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Nr. 60 Drittes Matt Gletzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)Samstag, 10. März (928

Oie polnischen Wahlen.

Außenpolitische Umschau.

Don Or. Otto Hoehsch, o. Prof, der Geschichte an der Universität Berlin, M. d. X.

Den japanischen Wahlen am 9. Februar sind die polnischen Wahlen am 4. März ge.oigt. Las Charakteristische und Ueberrasche. de am japa­nischen Wahlaus all war, ix.6 trotz einer Ver­mehrung der Wahlberechtigten von 3 aus 10 Millionen die Arbeiterschaft. dec Sozialismus nur eine ganz verschwindende Vertretung er­reicht haben. Es sind nicht mehr als 8 Ar- beitervectrrter in das Parlament ge.o.nmen und die beiden großen Parteien dec früheren Zeit haben je mit mehreren hundert Mitgliedern ihre Positionen behauptet. 3n Japan jedenfalls, im ersten Lande, das in dem groben Wahljahr 1928 gewählt hat. yat die Wayl keinen Ruck nach links gebracht.

Anders ist das in Polen. Könnte man ein­mal davon absehen, daß Polen kein regulärer Parlame.-.tsslaat ist, so wnrve dieser W^hluus- fall einsach zu bezeichnen sein als ein starker Ruck nach links. Die Sozialdemoraten sind doit 41 aus 62 Sitze gestiegen, die auch der Linken angehörenden Radi a en Bauern von 24 auf 37. Die Rechte hat außerordentlich ver­loren' die Rationaldemolralen gingen von 101 aus 37 herunter, der Block aus ihnen und den Lhristlich-Rationalen von 120 im ganzen aus 38, und die mit den Christlichen Demokraten ver­einigte sogenannte Piastpartei (die Partei der größeren Dauern) von 85 auf 34 Sitze.

Aber das Ergebnis darf ja natürlich nicht mach dem Schlagwort rechts und links, wie es in Westeuropa gilt, beurteilt werden. Das Land steht unter einer Diktatur, deren Führer sich ein ihm ergebenes Parlament schassen wollte. Er hat das mit großer taktischer Geschicklichkeit Dorbereitet, durch die Verbindung mit dem Groß­grundbesitz und dem Groh Kapital die Rational- Demokratie ausgehöhlt und bat auf seinen Ra men einen Block als sogenanntenunparteilichen Block der Zusammenarbeit mit der Regierung" erzielt mit 128 Mandaten. Doch ändert das an sich ja auch nichts an dem Resultat, daß der Besiegte die Rationaldemokratische bürgerliche Partei ist.

Run die nationalen Minderheiten in diesem Lande, in denen jeder dritte Mensch nicht Pole ist! Da steht an der Spitze der Erfolg der D e u t s ch en , die sich nicht nur behauptet, sondern zwei Mandate gewonnen haben und vielleicht mit "»ch mehr Abgeord­neten als den bisher gewählten 19 Mitgliedern Des Deutschen Klubs aus oer Wahl hervorgeben werden. Das Ergebnis ist sehr erfreulich und stellt die Tatsache wieder einmal hell ins Licht, Daß der polnische Staat eben diese deutschen Bürger h a t, die sich nicht unterfriegen lassen.

Der Minderheitenblock im ganzen ist auf glei­cher Höhe geblieben, 56 statt 55 Abgeordnete. Dazu treten nunmehr die Ukrainer, die die letzte Wahl boykottierten. Diesesmal haben sie sich beteiligt, und trotz groben Wahlterrors in verschiedenen Parteien 21 Mandate erreicht, wozu noch eines der russischen Doltsvereinigung (22) hinzukommt. Dazu sind weiter zu rechnen die 3 uden mit 6 Mandaten, bisher 19. Die grobe Rieder läge der Juden erklärt sich durch ihre -Zersplitterung, dem Wahlterrvr und dann die ^Absplitterung von dem Minderheitenblock wäh­rend deS letzten Sejm, die der Regierung ge­lang. Im ganzen aber bleibt der Minderheiten­block mit 84 Mandaten auf der alten Höhe.

So haben wir die Gliederung vor und: Eine Rechte von rund 70 oder, wenn wir zwei «mdere Rechtsparteien dazurechnen, rund 100 Mitgliedern, eine Linke (mit den 5 Kommu­nisten) von ebensalls rund 100 Mitgliedern, der ^Zilsudski.Block mit 128 und der Min- berheitenblock mit 84 Abgeordneten.

Was bedeutet dieses Ergebnis? Rein parla­mentarisch und nach Mehrheitszahlen gerechnet. Äst der Sejm arbeitsfähig nur mit Koalitionen imb Kompromissen. Was aber will der Mar­schall mit diesem Sejm? Er will unzweifelhaft eine Aenderung der Verfassung im Sinne der Verstärkung der Rechte des Präsidenten. Dafür ist zah.e.unähtg eine qualifizierte Mehrheit vorhanden, aber man sieht »icht, wie ein Kompromiß zustande kommen soll »wischen den Anhängern des Marschalls und Ler Linken, die zwar an sich für Den aus ihrer Mitte hervorgegangenen Marscha l in der Rich­tung gegen die Ra'.ionaldemokratische Rechte ge­stimmt ist. ihrerseits aber eine Umbildung der Verfassung in die Diktatur herein nicht will. So wird der neue Sejm ein großes Durcheinander bieten und unter dem Druck der Willenskraft Les Marschalls wohl eine Mehrheit zur Ab- Lnderung der Verfassung aufbringen, die die Hechte des Präsidenten, der Regierung, des Senates erweitern will. Das innenvolitischs $cben Polens wird insofern stabil bleiben, als lein Zweifel an der Festigkeit der Stellung P i l s u d s k i s ist. Cs wird insofern Dicht stabil bleiben, als das Durchei ta ider und Die Anklarheit weitergehen, ob das 2a ib wirk­lich noch ein Parlament hat oder eine un- vmschränlte Diktatur oder einen Diktator, dec ein ihm gefügiges Parlament haben will, oder einen, der sich innerlich doch scheut, mit dem Parlamentarismus überhaupt Schluß zu machen. S.'.fofem zeigt Pilsuds.i dies Iben chara teristischen «3üge, wie die anderen ähnlichen Figuren in Europa.

Bon einem wirklich parlamentarischen Leben wird in Polen keine Rede fein. Das nun inter­essiert an sich Europa bei diesem Wahlausgang weniger. Es ist eine innere Angelegenheit Po­lens Dagegen ist zweierlei wesentlich: unter 414 Abgeordneten sind 90 die Vertreter Der na­tionalen Minderheiten. Das Minderheiten- v r ob lern, die Rationalitätenfrage, steht in vollster Schärfe vor dem Marschall, von dem man onnahm, daß er sich darüber etwas einsichtigere und unabhängigere Gedanken gemacht bitte, als es die führenden Polen sonst haben, der aber in dieser wichtigen Frage bisher nichts ernsthait getan hat, im Gegenteil jetzt bei den Wahlen einem ungeheueren Wahltecror, vor allem tn den Ostgebieten gegen die Ukrainer und Juden, Freiheit gelassen hat. Das albere ist die Stellung zur auswärtigen Politik. Was die Hationa'demokra'tische Rechte in der Richtung, die in dem Rainen Ro nan Dmowski i-ren Ausdruck fand, vornehmlich zusammenhalt,

ist der fanatische polnische Rationalismus mit schärfster Feindschaft gegen das Deutschtum, mit unbedingter Ergebenheit an Frankreich, mit den aggressiven Gedanken auf Ostpreußen. Dan­zig usw. Ein Rationalismus, der sich lieber mit Rußland verständigen will, als auch nur ent ernt mit Deutsch.ano. Dieser natio.ialdemo- kratische polnische Hallonalismus ist in der Wahl geschlagenl Hat diese überhaupt eine i außen­politischen Sinn gehabt, so ist es der. daß die Mehrheit eine Friedenspolitit billigt und will, wie sie dec Marschall Pilsudski seit er am Ruder ist, tatsächlich doch geführt hat. F-ir eine solche hat er von 444 Abgeordneten heute hin ter sich seinen Block, die 199 Linken, die 84 Mindeche tenrertreter. ru; d 320 Abgeordnete. Das ist eine Tatfache von erheblicher Bedeutung am Ausgang eines Wahl ampfes, dec an Ver­worrenheit, Parieizers litteru:g und Unkrast gegenüber den wirklich bestim nenden Elementen im polnischen Staatsleben das Menschenmögliche geleistet hat.

Oie Einschränkung des Eides.

Die, Verhandlungen des Strafrechtsaus­schusses im Reichl t.ig haben ei ug? Vo schläge von grundsi h'icher Bedeutung er -r cht in denen vielfachen Anregungen der O.ffent ich i aus d r jüngsten Zeit Rechnung getragen wird. 3n einer Entschließung wird die Reichsregierung ersucht, im gesamten Gerichtsve.fahren aus ciu? wesent­liche Einschränkung der 6 i b c Sah­na b m e hinzuwirken, ferner in der Strafprozeß- orbnung Abänberungen vorzufchlagen, wonach an Stelle des Voreides im Strasprozeb, wie schon bisher im Zivilprozeß £er Voreid durch den Racheid ersetzt werden soll, ferner b e i Privatklagen b i c Beeidig -^ng unter­bleiben soll, wenn nicht ein öffentliches Inter­esse ober ein sonstiger wichtiger Gcunb für bie eidliche Feststellung einer Tat ache vorliegt. W.i° tere Anregungen bezwecken, die Ver.idigung mit Zustimmung der Parteien schon jetzt aus der Strasprozeßorbnung aud, allen zu lassen, ferner die Vereidigung von Sachverstän­digen wegsallen zu lassen usw.

Die ganze Tendenz richtet sich also gegen das Uebermaß von Eiden mit ihren un­erfreulichen Konsequenzen, gegen die fünft iche Schaffung von Strasmaterien, die auf dem Wege der Beeidigung oft sehr belangloser oder nur un­genau feststellbarer Dinge herbeigeführt werden, gegen die Ueberfchätzung des Eides als eines

Behelfs der Gerichtsbarkeit, ohne den nach der älteren Auffassung ein geordnet s Prozeßvec. äh­ren, besonders im Strafprozeß, verm.int ich nicht nötig ist. Tausend Beispiele haben uns inzwischen darüber belehrt, wie irrig diese Ausfassung ist. Roch bei dem Sensationsprozeß Krantz hat man in der Aussage der Zeugin Ratti beobachten können, wie eine zusammen häng ende, klare und umfassende Darstellung der Vorgänge einfach daran gescheitert ist, daß diese Zeugin unter dem Druck ihres Eides die schwersten Bedenken trug, die Dinge s o zu schildern, wie sie sich ihrer zwar mit Bestimmtheit zu erinnern glaubte, aber sich nicht sicher genug fühlte, um jede Einzelheit unter ihren Eid zu nehmen und sich der Gefahr auszu etzen, daß sie mit Hilfe irgend­eines Gcgenbew.i es in bezug auf ein? einzelne Teilfrage des Meineids beschuldigt würde.

Derartige Fälle sind erstaunlich häufig, und es sind in bet Regel gerabe die ehrlichsten und einer exakten Ausgabe am aufrichtigsten Beflissenen, die eben besyalb ungenau aussagen, weil sie ihrem Gedächtnis nicht die absolute Verläßlichkeit zutrauen, die unter b.r schweren Drohung der Me.neidsanllage unbedingt not­wendig ist. Aber auch, wo wirklich falsche oder leichtfertige Aussagen beschwor n werden, kommt bei dem biShe.i'en Verfahr n nicht viel anderes heraus als eine unnütze Belastung des Straf­richters. Denn wenn es sich nicht um vorsätz­lichen Meineid handelt, besteht kaum ein öffentliches Interesse daran daß Personen des­halb bestraft werden, weil sie zu leichtsinnig oder zu subjektiv ausgesagt haben. Denn die Aussage ist ja nur ein Hilfsmittel des Prozeßverfahrens, und es steht beim Richter, sie je nach der Glaubwürdigkeit des Zeugen und dec Sicherheit, mit der er seine Darstellung vorträgt, hoher oder geringer zu bewerten. Es ist nicht Aufgabe der Zeugenaussage, einen selb­ständigen Gegenstand richterlicher Behandlung zu bilden, und sie wird künstlich zu einem solchen gemacht, indem man sie mit den starren und stacheligen Sicherungen des Eides umgibt.

Die Milderung bie er Bestimmung n entspricht deshalb den forb-e ittenen wissensch stlich n Er­fahrungen dec Psychologie, erbringt eine Ent­lastung der Gerichte und braucht keineswegs eine verringerte Verläßlichkeit der R.chtSfindung mit Hilfe von Zeugenaussagen zu bedeuten, namentlich, wenn für Fälle flagranter ober be­wußter Verletzungen der Wahrheit immerhin bie Möglichkeit der Vereidigung offengehalten wird.

Geschichten aus aller

Wett.

(Rachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!) ArmeS Genf!

(h) Genf.

Die Stadt des Völkerbundes bat viel Kritik über sich ergehen lassen müssen. Und man weiß, baß sich die Genfer Lokalpatrioten wie alle guten Schweizer jede Mühe geben, diese Kritik zugunsten der Stadt allein auf den bösen Völker­bund als solchen abzulaben. Gens, die unver­gleichliche Perle der Welsch-Schweiz, hat keines­wegs dem Völkerbund seinen Ruhm zu verdan­ken, der schon bestand, als man an den Völker­bund noch nicht einmal dachte I

Da hat nun aber ein hämischer Journalist Journalisten sind Immer hämisch jetzt einen Brief ausgegraben, den der bekannte Lord Drougham an Creevey im Jahre 1816 schrieb. 3n diesem Bries, der das Datum trägt: Genf, (unbewohnbar), den ...... steht u. a. folgendes:

Man kann hier höchstens zwei Stunden bleiben ober zweieinhalb ©tunben, wenn das Wetter schön ist, aber nicht länger. Schon in der dritten Stunde überkommt einen bie Langeweile und bevor die Sonne sinkt, hat man jede Lebenslust verloren. Es gibt hier nichts, womit man sich die Zeit vertreiben kann, wem? man nicht auf die Seen und Berge starren will, was einem jedoch bald auf bie Heroen fällt." Das ist wirklich ein böses Urteil über Genf, und man munkelt, dieser Brief wäre von denen veröffentlicht worden, die eine Uebersiedelung des Völkerbundes nach Wien befürworten.

Testament und Lautsprecher.

() Paris.

Abgesehen von Prozessen gegen Schwarzhörer hat das Radio bisher bie internationale Ge­richtsbarkeit eigentlich noch wenig befchästigt. Um so größeres Ansehen erregt jetzt hier eine.Dec- hanblung, der folgender Tatbestand zu Grunde liegt:

Sean de Maupsou, Angehöriger einer fran­zösischen Adels amilie, deren Stammväter noch unter dem Lilienbanner gedient, hatte im 3ahre 1838 ein Testament aufgesetzt, das sich mit den kündigen Bewohnern fernes Schlosses Boulain- villier beschäftigt. Dieses Schloß liegt heute be­reits im Bannkreise von Paris, und ist längst kein Schloß mehr, denn dort, wo sich das frühere Herrenhaus befand, steht heute eine fünfstöckige Mietskaserne. 3ean de Maupsou hatte also in seinem letzten Willenklaren Sinnes, mit reiner Seele und vor Gott vertretbarem Verantwor­tungsgefühl" bestimmt, daß aus seinem Grund und Boden nur Leute wohnen dürften, die die Stille liebten und keinen unnötigen Lärm ver­ursachten. Aus seinem Grunde dürften keine Kabaretts, Zirkusbuden ober Theaier errichtet werden, leine Fleischer, Barbiere. Gastwirte oder Handwerker sich niederlaslen, sondern nur Be­amte, Künstler oder Kaufleute, die bei Aus­übung ihres Berufes keine übermäßigen Ge­räusche verursachen. Und auch heute wohnen in dec erwähnten Mietskaserne nur Leute, die da im Sinne Maupsous leben. Run hat sich abce einer dieser Bewohner einen Lautsprecher an- gescha ft, und schon erhob sich allseitiger Wider­spruch, ja die Sache kam sogar vor Gericht. Rachdem das Testament noch einmal_ gründlichst durchstudiert worden war, Sachverständige ver­nommen, Zeugen gehört Worten waren, ver­kündete der Gerichtshof das Uc.eil: es lautete aus Freispruch. FürVerbrechen", bie im Gesetz­buch nicht vorgesehen sind, gibt es bekanntlich keine Stra e. Unb ba Maupsou in seinem Testa­ment den Lautsprecher zu erwähnen vergessen hatte, liegt also tein Grund vor, dem jetzigen Uebeltä ec aus diesem Umstand moralisch einen Strick zu drehen. Die Ankläger gaben sich jedoch mit diesem Urteil nicht zufrieden und

gehen nun, da sie die Stille und die Ruhe über alles Heben, mit ihrer Klage an die nächsthöhere 3nstanz.

Afghanische Orden.

(f) London.

Afghanistan ist, wie man weiß, noch lauter ein Land wahrer Exotik, und so ist denn alles, was dort als bodenständig gilt, absonber'ich. Was Wunder, daß es dort auch mit ton Orden, die man inländischen und ausländischen Ws Zu­trägern zu verleihen pflegt, eine besondere Be­wandtnis hat. Da Ist a. B. der höchste Orden, derSirdar Ali", dessen Verleihung mit der Berechtigung verknüpft ist, den Titel Sirdar Ali zu tragen. Das bedeutet aus deutsch ungefähr Fürst ober Prinz. Die Prinzen des königlichen Hauses haben zum Unterschied davon den Titel Sirdar Allah. Der Orden selbst stellt natürlich an sich einen hohen Wert bar, denn er besteht aus Gold, Platin unb Diamanten. Sein Träger wird außerdem Ehrenpräsident einer afghanischen Provinz unb erhält als Geschenk 50 000 Hektar afghanischen Bodens zur eigenen Ruhung. Der nächst höhere Orden ist der Bastor-Orden, dessen Verleihung mit dem Titel Khan verbunden ist. Sein Träger wird gleichzeitig mit der Verleihung Ehcenhäuptling eines Stammes, der mindestens 5000 streitbare Männer zählen mutz und erhält 30 000 Hektar zur persönlichen Ruhung. Auch der Bastor-Orden besteht aus kostbarem Ma­terial. Mit der Verleihung dieses Ordens ist Afghanistan eigentlich recht freigebig, und so müßte man sich eigentlich wundern, daß sich nicht bereits der größte Teil des Landes in den Hän­den von Ordensträgern befindet. Aber da dem nicht so ist, müssen diese Schenkungen doch einen Haken haben. Und das ist auch der Fall. Denn die Schenkung wird erst rechtskräftig, wenn der betreffende Ordensträger 40 3 ahre lang in Afghanistan wohnhaft gewesen ist! Und 40 3ahre sind eine lange Zeit ...

EinAhasver der Liebe".

(r) Wien.

Sie hat sich über ihn gebeugt, ihn gelabt und ihm seine Wunden gekühlt: er ist ohne Dank von ihr gegangen, ohne sie auch nur mal nach ihrem Hamen zu fragen. Run sitzt ihm die Unruhe im Herzen: eine unbezähmbare Sehnsucht nach der Unbekannten. Die treibt ihn nun ruhelos von Ort zu Ort, von Land zu Land, ohne ihn irgend­wo verweilen zu lassen. Die schöne Unbekannte ist das Ziel seines Dranges, seiner Wanderungen, seines Verlangens, und man nennt ihn schon den Ahasver der Liebe.

Dor 14 3ahren noch war Adolf Wagner ein angesehener Kaufmann in einem ungarischen Städtchen. Er war jung verheiratet und glück­lich. Der Weltkrieg brach aus. und auch Wagner zog den bunten Rock seines Kaisers und Königs an. Als Kavallerie-Offizier der Reserve wurde er bei einem russischen Uebersall durch einen Säbelhieb schwer verwundet unb sank vom Pferbe. Als er auf dem Kampfplatze wieder bas Bewußt­sein erlangte, stanb eine fremde Frau über ihn gebeugt und gab ihm zu trinken. Sie wusch das Blut aus seiner klaffenden Wunde und strich ihm das Haar aus der Stirn. Dann verschwand sie wieder wie ein köstliches Traumbild: bald er­schienen einige Krankenträger und brachten den Verwundeten in ein nahes polnisches Dors, von dem aus er ins Lazarett transportiert wurde. 3n seinem Zustande vergaß er, nach dem Rainen des Dorfes und der fremden Frau zu fragen, und als er später merkte, bah es ihm unmöglich war. bie beiben Hamen sestzustellen. fühlte er be­reits. bah er zum Sterben in bie ferne Unsind- bare verliebt war.

Von nun an fragte er nicht mehr nach seiner Frau unb seinen Kinbern unb richtete sein ganzes Bestreben, nachbem er toieber felbbienstsähig ge­

worden war. daraus. daS ihn quälende unb be­unruhigende Geheimnis um jene Frau zu lüften. Aber er sand sie nicht. Hach dem Kriege kehrte er nach Hause zurück, lieh sich von seiner untröst­lichen Frau scheiden, machte all sein Hab unb Gut zu Geld unb begann eine neue Suche, um bie unbekannte Geliebte zu finden. Dreimal schon hat er ganz Polen nach allen Himmelsrichtungen durchstreift, aber bie Auserkorene seines Herzens scheint wie vom Crbboben verschwunben zu fein. Seine Familie lieh ihn ins 3rrenhaus sperren: er brach aus: er hat wegenArbeitsscheu" und Landstreicherei einige Dutzend Gefängnisse von innen kennengelernt nichts kann ihn davon abhalten, seine aussichtslose Odyssee fortzusetzen.

3n Polen halten ihn die Menschen, die ihn unb feine beständigen Fragen bereits kennen, für e nen unheilbaren Geisteskranken: er hat kein Ver­mögen. kein Reisegeld mehr. Unterwegs Derb ent er sich bas wenige Gelb für seines Lebens be­scheidene Hotburft durch bie niedrigsten Tag- löhner-Arbeiten. Und so jagt dieser Unglückselige auch heute noch immer, unbelehrbar, unbeeinsluh- bar, einem fernen, fremden Phantom nach, an das er fein Herz verloren hat, dieser bedauerns­werte2haZc>er der Liebe".

Hundebratcn verboten.

(c) Tientsin.

Die Feinschmecker Chinas lassen bie Köpfe ban­gen, ba der kostbarste aller kostbaren Lecker­bissen neuerbingd durch ein Dekret verboten wor­den ist.Die Gesellschaft für menschliche Be­handlung der Hunde" (auch so etwas gibt es in Peking!) hat es endlich bei Tschangtsolin ducch- gesetzt, daß gemästete junge Hunde nicht mehr auf den Straßen Pekings verkauft werben bürfen. Die Pekineser Hündchen, bie ja bekanntlich der Modehund in Amerika und England sind, werden nämlich von den Amerikanern unb Englänbern so hoch geschätzt, bah man es roh unb herzlos findet, bie 3ungen dieser Tiere nach Art der Spanferkel zu mästen und zu verzehren. Damit ist wenigstens, was Peking anbetrifft, ein inter­essantes Kapitel der kulinarischen Geschichte Chinas abgeschlossen, das damit begann, dah vor etwa 40 3ahren der Koch eines Dampfers einen chinesischen Hund mit nach Europa nahm, anstatt ihn, wie das der Verkäufer angenommen hatte, aufzuessen. Der Erlaß Tschangtsolins ist jedoch von der breiten Masse des Volkes in China lebhaft begrüßt worben, denn, so erklärt man, auch bie Speisezettel müßten bemofratifiert werden, es gebe ja immer noch genügend Hai- fischflossen, Ratten- und Mäuseoraten. gebra­tene Regenwürmer unb sonstige Leckerbissen, die man vorläufig wenigstens nicht zu verbieten ge­dächte. Das schöne Sprichwort:Gib deinem Hund einen Hamen unb friß ihn" wirb man also wohl in China demnächst durch ein neues ersetzen müssen.

Oberhessen.

Landkreis Gießen.

9 Alten-Duseck, 9. März. MS daS heute morgen 7 Uhr hier abführende Personen­auto den Ort verlassen hatte und sich bereits in voller Fahrt befand, entstand plötzlich ratet starker Erschütterung ein Bruch im Unter­bau deS Wagens, wodurch sich der Wagen Aur ©eite neigte und in den Straßengra­ben fuhr. Die 3nsassen mußten den Wagen verlasfen und den Weg zu Fuß fortfetzen bzw. au| das nächste Auto warten. Glücklicherweise ist bei dem Unfall, an dem den Wagenführer keinerlei Schuld trifft, niemand au Schaden ge­kommen. Bei der gestrigen Brennholz­versteigerung in den Gemeinbewaldungen wurden ganz enorme Preise erzielt. Es stellten sich z. D. Buchenscheit auf 40 bis 42 Mk., Kiefernknüppel 30 Mk., Buchenreifer 10 bis 12 Mk. für 2 Raummeter.

: Aus dem 2 ufecker Tal, 9. März. 3n dieser Woche wurde in unserem Tal mit der Frühjahrsaussaat begonnen. Durch das schöne Wetter der letzten Wochen ist bie Ackerkrume gut ausgetrocknet. Hur einmal nach bem Kriege, im 3ahce 1920, konnte die Feld­bestellung so früh ihren Anfang nehmen. Die Wintersaat steht im allgemeinen gut. Der Wei­zen hat nicht gelitten, beim Roggen wirken sich als Folge der stacken Winterfeuchtigkeit hier und ba schadhafte Stellen aus. Auch der Klee steht regelmäßig und verspricht, wenn nicht noch starker Frost auftritt, einen guten Ertrag, so daß bei günstiger Frühjahrswitterung bie Grünsütterung gesichert erscheint. Allgemein gehen bie Land­wirte jetzt daran, bas Saatgut burch Aufstel­lung von Reinigungsanlagen mit mög­lichst hochprozentiger Keimfähigkeit auszufondern. So wurden bisher in unserer Gegend tn Beuern und Reiskirchen Reinigungs­anlagen ausgestellt.

Q Lollar, 9. März. Eine öffentliche Ge­meinderatssitzung fand gestern abend statt. Aus den Verhandlungen ist zu berichten: Der ©emeinberal beschloß einstimmig, dah die Ge­meinde-Grund- und -Sondersteuer für im 3ahre 1928 errichtete Heubauten auf An­trag auf fünf 3ahce erlassen wird. Eine zeit­gemäße Neuerung soll mit der Abgabe von elek­trischem Strom zu Heizzwecken bei einem verbilligten Preis einge,ühct werden. Ge­meinderat Keller berichtete über seine mit einem Vertreter der Duderusschen Eisenwerke, Wetzlar, geführten Verhandlungen. Eine von dec ©emetnbe angestrebte verbilligte Lieferung des Heizstromes seitens der Buderusschen Eisen­werke war zunächst nicht zu erreichen. Die Firma hat vielmehr angeregt, die jährliche Dezucismenge von zur Zeit etwa 70 000 Kilowatt durch ver­mehrten Verbrauch zu steigern, so daß dec Ab­schluß eines Vertrages gegen Zahlung einer Pau­schale unter Zugrundelegung einer Strommenge von jährlich 100 000 Kilowatt möglich wird, wo­durch eine wesentliche Verbilligung eintreten würde. Hach eingehender Aussprache wurde ein­stimmig die Abgabe von Heizstrom bei gesonder­ter Messung, wozu die Zähler seitens der Ge­meinde beswasst werden, beschlossen. Ausgehend von dem Selbstkostenpreis wurde der Abgabe­preis von Heizstrom an die Verbraucher für ein Kilowatt auf 22 Pf. festgesetzt. Die - ähler- miete beträgt monatlich 30 Pf. Der Mindest- verbcauch wurde für jeden Zähler auf 10 Mk. jährlich ange'etzt. Heber den Ausbau der Stein st raße war eine Hach Forderung von 931,40 Mk. seitens der aus'sühcenden Firma ein­gegangen. Die Forderung ist inzwischen von dem Kreisbauamt Gießen geprüft und mit einem