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Sreitag, 8. Juni (928
Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Nr. (33 Zweites Blatt
Vie Türkei imllebergangszustand
Bon unserem v. H.-'Bericfttcrftatter.
Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten. Konstantinopel, Sun. 1928.
Da» fünfte Jahr der Führerschaft Mustafa Kemal Paschas ist für die Türkei ein ilcber- gangsjahr. Das zeigt auf das deutlichste nicht imr die innere, sondern auch die duftete Politik des Landes, da- ja nun wohl als konso - lidiert gelten kann und keinerlei Grund zu besondere', Befürchtungen vor Ucberfallen mifi- günfrifler Feinde bat. Di e Abschaffung des Islam als Staat-religivn. ein Akt. der noch vor zwei Sähren ungeheures Aufsehen erregt und zu schweren innerpolitischen Kümpfen geführt Hütte, ist in aller Stille vor sich gegangen, so daß selbst alte Leute, die die neue 3eil nicht recht verstehen und den Kops schütteln, sich mit Ergebenheit und echt alttürkischem Fatalismus in das Unvermeidliche fügen. Auch du» Urteil im Prvzeft gegen den früheren Marineminister Schsan Dey ist zweifellos ein Beweis für die Tatsache, daß sich daS gegenwärtige Regime gefestigt fühlt und innere Feinde nicht zu fürchten braucht. Denn, was tm Anfang als ein Korruptionsskandal Köftter Ordnung erschien, hat sich im Laufe
- Prozesses für den Unbefangenen doch wohl auch als eine innerpoli t i f che Angelegenheit dargestellt, bei der eS durchaus nich. so ohne weiteres sicher war. ob die Anklagen. die erhoben wurden, auch den Tatsachen ennprachen Das Gericht hat den ehemaligen Warineminifter zu zwei Saftrcn Gefängnis verurteilt, aber angesichts der Schwere der Anklage. die erhoben wurde — Hochverrat und Schädigung der Wehrinteressen der Türkei — scheint daS Urteil, wenn das Gericht schon auf schuÜstg etfannte, doch in einem starken Mißverhältnis zur Anklage zu stehen. Sn früheren Fällen hätte man unter den gleichen Umständen sicher ein Todesurteil erwartet Daft das nicht geschehen ist. ist angesichts der scharfen Gegnerschaft. die zweifellos zwischen Schian Betz und dem Premierminister Ssmet Pascha besteht, shmpiomatisch für die Sicherheit der gegentoär- tigen Zustände in der Türkei.
Diese Selbstgewißheit. die feil einiger Zeit fn der Türkei zu bemerken ist. ist zweifellos auch die Ursache der AuSlandreise. die der türkische Staatspräsident Mustafa Kemal antreten wird, und die ihm die sehr notwendige Kur in einigen europäischen Dadwrten ermöglichen soll Roch stärker aber alS in dieser Tatsache kommt der Wandel, der in der Türkei eingetreten ist. in der Außenpolitik zum Ausdruck. Rachdcm jahrelang ein grenzenloses, manchmal geradezu unverständliches M i ft t r a u e n das Gharakte- ristische für die türkische Außenpolitik gewesen war. scheint nunmehr doch immerhin eine Periode gemüßigten Bertrauens einzuseften. die die Türkei wieder stärker in die Reihe der Großmächte führen wird. Die Reise deS türkischen Außenministers R u s ch d j Dey nach Genf, der dort an den Arbeiten der Abrüstungskommission teilnahm, kann hierfür ebenso alS Vergleich genommen werden, wie auch daS Derhalten Ruschdi Beps in Genf selbst, wo er, nachdem er ursprünglich sehr scharf gegen die Westmächte cinacflcllt war. zuletzt sich doch völlig von Rußland emanzipierte, und mit den Weltmächten gegen die russischen Vorschläge stimmte. Das ist an der früheren Haltung der Türkei gemessen doch etwas grundsätzlich ReueS. da bisher die türkische Außenpolitik einen anderen Freund als Rußland nicht anerkennen wollte. Sa. der Gesinnungswechsel in der Türkei scheint noch weiter zu geben. Die Türkei ist offenbar sichtlich bestrebt, sich in den Völkerbund, dieses „Snftrumcnl angelsächsischer Politik tote man es früher nannte, aufnehmen zu lassen, wenn dies nur in einer Form geschieht, die es dem empfindlichen Ehrgefühl der neuen Türket gestattet, die Angelegenheit alS einen türkischen Erfolg anzusehen ____________
Mit diesem, für die praktische Politik deS Lande» ja aber wohl nicht ohne weiteres ausschlaggebenden Ereignissen ist die Umstellung der Türkei auf außenpolitischem Gebiete jedoch noch nicht erschöpft Die Reise deS türkischen AuftenministerS Ruschdi Dey nach Italien, wo er eine Zusammenkunft mit Mussolini hatte zeigt, daß die Türkei über eine blofje Beteiligung an den Geschäften der westeuropäischen Welt hinaus eine aktive Bündnis- Politik zu treiben beabsichtigt. Die türkische Presfe bewegt sich denn auch geradezu in einem BündntStaumel. Man spricht von einem groft angelegten System von Vertrügen, das die Türkei mit Italien. Italien wieder mit Polen und Rumänien, verbinden soll, und daS in seinem großen Zulammenbange diesen genannten tier Mächten b i e Vorherrschaft auf dem Balkan durch daS Mittel der politischen Einkreisung sichern «oll Die Türkei hofft angeblich, auf diese Wcise wieder eine große Rolle in der Weltpolitik spielen zu können, und manche der türkischen Blätter äußern sich geradezu enthusiastisch über die neue Periode der Außenpolitik, die für die Türkei eingefetzt habe.
Diesen im großen und ganzen doch wohl phantastischen Ansichten der türkischen Presse gegenüber ist eine gewisse Reserve am Platze. WaS jedoch nicht bestritten werden kann, ist die Tatsache. daß der Besuch RuschdiS bei Mussolini zu einer weitgehenden Annäherung zwischen der Türkei und Italien geführt hak. Em Freund- schafts- unb Sicherheitsvertrag zwischen Italien und der Türkei ist bereits abgeschlossen toorben, der nur noch einer Genehmigung durch die gesetzgebenden Körperschaften bedarf, um in Kraft zu treten. Die Stimmung Italien gegenüber ist also heute so weit umgeschlagen, daft kein Türke noch länger einen Zaszistenüberfall befürchtet. Das ist wesentlich, da bekanntlich vor zwei Jahren die Rachricht. daß Italien in Kürze bei Adalia und Smyrna landen würde, ernsthaft geglaubt wurde, unb sogar zur Mobilisation einiger türkischer Jahrgänge führte. Heute sieht die Türkei in Italien einen zuverlässigen Bun besäe n o s s e n . bet nach türkischer Ansicht außer Rußland die einzige Macht int Bereiche der Interessen der Türket ist. die unter Umstünden auch gegen England türkische Interessen zu vertreten bereit fein würde. Das mag eine Illusion sein, da man in London zweifellos anders über die Frage denkt, unb Italien wohl nicht ohne Absicht gewiße Freiheiten gestattet. solange durch die italienische Aktion der Frieden auf dem Balkan nicht gestört wird. Gerade dieser Gesichtspunkt aber dürste auch zweifellos für d.e Türkei sehr verlockend sein, weil etwas Besseres als eine gewisse Reutralisierung des englischen Ginnflusses auf dem Wege über Italien für eine Wiederannäherung der Türkei an die Weltmächte kaum denkbar ist.
Was man in Moskau allerdings zu diesen neuen türkischen Plänen sagen wird, muß man erst abwarten. Schwer genug wäre e8 für Moskau. sich in diese ihrige zu mischen, da der Kreml gegen den traditionellen Freund der Sowjet- Union. gegen Mussolini, kaum etwas unternehmen wird, solange dessen Pläne über die Herstellung eines freundschaftlichen Verhältnisses zur Türkei nicht hinausgehen werden. Hat doch zweifellos gerade auch das gute Verhältnis Italiens zu Moskau den polnischen Außenminister ver- anlaßt, sich nach Italien zu begeben. Daher wirb eS für die Moskowiter nicht ganz leicht fein, dieser neuen Intrige Englands im nahen Osten zu begegnen. Die Türkei wird daher von dieser Seite nur wenig zu fürchten haben, so daß. soweit man die Dinge bisher beurteilen kann, bie neue Richtung der türkischen Außenpolitik als durchaus glücklich angesehen werden muß. Immerhin wird es richtig fein, wenn man erst einmal abwartet, wie sich die Fäden weiter spinnen werden. Ist doch auch außenpolitisch die augenblickliche Periode, in der sich die Türkei befindet, erst ein Uebergangsstadium.
Wie wird der Nordpol bestimmt? Don Professor Dr. Adolf Marcuse, Berlin.
Der Rordpol ist der nördlichste Endpunkt unterer Erdachse, der genau um 90 Grab vorn Erdäquator absteht unb auf bem die Rotations- geschwindigkeit unseres Planeten, die am Ae- quator fast einen halben Kilometer in der Sekunde beträgt. Rull wird. Seine Aufsuchung hat allerdings in erster Linie nur ein „geographisches" und .sportliches" Interesse. Aber feine tatsächliche Feststellung, bie nur auf astronomischem Wege durch möglichst genaue Messung von Gest-rnsböhen erfolgen kann, hat auch ein allgemeines Interesse. .
5m für den Pol bie Derhaltinssc am Fimmel Car zu erkennen, muß man folgende Heber- legung anstellen: Beobachtet man vorn Po (punkt ber Erde aus das Firmament mit feiner scheinbaren. durch die wirkliche Grbdrehung (von West nach Ost) veranlaßten täglichen Umdrebung von Ost nach West, so erkennt man folgende merkwürdige Tatsachen. DaS Zenit des Beobachtungsortes. also der Punkt senkrecht über bem Beobachter am Firmament, fällt dort mit dem Himmelspol zusammen und der Horizont liegt dann alsdann am Himmelsäquator. Daher müssen sämtliche überhaupt sichtbaren Gestirne ohne stärkere Sigenbewegung. allo die Fixsterne, infolge der Erdrotation sich unaufhörlich nur in Horizon- tallrcifen am Himmel bewegen, also parallel dem Horizont, ohne Aenderung ihrer Höben.
Es gibt daher am Pol für solche Gestirne keinen Aufgang im Osten, keine Kulmination im Süden oder Horben und keinen Untergang im Westen.
Die durch Rotation der Erde alsdann nicht veränderte Höhe ber Gestirne ist dabei im Lause eines Tages stets gleich dem Abstand der Gestirne vom Aequatvr oder gleich ihrer sogenannten Deklination. Am Pol liegt eben ber Aequa- tot im Horizont, während er z.B. in Berlin entsprechend der geographischen Breite von etwa 52i o Grab um ungefähr 37i/t Grad ober um die Ergänzung von 52'/, Grad zu 90 Grab gegen den südlichen Horizont nach oben geneigt ist.
Daraus folgt als .astronomisches Kennzeichen" für den Polpunkt der Erde zweierlei. Erstens: Gestirne ohne Eigenbewegung beschreiben in unveränderter Höhe am Firmament Horizontallreise. Zweitens: für den Polpunkt stoßen alle Meridiane am Himmel zusammen und jede Richtungsbestimmung am Firmament im azimutalen Sinne
hört im allgemeinen auf. Das erste Kennzeichen des Polpunktes, also die tägsiche Bewegung der Gestirne in .konstanter Höhe über dem Horizont" kann mit Vorteil auch zur astronomischen Bestimmung jene- Endpunktes der Erdachse benutzt werden. Beobachtet man nämlich mit einem Höbentointelmcfser die Höhe eines Fixsternes zu beliebiger Rachtzeit. so darf sich dieselbe tm Verlauf von 24 Stunden, also für eine volle Erdrotation, nicht merklich ändern.
Aber solche Sternbeobachtungen können an den Erdpolen nur während der betreffenden polaren Winterzeiten ausgeführt werden, alfo in Jahreszeiten, zu denen die Sonne dort überhaupt nicht fdxint, wo vielmehr Winter und ewige Rächt für den Beobachter zusammenfallen. Zur Zeit des Polarsommers baaegen, also für den Rordpol von Ende März biS Ende September. scheint stets die Sonne über dem Horizont. Der Sommer ist dort ein ewiger Tag. an dem die Sterne am Firmament verblassen, und nur Sonne und Mond, gelegentlich vielleicht auch ein heller Planet sichtbar sind. AlSdann liegt die Sache in solchem Polarsommer deS betreffenden Pols, wo bei stets sichtbarer Sonne ausschließlich der Zugang zu Tnefer SiSwüste möglich ist. etwas anders.
Die Richtung dorthin findet man, da in hohen nördlichen oder südlichen Breiten der Magnetkompaß fast vollständig versagt, mit dem sogenannten .Sonnenkvmpah", der in diesem Falle sehr vorteilhaft sogar die Stelle eines Kreilel- kvmpasies vertreten kann. Aber den genauen Polpunkt selbst mit seiner geographischen Breite von 90 Grad 0 Bogenininuten muß man stets auS fortlaufenden Höhenmessungen der Sonne ermitteln. Unser Tagesgestirn ändert auch am Pol fortwährend seine Höhe über dem Horizont, da in Wirklichkeit die Erde, also das Observatorium. von dem aus wir die Sonne betrachten, bei ihrer Dahnbewegung auf der Ekliptik um das Zentralgestirn ihre Lage gegen den Himmels- äquator im Raume verschiebt. Daher muß bei jeder astronomischen Höhenmessung der 6orme auch am Pol zur Dreiwnbeftimmung ihre jeweilige Position nach dem betreffenden 'Abstande der Sonne vorn Himmelsäquator oder nach ber Deklination im astronomischen Jahrbuch in Rechnung gestellt werden.
Wie sieht es nun aber, besonders vom Flugzeug oder vom Luftschiff, über dem Pol mit der wirklichen Praxis aus? Die Höhenmesiungen der Sonne mit bem bisher gebräuchlichen Dal- lonsextanten. der einen künstlichen Horizont trägt
Oesterreich.
Von Urne KrauS»Dicn.
IP).
Dre hero.'che Geste ist dem Oeftcrreufrcr. namentlich dem Wiener, nie recht gelegen. In der politischen Phraseologie d'.efe» Vanbei haben sich Worte wie: Durchs Viel 'Feind, viel Ehr!. Und wenn btc Welt voll Teufel wär ! . . niemals eingebürgert. Sv ist auch daS Heldentum des OesterreicherS von heute ein völlig unheroisches, ein sehr bürgerliches Heldentum. Es ist so gar nicht pompös, daß man leinen Träger gern ber Schlappheit verdächtigt Und dabei gar nicht weiß, w ieviel Mut und Ausdauer der tägliche Kleinkrieg erfordert, den er durchzutämpsen hat
Am Anfang war die Zerreißung eine» ineftr ober weniger homogenen Wirtschaftsgebietes. Der politifche Größenwahn der Nachfolgestaaten wirkte sich auch in ihrem eifervollen Bestreben nach wirtschastlicher Autarkie auS. Und da die natürlichen Vorbedingungen für das Gedeihen der neuen Wirtschafts- unb Industriezweige, die fieberhaft inS Leben gerufen wurden, nicht gegeben waren, mußte em Softem von Hochfchutz- zöllen vor allem gegen die traditionelle österreichische Einfuhr künstlichen Schutz gewährleisten. Aachdem zehn Jahre Rachkriegszeit erwiesen haben, daß alles Gerede von mitteleuropäischer Union auf dem Gebiete der ehemaligen Monarchie immer wieder nur dem Versuch Vorschub leisten soll, den grvftdeutschen Zusammenschluß zu verhindern, und daß von toirt* schasilichem Entgegenkommen, mit dem argumentiert wird, tatsächlich nichts zu spüren ist, geht nun auch Oesterreich daran, fein Handelsver- tragsfystem im Sinne eines Schutzes des Binnenmarktes zu revidier-n. Zum geringeren Teil sind diese neuen Handelsverträge bereits abgeschlossen. Die Revision der Abkommen mit den meisten m Betracht kommenden Staaten befindet sich erst im Stadium der Verhandlungen. Polen blieb eS Vorbehalten, diese Verhandlungen durch die Ent- feffelung eines regelrechten Zollkrieges von Haus aus zu gefährden. Auch mit Jugoslawien unb Ungarn ziemen sich die Verhandlungen mühselig genug hin obwohl namentlich mit Ungarn die politischen Beziehungen durchaus freundschaftlich sind und obwohl von dieser Seite nicht der Versuch gemacht wird, für wirtschaftliche Abkommen politische Konzessionen zu verlangen, wie manche andere Staaten es sich dem machtlosen Oesterreich gegenüber zur lieben Gewohnheit gemacht haben.
Hier liegen die Schwierigkeiten vielmehr in der Frage der landwirtschaftlichenEin- fuhr. Sowohl Jugoslawien als auch ganz besonders Ungarn sind auf den Qlbfaft ihrer Agrar- Produkte angewiesen. Dagegen ist der Schutz der heimischen Landwirtschaft eine Lebensnotwendigkeit für Oesterreich, die erfreulicherweise in den letzten Jahren durchaus verstanden wird Tatsächlich ist die Lage der österreichischen Landwirte im Vergleich zur Rot der reichsdeutschen Agrarier noch immer als recht günstig zu bezeichnen. obwohl die österreichische Landwirtschaft so gut wie gar keine nennenswerten Ausland- frebite zur Verfügung hat. Ein Gutes hat biefer Kreditmangel allerdings doch: daß er vor ber ilcberbelaftung mit unerträglich hohen Zinsen schützt, an denen die Landwirtschaft im Reiche so schwer leidet. Erfreulicherweife ist es auch gelungen, die landwirtschaftliche Produktion während der letzten Jahre quantitativ und qualitativ außerordentlich zu steigern. Die letzte Lösung des österreichischen AgrarproblernS liegt freilich in ber Zollunion mit bem Reiche. Die bäuerliche Probuktion ber beiden deutschen Staaten ergänzt einander in durchaus sinnvoller Weise. Ihr reger Güteraustausch wird sich in vollendeter wirtschaftlicher Harmonie vollziehen.
•) Dgl. Ar. 130 des G. A. vom 5. Juni.
Uebeckaupt macht ber AngleichungS- prozeß in allen 3trvl(frn der österreichischen W rsichaft erfreuliche Fortschritte. Die elektrische Industrie ist noHÜänbig .angeschlossen". Sie ist übrigen» einer brr wenigen Industriezweige, besten Beschäftigungsgrad zufriedenstellend ist. Die Schwerindustrie ist mit ber reichsdeutschen durch tauknbfältiac Bande verknüpft. Entscheidend ist aber die Tatsache, daß ber HairdelSvcr- kehr mit bem Deutschen Reich von Jahr zu Jahr sich steigert, während die Handelsbeziehungen mit bem sogenannten .Reuauslanb" immer mehr zu wünschen übrig lassen.
Die Wirtschatt geht eben ifrrt eigenen Wege und zeigt das natürliche Bestreben, politische Diktate via facti zu überwinden TatfäO'ch vvllzi^t sich der Anschluß in der Wirtschaft mit logischer Zwangsläufigkeit. Allgemein ist bie Erkenntnis unterer wirtschaftlichen Zusammengehörigkeit. die die nationale SchicksalSverbunden- hc-.t ergänzt. Die Besorgnis mancher deutscher Wtrtschaftskreise. Oesterreich würbe ewig ein Zufchußgebiet bleiben, dessen .Kolonll.erung" immer wieder Geld kostet, betrachtet man in Oesterreich als geschwunden. Diese Besorgnis ist übrigens niemals berechtigt gewesen. "Reichsdeutsche Initiative, reich»deutsches Snvestitions- tapitel und der große deutsche Binnenmarkt würden die natürlichen Strafte Oesterreichs so fehl zur Entfaltung bringen, daß von Zuschüssen und Opfern welcher Art immer keine Re>: wäre
Jenseits aller ökonomischen Erwägungen führt ber Anschlußgedanke zur natürlichen Erfüllung deS österreichischen Schicksals. AlS Schicksalsfrage und nicht als Polisikum wird ber Anschluß auch von ber österreichischen Bevölkerung einheitlich ausgefaßt. Falsch wäre eS. anzunehmen. daß diese ober jene Partei, dieser ober jener politische KreiS sich gegen den Anschluß stemmen wollten. Am allerunrichtigsten ist eS. Bundeskanzler Dr. Seipel derartige Intentionen unterzuschieben. Dr. Seipel versteht die tieferen Ges<che. die den Ablauf der Geschichte bestimmen, viel zu genau, alS daß er sich gegen Großdeutschland wenden wollte. Er betrachtet es freilich alS seine ureigene Mission, Oesterreich solange alS selbständigen Staat am Leben zu erhalten. alS diese .Selbständigkeit" unS noch von außen her aufgezwungen wird. Der Bundeskanzler will es vor allem vermeiden, daß Oesterreich wie der verlorene Sohn, arm unb nackt unb bloß heimkehrt inS Vaterhaus. E i n gleichberechtigter und gleichwertiger deutscher Volks stamm soll sich mit den anderen vereinen. AuS diesem Grund ist es auch begrüßenswert, daß Oesterreich international das Bestreben zeigt, aus der Rolle des AlmosenempfängerS herauszukommen, die die Verhältnisse der ersten Rachkriegsjahre dem Staat ausgenötigt haben. Die Erhaltung ber Lebensfähigkeit Oesterreichs, die Dr. Seipel sich zum Ziel gesetzt hat. und die Fortführung der Anschluß- und Angleichungsarbeiten sind nicht Gegensätze, sondern konsequente Durchführung desselben großen nationalen Gedankens. Allerdings muß man sich klar darüber fern, daß es in der Politik auf das Ziel manchmal nicht viel mehr anfommt als auf den Rhythmus, in bem man eS verfolgt. Trägheit deS Herzens ist nicht minder schwere Gefahr als stürmischer Tom - peramentsauSbruch Verbieten uns bie Friedens- vertrüge das eine Hebel, soll daS Gewissen ber gesamten deutschen Oefsentlichkeit das andere unmöglich machen.
DieWilhelmShöherSchloßmöbel
Ein BcleidigungSProzeß in Kassel.
Vor dem Erweiterten Schöffengericht in Kassel begann unter bem Vorsitz des Landgerichtsbirektors Dachmann ber Beleidigungs- Prozeß gegen den Reg i erungS r a t a. D. Karbe, ber ber Deleidiguirg von Mitgliedern der Regierung beschuldigt wird. Karbe war Mit- glicb der Regierung in Kastel unb hatte im Winter 1920 als Domäneiiberjemat daS Gesuch des
werden nur etwa auf ein Zehntel Grab ober sechs Bogenminuten gleich nmb zehn Kilometer genau sein können. Sollten biete Höheiunessungen aber, was sehr wahrscheinlich ist, mit einem Epiegelsextanten, wie auf bem Seeschiff, ausgeführt werden, wobei die Eisfläche auf bem Meere unter Berücksichtigung der Höhe des Luftfahrzeugs über ber Erdoberfläche alS natürlicher Horizont benutzt würde, so ließe sich eine Genauigkeit von etwa ein Zwanzigstel Grad ober rund fünf Kilometern erzielen.
Auf alle Fälle wird also ber Rordpol vom Flugzeug ober Luftschiff aus nicht etwa alS ein streng definierter Punkt zu ermitteln sein. Seine Bestimmung kann immer nur in Form einer Kreisfläche mit 2,5 bjto. 5 Kilometer Radius. innerhalb welcher der wirlliche Pol liegt, möglich sein. — Daher müßte ein Lustfahr- zeug, um tatsächlich den Pol zu überfliegen, den vom Beobachter bestimmten astronomischen Punkt in einem solchen Kreise umfliegen. Dann erst kann man sicher sein, den wirklichen Erd- pol überflogen zu haben.
„Kerne" - ein Film.
Lichtspielhaus Bahnhofstratze.
Seit gestern läuft im Lichtspielhaus der von Richard Oswald nach bem Roman ber Dicky Baum inszenierte, siebenaktige Großsilm .Feme". Der Film beftanbelt, wie das Buch, in freier Form die Ereignisse, die im Zusammenhang mit ber Ermordung eines sehr bekannten Ministers wenige Jahre nach bem Kriege ganz Deutschland in Aufregung unb schwere Erschütterungen versetzten.
Der Roman gliedert sich klar in drei große Abschnitte, von denen die beiden ersten, welche bie Tat samt ihren Vorbereitungen und Folgen, sowie die Flucht unb Verfolgung deS Mörders schildern, ausgezeichnet gelungen sind: während der Schluß teil, in bem Destv^en, bie Handlung mit ber Läuterung, Reue und inneren Umkehr des .Helden" ausklingen zu lasten, bie starke unb straffe Linie der ersten Abschnitte versiert unb kein giauknoürdiges und befriedigendes Ende ftnbet
Der Film folgt im Allgemeinen dem Buch: auch hier sind bie drei großen Abschnitte klar erkennbar. Doch kommt der Mm — unb dies ist fein bestes Verdienst — über den Roman hinaus, indem er einen abweichenden Schluß gibt
Die Begegnung des TäterS Joachim Burthe mit bem intellektuellen Urheber der Tal, AstaniuS. wirb vorverlegt: die Gegenüberstellung '5ur- theS mit ber greifen Mutter des Ministers, bie im Buche fehlt, bildet eine starke Bereicherung, unb die einzig mögliche Folge jener Besinnung und inneren Umkehr des Mörders ist ber Entschluß, seinem fehlgeleiteten und verfehlten Leben selbst ein Ende zu bereiten — so tote ber Film es abschließend anbeutet.
Die Schwächen des Films liegen zunächst in verschiedenen schweren Fehlbesetzungen: vor allem ist die junge und rührende Grete MoSheim unmöglich in ber markanten Rolle von BurtheS Schwester, die bet Film biS m Einzelheiten getreu aus bem Roman übernimmt. Aiuh ist die ganze Familie deS Täters zu kleinbürgerlich auf» gefaßt: unb bie Figuren ber Untermieter]amilie sind einigermaßen verzeichnet.
lieberbaubt ist ber Film im ersten Teil nur stellenweise dem Buch ebenbürtig; vieles ist zu locker und unübersichtlich aneinandergereiht: weder die ganze Atmosphäre der Zeit (Sie der Roman glänzend erfaßt), noch bie teilweise komplizierten Zusammenhänge ber Handlung werden in ber Bilberfolge vollkommen gestaltet. Eine bebeutenbe unb dem Buch durchaus ebenbürtige Linie erreicht hingegen ber Mittelteil des Films, ber die aufregende und zermürbende Flucht deS jungen Burthe schildert Hier hat ber Regisseur bie ihm zu Gebote stehenden natürlichen Mitte! bes Films vorzüglich ausgenutzt. Auch bie Einzelphvtvgraphie unb die technische Durchbildung ber Aufnahmen steht auf bemerkenswerter Höhe, ist von Geschmack diktiert und bringt gute, eindringliche Wirkungen heraus. (Rur die Schrift ber Zwischentitel, klobig und schlecht stilisiert, hätte man durch eine sachlichere Typographie ersetzen sollen.)
Die Darstellung ist — von den verschiedenen Fehlbesetzungen abgesehen — im ganzen durchaus befriedigend. Die Figur im Mittelpunkt, den jungen Verschwörer und Mörder Joachim Burthe, spielt Hans Stüwe stark, unpathetisch unb glaubwürdig. Sehr abgerundete Gestaltungen bieten daneben Rudolf Forster (AS- kaniuS), Friedrich Kahtzler Hem und durchgeistigt als Minister), die Sa nbrock (Mutter), Goetzke (Prvf. Lenz berg) und einige andere.
Der Film als Ganzes ist, trotz manchen (Sin* wänden, künstlerisch unb Handlung?mäßig interessant unb außerdem vvlkserzrehertsch wertvoll genug, daß man ihm ein zahlreiches Publikum wünschen bars, -r* ,


