m 292 Zweites Blaff Sietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)Mittwoch. 12. Dezember (928
Siedlung tut not!
3n diesen Tilgen standen eine Reihe von Problemen im Vordergründe, die bevölkerungspolitisch für Deutschland von eminenter Bedeutung sind. Wir erlebten die Agrardebatte im Reichstag, in der noch einmal die schwere Dotlage der deutschen Landwirtschaft zum Ausdruck kam und zu gleicher Zeit wurden nähere Einzelheiten über das LImgemeindungsProblem im Westen bekannt. 3n diesem Zusammenhänge muh vielleicht auch noch die Kundgebung des Rcichs- verbandcs der Heimattreuen Ost- und Westpreuhen beachtet werden, in der für diesen Bezirk in gleicher Weise das tevölkerungspoli ische Pro- 6.em gekennzeichnet wurde.
Devölkerungspolilik ist die Kernfrage eines Staates. Diese Frage hat insofern für Deutschland an Bedeutung gewonnen, als durch den Verlust gewaltiger Ge.i tsteile nach dem Kriege eine Zusammendrängung ter D völkerung cingetreten ist, die nrrhr denn je zu einer systematischen Reuorganisation geführt hat. Leider ist es nicht möglich gewesen, diese Reuorganisation in vollem Umfange durchzusüh.^n, da die hierzu benötigten Mittel feh'en. Vor dem Kriege hatte Deutschland eine Flächenausd.hnung Don 5'0 £53,5 Quadratlilomet.-r. Rach dem Versailler Frieden war daS Reichsgebiet, ohne das Saargebiet, bis auf 468 746,10 Quadratkilometer zusammengeschrumpft. Dagegen hat sich der Drvölke- rungsstand in annähernder Gröhe gehalten. Die deutschen Bewohner haben sich nun in 63 556 Gemeinden angesiede't. Davon ,inb ländliche Gemeinden, d. h. solche mit weniger als 2000 Bewohnern 63 126, die aber immerhin 35,60 Prozent der deutschen Bevölkerung ausnehmen. Sogenannte städtische Gemeinden, d. h. also Kommunen mit etwas m;hr als 2000 Einwohnern werden nach dem Kriege In Deutschland 3430 gezählt, die ungefähr 64,40 Proz. der deutschen Bevölkerung beherbergen. Landstädte, also Städte mit 2300 bis 5000 Einwohnern, gibt es in Deutschland heute 2249, Klein- iädte bis 23 003 Einwohner 920, Mittel- t 3 dte bis 100000 Einwohner 216 und Gr oß- iädte. d. h. also Kommunen mit 100 003 und mehr Bevölkerung nur 45. Mit einem Worte also, den Hauptamt:!! an ter Siedlung im Reiche haben die sogenannten städtischen Gemeinden. Ausgesprochene ©tabigegenten s ndWestfalen, die Rheinprovinz und Sachsen. Den stärksten AnteU an den K einstsicklungen weist Ostpreußen auf. wo es 7038 Gemeinten mit weniger als 2300 Einwohnern und 76 Gemeinden mit mehr als 2030. dagegen nur 5 mit 20° bis 100 000 und 1, nämlich Königsberg, mit über 100 000 Einwohnern gibt. Ganz im Gegensatz zu Ostpreußen zeichnet sich sowohl die Rheinprovinz als auch Sachsen durch ausgesprochene städtische Siedlungen aus. Sachsen, der dichtbevölkertste Gebietsteil Deulsch'andS. wo auf 1 Quadratkilometer 332 Einwohner kommen, hat 2)75 Gemeinten. davon 2653 länd iche Gemeinten, 322 städtische Gemeinden, 194 Landstädte. 108 Kleinstädte, 16 Mittelstädte und 4 Großstädte. — Die Rheinprovinz hat insgesamt 2885 Gemeinden. davon 2176 ländliche Gemeinden, 402 städtische Gemeinden. 252 Landstädte, 114 Kleinstädte. 31 Mittelstädte und 12 Großstädte.
Diese Zahlen zeigen auf ter einen Seite, in wie starkem Umfange die Industrie die De» völkerungspo'i.ik bestimmt hat. Und hier wird auch zu einem großen Teil der Grund dafür zu finden sein, daß in der Landwirtschaft in manchen Teilen des Reiches ein enormer Rückgang zu verzeichnen ist. Selbstverständlich mutz sich die Siedlungspo i ik nach den gegebenen Verhältnis en, der Botenbeschaff nsei , den Trirbkrä ten u. dgl. richten. Trotzdem wird es notwendig fein, — und diese Erkenntnis wird durch obige Statistik bestätigt — im Laufe ter Zeit einen organischen Ausgleich zu schaffen, ter vor allem auch gefundheitspo i isch ausschfag fa'end fein wird, und politisch gesehen auch auf die Erhaltung des Deutschtums an den Grenzen zu achten hat.
Wochen ohne Post.
Don Siegfried von Vegesack.
Morgensterns Palmström konnte b.kannllich nicht ohne Post leben, so datz er sich „ein Quartal gemischte Post" bestellte. Ich meinerseits habe daS Gegenteil getan; ich bin meiner Post entflohen. Das ist nicht so einfach, wie man denkt. Fünfmal muhte ich mit Frau und Kind den Ort wechseln, viermal die Grenze überschreiten, biö es mir end'lich gelungen ist, allen Rachforschungen zu entrinnen.
Uni) nun freue ich mich jeden Tag, jede Stunde, dah kein Mensch „sich mir mitteilt, auf Schritt und Tritt an mich denkt". Jedenfalls erfahre ich nichts davon. Uni) auch ich selbst schreibe feine Briefe, keine Karten. Statt dessen liege ich im Sande am Meer, sammle eifrig mit Frau und fünfjährigem Jungen bunte, glattgeschliffene Steinchen und gekräuselte, wie Schmetterlings- flügel gezeichnete Muscheln, gehe langsam auf dem flachen, vom Schaum ter Brandung überspülte Sande ins Meer, lasse mich von den kristallklaren, noch jetzt im Dezember warmen Wellen schaukeln, tauche unter in die blaue iln- Endlichkeit unter mir, tauche auf in die blaue älnendlichleit über mir, und bin restlos glücklich.
Wenn irgendwo, dann ist hier das Paradies auf (Srteiu Eine idyllische, von dunkelgrünen Pinien- und Cyprefsen-Höhen umsäumte, nach Süden und Osten dem Meer sich öffnende Bucht. Eingenistet in den Symg ter Berge, im Halbrund die,er Ducht, ein altes, malerisches Fischerdorf mit eng aneinantergepretzten, hellbraun und rosig getönten flachdächigen Häusern, winkligen Gassen, eitenumgitterten Ballonen, langen, schmalen grünen Fensterläden, die wegen der Hitze fast immer geschlossen sind.
Sn der Wttte der Ducht, wo sich ter Strand ein wenig erweitert, befindet sich „ter Platz", beschattet von graustämmigen Platanen, breiten, nichtigen Palmen, die mit ihren dicken, gerippten Daumstrünten und fächerartig gespreizten Dlätterstielen wie ungeheure Kohlrüben auSsehen, Hier, auf dem Platz, liegen die weißen gewölbten Leiber der Fischerboote, hier werten die dunkelbraunen Retze auSgebreilet, getrocknet und geflickt, hier spielt das ganze Dorf nachmittags mit kleinen tunten Steinkugeln ein Spiet, dessen tieferen Sinn ich noch nicht begriffen habe, das aber, nach ter Erregung Der vielen Zuschauer zu urteilen, äußerst
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Angesichts der Verschlimmerung im De- finten des Königs Georg V. muß in absehbarer Zeit mit einem Thronwechsel in England gerechnet werden.
„Haus Windsor" heißt seit dem 17. Suli 1917 das englische Königshaus. Aber diese unter dem Eindruck ter Kriegspsychose von König Georg V. dekredierte Ramensänterung hat praktisch, nicht mehr Dedeutung, als wenn irgentetn Bürgerlicher einen ihn aus irgendwelchen Grünten nicht mehr genehmen Flamen durch einen wohlklingenderen ersetzt. Denn auch hier ist der Rame ter englischen Stadt, in ter schon die angelsächsischen Könige einen Palast besahen, und wo Wilhelm ter Eroberer das berühmte Königs- schlotz erbaute, nur Schall und Rauch, und er kann nicht über dir aus ter Geschichte nun einmal nicht auZzulöscheude Ta sache hiriwegtäuschen, dah das englische Königshaus rein deutschen Geblüts ist.
Als das welfische Haus Hannover, dessen Kurfürst Georg im Jahre 1714 König von England tourte, 1837 im Mannesstamme endigte, womit zugleich die Personalunion zwischen Groß- britan aren und dem Königreich Hannove ihr Ente fand, besti-g als letz ec Sproß au'r di sem Zweige des Wcl.enh.iuses, ter England eine Airzahl meist unbedeu enter Monarchen gegeben hatte, die damals achtzehnjährige Prinzessin Viktoria ten Th on von Großbritannien und Irland. Als sie im Iahie 1901, schon fast zum Mythos geworden, nach einer vierrmdsechzigjäh igen Regierung starb, hinterlieh sie ihrem äl esten Sohu Albert Edward nicht nur ein Weltreich, das die Erde umspannte, sie vererbte ihn neben dem Titel eines Königs ter Vereinigten Königreiche von Großbritannien und Zrlaird auch den des Kaisers von Indien, ten Viktoria Lord Beaconsfield, ihrem Verehrer und bedeutendsten Premierminister, verdankte. Während der mehr als zwei Genera- ttonen, die Viktoria regiert hatte, war tem Britischen Reich ein Zuwachs an Macht und Land beschieten wie nie zuvor einem Doll in ter Geschichte ter Menschheit. Als „Königin von England" stellte sie sozusagen einen Begriff dar: an den Titel „König von England" muhte sich die Menschheit erst wieder gewöhnen. Sein Träger, nicht anders bekannt denn als Prinz Don Wales wußte freilich als Eduard VII. diesem zunächst leeren Begrijf kraft seiner Persönlichkeit bald Inhall und Geltung zu verschaffen. Mit ihm hatte ein zwei.es deutsches Fürstengeschlecht ten englischen Th.on bestiegen; denn Eduard VII., Sohn des Prinzgemahls Albert aus tem Hause Sachscn-Koburg und Gotha unter Königin Viktoria, war ter erste bri Ische Herrscher aus dem Haufe Coburg, dessen Angehörige bis $um heutigen Tage sowohl in Belgien wie in Bulgarien regieren, und das auch noch mit anderen europäisch n Fürste Häusern durch verwand schaft- liche Beziehungen eng verbunden ist. Georg V., ter zweite Coburger auf tem bri.ischen Thron, hätte sich trotz Krieg und Dölkerhaß nicht zu schämen brauchen, ten Rainen seines Geschlechtes weiterzuführen.
Schon vor fast hundert Jahren hatte das Haus Coburg nicht geringen Einfluß auf den englischen Hof ausgeübt. Denn Leopold I., ter erste König ter Belgier, hatte seine nahen verwandtschaftlichen Beziehungen zu Viktoria auf daZ Geschickteste auszun.itzen verstanden; die junge Königin freilich, die einen weit stärker, in späteren Jahren geradezu bis zum Starrsinn ausgeprägten Willen besaß, als es bei ihrer Thronbesteigung schien, hatte es rasch verstörten, sich dieser verwand. schaf l.chen Dero mu teing zu entziehen. Auch ging In ter ztori.en Hälfte te3 19. Jahrhunderts das englisch» Königshaus so viel neue verwand.schaftliche Di düngen mit unteren Fürstenhäusern ein, datz schon dadurch eine einseitige Orien ierung des englischen Hofes ausgeschlossen war, tote ja überhaupt die brr ische Politik sich durch dynastische Dante in ihrer Enstchlußfreihät niemals hat beeinträchtigen las
sen. Trotzdem darf die Bedeutung dieser höfischen Deziehrrngen zu unteren Fürstenhäusern während des Vik.oärnischen Zeital.ers nicht gering eingeschäht toevben, und namentlich das Verhältnis zwischen England und Deutschland erhielt durch Die enge Verbindung mit dem Haus Hohen- zollern bis zum Tote ter alten Königin sein Gepräge. War doch Kaiser Wilhelm 1L als Sohn von Viktorias ältester, im Jahre 1840 geborener Tochter, der Kaiserin Friedrich, ter Enkel der Königin von England; hinzu kam die nahe Verwand.schäft mit tem herzoglichen Hause von Sachsen-Coburg-Gotha und mit tem großherzoglichen Hause Hessen.
Eine weitreichende verwand schastliche Verzweigung erlebte das englische Königshaus auch durch die Heiraten ter Kinder ter Königin Viktoria. War ihre Erstgeborene preußische Kronprinzessin und später Deu fche Kaiserin geworden, so führte ihr ältester Sohn Albert Edward, der spätere König Eduard VII., eine Tochter des Königs Christian IX. von Dänemark, die spätere Königin Alexandra von England heim. Ihre Schwester wurde unter dem Qlamen Maria Feodo- rotona Gattin des damaligen Großfürst-Thronfolgers von Rußland, ter nach ter Ermordung seines Vaters am 1. März 1881 als Zar Alexander HL Herrscher aller Reußen tourte. Ein Sohn Christians IX. von Dänemark uird seiner Gattin, Königin Luise, bestieg als Geor- gios I. 1864 ten griechischen Königsthron; er stack erst 1913 in Saloniki von Mörterhand. Dessen Sohn Konstantin war durch seine Heirat mit Sophie, der Schwester des ehemaliger Deutschen Kaisers, wiederum in enge verwandtscha't- liche Verbindung zu ten Häusern H ohenz o l- lern und Coburg gelangt; aber damit sind die verwand schaf lichen Dickungen zwischen dem dänischen König th uS und tem großen europäischen Fürsteng^chlechtern noch nicht erschöpft. Es würde zu well führen, sie in ihren verwirrenden Zusammenhängen hier alle auszuführen, es sei nur noch daran erinnert, daß auch ter gegenwärtige König von Rorwegen, Haakon VII. ein Enkel Christians IX. von Dänemark ist. Er hatte in ter Prinzessin Maud wiederum eine Tochter Eduards VII. von England geheiratet, man sieht, wie diese Fürsterchäuser eine einzige große Familie darstellen. Richt ohne Grund hatte man tenn auch im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts die Königin Luise von Dänemark „Sie Schwiegermutter Europas" genannt.
Außerhalb Englands weih man kaum noch oder hat es langet wieder vergessen, daß König Georg V. ursprünglich gar keine Anwartschaft auf ten britischen Thron besaß. Denn Eduards VII. ältester Sohn war nicht er, sondern ter Herzog von Clarence, ter jedoch im Iahrre 1892 von einer Lungenentzündung dr.hingerafft wurde. Der Verstorbene war mll Dik'ocia Maria, Fürstin von Teck, verlobt; nach seinem Hin- scheidrn trat sein jüngerer Bruder Georg in das Verlöbnis ein und vermählte sich mit ihr am 6. Juli 1893. Sie ist die jetzige Königin Mary, und auch sie ist deutschen Geblüts; denn die Tecks sind ein württembergisches Adelsgeschlecht, daS erst im 19. Jahrhundert nach England übergefieteü Ist. Demgemäß fließt auch in ten Adern ter nächsten Generation des englischen Königshauses kein Tropfen britischen, sondern nur deutsches Blut.
Richt mir rein genealogisch, auch individuell ist die enge Bluts verwand schäft zwischen ten europäischen Fürstenhäusern evident. Als im Jahre 1913 gelegen lich ter Hochzei im damaligen deutschen Kailerhause König Georg V. und Zar Rikolaus II. in Berlin weilten, fiel jedem, ter die betten Monarchen nebeneinander sah, ihre ausgesprochene Aehnlichkeit auf, eine Ähnlichkeit. wie man sie sonst fast nur bei Zwil- lingsgeschwistern findet. Sie Erschien um so größer, als die beiden Monarchen sich sogar in der Haar- und Darttracht nicht voneinander unterschieden, und ein Witzblatt mach.e daraus einen
spannend fern muß. Lind hier, — im Vordergrund die breithpigen Fischer und Matrosen, im Hintergrund das tintenblaue Meer mit ten blassen Konturen der im Sonnendunst schimmernden Inseln, — be,intet sich „das Cafä". dessen einziger, treuer Stammgast ich zur Zell bin. Hier trinke ich nachmittags meinen schwarzen Ka.fee, rauche eine Zigarette und lese die Zeitung. Diese Zeitung ist meine einzige Verbindung mit ter Welt. Da sie aber in einer fremden Sprache gedruckt ist, (in welcher, das verrate ich nicht!) bringt alles, was da draußen geschieht, merkwürdig und angenehm gedämpft, wie hinter einer dicken, dicken Glasscheibe, in mein Bewußtsein. Sensal ions-Prvzeste, Ministerkrisen, Parteigezänk, — es ist überall dasselbe, aber in ter fremden Sprache.klingt es unwirklich, geheimnisvoll, wie in eine traumhafte Sphäre entrückt, älnd ist dieser ganze Ort, dieser Platz mit ten weißen Broten und fächerartigen Palmen, mit ten dunkelhäutigen Fischern und dem jetzt flaschengrün, silbern und rosig, wie Perlmutter flimmerndem Meer nicht ein Traum, eine Theaterkulisse, — zu schön, um toirtldj zu sein?!
Weiße Segeldreiecke ziehen über den nur leicht gekräuselten Spiegel. Ganz weit am Horizont taucht dann und wann die braune Rauchfcchne eines Ozeandampfers auf und versinkt wieder in ter stlnendlichkell. Hier legt kein Dampfer an. Rur einmal kamen Segelschiffe, mächtige Dreimaster, und hielten draußen, am äußeren Rande der Ducht, wo der Heine Fluß sich zwischen flachen Sandbänken in das Meer ergießt, lieber Holzböcke wurden schmale Dretter vom Schiff ans Land gelegt, mulattenbraune Durschen mit verwegenen Gesichtern, nur von losen, flatternden Hemden bekleidet, rannten über ten schwankenden Steg ans Land, und wieder vom Land aufs Schiff, spitze, geflochtene Körbe auf den Schultern, die sie mit gelbem Sand füllten und auf dem Schiff ausleerten. Alles ging mit affenartiger Geschwindigkeit vor sich und sah aus. als plünderten hier Piraten. Ater es gibt hier noch viel Sand, und die Drandung spüll immer neue Schätze ans Ufer, so daß wir unS nicht zu ängstigen brauchen. Gegen Abend segelten die Piraten mit schwer bratenen Schiffen ins offene Meer hinaus.
Die Sonne fällt schnell, wie ein Stein, hinter die Derge, und schnell, wie ein schwarzer Vorhang, sinkt die Rächt über daS Meer. In zehn Minuten findet völliger Szenenwechsel statt: Sterne am Himmel, Lichter an ter Mole blitzen
auf, die Laternen werfen die zackigen Schatten der Palmbüschel auf die Straße, eisig weht es, tote aus einem Keller. Aus der Fischerkneipe schmettert ein altes Grammophon einen Tanzschlager. Eine Weiche, volle Männerstimme nimmt die Melodie auf und trägt sie durch die nächtliche Gasse. Zigaretten glühen in ter Dunkelheit, Pärchen schlendern vorbei, Mädchengelächter flattert. Liebe hier, wie überall, aber unbeschwerter, unbekümmerter, wie mir scheint, als unter nordischem Himmel, unter Regenwolken und grauem, drückenden Rebel.
Entronnen dem Rebel, dem Regen, der Post. Da komme ich am kleinen Postgebäude vorbei, bas merkwürdig spitz, wie eine Theaterkulisse, zwischen zwei Straßen dasteht, — und es zuckt durch meinen Kopf: ob wohl dort Briefe für mich liegen? Schon der Gedanke ist beunruhigend.
Schnell gehe ich noch einmal an ten Strand, fe£e den weißen Schaum der Brandung im schwachen Licht der Laternen aufleuchten und versinken, höre das Auf und Rieder ter sich überschlagenden Wellen kämme, dieses Brausen, das feit Jahrtausenden braust, älnd in mein Zimmer zurückgekehrt, höre ich noch im Halb« schlaf den gleichmäßigen Atem des Meeres, zeitlos und urwelthaft. und schlafe beruhigt ein.
Kinderiuschkasten.
Don Wolf Zucker.
Aus dem lange nicht geöffneten Schrank fällt einem plötzlich eine schmale schwarze Dlechschachtel entgegen, ter Farbkasten einer vergangenen Zeit. An vielen Stellen ist ter schwarze Lack abge- stohen, und das silberne Metall schimmert hindurch, bas Zeichen einer im Gebrauch erlangten Ehrwürdigkeit, und zugleich die Verheißung emes geheimnisvollen Innern. Hnb wenn man ten Deckel aufschlägt — er klemmt ein wenig am Rande —, so leuchten einem die Heinen eefigen Farbtäfelchen in jener Intensität und Geordnet - hell entgegen, die es nur damals gab, und die, wer weih wann, auf immer verlorenging. Es sind fünfzehn Täfelchen, aber diese fünfen genügten, um die ganze Farbigkeit einer Well, einer ÄintertoeÜ, toietenugeten. Gin Blau, ein Rot, ein Grün und ein Gelb — es waren starke, eindeutige Färbern und es war auch keineswegs bedenklich, diese Farben unvermischt, absolut und kontrastreich nebeneinander aufs Papier zu fetzen. Was bedurfte es damals ter vielen Differenzier
hübschen illustrierten Scherz, intern es Wilhelm II. beim Eintritt eines feiner beiden Q3ettem fragen ließ: „Ist das nun ter Zar oder ter ÄingT' 3m übrigen hatte auch diese Heirat wieder eine neue, enge Verbindung zwischen zwei ter ältesten europäische Fürstenfamilien geschaf- fen, intern ein Sproß bä uralten Welf en- hauses, der Herzog von Braunschweig und Lüneburg, Enkll des letzten Königs von Hanno- ver, eine Hohenzollernprinzessln, dia einzige Tochter Wilhelnrs II.. hcimführ.e. Weitere verwandtschastliche Verbindungen des britischen Fürstenhauses führen nach Rumänien, imb zwar durch die verwitwete Königin Maria, die Gattin des verstorbenen Königs Efcr- dinand, die eine Tochter des Herzogs von Edinburgh. eines Bruders von Eduard VII., ist. Sie galt in ihrer Jugend unter ben vielen schönen Frauen coburgischen Gcklüts als die schönste. Englischen Geblüts, und zwar eine geborene Prln* zessin ©na von Battenberg, in Wirklichkeit natürlich ebenso teu'sch von Abstammung wie das ganze englische Königshaus, ist auch die gegenwärtige Königin von Spanien, wie auch mit dem schwedischen Hof eine enge Verbindung besteht. Denn ter Kronprinz Gustav Adolf von Schweden war in erster Ehe mit Margarete, Tochter des Herzogs von Con- naught, eines Sohnes ter Königin Viktoria, und er ist in zweiter Che mit der Prinzessin Luise von Battenberg verheiratet.
George Croppen.
Das Giraßsnbahnprojekt Gießen — Wieseck.
Die Vertreter der Gemeinde Wieseck bet den Straßenbahnverhandlungen mit Gießen . Bürgermeister S ch o m b e r und die Gemeinteräte Benner und Werner, haben unS auf unseren Artllel in Rr. 284 vom 3. Dezember eine Erwiderung zugehen lassen, die wir am Montag im Wortlaut zur Kenntnis unserer Leser brachten. Wir haben dazu folgendes zu bemerken:
2m Verlaufe der bisherigen Erörterungen über die Str aßen bahnfvage Gießen-—Wieseck haben wir mehrfach mit Bedauern vermerkt, daß in dieser Angelegenhell trotz wiederholter Versuche noch kein positives Ergebnis erzielt wecken konnte. Wir haben dabei im Jahre 1925 vor allem an der Stellungnahme der Gießener Unterhändler Krllll geübt, da uns das damalige Verhalten der maßgebende), Gießener Stellen taktisch nicht richtig und sachlich nicht förderlich für die Lösung des bedeutsamen Problems erschien, daS damals schon bei glücklicherem Verhalten auf beiden Sei en hülle zum Abschluß gebrecht werten können. Wenn uns nun jetzt, wo wir unsere kritischen Aeuherungen gegen die Wieseckeu Verhandlungspartner richten müssen, von diesen der Vorwurf ter Einseitigkeit gemacht wird, so ergibt sich auf Grund unserer bisherigen Stellungnahme in dieser ganzen Frage, daß dieser Vorwurf durchaus abwegig ist.
Die oben genannten Wwsecker Bevollmächtigten versuchen in ih.er Erwiderung weiter, die bisherige Geschäftsführung deL Zweckverbandes Wieseck—Alten-Duseck in bezug auf die Abschreibungen zu rechtfertigen. Sie erllären, daß es ihnen neben der Finanzierung eines Wagenkaufes im Betrage von 27 000 Mk. aus laufenden Detriebsrnitleln nicht möglich gewesen sei, auch noch Abschreibungen vorzunehmen; in Berlin oder Hamburg könne das möglich fein, sonst aber nicht. Hierzu möchten wir bemerken, daß es in jedem Betriebe mit geordneter kaufmännischer Führung eine wirtschaftliche Notwendigkeit ist, Abschreibungen vorzunehmen. Es ist doch ohne weiteres einleuchtend, daß sich daS Material — und zumal bei einem Autobetrieb! — von Jahr zu Iichr in seinem Werte verringert. Diese Wertminderung mutz selbstverständlich, auch wenn Reuanschaffungen aus laufenden Mllteln finanziert werden, ihren Ausdruck finden in einer jährlich sinkenden buchmäßigen Bewertung der Betriebsmittel.
rungen, der Stufen und Abschattierungen, zwischen den einzelnen Facken? Bäume sind grün und Dächer rot, dieses stand fest; unb woll < man ein Dach malen, so nahm man das Rot, das ter schmale Tuschkasten eben bot Es war schön, mit so wenig Farben auskommen zu können, und ter große Pastellkasten mit seinen vielen hundert Stiften, den man irgerrdwo sah, war nur verwirrend, undeutlich und die Harmonie jener kräftig rot, blau, grün, gelben Well zerstörend.
Geheimnisse gab es genug im Tuschkasten. Tor man Rot und Blau zusammen, so tourte daraus ein starkes Violett, ein Violett, das weihnachtliches Seitenpapier mit Ostereiern gemeinsam hatte; und Blau und Gelb zusammen wurde allemal Grün. Aber es gab auch ein eigenes, ungemischtes Grün im Kasten, ilnb auf ter etwas elastischen Oberfläche des Täfelchens, das meist in der Mitte des Kastens lag, klebte ein Zettel mll toten Buchstaben: Gift! Das Gift im eigenen Tuschkasten war eine geheimnisvolle Drohung, für andere, vielleicht sogar die Erwachsenen, und auch für einen selber. Es bedeutete Gefahr imb Lockung, Oebamih'ein und Macht.
2£ber mehr noch des Geheimnisvollen war da: zwei Schälchen mit Gold und SiLer an ten beiden Schmalseiten des Kastens, älnd um ihrer Besonderheit willen, weil doch Gold und Silber zugleich weniger und mehr als Sorten waren, hatte man ten Schälchen eine runte Form gc* geben. Damals schon wußte man, daß Gold und Silber eigentlich keine Facken sind, und man gebrauchte sie mit einem vor Aufregung fast trockenen Prnsel nur verstohlen, für einen Helm vielleicht oder ein Glänzendmetallenes. Unb wenn dann das Blatt, das man getuscht hatte, fertig toar, so lag es etwas verbogen von ten manchmal $u nassen Pinselstrichen auf tem Tisch. Und während noch das Wasserglas, in dem sich eine unerllärllch schmutzige Flüssigkeit gebildet hatte, aus ter Tischplatte einen unerlaubten Kreis ab- zeichnete, wischte man schon vorsichtig und wre versuchsweise über die stumpfen Gold- und Sil- terstellmr tes fertigen Bildes. Unb siehe da, ein toenig Gold, ein wenig Silber haftete an tem Ringer, vergänglich und doch dauernd wie eine Snnnerung, wie ein Iugenderlebnis. Unb vielleicht ist es ein schwacher Abglanz jenes metallischen StaubeS am Äinterfiuger, ter uns noch letzt manchmal in der Galerie, wenn der Wächter rächt hinsieht, lockt, über ein Glänzendes, etn StarkfarblgeS auf einem Bäte sanft mit dem Srnger zu fahren.


