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Nr. 267 Erstes Blaff

178. Jahrgang

Montag, 12. November 1928

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Gießener Familienbiätle, Heimat im Bild Die Scholle

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General-Anzeiger für Oberhessen

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Thefredakteur

Dr. Friedr. Wilh Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr Wilh Lange für Feuilleton Dr H.THyriot, für den übrigen Teil Ernst Dlumfchein; für den An» zeigenteil Kurt Hivmann. sämtlich in Gießen.

Kampf um Ostgalizien.

Polen gegen die Ukrainer.

Don unserer Berliner Redaktion.

Berlin. 11. Rov. 3n den Straßen Lem­bergs ist es vor wenigen Tagen xu sehr blutigen Zusammenstößen zwischen Polen und Ukrainern gekommen, die die Ver- hältnisse in Ostgalizien schlaglichtartig beleuchten. Als nach dem Zusammenbruch der Mittelmächte den Dollern versprochen wurde, daß sie selbst über Ihr z^rkmrftiges Schicksal bestimmen sollten, ba glaubten auch die West Ukrainer, daß di« Stunde ihrer Erlösung geschlagen habe. Die ukrainischen Militärvrganisationen, die damals in Lemberg standen, verlangten die Vertreibung oder Entwaffnung der polnischen Freischärler. Am 1. Rovember 1918 kam es zu sehr blutigen Kämpfen in der Stadt, in denen die Polen den Kürzeren zogen. Sie muhten sich aus Lem­berg zurückziehen . . . aber die Polen waren die Schützlinge der Entente, und ihren Diplomaten gelang es, den unbedingten Bei­stand Frankreichs für ihre keineswegs gerechte Sache zu erhalten. Die polnische, gut ausgerüstete Armee des DeHerals Haller, die in Frank­reich stand, wurde nach Lemberg gesandt. Aus Mangel an Waffen und Munition mußten sich die llkrainer unter fortdauernden Kämpfen a u f Kiew zurückziehen. Run gelang es Polen, von frm Ententemächten, ungeachtet aller Pro­teste der Ukrainer, ein Mandat über O st - galizien zu erhalten und im gailzen Gebiet eine Schreckensherrschaft zu errichten. Die ilfrai- ner fügten sich nicht willig der polnischen Unter­drückung, 1922 brach ein Aufstand gegen die polnischen Unterdrücker aus, dec niedergerungen tourbc und für den Hunderte von Ukrainern am Galgen büßen muhten.

Der Gegensatz zwischen Ukrainern und Polen hat schon zur österreichischen Zeit in Ostgalizien bestanden. Die österreichische Regie­rung bevorzugte im allgemeinen die polnischen Großgrundbesitzer, aber dennoch wurden die IHrainer niemals derartig vergewaltigt, wie das heute der Fall ist. Es gibt zwar eine ukrainische Universität in Lemberg, aber alle Unabhängig- kelt^cstrebungen, selbst das Verlangen nach einer gemäßigten Autononne, werden von den Polen rücksichtslos unterdrückt. Das Zentrum der ukrai­nischen Bildung ist von jeher in Galizien ge­wesen. Don dort aus breitete ste sich über die damals russische Ukraine aus, die erst weit später zum Rati^no/bewuhtsein erwachte. Das Hetman-Reich u' e. General Skoropadskh, das während des Weltkrieges von den Mittel­mächten geschaffen wurde, und dann die Herr­schaft des Ataman P e t l j u r a sorgten dafür, daß das Selbstandigleitsverlangen auch in der früher russischen Ukraine immer mehr an Boden gewann.

Heute, seit die russische Ukraine einen Be­standteil der Sowjetunion bildet, mehren sich die Gegensätze zwischen Grvßrufsen und Kleinrussen, und es ist keineswegs ein Geheimnis, daß die Sowjetukraine nichts dagegen einzuwenden hätte, einen von Moskau unabhängigen Staat zu bil­den. Es heißt, daß in den Kanzleien von War­schau und von Bukarest auf eine LoStren- nung der Ukraine von Rußland hin- gearbeitet wird. Wie weit diese Pläne in Wirk­lichkeit gediehen sind, läßt sich heute nicht mit 'Bestimmtheit sagen. Wenn es in der russischen Ukraine auch gewisse Kreise geben mag, die sich auf Polen stützen wollen, so sind doch die Gegen­sätze zwischen Polen und Hfrainern in Ostgalizien derartig zugespitzt, daß sie sich kaum werden überbrücken lassen. Das Blut, das in den Stra­ßen Lembergs geflossen ist, wird diese Gegensätze noch mehr verschärfen. Die Polen verstehen es nicht, fremde Doller, die unter ihrer Herrschaft seufzen, zu versöhnen, sie besitzen heute die äleber- macht in Cemberg, aber sie müssen sich hüten, das ukrainische RationalempfinLen zu verletzen. Die geDblaue Fahne der Ukrainer hat in Lem­berg Heimatsrechle, und die im Kamps um ihre Unabhängigkeit gefallenen Ukrainer haben An­spruch darauf, daß sie von ihren Volksgenossen als Helden verehrt werden. Das dürfen die Polen nicht vergessen, wenn sie eine Befriedung in Ostgalizien wünschen.

Eine polnische Provokation.

Flaggenkouflikt mit Danzig.

Danzig, 10. Nov. (WTB.) Die polnische Eisenbahn Verwaltung hat auf Weisung des Verkehrsministeriums anläßlich der polnischen Staatsgründungsfeier die Bahnhofsgebäude der Grenzbahnhöfe und der Hauptstrecke Hohenstein- Danzig-Zoppot beflaggen lassen und im Eisen­bahnverkehr der Freien Stadt Danzig, mit Äus- nayrne des Vorortverkehrs und einiger Züge nach Marienburg, die Lokomotiven ebenfalls m i t Flaggenschmuck versehen. Der Senat, der erst am 8. November von der bevorstehenden Be­flaggung erfuhr, hat daraufhin sofort bei der diplo­matischen Vertretung der Republik Polen Vor­stellungen erhoben und u. a. darauf hingewie­sen daß die beabsichtigten Maßnahmen der Eisen- bahnverwaltung die Empfindungen der Danziger Bevölkerung verletzen müs- sen. Da der Senat auf seine Vorstellungen am 9.November mittags einen in der Hauptsache ab« chlägiaen Bescheid erhalten hat, yat er der »wlomattsthen Vertretung der Republik Polen einen christlichen Protest übermittelt und Abschrift da­von dem Hohen Kommissar des Völker­bundes zugestellt.

Oawesplan und Landwirtschaft.

Hugenberg über die kommenden Reparationsverhandlungen.

Berlin, 11. Nov. (WTB.) Der Vorstand des Landwirtschaftlichen Reichsausschusses der Deutschnationalen Volkspartei begann im Reichs­tag eine Versammlung, die der Erörterung land­wirtschaftlicher Fragen gilt. Nachdem der Vor­sitzende, Reichstagsabgeordneter Thomsen, fest­gestellt hatte, daß die letzten Wahlen für die Deutschnationale Volkspartei infolge mangelhafter Verbindung zwischen der Parteileitung und land­wirtschaftlichen Organisationen zu einer Nieder­lage geführt haben, und daß ein Parlament auf berufsständischer Grundlage nicht die großen poli­tischen Aufgaben leisten rann, die die Zeit stelle, nahm der Parteivorsitzende, Hugenberg, das Wort zu einem umfassenden Referat über die wirtschaftliche Notlage der Landwirtschaft und die Möglichkeiten einer Hilfe, wobei er u. a. folgendes aus führte: Es sind drei große Fragen, die vor allem gelöst werden müssen. Die erste ist die Kreditfrage, die Frage deS deut­schen Realkreditzinsfußes, die in man­chen Beziehungen mit der Dawesfrage zrr- sammcnhängt. Wir sind in diesem Punkte ganz rm Widerspruch zu der sonstigen ungesunden Neigung, alles von Staats wegen ordnen zu wollen sozusagen Fatalisten und lassen alles kampflos über uns ergehen. Aber ich bin über­zeugt, daß eS nicht mit Ginzellvediten, sondern mit einer grundsätzlichen Anfassung der Frage sehr wohl erreichbar ist, diesen wirt­schaftlichen Krebsschaden zu heilen oder zum min­desten wesentlich abzumildern.

Die zweite große Frage ist die der wirt­schaftlichen Selb st Verwaltung der Landwirtschaft. Alle anderen Berufe und Grup­pen haben ihre Syndikate, Kartelle, Derkaufs- und Ankaufsvereinigungen, Gewerkschaften usw., nur die Landwirtschaft hat es zu etwas Gleich­wertigem nicht gebracht. Das Reich muß hier helfen. Hilfe erfährt ste jedoch damit nur dann, wenn das, was aufgebaut wird, ihrer freien Selbstverwaltung unterstellt wird. Das will die Demokratie aller Schattierungen nicht. So hangt das Schicksal der Landwirtschaft an der Politik, an uns.

Das gleiche gilt für die dritte, die wichtigste Frage, diejenige des handelspolitischen Schuhes und damtt der Rentabilität der Landwirtschaft. Es wird alles vergblich sein, wenn auf diesem Gebiete nicht eine wirkliche Verständigung zwischen den Nächstbetrostenen, Industrie und Landwirtschaft, stattfindet. Das eigene Interesse der Industrie fordert dies. Ich bin gewiß, daß die Landwirtschaft sich heute darüber llar ist, daß es sich in letzter Linie darum handelt, einen politischen Zustand her- zustellen, in dein es wieder die Möglichkeit gibt, den erwähnten drei großen Lebensbedürfnissen der Landwirtschaft wirklich und wirksam Rech­nung zu tragen. Es schien einmal, als wenn der Dawes-Vertrag die Landwirtschaft schone und daher für sie nicht so schlimm sei. Das praktische Ergebnis der Entwicklung war ein ungeheurer Druck der auslän­dischen Agrareinfuhr auf die heimische Landwirtschaft. Die Landwirtschaft wurde un­ter dem Einflüsse der ReparationSPolitll bis aufs Hemd ausgezogen. Lind doch wenn es jetzt heißt, daß Frankreich und England den Transferschutz aufheben und die Reparattons- lastenkommerzialisieren" wollen, so weih die Landwirtschaft ganz genau, daß sie das a b - lehnen muß, ebenso wie das ganze deutsche Doll eine solche Art von Revision des Dawes- Vertrages ablehnen muß. Es bedeutet für sie wie für das ganze deutsche Voll nicht das Ende, sondern die Fortsetzung, ja Verschärfung dieser furchtbaren Entwicklung.

Hätten wir keine Reparationen zu zahlen brau­chen, so wäre der Kreditbedarf der deutschen Wirtschaft nicht so groß und deshalb auch unser Zinsfuß nicht so hoch gewesen. Es wider­spricht dem Dawesvertrage, wenn fort und fort Transferzahlungen stattfinden. Der Repa- rattonsagent Parker Gilbert mußte, wenn ich feine Lage richtig beurteile, eine recht unange­nehme 3eit innerlichen Unbehagens durchmachen, als er entsprechend dem machtbewuhten Ver­langen der Hauptgläubigermächte weiter und weiter den Dawesvertraa in der geschehenen Weise handhaben mußte. Ich verstehe es, daß er als ehrlicher Mann aus dieser Zwangslage einen Ausweg suchte den einzigen Ausweg, den es für ihn gab, nämlich den der Aenderung (Revision") des Vertrages. Für die Art, wie diese Aenderung vvrgenommen wird, ist nicht mehr der Reparationsagent in erster Linie ver­antwortlich sondern die Mächte, d. h. zunächst

Amerika, das sich zurückhält, weiter Frank­reich und England. Beide sehen, daß eine faire Handhabung des Dawesplanes in kürzester Fritz die Reparationszahlungen würde aufhören lassen. Daher wollen sie den Vertrag in ihrem Sinne geändert haben. Endlich Deutschland. Wenn Deutschland bei der heutigen Sachlage zu- ftimmt, daß sein einziger Schuh beseitigt wird, daß die Zahlungen an Frans reich und England munter weiterfließen daß Parker Gilbert durch Deutschland selbst aus der llnbequemlich- feit seines Gewissens befreit wird nun ja,

wer sollte dann berufen sein, für Deutschland zu sorgen? Es ist in solcher Lage die verdammte Pflicht und Schuldigkeit einer verantwortungs­bewußten Opposition, alle Hebel anzusehen, um das eigene Volk vor einem neuen Verstlavungs- afte, vor einer neuen Inflation, vor neuen Sanktionen und Besetzungen im Westen und im Osten, vor der Bestimmung als Schlachtfeld der Welt zu bewahren. Ich denke, die gesamte Land­wirtschaft aller Parteien wird dabei auf unserer Seite stehen.

poincares neues Kabinett.

Paris, 11.Nov. (DTB.) Die Beratungen poln- cares mit feinen ehemaligen Ministern, die ein Mandat in feinem neuen Kabinett anzunehmen sich bereit erklärten, waren um 18.30 llhr beendet, ha- oas gibt folgende M i n i ft e 11 i ft e aus: Ministerpräsident ohne Portefeuille: poincare

(Kcpubl. Vereinigung).

Finanzen: Cheron.

Justiz: V a r t h o u.

Außenministerium: B r i a n d. Innenministerium: T a r d i e u. Krieg: P a i n l e o e.

Marine: Leygues. handel: Bonnesous. Oeffenkliche Arbeiten: J o r g e o f. Arbeit: £ o u d) e u r.

Unterricht: Märrand.

Luftfahrt: Laurent Lynac.

Landwirtschaft: Jean Hennessy (französischer Ge­sandter in Bern).

Kolonien: Maginok.

Pensionen: A n t L r i o n.

Der Präsident der Republik hat am Abend die Ernennnngsdekrete für die Mitglieder des neuen Kabinetts Poincare unterzeichnet. Ein erster kurzer Ministerrat hat bereits am Abend im Elyfee stattgefunden. Der erste Kabinettsrat tritt morgen zusammen. Am Donnerstag wird das neue Kabinett mit der Regierungserklärung vor das Parlament treten.

Oie Absage der Radikalen.

Paris, 10. Nov. (WTD.) In der entschei­denden Fraktionssihung der Radikalen mach­ten sich zwei Tendenzen bemerkbar. Der eine Teil betrachtet die ZugeständnissePvincarös, die er teilweise gemäß den Forderungen des Kon­gresses von Angers gemacht hat (Prüfung einer Herabsetzung der Kredite für Befestigungsbauten, einmütige Bestätigung der von Briand in Genf betriebenen Außenpolitik, wie sie sich aus den Locarno-Verträgen ergibt, in der Regierungs­erklärung, Herausnahme der Artikel 70 und 71 aus dem Budget betreffend die religiösen Ordens­gesellschaften zwecks Vorlage eines besonderen Gesetzentwurfes), als ausreichend. Der an­dere Teil, vertreten in erster Linie durch den Ab­geordneten M o n t i g n y, bestand aus r e st l o s e r Erfüllung des Programms von Angers. Die Fraktion beauftragte schließlich, ohne einen «m- heitlichen Beschluß gefaßt zu haben, den Abgeord­neten M a l v y, bei Poincare noch einmal zu ver­suchen, weitere Zugeständnisse gemäß dem Programm von Angers zu erhalten und ihm die grundsätzliche Abneigung der Partei mit­zuteilen, mit der Gruppe Marin in der Regie­rung zusammen zu arbeiten.

Malvhs Sendung blieb jedoch ohne Erfolg. Der Vorsitzende der Partei, Daladier, er- klärte, weder hinsichtlich der Zusammensetzung noch hinsichtlich des Programms des geplan­ten Kabinetts Poincares sei den Forderungen der radikalen Partei Genüge getan. Eine Auf­nahme der Artikel über die Ordensgesellschaften in die Zusahkredite für den Monat Dezember, toie sie Poincare in Aussicht gestellt hatte, sei un­möglich Weiter habe Poincar6 einem Mitglied der Gruppe Marin ein Portefeuille angeboten. Das sei für die Radikalen ebenso unannehmbar wie die Zusammenarbeit mit M a g i n v t als Minister. Daladier schloß: Wir müssen Poin- car6 jede Unter st ützung verweigern, die Entschließung des Parteitages von Angers macht uns das zur Pflicht. Dieser Standpunkt Daladiers wurde von zwei Dritteln der an­wesenden Mitglieder gebilligt. Daraus bat dann Poincare fein neues Kabinett in der oben

mitgetcilten Zusammensetzung, also ohne die Ra­dikalen, gebildet.

EineAuswndreifepoincares?

Paris, ll.Rov. (WB.) 3m Hinblick auf die Tatsache, daß Poincare an dem neuen Kabinett außer dem Vorsitz kein Portefeuille übernimmt, wurde der Ministerpräsident beim ver­lassen des Finanzministeriums von Pressevertretern gefragt, ob er beabsichtige, Paris zu verlassen und eineReiseanzutreten. Poincars antwortete, wie dieAgence havas" berichtet, hieraus:Die Möglichkeit einer Reise braucht nicht ausgcschattct zu werden." Als die Presseverkreier, um Poincarö zu einer genaueren Auskunft zu veranlassen, gefragt hätten:vielleicht werden Sie nach Berlin fah­ren?" habe Poincarö eine ausweichende Geste gemacht.

Erstes Echo der presse.

Paris, 11.Nov. Die Bildung des neuen Kabi­netts PoincarS, die im Laufe des gestrigen Nach­mittags mit fieberhafter Eile durchgeführt wurde, wird nur von einem Teile der Presse mit Begeisterung ausgenommen. Ein Teil will das neue Ministerium nur nach seinen Handlungen beurteilen. Ein Teil der Linkspresse kündigt jedoch bereits sachliche Opposition an.Matin" schreibt: Das Ministerium erstreckt sich von der Fraktion Marin bis zu den Sozialrepubli­kanern. Es kann zum wenigsten mit 350 Stimmen rechnen, das reicht durchaus zum Regieren.

Die Presse des Parfümfabrikanten Coth, der konservattveFigaro" und derGaulois". empftndet eine gewisse Schadenfreude darüber, daß di« Radikalen dem Kabinett angeboren und erwartet, daß die neue Regierung eine wahr- hafte Regierung nationaler Eini­gung sein werde.O e u v r e" undQuo - tidien" (radikal) behalten sich ihre Stellung­nahme vor. Ablehnend verhält sichEre No­velle", die schreibt: Dieses Ministerium ist ohne die Linke gebildet worden. Wir finden in ihm diejenigen, die seit Jahren unaufhörlich die Re­publikaner bekämpft unb verleumdet haben. Der Geist der Besiegten vom 11. Mai 1924 hat über den Beratungen dieser letzten 24 Stunden ge­standen.

V o l o n t schreibt, die politischen Ereig­nisse dieser letzten Woche waren beträchtlich. Die Nationale Einigung dieser Kadaver, dem einige Leben einhauchen wollten, ist zu Grabe getragen Der Poincare-Mythos ist zusammengebrochen. Der sozialistische »Populaire" fragt: Was ist ein Ministerium Poincare ohne die Radikalen? Das ist nicht einmal mehr die Nattonale Eini­gung, das ist der Nationale Block. Das GewerkschaftsblattLe Peuple" sagt: Wie farm man annehmen, daß di« neue Kombination leben kann, da sie nicht nur die Opposition der äußersten Linken, sondern auch grundsätzlich die der ganzen Radikalen Fraktion gegen sich hat?

Das einzige Blatt, das sich mit den außen­politischen Aufgaben des neuen Kabinetts beschäftigt, das von ihm im übrigen gebilligt wird, ist dasEcho de Paris". Es schreibt: Die Beibehaltung PoincarßS an der Spitze des Kabinetts ist ein europäisches Ver­halten. Seit September sind die Verhand­lungen im Gange, die zur Rheinlandräu­mung und aur Regelung der Repar ations - frage führen werden. Die Sicherheit Frankreichs wird zu erörtern sein und die Frage, ob Frankreich das Rheinland aufgeben werde, ohne Garantien gegen die Einverleibung Oesterreichs in Deutschland. Das Reparations­problem aber selbst kann nur eine annehmbare Lösung finden, wenn man auf französischer Seite die größte Festigkeit betoeist."

Deutsch-rumänische Einigung.

Ein Abkommen über die Finanz- und Eigentumsfragen unterzeichnet.

Berlin, 10. Nov. (WTB.) Die deutsch- rumänischen Verhandlungen zur Beilegung der finanziellen Streitfragen zwischen den beiden Ländern sind zum Abschluß gekommen. Ein Ab­kommen ist darüber zwischen der deutschen und der rumänischen Delegation am 10. November im Auswärtigen Amt unterzeichnet worden. Der wesentliche Inhalt ist, daß Deutschland an Ru­mänien ein« Summe von 7 6,5 QÄUIift*'

nen in vier Jahresraten zahlen wird, während Rumänien das noch nicht liquidierte deutsche Eigentum inRumänien frei- g ibt und den An leihedienst für nicht ab­gestempelte rumänische Vorkriegsrenten nach einem bestimmten Plan wieder aufnimmt. Die Einzelheiten dieses Anleiheplanes werden ge­sondert bekanntgegeben. Gleichzeitig erklärt die rumänische Regierung, daß mit diesem Abkommen alle deutsch-rumänischen finanziellen Streitfragen erledigt ftnb, insbesondere die von Rumänien bisher gestellten Ansprüche wegen der Banca- Generala-Noten, die während der Be­setzung Rumäniens von deutschen Stellen

ausgegeben worden sind, ferner die An­sprüche aus dem Bukarester Frieden, ebenso die gegen die Reichsbank wegen verschiedener Depots erhobenen Ansprüche. Außerdem verzichtet Rumänien auf die Anwendung des befannien § 18 der Anlage II zu Teil VIII des Vertrages von Versailles, in dem bekanntlich das Recht Vorbehalten ist, unter bestimmten Voraussetzungen das deutsche Eigentum zu beschlag­nahmen. Das Abkommen unterliegt der Rati­fikation.

Tftirch dieses Abkommen werden endlich die Meinungsverschiedenheiten zwischen den beiden Ländern befeitigt, die die Entwicklung regel-