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Nr. 157 Zweites Blatt

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Gießener Anzeiger /General-Anzeiger für Gberheffen)

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8reitag, 6. Juli (928

Demokraten und Republikaner.

Oer Auftakt zur Präsidentenwahl in den Bereinigten Staaten.

Don unserem sxa-Dcrichterstatter.

Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verbalen.

Neuyork, Juli 1928.

Man schätzt die Zahl der Amerikaner, denen der Rundfunk den Verlauf des republikanischen Parteikonvents in Kansas City ans Ohr getragen hat. auf dreißig bis vierzig Millionen. Was immer auch die Zahl gewesen sein mag. so darf man als sicher annehmen, daß niemand die Aeiherwellen aufmerksamer belauscht, nie- nand die seitenlangen Zeitungsberichte aufmerk- firner gelesen hat, als die politischen Gegner der ..Grand Old Party", die Demokraten, kie sollten aus dem Gehörten und Gelesenen t.cl gelernt haben. Sollten sich vor allen Din- «en darüber klar geworden sein, daß sie keinen schlimmeren, keinen verhängnisvolleren Fehler machen können, als wenn sie hoffen, daß ihnen der Sturm, der die Konventshalle am Missouri umtobte, die reiche politische Ernte von den Bäu­men schütteln wird. Die in Stürmen erfahrenen Meister dec republikanischen Porteiregie haben es verstanden, den befürchteten Tornado von der großen Halle auf ein benachbartes Vereins- lokal, in dem der Ausschuß für die Entschließun­gen, dos sogenanntePlattform-Komitee", tagte, äberzulciten, wo er sich austoben konnte, ohne die Harmonie der Vollversammlung zu gefährden. Snd als die ergrimmten Agrarier einmal ver­richten, eine Anti-Hoover-Kundgebung vor der Halle zu veranstalten, wies ihnen die hechwohl- löblicbe Polizei höflich aber darum nicht minder -riergisch den Weg nach einem benachbarten Park.

Hubert tau send Mann stark wollten diere- .'omtionierenden" Farmer aus den Weizen- und Mais-Staaten in Kansas City einrücken, um allein schon durch die Zahl ihren Forderuirgen Nachdruck zu verleihen! Ganze dreihundert zo- Än mit Bannern und Plakaten in die Vereins- Kalle ein, wo unter dem Vorsitz des Senators Reed aus dem Mormonenstaate Utah der Platt­form-Ausschuß sich mit der Formulierung der Iarteiprinzipienerklärung und des Partei­programms zwei Tage lang abquälte. Die an­deren 99 700 waren daheim geblieben: die Ernte ist ihnen wichtiger als eine Demonstration auf : i*em Parteitag. Läßt dies auch keinen Schluß M aus die Stimmung der Agrarier, so zeigt es wieder einmal, daß die amerikanischen Land» rirte Individualisten sind, die es nicht einmal Hassen können, unter ihren eigenen Verbän- ><n Einmütigkeit, geschweige denn so etwas wie ine fest zusammenhängende Organisation zu- 'taube zu bringen. Einig sind sie sich nur in ><r Klage über ihre Böte, nicht aber über die Diittel und Wege zu ihrer Mstellung.

Ihre Führer erreichten nur, daß in das Parteiprogramm eine ziemlich längliche Bestim- mng ausgenommen wurde, die ihnen Hilfe ver­beißt. lind um sie weiter zu trösten, nominierte ter Parteitag als Kandidaten für die Bize- rräsidentschaft einen ihrer wärmsten Freunde. \ ten Senator Charles Curtis aus Kan- is. Wohl hat Curtis, der im Senat zuerst für di« Mc Vary-Haugen-Agrarvorlage stimmte, bei zweiten 2lbstimmung nach Coolidges Beto sich dagegen ausgesprochen, aber er hat bis zur I Nominations-Abstimmung heftig gegen Hoover agitiert und hat, als sein Name dem Konvent "orgetragen wurde, nach Hoover den zweitstärk- ften Beifall erhalten. Aber auch dieser Baueni- i-«und ist, Wenns zur letzten Entscheidung kommt, regulärer" Porteimann, ist Republikaner, sa- »otifcher Republikaner, lind wie er bei der Ustimmung über Coolidges Veto und bei der Annahme der Wohl zum Vizepräsidentschafts- t Kandidaten umgefallen ist, so werden wohl auch :i- Millionen unzufriedener Farmer bis zur Dahl umgefollen. d. h. in die Reihen derRe- at-lären zurückgekehrt sein.

Die Demokraten am Lautsprecher oder '^pf Hörer werden auch inne geworden fein, daß

sie sich in Herbert Hoover einem starken Geg­ner gegenübcrsehen. Dem stärksten nach Coo- liftgc. den die Republikaner ins Feld zu stellen vermochten. Dies erwies sich schon am zweiten Sihungstage bei der 2lbstimmung dar­über, ob die Hoover-Delegaten oder die Ante- Hooverleute aus zwei Staaten zu umstrittenen Sitzen auf dem Parteitag berechtigt seien. Für die Anhänger Hoovers fielen 676* für die Gegner 395'/, Stimmen. Interefsantcr und be­deutungsvoller als die Zahl an sich war dabei der llmstand, daß sogar die sogenannten Agrar- ftaaten Hoovers Delegaten 336 Stimmen ga­ben, gegen nur 282 aus dem Lager seiner Geg­ner und Konkurrenten, die seinen Anhängern das Recht auf die Sitze in der Vollversamm­lung absprachen. Der Ausgang dieser ersten Kraftprobe muß den Demokraten die Augen ge­öffnet haben über die Stärke der unter Hoovers Kontrolle stehenden Parteimalchine, sie müssen erkannt haben, daß die Opposition gegen den Handelssekretär sich auf den äußersten linken Flügel der Partei und auf die äußerste Rechte, die Hochfinanz, beschränkte, und daß nicht das mindeste Anzeichen dafür vorlag, daß die da­zwischen stehende große Masse der Repu­blikaner sich nicht mit ihm zufrieden geben würde, nachdem ihr einmal klar geworden war, daß Coolidge nicht zu haben sei.

Wenn nicht alle Zeichen trügen und alle bis­herige Erfahrung ignoriert werden muh, so wer­den sich die Demokraten einer ziemlich geschlosse­nen republikanischen Front gegenüber sehen. Werden sie imstande sein, ihr eine geeignete Partei entgegenzustellen? Ist in ihren Reihen die Opposition gegen Alfred Emanuel Smith, ihren nominierten Präsidentschaftskandidaten, stär­ker als sie in den republikanischen gegen Hoover war? Wird die Agrar- und die Prohibitions­frage ihnen eine ausreichende Zahl unzufriedener Republikaner zufühcen, um den Ausfall weit­zumachen, den sie aus anderen Gründen zu er­warten haben? Oder wird, neben anderem, ge­rade das Prohibitionsproblem ihnen zum Ver­hängnis werden? Gouverneur Smith hat aus seiner Opposition gegen Zwangsgesetze nie ein Hehl gemacht. Auch dann nicht, wenn sie ein Teil der Verfassung bilden. Ihm ist die Kon­stitution ebenso wie jedes andere Gesetz Men­sch e n w e r k, das dem Willen der Mehrheit ent­sprechend geändert werden 'kann. Sie ist ihm nichts unantastbar Heiliges. Die Prohibi­tionsfanatiker behaupten, diese Millionen beschäftigende Frage sei überhaupt keine Frage mehr, sondern sie sei ein für allemal erledigt. Aber dieProbe aufs Exempel wollen sie nicht machen. Wären sie ihrer Sache wirklich so sicher, wie sie vorgeben, so brauchte ihnen vor einer Entscheidung, bei der wirklich das Volk den Aus­schlag geben würde, nicht die eingeschüchterlen, unter so überwältigendem Druck stehenden sog. Volksvertreter in den Landtagen der einzelnen Staaten nicht bange zu sein, Unb von diesem Gesichtspunkte aus wäre es wünschenswert ge­wesen, daß die Demokraten auf ihrem Parteitag in Houston (Texas) sich klar und unzweideutig über ihre Stellungnahme zu dieser Angelegen­heit geäußert hätten. Dem Kandidaten Smith könnte offene Sprache seiner Partei kaum schaden, denn seine persönlichen Ansichten sind männig- lich bekannt. Wenn dies noch geschieht, dann ist allerdings bet Wahlausgang in dem sonst ge­schlossen demokratischen S ü d e n zweifelhaft, denn dersolid South" ist eine H och bürg der Trockene n". Nicht als ob dort weniger ge­trunken würde als anderwärts. Aber man braucht nicht so zu stimmen wie man trinkt. Wär's anders, so mühte sich so mancher Volks­tribun in den heiligen Hallen des Washingtoner Kapitols mancher Abstimmung enthalten. Nie­mand vermag zu sagen, wie sich die Dinge im Süden bis zur Wahl gestalten mögen.

- Von dorther droht der Demokratie unter dem Smithschen Banner noch eine andere Gefahr. Unb nicht von dort allein. Gouverneur Smith ist Katholik. Dem Außenseiter mag es unbegreiflich erscheinen, daß in einem Lande, das sich mit feiner Glaubensfreiheit, seiner Toleranz brüstet, der Glaube eines sonst aner­kannt tüchtigen Mannes überhaupt eine Rolle spielen und chm auf dem Wege zum höchsten Amt hinderlich im Wege stehen sollte. Older es ist hierzulande geradezu Tradition geworden, daß man die Präsidentschaft keinem Katholiken anvertrauen dürfe. Dabei war Anno 1856 der erste Kandidat der Republikaner, John Charles Fremont, dieses Glaubens. Man hat es ver­standen, der großen Herde der amerikanischen Wähler die Ueberzeugung beizubringen, daß ..der erste Beamte des Landes keine andere Mach: über sich als die Gottes anerkennen bürte. ..Kein Papist, kein Römling, ber vor Kardinal ober Papst das Knie beugt!" ist das Feldgesch.ei nicht nur des Kaiholiken, Juden und Neger gleich hassenden ..hundertprozentig ameri­kanischen" Geheimordens Ku-Klux-Klan, sondern auch einer ganzen Anzahl diesem Orden durch­aus fernstehenden Leute, die von der katholischen Kirche gerade genug zu wissen Rauben, um überzeugt zu fein, daß ber Katholik in allen Fra­gen sich zuerst nach den Geboten seiner Kirche und erst in zweiter Linie nach den weltlichen Gesehen des Staates richte. Sie befürchten, viel­leicht zumeist nur im Unterbewußlsein, daß die katholische Kirche mit der Zeit solch starke po­litische Macht an sich reißen konnte, daß sie ihre Gläubigen zwingt, die Verfassung des nord- amerikanischen Etaatenbundes imEinklang mit den Geboten ihrer Religion umzuformen". Diese und ähnliche Argumente hat Gouverneur Smith zwar schon vor einem Jahre mit einer sachlichen, tiefgründigen Widerlegung abgefertigt, aber wenn eine Wahlkampagne mit Anstand, Ehrlichkeit,

Geschichten a

Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.

Tie Geliebte Kronprinz Rudolfs.

(s) Prag.

In einem Prager öffentlichen Parke fand ein Wachtmami eines Morgens eine tote Frau. Der Arzt stellte als Todesursache Hunger fest, die Polizei identifizierte die Berstorbene als Eleonore KoU- mann, eine stadtbekannte alte Bettlerin, und mau wollte weiter nicht viel Aufhebens von der Sache machen bis man plötzlich feststellte, daß es sich um die einst berühmte Eleonore Kollmaun, die Tochter eines reichen Prager Fellhändlers und (beliebte des Kronprinzen Rudolf handele. Und da wußten einige der älteren Einwohner Prags, die sich der Zeit noch erinnerten, als der junge, allbeliebte Kronprinz Rudolf als fescher Reiteroffizier in Prag gestanden, auch die tragische Geschichte des einst bildschönen jungen Mädchens zu berichten. . . Ter Kronprinz hatte Eleonore, die in der ivohlgehüteten Erziehung eines reichen Bürgerhauses ausgewachsen war, auf einem Spazierritt kennengelernt, verliebte sich in sie und bald wurde sie seine Freundin. Das Ver- hältnis dauerte so lange an, bis Kronprinz Rudolf Prag verließ. Bei ßttner Hochzeit kam Eleonore Kollmann nach Wien, wo sie eine Theaterschule be­suchte. Inzwischen aber hatte sich ihr Bater, durch unglückliche Spekulationen verarmt, das Leben ge­nommen. Und die Tochter, die bereits mittels krön- prinzlicher Protektion auf den Brettern der Hofburg erschienen war, nahm sich das Schicksal ihrer Familie so zu Herzen, daß sie trübsinnig wurde. Als sie gar die Nachricht von dem tragischen Ende Kronprinz Rudolfs erhielt, verfiel sie in einen Zustand tiefster Depression und mußte in einer Irrenanstalt untergebracht werden. Jahrelang blieb sie dort. Nach ihrer Entlassung kehrte sie nach Prag zurück, ergab sich dem Trünke und sank von Stufe zu Stufe. Schließ­lich wurde sie Gewohnheitsbettlerin. Tas alte Weib war eine bekannte Erscheinung auf den Straßen Prags. Bis sie ein Machtmann eines Morgens verhungert m einem öffentlichen Park vorfand, und ihr Tod die Erinnerung an ihre Glückszeit wach­rief . . .

Wahrheit und gesundem Menschenverstand ge­macht werben müßte. wären bic meisten unserer zünftigen Politiker in tödlicher Verlegenheit um Munition.

Dazu kommt iioch al« weitere ..Belastung" Smiths Zugehörigkeit zu ber gemeinhin mit X a in mann Hall bezeichneten demokratischen Organisation der Stadt Neuyork. Dem biederen Landonkel im Hinterwald, ber fehic politischen Kenntnisse aus der Sonntagspredigt seine- Bap­tisten- oder Methodistenpfarrers und einem wahr­scheinlich gut subventionierten Wochenblättchen schöpft, ist Tammany Hall nichts anderes als eine Gemeinschaft der gerissensten Beutepolitiker, deren einziger Daseins­zweck die Bereicherung ihrer Mitglieder auf Kosten der Steuerzahler ist. Wohl wahr, es hat Zeiten gegeben, wo Tammany Hall und seine Führer ihre Haupteinlünfte aus dem Tribut ber Spielhalter. Spelunkenwirle. Bordeilbesitzer. ber kleinen Schieber. Straßendirnen. ja selbst ber Diebe und Hehler bezogen, die ungestört ihrem Gewerbe nachgehen konnten, wenn sie nur regel­mäßig ablieserten Aber diese Zeiten sind lange vorbei. Was heute in Tammany Hallge­macht" wird, sei es durch Schiebungen bei ber Vergebung städtischer Arbeiten, durch fingierte ZahUisten in diefem oder jenem Verwaltungs­zweige, durch Lieferung minderwertiger Materia­lien, durch Grabschereien und Durchstechereien aller Art, ist eine Bagatelle im Vergleich zu den Riesensummen, um die die Nation bei dec Verpachtung ber Oellänbetcien unter republikanischem Regime ge­prellt worden ist.

Lind fein Mensch hat es je gewagt, Gouver­neur Smith, der viermal oberster Erekutivbeamter des Staates Neuyork geworden ist, auch nur an­deutungsweise voczuwersen. daß er teUhabe oder gehabt habe an der Bente Tammanys.

IS aller Welt.

teilte terbschaftsgcschichte.

(f) London.

Ein früherer Schneider, William Adrian Altern, der von einer schmalen Altersrente lebt, hat jetzt in seinem 84. Lebensjahre noch einen Prozeß begonnen, bei dem es uni einen Betrag von 6o Millionen Pfund Sterling geht. Aller») nennt sich den recht­mäßigen Erben des Terrains und der darauf gebauten Häuser im Londoner Süden, die im Grundbuch unter der BezeichnungAngell-Estate" eingetragen und vom Staate bis zur Feststellung deS eigentlichen Eigentümers einem Treuhänder diesmal der anglikanischen Hochkirche zur Berwaltnug über­geben sind. Die Geschichte dieser Riesenerdschaft ist wohl die interessanteste ihrer Art und hätte einem Meister wie Dickens zum Borwurf eines atemrauben* den Romans mit kriminellem Einschlag dienen können

Im Jahre 1740 starb John Stockwell, ein See­mann und Schmuggler, der sein Schäfchen ganz gehörig ins Trockene gebracht hatte. Er war von seiner rechtmäßigen Ehefrau geschieden und tat sich, als er sich von seinen Schmuggelfahrteu znrückzog, in Südlondon mit einer Witwp Angell zusammen, die einen Sohn namens John hatte. Mit seinem Gelde erwarb Stockwell Riesengestinde in jenem Teile der Hauptstadt und bebaute sie mit Mietskasernen. Als er starb, sand sich jedoch kein Testament vor, und die Witwe und ihr Sohn erhoben Anspruch auf den gesamten Nachlaß. Ein Mitglied der Familie Stock­well, das sich ebenfalls mit Ansprüchen meldete, wurde kurzerhand aus dem Fenster geworfen und brach sich beide Beine dabei. Daraufhin legte bis zur endgültigen Klärung der Sachlage der Staat seine Hand auf den Nachlaß.

Nun aber begann von der Angellschen Seite eine Art Kriegsführung, die wohl in der ganzen Geschichte nicht ihresgleichen hat. Sie verstand es, einige ge­wissenlose Kapitalisten an sich heranzuziehen, die durch Bestechung ebensolcher Advokaten »u der Uebet- legung und dem Beschluß kamen, alle Aussichten der Mitglieder der Familie Stockwell dadurch zunichte zu machen, daß alle dokumentarischen Beweise,

Apachenkeller.

Von Ludwig Bauer.

Zmn i ichtegen Genuß eines Pariser Aufent- teiltes gehört die Verbrecherromantik, der Be­uch verrufener Viertel, unheimlicher Schenken, prickelnde Schauder überstandener Gefahr. 13c Gefahr freilich ist meistens eingebildet, das :-ibert jedoch nicht, daß eine zwar nicht ehr- vmrdige, jedoch schon alte Industrie sich der Aus- tettwig bürgerlicher Neugier und Entsetzens toib- iiHt, daß Elend sowie Verruchtheit gemimt tocr- tei und nach einiger Zeit ihre Akteure zu braven, stilgepolsterten Kleinbürgern und Bürgerinnen »<rden lassen. Heute führen die großen Auto­rs unter dem lockenden Titel einer lieber- Ätsfahrt und Informationsreise durch das Etliche Paris die Fremden zu dem lichter- f-inaenben Montmartre und zu den internatio- '2len Dohemecafes des Montparnasse; der Aus­ter erzählt erschreckliche Dinge von der Der- ^nf)tf)eit der sündigen Tanzbuden oder deutet sie Isagend an; für Augenblicke steigen einige toll- siÜme Amerikaner wohl auch aus. Seltener wa- 'fi sie sich in die weniger bekannten Viertel f'red nicht glänzenden Elends: nach Belleville i> Menilmontart, in die Gassen um die Bastille, 'tot gar hinunter zu den Kanalbewohnern oder i«. jenen, die m den verschwindenden einstigen jnctifikationen sich umherlreiben.

7Ür das, was als ..Grohfürstenrundreise" durch 15 Pariser Laster allen Kundigen bekannt war, m)cn sich abwechselnde Gelegenheiten; denn so- ein Lokal allzu bekannt geworden ist, wie ächer einige des Hallenviertels, so bemerft bet 5pob, daß er gar keine richtige Sensation für & erstanden hat, daß die ihm gebotenen 7a<9cn .nur für ihn eine Rolle übernommen ui<bt ernsthaft mit dem Messer drohen 'M?n » daran denken, Revolutionäre zu sein, ern schon ihr Bankkonto besitzen. Früher ein- Etoar ein jedes solches Cafe, jede Schenke

Hohle echt: doch wie dann die Fremden en, zuerst die neugierigen Pariser, welche trafationen zu wittern wissen, dann die ßorbd, . ^uors, so wurde aus dem Gesicht

Maske, alles spielte sich übertteibend selbst. Prim affe und Derbheit, Drohung und gezückte

Messer wurden dekorative Elemente einer oft nur instinktiven Regie, In den letzten Jahren ist es Mode bei den Snobs geworden, sich einen Detektiv zu mieten und sich von ihm durch Apachenkeller, Zuhälterschenken und Dirnenbuden geleiten zu lassen; so glaubt dann solch em seriö­ser Kulturforscher gewiß, das merkwürdigste zu sehen und dabei doch vor jeder Belästigung und Gefahr geschützt zu sein. Aber auch diese Form trügt; denn sowie sich unter den Beteiligten die Kunde von jenen Besuchen verbreitet, verschwin­den die echten Verbrecher, und an ihre Stelle treten, sie übertreibend, die falschen, und zusam­men mit den Detektivs verlachen sie insgeheim die dummen Fremden.

Natürlich besitzt jede Fakultät des Verbrechens ihre Märkte und Rendezvousplähe, die Iuwelen- diebe, die Hehler, die Gifthändler; doch da kommen nur Erprobte hin und vermutlich wür­den jene Börsen auch für die Neugierigen wenig Interessantes bieten; sie zieht es in die Apachen­keller, in die Tanzdielen, wo gesungen, gelacht, hie und da nach Sang und Tanz wohl auch etwas gestochen und geschossen wird. Es wäre Heber- treibung, hier von Derbrecherlokalen zu sprechen; ihr sonderbarer Zauber geht von der selssamen Mischung der Besucher aus. Neben irgend­einem Händler, der sich einen fröhlichen Abend gestattet, sitzen ein paar Holländer, die ein wissender Freund hierher gebracht hat, Kommis mit ihren Freundinnen: dazwischen fröhliche Ar­beiter in breiten Samthosen; ein blasser Bo­hemien mit waltenden Locken läßt sich bitten, bevor er einige schrecklich pathetische revolutio­näre Kriegsgedichte vorträgt, in denen sich chau­vinistische unb bolschewistische Tiraden für alle Fälle vorsichtig mischen. Neben und unter ihnen: Zeichner aus aller Well, geschmirckte Burschen, die spähend durch den Keller blicken und, wenn sie nichts Geeignetes finden, rasch verschwinden, erschreckend verwüstete, alte Frauen, mit Schmuck behangen, bemalt und hager. 3eber hier ein anderer Typus, und alle vereinigt in dem Wunsche, heitere Stunden zu verbringen. Hinter der Place Saiitt Michel wissen Kenner eine solche klingende Höhle in einer winzigen Gasse. An einem Schanktisch oorbei, um den sich allerlei abenteuerlich aussehenbe Burschen drängen. Ne­benan ein Heines Zimmer, stets Teer, nur manch­

mal flüstern dort Pärchen, die irgend etwas Ge­heimnisvolles und Dunkles zu bereden haben. An der Wand neben zahllosen, oft sehr guten Karikaturen und Skizzen, die wie ein Tapetew- mufter nebeneinander aufgehängt sind, daß man die Mauer nicht zu sehen vermag, eine seltsame Tafel: auf ihr sind die berühmten Besucher des Kellers verzeichnet, und überrascht findet man hier die stolzesten Namen: Wilde und Ver­laine, Huysmans und Baudelaire.

Unb bann steigt man über eine enge Treppe gebückt die groben Stufen hinunter, mit dem Kopse an die Decke stoßend, und ist auf einmal in einem niedrigen Keller, klein und verwinkelt. Allerlei Dunst, Wein, Rauch, die Hitze vom Beisammensein vieler Menschen schlägt entgegen. Tssche und wackelige Bänkchen aus ungehobeltem Holz, jemand in Hemdärmeln singt ein Chanson des Tages, das Lied aus einer Revue: bann folgen andere, Mädchen, Jungen, wie sie eben da sitzen, es sieht ganz zwanglos aus, ein Gast steht auf, will auch etwas zur allgemeinen Be­lustigung beitragen, irgendein fröhlicher Bürger. Er hat Talent wie die meisten ber hier sich pro­duzierenden Dilettanten, kann Pointen mit siche­rer Hand vortegen. Andere schwelgen in Senti­mentalitäten. die so dick versüßt sind, daß bloß der französische Gaumen es oerträgt. Wenn der Dorttagende stecken bleibt, so hilft das Pu­blikum ihm nach, es kennt zumeist die Texte, oder es wartet, bis der Sänger sich wieder zurecht­findet. Nach je zwei ober drei Vorträgen wird mit einer Blechbüchse gesammelt, und man wirft nach Belieben hinein; die einen Sous, die an­dern Franks, der Dank ist stets derselbe. Man kommt und geht frei, mustert höflich einanber, die fremdesten Welten stteifen sich hier, Ge­spräche entwickeln sich, Mulatten aus Martini- que, ein englischer Zeichner, eine deutsche Ba­ronin; alles wird hier oerftanben, alles respek­tiert. Gesichter und Gestalten manchmal, bic wie lebendig geworbene Zerrbilber aus ben Wappen kühnster Waler herausgesttegen sinb. Dazwischen Kinder unb Hunbe, unb so überfüllt es auch ist, immer noch findet sich Platz: für be­frackte Herren, für Boxer, die ihre Tätowierungen zeigen, für Provinziale, die auch dies gesehen haben wollen. In unendlicher Abwechslung jidjt durch bas uralte Kellergemäuer unta: dem Seine­

ufer bie SpeziesMensch" in allen erdenklichen Abarten und Abirrungen vorüber.

In ber Gasse neben ber Da stelle aber steht ein Tanzsaal neben bem andern. Schutzleute sind am schmalen Eingang in diese schmale Rinne zwischen hohen schmutzigen Häusern ausgestellt, andere gehen bedächtig zu zweit voll Saal zu Saal entlang, späheil hinein; es sieht hier be­drohlicher aus, und tatsächlich findet in jeden Tanzbuden bic Polizei manchmal junge Men­schen, bie sie zu suchen Ursache hat. Aber bas ist bloß eine vorübergehende Unterbrechung, und schlimmstenfalls gibt es eine kleine Schießerei mit benflies", ben Polizeiagenten unb bann tanzen bie diesmal noch Verschonten unbehelligt weiter. Ganz kurze Tänze, die unvermittelt ab- brechen, worauf sofort bie Taxe erhoben wirb. Ern sch ast unb hingegeben sind fast alle im Tanz, und oft ist erstaunllch viel Anmut in ben Be­wegungen dieser jungen Menschen. Nur selten sprechen sie während bes Tanzes; bieses ist Er- höhtheit, Losgelöstsein vom Alllag, eine bebeu- tenbe unb feierliche Angelegenheit für fie. Alles brängt sich auf bem eng bemessenen Boden neben­einander, nie ein Zusammenstoß, selten ein Streit wenn aber, bann fast immer auch bedenklich. Fremde Besucher scheinen unbemerkt zu bleiben, aber sie dürfen sich nicht vordrängen, nicht Be­ziehungen suchen oder Derttaulichkeiten sich ge­statten. Ist dieser Tanz überhaupt noch Freude unb Heiterkeit? Weniger als sonst im heiter scheinenben Paris wird in jenen Volkstanzbuden gelacht, wie umschattet nach dunklen Tagen stehen die jungen Menschen. Mädchen unb Burschen, in ihm, drehen unb schmiegen sich, fühlen ihre von Arbeit, schlechtem Leben unb ber vererblichen Grohstabt mißhandelten Körper für Augenblicke wieder. Dur in leisen Gebärden betraten sich ihre Charaktere, zeigt sich Trotz, Stolz, Be­gierde, und verwsscht sich rasch. Die Ftemben gaffen und sehen, die Schutzleute wandeln un­ablässig vorbei, auf und ab. Unb die Musik lärmt, bie Lichter brennen heiß, unb in ben bunflen Nachthimmel sticht nebenan die schlanke Säule auf dem Dastilleplatz. Sinnbild einer Tyrannei, die fiel, ohne bah es ben gedrückten Menschen von Paris gelungen wäre, freier und glücklicher zu werden. So suchen sie hier Ver­gessen, kurzen Rausch, ein trügeitybeä Glüch * r - v