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Ur. 60 viettes vlatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen) Samstag, 10. März 1928

Wirtschaft.

Oer Abschluß der Commerz- und Privat-Bank.

Der Aufsichtsrat der Commerz - und Pri­vatbank beschloß, der Generalversammlung auf das um 18 Mill. Mk. erhöhte Aktienkapital die gleiche Dividende wie im Dorjahre, nämlich 11 Proz., vorzuschlagen. Bei den nach­stehenden Zahlenangaben sind die entsprechenden Dorjahrszifsern in Klammern beigefügt, wobei ru berücksichtigen ist, daß im abgelaufenen 3ahre die Kapitalserhöhung um 18 Mill. Mk. durch- geführt wurde. Das Gewinn- und Derlustkonto weist die nachstehenden Einnahmen auf: Gewinn­vortrag 1.52 Mill. Mk. (1,53), Zinsen, Wechsel, Sorten und Zinsscheine 27,68 Mill. Mk. (24,05), Provisionen 32,60 Mill. Mk. (26,20), für Wert- kapiere und Konsortialbeteiligungen ist diesmal -nichts aufgeführt, da die Gewinne auf diesen Konten vorweg abgebucht worden sind. 3m vori­gen Jahre waren als Gewinn 2,24 Mill. Mk. angegeben. Die Gesamteinnahmen auf Ge­winn- und Derlustkonto betragen demnach 61,80 Millionen Mark (54,01), die Ausgaben be­liefen sich auf: für Handlungsunkosten 43,93 Mill. Mark (39,68), Steuern und Abgaben 7,66 Mill. Mark (6,29). Cs ergibt sich sodann ein Reingewinn von 10,21 Mill. Mk. (8,05). Die Verteilung des Reingewinns wird wie folgt rvorgeschlagen: 11 Proz. Dividende gleich 6,6 Mill. Mark (4,62), in den Reservefonds 1,50 Mill. Mk. NI,50), Gewinnanteile an den Aufsichtsrat 0,59 Mill. Mark (0,412). Dortrag 1,52 Mill. Mk. 11,52).

3m Geschäftsbericht wird u. o. ausgeführt: Wurde die Tätigkeit im 3ahre 1926 stark von Ler Aufwärtsbeweaung an der CBorfc beeinflußt, |o erhielt das 3ahr 1927 seine Signatur durch Len Aufstieg der Konjunktur. Hieraus ergab sich «ine außerordentliche Belebung des Kreditgeschäftes, das nunmehr wieder wieder wie in früheren Zeiten die erste Stelle tm Aufgobenkreis der Danken einzunehmen ver­mochte. Das Geschäft in den Filialen und Depo- ffitenkassen hat eine erfreuliche weitere Ausdeh­nung erfahren und befriedigende Ergebnisse er» Lracht. Die dauernden Beteiligungen haben Günstig gearbeitet. Die Summe der Reports und Lombards ist entsprechend der Entwicklung des Pörsengeschäftes von ihrem im Laufe des Ge- ßchäftsjahres erreichten Höchststand erheblich zu- »ückgegangen. Die Steigerung der Debitoren von »und 366 Mill. Mk. auf rund 532 Mill. Mk. spiegelt die Ausdehnung des Kontokorrentgeschäf- te5 wieder. Die Bank war in der Lage, den an sie herantretenden Forderungen in weitgehen- tiem Maße zu entsprechen. Wenn trotz dieser Geschäftssteigerung das Zinsenkonto ein im Der- hältnis geringes Mehrergebnis erbracht hat, so entspricht dies der Derringerung der im Zinsengeschäft zu erzielenden Margen. Dagegen hat das Provisionskonto trotz rückgängiger Sähe ein erhöhtes Erträgnis aufzuweisen, das auf das ausgedehnte Kontokorrentgeschäft und das allerdings nur vorübergehend lebhafte Dör- smaeschäft zurückzuführen ist. Während des Lahres 1927 war die Dank an zahlreichen Kon- fvrttalgeschäften beteiligt, von denen der größte Teil tm Berichtsjahr mit gutem Erfolg zur Ab- poicklung gelangt ist. Das Änkostenkonto hat eine erhebliche Steigerung aufzuweisen, hervorgerufen Durch die im Laufe des 3ahres 1927 eingetretene Larifsteigerung und eine Vermehrung des Per­sonals von 7226 auf 7617, die dem erhöhten Geschäftsumfang entspricht. Auch das Konto Steuern und Abgaben ist neuerdings wieder empfindlich angewachsen.

Wochenbericht

vom frankfurter Effektenmarkt.

3n dieser Woche machte die Abwärtsbe­wegung der Kurse raschere Fort­schritte, und die Börse stand unter dem Druck einer wachsenden Ansicherheit und Ser ft Immun g. Da das private Publikum sich am Geschäft weiter fast vollkommen un- Utereffiert zeigte, war die älmfahtätigkeit gering und wieder aus die Kulisse beschränkt, so daß schon relativ kleines Angebot genügte, um merk­

lichere Kursrückgänge herbeizuführen. Beunruhi­gend wirkte zunächst in erster Linie die starke Ausbreitung der Lohnbewegungen durch neue Tarifkündigungen, Stillegungen und Arbeiter­

entlassungen, und es tauchten Befürchtungen auf, daß diese Bewegungen die Abschlüsse verschiedener Großunternehmen ungünstig beeinflussen könnten. Derstärkt wurde diese Verstimmung durch den

Stand der Gasfernversorgung.

Von A. Steding, Direktor des Stadt. Gaswerkes Gießen.

Die vor etwa zwei 3ahren von der neugegrün­deten Akt.-Ges. für Kohleverwertung in Essen in Angriff genommene Aufgabe einer deut­schen Gasfernversorgung vom Ruhrge­biet aus hat nunmehr zu einer Klärung in großen Umrissen geführt. Der Deutsche Derein von Gas- und Wasserfachmännern hat in seiner letzten 3ahresversammlung, nach vorausgegange- ner gründlicher Durcharbeitung aller mit der Fernversorgung zusammenhängenden Fragen durch die von ihm eingesetzten technischen, wirt­schaftlichen und juristischen Kommissionen, die Gasversorgung der Städte und Gemeinden vom Ruhrgebiet aus verworfen und folgende Entschließung angenommen: ,

Gegen die zentrale Gasversorgung vom Ruhrgebiet aus bei gleichzeitiger völliger Stillegung vorhandener Werke bestehen die schwersten Bedenken, weil die notige Sicher­heit bei der Belieferung nicht geboten wer­den kann und die Gefahr einer Monopoli­sierung der Wärmewirtschaft besteht. Diese Bedenken sind um so schwerwiegender, als Preisvorteile gegenüber der Eigenerzeugung nicht zu erwarten sind. Es ist vielmehr die Gruppengasversorgung anzustreben. Sie ge­währt insbesondere die unerläßliche Sicher­heit in der ununterbrochenen Dersorgung der Abnehmer mit Gas und bietet Gewähr da­für, daß der gesamte wirtschaftliche Ruhen den einzelnen Gemeinden und somit der Allgemeinheit zugute kommt."

Der Deutsche Derein von Gas- und Wasser­fachmännern vertritt ferner den Standpunkt, daß eine weitere Anhäufung von lebenswichtigen Produktionszweigen an der Peripherie des Rei­ches, vom innen- wie auch vom außenpolitischen Gesichtspunkte aus betrachtet, eine bleibende Ge­fahr für die Dersorgungsgebiete bedeutet, weil im Falle politischer und wirtschaftlicher Der- wicklungen die Gaslieserung vollständig ver­sagen kann.

Die Akt.-Ges. für Kohleverwertung sucht nun zunächst in Westfalen und im Rheinland, deren natürliche Lage ja schon auf den Zechengasbezug hinweist, ihre Pläne zu verwirklichen, und hat bereits das 280 Kilometer lange Femrohrnetz der Rheinisch-Westfälischen Elektrizitätswerke übernommen und mit der Ferngasversorgung Westfalen G. m. b. H., deren Ausdehnung sich auf 31 Städte und Landkreise Westfalens er­streckt, ein Abkommen getroffen. Auch mit den Großstädten Köln, Düsseldorf und Duisburg hat die Akt.-Ges. für Kohleverwertung bereits Füh­lung genommen. Die unmittelbar im 3ndustrie- gebiet liegenden Orte Essen, Dortmund, Bochum, Gelsenkirchen, Barmen u. a. werden bereits zum größten Teile mit Kokereigas beliefert.

Mit der Stadt Hannover, die im 3ahre etwa 40 Millionen Kubikmeter Gas an ihre Der­braucher abgibt, hat die Akt.-Ges. für Kohle- verwertung kürzlich einen Vertrag auf die Dauer von 30 3ahren über Lieferung von Ferngas ab­geschlossen. Damit sind der vorgenannten Gesell­schaft die Wege zum Vordringen nach Rorden und Osten geebnet. Von dem 800 Millimeter lichtweiten Sammelstrang bzw. von Dortmund aus wird bereits eine Ferngasleitung nach Plettenberg und Siegen gelegt, an welche die Gemeinden und 3ndustriewerke des Lennetales und Siegerlandes angeschlossen werden können. Es wird beabsichtigt, diese Fernleitung später nach Südosten zu verlängern.

Die Frankfurter Gasgesellschaft, an welcher die Stadt Offenbach mit 20 Prozent und das Rheinisch-Westfälische Elektrizitätswerk mit 30 Prozent beteiligt sind, und die deshalb die zu entgasenden Kohlen ohne Syndikatsauf­schlag erhält, hat kürzlich eine großzügig an­gelegte Kokereianlage fertiggestellt und mit der Stadt Mannheim, die ebenfalls eine Groß­

ofenanlage errichtet hat, die Südwestdeut­sche Gas-Akt. - Ges. gegründet, um eine einheitliche Ausnützung des zu erschließenden Ge­bietes durchzuführen. Auf diese Weise dürfte die Akt.-Ges. für Kohleverwertung ein Gegen­gewicht erhalten haben und die Ausdehnung des Absatzgebietes nach Süden und Südosten behindert werden.

Unter Gruppengaswerken sind genügend große, neuzeitlich eingerichtete, oder neu zu errichtende Gaswerke zu verstehen, von denen ans einzelne Länder, Provinzen oder bestimmt abzugrenzende wirtschaftliche Gebiete mit Ems zu versorgen sind. Es gibt bereits viele Groh-Gaswerke, bie aus­gedehnte Gebiete mit Gas beliefern, wie z. B. Landesverband würt .embergischer Gaswerke, Ver­bandsgaswerke Oberichlesien, Gruppenversorgung des Volksstaates Sachsen, Großgaswerk Erfurt der früheren Thüringischen Staaten usw. Der Gedanke der Gruppengaswerke wird somit immer mehr verwirklicht, und wirtschaftliche Vorteile liegen unzweifelhaft vor, wenn die kleinen Gas­werke mit größeren zu Gruppenversor­gungen zusammengeschlossen werden. Zur Zeit sind Bestrebungen im Gange, die einzelnen Der­sorgungsgebiete nach bestimmten Grundsätzen ab- zugrenzen.

Aehnlich wie in den Staaten Sachsen und Württemberg hat kürzlich der D o l k s st a a t Hessen in Gemeinschaft mit den drei Pro­vinzen und den Städten Darmstadt, Mainz, Worms und Gießen eine kommunale Ga'sfernversorgungs - Gesellschaft (Hekoga) gegründet, die sich zur Aufgabe ge­stellt hat, Hessen oder Teile davon mit Gas zu beliefern und mit allen zu Gebote stehenden Mitteln eine Verbilligung des Gas- Preises herbeizuführen. Weitere Städte ober kommunale Körperschaften werden als Teilhaber ausgenommen. DieHekoga" bezieht das Gas vorerst von den Gaswerken der Gründer- städte, soweit diese dazu in der Lage sind». Ob später unwirtschaftlich arbeitende Gaswerke stillgelegt, ob neuzeitliche Gemeinschastswerke durch dieHekoga", ober durch einen Teil der Teilhaber erbaut werden, oder ob das Gas zum Teil oder ganz durch Fremdbezug bezogen werden soll, darüber wird ein» Entscheidung getroffen, sobald die Berechnungen der Erzeugungskosten und die Begutachtungen der einzelnen Teilhaber­gaswerke erfolgt sind. 3edenfalls ist durch die Gründung derHekoga" die allge­meine Gasversorgung in Hessen ein gutes Stück vorwärts gekommen, und Die Zeit scheint nicht mehr fern zu fehr daß große hessische Gebietsteile mit Gas zum Kochen und Heizen, für Gewerbe- und 3ndustriezwecke versorgt sein werden.

Die Verträge über die Gasversorgung der Ge­meinde W i e s e ck sind bereits von der Stadl Gießen und der Oeme;nöe unterschriftlich voll­zogen, sie harren noch der Genehmigung der Aufsichtsbehörden. Mit dem Bau der Fern­leitung wird, nachdem die Genehmigung er­teilt ist, sofort begonnen.

Schließlich kann auch in Erwägung gezogen werden, das benötigte Gas in der Provinz Oberhessen von der GewerkschaftFried­rich" bei Hungen aus deren nahezu fertig- gestellter neuer Braunkohlen-Schwe- lerer zu beziehen. Schwelgas hat einen höheren Heizwert und eine größere Dichte als Stein­kohlengas. Es muh, um cs für die in Gebrauch befindlichen Gasgeräte Überhaupt verwenden zu können, einen bestimmten Zusatz von Wassergas oder dergleichen erhalten. Die Versuche hier­über finb aber noch nicht abgeschlossen. Das Gaswerk Dessau hat trotzdem von dem Schwel­werk derGrube Leopold" im mitteldeutschen Braunkohlengebiet die anfallenden großen Gas­mengen zur Weiterverwendung übernommen.

letzten Wirtschaftsbericht der Discontogesellschaft, worin über die hohen Steuern unb sozialen Lasten, mit benen bie deutsche 3ndustrie belegt werde, geklagt wird. 3n stärkerem Maße tarn bann diese Meinung ber Grohbank bei bet Veröffent­lichung ihrer Abschluhzifsern zum Ausdruck. Weiterhin besorgniserregend war sodann bie Llngewihheit über bie zukünftige Gelbmarktentwicklung Der Gelbmarkt blieb in ber Derichtswoche zunächst auherorbent- lich stark angespannt, ba von kommunaler unb industrieller Seite bie Rachfrage unocränbert an­hielt. Dabei beachtete man auch den Reich^bankaus- weis, ber bie starke Beanspruchung bes 3nstituts Aum Februar-Llltimo anzeigte. Erst gegen Enbe ber Woche machte sich eine geringe Erleichterung am Tagesgeldmarkte bemerkbar. Einen außer­ordentlich ungünstigen Einfluß auf bie Allaemein- tenbenz übten außerdem die großen Kursabschläge einiger Spezialwerte aus. So lagen R e d a r - fulmer Fahrzeugwerke andauernd stark im Angebot und verloren schließlich gegen die vergangene Woche insgesamt 32Proz., da bie Verhältnisse bei diesem Unternehmen zu­nächst noch vollkommen unklar erscheinen. Mit der Ausschüttung. einer Dividende wird an ber Börse nicht mehr gerechnet, unb im Zusammen­hang mit dem endgültigen Scheitern der Ver­handlungen zur Aufnahme einer Auslandanleihe wurden Befürchtungen laut, daß nun zur Ab­deckung der großen Bankschulden wahrscheinlich eine Kapitalzusammenlegung notwendig werde. Ebenso ungünstig wirkte das große Angebot in Harpener Bergbauaktien, die gegen bie Vorwoche rund 20 Proz. einbühten auf bie befürchtete unb bann tatsächlich eingetretene Dividendenreduzierung von 8 Proz. im Vorjahre auf 6 Proz. Gegen Enbe ber Woche ging ein starker Druck vom Farbenmarkte aus. Hier herrschte ein von Tag zu Tag sich verstär­kendes Angebot in 3.-G.°Dezugsrechten, bie schließlich einen Tiefstand von 8 Proz. erreichten unb später nur geringfügig erholt waren. 3.-G.- Bonds waren zu 130 Proz. angeboten, unb die Farbenaktie selbst ging um 9 Proz. im Kurse zurück. Man hegte in Dörsenkreisen starke Be­sorgnisse hinsichtlich ber Unterbringung ber großen Farbe ne m i ss i o n bei ber gegen­wärtigen Gelbknappheit. Vor allem verstimmte jedoch die unzureichende Kursregulterung am Farbenmarkte. Einige günstige Momente, wie der Abschluß und bie Ueberzeichnung ber -15-Mill.- Dollaranleihe der Gelsenkirchner Bergwerks-A.-G. und die Dividendenerhöhung bei Hapag und Rordd. Lloyd, blieben fast ohne Wirkung. Auf den meisten Marktgebieten waren 3- bis 10- prozentige Kursrückgänge zu verzeichnen. Schiff- sahrtswerte blieben aus dem eben erwähnten Grunde behauptet. Deutsche Anleihen lagen still unb eher schwächer, ausländische Renten ebenfalls überwiegend abgeschwächt. 3m Freiverkehr waren Russen lebhaft gefragt unb fester. Am De­visenmarkt setzte sich die Aufwärtsbe- wegung des Markkurfes in verstärk­tem Matze fort, da von industrieller Seite zu Geldbeschasfungszwecken Devisenverkäufe vor- genommen wurden.

Wochenbericht

vom Zrankfurier produkienmarkt.

Die feste Haltung der ausländischen Pro- duttemnärkte übertrug stch auch auf den Frank­furter Markt, ©ttmullerenb wirkten besonders die steigenden amerikanischen Dotierungen, so daß die Händler und Käufer zuversicht­licher gestimmt wurden und aus ihrer sonstigen Zurückhaltung heraustraten. Auch verfehlten die Meldungen über den schlechten Saaten stand im Osten Amerikas und Rußlands ihre Wirkung nicht. Das knappe Angebot der zweiten Hand, die hauptsächlich ihre Ware in Erwartung weiter steigender Preise zurückhielt, gab der Börse einen weiteren Ansporn. Das Angebot aus der Pro­vinz war ebensalls sehr spärlich, da bei dem schönen Wetter die Landwirtschaft ziemlich stark mit der Bestellung ihrer Felder beschäftigt war. Weizen und Roggen waren lebhafter be­gehrt. Hier machte sich besonders regeres 3nter- esse von Seiten der Mühlen bemerkbar, was hauptsächlich auf die allgemeine Belebung des Mehlgeschästs zurückzuführen war, auch hörte man keine Klagen über den schlechten Abruf der

<Oie goldenen Berge.

(Roman von Clara Dieöig.

Lophright by Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart. 10 Fortsetzung. Nachdruck verboten.

Ja, sein Fuder behalten, seinen verborgenen Schatz im Keller behalten ha, das möchte er wohl! lief seufzend erholte er sich jetzt. Die freie Luft des Hofes nahm den Nebel fort, der noch auf seinem Hirn gelegen hatte, und er sah auf einmal feine Lage weniger schwarz, sah alles nur halb so jdjlimm. Dem Himmel sei Dank, was für eine kluge Jjrau seine Anna doch war und so tapfer! Er wußte wohl, was der Verzicht auf das Schwein sie lastete, aber sie sagte darüber kein lautes Wort. Stumm-dankbar drückte er ihr die Hand.

Du hast brave Eltern, mein Stinb", hatte Herr dousemont gesagt, als er Maria Bremm den ersten Tag im Hause hatte.Ich kenn deinen Vater gut en tüchtiger Mann! Nu halt du dich auch danach. 2at jag ich dir gleich, int Haus bringen barffte mir deinen Schatz nit!"

Meinen Schatz?! Die klaren Augen bes Mädchens sahen ihn verwundert an.Ich hab Pin^o Sn'utn so besser!" Herr Dousemont lachte unb klopfte ihr die Wangen. Aber er glaubte ihrer Versicherung boch nicht: em so hübsches Mädchen und keinen Schatz?Aufgepaßt", sprach er zu der Lena, die schon vor dem Tode von Frau Dousemont fange Jahre im Haus Köchin war. S.e sollte nur de Tür der Mädchenkammer recht gut unter Aus­sicht halten. Aber die alte Jungfrau schnob ihn un- «illig an:Dat müssen Sie bann als felber be= fargen, Herr Dousemont. Wat gehn mich die Ma- Archen an lieber 'n Sack voll Flöh hüten

Ein Schatz! Einen Schatz nicht hier ins Haus bringen?! Darüber dachte Maria jetzt nach. Herr Dousemont hatte sie fast beleidigt. Was bie Leute sich immer gleich denken, wenn eine achtzehn ^Zayre alt ist' Sie hatte keinen Schatz, sie wollte auch gar hinen Schatz. Es war nicht allzuweit der Kaspar würde sie ja besuchen, und dann ging sie mit Dem aus. Die Mutter hatte gewiß auch nichts anderes

gemeint wie Herr Dousemont, als die sie so er­mahnte warum nur? Sie war doch keine, die mit dem Erstbesten sich einließ, sie wußte ganz ge­nau, was sich gehört unb hielt was auf sich. Das Reden der Mutter dünkte ihr recht überflüssig: äußerlich hatte sie bas zwar still angehört, aber innerlich machte es sie ungebulbig.

Frau Bremm hatte bie Tochter bis zur Kleinbahn gebracht, die, das Moseltal auswärts, zum Kreis­städtchen fährt. Die beiden Frauen wanderten den Weg zur Station über die sich in vielen Windungen ziehende Chaussee längs bes Flusses, an ber die Birnen schon blühten und die Apfelbäume auch be­reits gerötete Knospen zeigten. Im heiteren Früh­lingsschein floß licht die Mosel, so sanft, so friedlich im alten Bett: an den Uferränbern, bie noch vor nicht lange bas Wasser bespült hatte, schimmerte frischgrünes, neufproffenbes Gras. Die beiben tru­gen den Handkoffer zwischen sich: viel war ja noch nicht darin, Maria hätte ihn leicht allein fortge­bracht, aber die Mutter hatte das Gefühl, sie müsse der scheidenden Tochter noch alle Liebe erweisen. Der Abschied fiel der Bremm schwer. Nicht des­wegen, daß sie nun die Hilfe der großen Tochter entbehren mußte die Dreizehnjährige, das Pau- linchen, ließ sich ja schon ganz gut an sie würde bas heitere Lachen, die Fröhlichkeit der Maria so sehr vermissen. Die war wie die liebe Sonne, die von morgens bis abends scheint.

Maria war der Abschied längst nicht so schwer gefallen, sie freute sich auf das Neue.Ja, ja", ver­sprach sie gedankenlos, sie würde immer fleißig zur Messe gehen, ja, ja, und auch immer beichten, ja, ja bie Mutter konnte sich ganz beruhigen. Sie lachte, als bie Lokomotive pfiff unb puftenb anrückte und die Mutter mit Tränen in den Augen ihr noch ein­mal die Hand hinaufreichte:Bleib brav!" Unb bann hotte sie sich noch einmal zum Fenster herausgebeugt und zurückgeschrien:Grüß auch ben Kaspar, wenn bu ihn siehst!" Von bem hatte sie nicht noch beson- beren Abschieb genommen; sie hatte es vergessen, bei­zeiten zu tun, unb bann war's auf einmal zu spät gemejen.

Nun aber, hier in ber neuen Umgebung, an bie sie sich erst gewöhnen mußte, bachte Maria boch oft an ihn.

Der alte Jean Glaube, derAkte vom Berge", wie Herr Dousemont allgemein hieß, hatte sein Haus

dicht an den Herrenberg hingebaut; auf ber Vorber- feitc hatte es einen schönen Garten, ber Mosel zu, aber mit ber Rückwanb stanb's schon im Weinberg. Den hatte Herr Dousemont angekauft, als er, ber viele Jahrzehnte mit seinem Frachtdampfer nach Hol­land gefahren, bes Fahrens mübe geworben war unb sich hier zur Ruhe setzte.

Vom Türmchen der Villa hatte man einen weiten Blick auf den Fluß, aber weiter noch sah man aus dem Weinberg, und am weitesten von ganz oben, wo ein winziges Kapellchen stand. Nur ein Betbänk­chen hatte Platz darin, ein Muttergötteschen hinter schützendem Gitter mit einem einzigen Lichtchen da­vor in verrostetem Halter. Aber vor der kleinen Ka­pelle stand ein großes weithinragendes Kreuz, und unter dieses Kreuz hatte Herr Dousemont sich eine bequeme Bank stellen lassen. So hatte er im Rücken die dunklen Schluchten, die ins Tal sich hinunter­senken vom Eifelplateau tiefblau geheimnisvoll wob es in ihnen aber vor sich sah er den lichten Strom und sah die Berge lachen im Sonnenschein.

Hier saß er oft, ging fast täglich hinaus. Seit Frau Dousemont gestorben war, ihn allein gelassen hatte, und der einzige Sohn erst draußen studierte und dann Assistenzarzt an einem großen Krankenhaus war, hatte er ja auch nichts zu versäumen. Und wenn er auch etwas versäumt hätte, was tat's? Der Mensch soll alles mitnehmen, was ihm nur irgend­wie Freude macht; der ist töricht, der das nicht tut. Man soll essen, was einem schmeckt, trinken, was einem schmeckt, jede gute Stunde voll genießen, die einem der Herrgott schenkt. Was dann noch übrig- bleibt im Leben eine trübe Neige, das muß man eben mit hinnehmen; ist nicht auch letzter Satz im Foß des edelsten Weines?

Wenn der Alte vom Berg hier oben saß, fühlte er sich nicht mehr allein. Aus feinen Reben sprach es zu ihm mit vertraulichen Stimmen. Und stieg er abwärts den schmalen Pfad, so strich seine Hand liebkosend über das junge Weinlaub. Blühte aber der Wein, bann blieb er oft lange, lange zwischen ben Stöcken stehen; seine etwas gerötete Nase mit ben weiten Flügeln sog kennerisch ben köstlichen Dust ein, bem an Feinheit kein anberer gleich­kommt. Der Duft bes blühenden Weins, herrlicher als der der edelsten Rose, als irgendeiner Frühlings­und Sommerblume.

Wenn aber ber Ginster in Pracht stand, bann hatte Herr Dousemont auch Augenwerde. Golb, Gold überall. An jebem Fels leckt es mit goldener Zunge, an jedem Rain, an jedem Wegrand steigen leuchtende Kerzen empor, sich ausbreitende goldene Flammen; goldener Regen tropft, gießt von ben Höhen herab, ganze Hänge herunter sind mit Gold beschüttet. Und der Fluß fängt all dieses Gold ouf und spiegelt es leuchtend wider. Eine weite Flut, ein Meer von Gold, man mochte tauchen, hineui- versinken, die Hände sich füllen. Goldene Berge, sc- weit der Blick reicht, goldene Berge an goldenem Fluß Gold, Gold wer kann hier noch von Armut reden?!

Die goldenen Berge der Hekmat! Der Alte auf dem Herrenberg breitete seine Arme weit, das Herz schwoll ihm vor Liebe. Und bie Augen gingen ihm über.

6. Kapitel.

Ein schnurriger Kauz war dieser Herr Dause- mont. Man belächelte ihn. Jeder im Städtchen kannte ihn, die Kinder rannten ihm nach. Wenn die Knaben mit ihrer hölzernen Klapper bas Oster­fest einklapperten:Mir flepere, mir flepere," bie Straßen mit ihrem Lärm erfüllten, dann schenkte er ihnen Kucken und bunte Eier; er hielt auf bie alten Sitten. Unb oben auf seinem Berg ließ er bie Feuer anzünben in ber Johannisnacht unb zu Mar- tini, unb bei der Lese feuerte er den ersten Böller­schuß ab.

Maria hatte gute Tage im Haus von Herrn Dousemont. Er gab öfters Gesellschaft; der Herr Bürgermeister, der Doktor, der Apotheker, der Amtsrichter und noch andere Honoratioren, selbst der Herr Landrat kamen gern zu Herrn Douse- monts Abenden. Die alte Lena kochte vorzüglich, und zu Forellen aus Eifelbächen ober gespicktem Moselhecht gabs die besten Marken. Ä saß sich wundervoll auf der Veranda, die Weinlaub und Rosen umrankten; die Mosel floß unten am Garten vorbei und ihr sanftes Rauschen täuschte heiß­gewordenen Stirnen Kühlung vor. Wie selige Stim­mung sank es nieder. Und wenn man dann erst so weit war, daß man zu singen anfing unb mit schwimmendem Blick dem Wein im Glas zuläche.te, bann lächelte man auch dem Mäbchen zu, das die Gäste bediente.

(Fortsetzung folgt.)