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Nr. 187 Zweites Blatt Eichener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhrssen)Freitag, (0. August 1928

Morgen marschieren sie...

Jn ttowno vor dem polnischen Legionärstag.

Don unserem Sonderberichterstatter JRene Z^rau*

Hochdruck, auch mit Quellenangabe, verboten

Ä o tt> n o. August 1928

4* Nbart feinet b lonNren Svrnpathien lür bas Lyftem bet I i l a u i I 4) e n Diktatur, unter her in erst er Reih.' die deutschen Bürger des THe me 11 a n bc 8 Ulden um fcftAuftcllcn. daft Polen in Nelen fwberbaft erregten Lagen ba leben 2tuq.nbli<f Ne G'wehre Ij*aetcn können, wieder einmal leine irabtti»ncUc Ttnlle als Un- rutellifkr und Friedensstörer in OitcurojMi nie- tue* i,u spielen uerftebt 3o virtuos, bah eine obnui^elnk Deltösentlichkell oder was man Io lMt6fknlIi<6!eit nennt Ne Schuld am SMeberaufHammcn dc- Wilnakonllikl^ aus- Ichl rstlich TBolNmara.- ungezügelter Art bet- nnht und rolle* Berständni» für Polens Wunsch nach eid.rung feiner Orcn^e unb Befriedung des HaJtifurt* aufbrirgt. 21 o r bo ft - £? o c a t n o? 3it Nee Bildnis nicht berauschend schon? 2o schon, dah man gmie geneigt ist. ein paar hastlichc ISarbikde ^u übersehen von denen hier bie ReN sein soll

Zve.fellos Hegen Ne Dinar so. daß Bil |u b, ft eine Stabilisierung der durch die Fne- Nnsverträge und den Handstreich des Generals xkligntolti geschossenen Verhältnisse wünscht, n>i.h- tenb Dolde maros immer wieder Beunruhi- einq in Nele . gottgewollte" Ordnung der Dinge trägt ölllubfi ist eben der glücklicheBe­ll »er unb al* solcher an ber Aus rechter Haltung bet Statu* quo inkrefitert. Ss gehört aber, in Rordosteuropa nielleicht noch mehr als im übrigen Teil unseres mlfthanNIlen Erdteils, eine tüchtige Portion DerNchungskunst dazu. diesen Statu* quo al* den Frieden an und für s i ch d.nzuftclten. Wer Ne polnische Diplomatie am Werke sah. ux-ifo. dah das notwendige Quantum Terbrebung*!uuU hr durchaus zu eigen ist Oie stellt die verschiedentlichen Tentperamentsaus- brüche Ns litauischen Diktators, die doch meistens keinen anderen Zweck verfolgen, als Ne Auf- rechtcrha 1 tun a s e i n e r D i f t a t u r. zu der dort nun einmal die Rolle des wilden Mannes gehört, als ernsthafte Bedrohung Polens dar. DiefclN Diplomatie. Ne in der ibr nahestehenden Pr>! e immer wieder den brutalen Machtstand- punft Nrvorkehrt Polen ist groft Litauen ist klein. Unruhe herrscht zwischen beiden, infolge- dessen hat Litauen von der Landkarte zu ver­schwinden!

Das kleine Litauen soll also jetzt ben selbstge­fälligen polnischen Äoloft bedrohen. Zu welchen Bebrobungen offenbar auch die Zusammenrottuna von 70 000 polnischen Legionären gehört, die sich just Nefen Sonntag in TD i Ina am Stlang der kriegerischen 2tcN ihres Marschalls berauschen unb ihr stark entwickelte- Bedürfnis nach mög­lichst kostenlosem Heroenschein befriedigen werNn. 3n Aniono sieht man diesem Tag mit fühlbarer llnrubc entgegen Zu bekannt ist ber Plan ber Legionäre auf bie Hauptstadt Litauen* Ati marschieren. Richt etwa, um einen neuen Krieg zu entfesselns Da fei Gott und der pazififtifche Monsieur Paul Boncour vor! LeNglich. um .Ordnung zu machen", um den Rachbarn non der Diktatur zu befreien und um einer neuen litauischen Regierung Platz zu schäften. Ne sich Nm TD.irdjaucr Krieg»- unb FriedenSimperiatts- mus recht gefügig erweisen wurde! Kein Zweifel, daß die Souveränität Litauens auch für ben Fall eine* blutigen Konflikts geschont werden soll! TDarum denn nicht? Schliestlich ist auch das Königreich Aegvpttn »in souveräner Staat.

Tvoldemaras ist fest entschlossen, seine äußersten Machtmittel einzusetzen, wenn Ne Leaionäre mar­schieren. Er sagt ganz offen, hast es feinen Schuhen schon gelingen toürN. die polnische ileNrmaAt ein paar Tage lang aufzuhalten. Und in diesen Tagen - wer weih, was da ge­schehen kann! . Mit effektiver Unterstützung Nirch den Bölkerbu n b rechnet man in Kowno nicht Man Ist zwar e ntschlosfen. immer noch mit- zuspielen, solange Gens irgendwelche, wenn auch nur platonische Hoffnungen bietet aber über

da* THae. in dem solche Hoffnungen berechtigt fein können, gibt sich gerade TBolbrmara*. ber bie viel zitierte Oenftr Atmosphäre zur Ocnüge kennt leinen Täuschungen hin. Täuschungen, und zwar sehr ernsthaften Täuschungen, bat er sich allerdings bis in die allerletzten Tage über die BotwenNgk.iten b.ngegvben. bie Deutschland txranlapcn müssen bi1 Unabhängigkeit Litauen* zu garantieren Zweifellos befindet sich auch Deutschland hier in einer Zwangslage. Abgesehen von Strmpathie oder Antipathie für b.cfcii ober jenen Streifte»! ist es für Deutschland natürlich unerträglich, daft Oftpreuhen ganz von polnischem (? biet ein geschlossen wer­den soll. Falsch ist es jedoch, wenn Herr TDoIbe- mar* und die Äicmen von ben Seinen sich au* dieser llnmrglidjle't das Recht ableiten wollen. Ne deutsche Ostpolitik in einer Sprache ihres offiziösen Organs zu bestimmen bie mitunter beinahe ins Erpresserische abgleitet. Denn das offiziöse .L'etuvos Aidas' Nn Friedensschritt des N'uifchen <Fe anbten Morath. an dessen Loyali- tat Herr TDolNmara* nach manchen Proben wirk­lich nicht mehr .zweifeln kann mit der unver- bullten Drohung vrantwortet. Litauen würde sich m i t Polen gegen Deutschland und Deutschlands baltische Interessen verbünden, so ist das nicht nur eine schwere diplomatische Ent­gleisung. sonNrn vor allem ein llnfinn. 3n drei Tagen werden die polnischen Legionäre vor der Frage stehen, ob sie Litauen erdrücken sollen. Richt einmal der Deutschenhaft, der zweifellos in ihnen lebt wird sie. gerade in dieser Situa­tion veranlassen können, in WoldnnaraS Bru­derhand oinzuschlagen.

Streckt ober Pc len seinerseits seine Bruderhand hin. wird es ein tödlicher Händedruck werden. TDoIbemara* weist sehr genau, daft fein Steak nie Verbündeter und immer nur Vasall Polen* sein könnte. Die Fürsten Radziwill. Ne mit Pilfubfki in besonders engen Beziehungen stehen, und alle anderen polnischen Grostgrundbesiyer deren litauische Liegenschaften enteignet wurden, haben ihre Restituftonsan- tprüche niemals aufgegeben. Dabei fordern sie nicht, wie bi? enteigneten Deutschbalten in Lett­land unb Estland nur eine angemePene. teilweise WieNrgutmachuna. sondern völlige Rückgabe - was bie Versklavung des litauischen Bauernvolkes bedeuten tofrrbe. Ebenso mühte das Wirtschaft* lel^n des Landes, das auherhalb des hochentwickelten deutschen Memvlgebletes frei­lich noch ganz in seinen Anfängen steckt, aber vor allem durch vernünftige Zusammenarbeit mit Deutschland recht cntwicklungs'ähig wäre, ganz iu polnische Hand? übergehn, ilnsäbligemalc hat Polen überdies feinen Anspruch auf Ne ©in- deziehung des widerspenstigen Litauen in den Kreis der »polnischen Kultur" waS ist das eigentlich? angemelNt. Der Friede, wie Polen ihn wünscht, ist die vollstänNge Aufsaugung des Landes. Unb n»ir weil Pilsudski die Hoff­nung nicht auf gegeben hat. dah dieses Ziel mit Unterstützung der groben Verbündeten in abseh­barer Zeil doch zu erreichen sein w-rd. ist anzu­nehmen. dah er seine allzeit Getreuen diesen Sonntag doch noch zurückpfeifen und sie so um billig zu erhebende Kriegslorbeeren bringen wird. Zumindest nimmt man in Kowno an, dah es diele* eine Mal noch gut ausgehen wird.

Man rechnet dabei mit dem Druck, den Sow­ie t r u st l a n d zweifellos auf die polnischen Lor­beergelüste ausübt. Die ruf ilchen Unterhändler haben feinen Zweifel darüber gelassen, dah sie sich mit platonischen Protesten zu Händen des Sir Eric Drummond nicht begnügen würden Tlun liebt man ja auch in Moskau die Kraftpose ein bihchen mehr, als inan geneigt ist, sich in Aben­teuer zn stürzen, deren 2Lu*gang ungewiss ist Wer aber die Entwicklung der letzten Xagc an Ort unb Stelle verfolgte, muh zu der Ueberzeugung gelangen, dah aua> Nefe Kraftpoie angenom­men. dah die wiederholten Schritte des russischen Gesandten Lorenz nichts anderes waren - eine gewifie Wirkung nicht verfehlt haben.

Oie Heidelberger Festspiele.

Ein Rückblick von Or. Zrih Baas.

Die Anwesenheit Gerhart Hauptmanns gab in diesem Zahre der ersten Heidelberger

e st s p i e l ® od) c ihren besonderen Akzent Der Dichter hielt zur Eröffnung einen Vortrag in der Aula der He Mberger Universität. Seine Aus­führungen galten dem Festspielgedanken und der Zukunft des deutschen Dramas und gipfelten in dem Wunsche, dah es gelingen möge, theatralische Kunst und Drama aufs neue dem Volkstum zu vermählen. Etwas befremdend wirkte es nur, dast Hauptmann über das Schaffen der jüngsten Dramatikergeneration kein Dort verlor.

Als erste BorsteUung ging Kleists Kälb­chen von Hei Ibron n in zene. Der Schloss- Hof m.t fernem reichgegliederten, natürlichen Szenarum von Auinen. Büschen. Treppen war der geeignete Schauplatz für Neles romantische Märchen, das nick: Erzählung bleibt, sondern Bewegung und darüber hinausklingender Rhyth­mus wird. Hartungs Regie bewahrte mit feinem Instinkt der Einstudierung durchweg eine gewisse romantische Gelöstheit und war recht ge­schickt in der szenischen Gruppierung, dem Ab- arenzen engerer oder weiterer Spielräume durch Licht und Statisterie. Das Käthchen gab wlifa- betb Lennartz Da war Kindlichkeit, unbe­wußt drängende Sehnsucht, bleiche siechende An­mut. Vur die Intensität der Durchdringung lieh manches zu wünschen übrig. Auch Eberts breitbeinig, männlich auflrcenbe* Temperament war nicht immer standhaft, wenngleich dieser Wetter vom Strahl in einigen Augenblicken wundervoll den Aaum beherrschte.

Das stärkste Erlebnis, wenn auch nicht die harmonischste Leistung, war die Aufführung von Gerhart Hauptmanns Dagabun denk omöNe ..Schluck und 3 a u im Bandhaussaal unter der Regie des Dichters und Gustav Hartungs. Pallenberg als Schluck und Klöpfer in der Volle des 3au machten die dramaturgischen Unzulänglichkeiten deS Stückes vergessen. Besser hätte die sptelerilche Antithese ntcht vertreten

sein können Dieltr Schluck--Pallenberg war ein­fach rührend in (einer gutmütig kindlichen Ein­falt. Er hatte den guten Leuten so viel zu lagen und war beständig in Angst, sie möchten chn aufbringlid) und vorwitzig finden: aber es muhte heraus. Da war jede Geste, jede Mteye eine Entschuldigung für das Erleben, das aus ihm hervor dräng'» und immer .wieder tagte er - wie um V?rzechnnq bittend:Ich bin Ihn ein sehr kmstlicher Mensch." Hinreihend war et in den Augenblicken, da er fid) verstanden fühlt unb so etwa» wie Triumph des Schöpfertums etnofin- bet. Der 3au Eugen K'.öp'ers hat sehr über­zeugend gesoffen, gefressen und gerülpst. Echter Herzenslon war fc.n Gegrunze Lind doch blieb Ne Darstellung nicht in äußerer Deal ist ik stecken. Klöpfer gab diesem sonderbaren Aomantiker. bet

statt von ber blauen Blume - - von TBeUflcHdb, Schwemefchkachteir unb Schnaps träumt, metaphy­sischen Hintergrund

Als drittes Stück wurde Shakespeares ,.S o m m e r n a ch t s t r a u m" gegeben Der Auf­führung fehlte aber etwas der volle lyrilche Klang, fcu rauschende Musikalität Shakefpe.dre­schen Äomöbiengetftce. (chimmernN Fackelzüge, gieihendes Farbenfpiel. all das tanzende, wo­gende Aufgebot konnte nicht darüber hinweg- täuschen. An Ter Sommernacht fehlte es n.cht. Säften, taufrischen Dust des Berg Waldes, flüsternde Hermlichkeit in Bäumen und Hecken, das besorgte Ne Aatur ohne Anstrengung Aber Nr Traum wovte sich nicht ein ft eilen. einige, auch mit gutem Wülen nicht übersehbare lln v tüttom menyeitei der Aufführungorgten dafür, dah man immer wieder auf recht unangenehme Dei<e in die reale Well des Llnzu länglichen zurückversetzt wurde. Heben starken schauspielerischen Epi­soden. wie dem Zettel von H. Hermann- Sch aufuh fanden sich -- dazu noch in tragen­den Vollen ziemlich schwache und farblose Leistungen. Don Hartungs 'Xcgiccrbeit hatte man den Eindruck, dah sie, von richtigen 3n- tcnlionen ausgehend, auf halbem Wege stecken Kieb. Dielleichi waren Ne Saiten des szeni­schen Instruments doch zu verschiedenartig ab- gest-mmt. um sie in der rrfatw kurzen Zeit em* he?!sich zu temperieren.

Detnahe im letzten Augenblick Hal Wolde- mara* zur Entspannung der Situation den Vor­schlag gemaätt. am 15. August in Königsberg Ne poin,sch-litauiscken Verhandlungen »icbcr aufzun.hmki'. Die Annahme d.eles Vorschlags hätte den ruhigen Ablauf dee 12. August ver­bürgen sollen. Er ift aber nicht angenommen worden. Bolen will in Eens, unmittelbar vor der Ratstagung. nerbonNln. um den Druck des Genfer Milieu* wirksam werden zu lassen, wenn

Nele Verhandlungen wieder einmal ergebnislos verlaufen - woran natürlich fein Mensch zweifelt. Sv werden die litauischen und polnischen Delc- gicrtcn einander wahrscheinlich in den letzten Augusttagen in Eens gegenüb.rtitzen. So wird ein Konflikt abebben, der in d clen lagen bedroh­lich genug ausfieht Unb fo wird der Frieden wieder einmal dadurch gerettet werden .daft man den Uw rieben des Jahres 1918 stabilisiert.

Kant Kellogg, der Mann des Knegsächlnngspakts

Unkt Nplvmatischer Mitarbeiter enl- w.rft hier ein lessendes Bild von der 'Perfönllchlcit des amcri!ani<dxn Staats- mannc*. ber Nirch den Kr.egsächtungs-Pak: im Mittelpunkt de* Del'interesfes steht.

liiemanb baue in Amerika jemals damit qc- iechnet. dast Frank Kellogg, der Mann, der immer im Schatten anderer PersönUchkeiien stand, zu Deuruhm gelangen konnte. Erst mit 72 Jahren tritt r au. diesem Schatten hervor, und das ist sicherlich ein nicht alltägliches Schick­sal In der Diplomatie haben zwar viele alte Leute Gröhes aeleiftet. z V Metternich. Talley- rand, V.smarck. Dlsraeli. Gorlschakofs aber diele Leute waren in derKarriere" alt ge­worden, während Frank Kellogg noch mit 69 Jahren ein .pensionierter Prooinzadvokat" ge­wesen >st Bi* zur späten entscheidenden Wen­dung ist er ein einfacher Mann aus dem amerikanischen Mrttelstand geblieben, der sich im Lauf der Jahre mit zäher Energie und Ausdauer emporgearbertet yat. Kellogg wurde am 22. November 1856 in dem Städtchen Polsda in geboren. Dieses Potsdam liegt freilich nicht in der Marl Brandenburg, fondeni rm Staat Deuyorl. Sollte im SoNi dieser Stadt, unter deren El rändern sich offenbar auch Deutsche befanden, auch deutsche* Blut fliehen?

Der Ne ine Potsdamer kam schon als Kind nach dem Staat Minnesota unb wurde dort im Jahre 1877 AechtSanwalt. Anfänglich führte er da* typische Leben eines Provinzadvolaten. In jenem ersten Stadium schnellster industrieller Ent- wick.un^ Amerikas bot die 'Rechtsanwaltslaufbahn dem Tuchligen eine gute Chance. Lange Zeit konnte er sich jedoch aus den kleinlichen Ver­hältnissen seiner Provinz nicht herausarbeiten. Er galt zwar al* grobe Intelligenz, war aber immer zu gewissenhaft unb kam aus den de den- konftiklen nie heraus So ging es nur sehr langsam vorwärts, trotzdem er ein anerkannt hervorragender Jurist war. Uebrigen* betätigte er sich auch als Mitglied in der republikanischen Partei, der Grand old party, die damals noch eine streitbar-liberale Partei war.

Es bauerte sehr lange, bis Kellogg seinen ersten, groben Sieg erkämpfen konnte, einen Sieg, der seinen Damen in ganz Amerika volkstümlich machte. Um die Jahrhundert­wende hals Kellogg dem prachtvollen Drauf­gänger Roofevelt bei der Durchführung der Anti-Trust-Politik. Aoosevelt hatte das Aaubtiergebih unb die Kraft, brauchte aber zu feiner Unterstützung em findiges Juristengehirn. In feinem Kampf gegen den ältesten, mächtigsten Riesentrust, bie von John D. Rockefeller gegründete ..Standard Oil, setzte er mit Kellogg* Hilfe die Auflösung der Dachgesellschaft, wie wir heute sagen würden, in kleine Gesell­schaften durch. Kellogg hat Roosevelt auch ge­holfen, den geplanten Eisenbahntrust Harriman* zu verhindern. Obwohl Kellogg mit der Auflösung des Standard Oll - Trustes Rockefeller nicht allzu wehe getan hat, sicherten ihm die beiden Leistungen die Sympathie seiner Landsleute: er wurde daher, sozusagen al* Be­lohnung im Staate Minnesota zum republllani- schen Senator gewählt. 3m Senat zeigte sich aber Kellogg von einer ganz anderen Selle. Don einer unabhängigen Gesinnung war nichts mehr zu verspüren, unb fast willenlos fügte er sich Nm Parteidiktat. Seine Wähler würben mit der Zeit unzufrieden, und nach dem Krieg verlor er fein Mandat.

In seiner Brust wohnten zwei Seelen, Er kämpfte mit Roosevelt einen saft antikapitallsti- schen Kampf durch und war trotzdem der Freund,

der Rech:*anwall und zuwellen auch al* Teil­haber der Finanz- und Industriemagnaten Man hat ihm seinen Feldzug gegen bie Trusts längst verziehen, und er ist heute den Herren ber Wall- S.reet e n 'ehr genehmer Politiker. In Amerika hnö G.grnsätze im Eharakter erlaubt; man nennt so etwas dort ..geschmeidig. Trotz dieser Anpa-'ung-sähiglell führte Kellogg aber leine Ideen fiele mit einer ungewöhnlichen Energie durch, er ist stahlhart in der Verfolgung des einmal gefahren Entschlusses.

Ten Eharakter dieses Mannes kann man am besten avS der Rebeneinanberstellung kleiner Geschehnisse aus seinem Leben erkennen Zwei Wandlungen seiner politischen Anschauungen sind svmplomalisch für ihn: er war einst Anhänger der 1 ke rbu n d i dee. ift beute aber ihr Gegner und er war bei Beendigung des Krieges entfd)ebener Militarist, ist heute icdoch der Vater de» ..Krieasächtungspaktes" Das Wort .Aech- tuiig de- Krieges' stammt übrigens nicht von ihm. sondern von Senator Borah. Als Senator war er Volkerbunbsfrcund. Dann wurde er Eoolidges Mitarbeiter, und heute ist er völkerbundsfeind- llch Rach dem Friedensschluh erklärte erDer Vertrag von Versailles ist zu wortreich. Warr eine Fünf-Millionen-Armee der Alliierten am Rhein stehen geblieben, so hätte man einen besse­ren. kürzeren Vertrag in nicht ganz einem Monat durchsetzen können." Wie hätte die Welt wohl ausgesehen, wenn man solchen Wahnsinn gewagt hätte?

Als der alternde Kellogg von Eoolidge als Rachfolger des glänzenden, aber unbedeutenden Wagazinredakteurs Harvei) zum Londoner V o t I ch a f tc r ernannt wurde, erwartete man in diplomatischen Kreisen nicht viel von diesem Auhenseiter. 2lber bald zeigte er. was er konnte. Die amerikanische Delegation zur Londoner Kon­ferenz bestand aus groben Danllers. die nicht ent­zückt waren, dast der .pensionierte Provinz­advokat" ihr Kollegs werden sollte. Aber einige, die Nii neuen Botschafter kannten, waren anderer Meinung. Sie wuhten: Kellogg ist ein Mann, auf den man sich verlassen bad. Er ist e i n Wirtschaftsjurist wie General Dawes. Amerikas Vizepräsident und Vater des DaweS- Plane*. Nr Nn GeneralStitel nurhonoris causa verliehen erhielt unb wie Parker Gil­bert. Nr Berliner Reparationsaaent. ober wie Jeremy Smith, ber Völkerbunbskonlroll:ur für ilnaam. Alle diese Herren hatten sich Ni der Abschllestung wichtiger wirtschaftlicher Verträge daS Derttauen der mächtigen Gelbmagnat en v.r- dient. und diese setzten bann ihren großen ®in- flufj dafür ein. daft die Träger ihre* Ver­trauens auf wichtige Posten Nr Verwaltung unb der Diplomatie berufen wurden.

Bei Kellogg stand Ne Sache freilich anders. Gr war ja der Mann, ber immer im Schatten stand, erst während der Londoner Konferenz im Juli 1924 erkannten einige Beobachter feine ge­waltige Begabung, mit feiner glänzenden For­mulierungsgabe hat er damals die Spitzfindig­keiten Nr alliierten Juristen mit Leichtigkeit über Nn Haufen geworfen. Gr trat aber wäh­rend Nr ganzen Konferenz nicht aus dem Hinter­grund Nrvor. Der neue amerifanifdx Bot­schafter hatte in London allerlei Vorurteile zu bekämpfen. DaS Conboner diplomatische Korps hielt viel auf Aussehen und äußere Gestalt, unb Kellogg ist alles andere als stattlich und elegant. Er ist ein stilles, kleines Männchen, von schmäch­tiger Gestalt, trägt Nn Kopf immer in d.e Schultern gezogen, und auf seinem fcharfgefchnit- tenen Gesicht liegt stet* ein halb ironische*, halb freundliches Lächeln. Er machte also Nn öin-

Die Spielzeit ift Mitte August au Ende. Die noch folgenden Abende bringen Wiederholungen. Wan konstatiert im Heberblid: einige schauspielerische Glanzleistungen, dazwischen Wittclmaft. immer effektvolles Drum unb Dran. Aber Ne festliche Vc4kstümlichkeit, welche da- Programm propa­giert? Vorfäuftg scheitert sie noch an den höhest Eintrittspreisen.

Der Fernseher kommt!

Rach einer Meldung aus Leipzig hat dort Nr Professor Nr Leipziger Universität, Dr. Karolus. nunmehr einen Apparat konstru­iert. mit dessen Hilfe ba* Fernsehen ermög­licht wirb. Schon teil geraumer Zeit beschäf­tigte das Problem Ns .Fernsehens bie Ceffent- lichkeit und es ist viel barüber getagt und ge­schrieben worden, ohne das das Problem freilich dis zu Ende gelöst werben konnte. Auch die Ver­suche von Professor Kamlus wurNn mehrfach in ber Öffentlichkeit besprochen, aber erst jetzt ist es ihm gelungen. Ne Aufgabe, die er sich ge­stellt hat. unb an Nr er teil Jahren mit un­ermüdlicher Energie gearbeitet hat. zu lösen. Pros. Karolus ist nicht Nr einzige, der sich mit Nr Lösung der Ausgabe Ns Fernsehens befafjt hat. vielmehr wird gegentoärtig noch in zahl­losen Laboratorien der ganzen Welt an Nr Der- volllommnung des Femseyprvblems gearbeitet, dessen theoretische Grundlagen schon feil längerer Zeil bekannt sind. Sie beruhen hauptsächlich in der llebertragung von Bildstrei­fen, unb zwar muh diese mit einer außer­ordentlichen Geschwindigkeit erdigen, um einiger­maßen deutliche Bilder erzielen zu können. 2s müssen in der CetunN mindestens 10 Bilder übertragen werden unb jedes Bild muh min­destens 810 000 einzelne Bilderpunkte enthal­ten. Die Möglichkeit des Fernsehens ift also dann gegeben, wenn die Möglichkeit, 100120 000 Blldpuntte in der Minute zu übertragen, besteht. An sich beruht das Fernsehen auf denselben Prinzipien wie die bereits offiziell eingeführte cleftrtfcN und drahtlose Dikdübertra­gung Je schneller einzelne BilNr nacheinanNr

üNrtragen werden können, um fo eher kann man ben Dorgang, der übertragen werden soll, be­obachten. und bei einer unmittelbaren llebertra­gung jedes einzelnen Bildes von einem Bild­streifen oder Film entsteht dann das Fernsehen, was. rein theoretisch, so weil vervollkommnet werden kann, dah eine Handlung ober ein Ge­genstand gefilmt, im selben Augenblick oder im Bruchteil einer Sekunde entwickelt und amb über­tragen wirb und sofort dann das nächste Bild nachfolgt. Die technischen SinzelNiten NrBild- übertragung find natürlich vorläufig noch nicht bekannt und Privileg des Erfinders Das von Karolus au*gearbeitele System Nr Dildübertra- gung besteht darin, dah das Bild auf eine ro­tierende Walze gespannt wird, auf bie aus einer bestimmten Richtung ein bünner Lichtstrahl fällt. Nr die Walze in Spirallinien abtaftet. Der Strahl wird refleftiert unb dann in eine Photozelle geleitet, in Nr bie Umwandlung Nr Lichtenergie in elektrische Stromschwankungen er­folgt die bann wiederum durch Derstärker auf den Sender üNrtragen und auSgeftrahlt werden. Der Empfang vollzieht sich dann auf umgekehrte Weife. Da in Nr Sekunde 10-12 Bilder über­tragen werden können, entsteht auf der Emp- fängerfeite ein bewegtes Bild ES bleibt abzu­warten. welches Ergebnis die beabfichtigte Vor­führung des KaroluSschen Apparates vor Nn Sachverständigen haben wird. An deutsche Wirt- -aftler und Techniker ist, wie man hört, NreitS eine Einladung ergangen. Ni den demnächst in Berlin ftattfinNnNn Demonstrationen von Pros. KaroluS anwesend zu sein. Sollte sich dann die Leipziger Meldung Nftöligen, und die Erfindung tettsächllch al* endgültig anzufehen fein, Io be­deutete das wieder einmal einen Triumph der deutschen Technik. Vor kurzem erst finb von dem Amerikaner Bird ebenfalls FernsehüNr- tragungsversuche von Amerika nach Eiland gemacht worden, die freilich auherorNntllch un­günstig ausgefallen sind, und vor Nn Sach­verständigen ihre Probe nicht bestanden haben. Es steht zu hoffen, dah Prof. Karolus gün­stigere Erfolge erzielen wird.