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Nr 82 Erster Blatt

178. Zahrgang

Donnerstag, 5. April 1928

Erscheint tüglich.auhei Sonntags nnb Feiertags Beilage«;

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GietzeimAnzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

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Chefredakteur

Dr. Friedr. Wich. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh Lange; für Feuilleton Dr. H.THyriot. für den übrigen Teil Ernst Dlumfchein; für den An­zeigenteil Kurt hillmann. sämtlich in Gießen.

Oie Durchführung

-es landwirtschaftlichen Notprogramms.

Stirb und werde!

Don Or. W. A. Kraunhals.

Me ist es doch wundersam, daß der tiefe schwarze Tag der Trauer, der Tag des bluten­den Kreuzes, mitten ruht im werdenden Früh­ling, da der Vorhang zerreißt von oben bis unten im Tempel Gottes, und da die Erde ihren Schoß auftut und Leben sendet zum Licht der Sonne, wie ist es doch wundersam, daß da der Tag der Trauer ist!

Wie ist es doch wundersam, daß durch tau ; send Jahre ein Weinen klingt vom Stamme des ragenden Kreuzes, an dem der Menschen Mensch hing und blutete und sich wunderte iber die, die ihm das taten, und ihnen verzieh.

Das Weinen der Mutter, die ihr Haupt zeigte unter dem Streiche, der ihres Sohnes fyiupt fällte, es schluchzt auch heute, heute, da Mütter stehen und Söhne sterben.Siehe, das st deine Mutter!" undSiehe, das ist dein §ohn!", sprach der blutende Heiland und wob noch im Tode ein neues Band des Lebens, der Treue, des neuen Werdens.

Durch den germanischen Urwald braust der Wind, klirrt es von Schwertern, und Donner­grollen erschüttert die Lust, der Wolkcnvor- t)ang zerreißt von oben an bis unten, und aus Üem strahlenden Lichte reiten auf schimmern­den weißen Rossen Jungfrauen und führen die Recken, die toten Helden auf nach Walhall!

Wo ist ein Geschehen in der Welt, da sich so Norden und Süden knüpfen, da so sich Völker -.ünen, im Siege über den Tod? Germanischer Heldentod, christlicher Glaubenstod, sie sind in einem eins: in der sieghaften Ueberwindung , des schwarzen Endes, des Aufhörens, das im lobe lag. Ihnen ist der Tod nur ein Durch- i gangstor, ein reißender Vorhang aus Finster­nis zum Licht, und das Kreuz, das im Eichen- valde ragt, eint Heldengröße mit Glaubens­stärke. Einst Gewesenes und Werdendes eint es nicht nur, sondern es ist der Weg, den wahr- j l>aft alles Weltgeschehen geht, jener Weg, der Dom tiefen Leben durch den Tod zum hohen Ächte führt.

Richt du, nicht ich, nicht deines Lebens, mei­nes Lebens Enge ist Schluß und Dauer unse- i res Seins, es ist eine Bereitung, ein Wandern in jenem höheren Leben, das hier webt in der iation, im Vaterlande, in der Gemeinschaft ber Geister, dort im ewigen Leben. Was ist .Vaterland" anderes als Summe aller höheren ? Leben seiner Kinder, und was anders ist »höheres Leben" der Christen als Heimkehr I «us der Verbannung ins Vaterland? Rur im I »Stirb und Werdet ist beiden Dauer befchie- - Den, nur im heiligen Opfer, das hier einer für < «lle brachte, dort alle bereit sind, zu bringen 'iir Eines, und es bringen täglich, stündlich, in Der blutenden Rot, durch die mir als Volk schreiten. Das Opfer, das der kindliche Glaube spendete zur Versöhnung der zürnenden Göt- < ter, es wächst zum freien Tatwillen, der den lob überwindet, und in der Hingabe des gan­zen Selbst an die Einheit ihr Leben und Blut gibt. Selbstaufopferung wird so zur Neugeburt, | tur Blutersüllung dessen, für den sich der Wille 1 §um Eigenleben opfert. So steigt aus dem Tode ; Vas Leben, Jo klingt vom Kreuze dasStirb und ©erber als ewige Verheißung.

Das Kreuz steht auf lichter Höhe, ein Sinn­bild uns, das Kreuz ruht auf toter Helden Ärust, und um die Lippen des einen, der tau- fenb Tode starb, damit wir leben, schwebt de­mütig, stolz und rein das stille Wort:Es ist vollbracht!"

Die Schneeglöckchen lauten, der Frühling hebt seine jungen Hände und wälzt den Stein.

Es will Ostern werden, darum muß Kar­freitag fein!

SerLavell-ZilmfüpLon-on freigegeben

London. 4. April. (TTl.) 3n einer fünfzehn - stündigen Sitzung, die bis heute morgen sechs Ahr dauerte, hat der Londoner Stadtrat bc- 'chlossen. das Aufführungsrecht für den Film dato n" freizugeben. Ein Ergänzungsantrag, der die Haltung der Filmzensurstelle beanstan­dete, wurde mit 56 gegen 52 Stimmen abgelehnt, während ein zweiter Antrag, der sich gegen die beochsichtigte Streichung der Hinrichtungsszene wendet, mit 60 gegen 37 Stimmen verworfen wurde. Die Aufführung des Films ist nach dieser Entscheidung allen Kinos in London er­laubt.

Oie Rückreise

-es Königs von Afghanistan.

London, 4. April. (WB.) Der König und die Königin von Afghanistan werden morgen London Dtrlaifen. Sie begeben sich zunächst inkognito nach Paris und dann nach Berlin, wo der König, S«r an einer Mandelentzündung leidet, einen Spe- sialarzt konsultieren will. Von da wird die Reise über Warschau und Riga nach Ruß­land und schließlich über Angora nach Tehe - ran führen.

Eigene Drahtmeldung desGießener Anzeigers*.

Berlin, 5. April. Schon jetzt läßt sich bei der Ausführung des landwirtschaftlichen Hilfs­programmes ziemlich deutlich erkennen, daß man bei der praktischen Ausarbeitung in zwei Etappen vorgehen wird. Zunächst hat man besonders mit d^m Problemkreis begonnen, der die Organisation und Förderung des Absatzes von Schlachtvieh und Fleisch betrifft und zu dem bereits einige Richtlinien aufgestellt und bekanntgegeben sind. Allerdings kann man annehmen, daß diese Richtlinien noch wesentliche Aenderungen erleiden werden, da sie zunächst nur vom Ministerium ausgearbeitet wurden, mit den Jnteressenver- tretern erst oberflächlich besprochen werden konn­ten und nun zuerst in den zuständigen Reichs- ratsausschuh, wahrscheinlich am 16. April, kom­men, um gleichzeitig oder kurz nachher auch vom Achtundzwanzigerausschuß des Reichstages be­raten zu werden. Am heftigsten umstritten wird dabei wahrscheinlich die praktische Ver­wendung der Darlehen an Vichab- satzvrganisationen für die Regelung des Marktauftriebes und des Ab­satzes für Schlachtvieh und Fleisch, wie die Abgabe von Darlehen an Fleisch­warenfabriken und Schlächterei- organisationen sein. Hier stehen sich die Jnteressenvertreter der Landwirtschaft und der Fleischerorganisationen gegenüber, da man in den landwirtschaftlichen Kreisen anscheinend be­fürchtet, daß die Gelder direkt nur den Fleisch» wcrrenorganisationen, d. h. also den Schlächtern und Fleischern zugute kommen werden, ohne daß wirllich eine Gewähr gegeben ist. daß das Ziel möglichst stabiler Preise dabei erreicht werden kann.

Allerdings ist das gerade ein besonders schwer zu lösendes Problem, das auch den auftänfrigen Stellen die größten Sorgen bereitet, da hier die Möglichkeiten eines wirksamen Eingriffes bei der

Eigene Drahtmeldung desGießener Anzeigers".

Berlin. 5. April. Gleich nach dem Oster­fest wird die Vorbereitung für den bevorstehen­den Wahlfeldzug, die durch die Feiertage unter­brochen wird, fortgesetzt werden. Im großen und ganzen ist man in den einzelnen Wahl­kreisen so weit, daß die wichtig st en Par­teien ihre Kandidaten auf gestellt haben, und zum Teil ist auch bereits die Reichs» und Landesliste fertigge­stellt. Den Beschluß dieses Stadiums machen dann mehr oder weniger groß aufgezogene Par­teiveranstaltungen. denen die Aufgabe zufällt, den Wahlaufruf und die Wahlparole der betreffenden Partei zu entwerfen und zu erlassen.

Don Reichslisten sind bis jetzt bekannt die der Deutschen Dolkspartei und der Deutsch-Demo­kratischen Partei, wenigstens insofern, als nach Beschlüssen des betreffenden Parteivorstandes die Spitzenkandidaten benannt worden sind. Bei der Deutschen Dolkspartei stehen der Parteiführer Dr. Stresemann und der all* verehrte Senior der Reichstagsfraktion, Geheim­rat Dr. Kahl, an der Spitze. Bei den Demo­kraten auffallenderweise nicht der Parteiführer Dr. Koch-Weser, sondern Frau Gertrud Bäumer. Dr. Koch ist vielmehr als erster Kandidat in Berlin auf gestellt, wobei sich ein nicht uninteressanter Zwischenfall abspielte. Es war versucht worden, den bekannten Professor an der Berliner Handelshochschule Bonn an zweiter Stelle unter^ubringen. doch wurde diese Kandidatur mit sehr großer Mehrheit durch die Ausstellung des Malermeisters Kloenke geschlagen. Die endgültige Aufstellung der Reichs- und Landesliste der Deutschen Dolks- partei soll in einer Sitzung des Reichsaus- schusses am 21. April erfolgen, und am nächsten Tage, dem 22. April, wird eine Parteitagung in Berlin stattfinden, die den Wahlaufruf er» lassen soll. Die Zentrumspartei wird ähn­liche Veranstaltungen, wenn auch in geringerem Umfange, am 10. und 11. April abhalten. Daß bei den Deutsch nationalen Graf Westarp wiederum die Reichsliste und die Wahlliste in Berlin anführen wird, unterliegt wohl keinem Zweifel.

Hoffentlich gestaltet sich der Wahlkampf so. daß Mißstände, die früher leider auf der Tagesord­nung standen, verschwinden. Sehr zur rechten Zeit hat der Reichsinnenminister v. Keudell die Mah­nung erlassen, den Wahlkampf so zu führen, daß persönliche Beleidigungen und Be­schimpfungen des politischen Geg­ners unterbleiben. Diese Mahnung ver­dient ernstlichste Beachtung.

Besonders interessant verspricht diesmal der Wahlkampf in Bayern zu werden. Dort war bis^r die Deutschnationale Dolkspartei durch den Großadmiral v. T i r p i h vertreten, der auf seine Wiederwahl verzichtet hat. Statt seiner hat die Partei den bekannten General v. Lettow- D o r b e ck. den ruhmvollen Derteidiger Ostafrikas, aufgestellt. Man mag verschiedener Ansicht dar­über sein, ob man dem politischen Leben dient, wenn man Heerführer in die Volksvertretung entsendet, denn allzu gute Erfahrungen haben wir

eigenartigen Struktur dieses Marktes und seiner Ware praktisch sehr gering sind. Dor allem fehlt hier bei dem Absatz der Ware jede Voraus- sehung. durch weitgehende Typisie­rung oder Rorrnalisierung, wie etwa beim Brot, dem Handel einen gewissen festen Rückhalt zu geben. Trotz der schon ziemlich weit­gehend formulierten Richtlinien sieht man in der Frage der Regulierung des Dich- und Fleisch­marktes bisher noch keine unbedingt wirk­same Methode auch nur andeutungsweise ent­stehen. Zur Zeit finden im Reichsernährungs­ministerium mit den verschiedenen Interessen­vertretern eingehende Berhandlungen statt, die aber nicht vor Mitte des Monats abgeschlossen sein dürften.

Mit der Behandlung des zweiten großen Pro- blemkreises, der vor allem die Fragen ber U m - schuldung und einer zu schaffenden Ausfassungs- Organisation für finanziell bedrängte oder in Kon­kurs geratene landwirtschaftliche Betriebe betrifft, wird man er ft nachOstern beginnen können. Es dürste aber in kurzer Zeit dringend werden, auch über diese Fragen zur Klarheit zu kommen, da ge­rade die Monate Mai und Juni für die Landwirt­schaft besonders schwer zu sein pflegen und man zudem schon jetzt hört, daß in einigen Teilen Deutsch­land die Wintersaat durch ungünstige Witte­rung beträchtlich gelitten hat, so daß die Landwirte Gefahr laufen, die Felder eventuell wie­der umpflügen zu müssen. Wenn hier die Krise, die in diesem Fall ja auch in einem gewissen Sinn saisongebunden ist, einsetzt, wird es notwen­dig sein, daß man die dafür als Abwehrmaßnah­men gedachten Organisationen auf Grund des land­wirtschaftlichen Notprogramms schon in Gang ge­bracht hat. Wahrscheinlich wird man auch hier, ähn­lich wie bei der Regulierung des Schlacht- und Dich- marktes, den Poften eines Reichskommiffars schaffen, der als Treuhänder der Regierung die prak­tische Ausführung des landwirtsck)aftlichen Notpro- grammes zu überwachen und zu leiten hat.

in dieser Hinsicht nicht gemacht. Aber eine Persön­lichkeit wie die des Generals von Lettow-Dorbeck heischt größten Respekt auch vom politischen Gegner. Ihm wird in den beiden bayerischen Wahlkreisen der Führer der Deutschen Dolks­partei Dr. Stresemann gegenüberstehen, und man kann daher erwarten, daß der Wahlkampf dort zwar ein heißer sein, aber mit Waffen ge­führt werden wird, die der beiden Kämpen würdig sind. Zweifellos wird gerade da ganz besonders neben der Außenpolitik auch die grund­sätzliche Frage des Föderalismus im alten Sinne oder der organischen Fortentwick­lung zum Einheitsstaat im Vordergrund stehen. Dielleicht wird man später einmal diesen Wahlkampf in Bayern als einen Wendepunkts in der innerpolitischen Geschichte des Deutschen Reiches bezeichnen können.

Siresemanns Spihenkan-idaiur in Bayern.

München, 4. April <WD.) Wie die Lan­desparteileitung der Deutschen Dolkspartei mit­teilt, hat Reichsminister des Aeußern. Dr. Stresemann, die ihm vom Landesparteiaus» schuh der Deutschen Dolkspartei angebvtene Spit­zenkandidatur für die Wahlkreise Oberbayer n* Schwaben und Riederbahern- Ober­pfalz angenommen. In dem Schreiben der Parteileitung an Dr. Stresemann komme zum Ausdruck, daß mit dieser Spitzenkandidatur der Auffassung entgegengetreten werden solle, als ob Rord und Süd Gegensätze seien, die un­überbrückbar wären. Es solle sinnbildlich er­scheinen. daß man sich ebenso innig mit dem Reiche verbunden fühle, wie man dies von jedem Deutschen bezüglich Bayerns ooraussetze.

Oie demokratische Reichöliste.

Berlin, 4. April. Die demokratischen Blätter veröffentlichen die vom Parteivorstand der Deut­schen Demokratischen Partei gestern aufgestellte Reichsliste, die im ganzen 20 Namen umfaßt und an erster Stelle auf einstimmigen Beschluß den Namen Frau Dr. Gertrud Bäumer trägt. Es folgen an zweiter bis fünfter Stelle Anton Erkelenz, Dr. Hermann Fischer, Dr. Ludwig Haas, der Angestelltenführer Gustav Schnei­der und Staatspräsident a. D. Prof. Dr. Willy He Up ach. Die gleichfalls aufgestellte preu­ßische Landesliste enthält an erster Stelle den Namen des preußischen Handelsministers Dr. Schreiber und an dritter den des preußischen Finanzministers Dr. H ö p k e r - A s ch o f f.

Minister v. Keudetts Kandidatur.

Berlin, 5. April. (Priv.-Tel.) Der Landes­verband Frankfurt (Oder) und G re n z- mark' der Deutschnationalen Dolkspartei hat gestern beschlossen, als Spitzenkandidat für die Reichstagsliste den Reichsinnenminister v. Keudell aufzustellen. Der bisherige deutsch- nationale Reichstagsabgeordnete Bruhn, der bei der letzten Wahl als Spitzenkandidat des Wahlkreises Frankfurt (Oder) und Grenzmark gewählt wurde, wird auf der Reichstagsliste nicht mehr kandidieren, sondern soll einen siche­ren Sitz auf der Reichsliste erhallen.

Europäische Wetterecken.

Außcnpolitifchc Umschau.

Don Or. Otto Hoehsch, o. Pros, der Geschichte an der Universität Äerlin, M. b.

Die große Rede Poincares am 1. April hat den, der diesen Politiker und die augenblick­liche Lage Frankreichs kannte, nicht überrascht. Es ist keine Aeberraschung, daß Poincare jetzt auf der Flöte der Verständigung und des Frie­dens spielt. Bleibt es doch ein Frieden, w i c er ihn s i ch vorstellt! Mnb es ist erst recht keine Ueberraschung, daß et jetzt bie Finanz­frage, bic schnellere Regelung, bie Schlußrege­lung ber internationalen Finanzverpflichtungen so in den Dorbetgrund stellt unb sich bereit erklärt.

Freilich sagt er dabei seinen Wählern etwas ganz Wesentliches aus begreiflichen Gründen nicht. Gr sagt ihnen nicht, daß bic große Schulben- konserenz frühestens im Frühjahr 1929 möglich sein wirb, weil der neugewählte amerikanische Präsident erst im März fein Amt antritt ilnb er sagt seinen Wählern noch weniger, bah für eine solche Schlußregelung, zu ber auch Deutsch- lanb burchaus bereit ist unb bic Deutsch- lanb begrüßen würde, eine unerläßliche Voraus- sehung ist und bleibt, daß Frankreich seine Schulden bei Rordamerika aner­kennt durch die Annahme des formalen Schuldenabkommens, von dem Rordamerika unter keinen Umständen läßt. So ist das Wahl­programm des französischen Ministerpräsidenten gewiß wichtig, aber eine Lleberraschung ist es nicht, und an der Politik Frankreichs gegenüber Deutschland ändert es auch nach den Wahlen nichts.

In Königsberg hat vom 30. März bis 2. April zum ersten Male nach dem Kriege eine Konferenz zwischen ausländischen Staatsmännern auf deut­schem Gebiet stattgefunden. Polen und Li­tauen haben sich dort getroffen, und wenn sie auch nicht zu einem sachlichen Ergebnis kamen, so ist doch die Konferenz auch nicht mit einem Krach in die Luft geflogen. Der litauische Mi­nisterpräsident hatte selbst, mit nochmaliger Kritik an Polen, Ort und Datum vorgeschlagen. Man hat sich getroffen. Die Standpunkte traten freilich schroff gegeneinander. Denn Polen wollte ledig­lich über die praktischen und nächsten Fragen sprechen: Eisenbahn-, Post- und Telegrammver- kehr, Holzflößerei auf dem Memelfluy usw. Li­tauen dagegen stellte zwar die große Erörterung über Wilna, auf das e8 seinen Anspruch und sein Recht nicht aufgibt, zurück. Dagegen brachte es diese Fragen insofern hinein, als es Ent­schädigung für jenen Einfall des polnischen Generals Zeligowski von 1920 verlangt, durch den Wilna von Litauen abgerissen wurde. Weiter verlangt es Sicherheit für sich. d. h. Sicherheit gegen die Begünstigung der litauischen Emigranten durch Polen und vor militärischen Zwischenfällen, deren einer auf der Konferenz auch seine Rolle spielte. Polen wieder betrachtet die Entscheidung des Botschafterrats über Wilna von 1923 als endgültig, spricht viel von seinen Friedenszielen und bietet Litauen einen Richtangriffsvertrag an.

Das Ergebnis ist sachlich gering. Man bil­dete 3 Kommissionen, eine für Wirtschafts­und Derkehrsfragen, eine für Sicherheitsfragen und eine für den lokalen Verkehr. Roch im April soll die Kommissionsarbeit weiter gehen Die 3. Kommission tagt in Berlin, wo am 16. April auch die Verhandlungen zwischen Deutschland und Litauen über einen Handelsvertrag be­ginnen. Wie gesagt das Ergebnis ist sachlich ge­ring, aber die beiden haben miteinander ge­sprochen und die Verständigung wenigstens an- gebahnt. Es ist schon etwas, wenn anstelle einer ewigen Spannung und Unruhe ein solcher Versuch tritt, und Deutschland soll weiter das teinige dafür tun, daß die beiden Staaten eine Verständigung finden Deutschland soll weiter auch in einer positiven Ostpolitik fein Ver­hältnis zu Litauen so ausbauen und festigen, wie es im Januar in den Gesprächen mit dem litauischen Ministerpräsidenten begonnen wor­den ist.

Polen-Litauen im Nordosten, Tanger im Süd- westen! Beides Wetterecken für den europäischen Frieden! Nach der Berständigung zwischen Spa­nien und Frantreich über Tanger am 3. März, die Spanien übrigens sehr wenig brachte, hat am 20. März die neue Tangerkonferenz lange und gründlich vorbereitet, in Paris begonnen. Teil nehmen an ihr Frankreich, Spanien, England, Ita­lien. Aber auch Amerika hat seine Vorbehalte da­für angemeldet. Daß Italien als vierte Macht Mgezogen wird, ist für dieses ein Erfolg. Es hat sich 1923 geweigert, daß Tangerstatut, das Frank­reich, England und Spanien ausgearbeitet hatten, zu ratifizieren. Jetzt ist es zugezogen und wird an der Neuordnung beteiligt. Aber diese wird lediglich technischer Natur sein: ein neues Statut, das auch Italien in Tanger gewisse Vertretungen ein­räumt. Dagegen erkennt Frankreich durchaus nicht an, daß Italien zu mehr ein Recht habe. Frank­reich steht auf dem Standpunkte, daß durch das Abkommen von 1912 das Desinteressement Italiens an Marokko einschließlich Tangers ebenso festgestellt sei, wie sich damals Frankreich an Libyen zugunsten Italiens desinteressiert habe. Noch weniger erkennt Frankreich an, daß Italien bei dieser Gelegenheit überhaupt die gesamten Pro­bleme des westlichen Mittelmeeres aufrolle. So wird an sich die Tangerkonferenz keine allzugroße Bedeu­tung haben und namentlich Italien keinen Fort- schrttt in seinen Ansprüchen bringen. Dagegen ift

Kandidatenausmarsch zur Mchstagswahl