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Nr 289 Zweiter Blaff Kietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen) Samstag, 8. Dezember (Y28

Hessen und die Neugliederung des Reiches.

Geschichtliche Betrachtungen zur Reichsreform.

Don Dr. Hermans Aubin, o.ö.prof.derGeschichteanderUniversifäiGießen

II.

Unlängft habe ich an dieser Stelle*) vom histori­schen Standpunkt Bemerkungen zu den zwei Grundproblemen gemacht, welche die Frage der Neugestaltung des Reiches enthält: Das der Zuständigkeit des Ganzen und der Teile und das der räumlichen Gliederung. Für das erste hat die rückgreifende Betrachtung wenig Anhalts­punkte zu bieten. Denn der Staat von heute unterscheidet sich von dem selbst nur vor hundert Iahren so wesentlich, das) die damalige Teilung der Souveränität und Kompetenzen nur sehr allgemein zum Vergleich herangezogen werden kann. Hin fr» wichtiger ist es, auf die Aus­sage der Geschichte zur Frage der räumlichen Aufteilung zu hören. Denn eben aus der Ge­schichte sprechen die Lebensbedürfnisse des Volkes aus Jahrhunderten zu uns. Wenn wir durch sie hindurch sich wiederholende Kombinationen des landschaftlichen Zusammenlebens beobachten kön­nen, dann werden wir mit Recht dahinter be- barrende Mächte, Tendenzen zum Zu­sammengehen dieser Landschaften annehmen. Diese Tendenzen aus der Geschichte in vorsichtiger Interpretation herauszulosen, scheint mir heute eine wichtige Aufgabe des Historikers. 3d) gebe im Folgenden eine Skizze, wie die Dinge sich in Westdeutschland gestaltet haben, welchem Hessen angehört.

Westdeutschland, das ist im weiteren Sinne genommen das Rheinland. Dos Hrsprungs- gebiet und das Mündungsgebiet find politisch ausgeschleden, innerhall» der deutschen Reichs- orenzen aber gliedert sich das Rheinland in schönem Rhythmus von Ebene, Gebirge und Ebene in drei Zonen. Zwischen Ober- und Niederrhein ist die mitteldeutsche Gebirgswell« geschoben, darin das alte Hessenland liegt. Dieser Rhythmus wiederholt sich im großen ganzen hinsichtlich der ältesten Kulturflächen, des Klimas, der Boden güe.

Die Gliederung aber, welche die Menschen im Laufe der Geschichte Westdeutschland für die Zwecke ihres Zusammenlebens gegeben haben, deckt sich damit nicht völlig, ob wir die mit organisatorischer Absicht geschaffenen Räume oder die einer unbewußt erwachsenen kulturellen Ein­heitlichkeit ins Auge fassen. Ebene und Gebirgs­land sind gerade durch ihre Gegensätzlichkeit dar­auf angewiesen, einander zu suchen. 3n der Tat erkennen wir neben Perioden der 3solierung überwiegend solche des Hinstrebens der beiden Landschaft Karten zueinander.

Wir fragen, noch welcher Richtung diese Ten­denz in unserer Landschaft gegangen und welcher gemeinsame Lebensraum in ihrer Auswirkung entstanden ist.

Zu der großen Lebensader des RheinS öffnet sich das Hessenland trotz der dahinweisenden Lahn keineswegs willig. Nach der nördlichen, vom Niederrhein her streichenden westfälisch- niedersächsischen Ebene ist es gut und klar ab­gesetzt, freilich nicht abgeriegelt. Thüringen im Osten ist ein LebenSraum für sich. Von Süden aber bricht östlich des Taunuswalles die Ober­rheinebene durch die Wetterau in Hessen ein. Hier öffnet sich das Dergland in breiter Pforte zu dem großen Strome, hier haben die beherr­schenden, uralten Strahenzüge des Hessenlandes ihren Eintritt: die vom Oberrhein zur unteren Weser und zum Meere und die vom Oberrhein nach Thüringen und dem Osten.

Diese natürlichen Voraussetzungen spiegeln sich in der Geschichte. Keineswegs ungetrübt und dauernd', die Geschichte verläuft ost gegen sie; aber dennoch treten sie immer wieder hervor.

) Dgl. Teil I. in Nr. 287 des G. A. vom 6. Dez. und den Aufsatz Klute:Geographische Voraussetzungen" in Nr. 283 und 284 des G. A. vom 1. und 3. Dezember 1928.

Das erste etwa, was wir von den Chatten tioren, ist einerseits, daß sie mit den Cheruskern m Niedersachsen verfeindet sind, andererseits, daß sie einen Tell durch die Wetterau bis in den Rheingau um Wiesbaden vorgelrieben haben. Das Cingrei.en der Römer bis vom Mittelmeer her durchschnitt diese enger-landschafllichen Zu­sammenhänge und zog am Rvrdrand der Wetterau den Limes, ohne daß die Chatten deswegen Ver­bindung nach Norden gesucht hätten. 3n der Völlerwanderungszeit finden sie dann wieder den Austritt nach Süden hin. 3a sie treten in so nahe Beziehungen zu den F r a n k e n am Rhein, daß man sie diesem Stamme zugezählt hat. 3hr Leben ist nun völlig durch die Beziehungen zum Rhein, namentlich zum Oberrhein, bestimmt. Dort liegt das reichere Kulturland, dort liegt dec Schw^rpunki des Staates. Die Grenze gegen Sachsen wird in der merowingischen Zeit stark nach Limesart befestigt, wie die längsten Aus­grabungen in Düraburg zeigen.

Vom W e st c n her bringt Bonifazius das Christentum. Das erstemal wanderte er von Trier her die Lahn heraus, aber am Ende wird Mainz nicht nur die Metropole, sondern, indem es die Bistümer Düraburg und Erfurt in sich aufgehen läßt, der Diözesan Hauptort für Hessen und Thüringen. Damit sind die Be­ziehungen zum Oberrhein verstärkt und Zu­sammenhänge begründet, welche durch 3ahr- hundcrte entscheidungsvoll gewirkt haben.

Man muh sich vor Augen hallen, daß die Kirchen nicht allein Vermittler der Heilslehren, sondern auch dec geistigen Bildung, der Kunst, dazu große Grundherren gewesen und endlich Territorialherren geworden sind, um die Bedeu­tung der im achten 3ahrhundert begründeten Verbindungen recht zu würdigen. 3n allen diesen Eigenschaften wirkte Mainz immer wieder inner­halb des Rahmens etwa feiner Diözese. Trier griff vom Mlltelrhein her noch ein Stück die Lahn herauf, als Bistum bis zum Schiffenberg, als Territorium nur bis Limburg. 3m Norden lag Kölner und Paderborner Gebiet, eine ganz andere Welt, mit der sich Hessen wohl nachbarlich berührt« oder rieb, nicht aber durchdrang. Den Main hinauf war Würzburg das nächste Zen­trum, mit dem Mainz um den Einfluß in dem zwischenliegenden Raum ringen mußte. Als alte und reiche Macht, als der erste Sitz Deutsch­lands, hatte es eine günstige Ausgangsstellung, so daß es noch jenseits des OdenwaldeS, um Aschaffenburg und Millenberg, seine Position behauptete. Nach Süden hin lag die Diözese- grcnze nahe vor Mainz. Aber in dem aller natürlichen Querbarrierrn entbehrenden Ober- rheingraben ging dessen Einfluß noch weiter. Worms und Speyer waren schwache Rivalen. Erst im Hochmittslalter entstand ein ebenbürtiger in der Pfalz mll dem Zentrum in Heidelberg. Wieweit das nördliche Oberrh:ingebiet Im Zu­sammenhang mit der Welterau und Hessen zu einer Kulturprovinz werden sollte, ist wesentlich dadurch bestimmt worden, wo die Kräfte von Pfalz und Mainz zur Balance kamen. Auf dem linken Rheinufec gehörte noch, in glück­lichem Anschluß an die natürlichen Voraussetzun­gen, das Nahetal bis zum Riegel des Hunsrück zur Mainzer Sphäre.

Was wir hier umschrieben haben, ist ziemlich genau das Gebiet, dessen mittelalterliche Kunst die Darmstädler Ausstellung des Sommers 1927 als einheitliche Kunst zusammengefaht und unter dem Namen derMittel rheinisch en" vorgesührt hat. Rur war dort das Saar-Mosel-Lahngebiet einbezogen. Man könnte über diese Einbeziehung schon auf dem Gebiete der Kunst streiten, auf anderen gilt sie gewiß nicht. Ohne Zweifel ist aber der von uns beschriebene Raum als kul­turelle Einhell während des Mittelalters in ge­wissem Maße erwiesen. Das war er zum Teil wohl auf Grund Verwandler Veranlagung und gemeinsamen Erlebens, zum . Tell gewiß, weil er dem beherrschenden Einfluß des einen Mainz unterlag. Mainz war ja vor allem die politisch führende Macht. Bis an die Sachsengrenze hin umspannte es das ßanb mit dem Gürtel seiner Burgen, indem es zugleich Thüringen mit be­

herrsch:«. Geschlossen ist diese Herrschaft so wenig wie die eines anderen westdeutschen Territoriums damals gewesen. Aber auch wenn man die Hn- vollkommenheit in dieser Beziehung und die schweren Hindernisse, welche einer vollständigen Abrundung im Wege standen, gehörig in An­schlag bringt, so kann man doch nicht übersehen: im Hochmittcl'.lter zeichnet sich ein« Möglich­keit ab, da ß das Rhein-Main-H essen - land von Mainz her, vom Rbft.ie her, e i n e z u sa m men lassende st aa tlich« Or­gan i f a t i o n erhält.

Der eine Hauptgrund, daß es nicht dazu ge­kommen ist, liegt m dem besonderen Charakter des Mainzer S.aatswesens: schon im Spätmitlel- aller fallen allgemein die geistlichen Fürsten­tümer hinter die weltlichen zurück, welche vom dynastischen Gedanken angetrieben werden. Das Erzstift versagt für di« gestellte Aufgabe. Die von chm geführte Epoche wird abgolöst durch eine Kampfzeit, in welcher sich die Berglandschaft von der Vormundschaft der Oberrheinebene eman­zipiert. Die Landgrafen von Hessen (nachdem die wenig begründete Gemeinschaft mit Thüringen in Zeilen der heiligen Elisabeth gelöst worden war) drängten Mainz aus Hessen hinaus, das sie zugleich territorial zulammensaßten. Die nun schon al gewohnte Verbindung zum Rhein hin droht abzureißen.

Aber noch mllten üi diesem Kampfe begriffen, im 3nnern erstarkend, streckt Hessen nun seiner­seits die Hände nach dem Rhein aus. 3m 15. 3ahrhundert faßt es gleichzeitig am Nieder­rhein (Rheinfels) und am Oberrhein (Darmstadt) Fuß. Zu der ersteren Position ist bezeichnender­weise nie eine Landbrücke geschlagen worden, sie wird nicht ausgebaut, dann überhaupt aufgegeben. Hm so deutlicher ist das Streben der hessischen Politik in den folgenden Jahrhunderten zu er­kennen, von dem alten Kern die Verbindung zu den Erwerbungen am Oberrhein herzustellen. Dürfen wir von einer Periode sprechen, in welcher der Versuch von Mainz nun mit ganz ver­änderten Vorzeichen, unter westlicher, hes­sischer Fahne, wiederholt word.n ist? 3ch glaube, man kan r derart den 3nholt des politischen Erlebens des rhftn-main-yessischen Raumes in der Neuzeit kurz zusammen, assen, wenn man betrach'et, wie Hessen-Darmstadt im 17. und 18. 3ahchundert mit kleinen Erwer­bungen, am Ende des alten Reiches mit größe­ren Stücken die Lücke zwischen Oberhessen und Starkenburg auszasüllen bemüht ist, und end­lich 1816, nachdem es zeitweise von Frank­reichs Machtwillen nach Norden (Siegen, Biedenkopf) abgedrängt worden war, auch die territoriale Basis des alten Gegners, Rhein­hessen, damll vereinigt. Daß dieser Prozeß nicht rascher und erfolgreicher verlaufen ist, daran trägt Schuld zuallererst die Schwächung, welche sich das Haus Hesien selber durch die Teilung im 16. 3ahrhundert bereitet hat. Daneben ist die Verwurzelung des Erzstifts Mainz in der Reichs- Verfassung, die Rivalität der Pfak und die Fülle der Hindernisse zu nennen, die in den alteingefahrenen Zuständen des Reiches lagen.

Die rein dynastisch begründete Tellimg Heftens hat zugleich di« Folge gehabt, daß Niederhessen mit seiner peripheren Hauptstadt Kaftel baS Gesicht mehr nach Norden wandte, al8 eS im Gesamtverband getan. Diese Blickrichtung ist fixiert worden, als Preußen 1866 Kur heften annektierte.

Das Eingreifen Preußens in das territoriale Problem des rhein-main-hesfischen Gebietes durch die Annexion von Kurhessen und Nassau hätte nochmals der Anfang zu einer Neuge­staltung vom Dergland Hw sein können. Aber die Reichsgründung hat auch hier den Zustand verewigt. Weder Preußen noch das mit dem Schwerpunkt < n dm Rhein hinabgewa Berte Hessen haben seitdem Die Eiu.wicki.ung unter dem terri­torialen Zeichen Wellerführen können. So blieb das Gebiet in einer Gliederung liegen, wie sie so unvollkommen und hinderlich kaum irgendwo in Deutschland anzutreffen ist. Man kann nicht leugnen, daß sie das Ergebnis der Geschichte ist. Man muß aber auch feststellen, daß sie ganz

Gießener Gtadiiheater.

vayard Bettler:Ter Prozeß Mary Tugan".

Hm es zuvor zu sagen: von den drei K.iminal« stücken, die wir nun rn letzter Zeit hier zu sehen belommen haben, hallen wir auch jetzt noch den Hexer" von Wallace für das beste; aber wir glauben, daß Deiller in diesemProzeß Mary Dugan" seinenDreizehnten Stuhl" über» boten hat.

Mll dem dieses neue Drama übrigens manche Verwandtschaft und motivi che Heberein' i mnun- gen aufweist. Mehrfach hat man sogar den Ein­druck, als habe der Autor bei der Erfindung des zweiten Falles nicht sehr viel Phantasie aufgebracht. (Man möge das selbst an Haupt­motiven vergleichen.) Aber er, gibt hier die Spannung nicht wie dort vorzei.ig preis; b.eses neue Stück ist dramatisch straffer und theatraft ch vergleichsweise wirksamer. Weil Dell er sich sicht­lich bemüht, sachlicher undwirllicher" zu ar­beiten. Dies freiftch mit allrn irgend erlaubten Mitteln. Hnd in einem Reiher sind ja viele Mittel erlaubt.

Wan muh sich an manches hier erst gewöhnen. Man müßte eigentlich, sachkundiger Würdigung halber, einen Rechtsbeistand gutachtlich zur Kritik heranziehen. Wir sind jedrn'alls Herrn Rechts­anwalt Dr. Alsberg für die im Programm veröffentlichten Anmerkungen zum Stück von seinem Zachstandpunkt aus, woraus hier an­gelegentlich hingewiesen sei, sehr dankbar.

Wir fühlten unß recht erleichtert, als wir an der Spitze seiner Erörterung den Satz fanden: Das ist bei uns unmöglich" In der Tat. soweit unsere geringen Erfahrungen in Gerichtsverhand­lungen reichen: bei uns geht das alles sehr viel anders zu.

Wan muß sich an den überaus liberalen, ungezwungenen, stellenweise recht formlo en und fast gemütlichen Ton in bleiern Schwurgericht erst gewöhnen. Auch an die Prozetztechnik, die auf ein Duell -wischen Staatsanwalt und Vertftdiger Anausläust, während der Vorsitzende gewisser- maßen als Hnparteiischer milde und ziemlich

untätig über den Wolken thront und nur gelegent­lich eine meist, rein formale Entscheidung zur Geschäftsordnung in die Debatte wirft.

Wir kennen die amerikanische Rechtspraxis -nicht und müssen also vorauösetzen. daß dort alles so zugeht, wie es hier gesch.lbert wird. Es kommt uns ja auch toemgee auf die juristische Haltbarkeit und auf die etwa zu erwägende tigere Bedeutung an, die Kritik oder Satire einschließen tonnte. Cs kommt hier für uns tn erster Linie auf das Stück an. Und man soll, wie wir glauben, das Stück nicht überschätzen. Es macht im ganzen nicht den Eindruck, als ob es etwa soziologisch obcc gesellschaftskritisch sehr ernst genommen werden möchte. Sondern es macht den Eindruck, als ob es dem Puöllkum um jeden Preis etwas bieten mochte. Es bietet etwas, daran kann gar nicht gerüttelt werden. Es hat nicht umsonst überall solchen Erfolg und kassen­stärkend« Serienaufführungen erzielt.

Lassen wir die formalen Bedenken beiseite». Sprechen wir auch nicht von den mancherlei sachlichen Fragen und Einwänden, die im Lau e des Abends auftauchen, und denen man nicht nachhängen darf, wenn man nicht den Gang der Verhandlung verlieren teilt

Was bleibt dann übrig? Ollles. was das moderne Publi.'u n heute von einem Kriminalstück verlangt, mit aller Aufmachung, allem Bluff, aller Heöerraschung. allen Tricks, allen der Wirk­lichkeit abgestohlenen Zwischenfällen des Haupt­falles.

Schon beim Eintritt: offene Szene. Blick in den Saal. Gerichtsbeamte. Scheuerweiber. Reporter. Publilu.n.

Dann die Verhandlung setost. Ein Mordprozeh. Mary Dugan ist angeklagt, ihren Geliebten, einen reichem verheirateten Herrn, umgebracht zu ha­ben. Mit einem Messer. Nachts, von hinten, Sllch in den Rücken. Aus Eifersucht.

Eße di« Verhandlung beginnt, wird ein ähn­licher Fall abgeurieilt Todesurteil, Die Ange­klagte wird wild schreiend hinausgebracht. Das Publikum ist nun vollends auf das Eigentliche,

auf den zweiten Fall, auf Mary Dugan und ihre bunfffe Geschichte vorbereitet.

Die Verhandlung mit allen denkbaren Möglich­keiten, neuen Wendungen. Spannungen. Anschei­nend erdrückendes Material gegen die junge Frau. Zeugenau. marsch. Nieder egu.g d r Q3er ecLigunj. Der neue Verteidiger, prompt und nicht von Ge­richts wegen bestelll, kam zuvor aus dem Zu- schauerraun erregt auf die Szene gesprungen, entpuppt sich als B.uder der Qlngeflagten. Eine Delastungszeu^in wird überraschend unwirksam gemacht. Eine andere, die Gattin des Ermordeten, schwer verdächtigt. Eine neue Verhaftung droht..

Die beidrn Frauen, um die es hier vor allem geht, stehen sich gegenüber, ganz dicht vorein­ander, bis die eine mll versagenden Nerven zu­sammenfällt.

Die Photographien vom Tatort werden groß aufgestellt, Pelz und Nachthemd der Angeschul­digten herbeigebracht, die Tat selbst am Modell wiederholt.

Hnd dann das Verhör, diese furchtbare, auf­reibende, peitschende, hetzend« und peinigende Fragefolter, mit der sich Verteidiger und Staats­anwalt wechselweise auf die verstörte, verängstigte, zitternde, weinende und halb ohnmächttge Frau stürzen, die des Mordes angeklagt ist.

Hnd dann die Lösung, diese trotz nwtivischen Wiederholungen überraschende, überrumpelns«, jähe Schlußwenbung, die das Ende dieses Pro­zesses bedeutet, und die natürlich hier nicht ein­mal angedeutet werden darf.

e

Die Aufführung war ausgezeichnet. 3ntenbant Dr. Prasch hat aus Dem Stück das Letzte her- auSgeholt. Alle Möglichkeiten erschöpft, keine Nuance verpaßt, auch die kleinste Rolle vorzüg­lich untcrgebracht, das Publikum sogar als stumme Statisterie h.rangezogen und das harmlose Par­kett in Geschworenenbänre verwandelt, an die mehr als eine bewegliche Ansprache mit schwer­wiegenden Argumenten beredsam gerichtet wurde. Niemand hätte sich getounbert, wenn er plötzlich aufgerufen worden wäre, vor den Kadi zu treten, feine Meinung zu sagen und feine laienhafte Stimme ins Gewicht zu werfen.

und gar nicht der Ausdruck der in der Geschichte sich manifestierenden Dedürsnisf« der Landschaft nach ©liebei ung und Einreihung ist. Daß die Geschichte vielmehr, selbst im raschen Heberblick gesehen, wertvolle Fingerzeige bieget, wonach diese Bedürfnisse drängen, glaube ich gezeigt zu haben.

Als nächsten Bell rag werden wir einen Aufsatz Professor Dr. Momberts übrrD ieReichs- resorm in ihrer volkswirtschaft­lichen Bedeutung" veröffentlichen

Aus der prvvmzialhaupiffadt.

Gießen, den 8. Dezember 1928.

Adventszauber. '

Von <3. von Dalheim.

Kürzer werden die Tage, immer früher senkt sich die Dunkelheit hernieder, entzünden sich Sternenglanz und Lampenschimmer. Hm viele kleine Leuchten sammeln sich abends viele trau­liche Heine Zirkel, die tagsüber vereint im großen, müden Licht zu harten: Zweck sich mühten: Ar­beit fürs Brot, Kampf ums Leben. Wie aber nun die Schatten zu fallen beginnen, so weich, wie sonst nie im 3ahr, decken sie auch Mühe und Kummer zu, schläfern sie mll dem tröstlichen Traum ein, den auch Blume und Daum unter Cis und Schnee träumen: Verjüngt, verschönt erwachen, dem alten 03oben in erneutem Liebes­streben frisch« Lebenskraft für edlere Früchte zu entreißen. So stlll, so ruhig fließen diese Tage. Hick) doch beginnt sich jetzt zu fanuneln, in Tropfen erst und bann in schmalem Rinnsal, was halb in breiter Lichtftill aus dem Dunkel brechen wirb: der Strom der Liebe, ber Ver­söhnung, des Glaubens, zu lange schon zurück- gehalten durch Dämme der Träghell, trübe Wir­bel des Eigennutzes.

So wie sich sachte alles Welle, Verdorrte vom Baum tost, wie sich Golb von der Schlacke scheidet so versinkt Kmnmer und ©tarn, Haß und Neid. 3n stillen, unbeschwerten Herzen be­ginnt es hoffnungssvoh zu klingen, leis und beim- sich erst, aber so abventsgläubig, so weihnachls- gewißl Die Nächte sind hell und lebendig vom funkelnben Glanz unsichtbarer, aber naher Sterne, und die Tage verschwimmen dunkel vor dem Hellen Lichtstreif seliger Erwartung. Auf liebem Grund, in blanken Kinderauaen, ist der Adventsstern aufgegangen, sein Grüßen leuchtet feierlich und zart über Alltagsnot unb Erden- zweisel. Vergessene Melobien erklingen, ihre ver­haltene Süße, ihr stiller 3ubel neckt alles, was noch an Liebeslicht, an Glaübensschimmer in matten Herzen schläft:

Leise riefelt ber Schnee.

Still ruht der Wald mit dem See...

Sorge des Lebens verhallt:

Freue dich, Christkind kommt bald!

Kestvorstettung im Gtadtiheater zur Lichtwoche.

Aus dem Stadttheaterbureau wird uns ge­schrieben: Das Stadttheater Gießen bringt als große Festvorstellung am Mittwoch, 12.Dez., imRoh- men der W e r b e w o ch eGießen im Licht" die erste Opernoor st ellung. Die Oper des Landestheaters Darmstadt gastiert mitF a t m e" von Friedrich von Flolow. Renato Mordo, der bekannte Opernreg sseur, hat in seiner Inszenierung versucht, das klassische Opernwerk ganz in gegen­wärtiges Theater umzusetzen. Die Neuinszenierung hat im Reich sehr großes Aussehen erregt, uni) Darmstadt wurde bereits von den städtischen Bühnen Frankfurts zu einemFatme" Gastspiel ausgefordert.

Sonntag, 9. Dezember, findet zum letzten Male eine Ausführung vonI n g e b o r g" von Kurt Götz statt. Das Lustspiel geht als Fremdenvor­stellung zu ermäßigten Preisen in Szene.

Das erfolgreiche KruninalstückDer Prozeß der Mary Dugan" von Bayard Deiller wirb das erstemal am Dienstag, 11. d. IDL, wiederholt werden.

Gießener Wochenmarktpreisc.

Es kosteten auf dem heutigen Wochenmarkt: Butler 210 bis 220, Matte 30 bis 35, Käse (10 Stück) 63 bis 140. Wirsing 12 bis 20, Weiß-

Prasch hatte die jungen unb neuen Kräfte ins erste Tr.fsen gestellt unb sie bie Entscheidung aus tragen las'en: eine ausgewogene, abgestufte, farbige und be.ebte Bes.el.u ig mll natürlichem Zu­sammenspiel, aus der bie verschiedenen Tempxra- mente sich gut profiliert abhoben unb gegen» ein an ber stellten.

*

Man muß sich bei Dem großen Aufgebot etwas kurz fassen unb kann nur bie wichtigsten Leistun­gen abgrenzen. Trübe Heß hatte bie Dugan. für bie sie nach ber ähnlich angelegten Probe imDreizehnten Stuhl" burchaus geschaffen ist. Sie gerät erst spät in ben Mittelpunkt des eigentlichen Spiels, wirkte anfangs manchmal etwas theatralisch, spielle sich aber bann in eine große, echte unb mehr als äußerlich interessante Steigerung hinein. Tanne rt als Staatsanwalt war zuallererst, auch im Mittelakt. sehr gut (obwohl textlich nicht immer ganz sicher), wurde zuletzt aber mit dem Abgleiten seiner Rolle schwächer. W e f e n e r , als wich­tigster Gegenspieler, ging mll einer ehrlichen, starken Leidenschaft darstellerisch lebhaft aus sich heraus unb bot eine bis zuletzt sehr gleichmäßige darstellerische Leistung.

Arzdorf, erster Verteidiger: knapp, korrekt, überzeugend. Lieselotte Fuhrmann, endlich wieder tn einer, wenn auch nicht sehr bebeuienben Rolle herausstellt, traf die verhaltene Er­schütterung unb den zweideutigen Ton einer raffiniert erklügelten Kontrastfigur ausge­zeichnet.

Eine ganze Reihe sehr lebendiger Chargen. 3m Zeugenaufgebot vor allem die beiden frechen unb ahnungslosen Tanzgirls (Krahm er, 3 a h n), ein grinsender Aiggerboh (2t nf- m a n n), ein aufgeblasener Herrenschneider ( a st e), eine geschwätzige Pariserin (3üng- ling). Ganz famos toirfte in einer winzigen Nolle ber Dramaturg Dr. Ritter, ber einen vertrockneten Gerichtsdiener unglaublich komisch zum Besten gab. Gareis, Haeser und D o 1 ck von den übrigen.

Der große Erfolg war vorauszusehen. Mit beit Hauptdarstellern mußte auch der 3ntenßant ben Dank bes Hauses entgegennehmen. Dr. Th.