Ur.267 Zweftrs Blatt
Gowjeirußlands Lockrufe an das Ausland.
Don E. Muckden.
Der Zwiespalt, der die Wirtschaft der Sowjetunion bauend) in einem anormalen Zustand erstatt, haftet ihr im Grunde seit der Oktoberrevolution selbst an: es ist der Zwiespalt zwischen der sozialisierten Industrie und der rechtlich zwar glcichsalls sozialisierten, tatsächlich aber auf privatwirtschaftlichen Grund- lagen ruhenden Landwirtschaft. Alles, was seither in der innerrussischen Wirtschaft geschah, ist nichts anderes als ewiger Kampf zwischen diesen beiden entgegengesetzten Prinzipien, unterbrochen nur durch Perioden des Scheinfriedens. Warum dabei die Hauptsorge der Sowjetlenker nicht der Pflege der Landwirtschaft, die ja doch die natürliche Grundlage der ganzen russischen Wirtschaft ist, sondern der Industrie galt und noch gilt, ist klar: die sozialisierte Industrie wird als Bollwerk des russischen Sozialismus angesehen. In der Tat könnte die Industrie zu einer Lösung der russischen Wirtschaft führen, gelänge es ihr, von der Bauernschaft benötigte Waren zu billigen Preisen auf den Markt zu werfen, es würde zu einer Versöhnung zwischen diesen beiden Streitparteien: den Kommunisten und den Dauern führen. Der Zustand der Sowjetindustrie kann daher füglich als der Gradmesser der russischen Gegenwart und als Symptom der nächsten Zukunft des Sowjetstaates gelten.
Die heroischen Anstrengungen, die die in Sowjetruhland herrschende Partei zur Gesundung der Industrie unternimmt, gehen aus den neuen Veröffentlichungen der Sowjetpresse klar hervor. Die Investitionen in der Industrie haben fast den Betrag von drei Millionen Rubel erreicht: die Einfuhr von industriellen Rohstoffen machte im vergangenen Iahr fast die Hälfte der russischen Gesamteinfuhr aus! Die Einfuhr von Fabrrkausrüstungen bildet fast ein Viertel der Gesamteinfuhr, wobei die deutsche Kredithilfe eine sehr beträchtliche Rolle spielt. Lind dennoch steht die Irrdustrieftage — und damit, wie oben angedeutet. das Gesamtproblem der russischen Volkswirtschaft nach wie vor u n g e l ö st da. Sie Sowjetlenker hüten sich natürlich, dies ofsen auszusprechen. Aber für jeden Llnvoreingenommenen sind auch ihre Taten das untrüglichste Symptom dafür, daß sie selber immer mehr den eigenen Kräften mißtrauen, immer mehr an der Möglichkeit der Lösung verzweifeln.
Es ist durchaus kein Zufall, daß das neuerdings von der Sowjetunion veröffentlichte Konzessionsprogramm zum Brennpunkt der öffentlichen Debatte wurde. Dieses Programm darf man nämlich nicht in eine Linie mit dem Leninschen Konzessionsprogramm stellen. Es geht darüber weit, weit hinaus. Für Lenin stellten die ausländischen Konzessionen nur eine Art L e h r m u st e r dar, deren Erfahrungen sich die sozialisierte Wirtschaft zunutze machen sollte: sie sollten sich vor allem auf die Ausbeutung der Raturschätze Ruhlands beschränken, deren Frutti- fizierung die Kräfte der Sowjetindustrie übersteigt: die industriellen „Kommandvhöhen" sollten von ihnen unberührt bleiben: sie sollten schließlich — wie Lenin übrigens offen ausspricht — aud) einen politis chen Nebenzweck verfolgen: 'Bel der Jagd auf die russischen „Leckerbissen" sollten die bürgerlichen Staaten gegeneinander aufgehetzt undausgespielt und so eine Gesamtfront dieser Staaten gegen die Sowjet-Llnion vereitelt oder zumindest geschwächt werden.
Wie ganz anders stellt sich aber das Kon- zessionsprvgramm der gegenwärtigen Machthaber Rußlands dar! Nicht nur die Bodenschätze im eigentlichen Sinn dieses Wortes: Gold- und Sclberminen, Agrar- und Waldflächen werden dem Ausland dargeboten, sondern ausdrücklich auch mannigfaltige Zweige der verarbeitenden Industrie: Metallurgie, Papier-, Zellulose-, Seiden-, Farben- und Automobllindustrie. Uni) kann man ferner davon sprechen, daß die „Kommandohöhen" nicht in den Streit der An-
Begegnung im Herbst.
Don Will Scheller.
Gelbe Blätter taumeln mit jedem neuen Windstoß über die Dacksteinmaner eines Gartens auf den nassen Asphalt, auf dem ein kleines Mädchen mit nackten Deinen seinen Weg von daheim zur Schule geht — oder von der Schule nach Hause. Eher dieses wohl, denn sein Gang, der Schritt dieses blondgescheitellen Mädchens von acht, neun Iahren ist hüpfend, voll freudiger Lockerheit in den Kniegelenken, über denen der kurze Rock bei jedem der kleinen, heiteren Sprünge hin und her schwenkt. Es ist hübsch, diesem jungen, blütenhaft fröhlichen Gehaben zuzuschauen, da nun das Iahr begonnen hat, all zu werden, unwiderruflich. Mit nackten Deinen unbekümmert durch gelben Blätterfall--das
ist tröstlich anzusehen, das weckt den Wunsch, diesem unscheinbaren, flüchttgen Dild ein „'Verweile doch" zuzurufen, ja, vielleicht gar ein „Du bist so schön" ...
Aber vor dieser lichten, zierlichen, anmutig bewegten Gestalt wandelt, einem losgelösten Schatten vergleichbar, eine andere, dunkel, groß, obwohl gebüdt, schlürfend, als habe das feinen rechten Sinn, zu gehen, hier zu gehen, fröhlichen Hüpfens gar nicht zu gedenken. Da ist ein Havelock, verschossen und schlecht geflickt, da ist ein steifer, einst schwarzer Filzhut, verbeult und verstaubt, da sind Schuhe, unkenntlich vor Schmutz, und Bindfaden schleifen trübselig hinter den schiefest Absätzen einher auf dem nassen Asphalt, auf den mit jedem neuen Windstoß gelbe Blätter herabwirbeln über die rote Backsteinmauer, von drüben, aus dem weiten Garten, in den von ber Straße her niemand hineinsehen kann. Solche Gärten gibt es noch, mitten in der Stadt. Aber sie sind verschlossen, die Well weih nichts von ihnen. Nur in den Tagen, da das Iahr anfängt alt zu werden, machen sie sich, wider Willen gewissermaßen, bemerkbar, da trägt der Wind vergilbte Blätter über die hohe Mauer, und es entstehen draußen, auf dem Asphalt, dem nassen, düster glänzenden. Helle Flecke, und es riecht dabei ein wenig nach Moder.
Das kleine Mädchen kommt mit feinem munteren Tanzschritt schneller voran als der Alte im Havelock. Es kann nicht ausbleiben, daß es ihn überholt. Lind wie es gerade neben ihm
Lietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen)
Montag, s2. November 1928
geböte ans Ausland einbezogen werden, da auch Steinkohle- und Naphtagewrnnung, elak.rische Stationen, ja, eine Reihe wichtiger Eisenbahn- Unten fellgeboten' werden? Wahrlich, ein klareres testimonium paupertatis läßt sich kaum denken. Die Verwirkltchung eines solchen Programms, die ohne Zugeständttisse einer rechtlichen Sonderstellung der Konzessionsunternehmungen undenkbar ist, die also ein halbkoloniales Regime voraussetzt. das an die Erfahrungen Chinas erinnert, würde sogar — eben wie die Erfahrungen Chinas lehren — die Gefahr internationaler Verwicklungen und Konflikte mll der Sowjetunion in sich entrollten — wenn das Ausland wirllich ernst auf dieses neue Konzessionsprogramm ein gehen würde.
Hier — in dem Verhalten des Auslands — liegt der springende Punkt dieses ganzen Problems und damit auch die Antwort auf die Frage der nächsten Zukunft des Sowjetstaates. Die feit der Veröffentlichung des Konzessionsprogrammes in verschiedenen Staaten des Auslands zu G;hör gebrachten Stimmen lassen aber schon jetzt erkennen, tote diese Antwort aus- sallen wird. Die „Daily Retos" hat sogar neuerdings eine Spezialenquete übet die Frage veranstaltet, mit dem Ergebnis, daß alle be ragten britischen Industriellen und Finanziers ein,.im« mig in ihrem ablehnenden Verhalten den Lockrufen der Sowjets gegenüber sind. Die „Agence economique et financierc“, das Hauptorgan der französischen Industriellen, schreibt: „Der neue Beschluß der Sowjetregierung ändert nichts an dem Gesamtkomplex der wirtschaftlichen, rechtlichen und sozialen Bedingungen, die bisher die Arbeit des ausländischen Kapitals in der Sowjetunion verhinderte. . Lieber das reservierte Verhalten der deutschen Industrie und Finanz hat sich die Sowjetprefse selbst neuerdings beklagt. Der Anschluß an den Kellogg-Pakt hat den Sowjetlenlent ebensowenig geholfen. Erst unlängst h.ll Kellogg selbst öffentlich erllärt, daß die „Tätigkeit der Bolschewik" (gemeint ist natürlich die kommunistische Propaganda) keine
Hoffnungen auf die Wiederherstellung normaler Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und Rußland ermöglich:. Gewii, der ame.iranische Clektrizitätslrust h a neae.diugs der Sowjet-Regierung eine Anleihe im 'Betrage von 20 Millionen Dollars auf vier Jahre gewährt. Aber eine solche Anleihe hat natürlich mit langfristigen Kapitalsinvestitionen, wie sie eine Konzession voraussetzt, nichts zu tun.
Dies es einmütig a ble hnc n de Verhallen ist um so bemerkenswerter, als nach einer neuerdings von der „Ekon. Schisn." verössentlichten Liebersicht eine Reihe von ausländischen Kon- gef f i ond Unternehmungen in Rußland Reingewinne von 35 bis 76 Prozent erzielt, als ferner die Sowjetregierung den tünsLigen Konzessionären verschi. bene Vergünsti- g ungen bei der Ein- und Ausfuhr in Aussicht stellt und ihnen keine Einmischung in ihre Lohnpolitik verspricht. Di: überaus intc.efianten Veröffentlichungen Harrimans über seine russischen Erfahrungen lehren freilich das strikteste Gegenteil: man zwang ihn, bedeutend höhere Lohne zu zahlen, als die Sow- jetinbuftrie ihren eigenen Arbeitern auSzahlt, man zwang ihn, AuSlandoilutt» zu einem nachteiligen Kurse zu wechseln, unb man eröffnete schließlich in der nächsten Rachbarscha t seiner Konzession ein Konkurrenzunternehmen, so daß er alles in allem, nach einem Verluste von fast fünf Millionen Dollars, bas Land und die Konzession verlassen mußte. Solche Erfahrungen sind eindrucksvolle.' als i.gend- welche Lockungen. Ihnen, mit anderen Worten, dem allgemeinen Mißtrauen gegen den außerhalb ber sonstigen Weltordnung stehenden Sowjetstaat ist die schon jetzt sich zeigende Ablehnung der Sowjetpläne in erster Linie zuzuschreiben. Die Folge dieser Ablehnung für die nächste Zukunft der Sowjetunion aber wird die sein, daß die Industriekrife bestehen bleiben wird, samt allen ihren wirtschaftlichen und politischen Begleiterscheinungen.
Die Jugend des neuen China.
Don Professor Dr. Hans Driesch, Leipzig.
Das chinesrsche Reich ist feilt altersher von einer flcmen Gruppe Intellektueller geleitet worden unb auch unter den Kaisern setzte sich diese Gruppe in echt demokratischer Weise aus allen Vollsschichten zusammen. Vorrechte der Geburt gab es, abgesehen von der Sonderstellung der Nachkommen des Äungf utf e und soweit die letzte Dynastie (1644 bis 1911) in Frage kommt, der Mandfchu, feit etwa zwei Jahrtausenden nicht mehr: jeder Bauernsohn konnte Mandarrn werden, wenn er die vorgeschrrebenen Examina bestand. Das ist selbstverständlich durch die Re- volutton von 1911 nicht anders geworden: was aber dem Besucher des heuttgen China auf fällt, ist dieses, daß China jetzt vornehmlich von jüngeren Männern, das heißt von Männern bvs etwa zu 40 Iahreir, amtlich und rem intellektuell geleitet wird. Rur unter den Provinzgouverneuren, aber nicht unter Ministern, Professoren, Direktoren usw. trafen wir bei unserem neun- monatlichen Aufenthalt in China (1922 bis 1923) ältere aus der Kaiserzell übernommene Herren an; und auch die chinesischen Gesandten im Auslande sind meist Herren jüngeren Alters. Cs lohnt sich daher, sich mit der Jugend Chinas zu beschäfttgen, und zwar namentlich mit dem intellektuellen Nachwuchs der heute maßgebenden Generation, mit den Studenten.
Rastloses Streben nach vorwärts, das ist der allgemeinste seelische Grundzug dieser jungen Männer — unb Frauen. Die junge (Generation Chinas weiß, was ihr fehlt, und was sie vom „Westen", zu dem auch Amercka gerechnet wird, lernen kann: Naturwissenschaft, kritische Methoden in Geschichte unb Philosophie, Technik. Das teilt sie lernen, und in dieser Hinsicht schätzt sie den Westen, zumal auch deutsche Kultur,
horhüpft unb, eher neugierig als teilnahmsvoll, ihn von der Seite ansieht mit einem schnellen, runden Vogelblick aus reinen, von der Erfahrung noch ungetrübten Augen, da —
Nein, es geschieht eigentlich nichts Besonderes. Der Blick des Mannes hat ba£ Mädchen gar nicht teahrgenommen. Dieser Mensch im Havelock ist einer von denen, die sich gewöhnt haben, nach unten zu schauen, unb da er plötzlich mit dem geübten Auge derer, die immer suchend nach unten sehen, in einer der in ber Mauer befindlichen Ziernischen etwas entdeckt unb mit blitzschnellem Zugriff an sich gerissen: den vom Regen ausgetoeichten Rest eines Butterbrotes, den ein Schullind, bes Frühstücks überdrüssig, dort abgelegt haben mag, mll einer verstohlenen Handbetoegung, Hestern oder vorgestern, ein Mädchen vielleicht tote die Acht- ober Neunjährige, die eben neben ihm geht und, förmlich gebannt, zusieht, wie die alte verdorbene Brotrinde gierig verschlungen wird.
Das kleine Mädchen geht jetzt nicht mehr geradeaus, es geht seitwärts, um diesen Vorgang zu beobachten, angestrengt, mit Fallen in der Stirn. Cs hat aufgehört zu Hüpfen. Seine Augen sind ganz groß geworden, und es ist ein starrer, beinahe furchtsamer Zug in sein Gesicht gekommen wie vom Gefühl eines frembartigen, doch unabweislichen Zwanges. Dann aber ist es, als werde die Furcht Mr Angst, und die Kleine löst sich von bem großen Schatten, der sie gar nicht beachtet hat und gerät unvermittelt in ein wildes Laufen, in ein richtiges Davonlaufen, als ob ein Gespenst hinter ihr her wäre, ein Gespenst ober ein böser Geist.
Weit ist sie ihm schon voraus, der, ohne seinen Gang geändert M haben, dahinschlürft, knickebeinig, den Blick nach unten, da hält sie inne und dreht sich, rückwärts gehend, um. Wie unbewußt hat sie die kleinen Fäuste zum Mund gehobaip wie erschreckte Kinder M tun pflegen, und den Kopf ein wenig geduckt. Dann läuft sie wieder ein paar Schritte, und nun wiederholt sich das Spiel ... Indessen, das ist wohl kein Spiel, was hier vor sich geht, und bem nassen, düster glänzenden, von gelben Blättern gefleckten Asphalt. Denn das kleine Mädchen, das, als die Gnttevnung zwischen ihm und bem Alten im Havelock sich wieder verringert hat, aufs neue ins Laufen geraten ist und nun nicht mehr innehäll, sondern, geradezu gejagt, irgendetwas
rückhaltlos. Bei einigen geht es sogar etwas all- zuschnell mit dem „Fortschrllt", bisweilen will man gar nichts mehr von dem eigenen Guten in der Vergangenheit wissen. Aber das ist doch glücklicherweise die Ausnahme und die besten jungen Chinesen halten an ber großen ethischen Tradition, b. h. an den Lehren Kungfutses unb an manchem aus ber großen LRetaphysik bes Laotse fest.
Eigentlich religiös eingestellt ist ber intellektuelle Chinffe nie gewesen: heute ist er es erst recht nicht. Zum Dubbhismus steht er meist kühl: ist er Christ, so geht ihm mehr bie Ethik bes Christentums, als ferne Dogma ik an. Mit Recht hat schon yrein Vorgänger auf dem Gast- lehrftuhl in Peking, Dertrand Russell, gesagt, daß man bie geistige Haltung des jungen China am besten mll derjenigen Frankreichs in ber zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts vergleichen könne. Also .Aufklärung". Die ist etwas sehr Schönes, wenn sie tief geht. Ich selbst habe mich in meinen Vorlesungen bemüht, sie aus bloßer Mechanist.! unb bloßer AssoziationSlehre in ber Psychologie heraus in bie Tiefe zu führen. Bei oen besten unter ben jungen Chinesen fand ich babei lebhaften Widerhall.
In den Sitten des Alltags ist ber junge Chinese meist durchaus „Chinese" geblieben, unb wirb es sicherlich bleiben. Nur bie Stellung ber bisher ms Haus gebannten Frau wandelt sich, aber bas geschieht langsam. Als Symbol für diese Wandlung kann bas von ber Republik erlassene Verbot ber uralten Fuhverkrüppelung des weiblichen Geschlechtes gelten, ebenso tote für ben männlichen Bürger des neuen China bas Fehlen bes Zopfes in jeder Bezichung, also auch physisch, kennzeichnend ist. Die Beeidung ist bei
Furchtbarem zu entkommen sucht unb schließlich im Men'chmgetoühl einer größeren Straße Der- schwinbet, diese. Kleine sicht nicht so aus, als ob sie rasch toi.ebar in ben harmlos hupfenden Gang aus einer freudigen Lockecheit in den Kniegelenken sich Mrückfinden würde. Hinter bietet Stirn mit ben blonden Haarsträhnen hat sich etwas ereignet, es waren nicht umsonst auf einmal Falten in dieser vordem so klaren, un- vermehrtem Sttrn ... Llebrigens, wer weiß, vielleicht hat sie auch morgen schon alles wieder vergessen. Möglicherweise wird sie es für einen Traum halten und sich schämen, daran zu denken. Lind sie wird noch oft an jener Gartenmauer aus rotem Backstein vorübergchen, und es werden -noch viele Male gelbe Blätter dort auf ihren Weg fallen, che ihr zum Bewußtsein kommt, daß es eine, kann sein, von ihr selbst verworfene^ Brotrinde gewesen ist, die sie zum ersten Male im Leben das große Grauen empfinden ließ. Damals, als sie noch ein ahnungÄoses, nacktbeinig-lustiges Ding war mit einer freudigen Lockerheit in den Kriegelenken.
Denn immer, hinter dem Llnscheinbarsten lauernd, fällt das Grauen den Menschen an, wenn er sich dessen am wenigsten versieht und, Hüpfen» den Schrittes, vorüberschlendert, an einer Gartenmauer, in kleinen Stoßregen gelber Blätter. ... Möglich auch, daß es ihr nie bewußt wird. Würde nicht mancher Re darum beneiden?--
Aber das liegt ja noch so fern! Cs lohnt sich kaum, daran zu benßen, jetzt, ba mit jedem neuen Windstoß gelbe Blätter auf den nassen Asphalt ber Straßen taumeln, aus Gärten, die von hohen Mauern umgeben sind ...
Hochschuluachnchten.
Ber Berliner Historiker, Geheimrat Professor Dr. Hans Delbrück, beging am 11.November seinen 8 0. Geburtstag. Der Gelehrte, der sich durch bie Leitung der „Preußischen Jahrbücher", deren Herausgeber er von 1883 bis 1920 war, Weltruf erworben hat, ist 1848 zu Bergen auf Rügen, als Sohn bes in Greifswald 1867 verstorbenen Appellationsgerichtsrates Dr. ll)erthold Delbrück, geboren. Er studierte Geschichte^ in Heidelberg, Greifswald und Bonn, hauptsächlich unter Karl von Noorden und Heinrich von Syvel. Später beeinflußte ihn haupt- sächllch der Hegelianer Konstantin Röhler. Ihm
fast allen, alt und jung, trotz des Llmichwunges. die alte geblieben, ebenso die Sitten oes Wohnens und Speisens. Nur in den großen Dertrags- häsen, z. D. Schanghai unb Tientsin Eieiben sich viele Chinesen heute europäisch, und gelegentlich finden auch im Innern des Landes zeremonielle Essen auf „westliche" Art statt; so war es z. B. mit ben Staatsessen, welche unS Provinzialgouverneure gaben.
Das alte chinesisch: Theater besteht in seiner Eigenart fort, unb ist auch von bet neuen Jugend sehr geliebt. Daneben .rellich blüht — das Kino.
Besonders wichtig für das Verständnis der heutigen Lage Chinas ist nun ahn: bie Kenntnis ber politischen Einstellung ber chinesischen Jugend. Man farni diese Einstellung kurz unb treffend kennzeichnen mit ben Worten: starkes nationales Bewußtsein, ohne irgendeine aggressive Tendenz. Man ist Chinese, will Chinese bleiben, ttotz aller gern aufgenommenen westlichen Kulturzuflüsse, unb man will als Chinese geachtet und in Ruhe gelassen werden.
Man wird leider nicht in Ruhe gelassen, namentlich n.cht seitens Japans und einig:r europäischer Mächte: ja man to.rb oft geradezu in einer Weise b: handelt, die wenig würdig ist. Nach ledern Kriege, zumal nach b.m Dvxerkr.eg von 1900, hat man China irgendwelche Rechte abgezwungen. Arn deutlichsten zeigt sich das an den sogenannten Settlements unb Concessions in ben großen Hafenstädten. Hier stehen große Stadtbezirke unter europäischer unb japanischer Verwaltung, haben nichichinesische Polizei (Inder, Anamiten usw.). unb alle Rechtsfälle werden hier von nichtchinefischen Gerichtshöfen entschieden. D.s 3um 1. Januar 1923 gab eS auch noch fremde Postämter in China. Diese Sachlage führt, wie gesagt, ost zu für die Chinesen entwürdigenden Zuständen, wie denn z. D. in ben Parks von Schanghai ein Chinese nicht in nationaler Tracht spazierengeh n bars.
Dah die Jugend hier nicht ruhig bleibt, versteht man. Gegen die Niederlassungen und Vorrechte der Fremden richtet sich denn ja auch in erster Linie die heutige „fremdenfeindliche" Bewegung. Sie ist nicht eigentlich gegen die Fremden, sondern gegen bie Llebergriffe der Fremden gerichtet. Wir Deutschen haben ebenso wie bie Russen heitte feine Settlements und Concessions mehr. Wir stehen mit China auf gleich unb gleich. Schon in unserem Buche „Fern-Ost" haben wir gesagt, baß bas ein Vorteil für uns sei, ein Wort, bas von gewissen Kreisen der Auslanddeutschen, in gänzlicher Verkennung der wahren Sachlage, übel ausgenommen wurde. Die Zukunft hat uns aber schnell recht gegeben. Hatten wir doch eben, in ständigem Verkehr mit hochstehenden intellektuellen Chinesen, etwas mehr von der wahren chinesischen Psyche in unseren neun Monaten kennengelernt, als ein Kaufmann, der nie aus Schanghai herauskommt. trotz zwanzigjähriger Anwesenhell von ihr kennenlernen kann.
Ausdrücklich nicht gegen Deutsche richtet sich die heutige Bewegung! Lind wenn man sie sich in viel geringerer Schärfe als gegen Engländer und Japaner gegen die Bürger ber Vereinigten Staaten richtet, so liegt das auch eben daran, dah die Amerikaner nur in sehr geringem Grade Vorrechte in China besessen, jedenfalls nie viel aus d esen gemacht haben. Außerdem hat Qlmciita den Chinesen 13 Hochschulen, zahlreiche Mittelschulen und die glänzende Rockefeller-Medizin- Hochschule in Peking geschenkt. Das erkennt der Chinese gern an, wie benn auch bie ausgezeichnete deutsche Tung-Chi-Jngenieurschule m Wu- fung bei Schanghai gebührend geschätzt wird. Aber mit den amerckanischen. übrigens von den großen Kirchenverbänden, nicht vom Staate ausgehenden Kulturgrünbungen kann eben in China nichts konkurrieren.
Es würde nun aber nicht richtig fein, die heutige Bewegung in China nur aus d:r Feindseligkeit Jung-Chinas gegen Llebergriffe der „Wester" erklären zu wollen, und damit kommen wir noch zu einer weiteren Kennzeichnung von Chinas heutiger Jugend.
China ist seit 1911, wie man weiß, eine demokratische Republik, und zwar eine solche, in der es gar keine Reaktion gibt Kein Mensch denkt an
verdankte Delbrück auch die Erschließung der Geschichtsschreibung Leopold von Rankes in ihrer ganzen Bedeutung. Die Studien Delbrücks wurden durch den Krieg 1870/71 unterbrochen, an dem er als Leutnant der Reserve teilnahm. Delbrück promovierte 1873 und wurde schon im nächsten Jahre mit der Erziehung des Prinzen Waldemar von Preußen, des v.rstorbencn Sohnes Kaiser Friedrichs II!.. betraut. 1881 habilitierte sich Delbrück an der Berliner Llniversität, wo er vier Jahre später zum Extraordinarius unb 1896 zum ordentlichen Professor für neuere Geschichte ernannt wurde. Von 1882 bis 1885 war Delbrück Mitglied des Preußischen Abgeordnetenhauses und 1884 bis 1890 des Reichstages. 1921 trat er in den Ruhestand. Don fernen zahlreichen Werken nennen wir: „Leben beS Feldmarschalls Grafen Neidhardt von Oneifenau" 1880, 4. Aufl. 1921; „Die Perserkriege unb die Buraunder- kriege" 1886; „Die Strategie des Perikles, erläutert durch die Strategie Friedrichs des Großen" 1890; „Friedrich, Äapoleon, Moltke, ältere und neuere Strategie" 1892; „Die Polenfrage" 1894; „Geschichte der Kriegskunst" im Rahmen der politischen Geschichte, 1900 bis 1920. vier Bände; „Die Schlacht im Teutoburger Walde" 1909; „Geist und Masse in der Geschichte" 1912; „Sozialpolitik unb Lln.ernehmertum" 1913; „Re- gierungs- und Dollsw.lle" 1913, 2. Ausl. 1920; «Krieg und Politik 1914 bis 1918". drei Bände; „Bismarcks Erbe" 1915; „Weltgeschichte 1923 bis 1928“, fünf Bände; „Der Stand . der Kriegsschuldfrage" 1924, 2. Ausl. 1925; „Krieg und Politik 1914 bis 1918"; „Dor und nach bem Weltkrieg" 1926.
Anläßlich bes Rektorats'wechsels an ber Frankfurter Universität würbe ber Oberlandesgerichrs- präfibent Ernst Dronke, Dorsitzenber bes Juristi- fchen Prufungsamtes bei bem Oderlanbesgericht, zum Ehrenboktor ber Rechtswissenschaften unb ber Uni» versttätsrat, Senatsprä uent Dr. 'ur. Carl Alken 3um Ehrenmitglieb ber Universität ernannt. — Der burch bie Emeritierung bes Professors O. Knopf an ber Universität Jena crlebigte Lehrstuhl ber Astronomie, oerbunben mit ber Leitung ber Stern- warte unb ber Meteorologischen Anstatt, ist dem a. o. Professor Dr. Heinrich Vogt an ber Heidel- b e r g e r Universität, wissenschaftlichem Hilfsarbeiter an ber Landes-Sternwarte auf dem Königstuhl angeboten worden.


