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Hr.162 Zweiter Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesfen)

Donnerstag (2. juli 1928

Widmung.

Don Stefan George.

3u meinen träumen floh ich vor dem Volke. Wit heißen Händen tastend nach dec weite Und sprach allein und rein mit stern und wolle Don meinem ersten jugendlichen streite.

Die blurnen hergeholt aus reichern leben Umflocht ich frei und ftoLj an goldenen kreisen, Dem fern im licht geheiligten efeben Verklang sein schmerz in feierlichen weisen. Zu gvttertalen, blinkenden mäandern, Ich lieh in ftätten innig hoher fitten Und in den süden meine feete wandern. Wo sie gekrönt den martertod erlitten.

Und heut geschieht es nur aus Einem gründe Wenn ich -um sang das lange schweigen breche: Daß wir unS freuen auf die zwiclichtstunde Und meine düstre schwester also spreche:

Goll ich noch leben, darf ich nicht vermissen Den trank aus deinen klingenden Pokalen, Uich führer sind in meinen finstemissen Die lichter die aus deinen Wunden strahlen.

(AuSDas Jahr der Seele)".

OerversemteFachmann.

3um Ausgang des Oonez-Prozeffes.

Don <k. Mutden.

Es gibt Kriminalprozesse. in denen scch der Zeitgeist vertörpert. Von solcher Art ist der Soeben in Moskau zu Ende gegangene Donez- Prozeß. Bei aller UngeheucrUchkell deS ge­fällten Urteils: nicht dieses ist für die sich ttetS treu bleibende Sowjetjustiz charakteristisch, fon- dem etwas anderes waS dem Urteil selbst zu- grunbe liegt und den Vang der Verichtsver- handlungen beherrschte, und da» ist: Die Ver­femung des Fachmannes alS eines un­ausrottbar höherstehenden Intellektuellen, als eines natumotwendig mit gröberen tech­nischen und Wirtscha'tlichen Vesugnissen AuS- geftatteten. als eines Angehörlgen der nicht proletarischen und nicht genügender Assimilierung an den Sowjetstaat verdäch­tigen sozialen Schuhten. Es erhellt aus diesem zentralen Zuge des Prozesses seine Bedeutung für das gegenwärtige Stadium deS Sowjet­staates.

3n der ganzen Entwicklung dieses Staates spielt ja hie Stellung des Fachmannes eine her­vorragende Rolle. In der ersten Periode deS russischen Kommunismus mit ihrer .kolle­gialen Verwaltung" der ftabrifen und Werkstätten, da von einer rationellen technischen Führung keine Rede war, da daS gesamte Ar­beiterpersonal. mit Sinschlub der Ungelernten, eine unumschränkte Verfügungsgewalt über den Betrieb, ja über tue technische Ausrüstung selbst besah In dieser Periode wurde die Industrie zulchanden gewirtschaftet. Mnb so gehörte zu den Errungenschaften der von Lenin eingeführten REP. nicht nur die Zulassung der Privatwirt­schaft alS Ergänzung (in Wahrheit als Korrek­tiv) der ruinierten Sowjetwirtschaft, nicht nur die Aussöhnung mit dem Bauerntum, das man bis dahin mit ben Methoben beSKriegskommu- niSmus" behandelte, sondern last not least auch die Wiedereinsetzung des Fach­mann« in seine Rechte. Es war dies, wie man sieht, ein organischer Bestandteil der System- Emeuerung durch L-niu, unb in einer berühmten, eigens den neuen Ausgaben der Verwaltung gewidmeten Rede setzte Lenin den orthodoxen Kommunisten weit und breit auseinander, bah die Wiedereinführung einer verwaltungs- und fabriktechnischen Hierarchie nicht die Preisgabe deS Kommunismus bedeute dah der kommu- nisnsLe Charakter des Staates sich nunmehr in dessen Besamtrichtung auszuprägen habe unb eine Abstufung der Verfügungsgewalt nicht per­sönliche Herrschaft der einen über die anderen bedeute, fonden sich auS sachlichen Rotwendig­keiten heraus ergebe.

Solange Centn lebte, reichte seine außerordent­liche, die Partei beherrschende Autorität voll­kommen aus, um die Reformen nicht nur einzu- führen, sondern aufrechtzuerhalten. Rach seinem Tode aber begann ihr man möchte beinahe sagen systematisches Abbröckeln. Gewiß die RSP. selbst zeitigte eine Reihe von Mißständen, die auch Lenin selbst nicht vorher sehen konnte. Die Masse der Neureichen. di« in der Rächt aus dem Boden der wieder erlaubten Privatwirtschaft sproß, stach durch ihr Protzentum in die Augen der Menge: der nunmehr freie Bauer dachte nicht an den Vorteil des kommunistischen Staates (Getreideefport), sondern nur an seinen eigenen usw. Statt aber hiergegen durch neue Reformen einen Kampf zu versuchen, begann unter den Rachfolgern Genin« eine Aera des Rück- s ch r 111 s, die gerade unter dem gegenwärtigen Regime S t a l i n S sich zu einem System abrunbet ilebrigtn« nicht ohne Einfluß bet Opposition, die freudig alle Mißstände des Sowjetstaates als Waffe in ihrem Kampf aufgriff, erklärte Stalin der Privatwirtschaft einen rücksichtslosen Krieg, bedrohte die Dorfreichen und begann gegen diese eine Politik, die an die Zeiten be« Kri^gskommu- niSmus erinnerte. Aber eben nur erinnerte. Man wagt noch nicht, bic von Lenin proklamierten

Stefan George.

Aus Anlaß seines sechzigsten Geburtstages.

Don Rudolf G. Dinding.

Wenn eS wahr ist. daß die sichtbare Ge­staltung eineS Weltganzen immer von neuem dem Wort, der Sprache Vorbehalten ist unb ej ist klar, daß weder Farbe noch Ton, noch Linie, noch gefügte Form in gleichem Sinne ba- »u taugen, so wird ba, wo Religionen bief# Gestalt nicht mehr in sich tragen, wo sich das Aebergewicht einzelner unb äußerer Erscheinun­gen in Gestalt von Staats- und Wirtfchafts- gebilben, von Berufen, von Wissenschaft unb Literatur zur Geltung gebracht hat, immer toie- ter Dichter allein, noch vor bem denken- ben Philosophen, der ben Bau aus ben Erschei» jnmgen zu beweisen gedenkt, jene Gestaltung ok Aufgabe vor sich gestellt sehen.

wollte gerade bem Lyriker, bet, Lo8- gewst selbst von dem sittlichen Gesetz, unter dem Bestatten des Dramas sich bewegen und be-

Drundsätze der RSP. fclbfl zu widerrufen, man beweg', sich In Widersprüchen unb in dieser Halbheit kommt so recht auch ba« kommunistische Epigonentum zum Ausdruck.

Die gleiche Halbheit macht sich nun auch i m Verhältnis z u bem Fachmann, dem .Spez' geltend, dellen Verfolgung jenes rück­schrittliche System Stalins organisch vollendet, mit dem Rebenzweck freilich, durch bic Verfolgung des geistigen Arbeiters den physischen Arbeiter von feiner eigenen Rot abzulenken, durch die Erniedrigung des ersteren den zweiten zu .er­höhen". Man hörte bereit« in den ersten Anfängen bet Donezer .Verfchwörungs'-Angelegenheitcn von einem Gegensatz in der Beziehung zwischen bem allmächtigen Stalin einerseits unb bem Führer bet .Wirtschaftler" Rykow anberer- seits. ber ben Wert der Fachmänner für den ruUifchen Staat wohl einzufchätzen verstand unb sie stets in Schutz nahm vor ben Angriffen und Belästigungen ber Kommunisten, bic ihr leuch- tenbeS Vorbild ist ja der Staatsanwalt Kry- len k o im Moskauer Prozeß zwar sehr glau- benSeifrig, doch ebenso sachunkundig sind.

Aber auch in diesem Prozeß selbst, kurz vor seinem AuSgang. kam diese Zwiespältigkeit in der Politik deS heutigen Rätestaatcs gegen­über den Intellektuellen deutlich genug zum Aus­druck. Der sogen, össentliche Ankläger, Mitglied deS Präsidiums desDoSplans" (Behörde für die Aufstellung des Wirtschaftsplanes). G r i n j k o. begriff wohl, daß bic Verfemung ber Intellektuellen in jedem Falle ein testimonium paupertatis für den Sowjetstaat darstellt, der sie immer noch nicht organisch einzugliedem Der- steht, und er suchte in seiner Rede den ungün­stigen Eindruck, den der Prozeß schon in dieser Beziehung auf bic ganze nicht bolschewistische Welt machen mußte, nach Möglichkeit abzu­schwächen. »Wir sitzen hier nicht zu Gericht über die Intelligenz unseres Landes," erklärt er.Unsere zahlreichen Feinde jenseits der Grenze sowie die reaktionär gesinnten Elemente im Lande selbst suchen die Sache so darzustellen, als säße, im elften Jahre der Sowjet-Republik untere Intelligenz auf der Anklagebank." Grinjko möchte an diesenKlatschereien" Vorbeigehen mit dem

Hinweis aufüber 30 technllch-willenschastliche Institute, bic an ber Hebung des sozialistischen Diederaufbauwerkcs arbeiten," sowie mit Nr ebenso apodiktischen wie unbewiesenen (unb un­beweisbaren» BehauDtung. daß .das Sowjet- vvgime" bic schöpferische Initiative ber Intelli­genz nicht hindert".

Sein H.nweiS aber darauf, daß es sich lebig» lich um bic angeklagten Geistesarbeiter handelt, bic sich mit unvergänglichem Ruhm halten schmücken können", wird sehr durch die Tatsache entkräftet, daß neben dem Donez-Prozeß noch eine Reihe anderer Verfahren gegen Fachleute schweben. Er wird ferner entkräftet durch die auf der letzten allrussischen Gewerkschaftstagung verlautbarten Beschwerden von Ingenieuren aus Südruhland. vom Ural und aus dem asiatischen Rußland, von denen einer ebenso derb wie klar schreibt, von einer Art Torheits G i

sich in der Schikanierung des höheren technischen Personals äußert. Du arbeitest, du gibst dir alle Mühe, um diese Arbeit erfolgreich zu machen -- und wirst zum Lohne von allen Seiten beschimpst. Es überkommt einem am Ende bic Lust, den gan­zen Kram beiseite zu schmeißen". Unb schließlich wird jene Vertuschung desöffentlichen Anklä­gers" im Moskauer Prozeß in bezug auf die Stellung der geistigen Arbeiter im Sowjet-Ruß­land am kräftigsten in ihrer llnhaltbarkcit durch den Staatsanwalt Krylenko selbst bargetan, ber, im striktesten Gegensatz zu Grinjko. in seinem Plaidoyer erklärte:Auf ber Anklagebank sitzen Vertreter einer bestimmten sozialen Schicht ober Devölkerungsgruppe. unb wir können nicht an dieser Tatsache Vorbeigehen, wir müssen viel­mehr bic geschichtlichen Gründe dieser Tatsache begreifen unb aus ihnen unsere Schlußfolgerun­gen ziehen."

Auch wir ziehen unsere Schlußfolgerungen aus diesem wahrhaft ungeheuren Prozesse, indem wir uns überzeugen, daß der Sowjet-Staat im elften Jahre seines Bestehens noch innere Feinde hat, oder (waS ebenso schlimm ist) zu haben vor- gibt, unb daß die Verfemung des Geistes unb dessen Vertreter hier Formen annehmen unb Wirkungen zeitigen kann, wie sie in ber ganzen Kivilisicrtcn Welt sonst völlig undenkbar sind.

Die Entstehung -er neuen Türkei.

Oie Erinnerungen Kemal Paschas.

Beschäftigt mit eigenen innen- unb außenpoli­tischen Sorgen haben sich bic meisten Deut­schen kaum mit ben welthistorischen Vorgängen besaßt, bie sich in ben Jahren nach bem Welt­krieg in Kleinasien abgespielt unb bie in kür­zester Zeit einem in Fatalismus, Aberglauben, Trägheit erstarrtem Volk ein modernes Staats- Wesen geschaffen haben. Lediglich bie Mark­steine ber Entwicklung, bie vernichtende Rieder­lage der Griechen im türkischen Freiheitskampf, die Ernennung deS siegreichen Oberbefehlshabers unb politischen Organisators Kemal Pascha zum Präsidenten ber türkischen Republik, bie bamit verbundene Absetzung des Sultans und Abschaf­fung des attehrwürdigen Kalifats wurden zur Kenntnis genommen. Unö doch geht die Bedeu­tung dieser Ereignisse weit über ben Rahmen eineS kleinasiatischen StaatswesenS hinaus. Ke­mal Paschas Reformen atmen einen freiheit­lichen Geist, lassen eine Großzügigkeit unb Folge­richtigkeit erkennen, auS denen auch europäische Staaten lernen können. 3m Herbst vorigen Jah­res wurde aus Angora gemeldet, baß Kemal Pascha auf bem Kongreß seiner Partei in sechs- tägiger Rebe einen Rechenschaftsbericht über fein Wirken seit bem 19. Mai 1919 gegeben habe, bem Tage, an bem er, zum Oberbefehlshaber der 3. Armee ernannt, in Samsun in Kleinasien gelandet war. Der Inhalt dieses äußerst leben­dig vorgetragenen geschichtlichen Rückblicks wird jetzt unter dem Titel .Kemal Pascha, Der Weg zur Freiheit", bei K. F. Koehler in

Leipzig veröffentlicht (308), und zwar enthält der Band die Ereignisse der Jahre 1919 unb 1920, ben Kampf um bie Anerkennung ber natio­nalen Regierung bis zur Einberufung ber Ra­tionalversammlung in Angora.

Es wirb In deutschen Kreisen besonbers inter- effieren, wie sich bic Ereignisse im einzelnen ab­gespielt haben, benn Kemal Pascha ist ber ein­zige Staatsmann der im Wettkriege unter­legenen Staaten, ber es fertiggebracht hat, ben Forderungen ber Siegerstaaten ein unerbittliches .Rein" entgegenzufetzen unb eine völlige Abände­rung des Friedensdiktats zu erreichen. Gewiß liegen bie Verhältnisse in Kleinasien ganz an­ders alS in Mitteleuropa, unb doch ist es von ungeheurem Reiz, einen so gewaltigen Organisa­tor am Werke zu sehen. Kemal Pascha ist der Führer, der starke Mann, der sich nicht gescheut hat. im Interesse der Unabhängigkeit feine« Dolle« zum Revolutionär zu werden, ber aber kein glücklicher Hafarbeur war, sondern der wußte, was er seinen inneren und äußeren Feinden bieten konnte.

AIS Kemal Pascha sein nationales Desreiungs- werk begann, glaubte niemand, dah es ohne Die Hilfe einer der Siegergroßmächte eine Rettung gäbe. Infolgedessen standen drei Ideen im Vor­dergründe:

1. Protektorat Englands,

2. Protektorat Amerikas, um bie Unversehrt­heit der Türkei zu erhalten,

toegt werben, bem unbebingten Menschen, bem unbebmgten Gotte, bem Inbegriff unb bem We­sen ber Dinge, bem Ur des eigenen Seins unb bem naiven, unberührten Ablauf alles Ge- schcchens nachgeht, dieses Letzte nicht zumuten, bicses Letzte versagen? Denn Lyrik, von einem Genius getragen, erschöpft sich nicht im Liebes- gebicht. in einer Wortmclobie. im Lieb, in bem Erhaschen von Stimmungen und Schwingungen der Ratur unb ber Seele, sondern in jenen tie­feren Gesetzen und Wahrheiten, unter denen wir leben unb bie nur bichterischem Wort unb keiner Erfahrung unb Weisheit ber Welt zugänglich sind. Der Ramc Goethe erhebt sich von selbst und er wird mit voller Absicht heraufgeführt zur Betrachtung de« Lebenden, dessen Werk wenn auch in anderen Tönen (wie es sich ge­bührt), in anderem, trockenerem Temperament und aus anderem Blut ähnlichen tiefen Ge­sehen und Wahrheiten dient, ähnlich hohes er­strebt. unentwegt sich steigernd zu gewollter rei­ner und reinerer Vollendung: Stefan George.

Gegenüber ber Unerschöpflichkeit, der Born- haftigkeit, der in jeden: Wort fühlbaren 6in- heitlichkcit seines Werkes wirft die Lyrik Hei­nes, Wörickes (von der Romantik als einer Wucherung ober Schmarotzerpflanze auf bem nährenden Grund gan$ zu schweigen). Baudelai­re«, Verlaine«. Verheerens. RUkes und aller Heueren und Reusten wie ein Ausschnitt, ein Teilergebnis, eine Zufälligkeit, wie Blumen des Guten und Dösen, wie ©egenftänbe unb Themen. Wo Tenbenz. Aufruhr. Auflehnung ist, wo Ge- stänbnis unb Deichte ist, wo Ruf nach einem Gott unb einer Hilfe ist statt bie Gestaltung bes inneren, festen Inbegriffs durch jedes geringste Wort, ba fehlt ber ruhige Blick des allum­fassenden Auges, ober es ift von innen getrübt durch Erschütterungen, die, mögen sie noch so menschlich unb richrend fein, der Erschaffung einer Wett hinderlich sind wie sie aus der Seele eineS Dichters sich erhebt.

*

Für diese, seine Wett, für feinen Menschen denn der Mensch ist es immer, ber bie Wett enthält, also für bie Welt des Dichters und des Menschen als des Göttlic^n, darin schuf Stefan George feine Sprache. Denn nicht immer, ja man ist versucht zu sagen: nie taugt die Sprache der Zeit, in die ein Dichter bmein- gebvren ist. dem Bilde der Wett und deS Menschen, das er sieht und zu dessen Verewigung er aufgerufen ist. Das Wort Georges aber

wird das erstemal gehört um das Jahr 1890, als der Naturalismus In der Literatur ber unbe­strittene Herrscher war unb nicht wußte, oah feine Tage schon gezählt waren. Für ihn, den Raturalismus, konnte bie Sprache nur Mittel au Rach- und getreulichem GlbbilD fein, das er suchte, vermochte nicht Geburt, nicht Leben selbst zu fein. Sie biente, mtttelte. Das .Wort oes Anfangs" war nicht mehr: es durchdrang die Wett nicht mehr: es war nicht mehr bie Welt. Da kam er unb schuf bie Sprache neu; bas deut­sche Wort wurde toiebergeboren, verbrauchter Laut fand ben verlorenen Sinn zurück, gewann von neuem Leben, Atem, Klang, als hätte man ihn nie gehört.

DaS war bet erste Eindruck ber hymnischen Derse Georges in unserem Ohr. Denn man las fit nicht, man hörte sie: man konnte sie säst atmen.

Es war aber bic Sprache, bie ihm anftanb. Seine Sprache ist feierlich, weil er feierlich ist, ist ernst, weil er ernst ist, ist karg, well et karg ist, ist immer in Toga, biSwellen bekränzt unb beglänzt wie von Kerzen, weil er selbst in sei­nem Innern immer in Toga unb zuweilen ben Kranz im Haar und ben Glanz von Kerzen auf der Stirn dahinschreitet. Seine Sprache ist von einer romanischen, fast lateinischen Prägung, fo deutsch sie ist. Eine geradezu eherne Konstruk­tion und Fügung. Kürze, Geschweißtheit. Ge- läutertheit. wie sie in ber Tat bas Lateinische aufweist, zeichnet fie auS unb ist bas Eigentum der Sprache dieses Mannes, ber uns zu sagen wagt:

Ich euch Gewissen, ich euch Stimme bringe Durch euren Unmat

Wenn ihn anfänglich die Zett, bie sein Wort traf, als gewaltsam ober allzugewaltsam emp­fand, so wäre heute eher zu sagen, dah er viel weniger Schöpfer neuer Worte und Formen ist als viele andere, nnb daß et dies nicht als fein Amt betrachtet. Die Sprache knirscht nicht unter chm, wie sie bei Luch er, wie sie bei Shakespeare knirscht, fie blüht nicht unb verjüngt sich nicht fo sehr, wie sie bei Goethe ausbricht unb sich verjüngt. Eie ist geschmiebet. ift gefügt; seltene wieder aus gefundene Wörter werben herbeige­bracht, wieder in chre Rechte eingesetzt und em verlorener Glanz ihnen aurüdgegeberu Ein feier­licher Tonfall, schwere volle Klänge, eine gewisse Ablehnung bet Grazie und des Leichten sind deutlich und bestimmend, zauberische Formeln,

3. Regionale Bestrebungen, einzelnen Provin­zen ihre Unabhängigkeit zu retten.

.Keinen dieser drei Punkte." sagt Kemal Pascha, .konnte ich al« richtig anschen. Denn alle Argumente unb alle Uebcriegungen. auf die sie sich Runen, waren unbegründet In Wirklichkeit waren die Grundlagen des osmanischen Reiche« diele waren zerstückelt. OSmanischeS Reich. Un- abbängigfeit. Padischakalll. Regierung waren nur Worte ohne Sinn. Unter bi cf en Umständen gab es nur einen Entschluß, nämlich einen neuen türkischen Staat zu schaffen, derssich auf die nationale Souveränität (tunte und eine Un­abhängigkeit ohne jeden Vorbehalt und ohne jede Einschränkung vorsah. Dies ist der Entfchluß. den wir gefaßt hatten, ehe wir noch Konstantinopel verließen, und den wir auszuführen begannen, sobald wir in Samsun ben Fuß auf 21T\atollcn« Doden gesetzt hatten. Wie groß Reichtum unb Wohlstand sein mögen, eine ihrer Unabhängig­keit beraubte Ration verdient tn den Augen der zivilisierten Menschheit nicht besser al« ein Knecht behandelt zu werden"

Diesen Grundsatz in bic Tat umgesetzt zu ha­ben. ist das Verdienst Äemal PaschaS. Da« werkle bald der äußere Feind. Einer französischen Ofsizierkommission, die kurz vorher in Siwa« cingctroffen war und glaubte, mit Gewalt bic nationale Bewegung hemmen zu können, er­widerte er mit der Drohung: .SiwaS zu besetzen, ist nicht so leicht. Wenn Frankreich oder eine andere Macht bic nationale Bewegung in der Türkei unterdrücken will, muß es sich auf einen neuen, schweren unb blutigen Krieg gefaßt machen."

Und als später im Auftrag ber Regierung in Konstantinopel ein hoher Beamter, unterstützt von einem englischen Oberst, bie nach Siwas ein­berufene Versammlung unterdrücken wollte, be­zeichnet er bic Drohimg. daß bic englische Di­vision in Ursa bereit wäre, zur Unterstützung der Aktion zu marschieren, in seiner Instruktion als Bluff. Wieder später, als ein cngltfdKt Ober ft austaucht mit der angeblicher Aufgabe, die zi- vielen und militärischen Rotabein und 'Beamten der kurdischen Gegenden zu besuchen, gibt Ke­mal Pascha die Weisung: .Ein frember Offi­zier. sei er. wer er wolle, hat, wem er nicht im Besitz offizieller Ausweise ist. auf osmanischem Gebiet nichts zu sucher. Teilen Sie ihm dies in höflicher, aber auch fester Form mit. wie es einem Soldaten zukommt, und machen Sic ihn darauf aufmerksam, daß er sofort dahin zurückzukehren hat, woher er gekommen ist. Lassen Sie ihn durch einen intelligenten und fähigen Offizier bi« zum Verlassen des Landes begleiten, um zu verhindern, daß er sich in irgendeine politische Beratung mit den Rotabein unb Be­amten einläht."

ES ist naheliegend, daß in Deutschland wenig von Kemal PaschaS Leistungen bekanntgeworden ist. solange wir allein auf feindliche Rachrichten­agenturen angewiesen waren. Weit interessanter noch alS sein Auftreten gegen den äußeren Feind ist sein Kampf mit der von der Entente abhärigigen Regierung in Konstantinopel, die Aufrüttelung de« nationalen Gewissens, die Hcbertninbung stets neuer Schwierigkeiten, der Abfall treuer Freunde, die den weitgehenden Forderungen unb Plänen des großzügigen Den­kers unb Organisators nicht mehr zu folgen vermochten. Gs ist unmöglich, diese Punkte im Rahmen dieses Artikels zu behandeln, weil die Voraussetzungen für das Verständnis der ein­zelnen Handlungen fehlen würden. Gerade der persönliche Vorftag in direkter Rede, bic Schil­derung intimer Einzelheiten verleiht dem Rechen­schaftsbericht eine Lebendigkeit, die kein sorg­fältig gefeilte« Memoirenwerk bieten kann.

Sprechstunden der Redaktion.

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rauschender Rhythmus, seltene Reime hallen uns an.

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Ein Wunderbares, dieses sprachliche Gebildes Aber nicht bas Wesentliche. Wenn George ber aufhvrchenben Zeit anfänglich nur als ber Brin­ger einer neuen Sprache erschien, so hatte sie schlecht hingehört. Denn ber schöpferische Geist trägt seine Welt in sich unb jedeS seiner Worte ist Gestattung bieser Welt, dieser Einheitlichkeit, die er selber ist. Sie ist Georges Ausweis unö Denkmal. Daher diese Ein-Stimmigleit. diese Tränkung der Zeilen mit denselben Schatten unb ben untrüglichen Essenzen. Daher die Geschlossen- hett unb zugleich bie Unerschöpflichkeit des Werks, der Spiegel bes DornS unb bie Ruh« ber Tiefe.

Inbessen ist er Weber ber große Zerstörer, noch ber große Reuerer, Weber in irgendeinem Sinne modern noch revolutionär oder zukünftig. Hier springen keine Tore, beginnt nicht ein neue- Zeitalter. Solcher Art ist nicht ber Geist Geor­ges. Er macht verschüttete Quellen toicbet fließen, hebt vergessene Schätze, die alte ehr­würdige Sonne strahlt verjüngt, bie alte Erde duftet, bie Opfer unb Gebete steigen auf in ewi­ger Inbrunst, bie Weihe ersaht ihn, erfaßt von neuem ben Menschen, Feste erstehen unb wieder brennen die Feuer, winden sich Kränze, lodern die Fackeln, ist ber Markt von ber heiligen Schwelle geschieben wenn auch bie« alles innerlicher, übertragener, nur im Geiste begangen wirb unb besteht. Aber bie neuen Tore sind nicht auf gc riff en. nie geschaute Himmel öffnen süh nicht. Eine antikische Größe wirb gefordert und gewährt, ein zuchtvoller, danlesker Stolz und eine Abkehr bis zum heldischen Groll wird beinahe Agens und Reagens dieses Lebens. Er gebiert ben antiken Menschen in sich, weil er ihm wirklich und wesentlich verwandt ist, well leine Sehnsucht dahin geht, ähnlich ber Hölberlins. ben er im Wort und in der Seele gleichwohl unendlich überragt. Wohl wird der lebendige Mensch gewonnen und in ihm das Göttliche ge­schaut; unb es ist nicht der antikische Mensch und nicht ber Gott bes Alter- oder Ehristerrtums. Aber der Mensch unb das Göttliche Georües sind gleichen Werdens toiie der antikische und das antikische durch bie Kraft seiner Verwandt­schaft. Die Gestalt des Matimin ist eine Er­höhung eines Menschen in das Göttliche, genau so wie ber Mythos den Herakles tn bie Ge­statt eineS Gottes erhöhte.