Donnerstag. 6. Dezember 1928
Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Nr. 287 Drittes Blatt
di« De
Nachdruck verboten.
14. Fortsetzung.
„Wozu?" kam es
Oberhessen und der Landeseisenbahnrat.
„QSoter, warum hast du mir den Ernst der Lage verheimlicht? — Warum hast du mir keinen Ern- bfid in die Sache gewährt?"
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ren, wenn
„Die gnädige Frau ift ausgefahren," gab der Diener Bescheid. „2dj werde dem Herrn Baron sofort beim ilmlleiden behilflich sein."
Oskars Hände zitterten, als er Joachim in Frack und Weste half. — Wein Golt, was mochte es da geben oder gegeben haben, daß der junge Herr wie ein Leichnam vor dem hohen Spiegel stand und mit kälte starren Fingern die weihe Krawatte zu knüpfen versuchte.
(Fortsetzung folgt.) \
ist nur mit Genehmigung des Polizeiamts gestattet. t
ct.afenh-mdem ist der Gebrauch mechanischer Wittel, wie Glocken Hupen, sowie las marktschrei rische Ausrufen ihrer Waren, um d.e Ausmer.famtett auf sich zu kn.cn, verboten.
Diese Vorschriften gelten entspreHe.d auch für das 2ln5le.cn grwerb iher L.i'tungen Ln ambu- Icm.cn Verkehr.
Zuwid. rhanolungen gegen diese Verordnung werden mit Geldstrafen bis zu 153 2RL bestraft, die im Falle der Uneinbringlichkeit in Haft umgewandrlt werden.
gleitet. „Es wäre ------- e---- . .
du davon gewußt hättest." Ein rascher Setten-
Handel auf einem Privatgrundstück in der Weise ausgeübt werden soll, daß der öffent.iche Verkehr dadurch berührt wird. Straßenhänd er, denen keine Standerlaubnis erteilt ist. dürfen den Handel nur im ambulanten De rtehr ausüben.
Der Strahenhandel ist verbotene im Selt:rswcg. auf drm Kceuzplah, War.tpla.), in der Marckftraße. Schul.rase. W.-usburg, au er- dem an Straße, ecken in einer Ent.ernung von weniger als 10 Weter bis zur nächsten Straßenkreuzung. .
Las gewerbsmäßige Photographre . ren auf öf entltchen Straßen und Plätzen |
Mein Gott, es wird mir schon was einfalln." Er machte eine komisch tiefe Vernergung. freit mich unguter. Herr Baron, und ehrt mich Wer die Wahn, dah S' meine Schwester wolln, Wer — leider — leider — ine Wizzerl, bte is schon vergeb n."
Sie hing sich an feinen Hals unfi ärpte rpn überströmend. „Geld — Möbel — Wasche! Alles ' ^Er^lteh den Kopf weit aus die Brust herab- sinken. „Mir bleibt nix als das nackte Leben.
Wieder schloh chm ein Kuh den Mund.
Mit taufend Glücksträunren nahm Maria von ihrem Bruder 2lbschied bis zum 2tbeni>, denn bte Fabrik, in der er seine Lederwaren erzeugte, lag außerhalb der Stadt, während chr eigentliches Heim sich in der Mariahilferstrahe b^and-
Wit einem Lächeln um dm Mund sah -Kupt* Hosen der schönen Schwester nach.
„Vater!" schrie ter Gequälte aus. Hinter ihm fiel der schwere Stuhl zu Boden. „Sprich sv etwas nicht wieder!" stammelte er undeutlich.
„3a, nicht wahr, das flingt gar nicht hübsch! — Wir leben in Gütergemeinschast, die Mama und ich. Fällt mein Vermögen, fällt auch das rhre. Begreifst du? — Es bleibt ihr womöglich nicht eine Stube, in die sie sich verkriechen kann. Merk dir aber: ehe ich zugebe, dah sie hungert, oder an der Verzweiflung zugrunde geht, setze ich uns beiden den Revolver an die Schläfen. Du kannst dich weiter amüsieren, wenn dir'Ä Vergnügen macht."
Joachim hielt die rechte Hand in der Tasche vetckrallt. „Soll es heute noch sein, dah ich mich! um Maria Richchosen bewerbe?"
„Was sonst? Vier bis sechs Wochen Verlobungszeit — so lange halten wir uns noch über Wasser. Dann sofortige Trauung. Das Vermögen deiner Frau wird sichergestellt. — Schau nicht darein wie einer, den sie zum Schafott bringen. Du liebst sie doch! Du begehst doch keinen Meineid, wenn du ihr am QHtare Treue schwörst."
Joachims Gesicht stand in gelbfahlem Wech. „Und wenn sie „Vein!" sagt?"
Der Baron würdigte ihn keiner Antwort mehr. Ohne ihn weiter zu beachten, lieh er sich an fernem Schreibtisch nieder.
Er hörte, wie hinter ihm die Mesfingringe. an welchen die rotsamtenen Portieren befestigt waren, aneinanderklangen. Dann schnappte die Tür nach dem Flur mit kifem Knacken ein.
Mit einem befriedigten Aus atmen wandte der Bankier den Kopf zurück.
2ün 3osephskai (tauten sich die Menschen. Es wurden ihrer binnen ganz kurzer Zeit so tnete, dah die Wagen zum Langsamfahren und zuletzt zum Stoppen gezwimgen waren.
Der lange Straßenzug war rm 2lu ooLlig verstopft. Es schien, als wäre man in eine Sack- nasse geraten. Dabei gebärdete sich alles terart und voll unbestlmmter Hast, daß man sich in die ersten Tage der Mobilmachung des grohen Welttrteges verseht glaubte.
Worte fielen, die wie Drohung klangen. „Eine Villa hat er, der Schwindler, und sein Herr Sohn einen Vennwagen!'
„Seiner Frau hängt er Brillanten an Hals als wie aner Erzherzogin!"
„Mir wern chm schon helfnl — W^m er net das letzte Krandl rauszahlt, bann spieß ma n!
Lach« Naimr»!
Vornan von 3- Schneider-Koerstl.
Urbeberrechtsschutz Oskar Meister, Werdau i. Sa.
Verlorengegangene Menschen
Abeu eurer, Defraudanten, jugendliche Ausreißer. — Wie die Vermißten gesucht werden.
Von Siegfried Ascher.
Klavier- und Melodramen-Abend Blast. Zugunsten der Gießener Stubentenhilse sand am Dienstag abend in der Heuen Aula der Universität ein Klavier- und Rezita- tio ns-Abend statt. Es war sehr schade, dah die Veranstaltung sv schlecht besucht war, einmal im Hinblick auf den guten Zweck und andererseits auch hinsichtlich des Gebotenen, daS sich in jeder Weise auf einem künstlerisch hoch zu wertendem Viveau hielt.
Die Vvrtragsfolge wurde mit Schumanns symphonischen Stucken op. 13 für Klavier, jenem großzügigen und schwungvollen Werk eröffnet. daS der Meister nach seiner Verlobung mit (Srneftine v. Fricken nach einem Thema ihres Pflegevaters schrieb. Else Blah-Dau- s ch e n b u s ch (Berlin) zeigte sich als eine feinfühlige und gewissenhafte Interpretin Schumann- scher Leidenschaft, wobei eine nie oerfagenbe, immer klare Finger» und Anschlagstechnik ihr jede gewollte Farbgebung ermöglichte. So wurde das Werk unter ihren Händen zu einem geschlossenen Ganzen und konnte auf den Hörer eine tiefe und überzeugende Wirkurrg nicht verfehlen.
Dr. Leonhard Bläh (Berlin) machte sodann den Hörern an einigen Beispielen das Ringen der heutigen Dichtung um das Problem der Wiedererweckung der Antike deutlich. Insofern war dieser Hauptteil des Programms interessant, als im heutigen Geistesleben Strömungen vorhanden finb, der Antike wieder eine zentrale Stellung im Dildungswesen zu geben. Ihren literarischen Viederschlag finben diese Bestrebungen in der von Prof. Werner Jager (Berlin) herausgegebenen Zeitschrift „Die Antike". — Zuerst hörten wir ein attisches Sonett von Th. Däubler, dann zwei Gedichte auf attische Grabdenkmäler von Erika Spann-Reinsch, deren zweites auf einen stürmenden Krieger eindringlich den rastlosen Tatendrang erleben läßt, der selbst nach dem Tode im Hades nicht erlischt und sich ewig fortsetzt. Eine schöne, sarbenglühende Sprache spricht Josef Ponten in seinem Buch „Griechische Landschaften", von dem ein Ausschnitt, Eindrücke von der Akropolis in anschaulicher Weise zum Vortrag kam. Josef Winklers „Irrgarten Gottes" behandelt das Erlösungsproblem. Prometheus sucht durch die Tat die Menschheit zu vervollkommnen, wird für diese Tat bestraft und beklagt seine Leiden. Christus dagegen versucht durch Duldung freiwillig übernommener Leiden -en Menschen zu helfen. Auf der einen Seite der Repräsentant christlichen Wärtyrer- tuals, auf der anderen der Typus des heidnisch-
Zur beratenden Mitwirkung in Angelegenheiten des Eisenbahnverkehrs und der Tarife der deutschen Eisenbahnen sind tm Jahre 1922 Landes-Eisenbahn rate in vermiedenen Leiten des Reiches und ein Reichs-Eisenbahnrat errichtet worden. Hessen ist dem Bezirk Frankfurt am Main zugeteilt worden lder außerdem Braunschweig, sowie Leite von Preußen und Baden umfaßt), und wird vertreten von vier von der Regierung ernannten, vier von den Industrie- und Handelskammern gewählten und drei von der Landwirtschastslammer bezeichneten Mitgliedern. Außerdem sind die Gewerkschaften mit 13 Mitgliedern aus dem gesamten Bezirk des Landcseisenbahnrats Frankfurt vertre en. . Die Gesamtzahl desselben beträgt 52. Für jedes Mitglied wird noch ein Stellvertreter bestimmt. Die V e u w a h 1 soll demnächst für die Zeit vom l.Saiuiar 1929 bis 31. Januar 1931 vorgenommen werden. Die Wahl zum Reichseuen- bahnrat erfolgt durch die Landesersenbahn rate und durch den ReichswirtschastSrat. Hessen war bisher mit einem Mitglied aus Darmstadt un 2t. E. R. vertreten. Dte Bestimmung der von den Industrie- und Handelslammern zu wählenden vier Mitglieder hat von Anfang an ge- wisse Schwierigkeiten gemacht, well sieöen Industrie- und Handelskammern in Betracht tarnen, die jede für sich Anspruch auf Vertretung machten. 2luf Grund der D. V. über Beiräte für die Deutsche Reichsbahn vom 4. April 1922 bestimmte die Regierung die I n d u st r i e - und Handelskammern, aus deren Dezi.k je em Mit Med und ein Stellvertreter zu wählen war. Beim vorigen Wahltermin, im Jahre 1925. hatten dte Industrie- und Handelslammern Mainz, Worms, Darmstadt und Offenbach je ein orbente licheS Mitglied zu bezeichnen, während Oberhesse n mck den Industrie- und Handelskammern Gießen und Friedberg leer ausging. Dafür hatte man dann einen gewissen Ausgleich geschaffen, Intern von den vier von der Regierung zu ernennenden Mitgliedern je eines auf Mainz, Darmstadt, Offenbach und B a d - V a u - heim entfielen. Das Mitglred in Dad-Vauheun, Votar Stahl, vertrat nebenher als Syndckus die Interessen der Industrie- und Handelskammer Friedberg. Wit dieser Regellrng konnte sich indes Oberhessen nicht einverstanden erklären, da namentlich Gießen als Eisenbahnknotenpunkt wichtige Interessen im L. E. R. zu vertreten hat. Der 2Hmifter_ für Arbeit und Wirtschaft hat nun, wie wir hören,
Selbstverständlich kann die ungeheure Arbett. die die .Zentralstellc für Vemmßte und unbekannte Tote" zu bewältigen hat, nur dadurch auÄ* geführt werden, daß eine straffe Organisation die Zusammenarbeit aller zuständigen Stellen ermöglicht. Jede Provinz besitzt gewissermaßen eine Filiale dieser Zentralstelle und alle Fälle, die nicht in bet Stadt, in der die Vermißten an- gemeldet wurden, aufgeklärt worden sind, werden der Zentrate nach Berlin gemeldet. Ebenso werden die Leichen, die in ganz Deutschland gesunden, aber nicht identifiziert werden können, photographiert, und die Bilder werden nach Berlin geschickt.
Fast alle jugendlichen Abenteurer, die aus ihren Wildwestromanen genüg nd Wrltkenn'nis gesammelt zu haben glauben, tonunm nach Berlin, während eie Berliner Ausreißer ost nach den Hafenstädten streben, um weite Seereisen zu machen. Wichtige Fingerzeige gibt dm Beamten der Fragebogen, b:n die Angehörigen eines Vermißten aussüllm müssen. Vach Tag und Stunde des Verschwindens, nach dm mutmaß- l'.chen Gründen — etwa Famll enzwisttgkeiten — wird geforscht, auch nach dem Lebenswandel drS Verschwundenen. Wenn dann diese Angaben gemacht sind, wird der Verwallungsapparat in Bewegung gesetzt: bi? Polize reviere werden benachrichtigt. de Behörden verständigt, die von der Polizei festgestclltm Leute werdm gemustert, ob sich unter ihnen der Gesuchte befindet, und sogar in den Krankenhäusern wird nachgesvrscht, ob vielleicht der Vermißte dort eingeliefert worden ist.
den Wünschen Oberhessens Rechnung getragen, mb em er ungeordnet hat, daß die Industrie- und Handelskammer Gießen ein Mtt- glieb in Vorschlag bringen soll, so daß die Provinz Oberhessen, sofern bas bisherige Mllglied in Dad-Vauheim von der Regierung wieder ernannt wird, barm mit zwei Mitgliedern im L. E. R. vertreten sein wird. Auch auf bie Provinz Starkenburg würden weiterhin ein von der Industrie- und Handelskammer Darmstadt zu wählendes dnb zwei (aus Darmstadt und Offenbach) von der Regierung zu ernennende Mitglieder entfallen. Aus Rheinhessen würden zwei von den Industrie- und Handelskammern Mainz und Worms und ein von der Regierung zu bestimmendes Mitglied kommen. Die Stellvertretungen werden auf nichtvertretene wichtige Orte verteilt.
Der Siraßenhandelin Gießen
In einer neuen Polizeiverordnung, dte nach Anh rang d r Stad v r:rdnete.v r ammUng Die Genehmigung des Ministers des Innern und des Ministers für Arbeit und Wirtschaft gefunden bat und die vom Poli.eiamt G.e;rn durch V:r- öf entlichung im Amtsverlündi.ungsblatt noch in dieser Woche in Kraft gefetzt wird werden über den Strahenhandel in der Stadt Gießen folge'.de Desti.nmungen getro'fm:
Straßenhändlern ist das Einnehmen eines festen Standortes nur auf Grund einer Standerlaubnis geftat et. die von der Bürgermeisterei im Benennen mit dem Polizeiamt erteüt wird. Eine vom Po'izeiamt zu crtcitente Standerlaubnis ist auch erforderlich, wenn der
Fingerz.i^e geben. Bezeichnend für einen solchen Fall war ein Vater, der vor ein ,x Zeit bei mir erschien, um das Derschwi d,n .emes Sohnes anzuzeigen. 2et Mann war test davon |
überzeugt, daß der Verschwundene einem Verbrechen zum Opfer gi allen fein mü.fe. denn bte,er war in seinen Augen das beste und tugendhafteste Kind der Welt. Hatte sich doch der vermißte junge Mann eines äußerst soliden Lebenswandels beflsißigt: nie war er ohne seinen Vater aus- geganpen. und von seinem monat ichen Taschengeld, das 30 Mark betrug, hatte er noch Er- sparr.i je g-macht. Cinc Unter, udjunj ergab, daß er bei der Firma, dte ihn beschäftigte. 5000 Mark unterschlagen hat e, und die polizeilichen Feststellungen ergaben, dah brr Tugendbold unter eurer Postlager ad res,e einen lebha ten Briefwechsel mit jungen Damen unterhalten hatte. Das Auffinden seiner K.cidunz, die man in brr Vähe von Berlin wohlverpackt en-tedle. bestärkte mich in meinen Vermutungen j wirklich erhielt der Vater nach einigen Wochen eine unfrankierte Postkarte seines hoffnungsvollen Sprößllngs. in der dieser ihm mitteilte, daß er nunmehr d e von ihm begangene Unt -rsch'agrnz bereue und daher zum Vater zurücktehren wolle."
„Merkwürdig ist es, dah nur ein geringer Prozentsatz von den Vermißten, die lange Abschteds- briefe und sogar Testamente hinterlassen, den Vorsatz tottllich ausführt und Selbstmord verübt. So hatte vor einiger Zeck ein solcher Selbstmord- kandidat ein Schreiben an unS_ gerichtet, in dem er über seine ganze Habe verfügte, und uns gewissermaßen zum Testamentsvollstrecker ernannte. Vach vier Tagen rief d eser „lebende Leichnam" angstbebend bei uns an, und zwar hocherfreut, als wir ihm versicherten, daß wir seinen letzten Willen noch nicht erfüllt batten. Auch über eine gewisse „Stammkundschaft * verfügen wir, nach der wir mehrmals im Jahr forschen müssen, den unbestrittenen Rekord hat jener Knabe inne, der bisher 56mal als vermißt bei uns gemeldet worden ist. Es gibt auch Kinder, die sich durch keinerlei Mittel, weder durch Zureden, noch durch Zwang, dazu bringen lassen, im Elternhaus zu bleiben; erst vor einiger Zeck erklärte mir ein Veunzehn- jähriger aus bester Familie. den ich auf seinen Jrrf ichrten ermittelt hatte, mit unbedingter Sicherheit: Geben Sie sich keine Mühe mit mir, die Kaschemmenluft behagt mir besser als die Atmosphäre meines wohlbehüteten Elternhauses.
.In schwierigen Fällen ziehen wir die Presse und den Rundfunk zur Mitarbeit heran, ich pflege dies jedoch nur dann zu tun, wenn es sich um Kinder, Greise oder geistesschwache Personen handelt Man kann nämlich mit der Heranziehung der Oesseiitllchkeit vieles verderben. So mancher, der einen unüberlegten Schritt bereut, wagt nicht mtzhr nach Haus zurückzukehren, wenn sein Verschwinden in der Oessentlichkett bekanntgeworden ist. Es trifft übrigens nicht zu, t>afj der größte Seil der als vermißt Gemeldeten einem Verbrechen zum Opfer gefallen ist oder Selbstmord verübt hat. Von 5000 Vermißten wurde nur einer ermordet; ein geringer Prozentsatz verübte Selbstmord oder fiel einem Unglücksfall zum Opfer, der größte Steil aber konnte ermittelt und seinen Angehörigen wieder zugeführt werden."
blick streifte den Sohn. „Joachim, ich habe bis heute nichts von dir verlangt, als Respekt vor mir, als deinem > Erzeuger, und Ehrfurcht und Liebe für die Frau, die dich geboren hall — Vun habe ich einen Wunsch, den du mir erfüllen sollst."
„Ja, Vater! — Du brauchst nur zu befehlen." „Wie es zur Zett um uns steht, weißt du!" Ein Ricken.
..Du liebst Maria Lichthöfen?" —
Ein verräterisches Lot tief Ioachinis hohe, scharf gemeißelte Stirne hinauf.
„Vun," forschte der Bankier ungeduldig.
„Ja, Vater! — Ich liebe sie!" kam es mit Uebertoinbung.
„Dann ist ja alles gut!“ Der alte Baron schöpfte befreiend Atem. „Die Lichthofens sind zur Zeit die geldkrästtgste Familie Wiens. Daß es nur Bruder und Schwester ist, erleichtert die Sache. Du wirst dich um die junge Dame bewerben, erhältst ihr Jawort, machst sie zu deinen Frau! — Ihr Vermögen flieht mit dem unseren zusammen! Wir sind wieder saniert und die ganze mißliche Affäre ist erlangt."
Joachim hatte das Gefühl, als hätte sich aus der Luft herab ein Koloß von Zentnerschwere auf feine Schullern gesenkt, der ihn zu Boden zwang. „Erlaube, daß ich mich fefce,“ sagte er tonlos und faßte nach der Lehne eines Stuhles.
Dec Bankier lachte verächtlich auf. „Das sähe dir ähnlich, dah du ein „Vein" für deinen Vater hast."
„Ich würde keine Sekunde zögern, — wenn uh sie nicht liebte!"
„Wenn du sie nicht liebte ft," kam es erste, „würde ich ein derartiges Verlangen gar techt an dich gestellt haben. — Ich würde eher alles über mir zusammenbrschen lassen, als meinen einzigen Sohn in eine unglückliche Ehe zwangen.
„Wenn ich chr gestehe, dah ich chr Geld will, wird sie mich abweisen."
„Varr!" Der Bankier ballte die Faust vor Joachims Augen und lleh sie dann hilflos wieder sinken. „Mtt dir ist nicht zu rechten. Diesen Ein- druck habe ich von dir schon feil Wochen. Geh also und laß deine Mutter, die dir tote eme Sklavin zu Füheii liegt, Selbstmord begehen "
Täglich verschwinden in allen größeren beutUen Städten zahw.i-te P r onen jei.es Alters, nach deren Verb eio i.n Berliner Polizeipräsidium aeforicht w rd. iln e Xi.* arbeitet hatte Gelegenheit, Leiter der Berliner „Zentralstelle für Vermiet- und un» belangte Tote über Bedeutung und Umfang dieser er chreckenden Er.cheinnng ausführlich zu befragen.
Wie Figuren aus Slrindbergschen Dramen muten den unbeteiligten Beobachter die Leute an. die im Laufe eines TageS in der „Zentralstelle für Vermißte und un.e.annte Tote", einer Abteilung des Ber.iner Poli',eipräsll>inms, zusam- menftrömen. Obwohl die Beamten dieser Stelle in ihrem (Beruf keineswegs w ichherzig fein ü en, werden sie doch von der ungeheuren Fülle des Jammers bedrückt, den fte täglich sehen und hören müssen. Verzwei ecke Mü ter. bcuimnierte Väter und bestürmte Ehegatten, das ist daS Publikum. das die Zentralstelle aufsucht, und so verschieden auch die Erzählungen und Angaben alter Besucher sein mögen, eins haben sie alle gemeinsam:' die Hofsnung. daß eS der Polizei gelingen werde, das vermi t? Fami ienmttgllll) gesund wiederaufzu i/iiten. Es ist für dte Beamten keine leichte Ausgabe, aus den verstörten Besuchern. d:ren Erzähl mc.en oft von Schluchzen und WeinkrMnpfen unt.-rkrochen werd n. genaue Angaben über dte verschwand: ne Per on zu erlangen, denn nur selten vermag ein Angehöriger richtig anzugeben, tote der Verschwundene be- lleidcl war. Vicht selten kormnt es vor. daß ©Lern nicht einmal genau angeben können, welche Farbe dte Augen ihrer Kinder haben. Aber auch die sehr wichttge Frage, ob das Gebiß des Vermißten irgmbtoeldjc besonderen Merkmale, etwa fehlende oder künstliche Zähne, auswttse, kann nur in den seltensten Fällen einwandfrei beantwortet werden. .
Während die Zeitungen bleientgen Beamten feiern, denen es gelungen ist. einen aufsehenerregenden Word ober Diebstahl aufzuklaren, wirkt der Leiter der Zentrcllstelle für Vermißte Kriminalkommissar G a h m i g, mit seinem Stab von vierzehn Beamten in aller Stille. Eme ungeheure Arbeitsfülle hat dirser ersaß ene Kriminalist, der die Zentralstelle seit zehn wahren leitet, zu bewältigen; aus jedem Hllfesuchenden muß er die nötigen Angaben heraushvlen. und jeder der Besucher erwartet von chm wahre Wunderdinge. .Gerade in den letzten Jahren", so erklärt Kriminalkommi'sar Gahmig, „haben wir alle Hände voll zu tun, um die uns gestellten Aufgaben zu betoclti-cn. Mindestens die Hälfte aller Vermißten besteht aus Jugendlichen zwischrn fünfzehn und achtzehn Jahren, die dem Elternhause entlaufen sind. Oft müden wir feststellen, daß die @Item allzu wenig davon wissen, womit sich ihre Kinder in ihrer freien Zett beschäftigen oder mit welchen Per onen sie verkehren. Besonders schwierig gestalten sich unsere Ermittlungen deshalb, weil die Derschwunc^nen in den Augen ihrer Angehörigen fast ftetä fehler- los gewesen sind: sobald jemand um einen An- gHörigen in Sorge ist. vergißt er völlig dessen chtoächen. Aber gerate die Angabe der Untugenden. dte der Vermißte hat. kann wichtige
„Ruhe I Ruhe! — Auseinandergehen! — Vov- wärtsgehen! — Bitte!"
Ein Dutzend Gummiknüttel schwangen sich drohend über den gestikulierenden Häuptern und Armen. _
Was gibt es denn?" sorscyte em Fremder, der eingeteiü in der Menge stand und weder vor- noch rückwärts konnte.
Ein Chauffeur, der gleichmütig auf dem Trittbrett seines Wagens stand, gab Antwort. „Ein bißchen Bankkrach! — Sonst nichts!"
„Wer ist denn aufgeflogen?"
„Die Tarner Ba^i! — ilnö die Bant, die chr Hauptgläubiger war, muß wahrscheinlich daran glauben. Es soll gar nicht einmal so schlimm stehen, aber die Leute gebärden sich wie die Verrückten. Wenn einer auch nur einen Schilling liegen hat, will er ihn heraus haben."
Der Fremde nickte zustimmend. Die Inflation hatte d.e Gemüter verängstigt. In Geldsachen verstanden die Menschen vorläufig keinen Spaß mehr. _ .
Oben in feinem Arbeitszimmer stand der Bankier Hettingen seinem Direktor gegenüber. „Denken Sie. Lieber Wörner, daß es Sinn und Zweck hat, wetterzumachen?"
.,2a, Herr Baron! — Wir bezahlen die Leinen Sparer, dte sich am wildesten gebärden, heraus. Das tonnen wir. Von den großen verlangen wir Stundung. Die kriegen wir auch. — Die Tarner übernehmen wir auf eigene Regie und eigenes Risiko."
„Das ist glattweg Selbstmord, lieber Wörner!" „Möglich! — Es kann auch dte Rettung sein! — So, wie es jetzt ist — ist unsere Position unhaltbar. —"
Hettingen starrte vor sich hin und hörte kaum, daß der Direktor das Zimmer verlassen hatte und Joachim eingetreten war. Als er ausbllckte, sah er ihn vor sich stehen.


