NrM Zweiter Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für G'oerhefsen)
Mantag, 6. August 1928
Das SicherhMwblem bei der Reichsbahn.
Die Meinung der Lokomotivführer.
Iflu6 Ärei|tn der Lokomoliofuhicr geht UN» der folgende deochtenswerte Artikel zu.
ver Vorschlag für die Prüfung der Eijenbayi' Unfall» einen Uni. ttuchuog-^uftchuß emzufetzen. ifl auch dem Lokomotivführer sympathisch Der Führer und die Heizer find diejenigen, über die bei allen Anlässen dieser Ärt am meisten gesprochen, die ober- am wenigsten gehört werden. Doch soll tunadvi noch desprochen werden, ob bie wahrscheinlichen Ur sachen der Unfälle nicht tiefer liegen und m folgendem gesucht werden müssen:
Die Deutsche Reichobahn hat - und ,st für
bie Beurteilung der gegenwärtigen Unfall pertobe wichtig — das Bestreben, vor allen Dingen fu r eine schnelle und rationelle Beförderung der Personen und Güter au iorgeii Au» diesem Grunde setzten schon im Anfang be» Sabre» 192h Bemühungen em, die Ses ch windig - keil der Schnell- und Perionenzugc sowie auch der Güterzug» zu erhöhen. Daran ist in erster Linie bie DerkehroabteUung der Reichobahn interessiert. sie geht hierbei von dem Gedanken aus, nicht nur den Beburfnlffen des reifenden Publikums zu bk nen, sondern auch in eine gewisse Uankuirenz mit ouslanbischen SisenbahngeseUsktinsten ein.,utreten (fin solche» Vorgehen ifl verständlich unb entspricht der größer geworbenen Bewegungsfreiheit unb Un- al hangigkeit deo Unternehmens Dabe, werben jeboch ,-iustönde übersehen, die sich trotz bes besten Willen, mch« beseitiaen lassen unb die al» gegeben mit in Rechnung gestellt werden müssen
Vie 7teich»bahngesellschasl weif, sehr gut, das, sich z B. der Oberbau in einer schlechten ver sassuna befinbel unb die Lrneuerungoarbelten im Ru<f|lanb sind. Irohdem ober tat sic zunächst dasjenige, wao sie mit Rücksicht auf diese Behinderung nicht tun durste, sie ging zum Bau größerer unb schwererer Cofomolloen über. Da» lempo de, cokomotivneubaueo wurde gcsleigert, mährend die Wiebcrinflanb- sichung de» Oberbaue» zurückblieb.
Man tat noch mehr! Man gab einen großen Teil der Erneuerungoarbeitcn in die f)änbe betrieb»- sremder Unternehmer. Als die großen und schweren Lokomotiven zur Anlieserung kamen, stellte sich bald heraus, daß der Oberbau diese nicht zu tragen vermochte, doch da» sah man erst bann ein, al» bie Probe auf» (Egempet gemacht würbe. Die Lokomotiven mußten warten, sie blieben stehen, bi» man bie Brücken, Uebersührungen unb vor allen Dingen bie Gleise notdürftig verstärkt hatte. Monatelang standen neue Lokomotiven be*
i, ohne daß sie zur Derwendung rammen konnten. Der Lokomotivbau war also der Sn- »ung be» Oberbaue, oorausgeeilt, aßnahme, bie recht wenig oerstänblich er- schien unb vor allen Dingen zeigte, baß bei der Reichsbahn selbst bie Abteilungen konkurrierten. Scheinbar wollte । e b c Abteilung für f i ch am leistungsfähigsten erscheinen. Allerdings war bie Einführung größerer unb schwererer Lokomotiven sehr oerlockenb, denn hiermit konnten längere Züge gefahren unb eine bedeutsame Ersparnis an Goto* mvtivpersonol erzielt werden.
?lad)bcm man bie Rationalisierung bes Loko- motivbienstes auf biese Weife vorgetrieben hatte, folgten unmittelbar barauf
die Anregungen zur Erhöhung der Geschwindigkeiten.
Diese Geschwinbigkeitserhohungen sinb sehr hoch unb bedingen neben erheblich höherem Verbrauch an Betriebsstoffen, vor allem an Kohle, wiederum eine stärkere Inanspruchnahme de» Oberbaues. Gleichzeitig setzte auch eine stärkere Kontrolle des Lolomotivpersonals ein, um bie in Ansatz gebrauten erhöhten Geschwindigkeiten unbebingt sicherzu- ftellen. Die Lokomotivführer fragten sich fopflthüt- lelnb: „Ist es unbebingt notroenbig, bie Geschwin- bigkeiten auf «osten ber Betriebsmittel derart zu forcieren, unb in welchem Verhältnis steht der Erfolg ber höheren Geschwinbigkeiten zu der höheren Inanspruchnahme ber Betriebsmittel?"
E» gilt al» felbstverstandUch, daß bie Lokomotw- fiihrcr den Z u si a n b ber Strecken unb Gleife kannten und e» nicht unterließen, auf bie schwachen Stellen im Betriebe hinzuweisen Es ist aber in den «reisen be» Lokomotivpersonal» eine altbekannte Tatsache, daß bie Melbungen über die Unregelmäßigkeiten nicht ihrer Bedeutung entsprechend gewürdigt werden.
fiat doch am Tage vor dem Unglück in Sirael»- dors ein cokomoliosührcr eine schriftliche viel düng über den Mangel de» Gleise» abgegeben, ohne daß mau diese Meldung sofort nachge
prüft Hal und die Uebelllände sofort abfleflle.
Man wollte vielfach den schlechten Zustand brr Gleise nicht sehen, ober xuminbeft nicht wahrhaben. Es fehlten, wie bie Reichsbahn selbst sagt, auch bie Mittel, um bem Bebürfni» nachzukommen. f)ier- zu kam aber noch ein weiteres. Bisher war es bem Lokomotivführer möglich, auf Grunb feiner ein- aehenben Streckenkenntni» bie ihm gefährlich er- fcheinenben Gleisstellen mit einer Geschwinbigkeit zu befahren, bie ihm unbebenklich erschien, er selbst teilte sich hie Fahrzeit de» Zuges ein unb sorgte für pünktliche Ankunft in den Haltstationen Diese Möglichkeit schieb mit bem Augenblick aus, als bie außergewöhnlich stark erhöhten Geschwindigkeiten dazu drängten, sich über bie bisher geübte Vorsicht hinwegzusetzen unb den strikten Anweifun- gen zur Anwendung ber kürzeren Fahrzeiten zu folgen. Es machte sich in den «reisen ber Lokomotivführer eine gewisse U n - sicherheit bemerkbar, weil man sich bamit über die non den Lokomotivsnhrern selbst geübten Vorsichtsmaßnahmen hinwegsetzte
Bleiben mir zunächst bei bem Unglück von Sie- gelsbors Die Kurve, in ber der Schnellzug zur Enlgleisung kam, darf mit 80 Kilometer befahren werben. Hat ber Lokomotivführer genügend Fahr- zeit vor sich, und kann er innerhalb der Gesamt- sahrzeit zwischen zwei Stationen persönlich disponieren, so wird er rein gefühlsmäßig eine solche Kurve sehr vorsichtig und mit weniger ols^OKilometer befahren; wird er aber durch die kürzere Fahrzeit getrieben unb veranlaßt, an allen zu befahrenben Stellen bas Höchstmaß ber Geschwinbigkeit anzufetzen, so besteht bie Gesahr in weit größerem Maße als früher, baß er über die vorgeschriebene Grenze hinausgeht. Es ist babei zu l>erücksichtigen, daß jeher Lokomotivführer sich für einen Iahrverlust verantworten muß, unb wenn her Iahroerlust an ber Grenze zweier Direktionen eintritt, so muß er sich hoppelt verantworten. Jeher Iahrverluft zeitig! eine schriftliche Vernehmung, bie als außerbienstlich angesehen unb von bem Personal in ber bienftfreien Zeit erledigt werden muß.
Der Dorschlaa^ einen Untersuchungsausschuß für die Reichsbahn zu bilden, lieat im In* trreffe des Betriebes. (Es wäre zweckmäßig, wenn die Reichsbahn, bevor sie höhere Geschwindigkeiten einführt, auch ihre Lokomotivführer mit heranzöge, bann würbe sie ein auf die Praris gestütztes Urteil bekommen Im Hinblick auf bie angebeuteten bebenklichen Umftänbe bürste das Urteil der Lokomotivführer nicht auf weiter gesteigerte Fahrgeschwindigkeiten hinauslaufen;
die Lokomotivführer sind vielmehr der Meinung, baß bie in diesem Tempo oorgefdebenen erhöhten Geschwindigkeiten große Gefahren in fictz bergen, und daß für deren Anwendung erst die Wiederherstellung de» Oberbaues eine unbedingte Voraussetzung ist. Bis dahin hätte man sich mit den vorhandenen Fahrzeiten begnügen müssen. Die deutsche Reichsbahngejell- schaft hat keine Beranlafiung, mit Betriebsleistungen zu renommieren, die sie nicht ohne Bedenken durchführen kann.
Eine» hat allerbings bie Erhöhung ber Geschwin* bigkeiten mit Sicherheit gebracht, unb zwar eine weitere Ersparnis an Personal. Das Lo- komotivpersonal, welches z D. bisher in zehn Stunden 300 Kilometer durchfuhr, muß nun in ber gleichen Zeit 400 Kilometer fahren, bementsprechenb ist auch seine Beanspruchung intensiver unb so stark
geworden, daß da» gesamte Personal der Meinung ist, die aufgetragene dienstliche Betastung nicht mehr tragen zu können. Man stelle sich den Lokomotiv- suhrer und Heizer vor, bie bet dieser Hitzeperiode bei einer Temperatur von 60 bis 63 Grad 4 bi» 4* Stunden unausgesetzt unb ohne bas Auge nur einen Augenblick von der Strecke oöwenden zu f nnen bei btesen aufregenden Geschwinbigkeiten fahren müssen. Die physische Inanspruchnahme be» Lokomotivpersonal» ist gerade in dieser Zeit so eminent hoch, daß eine absolute Sicherheit der Beobachtung und bie Zuverlässigkeit ber richtigen Handlungsweise geschwächt werden muß. Mit jeder Steigerung der Lokomottoleistvng steigert sich auch die Inanspruchnahme be» Personal», unb ber bisher schon kaum erträgliche Druck auf bie bienftliche Belastung nimmt durch bie oben geschilderten Umstände noch weiter zu. Hier bleibt bie Ausgabe ber Verwaltung, ihren Personalen nur bas Menschenmögliche zuzumuten, in Verzug. Alle Bemühungen be» Lokornotiopersonals, 'ihre dienstliche Tätigkeit den veränderten Betrtebsoerhältnissen anzupafsen, scheiterten an dem Widerstand ber Verwaltung, Daß ein solche» nicht dazu beitragen kann, bas Gefühl der Sicherheit zu erhöhen, ist sehr erklärlich.
Wir glauben unbedingt im Interesie der Betriebssicherheit und zur Vermeidung von Unfällen zu han
deln, wenn wir dafür eintreten, daß man ber sachlichen Tüchtigkeit unb ber persönlichen Einstellung tes Lokomotivführer» einen weiteten Spielraum laßt; bie überaus gunjtigen Unfallstatistiken ber ehe- mal» preußisch-bessiich« n Eisenbahnen haben bas bewiesen Die L- t|enbabn(irede ist in ihrer Lage unb ihrem Zustand durch Witlerungseinslüsfe und ber- gleiche» Io vielen Veränderung«n unterworfen, baß 'S auf bie persönliche Umsicht unb dauernde, durch kein Urbermafo dienstlicher Lerstun-
ierH imfeit bes Lokomotiv- luhrer» im wesentlichen ankommt. CE» gibt — unb bas wirb |eber Lokomotivführer zum Ausdruck bringen — kleinere Streckenabschnitte, die au» bem persönlichen Gesuhl heraus nicht mit der tuschst zu- lässigen Fahrgeschwindigkeit besahren werden, weil man die Schwachen solcher Stellen unb bie Möglichkeit einer Gesahr aus ber jahrelangen Praxis kenncn- lernlc Hierin liegt ein wesentlicher, von ber Reichsbohngesellschast kaum beachteter Faktor. daß ein gut ausgebildete- und seiner Verantwortung bewußtes Personal sehr, sehr viel zur Vermeiduna von Ungluckssallen beitragen kann Daran wird auch alle Mechanisierung bes Betriebe» nicht» anbern. Das Leben unb bie Gesunbhett be» reisenden Pu- blifum» ist ein so kostbar»» Gut, daß man alle» an
| seine Erhaltung setzen muß
IX. Olympische Spiele in Amsterdam.
Siebter und achter Tag. — Die Leichtathletil-Kampfe beendet Deutschland insgesamt an dritter Stelle. — Kein deutscher Staffelsieg.
Die Olympischen OB c 11 f ä m p f c in Amsterdam wurden am Samstaa bei strömendem Regen zum Au«trag gebracht Trotz de» Unwetter- und des mageren leichtathletischen Programms hatten sich im Stadion doch 10000 Zuschauer etngefunben
In der Leichtathletik nahm da- Hauptinteresse der Zehn kämpf in Anspruch. Sieger wurde in dieser Konkurrenz der Finne Drjöla mit 8053.29 Punkten vor 3 i r t? ä n n c n • Zinnland (7031.15) und Dougherty- Amerika 17706.65*.
3m modernen Fünfkampf siegte der Schwede T h o f e 1 t überlegen vor 2 i n b m a n- Schweden und Leutnant Kahl- Deutschland. Oberleutnant Has und Oberleutnant Holter- Deutschland belegten den fünften bzw. achten Platz.
Q3ei den Torldufen zur 4zl00-Tlctcr- Herren staffel konnte im zweiten Bor lauf Deutschland in der Besetzuiig Lammers, Tort-, Houben unb Körnig h nter Frankreich nur den zweiten Platz erringen.
Bei den 4x100-Mefcr-Damcn staffel- laufen ging De u t f ch l a n d tm zweiten Lauf mit der Mannschaft Stein berg-Holb- mann-Iunker-Schmibt inS 'Rennen. Auf der Außenbahn laufend, konnten die deutschen Vertreterinnen die Kurvenvorgabe gegen Amerika nicht halten und muhten sich mit b^m zwei ten Platz begnügen. Auch hier handelt eS fiq> nvch um DorlSufe.
Die Dorläufe zur 4x4OO-Meter-Staf fei wurden bei einem Wolkenbruch gelaufen. Die deutsche Mannschaft lief in der Reihenfolge Heu- mann-KreoS-Engelharbt-Storz und formte überlegen den zweiten Dorlauf tn 3.20.8 vor Schweden und Italien gewinnen.
Der Sieg im 3000 Meter-Hindernis- laufen war dem Finnen L u k v l a nicht zu nehmen, der vor seinen Landsleuten Rurmi und Anderson in der neuen olympischen Rekordzeit von 9.21 den Entscheidungslaus gewann. — 3m Rudern fielen noch keine Entscheidungen. Erwähnenswert ist, daß der Mannheimer Ruderklub Amicitia den zweiten Zwischenlauf im Achter gewinnen konnte.
Am Samstag begannen auch die Schwi mm- wett k ä m p f e. Der Amerikanerin Martha R o - reliuS gelang eS. im ersten Dorlauf zum 400 Meter-Deliebigfchwimmen einen neuen Weltrekord mit 5 45.4 oufzustellen.
Der Sonntag war der I e h t e T a g drr leichtathletischen Wettkämpfe dieser olym
pischen Spiele Sie begannen mit dem End - lauf der 4 100 Meter-Damen staffel, zu ber am Start waren Kanada, USA, Italien, Frankreich. Holland. Deutschland (hon innen nach außen). Sri. Kellner kam gut ab, nach dem Wechsel lag Frl Schmidt knapp hinter der kanadischen Läuferin. Frl. Holb- maun olS dritte Läuferin konnte den Dorfprung vor USA nicht mehr ganz halten. Dann klappte aber ihr Wechsel mit Frl. Junker, die zu tnib ablicf. daher wieder floppen muhte unb foftbaren Boden verlor, nicht, USA war vorbei, unb obwohl Frl. Junker alle# au- sich heraus- gab. enbctc die deutsche Mannschaft mit Meier hinter USA an dritter Stelle; vorn hatten die Kanadierinnen ihr Rennen ziemlich unangefochten in der neuen Weltrefordzeit 48,4 nach Hause gelaufen.
4 100 Meter-Dam en-End la uf : 1.
Kanada (Rosenfeld, Dell, Smith, Eook), 48,4 Weltrekord, 2. USA 4 Meter. 3. Deutschland. 2 Meter; 4. Frankreich; 5. Holland; 6. Italien.
Kaum war die olympische Zeremonie für dieses Rennen beendet, al# bk Herrenstafsei 4X100 Meter gestartet wurde. Aufstellung von innen nach außen USA.. England. Kanada. Deutschland. Schweiz. Frankreich. Erst der dritte Start gelang Deutschland# erster Läufer Lämmer# lief hervorragend, sein Wechsel mit (Sott# klappte gut. auch dessen Stabübergabe an Houben. aber die Amerikaner waren insgesamt doch etwas schneller, so dah trotz Houben S prächtigem Kurvenlauf ber letzte Mann der Amerikaner mit Dvrfprung vor Körnig den Stab erhielt. Körnig machte gegen R u s - s e I zwar noch Boden gut. aber um 20 Zentimeter lief er hinter dem Amerikaner durchs Ziel. Die Hoffnung, dah Deutschland« Sprinterstaffel für die Enttäuschungen, die die Ergebnisse der Sprintstrecken immerhin bebrütet hatten, durch einen Sieg entschädigen würde, erfüllte sich md)t Die Kanadier wechselten schlecht und gaben daher aus. Die amerikanische Slafsel lies dieselbe 3eit, in der fic schon 1924 in Paris gesiegt halte. 41 Sek 4 x100-Mcter-Herren-Snd- I a u f; 1. USA. (Wykoss. Quinn. Bvrah. Rüssel) 41. 2 Deutschland 20 Zentimeter, 3. England 2 Meter, 4. Frankreich, 5. Schweiz. Kanada auf gegeben.
Einen zweiten Staffelfieg holten sich dann die Amerikaner — über 4x400 Meter in neuer Wettrekordzeit Nachdem die Mara-
Das Glashaus ist tot...
Dov Gustav W. Eberlein,
Das Gla«baus ist tot, e- lebe da- Atelier! Die modernste Darstellungskunft kehrt wieder in bte Werkstatt de- Gummiballphotographen zurück, in das Dunketatelier. Sagt sich loS vom natürlichen Licht, los von ber .echten" Landschaft, arbeitet wieder mit künstlichen Beleuchtung-effetten und Requisiten. Die Romane, die unüberbietbar zeitgemäß zu sein glauben, als sie kühn unb verstohlen in das Glashaus schauten, um aus- zuplaudern, wie es .hinter den Kulissen" zu gehe, diese mobemen Freibeuter im Iupiterlicht der Filmindustrie sind s chvn wieder veraltet...
3n Italien starb die Kinematographie im Glas- farg. Wer heute in Rom vor tnc Tore gebt, stoßt da unb dorr noch zwischen fallenden Pinien unb massenhaft aufschieyenden Zinshäusern auf verödete Glashäuser, durch die noch^vor wenigen Jahren das Leben sprudelte und <ribnc von em pacrr Dutzend Metern erzeugte Rumen, die niemand mehr aufbauen wirb. Der Film von heute fonunt mit der bloßem .71 atur“ mdM mehr aus. er bat feine Zett, auf schönes Wetter oder ein malerische- Gewitter zu ©arten, er muh die Fähigkeit besitzen, sich alles Wünschenswerte selber alldem Boden zu stampfen, in jetem beliebigen Augenblick Das neue Italien unter dem Weitblick Mussolini- hat daher kurzerhand mit der alten Zett gebrochen und durch großzügige Abkommen mit der leistungsfähigsten internationalen Filmindustrie bem italienischen Großsilm Obern erngehauchi. .Ufa" unb .Luce' werben jetzt Hand in Hand arbeiten.
Kein besserer Beweis für die Leistungsfähigkeit eines wirklich groben Filmunternchmens als die Möglichkeit, die niederliegende Kinematographie eines anderen Landes über Dacht wieder aufzubauen. Schon immer haben die mustergültig eingerichteten Fi.rngesellschaften ihre Werkstätten auch Iremden Unternehmen, selbst Konkurrenzfirmen, zur Verfügung gestellt, gegen entsprechende Wiets- preise natürkTch, so daß bre k'eineren Meister, tnc sich kostspielige Aufbauten und Einrichtungen nicht leisten tonnten, bloh zu .drehen" brauchten, nun aber arbeitet ein ganzes Land sozusagen im technischen Rahmen eines anderen. Deutsche Ingenieure bauen die Rietenateliers in Italien,
italienische Künstler bilden sich tn den Deheim- inssen der Berliner Filmkunst aus bald wird die Welt historische Filme zu sehen bekommen, deren getoaltigc Seele, wie sie nur der klassische Boden Italiens zu formen vermag, nicht mehr durch äuherliche älnzulänglichtoiten beeinträchtigt wird.
Man erwartet sich viel, wenn man die Gelände der .Ufa“ aufsucht, die im Verein mit der .Luce ', den, g rohen italienischen Unternehmen nun auch eine ebenbürtige Produktion an Süden Europas aus richten wird, aber man wird doch überrascht durch die Ufastädte in Tem- pelhvf und Reubabelsberg, diesem Hollywood Europas. Betrachten wir nur, um ein geschlossene- Bild zu bekommen, die Anlagen von ReubabelS- berg. Die Stadt ist an sich nicht so groß, sie zählt .nut" 37 Gebäude mit 240 abgeschlossenen Räumen. cme gepflasterte Privatstrahe von 10 000 Quadratmetern, eine mittlere Belegfchafl von 600 Arbeitern, 75 TÄephvnanschiüsfe. 19 Mann Betriebsfeuerwehr. Aber wenn man an daS große Glashaus kommt, den Stolz des vergangenen Lustruins, so fiehr man. dah seine 450 Quadratmeter gerade zu den Garderoben und Frisier- räumen ausretchm. Dagegen die Halle. daS moderne Dunkelarel'.er! Sie sieht aus wie eine Luftschiff Halle, dauerhaft aus Steinen aufgeführt, und zerfällt wieder in zwei Mittelhallen und eine Süd- und Rordhalle. Raimnnhalt: 120 000 Kubikmeter!
Die kolossalen Wände, es klingt unalaublich find, natürlich durch Motoreiitraft. verschiebbar, so dah nach Bedarf gröbere und intimere Räume hergestellt werden können In ber Höhe laufen Schienenwege herum ©ic in Maschinenhallen, tausend Sonnen blenden vom Himmel herunter, fein Wunder, dah Menschen, die etwas zur großen Bühne &m<mfrufen ©ollen, StadronS- trichtcr an den Mund setzen müssen und dennoch dabei krebsrot und heiter ©erben. Die Stromstärke bie hier gebracht toirb, bie Hunderte und Aberhunderte von Scheinwerfern. Streuern, Röhrenauecksilberlampen speist, würde für eine große Stabt au-reichen.
Setzen wir einige Zahlen in Bildern um: Mit dem Leinen, das die Ufa in einem einzigen Jahre verbraucht, tonnte man eine moderne Armee, zehn Divistonen mindestens, cinkleiden, nrit den Perücken. bie in Reubabelsberg ständig auf Lager
fein müssen, ein paar srideriziamsche Regimenter au-rüsten Aus den Treppenstufen, die für die Atelierbauten benötigt werden, liehe sich cme Treppe auf ven Gipfel eines tausend Meter hohen Berges errichten, au- den Kupferkohten. die von den Scheinwerfern jährlich verzehrt werden, gar eine Säule, die den ®aurifanfar überragen würde.
Zwischen zwei Wintern hoben die KLebereien ein Film band von der Länge de- Erdumfanges auf fehlerhafte Stellen zu prüfen. Der jährliche Filmvepsond beansprucht fünfzehn lange Düter- züge Einen Katalog über das Materiallager heran-zubringen, wäre eine fostspiellge Arbeit, denn er würde über tausend Seiten umfaffen unb muhte fortgesetzt umgeändert und ergänzt werden, ©eil alle EtnrichtungSg agerrftä nbe und Kleider der Mode unterworfen sind Don der etru-kifchen Nähnadel bi- zum Saraphon, vom Siegfried-sell bis zum elegantesten Babetrikot, vom Römerhelm bis zmn Zylinder darf nicht- fehlen. Da hängen, m ewigem Kampf mit den Motten, viele Tausende von Kostümen, da stehen Hunderte von .kompletten Dohnungseinrichlungen“ — nur ist sonderbarerweise bloß eine einzige Küche vorhanden, was allerhand Schlüsse zuläht.
Die Photo-Abtellung verarbeitet jährlich gegen 15 000 Aufnahmen, bas Atelier 50 000 Kubikmeter Holz und 150 OCX) laufende Meter an Latten und Profilleisten, die 50 Star-. Komparsen-, Schonnl- unb Regiezimmer der großen Halle fordern zehn Zentner Zuber, Schminke und Lliemnilch an.
Immer noch kosten bie .Drohfilme“ Millionen, doch erlaubt jetzt bas Schüft!an-Verfahren beträchtliche Einsparungen: man Photographien nicht mehr bas ganze Original, es genügen kleinere Modelle, bte durch ein geniales Spiegelfoftem auf genommen werden, das sogar bie dritte Dimension heraus hott, wo sie mdjt vorhanden ist. mit anderen Worten Photographien plastisch macht. Wissenschaft tritt immer mehr an Stelle des einfachen Abklatsches. Wüsten und Meere, Zyklone unb Blütenregen liefert das Atelier. Eisbären tummeln sich in ihrem Element dicht neben einem Wvllenkratzer. Er regnet auf Befehl in jeder Stärke, Schnee wird aus einer Mischung von Salz. G-.ps und Raphthalin erzeugt. Selbst bie Bewegung im beschränkten Raum verursacht fein Hindernis mehr denn die Kamera wird auf Trickwagen montiert oder saust auf Schienen um die Darsteller herum.
Andererseits dars mit Menschen nicht gespart werden — sieht ber Zuschauer ein Ballett, so möchte er davor Such das vollständige Orchester haben Da läßt sich nun nichts abschroindeln
In dieser des Scheins arbeiten auch die bestbezoHlten Stars im Schweiße ihres Angesichts In einer fluchtigen Szene, die auf der Leinwand in ein paar Sekunden vorüberhuscht, steckt oft die Mühe und Qual von Tagen. Der Arbeitstag hat soviel Stunbcn. als der Regftleur braucht, nicht selten, ja an der . Tagesorbnung“ sind bie Nachtaufnahmen
Um bie Hallen herum bas ftese. bas Manv- vnergelände für tnc .echten“ Auf bau ton. bie immer noch nicht entbehrt ©erben können Mn unerhörter ImTtationstunst errichtet, stehen hier Straßenzüge. Schiffe. Fei-Partien, alle«, ©a- sich in ber belebten unb unbelebten Ratur findet, in natürlicher Gröhe Jeder Kinobesucher ertennt sofort die Bauten au- .Metropolis“ oder , Faufft aus bem .Walzeriraum“ ober ber .Duborry"
An großen Spieltagen toinrmelt es in den Der- pflegungslokalen und Kafteehausern der Filmstadt von Menschen aller Zeiten. Länder und historischen Ereignisse ein Doll für sich, eine Welt für nch voll geheimer Komödien und Tragödien. von denen der Theaterbesucher nichts ahnt, der dieses ganze immense Getriebe eine« modernen Filmunternebmens nur in einem gefälligen Ausschnitt auf ein paar Quadratmeter Leinwand proiizievt sieht.
Hochschulnachnchten.
Der a. o. Professor der Zoologie an ber Tübinger Universität Dr. Hans-Abam Stolte hat Den Ruf zur Uebcrnahme einer KuftoSstelle am Zoologischen Staatsinstitut in Hamburg abgelehnt unb wurde mit ben Geschäften eine« ÄuÜoe am Zoologischen Institut ber Universität Tübingen vom 1. Oktober 1928 ab beauftragt. Professor Dr. Richarb K r o n e r an ber Technischen Hochschule in Dres ben hat ben an chn ergangenen Ruf auf ben Lehrstuhl der Philosophie an der Universität Kiel als Rachfolger von Prof. H. Scholz angenommen. — Dem Vernehmen nach hat Professor Dr. ®mft Sittlg in Königsberg i Pr. den Rui auf den Lehrstuhl der vergleichenden Sprachwissenschaft cm der Universität Tübingen abgelehnt.


