neunstunbentag ist um drei Uhr beendet, der übrige Tag gehört mir. Ich kaufe ein paar Lebensmittel, komme nach Hause, kann mich auenißen. meine Näharbeit verrichten und gehe dreimal wöchentlich In unseren Klub. Es ist der Frauenklub der Fabrik, dem eine Ruder­riege, eine Schmimmricge unb eine Tnrnriegc an* acflliebcrt sind. Wir haben ein wunderschön gelegenes Helm mit Dachgarten, das Im Gelände der Fabrik liegt, und in dem jederzeit 100 unbemittelte Arbeite­rinnen wohnen können. Jeden Dienstag gehe Ich zum Turnen, Donnerstag höre ich einen Vortrags- zyyklus über literarische ober oolkswlrtjchastliche Themen: am hübschesten aber sinb die Tanzabende. Samstag«, die uns für bie Mühseligkeiten der gan­zen Woche entschädigen. Dann jehen wir alle ver­ändert aus, und das Bewußtsein, noch vierund­zwanzig freie Stunden vor uns zu haben, macht uns wirklich ffreube.

Ein Ausschnitt aus Dem Leben, Di« Schilderung biefer beiden ff rauen I

Das moderne Kiffen.

Don Catherine Godwtn.

DoS Kiffen pal fein« Steifheit und fehlt ein­stig« Korrektheit, mit Dem es auf dem Kanapee des Salons paradierte, verloren. Roch immer ist e» bereit, den Raum zu schmücken, doch eS will vor allem auch den Bewohner deS Raumes stützen und ihm dienen.

RichtS belebt einen Raum so ft6t und verleiht ihm die wärmende Atmosphäre des Behagens, wie der Anblick schmiegsamer, geschmackvoller Kissen, die den Abdruck der Gestalten, die sich soeben noch dagegen lehnten, bergen. Ss scheint, als habe das Kissen beute eine neue Rote er­halten, die ihm sowohl seinen praktischen wie

ermüdliche Geduld und Zeithingabe fettens Der Erwachsenen. SS gibt Kinder, die au® in Zetten ungefährlicher Äranfheiten die Angehörigen ge­radezu tyranni-sch an ihr Bett und an ihr Zimmer Hesseln. So selbstverständlich «s ist, in Zeiten ber Gefahr Das KinD nicht allein »u (affen, so selbstverständlich muß es lernen, daß trotz ferner Krankheit das Leben Der Erwachsenen weiter gehl unD sich nicht ausschließlich nach der Rranlßeit orientieren kann. Gerade dos In Der Rekon­valeszenz begriffene KinD braucht sehr viel äußere wie innere Ruhe. Es tut ihm am besten, wenn es sich zeitweise richtig langweilt, Das heißt. Wtenn Körper wie Geist. Duvch nichts beansprucht, sich auSruhen. Beschäftigen wir uns dauernd mit einem solchen Kinde, fo beanspruchen wir seine Kräfte mehr, als die Rekonvaleszenz er­laubt. Ist das Kind jedoch gezwungen, sich selbst zu beschäftigen, so wird es im Augenblick, wo die Ermüdung stärker ist alS der Spieltrieb, aufhöven und sich zur Ruhe legen. Ist die Ge­sundung des Kindes schon weiter fortgeschritten, so muß man sehr auf die Reigung des Kindes achbrn, die Schonungsbedürftigkeit als em Mittel zu benutzen, um Wünsche Durchzusetzen. Sowie ein Kind bewußt erkannt hat, Daß man ihm in Zeiten der Krankheit nachgegeben hat. nur um es nicht zu erregen, es nicht weinen zu lassen, wird es versuchen, eine kleine see-tische Pression auf die Erwachsenen auch späterhin auszuüben. Läßt man sich hierin von Dem KinD« sozusagen einfangen, so schadet man ihm selbst wiederum am meisten. Denn gerade bei sehr sensiblen Äinbern, und um solche handelt es sich bei der­artigen Pressir ns versuchen meistens, ist Die Drciuc zwischen Bortäuschung und Selbsttäuschung sehr schwankend. Kinder, die durch Vortäuschung irgendwelches ilebelbefinbcnd etwas erreichen, ge­raten leicht in die Gefahr, zum Schluß sich selbst in irgendeine Unpäßlichkeit hineinzusteigern, und, wenn ihnen ein Wunsch versagt wird, nervöse Erkrankungssormen zu bekommen in Gestatt von Kopfschmerzen. Magenschmerzen. Erbrechen und ähnlicher Dinge. Wan muß also schon um des KindeS willen sich auch in KronkheitsAeiten dem Kinde gegenüber behaupten natürlich In be­sonders gleichmäßiger, gütiger unb überlegender Art. Jede Mutter weiß, wi« schwer es fällt, dem kranken Kinde irgend etwas versagen zu müssen. Aber man muß sich flat sein. Daß Der Schwäche des Kindes nachgeben in Wahrheit heißt, seiner eiaenen Schwäche nachgeben. Wollen wir nicht, Daß sich Dies« untere Schwäche an unserem Kinde rächt, so dürfen wir die Grund­sätze einer vernünftigen Erziehung in Zeiten der Krarckheit ebensowenig verlassen wie In Den glück- Lieberen unb leichteren Zeiten der Gesundhett.