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Nr. 150 Zweites Blatt

Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Dienstag, 5. Juni (928

Oesterreich.

Don Ren6 Kraus»Wien.

Die nachfolgenden Aufsätze gewinnen für den Reichsdeutschen vielleicht gerade da­durch ein besonderes Interesse, daß sie österreichische Probleme vom Stand­punkte eine- österreichischen Journalisten zeigen, der reichlich Ge­legenheit hatte, sein Vaterland von drinnen und draußen zu sehen. AuS diesem Grunde enthalten wir unS jeder eigenen Stellungnahme.

Folgende Nachrichten auS Oesterreich gingen in den letzten Togen durch die deutsche und vtel- foch auch durch die internationale Presse: Heute - der Republikanische Schutzbund (in Deutsch­land dem Roten Frvntkämpfcrbund eher ver­gleichbar als dem Reichsbanner Schwarz-Rvt- Gold) beschloß, in Hinkunft Scharfschießubungen au veranstalten, da die Heimwehr-Organisation der Bauern angeblich auch bewaffnete Manö­ver abhalten Gestern zur Erinnerung an den Kriegsausbruch, der die bekannte Verstümme­lung Tirols Aur Folge hatte,-flaggte das italieni­sche Deneraltonsulat in Innsbruck. Die stürmi­schen WiderspruchSlundgebungen der Bevölke- t g muhten durch eine Abteilung deS österreichi­schen BundeShcereS, die den italienischen Farben den Ehrensalut erwies, desavouiert werben. Liebrigens war ein Einvernehmen zwischen den Parteien des Tiroler Landtages bezüglich einer Protestresolution nicht herzustellen, so bah diese unterbleiben muhte. Vorgestern - in der al­pinen Montangesellschast. dem einzigen großen Industrieunternehmen Oesterreichs, dessen Aktien- mehrhckt sich übrigen- in reichSdcutschen Hän­den befindet, kam es zu einem politischen Streik, hervorgeruleu durch die Weigerung der Direk­tion, Arbeiter zu entlassen, die sich der sozialisti­schen Gewerkschaft nicht anschliehen wollten. Lind, all die Tage hindurch und alle anderen Sensatio­nen überragend: Frau Marie Ieritza, der ver­götterte, vor allem selbstvergöttcrte Star der Diener StaatSoper. drohte, ihre Beziehungen zu diesem Kunstinstitut ab^ubrechen, da sie bei einer Orden-Verteilung nicht besser behandelt worden war, alS die anderen Primadonnen auch. Festgcstellt sei, bah der Konflikt, der sich an diese Drohung einer unverstandenen Diva knüpfte, in der Oefsentlichkeit weit lebhafteren Widerhall sand. alS alle Staatskrisen zusammen.

Denn Oesterreich ist ein müdes Land und politikmüde ist seine Bevölkerung vor allem. Man schirnvft aus die ganze Weltgeschichte, an deren unerbittlichem Ablauf der Staat und der Wohlstand seiner Bevölkerung zerbrachen. Man ist Jtoirdeur gegen die eigenen Partcisührer. die von ihrer Hilflosigkeit im Sachlichen durch agi­tatorischen Radikalismus ablenken wollen. Trotz­dem ist die Wahlbeteiligung stärker, trotzdem sind die Gegensätze schärfer, trotzdem sind die Zu­sammenfi öhe und Katastrophen zahlreicher als in irgendeinem anderen Staat, in dem es keine nationalen Reibungen gibt. Hart im Raume stohen sich die Dinge. Der Raum, in den die Oesterreicher zusammengepfercht sind, i st zu klein. Das ist allgemein-deutsches Schick­sal der Nachkriegszeit. Aber in Oesterreich leh- Icn die Impulse, die die Grenzen sprengen. Hier gibt eS keine technischen und keine wirtschaft­lichen Drohtaten. aus die die Energie einer Ra­tion sich konzentrieren könnte. Hier gibt es kein vorwärtsdrängendes Tempo und keine steile Wic- derausbaukurve. Hier gibt eS nicht einmal eine planmähige Außenpolitik, die größere, konstruk­tivere Ziele als dieses haben könnte: vermeiden, daß irgendeine Funktionsstörung des europäi­schen Organismus gerade uns verletzt. Das allcv kann es in Oesterreich gar nicht geben. Und weil jeder nach außen gerichtete AuSbruch der latenten, oft zur Verzweiflung gesteigerten Hilflosigkeit, wie gerade ein Beispiel aus den

letzten Tagen erwiesen hat. zu keinem anderen Ergebnis führen kann. alS zu dem. dah öster- retchlsches Militär den Generalmarfch spielen muß zu einer neuen Demütigung, die uns an- Setan wird, ist eS schon ganz gut. wenn alle Enttäuschungen und alle Veäntterung sich in inneren Frrtiwnen auswirken, so wenig dieke auch fachlich begründet erscheinen mögen.

Die Kämpfe, die Oesterreich nicht zur Ruhe kommen lassen, find immer Machtkämpfe und niemals solche, die sich auS sachlichen Meinungs­verschiedenheiten ergeben. Obwohl beide Par­teien. zwischen denen der Kampf geht, ausge­sprochene Weltanschauungsparteien sind die eine vertritt den Marxismus, die andere den katholischen Klerllalismus. beide viel intran­sigenter, alS ihre Bruderparteien im Reiche. handelt eS sich in ihren Auseinandersetzungen doch nie um Fragen von prinzipieller Bedeutung Die Sozialdemokratie sucht immer neue Einflußsphären zu erobern. Die Christlich­sozialen bemühen sich zu retten. waS zu retten ist. Auf diese Formel läßt sich die ganze österreichi- sche Innenpolitik bringen

Man kann sie nicht verstehen, ohne der spezifi­schen Eigenart der österreichischen S o - ztaldemokratie gerecht zu werden. Ihre theoretische Schule, ans der übrigens auch Män­ner hervorgegangen find, die später in der rcichs- deutschen Partei eine große Rollen spielten, wie Hilferding. nannte man früher den .Austromar­xismus". Diese Bezeichnung hat mittlerweile ihre Bedeutung gewandelt. Heute bedeutet der Aus­druck .Austromarxismus" nicht mehr die Jung-Wiener Schule der marxistischen Gei­steswissenschaft. Heute ist er die Bezeich­nung für den radikalsten, intransigentesten, bestorganisierten, machthungrigsten, gefchicktesten. skrupellosesten politischen Sozialismus der Welt eben für den österreichischen. Der Austromar­xismus ist kleinbürgerlich und bolsche- wistelnd zugleich. Er organisiert die Staats­beamten wie alle anderen Kategorien von Lohn­empfängern. deren Unterbezahlung seine Agi­tation ausnützt, genau so wie die Mieter, auch die Besitzer ganz großer Wohnungen, die an der Aufrechterhaltung des gegenwärtigen Zustandes, in dem überhaupt keine Mieten gezahlt werden, interessiert sind. 11 gleichzeitig reklamiert er, wie sein intellektueller Führer Dr. Otto Bauer ausdrücklich auf dem letzten Parteitag erklärte, die .halbkommunistischen Wildlinge" für sich, also

jene Elemente, die die unglückseligen Zwischenfälle vom vergangenen Juli provoziert haben. Diktor Adlers, des genialen PaNeigründerS. Taktik, die Einheit der Aktion und der Bewegung um je­den Preis zu wahren, wird hier mit einer Meisterschaft befolgt, die einer größeren Sache würdig wäre Den Grundsatz .Lieber mit den Massen irren, alS gegen die Massen recht behalten!" haben beinahe gleichzeitig der Führer der reich-deutschen So­zialdemokratie Wels und der Führer der öster­reichischen Genossen Dr. Dauer au-gefprvchen. Während Wels diesen Grundsatz jedoch nur als Dersammlungsphrase gewertet wißen wollte, wie aus der Tatsache hervorgeht, daß er ihn im offi­ziellen Bericht über feine Rede unterdrücken ließ, ist diese zynische Phrase für Bauer e in Glau­bensbekenntnis. da- er nicht oft genug wiederholen kann. Ers kommt ihm eben nicht da­rauf an, ob man recht habe Daß man recht be­hält. daß man der Mächtigere ist daS ist alles.

Die Sünde des Austromarxismus liegt in sei­nem skrupellosen Kampf gegen die Staalsautori- tät Dieser vollständige Mangel an Autorität ist ja das Leiden Oesterreich- an sich. Der Staat ist außeroroentlich unpopulär. Außer den Verfassern des sogenannten Friedensvertrages von 6t. Germain hat lein Mensch ihn gewollt. Die Bevölkerung fühlt sich in diesem ungeliebten Staat wie in einem Konzentrationslager Ihre Strahendemonstrationen, ihre Schießübungen und ihre Streiks find Ausbrüche der Stacheldraht- krankheit. Und ohne Rückficht auf die Folgen, lediglich von seinem hemmungslosen Willen zur Macht geleitet, bläst der AustromarxiSmuS in- Feuer, das den Körper Oesterreichs durchglüht.

DaS Tauziehen der beiden Parteien, das Ge- Seneinanßertegicren bet Bundes-, Landes- und »emeindebehörden, die psychische Depression der Bevölkerung, der Mangel an Autorität im In­nern und nach außen, die Politik der Habel- stiche. benen Oesterreich bon seinen lieben Rach­barn fortwährend ausgesetzt ist. die bekannten wirtschaftlichen Schwierigkeiten, die in der schwer passiven Handels- und Zahlungsbilanz und in der besorgniserregend hohen Arbeitslosigkeit zum Ausdruck kommen, charakterisieren die Dauer­krise dieses Staates. Wie unendlich viel trotz­dem geleistet wurde, wieviel angestrebt wird und von einer Wandlung der Verhältnisse noch zu erhosfen ist. soll ein nächster Aufsatz skizzieren.

Geschichten aus aller Wett.

Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten. Tas HochzcitsschiffEmpreh of Australia".

(a) Reuhork.

DaS kanadische SchiffEmpteh os Australia" hat eine merkwürdige Berühmtheit erlangt. All­jährlich unternimmt es eine Weltreise, während der seine Passagiere weiter nichts zu tun haben. alS die Schönheiten der Srde zu betrachten und sich wähvend der Fahrt an Bord zu unter­halten. Jetzt ist die ..Smpreß os Australia" wieder nach Kanada zurückgekehrt, und alS das Schiff in den Hafen einlief. wurde der Kapitän befragt, was denn das bemerkenswerteste Ereig­nis während der Weltreise gewesen wäre. Rach einigem Besinnen antwortete bet Kapitän: ,.2 ch habe während dieser Fahrt zwölf Chenge stiftet,daSi st,bitte.einRe- kord. Ss kommt nämlich vor. daß Damen und Herren, die sich auf dem Schiffe kennenlernen, die Rückkehr des Dampfers nicht abwarten, son­dern sich schon während der Fahrt verloben und durch den Kapitän, der dos Recht hierzu hat, trauen lassen. Diesmal war solches also sogar mit 12 Paaren der Fall." Soweit der Kapitän. Als diese Nachricht durch die Presse ging, ge­schah das Sonderbare, daß wenige Tage später

sämtliche Kabinenplätze für die nächste Weltreise belegt waren. Aber der Kapitän hat wenig Hoffnung, diesmal seinen bisherigen Rekord in der ©bcftiftung au bre­chen, ja er glaubt nicht einmal, bah er ihn auch nur im entferntesten erreichen wird. Unter den neuen Passagieren derEmpreß os Australia" befinden sich nämlich, wie die kanadische Presse meldet, über 90 Prozent zwar äußerst heirats­lustige, jedoch in ziemlich vorgeschrittenem Alter befindliche Damen.

Der Einbrecher unterschreibt eine Quittung.

Pari-.

2n einem kleinen Saal des Postamtes von H., der ausschließlich dem Gelbverkehr diente, ar­beiteten zwei Beamtinnen kurz vor Schluß der Dienststunden an der TageSabrechnung. Da er­hielten sie einen verspäteten und wenig will­kommenen Besucher: einen maskierten Herrn, der die Damen, mit dem Revolver in der Hand, höflich ersuchte, ihm die Gelder auszuzahlen. Die eine Dame wurde beinahe ohnmächtig vor Schreck, die andere jedoch hielt eine kleine An­sprache an den Einbrecher:Da Sie uns mit der Waffe zwingen, wäre ein Widerstand zwecklos.

Ich würde Sic aber bitten, eine kleine Quittung zu unterschreiben, denn wir müssen den BcweiS erbringen. daß unter Leben gefährdet war, sonst wirb daS Geld vom Gehalt abgezogen." Rach kurzer Heberlegung erklärte sich der WaStierte bereit, die Quittung zu unterschreiben. Die tapfere kleine Postmeisterin forderte nun ,hve Kollegin auf. das Dell) tn der Kass« -u zahlen, und stellte ein Formular auS. Während der ganzen Zeit hielt der Besucher den Revolver hoch und bat wiederholt um größte Eile. Die ..Abrechnung" wurde denn auch ball) fertig, der Mann sollte 507 Pfund erhalten Die Post- mcifterin reichte ihm da- auSgefüllte Formular hin und der unvorsichtige Banbtt legte die Waffe auf den Tisch, um den Federhalter ergreifen zu können. In diesem Augenblick hielt ihm die Postmeisterin seine eigene Waffe unter die Rase: Hände hoch!" Der Gefoppte sab ein, baß er auSgespielt hatte, ergriff die Flucht, wurde aber dank der energischen Ikrolgung des schlauen kleinen Fräulein- gefaßt. SS stellte sich her­aus. daß der Mann bereits mehrere Postämter mit Erfolg erleichterte, bevor ihm die ..Quit­tung" den Hals brach. Sr wurde zu elf Mo­naten Zwangsarbeit verurteilt, wahrend die ebenso pfiffige wie bclbenmütige Postmeisterin ein größeres Geldgeschenk von ihrer vorgesetzten Behörde erhielt.

EinMrrnlbrnmfl.

(r) Amsterdam.

Schauplatz Medan in Niederländisch Indien. Erster Akt: Sin Ehinefc der Raine klingt wie ein paar Gongschläge und tut nicht- zur Sache - erhält von einem Schuldner an Zah- lungsstatt das gesamte Inventar für eine Arrak- brcnncrci. Diese nützliche und für viele Mit­menschen so erfreuliche Xätigtett ist in Qliebcr- ländisch-Indien an eine ziemlich kostspielige be­hördliche Lizenz gebunden. Aber eS wäre doch jammerschade, alle diese Retorten und Bottiche unbenutzt verrosten und verschmutzen zu lassen. Infolgedessen beginnt unser Chinese heimlich mit den ersten Prozeduren der auch anderswo belieb­ten Schwarzbrennerei.

Sine neue Person tritt just in diesem ungeeig­neten Augenblick auf:Master OppaS" (der Herr Aufpasser«, wie die joviale Bezeichnung deS Polizeirechercheurs in Niederländisch-Indien lautet. Er erwischt den Ehinesen aus frischer Tat vor einem Bottich mit gegorenem ReiS

Schweigen aus beiden Selten. Dann ein laute-, gutturales, beschwörendes Lamento des Ehinesen. Master Oppas' bleibt stumm, beginnt dann aber säst unmerklich mit einer sehr bedeutsamen Zeichen- imb Gebärdensprache. Der Chinese stutzt, lächelt bann und erwidert auf dieselbe Art und Weise. Die Pantomime wird heftig in dem Mo­ment. da .Master Oppas" zwischen zwei Wolken aus der Shagpseise die beiden Worte »hundert Gulden" murmelt Der Chinese macht Anstalten, sich verzweiflung-voll den Zopf au-zureihen. Master Oppas" bleibt unerschütterlich und erklärt sich schließlich mit einer Abmachung einverstan­den. auf der Stelle zehn Gulden Anzahlung imb den Rest des Schweigegeldes in wöchentlichen Raten zu empfangen----

Zweiter Aufzug: Der Chinese brütet Rache. Leidenschaftlicher Monolog In den penetrant duf­tenden Räumen seiner Schwarzbrennerei. Dann leuchtet auf der gelben Stirn ein Entschluß auf. Der Mann vom Reiche der Mitte läuft sporn­streichs zum Polizeibuveau und denunziert in blumenreicher Sprache und mit unzähligen Kotau- den bestechlichen .Master Oppa-", der bisher schon insgesamt 60 Gulden empfangen habe. Ra- türlich ist diese Befchuldigung eines Beamten gleichzeitig eine Selbstanklage. Aber lieber die auf Schwarzbrennerei stehende einmalige Strafe als ewig in den Händen der Erpressung! Das Protokoll wird genehmigt und unterschrieben, der bezopfte Unterzeichner gleich in Gewahrsam gebracht, und zwei Polizisten machen sich auf

Bruckner-Symphonie und Meistersinger" - Vorspiel.

jum bevorstehenden Volkökonzert ded Konzenvereins.

Hatte das vorjährige Dollskonzert Beet­hoven- Gipfelwerk, die neunte Symphonie, ge­boten, k> gelangt diesmal in Anton Bruckner ebenfalls ein Großer zu Worte, der in seinen Werken aber eine andere Welt kündet. Bei Beethoven steht der Mensch im Mittelpunkt der Kunst, der von Sehnsucht nach Freiheit be­herrscht ist. der als Held den Ausgleich zwischen Notwendigkeit deS Schicksals und innerer Freiheit erkämpft, ilnß aus dem Kämpfer Beethoven wird durch da- Ringen der Sieger Beethoven.

Bruckner- Inneres ist frei vom Zwiespalt: ohne Ringen, voll von dem Bewußtsein der Gotteskindschaft und voll von Gotteserleben. Da­her sind die Themen bei Beethoven in den Hauptsätzen energiegeladen und rhythmisch ge­strafft, bei Bruckner schwebend, breit, strömend. Bei Beethoven ein Ringen mit der Form, eine in sich gespannte Architektur, bei Bruckner ein naives Sich-Ausströmenlassen au8 einem inneren ilrtricb, aus dem gefühlsmäßigen Erleben des Religiösen, ein gänzlich zu Musik umgewertetes inneres Empfinden, das in seiner Naturhaftig- leit fast unbewußt die größten Formen au- sich heraus organisch sich büßen läßt.

In der Naturhastigkeit feiner Erfindung kann man Bruckner als wesensverwandt Franz Schubert ansehen: ihn aber zum Wagner-Epi­gonen stempeln zu wollen, wäre trotz der Ein­flüsse Wagner- auf seinen Orchesterklang durch­aus verfehlt. Denn die Weltanschauung beider ist grundverschieden, dort eine Auseinandersetzung mit der Welt, hier ein inneres religiöses Suchen nach Erfassung des Göttlichen im All. Wagners Thematik ist in Verbindung mit dem Worte ge­zeugt. Bruckners Themen dagegen sind rein ge­fühlsgebunden.

Die 7.Symphonie Bruckners (E-Sur) war berufen, den Namen des Meisters der Well bekannt zu geben und ihm die Stellung anzu- bahnen, die ihm fein Wirkungskreis Wien nicht hatte zuerkennen wollen. Es war ein Verdienst des damals neunundzwanzigjährigen Leipziger Theaterkapellmcisters Arthur R i k i s ch, der die­ses Werk gelegentlich eines Konzertes zugunsten eines Richard-Wagner-Denkmals Im Dezember 1884 zur Uraufführung brachte. Der Erfolg

übertraf die Hoffnungen des Meisters. München lernte wenige Monate später die Symphonie kennen: Bruckner selbst berichtet darüber:Der Erfolg in München war der höchste meine- LebeiÄ." König Ludwig II. nahm die Wid­mung des Werkes an. Als nun aber die Wiener Philharmoniker an eine Wiedergabe der Sieben­ten dachten, da war Bruckner dagegen:Ich protestiere gegen eine Aufführung meiner sieben­ten Symphonie, da dies in Wien wegen Han Slick und Konsorten keinen Zweck hat."

Aus dem Tremolo der Geigen schwingt sich ein zerlegter Dreiklang aus der Tiefe zur Höhe, zum Licht empor, der t n einem leidenschaftlichen Nachsatz stch auSbreitet und zur llanglich ge­steigerten Wiederholung des Haupttbemas führt. Rach Bruckner- Aeußerung habe ihm der ver­storbene Linzer Kapellmeister Dorn das Thema im Traume angegeben. Ist die erste Themen­gruppe mehr harmonisch fundiert und männlich dramatisch gerichtet, so erhebt sich das zweite Thema linear, weiblich lyrisch, eingeführt durch Klarinette und Oboe; kvntrapunktische Sequenzen führen zu seiner Wiederkehr in bet Gegenbewe- gung: hinzutrclende Bläser steigern es zu einem klanglichen Höhepunkt, und das dritte Thema, rhythmisch belebt, tritt pianissimo ein, und nach seinem Aufwallen Hingt es mit einem friedlichen Abgesang aus. Die Durchführung nützt alle drei Themengruppen in ihrer klanglichen Wertung auS, gelangt zu neuen Bildungen, besonders wird das erste Thema in seiner Umkehrung und kontrapunktischen Verarbeitung zum klanglichen Grpselpunkt. Die Reprise läßt die Themen ge­wandelt erscheinen und ist reich an klanglichen Feinheiten: die Koda erhebt sich zu höchster Feierlichkeit über einem Orgelpunkt auf dem E (54 Takte lang). In klanglicher Glorie sttahll der Satz aus.

Das Adagio steht ganz unter dem Eindrücke des Todes Richard Wagners (13. Februar 1883). Wie ein Ah en zieht es sich durch den schon im Januar 1883 begonnene Satz. Zu seinem Schüler Felix Mottl äußerte sich Bruckner:Einmal kam ich nach Hause und war sehr traurig; ich dachte mit, lange kann bet Meister unmöglich mehr leben; ba fiel mit bas Cis-Moll-Adaaio ein. Man kann diesen Satz wohl als den geisti­gen Mittelpunkt der ganzen Symphonie ansehen, als ein hohenpriestetliches Gebet, aufquellenb aus den tiefverborgenen Gründen des Herzens". Düstere Tubenklänge versinnbildlichen den Schmerz, schon klingt ein Ahnen des Trostes hin­ein, der seine Kündung im zweiten Thema durch

die Violinen findet. Die Durchführung ist an- fänglich durch das erste Thema beherrfcht; die älntuhe, die sich im Wechsel der Tonart zeigt, findet ihren Halt in beständigeren Harmonien. Aus ihnen erwächst der Choral in den Bläsern, dessen Gedanken das zweite Thema fortführt. Das Hauptthema kehrt wieder, umflort von Sextokenbewegungen der Violinen und gipfelt auf dem Quartsextakkorb von 0-Dur. Dis hier­her war Bruckner gelangt, als ihn die Nachricht von dem Tode Wagners traf. Die sich anschlie­ßende Koda steht ganz unter dem Eindrücke der Trauet: der Schmerz mildert sich unter ver­hallenden Klängen der Tuben und Hörner und zartem Pizzicato der Streicher zur Verklärung.

Das Scherzo zeigt den Weister wieder dem Leben zurückgewonnen, voll ungebrochener Na­turkraft und Urwüchsigkeit und ruhiger, ver­innerlichter Melodik im Trio.

Der Schlußsatz steht mit seinem Eingangsthema dem ersten Thema des Kopfsatzes nahe, nur daß der scharfe Rhythmus mit seiner treibenden Kraft einer Lösung zubrängt; da- zweite Thema trägt Choralcharakter und führt mit seinem ver­innerlichenden Abklang zur Durchführung, die mit wuchtendem älnifono eingeleitet wird. Ein sinniger, beruht genber Abschnitt wirb durch bas sich wieder meldende erste Thema auf getürmt; das zweite Thema erfährt in der Durchführung bereits seine Reprise mit Orgelpunktwitkungen. Wieder führt der zuckende Rhythmus des Haupt­themas zur Steigerung, die zur Wiederkehr führt und nur von ßcm ersten Thema beherrscht wird und in einer wuchtigen Koda zu höchster klang­licher Majestät erwächst.

Rach den niederdrückenben Erlebnissen bes Pa­riser Aufenthaltes, währenddessen Wagner die Weistersingerdichtung niederschrieb. war ihm die Schaffenskraft zur Ausführung des Werkes ge­schwunden. Eine Reise, die er mit Wesen­donks nach Venedig unternimmt, führt ihn vor Tizians Gemälde der »Himmelfahrt Mariä". Dieses übt eine Wirkung .erhabenster Art" auf ihn aus. .so daß ich seit dieser Empfängnis in mir meine alte Kraft fast wie urplötzlich wieder belebt fühlte. Ich beschloß die Ausführung der Meistersinger." Nachdem durch Amnestie es ihm wieder ermöglicht worden war. sich nach so langer Abwesenheit wieder im Vater lande auf Inhalten, beliebt er in Biebrich ein Sommerhaus dicht am Rheim (Frühjahr 1862.) .Beim Heranna.-en der schönen Jahreszeit kann mir, unter derartigen ge­mütlichen Eindrücken, zu denen die häufigen Pro­menaden in dem schönen Parke des Biebricher Schlosses das ihrige beitrugen, endlich auch Me

Arbeitslaune wieder an. Bei einem schönen Sonnenuntergänge, welcher mich von dem Daikon meiner Wohnung aus den prachtvollen Anblick desgolbenen" Mainz mit dem vor ihm dahin- ftrömenßen majestätischen Rhein in verklärender Beleuchtung betrachten ließ, trat auch plötzlich das Vorspiel zu meinen Meistersingern, wie ich es einst aus trüber Stimmung als fernes Lust­bild vor mir erscheinen gesehen hatte, nah und deutlich wieder vor die Seele. Ich ging baran. das Vorspiel so aufzuzeichnen, und zwar ganz so. wie es heute in der Partitur steht, demnach die Hauptmotive des ganzen Drama- mit größter Bestimmtheit in sich fassend." War so die Ar­beitskraft in Italien wieder erwacht, da- ge­fühlsmäßige Erleben der wiedergewonnenen Hei­mat lieh Wagners deutschestes Werk erfteben. Könnte man nicht geneigt sein, hier eine Pa­rallele zu dem Schaffen Albrecht Dürers zu ziehen, das uns gerade in diesem Jahr in seiner ungebrochenen deutschen Kraft ent gegen tritt.

Das Weistersinger-Vorspiel bildet den Gang der Oper shmboluch ab, al- die Auseinander­setzung zwischen der Gesetzlichkeit de- Hergebrach­ten, den Jeges tabulaturac" der Meisterfinger- xunft und dem frei aus der inneren Eingebung yeraus schaffenden Künstlertum, die beide erst durch Verschmelzung ihrer Kräfte zur höchsten Entfaltung gebracht werden können. Die Gesetz­mäßigkeit Zünftigen findet ihre Abbildung in dem geregelten Dahinschreiten der marsch- artigen Rhythmen des Eingangsthemas und bet rhytbmischen Gleichmäßigkeit des ZunftthemaS: die beide auS der diatonischen Skala herauswach­sen und überlieferte Motive des Meistergesänge- aufnehmen. Dem stellte sich als lyrisches Thema eine Vorbildung von Walter Stolzings Meister­lieb entgegen, das Erwachen ursprünglichen Liebesgefühl'.s, .der ewig neuen Jugend" Zünf­tige Kleinlichkeit, verkörpert in der parodierenden Wiedergabe des HauptthemaS durch verkleinerte Roten werte und klangliche Abschwächung durch die Holzbläser, stört bie Herzensergießung. .Das Voll mrscht sich hinein, eS entsteht Gedränge und Gewirr, da springt Hans Sachs, der den Liebes- aesang sinnig vernommen hat, dazwischen, er­saßt hilfreich den Sänger, und zwischen sich unb der Geliebten gibt er ihm seinen Platz cm der Spitze des ZeslzugeS der Meistert Liebeslied, Weistetweise und Zunftthema ertönen gleichzeitig in thematischer Ueberbauung Pedanterie unb Poesre sind versöhnt und verschmelzen zur Ein­heit in bet Schluß avotheose des strahlenden O-Dur. Dr. H.