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Aus der yrovmzr'alhaupistadi.

Gießen, den 4. Dezember 1928.

Nicht ärgern!

Ollein lieber Freund ich kann Deinen dorn voll und ganz verstehen. Tun hast Du int Sommer auf Deine Badereise verzichtet, wolltest Deinen Urlaub im Winter nehmen, u n Dir die »Keichs- Hauptstadt anzusehen lich hatte mich schon auf Deine Berichte gefreut), das Geld lag auf der Sparkasse, bis Dein guter Bekannter Dlüller kam und es unbedingt haben muhte, wegen Er- wellerung seines Geschäftes: es war todsicher, dah Du am 1. Oktober Dein Geld nebst guten Zinsen wieder hättest, und nun macht der Herr Muller ein bißchen Bankrott, und Du bekommst, Wenns hoch kommt. 25 Prozent Deines Geldes. 5g. da könnte man aus der Haut fahren, und ich habe volles Verständnis für Deine Stimmung. Aber etwas in Deinem Briefe hat mich tief be­kümmert. DaS ist die Tatsache, daß Dich diese unangenehme Geschichte vollständig verwirrt hat. Du bist ja mit allem verfallen, glaubst an nichts mehr und pfeifst auf die Welt, schreibst Du. Das ist schlimm, sehr schlimm. Daß ich Dir finanziell nicht helfen kann, weiht Du. aber einen Rat will ich Dir doch geben.

Du kennst meine Vorliebe für Holland. Seine breit dahingelagerien Weidenslächen mit den stillen, dunklen Wassergräben, daneben grasende Küße, hier und da eine Windmühle, die meistens still steht: das hat mir immer gefallen. Eine großartige Ruhe strömt von dieser ganzen Land­schaft aus und auch von den Menschen, die dort wohnen, heben und leidem Richt nur die be­kannte Reinlichkeit der Holländer ist es, die ich so schätze, sondern diese durch nichts zu erschüt­ternde Ruhe: böse Leute gebrauchen dafür sogar das Wort Phlegma. Aber die Holländer haben ein wunderbares Sprichwort, das ich neulich auch in einem neuzeitlichen Schauspiel mehrmals hörte. ES heißt: Wundere dich allenfalls, aber ärgere dich nicht! Du ahnst schon etwas?

Roch ein kleines Erlebnis: Als ich während des Krieges einmal auf eine Kompagniestube ab­kommandiert wurde, um die Karten und Briese der Soldaten zu prüfen, was damals verlangt wurde, sah ich u. a. die Karte eines biederen Handwerlers, der seiner Frau von seiner Aus- blldung schrieb. Zum Schluß hieß es da:Mir acht's noch gut. wenn's' auch schwer fällt." Das sollte sicher kein Witz sein. Daß aber ein grim­miger Humor darin steckt, wirst Du mir zu­geben. Er hätte ja auch schreiben können:Es füllt mir furchtbar schwer, deshalb geht mir's nicht gut." Aber nein! Er stellte den Satz so: Mir geht's gut." Das ist der Hauptsatz, der zweite Tell tritt ganz zurück, kommt kaum zum vollen Bewußtsein.

Run habe ich nur die eine Ditte: Rimm Dir einmal das erwähnte holländische Sprichwort vor und er-änze es durch den Zusatz dieses wackeren Landsturmmannes, dann heißt es: Rur nicht ärgern, allenfalls wundern, Wenns auch schwer fällt! Das ist das richtige Rezept für Deine Krankheit. Aber fasse die Sache auch wirklich ernst "auf. Mache es nicht wie jener Mann, der neben seinem Bett den schotten Spruch von Flaisch- len hängen hat: Hab' Sonne im Herzen! und jeden Morgen dumpf knurrend seinem warmen Federbett entsteigt, aus die Vorwürfe seiner Ehe­hälfte aber beschwichtigend sagt:Ja, ich kann doch ohne Drille diesen Spruch nicht lesen!" Oder soll ich Dich an die Spielerei von den ein- gerahmten Weisheiten: Mann, ärgere deine Frau nicht, und umgekehrt! erinnern? So darfst Du

eS nicht machen. Olein! Du mußt Dir jeden Tag. wenn Deine Gedanken unwillkürlich auf den ärger- lichen Verlust gelenkt werden, das obige Sprich­wort nebst der Verlängerung laut und deutlich vorsagen. Cs muß in Dein Gehirn eingehümmert. muß ganz Dein geistiges Eigentum werden. 3a. es muß so in Dich eingehen, dah Dir selbst als Echo des GrußeS: Guten Morgen. Herr Direktor! das holländische Heilmittel nachllingt: Rur nicht ärgern, allenfalls wundern!

Denke doch an Deine Mitmenschen? Was soll denn der arme Ehemann machen, dessen Frau sich den Pelzmantel neuzeitlich ändern lieh? Es könnte etwa 56 Mark kosten, hatte der Geschäftsmann gesagt, und als die Rechnung tarn, stand da der zehnfacheBetrag. Half ihm das holländische Sprichwort nicht? Oder als im vorigen Jahre Freund Ludwig den Entschluß faßte, zu bauen? 18 000, höchstens 20 000 Mark, versicherte der Baumeister. Alles genau berechnet. Dann kam dies und das hinzu. ..Richt der Rede wert, das kann nicht viel kosten." Der Dallon wurde ver­größert. hier und da etwas geändert. Die Rech­nungen liefen ein. Ludwig wäre ein toter Mann, wenn ihm nicht das Sprichwort: Rur nicht är­gern. allenfalls wundern! geholfen hätte.

Dein Fall liegt ähnlich. Die Geschichte darf nicht Herr übet Dich werden. Also Kops hoch! Wenn Du Deinen Urlaub hast, komm doch zu uns. wir laden Dich hiermit herzlichst ein. Viel­leicht kannst Du in einigen Wochen schon be­richten, ob Dir das Rezept geholfen hat.

Es grüßt Dich in alter Freundschaft Dein

E. M.

Bornotizorr.

Tageskalender f ü r Dienstag. Stabt- theater:Perlenkomödie", 20 bis 22 Uhr. Klavier- unb Melobramenabenb mit Rezitationen zugunsten der Gießener Studentenhilfe, 8 Uhr, in der Neuen Aula. Lichtspielhaus, Bahnhofstraße:Die tolle Lola". Astoria-Lichtspiele:Die Schreckensfahrt des Goldexvreß".

Stadttheater Gießen. Aus dem Stabt- theaterbureau wird uns gesch-rieben: Heute, 20 Uhr, erste Wiederholung vonPerleirkomödie", Druno Franks erfolgreichen Lustspiel. Spiellei­tung: Julius Baste. Morgen, Mittwoch, 5. Dezember, findet die erste Wiederholung von Alfred Reumanns DramaDer Patriot" statt. Spielleitung: Waller Ebert-Grasso w. Die Vorbereitungen zur Aufführung des Kri­minalstückesDer Prozeß der Mary Dugan" sind im Gange. Die Ti elrolle spielt Trude Heß, den jungen Rechtsanwalt Jimmy Dupan Eduard Wesen er. Die übrigen Hauptrollen liegen in den Händen von Maria Koch, Franz Arzdorf, Edrlbert G a r e i s und Hans Tannert. Spiellei ung hat Intenda ;t Dr. Rolf Prasch. Der Saal im Gerichtsgebäude ist von Karl Löffler entworfen und gestellt.

LU. Bon der Landesunivcrsität Gie­ßen. Nach endgültiger Feststellung beträgt die Zahl der Studierenden im laufenden Wintersemester 1550; hierzu kommen 5 Hospitantinnen und 164 Gasthörer und -Hörerinnen. Im Wintersemester 1927/28 betrug die Zahl der Studierenden 1473, im Sommersemester 1928 1629.

Einen Aufruf zur Gießener Licht­woche veröffentlicht die Stadtverwaltung in unserm heutigen Anzeigenteil. Man darf wohl hoffen, daß die Bürgerschaft der Aufforderung der Stadtverwal­tung und des Verkehrsvereins in weitem Maße Folge leistet.

** Das O f f e n h a lt e n der Verkaufs- läden an den Sonntagen vor Weih­nachten und am Sonntag vor Neu- jahr. Das Polizeiamt Gießen teilt mit: Auf Grund

des Paragraphen 105b Absatz 2 der Reichsaewerbe- ordnung ist für alle Gewerbezweige des Hcmdels- aewerbes der Gewerbebetrieb in offenen Verkaufs^ stellen, die Beschäftigung von Gehilfen, Lehrlingen und Arbeitern am Sonntag, 9. Dezember, am Sonn­tag, 16. Dezember, am Sonntag, 23. Dezember und am Sonntag, 30. Dezember 1928, in der Zeit von 12 bis 18 Uhr gestattet.

** Zugun st en der Gießener Studen­ten h i l f c findet heute abend in der Neuen Aula ein Klavier- und Melodramenabend mit Rezitationen statt, auf den auch an dieser Stelle noch einmal be­sonders hingewiesen sei. Näheres in der heutigen An- zeige.

Durchgehende Pferde. Ein Der- kehrsunfall, bei dem zum Glück keine Menschen zu Schaden kamen, ereignete sich heute vormittag kurz nach 10 Uhr am Marktplatz, Ecke Schul­straße. Ein Pserdegespann von Karl Biehler, das sich vor einem halbbeladenen Kastenwagen befand, war in der Reuen Däue scheu geworden unb raste nun. obwohl bet Fuhrmann die Stiere mit aller Kraft zu bändigen versuchte, die Reuen Baue und Schulstraße entlang. Die scharf ga­loppierenden Pferde kamen an der Engel-Apo­theke um die Kurve nicht herum, so dah die Deichsel des Wagens in die Schaufensteraus­lage des Geschäfts von Gg. Wallenfels hin- emtannie. Die Pferde stürzten und erlitten durch die großen Splitter der geborstenen Schaufenster­scheibe Schnittwunden, die namentlich bei dem einen Pferde erheblicher waren. 3n der Schau­fensterauslage wurden natürlich allerlei Dev- wustungen angscichtet: Likör- und Kognakslaschen, diverse Konservenbüchsen usw. flogen auf das Trottoir, wo sie zertrümmert wurden. Der Sach­schaden der Firma Wallenfels ist natürlich recht Mrsehnlich. Eine große Menschenmenge fand sich im Ru an der Unfällstelle zusammen, jedoch konnte der Verkehr aufrechterhalten werden.

** Die Hessische Bereinigung für Volkskunde hält am nächsten Samstag in Lich ihre diesjährige Hauptversammlung ab. Die Der- hanblungsgegenstänbe sind aus der gestrigen Anzeige ersichtlich.

** Literarische Abendfeier. Zu einer literarischen Abendfeier im Iohannissaal hatte gestern abend die Buchhandlung der Pilgermifsion in Gießen eine Zuhörerschaft versammelt, die im Hinblick auf das gute Gelingen der Veranstaltung noch weit zahlreicher hätte sein dürfen. Im Vorder­grund des Abends stand ein Bortrag überZeit unb Buch" des Syndikus H. G a e d e (Leipzig) von der Vereinigung evangelischer Buchhändler Deutsch­lands. In beinahe einstündiger, fein durchdachter Rede verstand er es, die eigene Begeisterung für das gute Buch den Zuhörern zu vermitteln und die Zusammenhänge von Zeit und Buch klar zu machen. Gerade in der Adventszeit biete das gute Buch Gelegenheit zur Rechnungsablage mit dem eigenen Ich: wie keine andere Zeit des Jahres zeige sich ihre Auswirkung auf das Buch. Im Hinblick auf den jetzt vorherrscl)enden Bekenntnisroman des modernen Dichters, der im wesentlichen die Zeit des Krieges unb darnach auswerte, zeige sich, wie der Mensch mit seiner Zeit verflochten, daß er ihr aber auch verpflichtet fei. Wenn freilich der äußere Er­folg über dem inneren Erlebnis stehe, bann scheine die Zeit dem Menschen in seiner Beziehung zum Buch keine Verpflichtung mehr aufzuerlegen. Dem­gegenüber bestehe aber in weiten Kreisen die Sehn­sucht nach der Freiheit des Weges zum Himmel über das gute Buch. Am Abend gelesen, gestalte es den Weg über die Arbeit des Tages leichter und lichtvoller. Wie das Buch Ausdruck der Zeit sei in steter Wechselwirkung zum Menschen, so gewinne das gute Buch den Sieg über die Herzen. Es fei die Welt des Geistes, die im Buche lebt. Mit Dich­

tern, die man liebe unb lese, erlebe man Mensch­liches. Mehr Herz, mehr Liebe, dazu wolle das gute Buch verhelfen. Gut sei das Buch, das zur Zündung führe zwischen Mensch und Gott, bas Buch der evangelischen Wellanschauung, das aus dem inneren Ruf des Verfassers heraus entstan den sei. Die gute Literatur walle Liebe und Ent­schiedenbeit wecken. Umrahmt von Musikvorträgen des Orchesters der Stadtmission bot Gaedc im An­schluß an seinen Vortrag Lesungen aus der zeit­genössischen evangelischen Literatur, die der Zu­hörerschaft eine Reihe guter Bücher eindringlich nahe brachte. Der Abend war wohl allen Teilneh­mern ein Erlebnis und dürfte, wiederholt und für eine breitere Oeffentlichkeit ausgezogen, auch später einmal sein Ziel nicht verfehlen, nämlich die Förde­rung des guten Buches.

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neigte auch heute früh, beeinflußt durch die schwächere Veuyorker Börse, die Tendenz eher zur Schwäche. Kurse werden aber noch nicht genannt. Am Devisenmarkt hört man Pa.is 124.12, Mai­land 92.67, Spanien 30.05, das Pfund 485.07, und den Dollar 4.196250.

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Berliner Börse.

Berlin, 4. Dez. (WLB.-Funlspruch.) dem schon gestern abend in Frankfurt Schluß eine Unsicherheit Platz gegriffen

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