Nr. 156 Zweiter Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Vberhefien)
Dienstag, 12. Juni 1928
Der Deutsche VolkShochschultug zu Dresden.
(31. Mai bis 3 Ium).
Dsn W. OtftOT, Leiter her Dslksbochschule Gießen.
'Bitk Arbeil-tagungen waren feit Jahren btdcm ®ropüganNj:cg twrangtgangcn Holten jene Klärungen über Ziele und Methoden gebracht, >o sollte dieser als Kundgebung von der Dal!- gemeinsamer Ergebnisse au- werben. Das ift im wesentlichen gelungen, wenn auch zuzugeben ist, dah * dani einer toleranten Leitung auf dieser Tagung der freien, intensiven, gestaltenden Volksbildung bisweilen auch die weltanschaulich gebundenen, crtenfiven. mit Denkschulung sich begnügenden Aich'.ungen zur Geltung kamen. Es tft kaum anzunehmen, daß solche Gegenfähe, soweit sie echt sind, ander Bewegung allein herau- zu überwinden sind, denn sie erwachsen au- der allgemeinen yeistiaen Loge. sie schwinden von selbst, sobald dtese sich entsprechend wandell.
Die Tagung wurde mit einem Empfang durch die Stadt Dresden eröffnet. Vach Begruhunge- Worten durch den sächsischen Staat-Minister Kaiser, den Oberbürgermeister B l ü h e r und den Vorsitzenden des ReichSverbankteS der deutschen Volkshochschulen Dr. V u ch w a l d forderte Reichsminister a. D. Dr. Külz in einem Vortrag von Brich, Ländern und Gemeinden die Erfüllung folgender Pflichten P flicht st undener laß für solche Lehrkräfte össentticher Lehranstalten, btt an Volk-Hochschulen Mitarbeiten; mietfreie Abgabe von llnterrichtSräumen; Zusammenarbeil der öffentlichen Lebranstalten mit den Voll-Hochschulen bei der Beschaffung von Lehrmitteln; Schulung von Lehrkräften für die Doll-Hochfchul- arbeit. Da- Reich mühte endlich, wie einige Länder und zahlreiche Gemeinden es schon längst tun, nennenswerte Mittel für die Bewegung auf» wenden, ohne sie jedoch zu reglementieren; an der Volkshochschule muh Lehrfreiheit herrschen. 3n dieser Grundsvrderung liegt zugleich die Frage nach dem Verhältnis zwischen Voll-bil- dung und akademischer Bildung beschlossen, worüber anschliebend Professor Z r e y e r, Leipzig, sprach. Ss ist bezeichnend für die Einheitlichkeit, die von der neutralen Volk-Hochfchulbewe- gung erreicht ist, dnh ein Hauptgedanke de- Freycrschen Vortrags auch mannigfach ausgewer- teter Hauptgedanke der meisten anderen Vorträge dieser Tagung bildete: Die Autonomie der Völls- btfbung gründet m ihrem Charakter al- eigen- gesetzliche Bildungsform; sie gestaltet die konkrete Situation des Menschen etwa in der Familie oder hn Beruf. Sie bildet den Menschen aus sich heraus. Hur in den Grenzen, die dieser Absicht dienlich sind, vermittelt sie ®rfenntni$. Die akademische Bildung dagegen ruht auf dem Glauben an den absoluten Wert der Erkenntnis; die Wissenschaft ist nicht nur Inhalt der akademischen Bildung, sondern sie bestimmt deren Struktur. Die Lebensform der Wissenschaft besteht in der Tätigkeit des AufsassenS, de- Forschen- und Finden-, des Erkennen-. Indessen ist die Wissenschaft eine Leben-macht; em Weg des Au-gleich- zwischen VollSbildung und akademischer Bildung bietet sich hx einer möglichen Wandlung de- wissenschaftlichen Betriebs: wenn die VollSbildung vom Leben aus denkt, so denke die Wissenschaft aus- Leben hin. In diesem gemeinsamen Punkt geben beide ihre Autonomie zugunsten des DolkStumS auf.
In der für die Bevölkerung bestimmten öffentlichen Kundgebung des folgenden Abends erwieS Theodor Bäuerle, der Leiter de- württem- bergifchen Volksbildung-Wesens, im Einklang mit Fvetzer die alle, wissenschaftliche Ergebniffe verdrehende VollSbildung al- Utopie und forderte engste Anpassung an die Situation des einzelnen, der Klasse, deS Berus- ufto.
Von jemandem, der wartet...
Don Han- Friedrich Blunck.
So um Mitternacht weckte die Frau den Mann. ..DaS Flöten ist wieder da, hörst du eS nicht?"
Sie horchten beide aufmerksam. Ja. eS war wieder irgendwo ein feine- kleines Trillern und Pfeifen.
„Ich muh doch einmal aufstehen und nachsehen." sagte der Mann, er war der Pförtner deS groficn Mietshauses, in dem er wohnte, und muhte auf Ordnung hallen.
„Tu eS nicht!" bat feine Frau. Sie halte vor noch nicht einem Jahr ihr Kind lein verloren und war schreckhaft und fürchtete sich allein.
„Ich muh doch wissen, was im Hause vvr- geht." fagte der Mann unwirsch unb war schon auf den Deinen, um sich anzuziehen.
Er horchte noch einmal, da- Klingen war noch zu hören. Da ging er aus der Tür und stieg mit raschen Schritten zum Kohlenkeller hinunter. wo der grobe Heizkessel liegt Sr glaubte ja schon, e- fei Gesinde aus dem Haus. daS sich da unten traf und miteinander tanzte. Aber unten sahen nur die drei Schlote des Hauses und spielten Karten miteinander. Ihre kleinen kohlschwarzen Gesichter, die wie Knöpfe auf den Schullern sahen, grinsten den Pförtner an und fragten, ob der Herr nicht eine Partie mit- spielen wollte
-Ach," sagte der Mann, „ich suche jemand, der hier Flöte foielt. habt ihr etwas gehört?"
..Vein, vom Flötenspiel wissen wir nichts." sagten die Schlotterle und liehen die winzigen Ohren hin- und herrücken, ..unb hier geschieht - zur Vacht überhaupt nichts ohne unsere Erlaubnis."
Es wird aber im Hause Flöte gespielt, dachte der Mann eigensinnig, drehte da- Licht ab und tappte weiter. Sr ging den ganzen Treppenflur auf unb nieder. — das Spiel war noch da! Sr ging wieder in seine Wohnung, horchte unb hörte eS. Durch das Wohnzimmer schritt er, — da sah er einen Lichtschimmer aus der Tür. die in das alte Spielzimmer seines Kind- leinS führte. Ei. da hatte die Frau wohl vergessen, die Lampe auszudrehen? Oder war es der Helle Mondschein, der im Zimmer lag?
Was war doch für ein Weghuschen, als er in die kleine Kammer trat! Das Spiel war E nah gewesen, eben hatte er es noch ge- Der Wann zog die Tür hinter sich zu und lautlos stehen. Da gewann der Zauber
Vach Ausführungen Grahmanns <Allgemeiner Deutscher Gewerkschattsbund» über gewerkschaftliche Bxlbungsarbeit gab der frühere oldenburgitche M:n>sterpräsident Tantzcn eine ernd ruck-volle und treff en te Schilderung der fo- zxologisch-kullurcllen Lage des Bauerntum-; bei der Frage nach dem Weg der Einordnung des Bauerntum- in b < Volksgemeintchast erschien jedoch nicht genügend berücksichtigt, daß der felbft- genügfamc, ’üt die Bedarfsdeckung arbeitende Bauer wetth.n zu dem in größere und größte swertwirtfchaftüche) Zusammenhänge verflochtene für den Markt produzierende Landwirt geworden ist; unb nur wo und weil diese Entwicklung well genug gediehen ist, dürfte bäuerllche Dott-bildungSarbeil dringliche Aufgabe fein.
In zwei Fachsitzungen wurden die grohstädtische AbendvollsHochschule, die Bedeutung der Heim- Volkshochschule in der Erwachsenenbildung. die mittel- und kleinstädtische Abendvollshochschulc und die DoUShochfchularbeit im Dorf behandelt. Da- erste Aeseral hielt Regierungsrat Dr. Ka p» h a h n. Dresden In den Großstädten fallen die Entscheidungen des modernen Leben-. Hier aibt e- Menschen, die in aktivistischer Grund- ftimmung von den Spannungen des modernen Leben- ergriffen lind und sie durch Handeln zu lösen suchen. Diese, nicht aber die kontemplativ gerichteten Menschen seren wünschenswerte Besucher. Durch diese sozialethisch orientierte Auffassung deS leitenden sächsischen DollsdildnerS wurde ebenso wie durch fein Eintreten für die praktifche Kunstpflege ISprechchöre, Singchöre. Gymnastikgruppen usw.) im Vahmen der Volkshochschule der von Freyer schon betonte Gegensatz zwischen akademischer Bildung und Volksbildung noch weher verdeutlicht und verschärft.
Au- dem Vortrag von Eduard W e i t f ch. Dreitzigacker. sei in diesem Zusammenhang lediglich hervorgehoben, bah für ihn die Bedeutung des llnrcrrchts im Sehen von Problemen, in seelischer Erschütterung unb in seinem Dienste al- Hilte in der Selbsterz ehung de- reifenden Menschen hegt. Die Heime dürfen sich im 3nlcr- effe der Veinheit der pädagogischen Atmosphäre nicht dem Aufstieg der Begabten dienstbar machen; Begabtenförderung sei Ausgabe anderer Anstalten, benen jedoch da- Heim vorarbeitc.
In der Au-f prache über diesen Vortrag wurden von einem Vertreter der gebundenen Doll-bil- bung «von der sozialistischen Voll-hochschule Tinz) gegen die Idee der Selbsterz.ehung Bedenken er- yoden. so daß die freie, vom Leben ausgehende VollSbildung wie vorher nach der Seite der akademischen, so jetzt nach der Seite der weltanschaulichen Bildung scharf abgegrenzt werden konnte.
Die beiden letzten Veferate der Fachsihungen ((Kifabeib Stück. Arnstadt, und Schulrat Dr. SieverS, Flensburg.» zogen aus den Ergeb- nisfen einer Analyse der soziologischen unb geistigen Struktur der Mittel- und Kleinstadt und deS DorfeS zum Teil sehr beachlenswerle Folgerungen für die PrariS. Das Diever-sche Referat ergänzte trotz einiger Schiefheiten der Darstellung den Vortrag Tantzens m mancher Hinsicht.
Die Schluhveranstallungen bildeten der gemeinsame Besuch des 'ächsischcn Heim- Schloß Gasen- bürg und ein Volkshochschultreffen auf der Iu- genbburg Hohnstein.
Die Tagung war aus allen Teilen des Reiche- sehr stark besucht. DerhältniSmästig zahlreich waren Vrenz'.anddeutsehe. Deutsch-Oesterreicher und Deutsch-Böhmen, ferner Skandinavier erschienen.
Geschichten aus aller Welt.
Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten. Tas tenerfte Ltüllchcn Erde.
(aga) Reuhork.
An der Südostecke des Reuyorker Broadway und der Wall Street, der Dreifaltigkeitskirche und dem sie umgebenben altehrwürdigen Friedhof gegenüber, steht auf einem schmalen Streifen Landes ein Gebäude, das in den städtischen Grundbüchern al- .Wall Street Rr. 1" eingetragen. dem Reuyorker aber weit besser al- .die Schornsteinecke" bekannt ist. Auf einem nach dem Broadway zu nur ein paar Meter breiten Rechteck erhebt sich ein zweiundzwanzig Stockwerke hoher Siegel ft einbau, der nicht viel anders aussieht, als wäre er der Schlot des 15- stöckigen DankgebäudeS der Central Union Trust Company nebenan. Mitsamt einem ganzen Komplex sie umgebender Bauten ist Die .. Schorn- fteincae" dieser Tage verkauft worden, um einem 46 stöckigen Wolkenkratzer der American Exchange Imng Trust Company Platz zu rnachew Unb damit ist dies historische Fleckcheir Erde wieder einmal in die Zeitung gekommen und man hat sich daran erinnert, das) eS das höchstbewertete Stück Land in der neuen — vielleicht in der ganzen Welt ist.
Hier ist die einzige Stelle, von der eS fast buchstäblich wahr ist, dah sie mit Gold gepflastert ist. Das 2anb, auf dem der Sckschorn- stein steht, ist für Besteuerungszwecke mit 576 Dollar pro Deviertfuh eingeschätzt, bei dem kürzlichen Verkauf wurden rund 725 Dollar pro Quadratsuh für das Land allein und 960 Dollar pro Fuß mitsamt dem daraus stehenden Gebäude bezahlt. Sm Quadratsuh mißt 30 mal 30 Zentimeter. Macht neunhundert. Reunhundertfechzig Dollar wurden dafür bezahlt. Macht auf den Quadratzentimeter just eine Kleinigkeit mehr als einen Dollar. Die amerikanische Regierung hat früher goldene Dollar prägen lassen. Die sind ungefähr gerade einen Quadratzentimeter grob. Doch hall, die Quadratur des Zirkel- geht ja
nicht. Aber mit Hilfe des Goldes, das von den 960 'Dollar noch übrig bleibt, können wir die zwischen den neunhundert GolddvllarS fidbtbaren winzigen Eckchen gerade noch verdecken, so dah der Gevierijuf) vollständig mit einer Golddeckc überzogen ist. Wäre also die Schornsteinecke mit Gold gepflastert, so wäre sie nicht mehr wert al- jetzt dafür bezahlt wurde.
SS mag auf Erden Grund und Boden geben, der selbst um eintausend Dollar den Deviertfuh nicht zu haben wäre, aber bann handelt eS sich wohl um Land, da- überhaupt nicht käuflich ist. Man kann sich nicht vorstellen, daß dem deutschen Dolle daS Gvethehaus in Frankfurt ober bie Weimarer Fürstengruft, ben Franzosen ba- Louvre. England das Land feil wäre, aus dem sich auf dem Trafalger Square in London die Relsonsäule erhebt. Unb in Flandern und im Arqonnerwald, bei Verdun und am Donaustrand sind geweihte Stätten — sind auch auf jedem stillen Friedhof in der ganzen Welt — um bie Preise bezahlt worden sind, die sich nicht in Ziffern noch in Münzeinheiten auSdrücken lallen. . .
D'AnnunzioS „moralischer Tod".
(g) Rom
Der italienische Schriftsteller unb Dichter Gabriele DA n n u n z i o ist bem internationalen Publikum burch seine geradezu phantastischen Streiche und *21 benteuer zumindest ebenso bekannt wie burch feine nur zum Teil wirklich wertvollen Schriften. BiS vor kurzem genoft biefer zweifelsohne in nicht geringem Mähe übergeschnappte Maestro wenigstens bie Sympathie seiner eigenen Landsleute. Seine noch lebhaft in Erinnerung stehende, etwas operetteichaste .Wassentat", bie ..Eroberung von Fiume", hat ben Italienern sehr imponiert, man feierte D'An- nunzio alS Rational Hel ben, unb ber König verlieh ihm sogar ben Herzog titel. Rumnehr scheint ber italienische Dichterfürst selbst in feiner Heimat endgültig auSgespiell zu haben; ber .Duce"
wieder Zutrauen, leise begann eine kleine Flöte irgendwoher aus einer Zimmerecke. Dann standen drei Schlüsselmännchen auf bem Tisch auf. drehten sich wie Herzöge unb schritten mit ben großen, grabe vorstehenden Bärten feierlichst wie vor einem Umzug her. Aus bem R äh korb ber Frau kamen kleine buntbewimpelte Fräulein und trippelten hinter ihnen drein. Und von ben Bücherbrettern liefen Laternen tragenbe Würm- lebn heran. Das Allerniedlichste aber waren bie drei Kornblumen, bie aus ber alten Vase kamen. Sie waren eigentlich ein wenig verblüht, aber unterm roten Licht sahen die Fräulein noch frisch unb wohlgemut aus. Sie lächelten sogar au bem Mai^n hinüber, — ober nein, sie sahen dicht an ihm vorbei. Da muhte er sich um» schauen unb traute feinen Augen kaum. Das Äinblein, bas sie vor Jahresfrist verloren hatten, stanb wie vvreinst in fehlem Bettchen unb blieS auf ber alten Rohr flöte, bie ber Mann ihm einmal geschnitzt hatte, unb winkte fröhlich zu ben Tanzenden auf dem Tisch hinüber.
Der Wann verlor fast feinen Atem, so sehr erschrak er bot Glück und Traurigkeit. Aber das Kindchen war so eifrig beim Spiel, es sah ihn nicht einmal Gs schaute nur mit lieblichem Lachen zu, wie sich jetzt auch die alte Puppen- schachtel öffnete und die kleine Tänzerin hervor« hulchte, es sah. wie aus dem Ofen drei Sott- knirpse hervorkrochen um im Hui auf ben Tisch sprangen, so bah bas weihe Fräulein furchtbar erschrak. Es sah. wie ber alte Krippenft all. ben die Mutter zuallerunterft gepackt hatte, mit einem hörbaren Knacks aufklappte unb lauter flehte Schafe unb Pferde hervorhüpften unb mit drei SÄ»en oben waren. Unb er Iah. wie bunte Rachtfalter, tschipp, burch das winzige dreieckige Loch in ber Fensterscheibe ben Weg fanden unb als bunlelgeflügelte Tänzerinnen in den Reigen einsprangen. So liebllch war der Zug und so bunt unb vergnügt, viele kleine Gesichter brückten sich von drauhen an bie Scheiben, obschon sie nicht herein bürsten, unb selbst ber Mann, der wohl von niemandem gesehen wurde, war au her sich vor Erstaunen über all die Wunder der Flöte.
Da. als er schon eine Weile zugehört hatte, wurde ihm zu Wut, als mühte er relbft bie Fähe zum Spiel heben gleich ben andern. Er erschrak 'sehr, als er sich wirklich zu drehen begann. Er hielt auch gleich an, meinte, er habe geträumt Aber es war noch alles wie eben unb er begriff, daß es sein totes Äinblein war, das alle Wefen hier teigen lieh. „Sag,“ stotterte er
und streckte die Arme nach ihm auS. „sag. wie kommst du hierher?!"
In dem Augenblick, too er ein Wort fallen lieh, war der ganze Spuk auf der Tischplatte unter leisen Rusen verschwunden. Ach. auch das Kindlein lleh bie Flöte fallen, — gut. dah der Mann sie ihm noch auffing.
„Vater!" bat es unb hob bie kleinen Arme zur Flöte. „Lah mich doch spielen!"
Der Wann wußte kaum, waS er sagte, fo froh war er, bie Stimme zu hören. „Kommst du wieder au uns?" fragte er.
Die beiden Händchen reckten sich noch immer nach der Flöte. „Ich komm bald, Vater!"
Als der Mann bas hörte, wurde er glücklich, wie er wohl nie gewesen war. „Du kommst balbf*1 stotterte er unb lieh die Hand mit der Flöte niedersinken.
Das Äinblein nickte, hob schon wieder ein Lied an die Lippen und winkte chm zart, es doch nicht zu stören. Da ging er lautlos aus der Tür.
„Haft du gefunden, woher die Flöte kommt?" fragte die Frau.
„Ja," sagte er unb etAäftlte ihr alles unb sie malten sich aus. wie herrlich es halb würde, wenn ihres Kindleins Seele wieder jung zu ihnen käme.
0er Taschendieb Komete.
Don Hans ^Rtebau.
Tobias mar, wie er selbst mit Nachdntck betonte, nicht nur ein Menschenkenner, sondern ein Menschen- verstehet. Nichts Menschliches (fo sagte er), war ihm fremd, und sein Verständnis für alles Gute und Löse, das um ihn herum geschah, ging so weit, daß er auch da zu verstehen versuchte, wo er es mit seiner eigenen Haut bezahlen mußte
Nach dieser (Einleitung ist es nicht weiter verwunderlich, daß Tobias, als ihm feine kostbare goldene Zigarettendose gestohlen wurde, die Bekanntschaft des Diebes ohne jeden kriminellen Hintergedanken machen wollte. Und fo erschien denn eine Anzeige in den Zeitungen in der Tobias nicht nur Straffreiheit, sondern obendrein eine über den Wert der Dose wett hinaus- gehende Belohnung zufichette.
Tags darauf erhielt er eine Karte: „Bitte, kommen Sie um fünf Uhr ins Bristol. Fragen Sie beim Bortier nach Lungendorf.'
Tobias ging um fünf Uhr ins Hotel Bristol. Lungendorf ist nicht da', sagte der Portier, „aber er hat einen Brief für Sie abgegeben.'
duherte sich über ihn einem holländischen Reporter gegenüber folgendermaßen ,D Annunziv ist ein Poseur, der ttteber mich noch das italienische Volk tntereniert Seine wie immer geartete Tätigkeit ist für unter Land ohne Bedeutung- Armer D'Annunzio! Er hätte doch toi Den müllen, bah tm beut'.gen Italien die Gunst von Musso- lini zu vetfdx:3en. mit dem moralischen Tode gleichbedeutend ist. Hätte er doch lieber den Duce besungen, statt, wie es noch vor zwei Jahren der Fall »ar. sich als .anderer D»k- tater" aufzuspielen. 21 un hat er sich fo lächerlich gemacht, daß ihn Mullvlini abschütteln kann.
Ein flicqenbrö Sanatorium
(n) Moskau.
Professor Oppe 1. der Direkter des Mettch- nikow-Krankenhause- in Leningrad, plant den Bau eines .fliegenden Sanatoriums". Die Idee ist viel weniger phantastisch als man im ersten Augenblick an nehmen möchte es handelt sich um eine Riesenterralle, die von einem durch ei'erne Anker erdverbundenen Luftschiff hinunter» hängt, also In Wirklichkeit um eine .schwebende" und nicht fliegende Heilstätte, und zwar für Lungenkranke. Professor Oppcl ist der Ansicht, durch diese gewiß neuartige Einrichtung Davos, St. Moritz usw vollwertig ersetzen zu können, denn die Luft in den höheren Schichten weist seiner Meinung nach überall dieselbe Frische unb Reinheit auf wie im Hochgebirge, das heutzutage für bie meisten Russen unerreichbar ist. Wie jedoch die Kranken zum unb vom .fliegcn- ben Sanatorium" befördert werden sollen, geht aus den rullifchen Zeittmg-meldüngen leibet nicht betret, immerhin wäre es bei dem heutigen Stand der Technik vorstellbar, daß man auch diese Frage irgendwie löst, imb daß bas originelle .ßuftfanatorium" (Im doppelten Sinne) in absehbarer ßeit zustande kommt.
Die vornehmste „Miekkascrne" der Töclt.
(f) London.
Aus verschiedenen Gebieten bemüht sich jetzt die enalische Hauptstadt, amerikanische Rekorde zu brechen. So wird sie sich demnächst mit Recht rühmen können, die vornehmste „Miettaserne" der Well zu besitzen. Ss handelt sich um ein Gebäude. daS jetzt gegenüber dem Hyde-Park errichtet wird, unb in dem eS Wohnungen von zwei bi- zu sechs Zimmern geben soll Diese Wohiningen sollen tatsächlich nach den modernsten Grundsätzen der Hygieite und Bequemlichkeit eingerichtet sein. Wie einer ber an bem Bau beschäftigten 3ngenieure vor einigen Tagen Ptesfe- bertretem erklärte, ist das Reuartige an dem Miethaus vor allem die sogenannte Zentralküche. Diese soll fo groß sein, dah sie letten Mieter vollständig zu verköstigen imstande ist. Der Bezug von Speisen auS dieser Zentralküche wird nicht zur Pflicht gemacht, und jede Wohnung wird eine besondere „kleine Küche" für sich haben, wo man auf elektrischem Wege alles kochen kann. Wünscht jedoch jemand daS Esten aus der Zentralküche, dann braucht er nur zu telephonieren unb erhält in kurzer Zelt das gewünschte Frühstück. Abendbrot unb dergleichen durch einen elektrischen Lift. Elektrische Klingelknöpfe wird es in diesem neuen Hause nicht geben, diese werden vielmehr als .veraltet" empfunden und durch da- Telephon ersetzt. 3n der Mitte des Gebäudes wird ein gewaltiger: Tanzsaal errichtet, in dem mit kurzen Unterbrechungen von 9 Uhr morgens bi- 1 Uhr nacht- eine Jazzkapelle spielt. Liebt jedoch jemand die Ruhe, so braucht er sich nur in feine Private Wohnung zurückzuziehen, von der unter Ausnutzung aller berannten akustischen Finessen jedes Geräusch ber Außenwelt abgehalten wird. Wenn der Mieter seine Wohnung betritt und die Ein- gangstür hinter sich schließt, soll, wie der Ingenieur erHärt, die Außenwelt für ihn gestorben fein: My home is my castlc. Vorläufig jedoch hat die Sache einen großen Haken. Die Einrichtung des modernen MiechauseS von London unb der Welt überhaupt ist derartig kost
en dem Brief stand: „Bitte kommen Sie sofort in Ihre Wohnung."
Tobias nahm ein Auto und fuhr nach Hause. Aks er die Tür auffchließen wollte, wurde sie von innen geöffnet.
„(Buten lag", sagte ein elegant gekleideter Herr von unbestimmtem Aller unb verbeugte sich leicht. „Entschuldigen Sie, eine kleine Vorsichtsmaßnahme "
„Ich verstehe durchaus', lachelle Tobias, „bitte sehr.' Und er führte den Fremden in fein Zimmer.
„Gestatten Sie, Äometc", stellte der sich vor.
„Ein schöner Name', sagte Tobias.
,^jch habe noch mehr dergleichen', lachte Äometc, „aber zunächst das Geschäftliche: Hier ist die Dose.'
Tobias zog die Brieftasche. „Und hier ist das Geld."
Dann bot er dem andern eine Zigarette an, unb steckte bie Dose in die Westentasche Eine Weile schwiegen sie und rauchten. Tobias betrachtete den Dieb, ber ruhig vor sich hin sah. Es war ein sympathisches, dabei ausgeprägt intelligentes Gesicht.
„Warum stehlen Sie?' fragte der schließlich.
„Es ist mein Beruf", sagte Äometc.
„Und Sie suhlen sich wob!?'
Der andere zuckte die Achseln. „Der Taschendied- stahl ist eine Kunst wie keine andere.'
„Die sich rentiert?"
.Ich verdiene im Monat höchstens vierhundert Mark. Mehr nicht."
„Und Sic wurden Ihren Beruf nicht aufgeben wollen?"
„Das käme auf die Umstände an.'
Tobias dachte eine Weile nach. „Sie haben Manieren', fagte er bann, „unb manches andere, was von Boriell ist. Wollen Sie Reifender in meinem Geschäft werden* Sie würden mehr verdienen als bisher.'
„Gewiß", sagte Stemete, „sehr gern."
Tobias entwickelte sein Programm, unb eine un« bänbige Freude stieg in ihm auf, seine Theorien fo handgreiflich bestätigt zu sehen. Mit kräftigem Händedruck verabschiedete er Äomete.
Unmittelbar nach dieser Unterredung erzählte er mir die Sache, sprach von seiner Menschenkenntnis, von ber Unsinnigkeit unserer kriminellen Justiz und von der oftensichllichen Müdelosigkell, einen Berufsverbrecher ins vürgerliche Leben zu rückzuführen.
Dann griff er in die Westentasche. Aber er luchte vergebens, und anstatt der kostbaren goldenen Ziga- rettendose zog er nur eine schmale Karte hervor. Darauf stand: Hopfen und Malz verloren. —- Äomete.


