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Ur. 60 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheflen) Samstag, 10. Marz »928
Ein britischer Zeitungskönig.
Rorihcliffes ebenbürtiger Bruder. — Lord Isothermere, der Beherrscher der „Daily Mail". - Wie sechs Söhne eines armen Rechtsanwalts Minister und Millionäre wurden.
Noch niemals ist in der deutschen Presse das Leben und die Persönlichkeit Lord R o t Herme r e s . eines der wichtigsten Männer im politischen Leben unserer Zeit, geschildert worden. Im vorigen Jahr haben die Diplomaten oller Länder über den hartnäckigen Feldzug gestaunt, den dieser Mann, Northclifses Bruder und geistiger Erbe. Besitzer der ..Daily Mail" und Herrscher in einem gewaltigen Trust englischer Zeitungen, für die Revision des Friedensvertrages von Trianon entfesselt hat: überall wurde berichtet, daß Lord Rother- mere oder, wie sein richtiger Titel lautet, Viscount Rothermere of Hemsted in Budapest geweilt und entsprechende Abmachungen mit der ungarischen Regierung getroffen habe: überall wußte man, daß der englische Zeitungslönig seinen ganzen ungeheuren Einfluß für den Abschluß eines italienisch-ungari- zchen Bündnisses einsehte, und in diesen Tagen erfuhr die Welt. dah Rother- meres Zeitungsunternehmen nun auch auf vierzehn wichtige englische Provinzstädte übergreifen würde. Sollen doch große konservative Blätter in Manchester. Glasgow, Rewcastle. Birmingham, Bristol. Edinburgh, Aberdeen. Liverpool. Sheffield. Hüll, Cardiff und anderen Orten gegründet werden. Das war offenbar Rothermeres Antwort auf die von Lloyd George angekündigte Reform der liberalen Provinzpresse. So wichtig die Unternehmungen des Zeitungsmagnaten nun auch sür die gesamte Weltpolitit tatsächlich sind, so wenig hörte man dennoch von der Persönlichkeit des Mannes. in dessen Hand die Fäden zusammenlaufen, und der die Wahlen in England, den Abschluß internationaler Verträge stark beeinflußt, und sogar bei dem Abbruch der diplomatischen Be- ?iähunaen zur Sowjetunion eine große Rolle ge- pielt hat.
Stets war es der Wunsch Lord Rochermeres. feine Persönlichkeit nicht allzu stark hervortreten zu lassen, und das ließ sich auch durchführen, solange sein Bruder Lord Rorthcliffe noch lebte: denn obwohl Rothermere einen großen Anteil an den Aufschwung der Rorthcliffschen Unternehmungen hatte, sah die Welt nur den älteren Bruder als den Schöpfer und Lenker der größten europäischen Zeitungsmacht an. Tatsächlich sind aber die Söhne des Rechtsanwaltes Alfred Harmsworth. jeder in seiner Art, recht selbständige und fähige Männer, die auch unabhängig voneinander Großes vollbringen konnten. Der älteste Sohn, der spätere Lord Rorthcliffe, wurde am 14. Juli 1865 geboren und erhielt tm Laufe der Zeit dreizehn Geschwister, unter denen sieben Mädchen waren. Seine Laufbahn ist bekannt, bekannt auch sein gleich gerissener wie abscheulicher Propogandafeldzug gegen Deutschland während des Weltkrieges. Die Laufbahn seines Bruders, des am 26. April 1868 geborenen Harold Sidney Harmsworth, war so erfolgreich, daß er heute, kurz vor Vollendung feines 60. Lebensjahres, als Viscount Rothermere eine größere Macht in seinen Händen vereinigt als ehemals Rorthcliffe. Doch nur die beiden ältesten Söhne brachten es so weit, dah sie zu Mitgliedern des House of Lords ernannt wurden: der dritte, Cecil Bish o p p, der im Jahre 1869 geboren wurde, gehörte von 1906 bis 1910 dem Unterhaus als liberales Mitglied an und wurde 1915 Unter* staatssekretär für innere Politik. Don Erfolg gekrönt war auch die Laufbahn des vierten Sohnes von Alfred Harmsworth; dreißig Jahre alt, trat Robert Leicester Harmsworth im Jahre 1900 als liberales Mitglied ins Unterhaus ein, dem er ununterbrochen bis zum Jahre 1922 angehörte: im Jahre 1918 wurde er zum Baronet ernannt. Auch Hildebrand Harmsworth, der fünfte Sohn, der im Jahre 1872 das
Licht der Welt erblickte, ist in der Öffentlichkeit als Herausgeber der „Rew Liberal Review", der „Reuen Liberalen Rundschau", bekannt geworden, die er von 1901 bis 1904 geleitet hat. Der sechste Sohn schließlich, mit dem Vornamen John, der nun 52 Jahre alt ist. ist der Gründer einer großen bekannten Mineralwasserfabrik.
Da der alte Harmsworth nur wenig Geld besaß und seinen Kindern nichts als eine gute Ausbildung hinterlassen konnte, muh man vor dem Aufstieg dieser Familie grohe Achtung haben. Es ist zu oft geschildert worden, wie Rorthcliffe sein Unternehmen aufgebaut hat. Als fein Bruder Harold, also der ,c.jigc Lord Rothermere, einundzwanzig Jähre alt war, trat er in den Verlag ein, den Rorthcliffe kurz vorher gegründet hatte. Er hat die geschäftliche Entwicklung dieses Verlages mahgebend beeinfluht und war im Lauf der nächsten zwanzig Jahre der tatkräftig st e Mitarbeiter seines Bruders. Besonders großen Anteil hatte er am Aufschwung der neugegründeten „Evening Rews": im Jahre 1896 wurde Harold, der sich schon drei Jahre vorher verheiratet batte, einer der drei Chefs der „Daily Mail , und ihm wurde die Verantwortung für den Vertrieb dieser Zeitung übertragen. Riemand kann bestreiten, daß er sich seiner Aufgabe gewachsen gezeigt hat. Schon ein Jahr vorher gründete er ein eigenes Blatt, den ..Daily Record": später kaufte er den „Leeds Mercury" und beteiligte sich im Lahre 1908 an Rorthcliffes Hauptschlag, dem Ankauf der „Times". Mlerdings verzichtete er schon zwei Jahre darauf zugunsten seines Bruders auf Die Beteiligung an der „Times", der „Daily Mail" und den „Evening Rews": dafür erwarb er im Jahre 1914 den „Daily Mirror" von seinem Bruder und gründete im Jahre darauf den „Sund ah Pic tori al", das erste vollständig illustrierte Londoner Sonntagsblatt.
Es trifft nicht zu, dah Rothermere beim Tod Lord Rorthclifs tm August 1922 die ungeheuren Unternehmungen dieses Mannes einfach geerbt habe. Rorthclife war verheiratet und vermachte das ganze Vermögen seiner grau; aber Rothermere — Harold Sidney Harmsworth war im Jahre 1910 geadelt worden, erhielt im Jahre 1914 den Titel eines Barons Rothermere und wurde im Jahre 1918 zum Viscount Rothermere of Hemsted erhoben — kaufte nun die „Daily Mail" und dic- OTffociateb Rews Paper Limited" aus dem Rachlah und erwarb auf diese Weise die Beteiligung an einer großen Zahl von Zeitungen. Dann dehnte er sein Unternehmen noch dadurch aus, dah er eine Reihe von Aktienpaketen aus dem Besitz des Verlages Hulton & Co. kaufte. Die „Daily Mail" — schon bei seiner Uebemahme ein großes Blatt mit einer täglichen Auflage von mindestens 800 000 Exemplaren — wurde außerordentlich ausgebaut und hat heute eine notariell beglaubigte Auflage von über 2 Millionen Stück, also einen täglichen Leserkreis von mehr als 10 Millionen Menschen. Das ist aber schließlich nur e t n Blatt, wenn auch das größte, aus Rothermeres Zeitungstrust.
Das neue Unternehmen, das von dem Zeitungsmagnaten soeben gegründet wurde, um die großen Städte Englands unter seinen Einfluß zu zwingen, hat ein Aktienkapital von 2*/2 Millionen Pfund und soll eine Anleihe v)n 5 Millionen Pfund aufnehmen. Cs wird dann also insgesamt über 150 Millionen Mark verfügen, und mit dieser Summe kann der konservative Lord Rothermere seinem großen liberalen Gegner und ehemaligen Protektor Lloyd George erhebliche Schwierigkeiten machen. 2m Jahre 1916 hat nämlich Lloyd George Rothermere zum „Generaldirektor der Heereskleiderversorgung" gemacht. und 1917 wurde der Zeitungsmagnat unter dem Vorsitz Lloyd Georges Minister der Luft-
streitkräste. Er trat dann von diesem Amt am 25. April 1918 zurück, weil seine Gesundheit durch schwere familiäre Unglücksfälle erschüttert war. Seine beiden ältesten Söhne, der 1894 geborene Hauptmann Harold und der 1895 geborene Leutn. Vere find gefallen, der ältere am 22. Februar 1918 im Wald von Dourlon, der zweite am 13. Rovember 1916 in Beaucourt. Zu ihrem Andenken hat Lord Rothermere in den Universitäten Oxford und Cambridge je einen Lehrstuhl für amerikanische Geschichte und für die Geschichte der Seefahrt errichtet. Sein jüngster und letzter Sohn, Gsmond Cecil Harmsworth, der im Jahre 1898 geboren wurde und den Zeitungstrust einmal erben wird, ist schon im Jahre 1919, also als Dreiundzwanzigjähriger, ins Unterhaus eingezogen und war damals das jüngste Mitglied des Parlaments. Roch einen schweren Verlust hat Rothermere in den letzten Jahren erlitten: während nämlich fein Vater, der schon im Jahre 1889 gestorben ist. den Ausstieg der Familie nicht mehr erlebt hat. starb seine Mutter Geraldine Mary Harmsworth erst am 29. August 1925; sie war eine Frau von hervorragender Klugheit und von einem unbeugsamen Charakter. Es besteht kein Zweifel, daß ihre Söhne gerade von ihr die Fähigkeiten geerbt haben, denen sie ihre außergewöhnliche Laufbahn verdanken.
Die Waldwirtschaft im hohen Vogelsberg.
Der Finanzminister fordert Bereitstellung eines Notstandskredits.
Dem Landtag ist folgende Regierungsvorlage zugegangen:
Der hohe Vogelsberg ist seit langen Zeiten das Sorgenkind unseres Landes. Don jeher dünn bevölkert, ringt der Lcncdwirt in harter Arbeit um das tägliche Brot. Treten dann mehrere Jahre hintereinander Mißernten ein, so erhebt sich der Ruf nach Staatshilfe! Dieser Ruf erklingt im Augenblick um so dringlicher, als die letztjährigen Fehlernten in eine Zeit fallen, in der die Landwirtschaft an sich zufolge des verlorenen Krieges wie alle Berufsstände schwer zu kämpfen hat. Der alte Generalkulturplan wird wieder hervorgesucht, in Versammlungen werden die alten Wünsche nach großzügigen Meliorationen und zweckmäßigen Wiederaufsorstungen zu neuem Leben erweckt.
Ein am 27. Juli 1927 über den oberen Vogelsberg niedergegangenes Hagelwetter fügte der Frucht- und Obsternte schweren Schaden zu und gab Veranlassung, die wirtschaftlichen Verhältnisse dieses Gebietes erneut in der Oeffent- lichkeit zu erörtern. Wendet sich auf diese Weise das öffentliche Interesse wieder diesem Teil unseres Landes zu, so glaubt die Forstverwaltung nicht unterlaßen yu dürfen, auch die Lebens- notwendigkett des Waldes in jenem Gebiet zu betonen.
Im hohen Vogelsberg zeigen die drei naturgegebenen Kräfte: Wald, Weide, Wasser das Wirtschaftsziel. lieber dieses Wirtschaftsziel dürfte die Auffassung aller beteiligten Kreise einheitlich sein. Steht aber die Waldwirtschaft als die neben der Weidewirtschaft einzig mögliche und rentable Wirtschaftsform unbestritten im Vordergrund, so ist die Forstverwaltung verpflichtet, darauf hinzuweisen, daß dieser Wald einen ganz besonderen Charakter trägt. Schon sein äußeres Bild weicht von dem der tieferen Lagen wesentlich ab. Man glaubt stellenweise nicht in einem Wirtschafts-, sondern in einem Urwald zu wandern, sieht man die Verwüstungen, die die Raturgewalten dem Wald
der obersten Region zufügen. Dabei hat dieser Wald eine ganz besondere Ausgabe zu erfüllen. Er bindet die Riederschläg: aller Art und verhindert deren raschen Abgang in die tiefer gelegenen Gebiete. Er verzögert die rasche Schnee- schmelze im Frühjahr und schützt damit letzten Endes die Wetterau vor Hochwasser und Ueberschwemmungen. Allein die Tatsache, dah im streugedeckten Wald die Verdunstung 85 Prozent geringer ist als auf der ungedeckten Fläche, beweist die Bedeutung des Oberwaldes für die Wasserwirtschaft der ganzen Provinz.
Unter diesen Umständen darf man dem sogenannten Oberwald unbedenklich „Schuhwaldcharakter" zusprechen. Hieraus ergibt sich ferner für den Staat die Verpflichtung, diesen Wald mit allen Mitteln zu erhalten und zu verbessern, um seine Wohlfahrtswirkungen nicht zum Erliegen kommen zu laßen. Der „Oberwald" kämpst aber um seine Existenz einen schweren Kampf! Richt allein gegen Feinde des Waldes aus der Welt der Infekten und Pilze, vor allen Dingen gegen die Raturgewalten: Schnee, Duft und Eis!
Von vornherein muh zugegeben werden, dah der jetzige Aufbau des Waldes ihn gegen die vorgenannten Gefahren wenig widerstandsfähig gemacht hat. Roch vor 200 Jahren war der Oberwald ein reines Laubholzgrbiet, das vor allem gegen Sturm, aber auch gegen Schnee, Eis und Dust bedeutend widerstandsfähiger war als die jetzt dort vorhandenen Fichtenbestände. Mit dem Vordringen der Fichte im Oberwald ist die Gefährdung der Waldwirtschaft zweifellos erheblich gewachsen. Und doch wird man die Forstleute, die diese Fichte an- gebaut haben, kaum tadeln dürfen, wenn man hinzufügt, daß die im Oberwald von altersher heimische Buche nach 120 bis 140 Jahren höchstens 10 bis 20 Prozent, die eingebrachte Fichte im 80jährigen Umtrieb trotz Schnee-, Dust- und Eisbruch 90 Prozent Ruhholz bringt! Im Hinblick auf diese Ziffern kann nicht zweifelhaft sein, dah der Fichte auch künftig die erste Stelle unter den anzubauenden Holzarten einzuräumen ist.
Das letzte grohe Schneebruchjahr war das Jahr 1914. Damals betrug der Anfall an Schneebruchholz in den damaligen Oberforstereien Schotten und Feldkrücken rund 25 000 Festmeter. Nachdem das Jahr 1924 Schneebruchschäden in geringerem Umfange gebracht hatte, stellte sich der Winter 1926/27 als ein Katastrophenjahr schlimmsten Ausmaßes heraus.
In den Gemarkungen Breungeshain, Kaul- stoh, Rudingshain und Sichenhausen sind 1295 Hektar Staatswaldfläche vorhanden. Davon sind rund 800 Hektar mit Fichten, der Rest mit Buchen bestockt. Die getarnte Schneebruchmasse in diesem Gebiet beträgt nach einer Schätzung des Fvrstamts Schotten rund 30 000 Festmeter. In den Rachbarämtem Grebeichain und Ulrichstein sind zusammen nach vorsichtiger Schätzung 10 000 Festmeter gebrochen, so dah der Schneebruch für das Gebiet des Oberwaldes auf 40 000 Festmeter insgesamt zu beziffern fein dürfte.
Am schlimmsten vom Schneebruch betroffen sind die 20- bis 40jährigen Stangenhölzer. Der Katastrophe Herr zu werden ist schwer, weil:
1. ausreichende Arbeitskräfte aus der ortsansäßigen Bevölkerung nicht vorhanden sind,
2. die Arbeiten im Winter wegen hoher Schneedecke häufig ruhen müssen, im Sommer aber Arbeitskräfte nur in beschränktem Mähe zur Verfügung stehen,
3. das Wegenetz vielfach unzureichend ist, so dah Rotwege erst mit Zeit- und Kostenaufwand hergerichtet werden müssen.
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Geräusch-Fabriken.
Die Kulissen des Rundfunks.
Von Frank Warschauer.
Was ist eine Geräusch-Fabrik? Eine Geräusch- Fabrik ist eine Institution zur künstlichen, systematischen, rationellen, wissenschaftlich erforschten und praktisch erprobten Herstellung von Geräuschen. Wohl gemerkt von Geräuschen, nicht etwa von gewöhnlichem, dumpfen Lärm.
Es gibt also noch nicht genug Geräusche auf ber Welt? Cs genügt nicht, dah Hund und Katze, kleine Kinder, Teppichklopfer, Automobilisten, Lastwagen, dah alle Verkehrsmittel, sämtliche Maschinen und die grohe Mehrzahl aller überhaupt vorhandenen Lebewesen Tag für -tag und teilweise auch Rächt für Rächt ihre Existenz lautlich, klanglich den Ohren dokumentieren? Dah in jeder Minute ein ungeheurer Lärm zum Himmel steigt, über den sich nicht nur empfindliche Schriftsteller beschweren?
Rein, es genügt nicht. Vielmehr hat sich auch noch außerdem das dringende Bedürfnis herausgestellt, diele ganze Welt des Hörbaren auch noch einmal künstlich nachzubilden. Wie der Hund bellt, und wie die Katze miaut, und wie DaS Kind schreit, und wie es in einer Eisenbahnhalle klingt, und wie die Möwen schreien, kurzum, wie die Welt ertönt.
Denn es gibt jetzt eine Form des Theaterspiels, für die solche klangliche Imitationen verwendet werden müssen; es ist das Hörspiel, das durch den Rundfunk verbreitet wird; diese Buhne, dw nicht zur Sichtbarkeit bestimmt ist und daher auch keine Dekorationen und Kulissen braucht, die dennoch darauf angewiesen ist, Illusionen zu erzeugen, aber Klangillusionen, die man mit Recht als „akustische Kulisse" bezeichnet hat. Und wie das Schauspieltheater einen Fimdus ,von Dekorationen hat. so hat die Rundfunkbuhne eine bestimmte Apparatur für K.angunttattonen zur Verfügung. Und der Blick hinter diese Kulissen ist nicht weniger interessant als der hinter die Kulissen des Theaters. , -
Die Einrichtung einer Geräusch-Fabrik tft un allgemeinen äußerst einfach. Man steht vor einem Schranke, in dem einige sehr harmlos aussehende Gegenstände untergebracht sind. Aber es gibt
eine deutsche Sendestation, die sogar ein besonderes Instrument zu diefem Zweck gebaut hat, ein Instrument, das den Romen einer „Geräusch- Orgel" verdient...
Man sieht eine Tastatur. Aber statt der Bezeichnungen „Vox Humana“ und „Flauto" und „Kontra-Alto" und ähnlichem lieft man anderes: „Eisenbahn", „Räderrollen", „Lastwagen", „Pserdegetrappel", „Kindergeschrei“, „Ochse", „Esel", „Pferd" und anderes. Eine besondere Abteilung ist da für die Wasfergeräusche, für Wellen, Brandung, Wasserfälle usw. Und daß Sturm und Regen und Gewitter vertreten sind, diese Hörrequisiten, die man ja auch im gewöhnlichen Theater verwendet, das ist ja selbstverständlich.
Drückt man auf eine der Tasten, so ertönt prompt das gewünschte Geräusch. Aber so komfortabel hat mans nicht überall. Und gerade die Einfachheit, mit welcher die Effekte erzielt werden, hat etwas Verblüffendes.
Wer sollte es zum Beispiel einer kleinen eisen- beschlagenen Schachtel, auf der einige Höcker und einige Löcher zu sehen sind, Zutrauen, daß sie die Geräusche eines grohmächttgen Eisenbahnzuges taffächlich höchst naturgetreu imitieren kann! Zu diesem Zweck wird sie mit einem kleinen Drahtbesen bearbeitet, wie man ihn auch in den Jazzorchestern findet. Dann hört man das Fauchen, das Ausströmen des Dampfes und sogar das Rollen der Räder, glaubt es zu hören. Ja, die Illusion ist sogar in diesem Falle viel leichter zu erzielen, als wenn man die
wirklichen Geräusche originalster im Mikrophon aufnimmt. So wurde einmal in Berlin der Versuch gemacht, das Mikrophon in einer Bahnhofshalle aufzustellen, um an einer bestimmten Stelle eines Hörspiels diesen Eindruck zu vermitteln. Der Effekt war weniger günstig als bei der Rachbildung der Geräufche.
In dem harmlosen Schrank, der ein Zauberkasten des Hörtheaters ist. sicht man daneben ein Brett, in das ein Stück Marmor eingelassen ist, und darauf eine Halbkugel, deren Material nicht gleich erkennbar wird. Woraus besteht sie. und wozu dient das?
Ein wichtiges Instrument. Das halbkugelförmige Ding ist die halbe Schale einer Kokusnuh. Der Mechaniker bewegt sie jetzt so, öajj jeder ihrer Ränder abwechselnd die Marmorfläche be
rührt. llnb plötzlich hört das Ohr was? Es hört das Getrappel von Pferdehufen. Es fühlt sich in nächtlich romantische Szenen verseht. Es ist sehr geneigt, sich den nötigen Sturm und Regen gleich dazu zu denken. Cs ist schon verzaubert.
Und der Regen — der liegt gleich daneben. Cs ist ein ganz gewöhnlicher Regen, genau wie im Theater. Er hat sich so gut bewährt, warum also etwas ändern! Ein mit einem Drahtnetz überspannter Kasten, in dem eine Anzahl Erbsen vergnügt durcheinander rollen. Auch das Gewitter ist mit großen Blechen primitiv, aber unübertrefflich. nachgeahmt.
Weiter ist da eine schwere eiserne Kette. Sie kann nicht mir sich selbst hörbar werden lassen und alle Schauerlichkeiten von Gefängnis und verlorener Freiheit, sie läßt auch eine schwere eiserne Tür langsam aufgehen und wieder zufallen. Als nächstes folgt ein Massage- und Vibrationsapparat: der dient zur — Erdbebenerzeuguna. Einigen blasebalgähnlichen Instrumenten sieht man ihre Bestimmung auch nicht an, aber hört es, sobald sie in Betrieb gesetzt sind: Es sind Tierftimmen von erstaunlicher Raturwahrheit, Esel, Ziege und Kuh. und dieses Helle Quäken kann nichts anderes sein als die Stimme eines kleinen Kindes.
Und nun kommt die Wasserabteilung. Das Wasser läßt sich nicht nachahmen. Es muß in natura vorhanden sein. Also sehen wir eine kleine Blechbadewanne mit allerhand Brausen, Schaufeln, Propellern und ähnlichem. Hier kann ein richtiger künstlicher Seegang erzeugt werden, und wenn die Wellen gegen die Wände schlagen, so hört man den Dampfer auf der Fahrt, und das ganze, weite Meer.
Wie leicht läßt sich das Ohr täuschen und wie gern! Und auch wenn man es weih, wie es gemacht wird — die Phantasie glaubt es nicht und wird sich das nächste Mal so bereitwillig in die Welt des Klanges entführen lassen wie nur je.
Kunsthandel.
Von Hans Riebau.
Das Bild war 10 000 Franken wert, und da der verrückte Komislav 40 000 dafür zahlen wollte, war es immerhin ein Geschäft. Aber die öster
reichischen Kunstschutzgesetze waren scharf, und da auch die Zöllner scharf waren, Komislav aber in der Schweiz wohnte, hatte man Vicki hinübergeschickt, das Bild zu kaufen und herüberzu- schmuggeln. Marnpe, Kohlmüller und Frost saßen inzwischen in der Gaststube von Schmoldi, tranken den schlechten Wein und warteten.
Aach Mitternacht ertönte der bekannte Pfiff. Die drei fuhren auf. Der Wirt ging an die Tür.
„Run?" riefen sie, als Vicki, naß und schmutz- bespriht, ins Zimmer trat.
„Ich hab's", sagte er.
Daraus schwiegen sie eine Weile; dann tranken ße die Gläser aus. „Wir machen das Geschäft zusammen", schlug Marnpe vor.
„Ich hab' genug davon", sagte Vicki. Gebt mir 15 000 und ihr habt das Blld.
„Marnpe, Kohlmüller und Frost wollten jeder 15 000 geben. Aber nicht zusammen. Die Sttm- men wurden lauter.
„Paßt", sagte Vicki, „ich verlose das Bild. Drei Lose je 5000 Franken."
Ueberlegen. Rechnen, abwägen. Der Derlust- sall war unangenehm, der Gewiirn andererseits mehr als verlockend.
„Einverstanden", sagten sie schließlich und zahlten 15 000 Franken auf den Tisch. Dann zogen sie drei Streichhölzer aus Dickis schmutziger Faust, und Marnpe gewann.
„Komm", sagte Vicki zu ihm, und die beiden gingen hinauf in die Dachstube.
„Wo ist das Bild", sagte Marnpe.
„Das Bild ist drüben in Oesterreich", grinste Vicki. Und wie Marnpe zurücktaumelte, zog er ihn an der Jacke. „Du haft mir 5000 Franken gegeben für das Los. Hier hast Du fie wieder. Und hier hast Du noch 2000 drauf."
Marnpe besah sich das Geld. „Das Bild ist vorgestern schon verkauft", flüsterte Vicki weiter. „Richts mehr zu machen. Bist Du zufrieden?"
„Ich schon", sagte Marnpe, „wenn das Bild weg ist. Aber die anderen?"
„Die haben doch Rieten gezogen!"
Marnpe nicksx und ging.
Auch Vicki ging. Zu dem verrückten Komislav. Und verkaufte ihm das Bild für 40 000 Schweizer Franken.


