Aus der Provinzialhauptstadt.
Gießen, den 6. März 1928.
Oer schüchterne Lenz.
Gr ist wie ein schüchterner Liebhaber, der sich vor der Angebeteten verbirgt und doch ihr« Dähe sucht, dec sich gleichgültig und herb gibt und doch glüht. Der schüchterne Lenz bietet heute winterliche Kält« und morgen lockt er mit warmen Ästen und blendendem Sonnen- schein die Menschen ins Freie, wie er es z.D. am Sonntag getan. Cs gab ja wohl auch keinen, der sich am Sonntag nicht sonnte, und wer es einigermaßen vermochte, hat die Gelegenheit zu einer größeren oder kleineren Wanderfahrt in die Umgebung wahrgenommen. „Ich traue ihm nicht," sagte der eine und zog seinen schweren Paletot an. Aber nach hundert Schritten nahm er den Hut ab, nach weiteren hundert knöpfte er den Mantel auf und nach einer Viertelstunde sah ec sich nach dem nächsten Wirtshaus um, den Durst mit einem tüchtigen Zug zu loschen. Die Frauen entwickelten schon chre Pläne. Aufs Praktische öertfen sie immer. „Ich brauche einen neuen leichten Mantel. Auch den Sommer Hut kann ich nicht mehr tragen." Der Chemann ließ sich seine Freude nicht trüben. „Ia," sagte er und dachte sich: „Du wirst schon sehen, wieweit das Geld reicht." Die weibliche Welt führte die dünnsten Sei>.enstrümpschen und blinlende Lackschüh- chen spazieren. UnD die Sonne hatte ihre Freude da an.
Ein Sonntag, gemacht zur Freude. Oder sollte es nicht zur Freude sein, wenn sich die dem Frühling entgegenhoffende Welt aufreckt, wenn es einem scheint, als ob sich die Saaten erhöben, die Blumen sprössen, die Knospen öffneten? Wenn sich der unendliche blaue Himmel spannt über die freundlichen Täler, die stillen Wälder, die bunten Siedlungen, von den Bergen am Horizont bis zu den Bergen auf der andern Seite, die hintereinander geschichtet in immer zarterem Blau verblassen? Wan erkennt wieder an solchen Tagen, in denen man wie aus langer Kerkerhaft hervvrgeht, wie schön unsere Heimat ist. Unö es wird schöner mit jedem Tag, mit dem wir dem Einzug des Frühlings näher hymmeru D.
Geheimrat Prof. Or. Wagner.
Gin Gelehrter von Weltruf, der für die deutsche und namentlich auch für die hessische Landwirtschaft bahnbrechend unb segensreich durch seine Forschungen auf dem Gebiete der Agrikultucche-mie gewirkt hat, Geheimer Hofrat Prof. Dr. phil., Dr.-Jng. h. c. Dr. agr. h. c. Paul Wagner in Darmstadt, feiert am 7. M ä r z seinen 85. Geburtstag. Die Entwicklung der landwirtschaftlichen Versuchsstationen mit chrcr ausgedehnten Kontrolltätigkeit ist aicfs engste mit dem Wirken Paul Wagners verknüpft. Viele von ihnen sind nach dem Vorbild seiner Darmstädter Landwirtschaftlichen Versuchsstation geschaffen und bedienen sich der von ihm angegebenen Mechoden. Sein Arbeitsfeld, die Agrikulturchemie, hat seit dem Beginn seiner Laufbahn bedeutende Fortschritte gemacht, und nicht zum we- nigften sind sie ihm zu verdanken.
Paul Wagner, der am 7. März 1843 zu Lie- benau (Hannover) geboren ist, kam erst auf einem Umwege zu seiner Lebensaufgabe. Er hatte sich zunächst der Pharmazie gewidmet, studierte in Erlangen Pharmazie und Naturwissenschaft und legte 1869 in diesen Fächern sein Staatsexamen ab. Erst an der Universität Göttingen widmete er sich der Agrrkulturchemi«. Fünf Jahre lang war Wagner dann Assistent am dortigen Agrikultur-chemischen Laboratorium, beschäfttgle sich mit pslanzenphysio- logischen Arbeiten, besonders mit solchen auf dem Gebiete der Pflanzenernährung. Auf Grund einer Abhandlung über „Die Stickstaffernährung der Pflanze" wurde er am 16. März 1869 zum Dr. phil. promoviert. Er habilitierte sich in Göttingen, wurde aber bald als Nachfolger Doltor Ernst Schulzes als Leiter an die neugegründete Landwirtschaftliche Untersuchungs- und Kontrollstation berufen, wo er bis vor wenigen Jahren tätig war.
Die Arbeiten Wagners erstrecken sich innerster Linie auf die Untersuchung von Dünger, Futter- mitteln, Rohmaterialien für die landwirtschaftlich- technischen Gewerbe, von Badenarten usw. Seine Forschungen und Versuche sind vorbildlich gewesen für andere landwirtschaftliche Versuchsstationen.
Oie Gasseriwersorgung im rhein-mainischen Wirtschaftsgebiet.
WER. Lieber die Bedeutung der neugegründeten Hessischen Kommunalen Gasfernversorgung schreibt die amtl. „Darmstädter Zeitung": Durch die Bemühungen des hessischen Ministeriums des Innern sind die mehrjährigen Bestrebungen, die vor allem von der Provinz Starkenburg und der Stadt Darmstadt ausgingen, um einen kommunalen Zusammenschluß zum gemeinsamen Gasfernbezug zu schaffen, jetzt zum Abschluß gebracht worden. In der Hessischen Kommunalen Gasfernversorgung (Hekoga). die am Mittwoch in Darmstadt gegründet wurde, sind die drei hessischen Provinzen und die Städte Darmstadt. Mainz. Worms und Gießen, sowie der hessische Staat vertreten. Damit ist rahmenmäßig ganz Hessen erfaßt. Die Reugründung ist jedoch keineswegs aus partikularistischen Gründmr entstanden, und es ist auch nicht geplant, mit ihr an den hessischen Grenzen Halt zu machen. Man hat die Interessen des gesamten rhein-mainischen Wirtschaftsgebiets, soweit ihm die Gasfernversorgung fehlt, im Auge. Der Zweck der Heioga ifi. durch die Zusammenfassung einer möglichst großen Abnehmerzahl einen entsprechend niedrigen Gaspreis, als Cinheits- preis, zu ermöglichen. Dies wird vor allem dem flachen Lande zugute kommen. Es besteht die Hoffnung, daß damit auch die schwierigen wirtschaftlichen Verhältnisse O b e r h e f s e n s und des O 0 e n w a l d e s in wesentlichem Maße günstig beeinflußt werden. Sieben den Konsumenteninteressen. die durch dre beträchtliche Verbilligung des Gaspreises vertreten werden, war auch der Gedanke an die Werktätige Bevölkerung, der durch die hessische Reugründung Arbeitsgelegenheit geschaffen wird, von Bedeutung. Es wird unter Umständen an die Errichtung eines eigenen gern ein sauren Werkes gedacht. Der Zusammenschluß ist bekanntlich aus rein kommunaler Grundlage mit entsprechender Beteiligung der Provinzen erfolgt; die Ern» gliederung der dazwischenliegenden St a Dt e und Gemeinden ist vorgesehen. Dre Tatsache, daß es sich um eine rein kommunale Körper s ch o<f t handelt, war für den hessischen Staat bestimmend, bei der Schaffung der Organisation mitzuwirken und sich an der Gründung zu be
teiligen. ES handelt stch für ihn darum, große gemeinschaftliche Interessen unseres Wirtschaftsgebietes, auf denen Vorarbeiten zum Zusammenschluß schon gemacht waren, auf der angebahnten Grundlage in Anerkennung ihrer dringlichen Hot- Wendigkeit zum schnellen Abschluß zu bringen. Die Verhandlungen zur weiteren Ausgestaltung der hessischen Gasfernversorgung sind nach allen Seiten offen gelassen.
provinzialausschuß Oberhessen.
Der Provinzialaus schuh der Provinz Oberhessen beschäftigte sich in seiner Sitzung vom vorigen Samstag mit folgenden Klagesachen:
Die Klage des Gottfried Lind in Lich gegen den Bescheid des Kceisamts Gießen vom 4. Ianuar 1928, durch welchen ihm die Erteilung einer Legitimationskarte für das Jahr 1928 versagt worden ist, wurde als unbegründet kostenpflichtig zurückgewiesen.
Durch Urteil des Kreisausschusses des Kreises Gießen waren in der Gemeinde Hattenrod für das Iahr 1927 die Vergütung des Bürgermeisters auf 1500 Mk.. die Besoldungen des Gemeinderechners auf 1300 Mk. und des Feldschühen auf 750 Mk. unter Verurteilung dec Gemeinde in die Kosten des Verfahrens festgesetzt worden. Gegen diese Festsetzung verfolgten der Gemeinderechner und der Feldschüh Berufung an den Provinzialausschuß. Die Berufung wurde als unbegründet kostenpflichtig z u » rückgewiesen.
Die Gemeindehebamme zu Echzell bezog von der Gemeinde ein Wartegeld von jährlich 50 Mk. Sie beantragte am 1. Iuli 1927 die Erhöhung auf 200 Mark. Der Gemeinderat war danach ge.-eigt, das Wartegeld auf 120 Mk. festzusetzen. Die Genleindehebamme verhielt sich jedoch ablehnend, so daß es zum Verwaltungsstreitver- fobren kam. Der Kceisausschuß des Kreises Büdingen erkannte am 14. Aovember 1927 zu Recht. daß die Klage als unbegründet kostenpflichtig abzuweisen ist. Hiergegen verfolgte die gemeint eljebamme Berufung an den Provinzialausschuh. Das Berusungsgelicht fällte folgendes Urteil: Auf die eingelegte Berufung wird das angefochtene Urteil dahin abgeändert, daß die Klage als unzulässig abgewiefen wird. Die Kosten des Verfahrens hat die Klägerin zu tränen.
Die folgende Sache betraf dic Berufung des Heinrich Wilhelm Fay Hl. imb anderer in Grüningen, sowie des Feldschühen B e n- d e r in Grüningen gegen das Urteil des Kreisausschusses des Kreises Gießen vom 10. September 1927 i. S. Einspruch gegen den Voranschlag der Gemeinde Grüningen für 1 92 7 Rj. Der Kreisausschuh des Kreises Gießen fällte am 10. September 1927 folgendes Urteil: Die Einsprüche zur Rubrik 3 und 42 des Voranschlags sind durch Zurücknahme erledigt. Die Einsprüche gegen die für Unterhaltung der Brückenwaage, die Vergütung des Bürgermeisters und das Gehalt der Krankenschwester vorgesehenen Beträge werden als unbegründet ab- gewiesen. Im übrigen wird den Einsprüchen der Reklamanten teilweise stattgegeben und die Besoldungen des Gemeinderechners auf 1400 Mk., des Polizeidieners auf 800 Mk. und des Feldschützen auf 1200 Mk. jährlich festgesetzt. Die Kosten des Verfahrens fallen zu 2 3 den Einsprucherhebenden als Gesamtschuldner und zu Vs der Gemeinde zur Last. Gegen dieses Urteil verfolgten die Reklamanten und der Feldschütze Dender Berufung an den Provinzialausschuß; der Feldschütze mit dem Antrag, seine Vergütting auf dem seither festgesetzten Betrag von 2148 Mk. zu belassen. Auch die Gemeinde hatte Berufung verfolgt, sie jedoch wieder zurückgenommen. Das Berufungsgericht erkannte zu Recht: 1. Die Berufung des Heinrich Wilhelm Fay III. und Genossen zu Grüningen wird, insoweit sie die Rubrik 12 des Voranschlags (Waag- und Eichanstalten) betrifft, zurückgewiesen. 2. Die Berufung des Heinrich Wilhelm Fay 111. und Genossen zu Grüningen wird, insoweit sie die Rubrik 24 (Gehalt der Gemeindeschwester) betrifft, als unbegründet zurück- gewiesen. 3. Der Berufung des Feld- schützen wird stattgegeben und unter teilweiser Aufhebung der erstinstanzlichen Entscheidung der Einspruch der Reklamanten gegen Rubrik 36 des Voranschlags (Gehalt des Feldschühen) als unzulässig zurückgewiesen.
Die Kosten des Verfahrens fallen den Rekla» manten als Gesamtschuldner zur Last.
Daten für Mittwoch, den 7. März.
Sonnenaufgang 6.33 Uhr, Sonnenuntergang 17.50 Uhr. — Mondaufgang 18.54 Uhr, Monduntecgang 7.23 Uhr.
1714: Friede zu Rastatt, Ende des Spanischen Erbfolgekrieges; — 1829: der Industrielle Albert Borsig geboren (gestorben 1878); — 1850: Thomas G. Ma- saryk, Präsident der tschechoslowakischen Republik, in (Böbing (Mähren) geboren; — 1921: Abbruch der Londoner Konferenz (1. bis 7.); die Entente besetzt Ruhrort, Duisburg und Düsseldorf; —1926: Beginn der Völkerbundssitzung in Genf zur Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund (bis 17. März).
Gießener Wochenmarktprcise.
Es kosteten auf dem heutigen Wochenmarkt. Butter 150 bis 170, Matte 30 bis 35. Wirsing 35, Weißkraut 20. Rotkraut 35, gelbe Rüben 15 bis 20, rote Rüben 20. Spinat 40, Unter» Kohlrabi 10 bis 12, Rosenkohl 50 bis 65, Feldsalat 150 bis 180, Endivien 100 bis 120. Tomaten 120 bis 130, Zwiebeln 25, Meerrettich 40 bis 80. Schwarzwurzeln 40 bis 65, Kartoffeln 5 bis 5.5. Aepsel 10 bis 20, Dirnen 10 bis 15, Suppenhühner 100 bis 120 Pf. das Pfund; Käse (10 Stück) 60 bis 140 Pf.; Eier 11 bis 12. Blumenkohl 60 bis 180, Salat 20 bis 35. Lauch 10 bis 15, Rettich 10 bis 30, Sellerie 10 bis 50, Tauben 60 bis 70 Pf. das Stück.
Vornotizen.
— TageskalenderfürDienstag. Stadttheater: 7.30 Uhr, „Der eingebildete Kranke" (Ende gegen 9.30 Uhr). — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Der Alte Fritz".— Astoria-Lichtspiele: „Der schwarze Satan".
— Aus dem Stadttheaterbureau wird uns geschrieben: Am Mittwoch. 7. März, kommt, neu einstudiert. Gerhart Hauptmanns Malerkomödie „Kollege Crampton" zur Aufführung. Kein geringerer als Albert Basser- mann hat durch seine meisterhafte Verkörperung des genialen Bohemiens dieses packende Wert dem deutschen Publikum vertraut und wert gemacht. Die Titelrolle ist hier durch Herrn G e f - fers vertreten, den Fräulein Scherer, sowie die Herren Tanner t. Hennig und Goll in größeren Aufgaben unterstützen. Die Einstudierung leitet Herr Telekh.
— Der ®emerbeoerein Höll am Mittwochabend eine Mitgliederversammlung ab, in der u. a. die Wahl zur Handwerkskammer getätigt und über „Gewerbeförderung" berichtet werden soll. (Siehe gestrige Anzeige.
**MahnungzurDorsichtinWaldund Flur. Wie jedes Jahr im Vorfrühling, so werden auch jetzt bereits mehrere Wald- und Grasbrände gemeldet. Erfahrungsgemäß sind diese Brände zu neun Zehnteln auf Unvorsichtigkeit und Gedankenlosigkeit von Spaziergängern und sonstigen Passanten zurückzuführen. Beim Anzünden der Pfeise, der Zigarre oder Zigarette wird fahrlässig und achtlos das noch glimmende Streichholz weggeworfen. Cs kommt in strohdürres Gras zu liegen, das im Ru Feuer fängt, und ehe sich der Missetäter auch nur recht besinnt, was er angestellt hat, steht ein Iunghol; in Hellen F am- men. Vielfach werden auch Zigarren- und Ziga- rettenrefte glimmend weggeworfen, g ühen am trockenen Boden weiter und in kurzer Zeit ist auch hier ein Waldbrand fertig. Iedes Frühjahr gehen auf diese Weise erhebliche Werte zugrunde. Selbstverständlich ist der Urheber eines so'chen Waldbrandes strafbar und auch zivilrechllich für den angerichteten Schaden voll verantwortlich. Wir erheben daher den Ruf: Schont Wald und F1 u rl Denkt gerade jetzt, wo draußen noch alles dürr und trocken ist, an die Gefahr von Waldbränden! Uebt Vorsicht beim Rauchen im Walde, soweit das in der jetzigen Iahreszeit vernünftigerweise nicht Überhaupt ganz unterlassen werden sollte.
" Ein feines Täßchen Kaffee! Eine sungverheiratete Frau "in einer Straße nahe der Lahn bereitete dieser Tage einem Besuche aus der Umgegend eine nicht alltägliche Kaffee» Ueberrraschung. Zu Ehren der Gäste wollte das junge Frauchen einen ganz besonders feinen Kaffee auf Öen Tisch bringen. 3n einem guten Geschäft wurden die teuersten Kaffeebohnen erstanden, die überhaupt da waren. Sin neuer Kaffeekessel wurde gleichfalls mitgebracht, damit das gute Schälchen nach jeder Richtung hin etwas Apartes habe. Da das junge Frauchen aber nun einmal beim Einkäufen war, schaffte es sich auch gleichzeitig ein hübsches, neues Lackleder-Portemonnaie an. in das es den größten Teil des eben vom lieben Ehegatten heimgebrachten Monatsgehaltes hineinsteckte. Um das Portemonnaie mit Inhalt bei der Aufregung des Einkaufsgeschäftes jedoch nicht zu verlieren, wurde es der Sicherheit halber in dem neuen Kaffeekessel verstaut. Heimgekehrt dachte das Frauchen nur noch an den guten Kaffee für die Gäste, aber nicht mehr an das Portemonnaie mit seinem wertvollen Inhalt. Der Kaffeekessel wurde mir Wasser gefüllt, dieses zum Kochen gebracht und dann dec inzwischen gemahlene Ka fee hinein- getan. Bald erschienen auch die Gäste, denen nun das feine Täßchen Kaffee vorgesetzt wurde. Aber o weh! Die Besuchecinnen verzogen beim Kaffeetrinken das Gesicht recht merklich, und auch dein Frauchen kam der Geschmack des Kasiees sehr komisch vor. Bei diesem feinen Kai fee blieben die Gäste nicht lange, sondern sie empfahlen sich bald wieder, und kaum waren sie fort, als die junge Frau den merkwürdigen Kasfeege chmack aufzullären sich bemühte. Dabei fand sie gar bald, daß in dem Kaffeekessel nicht nur die teueren Kasieebohnen, sondern auch das Lackleder-Portemonnaie und sein Papiergeldinhalt feste mitgekocht worden war. Run war dem guten Frauchen der merkwürdige Kaffee- geschmack erlläclich. Sie soll nicht gerade ein entzücktes Gesicht gemacht haben, als sie diese Ausilärung gefunden hatte. Das Lack.edeme war natürlich hinüvec, und von den Geldscheinen versuchte dann das junge Ehepaar durch Trocknen und Ausbügeln dec Scheine zu retten, was noch zu retten war. An diese Kasfeetasel werden sie aber noch lange zurück, enken.
** Autoomnibuslinie Ridda — Hirzenhain. Am Sonntag wurde in einer stark besuchten Versammlung in Hirzenhain beschlo sen, im Rahmen des Zweckverbandes Ridda-Ulsa die Autoomnibuslinie Ridda — Hirzenhain in Betrieb zu nehmen. Die Linie soll durch den Zweck- oerbanb zunächst für zwei Jahre betrieben werden. Während dieser Zeit soll es den Gemeinden jederzeit freistehen, die Ausdehnung des Zweckverbandes auf sämlliche angeschloßenen Gemeinden zu verlangen. Ein etwa während dieser Zeit entstehendes Defizit soll von den angeschlossenen Gemeinden nach Maßgabe ihrer Seelenzahl aufgebracht werden, soweit es nicht aus Heber- schüssen der anderen Strecken gedeckt werden kann. Die Fahrpreise wurden auf ca. 9 Pf. je Kilometer festgesetzt. Für den Arbeiterverkehr sollen die Fahrpreise auf 50 Proz. der normalen Preise gestellt werden. Weiterhin sand ein oorläufiqer Fahrplan Genehmigung, der werktäglich drei Doppelsahrten vorsieht, von denen zwei besonders der Arbeiterbeförderung dienen. Auch für die Sonntage sollen zwei Doppelfahrten vorgesehen werden, die die Verbindung mit den Morgen- und Abendzügen Herstellen soll. Ob sich die geplante Erweiterung der Liniensiihrung über Schwickartshausen ermöglichen läßt, soll durch Versuche fest- gestellt werden. Die endgültige Beschlußfassung und Dertragsunterzeichnung blieb einer demnächst abzuhaltenden Versammlung Vorbehalten.
Amtsgericht Gießen.
Gießen, 2. März. Wegen Be trugs hatten sich sechs ehemalige Arbeitslose zu verantworten, denen Strafbefehle zugegcurgen waren. Sie hatten sich Erwerbslosenunterstützung auszahlen fassen, obgleich sie in Arbeit standen. Vier von ihnen nahmen zu Beginn der Hauptoerhandlung ihren Einspruch zurück. Gegen die zwei übrigen wurden wegen Betrugs Geldstrafen von je 15 Mark, im Falle der Uneinbringlichkeit drei Tage Gefängnis, erkannt. Beide hatten den Staat um etwa 15 Mark geschädigt.
In L. drang ein Handwerksmeister in die Schule ein, um sein Töchterchen zu holen, dem vom Lehrer der Urlaub verweigert worden , war. Es kam zu einem heftigen Auftritt mit | dem Lehrer und dem Rektor der Schule. Dieser ! verwies den Angeklagten aus dem Schulhaus. ! Dem kam der Angeklagte nicht nach, sondern j nahm fein Kind mit. Wegen Hausfriedens- i bruchs erhielt er hierfür eine Geldstrafe ' von 30 Mark. Die Schulbehörde war zunächst ; bemüht, die Sache in Güte zu regeln. Der An- > geklagte sollte eine Buße zahlen. Im Verlauf dieser Verhandlung schrieb der Angeklagte einen beleidigenden Brief an den zuständigen Schulrat. In diesem Brief warf er dem Schulrat vor, dieser liehe sich unter Umständen von politischen und nicht von sachlichen
Interessen tat seiner Amtsführung leiten. Deshalb wurde wegen Beleidigung auf eine weitere Strafe von 20 Mark erkannt. Hätte der Angeklagte sich auf den vom Schulamt vorgeschlagenen Vergleich eingelassen, bann wäre er erheblich billiger davongekommen.
Freigesprochen wurde ein weiterer Angeklagter, der durch einen Beaufttagten ohne Straßenhest Straßenhandel betrieben haben soll. Es konnte nicht nachgewiesen werden, inwiefern der Angeklagte mit dem Straßenhandel des Dritten etwas zu tun hatte.
Schöffengericht Gießen.
• Gießen. 5. März. Der Einbruchs - dieb stahl in der hiesigen Ortskrankenkasse im September 1925, bei dem den Einbrechern ein ganz erheblicher Geldbetrag in die Hände gefallen war. bildete den Gegenstand der heutigen Verhandlung, die sich bis in die späten Abendstunden ausdehnte. Angeklagt waren Die aus der Straf- bzw. Untersuchungshaft vorgeführten Anton Zalubski und Gustav Walz, beide polnische Staatsangehörige. Obwohl beide Angeklagte die Tat bestritten und sogar ableugneten, sich jemals schon gesehen zu haben, wurden sie doch auf Grund der zusammengetragenen lückenlosen Indizienbeweise der Täterschaft einwandfrei überführt. Richt zuletzt trug dazu ein Rotizbuch bei, daß bei einem kurze Zeit nachher in Magdeburg gleichfalls in der Ortskrankenkasse begangenen Einbruchsdiebstahl, bei dem der heutige Angeklagte Zalubski auf frischer Tat ertappt und festgenommen wurde, von den Tätern am Tatort zurückgelassen worden war. Darin befanden sich Rotizen, die nach dem von dem Schriftsachverständigen, Gerichtschemiker Prof. Dr. Popp erstatteten ausführlichen Gutachten nur von der Hand des Angeklagten Walz herrühren. Andererseits war der von den Angeklagten angebotene Alibibeweis vollkommen mißlungen. Beide wurden des ihnen $ur Last gelegten Einbruchsdiebstahls für schuldig befunden und Za - I ub f f i unter Einbeziehung der durch das Schöffengericht Magdeburg erkannten Strafe zu einer Gesamtstrafe von 3 Jahren 1 Woche Zuchthaus und Walz zu 2 Iahren Zuchthaus verurteilt. Außerdem wurden den Angeklagten die bürgerlichen Ehrenrechte auf die Dauer von 5 Jahren aberkannt und die Stellung unter Polizeiaufsicht für zulässig erklärt.
Zubelgautag des O. H. B.
WSR. Frankfurt a. M., 4. März. Dec am Samstagnachmittag eröffnete 2 5. Gautag des Deut sch nationalen Handlung s- gehilfen-Verbandes wurde in Anwesenheit von 350 Stimmführern und Ortsgruppenvertretern, sowie zahlreicher Ehrengäste vom Gau- vorsteher Auerbach eröffnet. In einer längeren Eröffnungsansprache schilderte der Redner das Werden des Main-Weser-Gaues im D. H. V., um dann auf die gegenwärtigen Verhältnisse sowohl des Verbandes, als auch auf die seiner Arbeitsgebiete einzugehen. Von den vertretenen Ortsgruppen wurde eine große Anzahl Beitrittserklärungen, die in den letzten Tagen bei ihnen eingegangen waren, unter lebhaftem Beifall überreicht.
Eine starke Debatte entwickelte sich bei dem Bericht über die gewerkschaftlichen Arbeiten. Don vielen Seiten wurde daraus bin» gewiesen, daß das heutige Realeinkommen der Angestellten durchaus ungenügend sei und bei den jetzt bevorstehenden Tarif Verhandlungen unbedingt ein Ausgleich, insbesondere auch gegenüber der Deamtenbesoldung, geschaffen werden müßte. Eine entsprechende Entschließung hierzu wurde einstimmig angenommen.
Bei der Besprechung der sozialpolitischen Arbeiten wurde viel über die ungenügende Durchführung der Sonntagsruhe- und Ladenschlußbestimmungen geklagt. In einer Ent chließung wird daher sowohl von den oberen DerwaltungZbe)örd n, insbesondere von den zuständigen preußische und hessischen Ministerien schärfste Anweisung an die Polizeiorgane verlangt, die zahlreichen Ueber- tretungsfälle unnachsichtlich zur Anzeige und Bestrafung zu bringen, damit dem Gesetz auch in dieser Beziehung Genüge werde.
Dem Gauvocstand wurde einsttmmig Entlastung erteilt und seine durch Amtsablauf aus- geschiedenen Mitglieder wiedergewählt.. D:r Voranschlag für 1928 wurde genehmigt. Auch über die Delegierten zum diesjährigen Verbandstag herrschte auf dem Gautag Einmütigkeit, so daß die von den Kreisen vorgeschlagenen Abgeordneten bestätigt wurden. Zum nächstjährigen Tagungsort wurde nach kurzer Aussprache Bad Kreuznach gewählt.
Die Fortsetzung des Gautages folgte am Sonntagvormittag 10 Uhr. Aus Anlaß des V o 1 k s-l trauertages wurde mit einem Orgelspiel „Totenklage" durch den Organisten Sauer (Cronberg) die Tagung eröffnet. In seiner An- spräche gedachte Gauvorsteher Auerbach der im Weltkrieg Gefallenen, insbesondere d:r vielen gefallenen Mitglieder des Verbandes. Rach einem weiteren Orgelspiel folgte sodann der Vortrag des Schulrats H a s s i n g e r (Darmstadt). Direktor der Zentralstelle zur Förderung der Volksbildung und Jugendpflege in Hessen, über „Wege von Stand und Beruf zur Bildung von Mensch und Volk". Die klaren, tiefgründigen Ausführungen des Redners fanden außerordentlich starken Wi.erhall. Die anschließenden Ausführungen des Kccisgeschä t> sührers Klaue (Frankfurt a. M.) über „Die Durchführung der Bildungsaufgaben in den Ortsgruppen des D. H. D." lösten eine wert- und gehaltvolle Aussprache aus, und ein packendes Schlußwort des Verwaltungämitglie^es M. Habe r m a n n (Hamburg) gab der Tagung einen würdigen Ausklang.
Ein Festabend in beiden Sälen des Saalbaues anläßlich der 30-Iahr-Fcier des Gaues Main-Weser im D. H. V. vereinigte etwa 2000 Personen. Ansprachen. Musik. Gesang und Vorführungen des Gesamtballetts des Opernhauses verhalfen dem Abend zu einem vollen Erfolg.
Berliner Börse.
Berlin, 6. März. (WTB. Funkspruch) Da auch im heutigen Frühverkehr von einer Entspannung des Geldmarktes kaum etwas zu merken ist, bleibt die Spekulation zurückhaltend. Man ' ort die etwas festeren Kurse des gestrigen Nachmittagsverkehrs. Z.-G.-Farben 254,5 (Geld), Siemens 266,5 (Geld), Polyphon etwa 284. Am Devisenmarkt nennt man Paris gegen London 124,02, Mailand 92,405, Ma drid 28,90, London gegen Kabel 4,8790 und die Reichsmark gegen Kabel 4,1830.


