Donnerstag, 5. April 1928
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffeu)
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Diese Tendenz des neuen Gesetzes wird aller, dings nun noch dadurch vermehrt, daß die englische Frau eine besondere Vorliebe für klare Entscheidungen hat, und daher im allgemeinen dem verwaschenen Standpunkt der Literalen keinen Geschmack abzugewinnen
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Bulgariens einziger Freund.
Politik und Gesellschaft. - Italienische Klugheit. - Getauschte Hoffnung auf England.
Von unserem W. S. V.-Derichterstatler.
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hatte und sich auch mit dem Balkan vertraut machen konnte. Er ist ein unermüdlicher Arbeiter, der ganze Buchte zum Entsetzen seiner Sekretäre am Schreibtisch verbringt und zu dem der Journalist auch in später Abendstunde noch Zutritt hat. 3n den letzten Jahren hat Italien in Dul- garien auch beträchtliche Fortschritte gemacht und der letzte große Erfolg Italiens war die Lieber« tragung der großen Wasserleitung der Stadt Sofia an eine italienische Gesellschaft, die die vorgesehene Devise von 560 Millionen Lewa um 3 Prozent unterbot, während deutsche Firmen sie bis zu 38 Prozent überschritten. Natürlich bekommt die italienische Gesellschaft ihren Bücken vom italienischen Staate gesteift und wird auch auf jahrelange Zahlungsausstände der armen Stadt Sofia warten können. Das Wesentliche ist, daß der größte offizielle bulgarische Auftrag dieses Jahres an Italien vergeben wurde. ,
Der eingangs erwähnte enge Zusammenhang zwischen Italien und der bulgarischen Heermacht hat Bulgarien auch Vorteile gebracht. Ein Lei- denskapitel des Landes ist seine Armee, die nach dem Vertrag von Neulich nur aus 20 000 Soldaten und 10 000 Gendarmen, angeworben auf 10 Jahre, bestehen darf. Bulgarien hat schon immer darauf hingewiesen, daß die Lasten dieser Söldnerarmee ein Vielfaches der Summe darstellen, die Bulgarien im Frieden für sein 80 000-Mann-Heer auf Grund der allgemeinen Wehrpflicht ausgeben mußte. Die Gründe hierfür sind in Deutschland zu gut_ bekannt, als daß man sie wiederholen müßte. Bulgarien sieht sich aber einer zweiten Schwierigkeit gegenüber, die in der Eigenart des Landes begründet ist. Der Bulgare ist zwar ein lapserer, ausdauernder und zäher Soldat, er ist aber in erster Linie, wie dies auch seine Vorfahren waren, ein Bauer. Als solchem fällt ihm nichts schwerer, als lange Jahre auf seine Scholle verzichten zu müssen, zumal es wenig Knechte, aber viel kleine Güter gibt, die von dem Besitzer und seiner Familie selbst bewirtschaftet werden. Der Großgrundbesitz ist aufgeteilt worden. Dem Staat steht zur Bekrutie- rung seines Heeres die Bauernbevölkerung, die
so ersteht ihm eine Freundin, die ihn mner- lich ganz erfaßt und zur Vertraute seines innerlichen Kämpfens und Gestaltens wird. Mathilde Wesendonk. Sie läßt die Wotannatur in ihm wach werden und die Skizzen zrmi Vorspiel der Walküre tragen die Zeichen: „G. S. M." (»Gesegnet sei Mathilde").
Dieser starke persönliche Einschlag bringt darum Wagners Schassen erst zur vollsten Erscheinung. Hier in der „Walküre" erst vermag er alle die letzten Fesselli der Konvention von der Oper her völlig abzustreifen, und im naturgewaltigen Erleben ersteht der Stil, der für das Werk der Nibelungen lennzeichneiid geworden ist. irr löst sich völlig aus dem überlieferten Rezttatl- vischen. Sein rezitativiseher Stil gewinnt durch die Beziehungen der Harmonik em organisches Gepräge: seine Musik wächst aus der Handlung heraus und erhebt sich mit ihrem inneren Ge- schehen zur Aufballung und Steigerung m Hohe- punkten. Es ist ein ständiges Weiterenlloickeln in feinem musikalischen Fluh, ohne das Abbrecyen durch konventionelle Formen, wie es die Oper mit sich brachte. So wird das ganze Werk zu einem organisch erwachsenen, architektonischen Gebilde. Wagners dramatisches Geichehen stellt Die Zuspitzung auf einen Höhepunkt hin nicht so scharf heraus, wie es uns auf der Buhne oft entgegentritt und wie wir es ertoaiten möchten nach traditioneller Einstellung. Ihm liegt mehr daran, die Entwicklung der Handlung rn allen ihren innersten Phasen durch den Geist der Musik vor uns lebendig und in uns wach werden zu lassen. Vieles im Geschehen, was er nicht durch Worte begrifflich erläutert, wird durch Die Gebärde der Darstellenden veranschaulicht, und den betrachtenden Anteil des Chores, der sonst die Wirkung wiederspiegelte, übertragt er dem Orchester, und so gewinnt dieser Klangkörper einen organischen Anteil an der Gesamtwirkung, wie er ihm vorher noch nicht beschieden worden war. Nicht der sinnliche und ästhetische Effekt sondern die wahrheitstreue und omnit auch die umfassende Auswirkung ist das Ziel Waqnerscher Darstellung.
Wagners Szenenbilder sind nicht etwas künstlich ZusammengebauteS. sondern sie stellen etwas in Schaffensekstase Erschautes Mr, Das sich gleichzeitig mit der Musik der ^eü kündet. Seine szenischen Bemerkungen sind also nicht
85 Prozent der Gesamtbevölkeruna ausmacht, zur Verfügung. Bauern aber laifcn sich nicht auf i ehn Jahre an die Kaserne binden, nach zwei, irei Jahren lausen sie weg und ins Dorf zurück Woher also den MannschastSersatz nehmen? Aus den Neihen der städtischen Arbeitslosen kann man eine verläßliche Armee nicht zusammenstellen. Es bleibt der Negierung nicht- anderes übrig, als ein Auge zuzudrücken und stets neue Rekruten einzustellen und die Lleberschüsfigen nach ein paar Jahren zu entlassen.
Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.
Sofia, Ende März 1928.
Der bunte militärische Rock, der auch jetzt in Bulgarien wieder getragen wird, spielt im gesellschaftlichen Leben der Hauptstadt so gut wie keine Rolle. Seine Träger treten, mit geringfügigen Ausnahmen, nirgends hervor. Frack und Smoking beherrschen die Bilder sestlicher Veranstaltungen. Dieses Manko hängt zum Teil damit zusammen, daß der Offiziersersah heute nach anderen Grundsätzen als früher gehandhabt wird und daß das historische Lorgnon des früheren Zaren Ferdinand nicht mehr unbarmherzige Musterung abhält. Das harte, unerbittliche Auge dieses königlichen Dlltators wird überhaupt oft schmerzlich vermißt. Die winterliche Geselligkeit in Sofia besitzt ihre Höhepunkte in den Nachmft- tags- und Abendempfängen einiger Gesandtschaften. Auch hier herrscht das Zivll vor. Nur eine Ausnahme gibt es, wobei man Llmsormen in großer Zahl sieht. Das sind die glänzenden Veranstaltungen, die der italienische Gesa n d t e in regelmäßiger Folge gibt, um hierfür einen würdigen Hintergrund zu schassen ist das Palais der ehemaligen k. k. Gesandtschaft, das jetzt den Italienern gehört, mit dein für Sofia unerhörten Aufwand von 15 Millionen Lewa neu aufgearbeitet worden. Vom Kriegsminister angefangen bis zu den schneidigen Garderittmeistern im silberverschnurten, blauen Husarenrock gibt sich die Armee bei Herrn Pia- centini ein Stelldichein.
Warum der Berichterstatter dies vermerkt? Weil der Vorgang bezeichnend ist für den K o n - takt, den das offizielle Italien m Sofia, im Gegensatz zu den meisten anderen Gesandtschaften, mit allen Kreisen Bulgariens und nicht zuletzt auch mit der Armee hält. Es war auch fern Zufall, daß, während in den Jahren nach dem Krieg von den Großmächten in Sofia keine Militärattaches akkreditiert waren, Italien stets einen solchen hatte. Der heutige Leiter der italienischen Politik in Bulgarien, Renato Piacentini, ist ein ausgezeichneter Orientkenner, der noch während des Weltkrieges in Korfu und Albanien wichtige militärpolitische Posten inne-
vermag. Sie will ein klares 3a und ein klares Nein. Wird die Frau aber zum entscheidenden Faktor, so müssen auch die Wahlprogramme klar gehalten sein. Die unklare Haltung, die die Liberalen gerade in der Rußlandfrage — die innerpolitisch mit pro- oder antibvlschewistisch gleichgescyt wird — einnehmen, könnte ihnen das somit in der Tat zum Verhängnis werden, weil die Frauenmehrheit Im komme.iden Wahlkampf zweifellos in Engla d ArbeitsFrieden und Ruhe, d. h. eine Politik, die auf guten Verdienst ausgeht, will. Lind das eben deckt sich doch sehr weitgehend mit den Absichten Baldwins, der für Arbeitsfri?den und wirtschaftlichen Ausbau ist. Denn nach dem Einsatz der Kommunistischen Partei, die im 3cchre 1929 zum erstenmal mit 50 Kandidaten in den Wahllamps auf Geheiß Moskaus cinzieht, bleibt ja auch der Arbeiterpartei nichts anderes übrig, als sich gegen Moskau zu wenden, so daß in der Tat nur die Liberalen als „Ruhla d reunde" übrig bleiben. Die Gefahr, die für die Liberalen besteht, haben diese auch klar er.annt; nicht umsonst hat Lloyd George die ruhlandieindliche Politik der Konservativen letzthin ausdrücklich gebilligt! Aber ob man ihm das im Lande glaubt? Man hat dazu zuviel Umfälle des „kleinen He enmeisters aus Wales" gesehen! 3nfofevn hat das neue Wahlrecht auch eine hochpolitische Bedeutung. Es wird zweifellos seinen Teil dazu beitragen, England noch ruhlandfeindlicher zu machen als bisher!
Aufwallen in Tatwillen und hinreißender Seiten« schastlichkeit. Er sowohl wie die ihm zur Seite stehende Sieglinde (Rose Landwehr) wuchsen mit dem Fortschreiten der Handlung zu stärkster innerlicher Entfaltung. Rose Landwehr fand ihren Höhepunkt im Visionären des zweiten Aktes und im Lewußlwerten des Mütterlichen im dritten Akte. 3m Liebesgesang hätte man ihrer Stimme mehr Klangkraft und plastische Gestaltung wünschen mögen: in ter Höhe des Affektes gab iie Großes. Die Hüterin der Sitte, Fricka, fand in Anna Jacobs eine typische Verkörperung. Sie verstand es, ihrem Einwirken auf Wotan überzeugenden Ein« druck zu verleihen und damit als treibende Kraft in die Handlung einzugreifen und die gesangliche Linie fein zu pointieren. Die Gestalt der Brünnhilde (Rose Merker) wuchs sich erst im letzten Akt zu vollem Maße aus, im Banne der Leidenschaftlich, (eit. Für die Todesverkünderin fehlte ihr der große Zug, wie man ihn bei prominenten Vertreterinnen (Helene Wildbrunn) bewundern kann. Der Wotan 3oh. Bischoffs war eine abgeklärte Leistung, die den Allvater in seiner Ohnmacht und Gebundenheit und im letzten Akt in der Wandlung von Rachegefühl zu Väterlichkeit und überströmender Liebeswärme offenbarte. Die Erzählung im zweiten Akt wußte er sehr geschickt aufzubauen, und es war erstaunlich, was er feinem nicht mehr jugendfrischen Organ an Kkangschattierungen abzuringen vermochte. Hunding, ter im ersten Akt das Geschehen beeinflußt, fand in Alfred Karen nicht den Vertreter, den man gern erhofft hätte. Als Darsteller des Prinzipes ter Lieb- lost gleit mochte er vielleicht befriedigen, als Singer nicht. Das Walkürenensemble, eines der ältesten Stücke des Nibelungenentwurfes, war innerlich be- wegt und somit dem szenischen Vorgang angegiichen. Eine starke und nachhaltende Wirkung wäre nicht denkbar gewesen ohne den Anteil des schon oft bewährten Orchesters, das in klanglicher Ausgeglichenheit und vornehmer Differenzierung feinster dyna- Mischer Abstufung und gewalttger Auffteigerung unter ter Leitung von Max Rudolf Erlesene« bot. Das mit der Aufführung des „Nibelungen". Ringes von dem Intendanten des Stadtcheaters übernommen« Wagnis ist mit den beiden ersten Abenden zum großen musikalischen Ereignis für Gießen geworden, mögen den noch ausstehenden Teilen des Ringes ebensolche Erfolge beschieden sein!
zugute kommen wird. Sollte andererseits Baldwin durch die endliche Einlösung seines Der- prechens hoffen, fich ter Dankbarkeit der Wahle- rinnen versichert zu haben, fo dürfte auch dies ein ziemlicher 3rrtum fein, da bekanntlich nichts o wankelmütig ist wie die Wählerschaft^ Dagegen wird — und auch in konservativen Kreisen rechnet man damit — die Umgestaltung der Wählerschaft in ter Hauptsache den Arbeiterparteien zug t- kommen, u ter Umständen ogar aus Kosten ter Liberalen. Man kann daher die kolportierte Version, daß mit dem Frauen- timmrecht das sogenannte „Zweipartelen- b ft c m", immer noch das A und O der inner- politifchen Weisheit Engla.-.ds. gestärkt werden und der „kleinen Partei" ter Liberalen der Garaus gemacht werden soll, nicht von der Hand weifen. So viele Niederlagen die Konservativen bei den Nachwahlen zu verzeichnen gehabt haben, fo wenig läßt sich bestreiten, daß alle Siege der Opposition immer nur mit ganz geringer Stimmenmehrheit erfochten wurden. Werden somit die Wählerstimmen im einzelnen Wahlkreis um ca. 20 Prozent vermehrt, so kann es leicht sein, daß die geringfügigen Mehrheiten der Opposition
Gießener Gtaditheater.
Gastspiel des Hessischen Landcstßeaters
Darmstadt: „Tie Walküre."
Als Wagner den Plan faßte, seine Helden- ober „Siegfrieds Tod" in drei große Handlungen und ein Vorspiel aufzulöscn, war für ihn oe- sonders bestimmend, das dem letzten .Wie vorausgehende Geschehen nicht mehr Durch einge- schaltete Erzählungen zu verdeutlichen, sondern selbst als Handlung miterleben zu lassen: „Denke Dir die wunderbare unhellvolle Liebe Siegmunds und Sieglindes: Wotan in seinem tiefgeheimnis- vollen Verhältnis zu der Liebe: in seiner Entzweiung mit Fricka: in seiner wütenden Selbst- bcAiDingung: als er, ter Sitte zulieb Siegmunds Tod verhängt: endlich die herrliche Walküre Brünnhilde, wie sie Wotans innersten Gedanken erratend, dein Gotte trotzt unD von ihm bestraft wird." (Wagner an Liszt.) Wirkte das Rheingold als Exposition erschütternd durch di« Wucht seines Geschehens, m Walhalls Hohen und in der Tiefe des Nibelheims, zeigte sich hier die Dämonik ungebändigter Natur, so mußte tee Handlung der „Walküre" die rein menschliche Anteilnahme erwecken mit ihrem Weh und ihrer Freude im Banne ter Leidenschaften. Blochte auch Wagner nach Vollendung der „Rheingold- Skizzen an Liszt berichten: „Glaub mit, so ist nod) nicht komponiert worden, meine Musik ist furchtbar, es ist ein Pfuhl von Schrecknissen. So packt ihn innerlich doch noch weit mehr tee menschliche Leidenschaft im „Waltüren"-Geschehen: „Die Wallüre ist angefangen: Du, jetzt geht es doch -edl los." . ,
Denn die konflikttragenden Momente in der Walküre waren ihm in seinem eignen Leben offenbar geworden. Wie Wotan durch die ottte an Fricka gebunden und den Zwang der Äon* vention verfallen ist, fo trägt Wagner die Fesseln ter bürgerlichen Ehe mit Minna, die ihn in der Entfaltung feiner Persönlichkeit und somit in seinem künstlerischen Schaffen hemmt. Das Weib wird ihm zur Löserin. Als Flüchtling betritt er das Haus Jessie Laussots, einer Verehrerin, die sich aus spießbürgerlicher Ehe fort- sehnt. Mit ihr will er fliehen wie Siegmund mit Sieglinde. Und wie Wotan mit Drünn- hllte das ahnende, ihn verstehende Weib findet,
Dies bedeutet natürlich eine stete Verletzung des Friedensvertrages, di« ich sozusagen offen unter den Augen ter Interalliierten Kommifsion und ter Militärattaches der kleinen Entente vollzieht. Aus die Dauer ist ein solcher Zustand unmöglich, und die bulgarische Regierung hat darum im Laufe des letzten Jahres begonnen, Sondierungen darüber anzustellen. ob nicht doch d i e allgemeine Wehrpflicht wieder eingeführt werten könnte, unter Beibehaltung des festgesetzten Kontingents von insgesamt 30 000 Mann. Anfänglich kamen aus Paris und London glatte Ablehnungen, nur Rom lieh Verständnis durchblicken, ohne sich aber exponieren zu wollen. Gelegentlich der Genfer Tagung vom September 1927 befragte ter bulgarische Außenminister Buross seine englischen, sranzösischen und italienischen Kollegen noch einmal und sand bei den Engländern ein gewisses Entgegenkommen. Auch Briand kleidete seine tatsächliche Ablehnung in eine hübsche Form, die einer Zusage ähnlich sehen sollte, tatsächlich aber weit davon entfernt war. Gin italienischer Diplomat nannte sie „briandesque“. Sie lautet: „Frankreich ist zu jedem Entgegenkommen an Bulgarien bereit, wenn auch die Staaten ter kleinen 8 n - t e n t e damit einverstanden sind." Und da diese Staaten, an der Spitze Jugoslawien, kaum zu Erleichterungen zu bewegen sind, so ist auf Frankreich nicht zu hoffen.
U m f o mehr auf Italien. Mussolini lieft dem bulgarischen Ministerprä,identen Liaptfchesf flar und eindeutig mitteilen, daß Bulgarien in der Militärfrage aus Italiens rückhaltlose Unterstützung rechnen kann, sobald die Frage einmal offiziell angeschnitten werden wird. Der Außenminister Durosf fragte darauf noch einmal bei Briand an und wollte wifsen, ob nicht etwa die Befürchtung, Deutschland würde in einer militärischen Erleichterung sür Bulgarien einen Präzedenzfall erblicken, Frankreich abhalten könnte, fich für Bulgarien einzufetzen. Briand sott dies entschieden verneint und die Ansicht vertreten haben, daß der Frieda von Versailles und jener von Neuilly zwei getrennte Dinge seien, die mindestens juristisch keine Zusammenhänge hätten, so daß also eine Leistung an Bulgarien nicht unbedingt eine gleichgestellte Forderung Deutschlands im Gefolge haben könnte. Es ist also kein Wunder, daß die italienische Stellung in Bulgarien heute starker denn je ist. sehr zum Mißfallen Frankreich, das sich bemüht, die italienifchen Anstrengungen zu parieren, und zwar bewegen fich die französischen Bemühungen auf ter Linie ter f e r -
Unseren Bemühungen ist es ge« lungen, die Aufzeichnungen eines Deutsdien über seine überaus interessanten Erlebnisse im Dienste der Entente als Telephonist der Interalliierten KontrolLKommission in Berlin zur Veröffentlichung im „Gießener Anzeiger" zu erwerben» Mit dem Abdruck der spannenden und aufschlußreichen Artikelserie werden wir in unserer Osternummer am 7« April beginnen»
mit den landesüblichen Anweisungen der Regie gleichzustellen, und eine Spielleitung, die sich nur allein an die szenischen Bemerkungen halten würde, wäre weit entfernt, die dem Werk zugedachte Kündungsmission zu erfüllen. Mit besonderer Berechtigung hatte darum Bayreuth seine Ausaabe zu erfüllen, die Erlebnisse des Meisters Realität werten zu lassen. Don Augenzeugen wird es berichtet, wie Wagner als Spielleiter jede Geste, jede Bewegung, die nicht ganz seinem Wollen entsprach, berichtigte und meist in sehr temperamentvoller Weise vorführte. Und erst durch dieses lebhafte innerliche Dabeisein ter Ausführenten vermag das Wagnersche Werk die ihm zugeteilte Tendenz zu erfüllen.
Die Inszenierung durch Hairs-Esdras Mutzenbecher war bei der Gießener Aufführung vor eine besonders schwierige Aufgabe gestellt durch die veränderten szenischen Verhältnisse. Dennoch wurde dem Werk völlig sein Recht zuteil, und die Darstellung durch die einzelnen Künstler wurde lebenswahr durch ein, stärkste innere Anteilnahme und stärkstes inneres Erleben kündendes Handeln.
Was aber der szenische Apparat der Gießener Bühne vermochte, das gab er mit besten Kräften. Wenn Wagner seinen Ring gern für Bayreuth hatte reservieren wollen, fo wollte er damft den Aufführungsmängeln begegnen. Was hier in Gießen geboten wurde, ließ die Absichten des Werkes durchaus klar heroortreten, wenn man von geringfügigen Unzulänglichkeiten absieht. Besonders die Beleuchtungstechnik (Ludwig Keim) war durchaus auf der Höhe, und so konnte der szenische Grundimpuls des Sturmes, der sich im ersten Akt zum Naturzauber der Fruhlingsnacht lichtet, sich im zweiten Akt von der Helle des Tages zum Dunkel des unheilbringenden Wetters verdichtet und im dritten Akt von stürmischer Erregthett zu ftiedlicher verklärender Abendröte be- fänmgt, dte Akzente ter Handlung bekräftigen.
Roch in letzter Stunde hatten durch Erkrankung die Rollen Siegmunds und des Hunding umbesettt werden müssen. Gustav D e h a r d e wirkte als Siegmund sowohl durch seine frische naturgewachsene Erscheinung als auch durch die innere Bewegtheft seines Spiäes und nicht zuletzt durch die heldische Kraft seines Organs, das er den weichsten lyrischen Regungen der Partte ebenso dienstbar zu machen wußte, wie dem mannhaften kraftvollen
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Oie Erweiterung des Frauenwahlrechtes in England. Don unserem f-Berichterstatter. Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten. London, Ente März.
I Nach jahrelanger Verzögerung hat dre Regierung Baldwin sich nunmehr endlich entschlossen das Gesetz über die Erweiterung des Frauen- wahlrechtes im Parlament einzubringen, und das Parlament hat die Vorlage auch inzwischen an- genommen. Während b is he r nur F r oue n über 30 Jahre das Wahlrecht hatten sollen künftig alle Frauen unter ten gleichen Bedln- aungen wie die Männer wählen dürfen, d. h. ?om vollende ten 21. Lebensiah re ab. wenn fU* eine feste Wohnung haben Landbesitzer sind oder Land gepachtet haben, bzw. mit Männern verheiratet sind, auf die diese Voraussetzungen zutressen. Diese Bestimmungen werten über 5Vi Millionen Frauen, die bisher nicht wählen dursten, in das politis^ 2e- ben miteinbeziehen. Die Gesamtzahl der Wähler wird sich von rund 21 Millionen auf rund 26 Millionen erhöhen, und von ter Gesamt- wählerschast Großbritanniens werden ca. 12 500 000 Männer, 14 500 000 Frauen sein. Die Stauen werten somit in ter Wählerschaft der Zukunft, wenigstens zahlenmäßig, die st ar ke re n sein.
! Die es ein Witzwort will: Die Bill wird Eng land der Weiberherrschast unterwerfen.
Jedoch liegt die politische Bedeutung der Dor» läge nicht allein in diesen Zahlen, fo bedeutungsvoll sie an sich fein mögen. Man muß sich vielmehr vor Augen haIten, daß noch englischer Auffassung dreies Gesetze-i di«-letzte lo gische Konsequenz des GeDankens demvkra- tif 4er Volksvertretung ist. der größten 3tee um die ter Kamps seit ter ersten Reform teS Wahlrechtes im Jahre 1832 gegangen ist. Aach englischer Vorstellung wird nach Dem neuen Gesetz eine weitere Demokratisierung nicht möglich fein. Die Demokratie erschöpft fich mtt tiefem Gesetz: alle sind gleich. Sondervorrech e gibt es sozusagen nicht mehr, da nur noch Leute ohne jedes Einkommen und wirtschaftlich völlig Unselbständige von ter Teilnahme am politischen Lebeii ausgeschlossen sein werden — eine letzte Abgrenzung des Besitzes gegenüber tem Nicht- besitz, die man auch wohl kaum je aufgebe,i wird. Kein Wunder, wenn daher die englische Presse das Gesetz, Die „leMc Der Res o rmb i U « tauft, das Gesetz tatsächlich ter Schlußstein einer Entwicklung ist, die bekanntlich weitgehende Ruck- Wirkungen auf den Kontinent gehabt hat Die aber nunmehr als abgeschlosse n geltenkann.
Die Ansichten über die Wirkung des Gesetzes gehen durchaus auseinander. Am skeptischsten Aciaen sich die Liberalen, bei denen einige Abgeordnete nicht übel Lust zu verspüren schienen Opposition gegen das Gesetz zu machen weil es vor allem die Herrschaft des gegenwärtigen Kabinetts tatsächlich d i s zum N oDember 9 29 stabilisiert, da infolge der Notwendigkeit der Anfertigung neuer Wahllisten nach Qlnna^ne des Gesetzes Wahlen technisch vorher einfach nicht möglich sein würden. Im übrigen freite Dabei natürlich auch die Tatsache eine Nolle, daß die Liberalen ter konservativen Regierung Die Durchführung Dieses Gesetzes nicht gönnen, das doch im wesentlichen liberalen ^deen entspricht, und weil sie vielleicht Durch das Gesetz eine Stärkung der anderen Parteien, nicht aber ter Liberalen befurchten. Denn während die Kvnser- vativeii und Arbeiterparteien offen erklärt haben, daß sie fich von dem Gesetz eine ©tärfung ihrer eigenen Stellung versprechen habeii liberale Behauptungen dieser Art bisher auf älhg gefehlt.
Die Frage, wie sich die innerpvlittfchen Verhältnisse in Englmid nach Annahrne der Bitt überhaupt gestalten werden, wird durch Die Erweiterung des Frauenwahlrechtes ja wohl auch entscheidend berührt, und das Rätselraten darüber wie die Frauen stimmen werten, ist trn Grunde doch wohl nicht so müßig, wie man meinen mag, obwohl nur die Praxis Darüber entscheiten kann. Jedrnsalls ist es wohl sicher, daß Die Erweiterung des Frauenwahl- rechtes nicht unbedingt den Liberalen


