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Nr. U2 Zweiter Blatt

Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Gderhessen)

Samstag, |2. Mal 1928

e r st a l 6 e «

angenommentourbe. Protest erheben? Hat da nicht Rahas-Pascha mit seiner Behauptung, vast die englische Qütion gar nicht durch dieses Gesetz daS lediglich Vorwand ist sondern durch die Ablehnung deS britischen Bündnisses" hervorgerufen werde? Unwill­kürlich denkt man hierbei an die von dem gut­informierten. Driand nahestehenden diplomati- schen Mitarbeiter des Pariser ..Oeuvre". Henry

Der Moskauer Staatsanwatt spricht

23cm Dr. Alexander von Andreewfty.

Malkunft, frisch«, ungebrochene Farben. Man gründete eine Zeitschrift .Der Keim", die aber bald wieder einging. Sin paar Jahre und die Bewegung hatte den Steg, »um groben Teil, weil daS 2ntc wirklich abgewirtschaftet hatte, und die neuen Werke unmerklich der englischen Men­talität stärker opferten. Rossetti hat vielleicht am stärksten zu diesem Sieg mitgehvlfen. SS findet sich oft. daß volklich Fremd« In der neuen Heimat die Form, die Smvsindungen und da» Mesen threS Wahllande« besonders deutlich sehen und dafür einen beinahe übertrieben starken Ausdruck finden, wie jemand, der zu einem neuen ©tauben übertritt, darin besonders scharf und eifrig zu fein pflegt. So ist diese Kunst Rossetti«, die Mi­schung von Traum und Wirtlichkeit, von Fröm­migkeit und srommverklärter Sinnenglnt recht nach dem englischen Gefühl gewesen, wie eS sein eigener Erfolg verrät.

3n der ersten Gloria der Prärassaelitenzeit lernte Rossetti Mist Siddal. eine 2krtäufcrin in einem Putzgeschäft, kennen, eine königliche Gestalt morbid-englischen Geschmacks, ein regel­mästiges, blas e- Gericht hektischer Tönung, von einer strudelnden Fülle leuchtenden Kupkrhaar« umbrandet. große Madonnenaugen, von schweren Lidern beschattet. Sie wurde das Modell seiner Merke, übrigens last sie auch Hunt, MillaiS und den anderen Mitgliedern der Bruderschaft zu Bildern. Die rührende Färbung beginnender Schwindsucht lieh sie doppelt reizvoll erscheinen. Ros'etti und sie führten ein echte- Zigeunerleben und hausten unter Entbehrungen, Schuldenmachen und Kunstekstasen dahin. Sin Freund, der sie einmal besuchte, sagte: .Ich fand Miß Siddal magerer, tvtkrank, schöner und abgerissener denn je. Gabriel zeichnete sie, ein Bild schöner und lieblicher al- da- andere und jede- mit Unsterb­lichkeit gesättigt." Ein richtiges englische- Heim brachten beide nie zustande, trotz ziemlich großen Einnahmen war etoigc tiefe Ebbe, und die schöne Frau nahm, um dem geliebten Gatten Gesundheit vorzutäuschen. Zuflucht zum Ovium. An einem Februarabend deS Jahres 1862 fand Rossetti. als er heimkehrte, eine Sterbende. 3m Uebermah seiner Trauer legte er der Toten seinen größten Schatz, da- Manuskript jein« sämtlichen Gedichte,

«form de- jungen Zaren Alerander II., wurde in Rußland die ..Körperschaft der vereidigten Verteidiger' int Leben gerufen. Die besten in­tellektuellen Kräfte de» Lande- widmeten lich dem neuen Beruf, der der idealistischen Drtm- nung und den liberalen Ansichten der damal'aen fort chrittlichen russischen 3ugend entf-rach. Der politische Verteidiger wurde zum Helden de» Tag-?-. ES gärte damals in Rußland, und ein politischer Prozeß folgt« dem andern. Allerdings wurde in wenig-rr w.chtigen Sachen gegen Per­sonen. di« eine» politischen Verbreche»- ange­klagt waren, ein verkürztes sog. ..administra­tives Verfahren' eingeleitet. Ohne Pro- Hestverhandlung wurden sie «infach auf Be­fehl der zuständigen Polizeibehörde nach Si­birien verbannt.

DaS größte Aufsehrn erweckte in den siebziger Jahren der Prozeß der Dera Sassulitsch. Dieser Fall erinnert in seinen Einzelheiten an die Handlung drr Oper ..ToSca". Die bild'chön« Dera Sassulitsch. ein junge» Mädchen aus bester Gesellschaft, gehörte zu einer geheimen revolu­tionären Organisation. Trepow. der allmäch­tige Polizeipräsident von P««er-burg. verliebte sich in das schöne Mädchen, die er in einer Ge­sellschaft kennenlernte. Al» Dera Sassulitsch. de­ren revolutionär« Tätigkeit von Spitzeln ent­deckt worden war. -um Verhör bei dem Polizei­präsidenten erschien, versvrach er ihr. sie um den Preis ihrer Liebe freizulas'en. Sie ging auf den Vorschlag zum Schein ein. Trepow lud sie abends in sein Palai» zu einem Souper «in. Riemand war im Haus«. Der Präsident legte nach einet üppigen Mahlzeit sein« Hand um die Schulter des schönen Mädchen- und wollte sie an sich heranzichen. 3m selben Augenblick zog Dera Sassulitsch den Dienstrevolver au- dem Gürtel des Polizeipräsidenten und feuert« au» nächster Rühe mehrer« Schüsse auf den Allgewaltigen ab, di« ihn auf der Stelle töteten. SS gelang der Mörderin, au» dem Hause zu flüchten, doch wurde sie von dem diensthabenden Polizisten verhaftet, der auf der Straße vor dem Palai» stand. Der Staats­anwalt, dem die Anklage übertragen wurde, war mein Da ter Sergiu» von Andreewsky: er erklärte, die Anklage mit reinem Gewissen nicht vertteten zu können, legt« fein A m t nieder und wurde ein bekannter Derteidiger in voliti'chen Prozessen. Dera Sassulitsch wurde zu lebenslänglicher Haft in der Festung Schlüssel­burg verurteil, wo sie bald starb. 3n den darauf folgenden vielen politischen Proze'sen. die ohne Ge'chworen« verhandelt wurden, und in denen der Spruch des Richterkollegium» selbst­verständlich im voran- bestimmt, war. verbuchte die zaristisch« Regierung, die Redefreiheit der Qkrteibiger mit allen Mitteln zu beschrän­ken. GS mangelte dabei nicht an lustigen Epi­soden. von denen nur ein« wiedergegeben sei. Einer der volkstümlichsten politischen 2krtei- diger war Fürst Urusow. der ''an! seiner Geistesgegenwart und seiner bösen Zunge von den Richtern sehr gefürchtet war. DineS Tage» sagte ihm ein Zeuge, den er. wie e» rm russischen

Dante Gabriel Doffetii.

3u feinem 100. Geburtstage.

23t*n Arant Lystirchen.

England kann in diesen Tagen den hundertsten Geburt-tag «ine» Künstler» feiern, dessen Eltern Klar nicht auf englischer Erde geboren wurden.

r selbst aber cm Londoner Kind war und die britische Kunst In entscheidender Weise beein­flußte Dante Gabriel Ross « tti nimmt in der Geschichte der englischen Literatur al» Lyriker, al» Vertreter der Neuromantik, eine bedeut­sam« Stellung neben Gwinburn e. M o r r i » und Browning ein, und al» Maler war er da» Haupt der prärassaelitischen Schul«, schuf jene durch ihre heiße Mystik betörenden Werke aus dem Lebenskreise Dante» und aus der Sagen­welt König Arthur- und jene Bilder schöner Frauen, die wie verkörperte englische Wunsch» träumt anzuschauen sind.

Rossetti- Leben erscheint uns wie eine der besten italienischen Novellen von Heinrich Mann. Gabriel Rossetti der Weitere. der Dater, war Neapolitaner, Opemdichter, Museumsbeam- ter, Verschwörer. Als Aufrührer mußte er flüch­ten und kam 1824 nach London. Dort heiratete er die Tochter eine» Milverschworenen, der sich auch nach England gerettet hatte. Er verdient« sein Brot al» Professor de» 3talienischen und war al» Dantebearbeiter bekannt. Dante war das Feldgeschrei des Hause», an Danteschen Dersen lernte der älteste Sohn, der den Namen Dante Gabriel trug, schreiben und lefen. Tiefsten Einfluß auf diesen aewann die Mutter, deren Mutter eine Engländerin war und aus deren Antlitz, das uns Dante Gabriel, ihr berühmter Sohn, lebensgetreu gemalt hat, ergreifend der Zwiespalt südlichen und nordischen Blutes her­vorbricht. Sie entschied auch den Kamps zwi­schen Dater und Sohn, al» jener sich gegen die Absicht, Dante Gabriel Künstler werden zu lassen, zunächst wehrte. Dieser junge Rossetti, frühreif, phantastisch, unruhig, wie Brentano Immer nur im labilen Gleichgewicht, nach neuen

Bereich der Möglichkeit gerückt wird, warum soll sie nicht schon jetzt möglich sein?

Man sieht: die britisch« Staat-kunst befinbet 'ich in Aegypten nicht nur politisch, sondern auch taktisch in einer überaus schw.er.gcn Gage. Zrei.ich: nach dem Krä trverhältnis ist der ägyp­tische 2 aiionalilmu» cdrnsowemg mit K.eilen e» behausen, en .Totengräber" de» Britischen WeltteichS. tric eS der indische Rationali-mu- ift. Außer der ägyptisch n Besatzung-arme« selbst kann England icderzeit in tren.g.m Stunden Truppen und Schiffe au# Palästina und Matta zum S. ez-Kanal ent enden Aber wenn der Fort­bestand de» Empire nach der Etn'icht bereit» von Zoe Ehamberlain. aaf dem allmählichen Ausbau der einzelnen Zelle beruht, so ist hier diese« Ausbau für England um so schwieriger und Damit aber die Lag« um so verwickelter, I weil e» sich geopolitisch um eine so empsindliche, I um eine AchilleSserse de» Britischen Well- | reich» handelt.

hauptung von einem nationalpolitischem Stre­ben dc» .ganzen Bolkes" in beiden Fällen sehr cum grano sali» genommen werden wie wäre eS sonst möglich, daß nicht nur in Indien, sondern auch in Aegypten Die Engländer mit einem Häuflein Bewaffneter herrschen können: nämlich mit einer DefatzungSarmee von etwas über 10 000 Mann gegenüber von 16 Mil­lionen Einwohnern?

Sin Unterschied aber besteht in der Völker- rechtlichen Stellung Aegypten», und hier liegt auch Der Hauptgrund der gegenwärtigen analo- ügyptilchen Krills Die ganze Oberherrschaft England» ist hier kaum zwei Generationen alt (Die Antelle de» Khedioen 3smail-Pascha am Suezkanalunternehmen wurden erst 1875_ vom englischen Staat erworben, und Die militärische Besetzung de» Lande» datiert erst von 1832). Dabei wurde diese Besetzung von englischer Seite selbst wiederholt als provisorische be­zeichnet. Die völkerrechtliche Zwitterstellung Ae­gyptens ttat aber in» volle Licht nach dem Weltkriege, al» England durch die Akte vom 28. Februar 1922 zwar die .Unabbängigleit Aegypten» erklärte, sich zugleich aber folgende vier Reservatrechte vorbehielt: 1. Sicher­heit der "Verbindungen des Britischen Reiche» in Aegypten: 2. Dertei bigung Ae­gyptens gegen direkte oder indirekte Angriffe und Einmischungen: 3. Schutz der fremden Interessen in Aegypten und Schutz der Minderheiten: 4. der Sudan.

Run. die britische StaaiSkunst hat es auch in Aegypten, ebenso wi« in ihren anderen Wacht- ßpharen. begriffen, dah durch «in« schroffe Auf­rechterhaltung der britischen Reservatrechte der anlo-ägyvti'che Ausgleich kaum gefördert sein würde. 6bc begann Verhandlungen und machte Konzessionen. Die Steuerhoheit und die 3ustiz- hoheit des ägt)ptischen Staate- wurden auch in begufl auf die dortigen Ausländer anerkannt: zum Schutze der letzteren wurde dem Iustiz- ministerium ein britischer Berater beigegeben, der aber von der ägyptischen Regierung ab­hängig ist. Das ..Foreign Office" ging in diesen Beziehungen weiter al» di« in Aegypten leben­den Fremdenkolonien e» haben wollten. Die Der- handlungen gipfelten schließlich in einem briti­schen ,.B ü n d n i S" - A n i r a g an Aegypten und In Dem Dor'chlag. die Okkupation noch weitere 10 3ahre fortDauem, dann aber dl« Okkupations­frage vom Völkerbund regeln zu lassen.

D.e Notwendigkeit einer allmählichen Konzes­sion-Politik wurde auch von ägyptischer Seite, namentlich von der gemäßigten konstitutionell- liberalen Richtung und ihrem Dertteter, Dem bisherigen Außenminister Garwat-Pascha, frei­lich nicht ohne (vergeblichen) Widerstand gegen die britischen Forderungen (vor allem in der DesetzungSfrage) anerkannt. Allein die im Parlament überaus mächtige Partei der Unab­hängigkeit. die W a f i. Die vom gegenwärtigen Außenminister Rah^s-Pascha repräsentiert wird, lehnt« daS Ergebnis dieser Derhandlungen als unvereinbar mit der ägyptischen Unabhängig­keit ab.

Die Sachlage ist klar: der zähe britische Kon­servativismus (von dem auch die innere Entwick­lung der 3nseln selbst durchdrungen ist) stößt hier mit einem radikalen, nicht auf partielle, sondern auf ganz« Lösungen eingestellten po­litischen Freiheitsdenkens und Freibeitsstreben- zusammen. Allein selbst derjenige, der von der Unmöglichkeit plötzlicher Aenderungen sowohl In der Innen- al» in der Außenpolitik grundsätzlich überzeugt ist. muß sich doch über daS Verhalten der Engländer eigene Gedanken machen. Don

in das leuchtend« Kupfer haar, al- der Sarg geschlossen wurde.

Die Zeit ging hin. Rossetti lebte seine Meister­schaft al» Maler. Zeichner und Dichter au», zu seinen berühmten Werken der 3ugend schuf er neue, jene Träume au» dem Leben Dante» und Beatrice», jene seltsam mystischen Schöpsun- gen au» den wallisiichen Sagenkreisen und schließ­lich die zahlreichen Halbfiguren biegsamer Frauen mit großen wissenden Augen und schwellenden Lippen, für die er immer neue Unterschriften in Gestalt geistreicher Epigramme erfand. Die in der Erde ruhenden Blatter feiner Gedichte lagen wie ein Alp auf ihm. Swindume. Morris und andere 3ünger erwarben mit ihrer Lyrik Dichterruhm. Da tot er, waS sich vielleicht nur durch Die Blutmischung seiner Seele verstehen läßt, etwas Unabeligc«, Mischlinghafte«. Er ließ 1670 die Gedichte wieder auSgraben und ver­öffentlicht« sie. Wenn «S nicht sicher überliefert wäre, würde man diese Wendung für bös­artigen Atelierklatsch halten, für einen Absatz aus Dante» 3nfemo.

War es nun das lastende Gefühl dieser Tat, war e» vorzeitige» Alter: obwohl der Schimmer der Kunst und Die Liebe schöner Frauen eS ver­schönten. da» Leben Dante Gabriel Rossetti» welkte. Da» letzte 3ahrzehnt feine» Dasein» ist erfüllt von Leiden, körperlichen unb seelischen Leiden. Er wurde ganz schlaflos, und während er um seine reifsten Bilder und tiefsten Gedichte rang, und feine Sonette Meilensteine feiner Schlaflosigkeit nennen konnte, gab er sich dem Mißbrauch De» Schlafmittel- Ehloral hin. 3n den nächsten 3obren verdüsterte sich sein Geist, e» kam zu einem Selbstmordversuch Verfolgungs­wahn, Schwermut und Willen-schwache lasteten auf ihm. ein Zustand von Lähmung befiel ihn, und al- et am 9. Avril 1832 verschied, war e» eine Erlösung von einem Heer quälender Leiden.

Ein Künstler, der nicht wie Thoma oder Schwind den Kern der Nation begriff, der aber an den Grenzen ihre» Dasein- tiefempfin- dend spürte und schuf, ein Dichter, dessen eigene» Leben wie seine stärkste Ballade klingt und uni nachfühlend durch die stolzen Höhen und abgrün­digen Tiefen der Menschheit reißt.

Künsten spähend, nach alten Künsten hungrig, quälte sich ein paar 3ahre lang In einer Zeichen- schule unbedeutender Art und kam dann in die Akademie, schon damals als Dersafler form­vollendeter Sonett« bekannt. Den Achtzehnjähri­gen schildert ein Akademiegenoss«: körperlich we­nig entwickelt, mit schmalem Körper und nnge- schicktcn Gliedern. Dichte», lockige« Haar fiel recht nachlässig über die breite, etwa» geblähte Stirn. biS auf di« Schultern, Schatten lagen auf den großen leben-gierigen Augen. Die starken Backenknochen traten «nergifch vor, die Wangen waren farblos und eingefallen, schlaif von schlaf- raubender Nachtarbeit. Sr war plattrafiert, zeigte dicke, um nicht zu sagen sinnliche Lippen, un­steten hastigen Gang, ruckweise Schritt« und eine gewifs« gleichgültig« Abgetragenheit des Aeuhe- rcn. Seine Sprache war überstürzt, aus seinen Zügen sprach Herausforderung, geistiger Stolz und unbegrenztes Selbstvertrauen.

Alle diese Ding« wurden aber gemildert durch die Empfindung, daß sie natürlich und nicht ge­macht feien. Auf der Akademie blieb Rossetti begreiflicherweise nur kurz« Zeit, aber er ge­wann Damal» Die Künstlersreundschaften, die für ihn bestimmend wurden. Der etwa- ältere □Ha- Don Brown. Holman Hunt und M i 11 a i« waren es besonder-, und an einem Tecabend de» 3obre» 1848 fanden sich diese vier mit noch einigen anderen Freunden zu der prärafsaeliti- schen Bruderschaft zusammen. Zwanzig Sabre vorher waren ihnen Die deutschenBrüder von St. Ifvdorv'. Corneliu«, Overbeck, Veit. Schnorr, auf demselben Wege voran- gegangen. ruhiger, frommer, gelassener, man raubte sagen: bürgerlicher. 3n England brach sich damals 3ohn Ruskin Dahn und trat in feinem kritischen Buch« .Modern« Maler" leiden­schaftlich für eine Erneuerung der Kunst ein. los von der Manier, Rückkehr zur Ratur. Rückkehr zu großen, innerlich wahren Vorwürfen. Die Prärafsaeliten-Brüder wurden feine Verkünder durch Die Tat. Man schuf Werke, mystische, reli­giöse, landschaftliche, in denen sich Ruskins For- derungen seltsam verschieden und doch wieder im Gleich»ang spiegelten: man erstrebte Natür­lichkeit und Kraft der Gebärde, peinlich gute

Die anglo-agyptische Lrux.

Don ($. Mukderi.

Äaum sind Die Folgen de« .stürmischen Empfang-" Der Simon-Komnnsllon in 3ndten verklungen, al» da» Britische Weltreich von einem neuen Konflikt heimgefucht wird: dem mit Aegypten. Man kennt da» jüngste vta- bium Diele» Konflikt«: nach einem wiederholten Austausch diplomatischer Roten, der aber nur tza- Ergebnis hatte. Den Gegensatz in seiner ganzen Schärte benwrtreten zu lassen, ein Ul­timatum England« an Aegypten. eine Drohung mit Der Entsendung von Krieg-schissen, der gegenüber das Kabinett Rahas-Pascha nach­gibt und die Gesetzesvorlage über Dersamm- lunasrecht. den Stein De« Anstöße«, auf Die Herbst,eslion verschiebt. Es ist jed-m Kinde fiat wie unausrichtig die .Lösung ist. Wenn irgendwo, so gilt hier Da» Wort: ausgeschoben ist nicht aufgehoben. 3a. eine der letzten bri­tischen Roten selbst hat es ausgesprochen: daß durch Die ablehnende Haltung Rahas geicnub-cr Den von feinem Vorgänger Sarwat-Pascha mit den Engländern geführten Verhandlungen zwecks Herbeiführung eines modu« rivendi zwi chen den beiden Staaten nunmehr Der statu» quo ante dieser Derhandlungen eingetreten ist Mit anderen Worten: daß das ganze anglo-ägypllsche Problem beute mehr Denn ]e in seiner Rackweit fortbefteht

Dir haben eingangs diese» Artikels Die ana­logen Ereianilfe In Indien erwähnt. So wird instruktiv sein dem Paralleli-mus weiter zu verfolgen, yat doch kein geringerer al» Rudolf Äi eilen in seinen .Großmächten der Gegen­wart" gerade den Rattonalismus Indien» und Aegyptens (allerdings ohne nähere Begrün­dung) als Den gefährlichsten Toten- gräber des Empire bezeichnet. 3n der Xat besieht aber auch «In solcher Parallelismus in mannigfacher Beziehung und er ist lehrreich für das Verständnis Der britischen StaaiSkunst: hier wi« dort haben es Die Engländer vor allem mit ganz überwiegend agrarischem Land zu tun. Dieser Umstand erscheint un« von auherordent- sicher Bedeutung. Da» Verhängnis Der briti­schen OberberdcbaU in beiden Ländern besteht darin, daß sie gerade durch dir Umgestaltung der einheimischen patriarchalischen Wirtschaft zwar die Produktion gehoben, aber zu­gleich alte Wirtschas »»formen zer­stört und sich dadurch Feinde erworben hat: man denke nur an die Rolle, die Die Ver­drängung Dc» Handwerk« in der Agitation in­discher Rationalisten spielt und an die von Gandhi herausgegebene Losung De» .Swaraj", die auch eine Rückkehr zur Heimarbeit verlangt: man denke an di« Verbesserungen der Wasser- Verhältnisse in Aegypten, aber zugleich auch an den erhöhten Wasserzin» De« Fellachen, der außerdem in immer stärkerem Grad« zu einem Handlanger Der Baumwollgesellschaflen wird. Vach den Vereinigten Staaten, Indien und Ehina wird Aegvpten durch Die Umgestaltung seiner Landwirtschaft zum viertgrößten Baum- wolland der Welt, 4370 Prozent der gesamten ägyptischen Daumwollernte wandern alljährlich nach den Häsen England«, von Den 34 Mil­lionen Psund Sterling. DU den Wert Der Aus­fuhr Aegypten« nach England i. 1.1925 bar- stellen, entfallen nicht weniger al« 31 Millionen auf Baumwolle und Daumwollsamen.

Auf der anderen Seite jedoch erleichtert der agrarische Lharakter de« Lande« Den Eng­ländern die Herrschaft waS vielfach Übersehen wird Der Engländer weih sehr wohl, daß in den Agrarbevölkerungen dieser erotischen Länder die .Leidenschaften de« Mögen«", die Sorgen um Aahrung und Acker, die stärksten sind: amt­liche englische Report« und private Unter­suchungen geben dieser Srkenntni» oft auch un- verhüllten Ausdruck. Dazu gesellen sich starte innere Gegensätze in der einheimischen Bevöl­kerung selbst: in Indien ist es das vielfalttge Kastenwesen und der religiöse Gegensatz zwilchen Hindu» und Mohammedanern: in Aegypten aber stehen fast 2 Millionen ländlicher Zwergbe- fiter nur 13 000 Großgrundbesitzern gegenüber. Freilich hier fehlen die soeben erwähnten Vor­aussetzungen für das divide et impera. wie ftetn 3ndien gegeben sind. Dennoch muß die Be-

Barde m.tgetcilt« Dersion. daß Lord Lloyd, der britische Oberkommissar in Kairo, Quota­tionen auf daS indische Vizekönigtum habe und. nach der QSersicherung nicht nur seiner Feinde, imstande wäre. Unruhen zu provozieren um London zu zeigen, daß «r sie auch zu unter­drücken We h. Sodann aber bi« Okku - pationSfrag« selbst. Riemand kann im Ernst, di« Bedeutung deS Suez-Kanal» für Di« Verbindung Der westlichen und östlichen Hemi­sphäre de« Britischen Weltreich» leugnen. Warum muß dann aber bi« britische BefatzungSannec niefct eben am Kanal, sondern in Kairo selbst al» ständiger Dorn im Auge der Aegypier lie- aen? Man antworttt hierauf britischerteil»: totU Die Kanal^on« auf die Eüßwasserzufuhr vom Ril au» Ka ro angewiesen ist. Qlllein so muß man zurückfragen. und so fragen auch die Aeayp- ter mit Recht zurück: wenn Die Zurückziehuna der OkluvationSttuppen auf Die Kanalzone nach zehn Jahren, nach englischem Vorschläge, in Den

der Gesetzesvorlage über Da« Versamm­lungsrecht. die den Stein ins Rollen ge­bracht hat. behaupten sie, sie schwäche di« Rechte der P^izei und steigere Damit die Gefahr für die Ausländer. Warum haben aber die briti­schen Behörden ruhig zugesehen, wie das Gesetz wochenlang in der Kammer und Senat in allen Detail» diskutiert wurde, und < .

Unter Mitarbeiter, der Sohn de» ehe­maligen russischen StaaiSanwalts und spä­teren berühmten politischen Qkrteibiger» Sergiu» von Qlndreewsky. schildert anläß­lich Dc» bevorstehenden Pro^e'seS gegen bi« im Dongcbiet verhafteten deutschen In­genieure die bemerkenswertesten und auf- schluhreichsten russischen Pro-ess«.

2lm 15. Ma: beginnen bi« Verhandlun­gen gegen Die deutschen Ingenieur« in Moskau, bte Der konterrevolutionären Tätig­keit angeklagt sind. Die Richter gehören zu einer Partei, deren Mitglieder sich seit Genera­tionen vor Der zaristischen Regierung wegen umstürzlerischer Tätigkeit zu verantworten hatten. Die Rollen sind nun vertauscht: doch da« Verfahren ist im We'enllichen dasselbe geblieben. Ein politischer Prozeß war in Qiuhland immer eine große Sensation, obwohl die Presse gewöhnlich über öle Verhandlungen keine Einzelheiten berichten durst« und im Publikum daher Die wildesten Gerüchte über das Schick­sal der Angeklagten und den Gang der Ver­handlungen zirkulierten. Der erst« große po­litische Prozeß in der russischen Geschichte war die Gerichtsverhandlung gegen die ® e fa­hr i ft e n . Die adligen Offiziere. Di« tm De­zember 1825 «ine Militärrevolte in P«ter»bl:rg entfesselten. 3n diesem Prozeß waren Vertreter der ältesten adligen Geschlechter Rußland« an- gcflogt: Fürst Trubehkoi. Fürst Wolkonsfi. Graf Murawjew und andere. Bemerkenswert ist die Tatsache, daß Die Angeklagten nur einem Ver­hör unterzogen wurden, Die eigentliche Gerichts­verhandlung und die 'Verkündigung de» Urteils sand in Abwesenheit der Angeklag­ten statt, die in den unterirdrschen Kerkern der Peter-Paul-Festung auf ihr Schicksal warteten. Das Urteil lautete für einige auf Tob, für an­der« auf lebenslängliche 'Verbannung nach Si­birien. Erst am nächsten Tag wurden die Qkt- urteilten einzeln in ihren Zellen von ihrem Schicksal unterrichtet. Verteidiger gab c« In diesem Prozeß nicht, da das alte Rußland die Institution der Rechtsanwälte überhauptnicht kannte. Die Angeklagten waren vollständig schutzlos, um so mehr, al« e« keine Berufung gab.

Der nächst« große politische Prozeß wurde im Jahre 1849 geführt. Es war die Qkrhandlung gegen die Mitglieder der Qkrtchwörung P e t ra­sch e w s k i s , der einen Umsturz herbeiführen wollte und eine Beschränkung der Zarenmacht durch eine Volksvertretung plante. Unter den Angellagten befand sich auch Dostojewski, der wie die andern zum Tode verurteilt wurde. Man schleppte den Dichter sogar zum Sal­gen und begnadigte ihn erst im letzten Qlugen- Hid. 3m intimen Kreis erzählte Zar Rikolau« I. später, daß er Dostojewski dis zum letzten Augen­blick im Todesangst schmachten lieh, um chm al« Dichter eineninteressanten Stoff zu einer psychologischen Arbeit zu bieten." Auch dieser Prozeß wurde ohne Verteidiger geführt. Erst im 3ahre 1884, nach der Justiz-