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satzlieber das Glöckchen im Oberhessischen Musum* (Heimat im Bild" desGießener Anzeigers" vom 18. Dezember 1924) Kalbfleischs Fähigkeit, auch den Fernerstehenden an seiner Facharbeit teilnehmen zu laffen.

Dem feinsinnigen Gelehrten, dem vorbildlichen Lehrer, dem selbstlos schaffenden Mann gelten die warmherzigen Sympath.en und besten Wünsche aus den Kreisen der Wissenschaft und seiner Gießener Mitbürger.

Graf Zeppelin" über Gießen.

Oeute früh kurz nach 5.30 Uhr wurden viele Ein­wohner unserer Stadt durch ein ganz ungewöhn­liches Geräusch aus dem Schlafe geweckt. Zunächst konnte mau vermuten, daß eine große Lastkrast- wagen kolonne mit stärksten Motoren in außer- orktenilich raschem Tempo und demevtspreche.lder Geräuschentwicklung die Stadt passiere. Jedoch im nächsten Augenblick wurde man gewahr, daß das gewaltige (Bebraufe aus der Luft kam, und sogleich sah man am nächtlichen Himmel zwei erleuchtete Stellen sehr rasch einherziehen. Das Luftschiff «Graf Zeppelin" überflog auf der Fahrt nach Berlin unfere Stadt. Vie Uhr zeigte 5.40, als man den erhebenden Anblick dieses grandiosen Ereignisses genießen konnte. Man sah au dem völlig dunNen Himmel deutlich die lpo- sitionslaleme und die erleuchtete Kabine des Luft­schiffes. Manche Mitbürger, namentlich in den Außenbezirken, wo die Sicht durch den Unterfchied zwischen der Straßenbeleuchtung und dem finstern Himmel nicht beeinträchtigt wurde, wollen sogar die Umrisse des Luftschiffes bemerkt haben. Leider war das denkwürdige Erlebnis nur von ganz kurzer Dauer, denn innerhalb weniger Minuten war der Graf Zeppelin" unter riesigem Gebrüll seiner fünf Motoren in raschem Fluge nach den höhen des Lumdatales zu dem Meichbild unserer Stadt ent­schwunden. Ls würde von unserer Bürgerschaft mit Freude begrüßt werden, wenn vr. Eckener auf dem Rückfluge von Berlin seinen Kurs wie» der über Gießen nehmen und es dadurch der hiesigen Einwohnerschaft ermöglichen würde, das Luftschiff bei Tage hier sehen zu können.

Zeppelin über uns.

Es fuhr wie mit Drgelbraufen Der Zeppelin übers Land daher, Wir hörten das mächtige Sausen, Das dröhnt' über Land und Meer.

Es leuchteten feine Lichter In finsterer Erdennacht Als säh'n wir wie im Gesichte Ein Deutschland in neuer Pracht!

Flieg, Genius, du König der Lüfte, Vergessen laß uns die Zeit--

Es siegt über Kummer und Grüfte Die deutsche Ewigkeit.

Franz Gros.

Oie Universität an Or. Eckener.

Se. Magnifizenz der Rektor der Landesuniversität, Professor Dr. H e r z o g, hat am Samstag folgendes Telegramm an Dr. Eckener geschickt:Universität Gießen sendet dem Bezwinger des Ozeans begei­sterte Glückwünsche und erhofft seinen B e s u ch auf der Fa^rt nach Berlin. Der Rektor: Herzog."

Daten für Dienstag, 6. November 1928.

Sonnenaufgang 7.02 Uhr, Sonnenuntergang 16.25 Uhr. Mondaufgang 0 Uhr, Monduntergang 14.53 Uhr.

1771: Alois Senefelder, Erfinder des Steindrucks, in Prag geboren; 1865: der Schriftsteller Karl Alexander von Gleichen-Rußwurm auf Schloß Grei­fenstein geboren; 1893: der Komponist Peter I. Tschaikowsky in St. Petersburg gestorben.

Bornotizen.

Tageskalender f ü r Montag. Deut­scher Sprachverein: Mittelhochdeutsche Schriftsprache, 8.30 Uhr, im Geographischen Institut, Brandplatz.

Aus der provinzialhauptstadi.

Gießen, den 5. November 1928.

MveiHWproleffor Dr- Karl KalvsteW.

Dr. phil. Dr. weck. h. c. Karl Kalbfleisch, ordentlicher Professor der klassischen Philologie an der Landes-Universität Gießen, beging cm Samstag, 3. November, seinen 6 0. Geburts­tag. Da uns rnUgeteilt wurde, daß er diesen Tag ganz in der Stille außerhalb Gießens be­geben möchte, haben wir die Würdigung seiner Persönlichkeit diS heute zurückgehalten.

Karl Kalbfleisch wurde am 3. November 1868 in Gelnhausen geboren; er besuchte das Gymna­sium in Hanau und studierte in Leipzig und Ber­lin klassische Philologie, wobei er besonder« dem vor mehreren Jahren verstorbenen Hermann Diels in Berlin nähertrat. Sckwn in seiner Dof- tordissertation (1892) wandte sich Kalbfleisch dem Gebiet zu, das ihm nachhaltige Förderung ver­dankt, den Schriften des Arztes und Philosophen Galen aus dem 2. Jahrhundert nach Christi. Im Jahr 1896 habilitierte sich Kalbfleisch in Frei­burg; seine akademische Laufbahn führte ihn 1900 al« Extraordinarius nach Rostock, 1903 nach Mar­burg, tob er seit 1904 Ordinarius war. Seit 1913 wirkt er als ordentlicher Professor an der hessischen Landes-Universität.

Diie wissenschaftlichen Arbeiten imb Erfolge Kalbfleisch« liegen vor allem auf zwei Gebie­ten, der griechischen Medizin und der Papyrolo­gie. Seine Fähigkeit und Neigung, selbst hinter Der behandelten Sache zurückzutreten, mit aller eigenen Leistung nichts zu erstreben als ein reines Bub und ein völliges Verständnis eines antiken Werkes wies ihn auf das entsagungsvolle Amt der Herausgabe griechischer Schriften und Pa­pyri. Kalbfleisch ist Mitarbeiter an der Aka­demieausgabe der griechischen Aerzte, er schenkte der Wissenschaft eine Aeihe ausgezeichneter Aus­gaben von medizinischen und philosophischen Schriften (besonders Galens), die jedem Fach­mann bekannt sind. Eine äußere Anerkennung fanden diese auf die Geschichte der antiken Medi­zin gerichteten Bemühungen in der Verleihung des medizinischen Ehrendoktors durch die Uni» versität Aostock im Jahre 1919.

Man wurde jedoch die Wirksamkeit Kalbfleischs nicht richtig einschätzen, wenn man nur seine eigenen Arbeiten im engeren Sinne betrachtete und nicht all da« in Rechnung stellte, was er als akademischer Lehrer gewirkt, was er angeregt, gefördert, organi­siert hat. Die peinliche Gewissenhaftigkeit, die er selbst bei seinen Arbeiten beobachtet, läßt schon den jungen Studenten etwas von der hingebungsvollen Gesin- nung spüren, die wahre Wissenschaft ausmacht. An­derseits ocrftebt es Kalbfleisch durch seine Gabe, sich in andere Menschen zu versetzen, jeden nach seinen Kräften zu fruchtbarer und befriedigender eigener Arbeit zu fuhren. So wird seiner Anregung z. B. eine Reihe tüchtiger Dissertationen zu Galen ver­dankt.

Noch deutlicher wird vielleicht die Wirksamkeit Kolbfleischs auf seine Schüler und sein Wissenschaft' liches Organisationstalent auf dem andern oben er­wähnten Spezialgebiet, der Papyrologie. Seinem In- t treffe und seinen Bemühungen verdankt es Gießen zum großen Teil, wenn es heute außer der Papyrus- fammfung des Museums über zwei ansehnliche Sammlungen verfügt, die der Universitätsbibliothek und die Janda-Papyri. Diese Sammlung hat Kalb» fleisch im Jahre 1906 begründet und nach dem Geln- häufet Duchdruckergeschlecht, dem seine Mutter ent­stammte, benannt. Die Janda-Papyri werden von Kalbfleisch unter Mitwirkung seiner Schüler heraus­gegeben.

Dos Vertrauen der Universität berief Kalbfleisch in schwerster Zeit, bei der ersten Rektoratswahl nach her Revolution, zum Rektorat für das Jahr 1919/20. Bereitwillig brachte er die Opfer an Zell und Kraft, die ihm dieses Amt damals auferlegte.

Eine Erinnerung an dieses Rektorat bildet die Rede zur UniversitätsfeierDie Demokratie im Urteil griechischer Denker", in der er versuchte, gegenüber der schmerzlich-ungewissen Gegenwart Ruhe und Sammlung aus den Geistern der Antike zu ge­ronnen. Diese Rede zeigt, wie der VortragGrie­chische Familienpapiere aus Aegypten" und der Auf­

Oer Beirugsprozeß in Gießen.

8. Derhandlungrtag.

* Gießen, 3. Noo. Die heutige Sitzung des Er­weiterten Schöffengerichts begann mit der Verneh­mung eines Bankdirektors, der auf Antrag der Verteidigung geladen war. Dieser Zeuge war in einer anderen mit dieser Sache zusammenhängenden Strafsache von einem auswärtigen Gericht mit der Erstattung eines Gutachtens über die bei der Spar- koste Rodheim von H. hinterlegten Sicherheiten be­auftragt worden. Heule sollte er darüber Auskunft geben, welche Angaben ihm seinerzeit der Rendant der Sparkasse über den Zweck eines von H. der Spar- koste gegebenen Hypothekenbriefs über 10 000 Mark gemacht hatte, doch konnte der Zeuge nach dieser Richtung hin nichts Bestimmtes mehr sagen.

Sodann wurden die Buchersachverständi- gen gehört. Die Erstattung ihres sehr umfang- reichen Gutachtens nahm mehrere Stunden in An­spruch. Aus den Gutachten ging hervor, daß die An- gefiagten zunächst überhaupt keine Buchaufzelchnun-

gen gemacht hatten, sondern die Geschästsvorfälle zum größten TeU auf Zetteln vermerkt hatten. Auch nach Einstellung eines Buchhalters konnte von einer den gesetzlichen Anforderungen entsprechenden Buch' sührung keine Rede sein. Es fehlten für die (Einträge oft die Belege. Die Sachverständigen bezeichneten die Buchführung als unrichtig und lückenhaft und sprachen ihr jegliche Beweiskraft ab. Auch die von den Angeklagten in der Verhandlung vorgelegte, von ihnen als Eröffnungsbilanz bezeichnete Aufstellung, die mit einem Aktioum von mehreren tausend Mark abschließt, erkannten sie nicht als richtig an. Nach ihrer Berechnung war damals die Firma H. und R. schon überschuldet und zahlungsunfähig. Darauf ver breiteten sich die Sachverständigen sehr eingehend über die Kontobewegungen und Kontostönde der Angeklagten bei den einzelnen Banken, mit denen sie Im Jahre 1925 in Geschäftsverbindung standen.

Alsdann wurde die Weiterverhandlung auf Diens­tag vertagt.

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Schützenverein Gießen: Monatsversammlung, 7.30 Uhr. V. v. Elsaß-Lothringer: Monatsversammlung, 8.15 Uhr, im Hotel Köhler. 117er: Versammlung, 8 Uhr, bei Sieck, Hammstraße. Lichtspielhaus, Bahnhofstraße:Charlie Chaplin itr Zirkus". Aftoria-Lichtspiele:Der Ueberfall auf den Süd- expreß."

Stadttheater Gießen. Aus dem Stadttheaterbureau wird uns geschrieben: Als zweite Morgenfeier istDer Ackermann aus Böhmen" von Johannes von Saaz vorgesehen. Wegen des außerordentUchsn Erfolges der ersten Morgenfeier wird auch diese Veranstaltung am Vormittag, und nicht, wie angezeigt, am Abend stattfinden. Morgen. Dienstag, 20 Uhr, fin­det die letzte Abonnentenvorstellung von Arncll) und Dachs SchwankUnter GeschäftSaufsicht" statt. Als nächste Klassikevaufführung istDon Karlos in einer Neuinszenierung vorgesehen.

Der Goethe-Bund hat zu seinem ersten d'.eswinterlichen Dichterabend am kom­menden Donnerstag den flämischen Dichter Felix Timmermans eingeladen. Es ist von beson­derer Bedeutung für Gießen, daß Timmermans auf seiner Deutschlandreise zu einer Vorlesung aus eigenen Werken auch nach hier gewonnen worden ist. Vicht allein, was er uns aus seinem Werk vermittelt, sondern, daß er es vermittelt, bedeutet für geistig und künstlerisch interessierte Kreise ein ganz besonderes literarisches Ereig­nis. (Siehe heutige Anzeige.)

* Aufhebung der Sperre in der K a I s e r a 11 e c. Die Sperre der Kaiserallee zwischen Mottkestraße und Alter Rödger Weg ist feit gestern wieder aufgehoben, da die Neubefestigung der Fahr­bahn beendet ist.

*e Oesfen tliche Bücherhalle. Im Ok­tober wurden 1187 Bände ausgeliehen. Davon kommen auf: Erzählende Literatur 823, Zeit­schriften 63, Jugrndschriften 62, Literaturgeschichte 7. Gedichte und Dramen 20, Länder- und Völker­kunde 62, Kulturgeschichte 1, Geschichte und Bio­graphien 69, Kunstgeschichte 19, Aaturwissenfchast und Technologie 35, Heer» und Seewesen 6, Haus- und Landwirtschaft 2, Gesundh:itslehre 2, Aeligion und Philosophie 11, Staats Wissenschaft 5, Sprachwissenschaft 2, Fremdsprachliches ein Band. Aach auswärts kamen 9 Bände.

Oberhes fifcher Verein für Innere Mission. Anläßlich der 50-Jahrfeier des Vereins am morgigen Dienstag, 6. November, beginnt die öffentliche Jahresversammlung vormittags 10.30 Uhr im Saal der Johanneskirche. Nach dem geschäft- lichen Teil wird Professor D. Dr. Cordier einen Vortrag halten über:Die Krisis der modernen Wohlfahrtspflege und die Innere Mission". Der Festgottesdienft abends 6 Uhr in der Stadtkirche ist liturgisch besonders schön ausgestaltet; es wirken mit der Kirchengesangverein und der trefflich ge­schulte Knabenchor der Stadtkirche. Festprediger ist der Direktor des größten Inneren Missionswerkes unseres Landes, der Niederramftädter Anstalten,

Pfarrer Schneider. Abends um 8 Uhr findet für weitere Kreise im Saale des Cafe Leib in der Wall- torstraße ein Familienabend statt, bei dem der be kannte Sozialpolitiker und Theologe Prof. D e i b t (Herborn) einen Vortrag halten wird über:Innere Mission und soziale Frage". Der Abend wird noch verschönt werden durch musikalische Darbietungen. Alle Evangelischen sind dazu eingeladen. Der Zu­tritt zu allen Veranstaltungen ist unentgeltlich. (Siehe Anzeige vom Samstag.)

* Justlzpersonalien Ernannt wurden: der Justizinspektor bei dem Amtsgericht Herbstein Adam Petermann zum geschäftsleitenden Justiz­inspektor bei demselben Gericht, der Justizinspektor bei dem Amtegericht Hungen Eberh. Josef T r a d b zum geschäftslettenden Justizinspektor bei demselben Gericht, 1>eide mit Wirkung vom 1. Oktober an.

"ZweiAchtzigjährige. Ihren 80. Geburts­tag begehen morgen unsere Mitbürger Georg O ck e l. In Löbers Hof 5 wohnhaft, und Heinrich D e m u t h, Ludwigsplatz 3 wohnhaft. Die beiden allen Herren sind Veteranen von 1870/71.

** Sanitäts-Ausbildungs kursus. Die Freiwillige Sanitätskolonne vom Roten Kreuz be­ginnt am kommenden Donnerstag In ihrem Kolon­nendepot, Sonnenstraße 2, mit einem neuen Aus­bildungskursus in der ersten Hilfeleistung bei Un­glücksfällen. Interessenten seien auf die heutige An­zeige hingewiesen.

** Tra gisches Ende einer Gießener Familie. E neu ergreifenden Abschluß fand in der letzten Aacht der g mrinsame Lebensweg eines hiesigen Ehepaares. Der Gatte, eine in Gießen und Umgegend hochgeachtete Persönlichkeit, war seit einiger Zeit schwer krank und verstarb in der letzten Vacht. Die Gattin, die nrtt inniger Liebe an ihrem Lebensgefährten hing, glaubte diesen schweren Verlust nicht überwinden zu kön­nen und folgte bald nach dem Hinfcheiden chreS Gatten diesem freiwillig in den Tod nach. Das bedauernswerte Ehepaar lebte In kinderloser Ehe.

D ie Buchhandlung der Pilaer- Mission weist im heutigen Anzeigenteil auf die Wiedereröffnung der renovierten Laden­räume hin. Im Jahre 1909 gegründet, entwickelte sie sich in ungeahnter Weise und konnte im Jahve 1919 ein eigenes Geschäftshaus in der Plockstr. 4 beziehen. Don der Evangelischen Svnderschau aus der Pressa in Köln erwarb sie die Ein­richtung der Evangelischen Musterbuchhandlung und hat diese jetzt in ihren Räumen In geschmack­voller Weise aufgebaut. Die Buchhandlung lädt hx der heutigen Anzeige alle Freunde des guten BucheS zur Besichtigung ein.

** Austrieb zum heutigen Frankfur­ter Schlachtviehrnarkt: 415 Ochsen, 82 Bul­len, 708 Kühe, 481 Färsen, 502 Kälber, 102 Schafe, 5199 Schweine.

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