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Nr '85 Drittes Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheflen)

Mitttnoch, 8. Augnft 1928

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Am sausenden Webstuhl der Zett.

ZournaliSmuS und Wiffenfchast.

Von Dr. Smil Dovifak, Professor derZeitiings- künde an der Unioersttät Äerlin.

Dom S. bis 12 Qüifluft tagt in 3t ö In der Internationale zei t un gs- wissenschaftliche Ä o n g r « 6.

Don einem (Mefrrüm behaupten, daß er .jounrallstisch- arbeite, ist ein beinahe ebren- Mnfcnber Vorwurf. Andererseits einem Jour­nalisten nachzusagen. er bediene sich .wissenschaft­licher" Methoden, ist mindestens feine Berufs- empsehiung. Danach scheinen sich Journalismus unb Wifttnschaft schroff gegenüberzustehen. 3n der Lat nerfteten fte einander nur selten

Unb doch mül'en sie sich finden und sie formen sich auch finden Verantwortungsbewußter 3our- nalismu-» und yelftrcfHge wis enscha t ich» Arbeit stehen sich innerlich sogar sehr nahe. Sie ergänzen einander und wären vereint unüberwindlich, ©ett jeher bestanden Zwischen beiden 'Berufen enge peinliche Belebungen, engere, als d.r gelegent­lich öffentlich gegeneinander geführte Kampf auch nur ahnen läßt. Sine gaiue Reib enamhafter Uni­versitätslehrer. namentlich b.*r Staats- und Wirt­schaftswissenschaften haben in jungen Jahren, fei es in losem, sei es in festem Mttarbeitervcrhaltnis Aur Presse gestanden. AuS praktischem, journa- listifcheni ©rieben haben sie den Anstoß zur theoretischen Bclchäftigung mit bestimmten Le­bensgebieten gewonnen. Diele sind ebenso oft aus einer leistungsstarken und anerkannten ©e- febrten lauf bahn gelegentlich oder auch dauernd trxebtr tn die Arena des öffentlichen Kampfes der Meinungen zurück getreten. 3hre geleimte Qlr- heit war ihnen dann ein Rüstzeug besonderer Art. das sie schützte ohne die Fechtgewandtheit ihrer fieber au bischux-ren. £)iei Vamen aus jüngster 3eit au nennen, hiebe Partei nehmen, aber als klassisches Dorbild dieses in einer Person voll- zogei en Bundes zwischen Wi'senfchaft und Jour­nalismus mag 3oses GoerreS gelten. We­nigstens war er ein solches Vorbild für feine Seit, die im Journalismus noch nicht daS Hasten nach Aktualität unb in der Wissenschaft noch nicht das vertiefte Spezialistentum kannte.

Aber gerade diese Entwicklung sollte 3ournalis- mus und Wissenschaft nicht auseinander, sondern mm gerade zusammensühren. Ausgezeich­nete Fachgelehrte von großem Ruf haben es oft als eine her fchwierigsten Aufgaben ihres Wir­kens bezeichnet, die fiubUng mit der Pra»iS. die fiublimg mit dem Leden überhaupt und damit auch den rechten Hebert) lüf über die große Linie sich zu erhalten, nach der sich ihre Arbeit m der kulturellen Gesamtentwicklung einordnet.

©cnau entgegen gesetzt lautet die Klage dcS Journalisten Seit sich seine Tätigkeit' mehr als j« bisher, eingeklemmt zwischen drm technisierten Einlauf der Vachricht und der nach Minuten be­rechneten Herstellung, der Zeitung, aufs engste an di« Maschine actumben vollzieht, und oaS vssentliche Leben sich mehr und mehr in buntester Mannigsaltigkeit und tollstem Tempo tn der Zei­tung siegelt, seitdem ist dem Journalisten be­trachtende Muße, die einzige, die über daS äußer­liche Erleben hinweg zu lebenden Erkenntnissen fuhrt, kaum mehr vergönnt. Und wenn sich der Journalist auch in seiner Spart« spezi^isiert. so ist das in den meisten Fällen doch mehr eine auf prompt» unb richtige Erfaß una des Aktuellen gerichtete Arbeitsteilung und erlaubt bei weitem nicht die Vertiefung. die an sich nötig wäre.

©clanac es also, den 3ournalisten und den Wisfenschof tler etnanber näherzul>ringen. so wäre ein wechsel fettiger Gewinn ohne Zwei­fel die Folge. 'Daß Verbindungen dieser Art zwischen hervorragenden Vertretern auf beiden Seiten bestehen, sei nicht geleugnet. Aber diese Sinzelsälle schassen den Wust von Mißverstehen und gelegentlich sogar temperamentvoller Miß-

Sensation.

Don O. Frank.

Das eine können wir sagen Die öenfattrm um jeden Preis ist heut« in der Zeitung im großen ganzen verpönt. Die bunten Zeitungsenten, die früher im Gewässer der Publizistik so fidel umher- plä^cherten, sind nicht mehr geduldet, chre Schon­zeit ist um unb sobald sie in den Spalten irgend­eines Revcssverblättchens wieder auftauchen, wird auf sie geschossen. Vicht nur der Ausbau des Vachr.chtenwesen- ist an dieser Wandlung schuld. Sie vollziccht sich in dem Maße wie die Zeitungen zu mächtigen Exponenten der öffentlichen Mei­nung wurden Bei einem unterhaltenden Er­zähler find Phantasie unb Phantastik am Platze: von einem ernsthaften Betrachter der wirtlichen Su(ammenbärge verlangt man m erster Linie Wahrhaftig leit und Sachlichleit. Ss wäre für di», welche .hm vertrauen, verhängnisvoll, wenn er von diesen Prinzipien »rbweichen würbe.

Di» Sensationsbedürftigkeit ist eine» der mensch­lichen Erbübel, firübere Jahrhunderte konnten ihm ungestraft bereitwilliger nachgeben al- der durch Erkenntnisse und gesellschaftliches Ein be­zog en fern straff organisierte Mensch unserer Zett. Die Sensation wurde nicht erst mit der Zeitung geboren. Auch die populären Vorläufer der Seitung, der Bänkelge^ang. die Moritat wußten schon ob fte nu* Geschehenes oder Erlogenes berichteten durch die Art des Vortrages jene briefctnbe Spannung, jenes unheimliche G rüttln zu vechrn. weiches das unrrüalrche ErketmungS- zenhen jeder waschechten Sensation ist. 6tne bieFer alten Morttaten beginnt:

En-, schrvcklich unerhörte Mehr Hflt sich jetzt zugetragen hier. Su Hall m Sachsen, das ist wahr. 3n diesem 1605. Jahr.

ötn Mann allda au dieser Frist. Friedrich Kersten sein Varn' ist. ..

Friedrich Kersten hat einen Raubmord an einem Juwelier begangen und wird dafür aufs Vad geflochten. Das wird mit allen schauer­lichen Einzelheiten berichtet. Gs ist nur ein Bei­spiel von vielen.

Die gedruckte Sensation muhte natürlich noch wert überzeugender unb darum nerven erschüttern- ber wirken als die gesungene. Beim Gesang konnte man sich immerhin verhört haben, aber

wenn es nicht gelingt auch die großen Orgebnipe | verschiedenartigere CMementc ein. wie früher Gaß

Meinung" in allen Vorzügen Art begreift, was vergeht

und Vachteilen ihrer

schönes

presse und Oeffenilichkeii

der Krei» berjenli gendwie c n

ungerecht gegenüber dem vielfältigen gehetzten Tagewerk des 3oumalisten. auch sachlich falsch unb führt nur tercr Verbitterung.

Hier beachte man Karl Büchers

naliSmus lern» und aufnahenebereit genug ge­blieben.

Menschen, die geistig i r öffentlichen M e i

und oft das ist zu wei-

geben wird. baxu ist. daS darf wo! ÖptimiSmuS gesagt werden, unser i

tmlttnschaftlicher Forlcherarben so dem öffent­lichen x^ntcrcpc itihcAubringen. daß die .Matten-

Wort .Unb ist beim an sich ber Beruf des Mannes, besten Wort durch di« Zeitung täglich Zehn- oder gar Hundert taufende erreicht, geringer zu schätzen, als eiwa des Predigers, dessen Worte nur Hundert» hören, oder der des akademischen LehrerS. der vielleicht nur ein paar Dutzend um seinen Lehrstuhl versammelt sieht? Was ver­schlägt es. wenn eS Münze kleinster Stücklung ist. die er in feinen Artikeln auSaibt. 3st nur die Prägung gelungen, ist ihre Währung echt, fo geht fic ürer in den allgemeinen Kulturschah der Ration."

Daß die Währung dieser kleinsten Münzen echt ist. dafür sollte die Wissenschaft mehr alS bisher sich einsetzen durch eine freudige und gegen- warkSfrische Mitarbeit. Daß de'e Mitarbeit be»

sein und die Gesinnung der Zeitung soll die Gesinnung ber öffentlichen Meinung werden" deshalb zustimmen können, jedoch weiter geben unb die sogenannte .Gesinnung ber öffentlichen Meinung, konkret untersuchen müssen. Da der letzte Wert der Zeitung, wenigstens poli­tisch getthen, davon abhängt, ob und wie weit es der Zeitung gelingt, buk meinungs- bilbenbc Kraft erfolgreich anzusetzen, so wird man. gerade von der Zeitung aus gesehen, sich hüten müssen, die öfsenlliche Meinung gar zu unkompliziert zu sehen.

Gibt eS denn wirklich eine solch einheitliche öffentliche Meinung, die eine einheitliche Ge­sinnung hat? Haben sich die Verhältnisse nicht vielmehr dahin entwickelt, daß die öffentliche Meinung sich vervielfältigt hat unb deshalb nicht «in«, sondern verschiedene zahlreiche Ge­sinnungen hat. Dies« Wandlung der .öffent­lichen Meinung" scheint mir geschichtlich durch­aus begründet unb verständlich zu fein Seit dem Anfang deS vorigen 3ahrhundertS hat sich

grüßt und ihr auch eine .echte Prägung" gc- ibl ohne falschen deutscher 3our-

nung teil haben, fortgesetzt vergrößert. Die Volksbildung nahm immer mehr zu, die Auf­klärung erfaßte, natürlich mit fehr verschiedener 3ntenfität, die weitesten unb breitesten Schich­ten unseres Volkes. Mag die 3af>l ber wahrhaft Gebildeten, die unmittelbar am Werke ber Kul­tur mitfchufen, gebend unb nehmend ihre eigene Gesinnung mit dem Zeitgeist vermischen, 'ich prozentual auch nichtt vergrößert haben, so wirk­ten diese Debilbeten nunmehr doch auf sehr viel

Dill man di« politische und geistige Bedeu­tung des deutschen Zeitungswesens der Gegen­wart erfassen unb entsprechend in Staats- unb Geisteswissenschaft eingliedern, dann wird noch viel zu tun fein. Dieses ganze Fragengebiet ist noch unentdecktes Land, überwuchert von un­klaren Vorstellungen und Fiktionen. Unzählige gangbare Auffassungen werden einmal wider­legt. fehlerhafte Vorstellungen ausgerottet wer­den müssen, ehe aufgebaut werden kann. Diefe fachliche Reinigungsarbeit tarn nicht von einem einzelnen geleistet ©erben; eine ganze Gene­ration von Fachleuten und ausmerksamen Beob­achtern wird sich mühen müssen, ehe die Zei­tungskunde in wissenschaftlicher Hinsicht befrie­digende Leistungen, allgemein gültige Darstel­lungen der besonderen Problematik des Presse­wesens wird aufweisen können. Werden be­stimmt« Dinge. Zusammenhänge und Fragen überhaupt erst einmal gesehen, dann ist schon etwas erreicht; bas Vichterkennen des Problems, bas sorglose llebersehen der Erscheinung, ist die Gefahr unb der Weg zur Verwirrung.

Die Frage der Entstehung der öffentlichen Meinung wird uns noch mancherlei Rätsel auf­geben. Daß von der Tendenz die stärkste meinung-bildende Kraft auf die Oeffenllichkeit ausgeht, muß immer wieder gejagt werden. DaS Bekenntnis Aur Tendenz. als dem fchöpfe- rifchen Teil der lournalistischen Arbeit, ist eine Tat der Ehrlichkeit; nichts verdirbt daS Werk und den Geist so sehr, wie unhaltbare Fiktionen. Man wird dem einmal ausgestellten Postulat .die Tendenz einer Zeitung soll ihre Gesinnung

achtung nicht weg. die eine wirkliche Fühlung­nahme zwischen beiden Ständen ermöglichen und DaS geht nur an. wenn einem ehrlichen und praktischen Zusammenarbeiten der Weg geebnet wird. Dr Ludwig Kühle bat längst in einem m. S. ausgezeichneten Aufsatz die Wege dazu gewiesen. l. Zeitung-verlag Ur. 26".) Kein Zweifel, daß der moderne Ge­lehrte die modrige unb verstaubte Studierstube längst verkaffen. daß er feine Wissenschaft alS einen bestimmten Gemeinscha t?b enft betreib: und das alte, früher so oft betonte Selbst zrrecküttal gelehrter Forschung nur noch als Ribbel zur Erhaltung wil enfchaftlicher Unabhängig feit unb Voraussetzungslosigkeit a ufoechterhält. Er muh nun auch arbeite er auf welchem Gebiet er immer wolle den Weg zu jenen journalistischen Formen finden, mit Deren bi« breite Oef fentlichkeit allein für seine Arbeiten 3nteresse gewinnen unb ihr jene stark fördernde Hilfskraft zur Sette stellen kann, die heute nur durch die richtige Einstellung der Oeffentlichkeit ftu jeder der Gesamtheit irgendwie dienstbaren Arbeit gewonnen werden kann. Mit voreiliger Bekanntgabe unausgegorener Anfänge oder plum­per Selbstreklame hat daS nicht- zu tun. Denn da- Gelehrtentum oft mit vollem Recht über eine ungenaue, oberflächliche und gelegentlich total falsche ober gar fremdländische Arbeiten den deutschen bevorzugende Berichterstattung klagt, so sollte sie sich fragen, was ft« denn selbst getan, die Presse zu unterrichten, und zwar d i e ganze Presse, nicht nur die sog. .große" Presse, die das Honorar kostspieliger Spezial- Mitarbeiter aufbringt, aber bekanntlich nicht ein­mal die größten Lesermalsen erfaßt. Man hat fein Recht, über die Dordringlichkeit de- Sporte-, des Film- und anderer nicht gerade geistiger, aber volkstümlicher Angelegenheiten zu Hagen.

Man sage nicht, der 3ournalist träte für diese Arbeit nicht z.i gewinnen. 3n Deutschland würde diettr Vorwurf ver'ehlt lein. Wenn in den Z»i- tung.-n, namentlich in den mittleren und kleinen, gelegentlich Wll'en'chaftliches entstellt wieker- gegeben wurde, so ist nichts fallcher. al« solche (Irrtümer mit dem Schweigen der Verachtung zu quittieren. Das ist nur verständnislos unb

3um Problem ber öffentlichen Meinung.

Don Dr. Pon# von Gefärbt, o. Professor für Zeitungswissenschaft an der Universität Heidelberg.

es etwa 'n ber Zeit deutscher Vot. um 1809 herum, eine Gesinnung der damaligen ollentlichen Meinung so parttllpierten an ihr relattv nicht fehr zahlreich- Schichten Die anderen hatten natürlich auch eine .Gesinnung", diese aber war primitiv, betraf nur wenige Lebensgebiete unb konnte sich deshalb nicht erhärten, dokumen­tieren. geltend machen. Dies« dumpferen, noch find heute weit bewußter, lebentätiger, reg­samer. aktiver, sehen ihre Beziehung au Staat. Volk. Kultur unb nehmen deshalb auch Stellung zu den Lebensfragen ber peffentlichselt.

3ft der Strom ber öffentlichen Meinung da­durch auch außerordentlich viel breiter geworden, so hat sich die'e .öffentliche Meinung' gleichzeitig doch auch vollständig geändert. Zahlreiche Schich- ten im Volk, bic früher keine Zielsetzungen, kein« deutlichen Wunschbilder hatten, wissen heute, wie es um ihre Interessen steht und stellen sich deshalb aus der Allgemeinheit heraus, iso­lieren sich freiwillig, entziehen sich jeher Ver­einheitlichung-tendeiiz. Diese Zwiespältigkeit unb Vielfältigkeit im Denken, diele außerordentliche Verschiedenheit der Vorstellungswelten ergibt nur ganz feiten eine Synthese, einen Zusammen­klang zur öfsentlicheu Meinung des deutschen Volles Die urwergeßlichen Augustlage deS 3ah- reS 1914 bewiesen ein einheitliche» Meinen, eine gemeinschaftliche Gesinnung der Massen Vach etwa einem Jahr entstanden jedoch schon wieder mehrere öffentlUbc Meinungen, die jede als solcke deutlich wahrnehmbar, in sich natürlich differenziert und nuanciert, fich von der anderen 6ffentliehen Meinung abzugrenzen unb abzuheben suchte Vach vier 3ahren hatte sich die Derschie- benbeit dieser öffentlichen OHcinuixgcn fo außer­ordentlich stark vertieft, daß es schließlich zu einer Spaltung kam und die feindlich gewordenen Meinungen sich in schärfster Delle zu bekämpfen begannen. Seitdem ist längst wieder eine Wand­lung eingetreten, die öffentlichen MeinungSrich- tungen in unserem Volk streben wieder au einem Au-gleich. Dio Differenzierung nimmt also ab. von einer einheitlichen öffentlichen Meinung kann aber weder in den das Staals- leben, noch die Werluirg der Kultur, der Wirt­schaft. der Religion der Vation, betreffenden Stagen ufw. die Rede fein. Die Lebenshaltuna und der Leben-stil ber einzelnen Schichten unb Klassen sind im deutschat Volk zu sehr verschie­den. die konsessionelle Scheidung hat neben ge­schichtlichen und sozialen Momenten verschiedeiier Art. eine solche (relative) Vereinheitlichuirg der Vation tote in Frankreich. England. Spanien usw. nicht zugelassen. Hieraus folgt, daß man die G«Innung der öffentlichen Meinung in Deutsch­land sich nicht gut erstellen kann. fonbeni stet- die Vielfältigkeit dieser Gesinnungen zu er­kennen haben wird.

Die Gesinmmg der Zeitung kann trotzdem aber von besonderer und verstärkter, meinung-bilden­der Krass sein, wenn fte auf den auf . .

sInnung abgerundeten, geschlossenen Teil der öffentlichen Meinung wirkt. Vonher Zeitung sollte allerdings in diesem Zusammenhang gar nicht gesprochen, sondern die Zeitungen Die Presse also - genommen werden, die in ver­schiedener Weise, auf verschiedene Kreise wirken, Gesinnung schaffen und diese gar zu einem VolkS- willen steigert. Gmil Lederer hat einmal sehr richtig darauf hingewiefen. daß eS beute kaum eine wirkliche poliitfche Organisation der Massen gibt. alS diejenige, die sich um eine bestimmt» Zeitung schart Die Gesamt­heit der Leser einer beftimmien Zeitung hat oft­mals eine ganz klar erkennbare, deutlich zutage tretende Gesinnung, die dann in stärkstem Maße auf die unwirklichere, verschwommenere, farb­losere Gesinnung der entsprechenden össentlichen Meinung-richtung cintoirft Sine Partei hat

wohl eine leitende Gruppe, aber nur eine ge­

bier stand eS unverkennbar, schwarz auf weiß. Die auf aktuelle Ereignisse bezug nehmenden Druckschriften und Einvlaltdrucke des 16. und 17.3ahrhundert überboten sich im effektvollen Kolportieren einzigartiger und wundert-arer Er­eignisse. Da erhält man ..glaubtoirbige neue Zeitung" von pomphaften Fursteneinzügen unb Krönungen. ..gewisse Zeitung". 3eitung von Schlachten. Eroberungen. Plünderungen. Die Titel dieser Schriften sind schon sehr sensationell ge­halten: da gibt eS z. B eine Wahrhafftige und erschreckliche Vewzeitung- von dem grausamen Feind und Tvrannen de- MuSeowiterS / wie er fo erbennllch und jämmerlich / viel Volcks rnnbs Leben > mn Lief land hat bringen lallen < auch tobe er ist vor Parnow gezogen / biefefbige den 9.3uhj dieleS 75. Gare eingenommen hat."

Mordgeschichten werden mit breiter Anschaulich­keit erzählt daS Titelblatt ist häufig illustriert und das Bild zeigt dann meistens im Vorder­gründe den möglichst in allen Einzelheiten ge­nauen Hergang der Mordtat, während man im Dildhintergrund bic Hinrichtung des Mörders dargesteltt sieht. Man war anlcheirrend der Auf­fassung. daß dem Leser keiner dieser ^Gerrüsfe*' vorenthalten werden dürfe. Berichte über Ko­meten. seltsame Himmelszeichen unb schreckliche Gesichte waren an der Tagesordnung Vicht weniger zahlreich sind die Schilderungen in Wort und Bild von allerlei Abnormitäten, von Kälbern mit zwei Köpfen. Hunden mit Menschenköpfen. Wverbrachen, welche viele Mentchen auffraßen u<to.

Em in Augsburg gedrucktes Blatt berichtet von einem schrecklichen Fisch, der 1615 in Däne­mark gefangen unb dem dänischen König über­bracht wurde. Dieser furchtbare Fisch hat zwei Mentchenfühe. oben auf dem Rücken trägt er zwei Hellebarden, an der locken Sette de- Kopfes ein Schwert. Aber das oLerschrecklichste ist. daß auf seinem Bauch eine geheimnisvolle Schrift zu Iden ist unb zwar bic Buchstaben WcWcWe- DenMc. Der Verfasser beutet di« Buchstaben be- rettwilligst: Es kann natürlich nur heißen: Weh. Weh. Weh. den Menschen! Sntkeyllchcs muß bevorstehen, wenn dreimal Wehe über bic Mensch­heit gerufen wird, Krieg, Hungersnot. Erdbeben ober sonstwas

Sin anderes, gleichfalls in Augsburg (1588) gedrucktes Blatt gibt bi« ..Dahrhafftige Eontra- faktur unb Vewc Zeittung eines Kneblins, welches jetzunder etlich Wochen urmatürlicherwehs Blut schwitzet." Das Blatt zeigt den Knaben barfuß in

einem pelz verbrämten Mäntelchen; unter den Augen, an den 3rrnenflächen der Hände und an den Knien hat er blutende Male. Der Text er­zählt über ihn, er sei acht 3ahrc all. der Sohn des zu Augsburg wohnenden Kürschners Bar­tholomäus Kreutzer. Zuerst habe er auf dem Kopfe Blut geschwcht unb davon eine Glatze be­kommen. darauf habe eS auch an den auf der Abb.lbung verzeichneten Körperstellen an gefan­gen. Morgens zwischen 6 unb 1 llhr schwitzte er da- meiste Blut. Man habe ihn ben DoctoribuS ber Arztney" vorgestellt. doch die feien der Mei­nung. daß hier ein Mirakel vorliegc Auf diefe- UrtcJ hin hätten sich viele Schaulustige, die bas Wunder fehen wollten, Tag für Tag hn Haufe cingefunben

Von einem l-jährigen in Gall bei Bem wohn­haften Mädchen, weiche- seil fünf Jahren nichts mehr. erzähll etn Blatt aus dem 3ahre 1606 unb ein anderes weiß gar von einem Meermönch zu melden, einem Fitch mit Wenschenkopf, der 1546 bei Kopenhagen soll gefangen worden fern.

Derartige Vachrichlen blieben meistens nicht auf eine Auflage beschränkt. Irgendein anderer gefchäftstüchttger Drucker, dem eine- dieser Blät­ter oder eine ber sensationellen Schriften in die Hand kam, veranstalletc einen Veudruck. und ba­nnt das geschilderte Ereignis nichts vom Zauber der Akrualttär verlor, datierte er cd auf den Tag de- Vcudrutts um. Roch ziemlich spät be­gegnen uns berart g grobe Zeitungsenten. So ist unS eine italienische Relation erhalten, 1755 in Siena gedruckt, in ber von einer im 3uli dreies 3ahvcs piöhlich aufgetauchten Bestie mit Men­schenkopf bic Rede ist. 3n Wirklichkeit ist diese Relation «in fast wörtlicher Abdruck einer fünfzig 3ahre früher erschienenen Zeitung

Aber auch bic Berichterstattung der ersten pe­riodischen Zeitungen war in vieren Stücken noch ntcht sachlicher unb zuverlässiger. 3m Sonntagi- schen Mercurms, Berlin 1650. 48. Woche findet fich folgenbcr Bericht: ..Eysenach vom 14. Rovern- bris. Aufs den Drenlcchvff / eine halbe Stunde vor der Stabt / hat der Schäffer unb sein Knecht rach folgendes am Hnmncl gesehen: Des Abend- umb 7 älhr kam ein großer langer Mann von Mitternacht über bas Städtchen Treutzburg tn der Luft her . . ufw." Em anberer wundervoll .nüchterner" Beacht steh: in der Wöchentlichen Orbinari Zeitung München 1629. Vr. 35): .All- hie hat es Schwebe! unb lebenbioe Würm ge­regnet / also daß alle Gaffen von Schwebe! / so­

bald er getrocknet / gebrunnen / es ist auch vor hiesiger Stabt etlich mafH Feuer vorn Himmel ge- fallen / und cm unerhörte- brählen von Donner unb Blltz 15 Dtundtlang gehört worden / daß man vermeint / es werde btt Stadl zu grünbt gebn.

Soviel aus ber Scustttionsschatulle vergangener 3ahrhundeNe. Auch heute ist bic ®cn<aiion noch nicht tot. toeü bas Senfattonsbcdürfnis weiter­lebt; aber aus ber ?>edung zieht Ue sich immer mehr zurück und beschränkt sich laber dafür mit konzentrierter Heftigkeit, auf da- Gebiet im- mtttelbarer sinnlicher Eindrücke.

(fine Heiratsannonce aus dem Zahee 1612.

Der bekanntenicht mehr ungewöhnliche Weg" ist. wie so viele- nicht erst eine Errungenschaft unserer Zett Schon im 18.3a brbunbert verwen­deten heiratslustige junge und allere 3ungge<ellen beiderlei Ge'chlecht- die schöne Einrichtuttg des 3nferat8, um auf die immerhi i bequemste, wenn auch risckovollste Art in ben Hafen der Eh» etn- zulaufcn. So konnte man im .Leipziger 3nt«lli- genzblatt" vom 9. Mai 1812 lesen

/Bier honette, kehr schöne 18- brt 24jährige Mädchen guter Erz.chung, vom Lande, w^von jede fo leicht 3000 Gülden He^ratsgut erhält, wünschen in einer größeren Stabt durch Heirat halb e-ne 'Berforgung zu fmbm Sie schmeicheln '-ch. flute Hauswirtinn«ni zu werden, jeder Wirt­schaft gewachsen zu setzn unb nur wegen bet Abgc.cgenhe-t bes DatervrleS von anftänbigen Heiratslustig.i' angesucht zu scyn. denn sie sehen mehr auf Geschicklichkeit unb Rcchttchaffenhei?. als auf Vermögen. Hm daS Vähere Knnen w6fc über 40 3ahr? alte unb mit feinem leiblichm Gebrechen behaftete Subjekte sich schriftlich er» kundigen rrwt der Aufschrift ttuche» fo werdet -Hr finden-. Abzugeben im Verlagscontvr des ,3rttelligenzblatles". Daß haben strenges Still­schweigen beobachtet wird, versteht fich von selbst."

Man sieht, diese Heiratsanrionce unterscheidet ich von ben heutigen eigentlich nur tn einen Punkte, man hielt es damals noch für nötig, den bisherigen Mangel an Bewerbern zu emären. Heute würde allerdings auch die _ Abgelegenhek» deS Vatervrtes" rricht mehr überzeugen fmmen.