Nr. 129 Erstes Blatt
178. Jahrgang
Montag, 4. Juni 1928
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GietzenerAnzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
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Chefredakteur Dr. Fnedr Will) Lange. Berantrvonlich ftr Voluth Dr. Fr Wilh Lange für Feuilleton Dr H.TKyriot, für den übrigen Teil Ernst Blumfchein, für den An. letgentetl fiurt Hillmann.
sämtlich in Gießen
Die Auseinandersetzung mit dem Großherzog.
teine amtliche Mitteilung zur neuen Negierungtzvorlage im Landtag
Bon der amtlichen Pressestelle dcs Hessischen Staatsministeriums wird mitgeteilt:
3n der am Montaa. 4. Juni, beginnenden Tagung wird dem j)c|fl|d)en Landtag von der Regierung eine Vorlage unterbreitet, die die feit der Staatvumwäi- zung im Fluh befindliche Frage der A u s e i n • anöerfeßung z ätschen dem Dolksstaat Hessen und dem vormals in Hessen regierenden Fürstenhaus zum Abschluß bringt. Zwar wurde schon im Mai des Jahres 1919 eine Vereinbarung mit dem früheren Großherzog getroffen, der- Öe da» unbeschränkte Staatseigentum an den
nen einerseits anerkannt, andererseits mit Zustimmung der Volkskammer dem früheren Groß- Herzog eine Abfindung von 10,9 Millionen Mark zu gesagt wurde. Bei ihrer Ausführung erwuchsen jedoch später Meinungsoerfchiedenheiten. Sie traten namentlich hervor, als zur Zeit des Wäh- rungsverfalls über dos Maß der Leistungen zu entscheiden war, ine dem vormals regierenden Hause zugesagt waren. Es kan. zu gerichtlicher Auseinandersetzung. Der Streit wurde indessen nicht bis zu einer rechtskräftigen Entscheidung durchgeführt
Inzwischen traten Bestrebungen hervor, die Beziehungen zwischen den ehemaligen Fürsten und den deutschen Ländern von Reichs wegen zu ordnen. Nachdem der Volksentscheid zur Fürstenenteig- nung gescheitert war, bemühte sich Hessen, den damals noch weiter zur Erörterung stehenden Reichsentwurf eines Gesetzes zur Auseinandersetzung mit den vormals regierenden Fürstenhäusern zugunsten Hessens und insbesondere im Sinne einer Aufrechterhaltung der hessischen Vereinbarung von 1919 )U beeinflussen. Das Reichvgcfetz, das in seiner enbgul- tlgcn Form eine den Interessen des hessischen Volksstaate» dienende Lösung gebracht hälfe, kam leider nicht zustande. Der Reichstag versagte. Hierdurch waren nunmehr die deutschen Länder den Schwie- rigfeiten einer Sonderlöfung ausgesetzt, die durch da» Fehlen seglicher reichsgesetzlicher Grundlage gesteigert wurden. Zudem war die Frage durch den Währungsverfall noch kompliziert worden. Zu welchen Folgen dieser Zustand anderwärts geführt Hot, sei kurz in Erinnerung gebracht: Preußen mußt« sich xu einer Uchcreinfunft mit dem ehemaligen Königshaus bereitfinden: auf gleicher Grundlage find Derhandlimgen in Thüringen noch im Gang.
Dem Zwang der Verhältnisse. den das Tkr- sagen der RelchSg?sevgcbunq herbeigeführt hatte, mußte auch Hessen Rechnung tragen. Auch in Hessen war man zecht auf den Weg der Verständigung angewiesen. Das Ergebnis ist die Üebcreintuntt mit dem früheren Landesherrn, die ietit dem Landtag zur Verabschiedung vorliegt. Ihr wesentlicher Inhalt g bt dahin daß die Vereinbarung vom 5 Mai 1919 erneut grunb- sählich bestätigt wird. 3nsbesondr.' erkennt der ehemalige Großherzog das freie Eigentum des Staates an den Domänen — Forsten und landwirtscba tsichon Gütern im Dorkriegswert von 200 bis 300 Millionen Mark - an. Ebenso ist das Eigentum des Landes an den großen öffentlichen Sammlungm des Landesmuseums und der Lan'-esbibliothek nunmehr außer Zweifel g*rüdt Auch d i e Leistung deS Staates an den früheren Großherzog baut sich auf der Vereinbarung von 1919 auf, ist aber wegen W dazwischenliegenden Wäh- rungsver alles auf 8 Mi lionen herabgesetzt. die in Gestalt einer Amortisatlonsrente in Verlauf von 20 Jahren allmäh ich g leistet werden Dazu tritt als Abfindung für die noch umstrittenen Leistungen der vergangenen Jahre eine einmalige Zahlung von 1 Million Mark In der Gesamtheit dieser Abmachungen glaubt die Hessische Regierung nach öar der Verhältnisse eine vertretbare und de Villigkeit entsprechende Lösung der ungewöhnlich schwierigen Auseinander- setzungsfroge gefunden zu haben.
Der Hamburger Stahlhelmtaa.
Unter riesiger Beteiligung ruhig verlaufen
Hamburg. 3. Juni. (WV > Nachdem am Sarnstagnachmittag im Hotel Atlantik die Festsitzung der Vundesleitung und der Empfang der Ehrengäste stattgesunden hatte, an der zahlreiche Angehörige der alten Generalität teil- nahmen, brachte der Abend den ersten Teil des großen Aufmarsches. 3m Stadion des Altonaer Fußballklubs war eine große Festversammlung der Teilnehmer an der Tagung, die mit einem Feuerwerk und dem Zapfenstreich ihren Abschluß fand. Gin großes Polizeiaufgebot sorgte dafür, daß es, abgesehen von kleinen Zusammenstößen, zu keiner Ruhestörung kam. Höhepunkt und Abschluß des Stahlhelmtages bildete am Sonntag der Appell im Stadtpark. Seit den frühen Morgenstunden marschierten die Kolonnen an und um 13 Uhr glich die weite Wiesenfläche im Stadtpark einem einzigen ric igen Heerlager Unter den Klängen des Deutschlandliedes un> donnernden Frontheilrusen schritt Vundessührer S e l d t e mit Oberst Düsterberg die Front ab. Dann begann die eigentliche Feier mit einem Feldgottesdienst, der mit dem Ehoral .^5ir treten zum Seien“ eingeleitet wurde Hieraus erfolgten die Ansprachen eines evangelischen und eines katholischen Geistlichen, die ihren Predigten das Wort »Herr mach uns frei“ äugrunSe legten. Aach dem Choral.Großer Gott wir loben Dich", der von der Menge entblößten Hauptes nritgefungen wurde, nahm Dun-
Die Stuttgarter Tagung der Deutschen kolonialgesettschast.
Stuttgart, 2. Juni. (XU.) Unter großer Beteiligung auS dem ganzen Deiche fand heute im großen Hörsaal der Technischen Hochschule die Hauptversammlung der Deutschen Kolonialgesellschaft statt. Der Vorsitzende. Gouverneur Seitz, begrüßte die stattliche Versammlung, besonders als Gäste die Vertreter der ReichSregie- rung, des Auswärtigen Amtes und der württem- bergischen Staatsregierung. Gouverneur Seitz behandelte u. a. als bedeutendstes Ereignis in den letzten Jahren auf dem Gebiete der Kolvnialfrage
die (Ernennung eine» deutschen Vertreter» für die Mandatskommission.
Diese Ernennung werde aber von weiten Kreisen falsch ausgefaßt. denn dieser deutsche Qkrl freier sei nicht als Vertreter der deutschen Regierung, sondern a I 8 Vertrauensmann deS Völkerbundes vorn Generalsekretär deS Völkerbundes ernannt worden, mit dem Austrage, für die richtige Durchführung der Wandatsver- waltung einzutreten. Diese leide aber an dem Grundfehler, daß sie in Widerspruch zu dem Versailler Vertrag stehe. Deutschland müsse sich der Timwandlung der Mandate in Annektionen mit aller Macht widersehen. Zumindest habe Deutschland einen Ersatzanspruch. Die Hauptversammlung stimmte einer Entschließung zu, in der die Gründung deutscher Schulen mit Internaten in Deutsch-Ostafrika gefordert und die Reichsregierung ersucht wird, Mittel für diesen Zweck zur Verfügung zu stellen. Als Tagungsort für 1929 wurde einstimmig Kiel gewählt. Sodann folgten verschiedene Referate. lieber den Stand der Entfchädi - gungSfrage sprach Rechtsanwalt Dr. Sommer. Er behandelte die zahlenmäßige Regelung deS Wiederaufbauzuschlages und der Schlüßen!- schädigung der Liquidationsgeschädigten. Der Anspruch der Schlußentschädigung ist vererblich, geht also aus die Erben über. Eine Entschädigung könne aber erst dann eintreten, wenn die Revision deS Dawesplanes durchgeführt sei. Eine Entschließung zur Entschädigungsfrage besagt folgendes: ,3n der Behandlung der Kolonialdeutschen durch daS KriegSschäden- schlußgeseh siebt die Hauptversammlung der Deutschen Kolonialgesellschast eine schwere Verletzung des Rechtsempfindens und eine unverantwortliche Ab.ehr von Wiederausbaugedanken. Sie erwartet, daß Regierung und Volksvertretung ehestens die Frage wieder aufnehmen, die Ersatzpflicht anerkennen und die Wiedergutmachung inS Auge fassen."
Die Aachmittagssitzung war ausgefüllt von Verhandlungen über
das paneuropQprobkm und dessen Bedeutung für die koloniale Frage.
Prof. Dr. Z i n t g r a f f (Heidelberg) begründete die Aonoendigkeit der Schauung einer euro- pä.scheu Rotgcineinf chatt damit, da) die zunächst noch günstige Lage der europäischen Wirtscha t. infolge der wachsende Zivilisierung hx Amerika und Asien, in Bälde einer scharfen Konkurrenz mit überleg ixen Mächten Platz machen werde. Während früher die ganze Welt für Europa gearbeitet ha,e. arbeite heute Europa au einem guten Teil bereits für Amerika. Unter den europäischen Ländern nähmen Rußland und England zunächst noch Ausnahmestellungen ein. da bcii>’ ihr Schwergewicht nicht meh. in Europa haben. Alle übrigen Länd.r aber mühten durch die wachsenbe Wirtscha tsnot zu einer Ve r - ständigung kommen 3n einem Paneuropa iönnte Deutschlands zentrale Lage, die früher dem Reiche immer zum Verhängnis gewo den war. äußerst nuhbringmd werdm. Deutschland habe längst bewiesen, daß es tatkräftig genug fei. sich in einer solchen Gemeinschaft durchzusetzen. so daß die Furcht, zur Ve eutungslosigkmt verurteilt zu werden, unb gründet fei. Paneu ropa aber fei ebensowenig ohne Kolonial- gebiete lebensfähig wie England ohne seine Dominien. Durch planmäßige Europäisierung des afrikanischen Gebietes zwischen den Wendekreisen lönnten für Pan- eurvpa die Rohstoffe beschafft und die verlorengegangenen Absatzgebiete wiedergewonnen werden. Aur aus diesem Wege könnte Europas Selbständigkeit auf 3ahrhunderte hinaus gesichert werden. Durch Paneurova werde England vor die Wahl gestellt, sich f ü r oder gegen Europa zu erklären. Geg 'nüber den Versuchen Englands, die Mandatsgebiete in englische Ko
lonien umAUwmxdeln, muss« Deutschlands Anspruch auf Kolonien klar und deutlich ausgesprochen werden. Der Harnpf um den letzten möglichen ®ntfaltungSraum in Afrika habe bereit- begonnen. Die Rot werde aber eine- Tages gam Europa zur Neuregelung der kolonialen Verhältnisse AsrikaS zwingen.
Geheimrat Dr. Arnig. der Leiter der Deutschen ftolonlalfdjute In Dlhenhausen.
betrachtete die Frage mehr unter dem Gesichtspunkt der B e v ö l k e r u n g s ft a t i st i k und der großen geschichtlichen Entwicklung und kritisierte vor allem den paneuropäischcn Gedanken In der Form, wie sie Gras Eoudenhove-Eolerghi ausgestellt hat. Er hielt eine Verquickung des paneuropaifchen Gedankens mit der Kolonialfrage überhaupt für bedenklich und wies gegenüber dem Vorredner, der Südafrika aus seiner Betrachtung cwssvfchicden hatte, daraufhin, daß sich gerade in Südafrika aus den Buren ein neues Volkstum entwickle, dem vielleicht die gleiche Bedeutung in Zukunft zukommen werde wie den Anglo-Amerikanern in Amerika. Da sich die deutsche Zu wände- rung gerade in Südafrika in ihrem Volkstum g u t erhalten hat, wäre eine solche Zuwanderung gerade nach Südafrika besonders günstig Nach einer Aussprache, in der Anhänger und Gegner der Pan-
Moskau, 2. 3unl. (Telegraphenagenlur der Sowjetunion.) Der russische Staatspräsident ft a - 11 n i n erklärte in einer Rede auf dem Canöroirl- fchaftskongreh über die Beziehungen der US SR. zu Deutschland: 3n der deutschen Presse macht sich im Zusammenhang mit dem Schachty-Prozeß e l n falscher Ion hinsichtlich der Beziehungen der USSR. zu Deutschland bemerkbar. Die Behauptung einiger deutscher Blätter, daß die Verhaftung deutscher 3ngenieure angeblich künstlich in Verbindung mit dem Schachty-Prozetz gebracht werde, ist glatt erfunden. 3eder denkende Mensch wird leicht begreifen, daß die Verhaftung der 3ngenieure ausschließlich durch da» gegen sie vorliegende Anklage- material veranlaßt wurde. Au» der Tatsache der Verhaftung deutscher 3ngenieure kann nicht die Schlußfolgerung gezogen werden, daß wir die Handlungen dieser Personen mit den deutschen Firmen in Verbindung bringen. Rach meiner Meinung bestehen durchaus keine Gründe dafür, deutsche Firmen der Beteiligung an den den verhafteten 3ngcnieuren zur Last gelegten Handlungen zu verdächtigen. 3d) muh bemerken, dah der Sckachtn-Vroxeß die Zahl der in den USSR. tätigen deutschen Fachleute nicht verringerte. Da» ist der beste Beweis, dah wir einen einzelnen Fall der Heranziehung von zwei deutschen 3ngenieuren zur Verantwortung nicht mit unseren allgemeinen Beziehungen zu Deutschland verknüpfen. Roch meiner Ueberzeugung wird sich dec Oberste Gerichtshos ausschliehlich durch die Bestimmungen des Sowjetrechtv leiten tasten, das st r e n - g c r ist als das bürgerliche Recht (Er wird die Schuldigen bestrafen und die Unschuldigen freifpre- chen. 3e weiter sich die Gerichtsverhandlung entwickelt, desto mehr wird die deutsche Presse die Möglichkeit haben, sich zu überzeugen, dah das Sowjetrecht keine po-titischen Ziele verfolgt, sondern nur bestrebt ist, eine tatsächliche Beteiligung der Angeklagten an den ihnen zur Last gelegten Handlungen seskzustellen. Dann wird auch die Spannung von selbst verschwinden.
Diese Aeußerung deS Vorsitzenden des Zen- trale-ekuttv?omitees ist um so bemerkenswerter, als bisher sowohl h^.-e amt'iche Persönlichkeiten alS auch die russische Prrs'e aus der angeblichen Beteiligung der deutschen Firmen an der Schacht 'Verschwörung vropaqand isti'ches Material zu schlagen suchten. Die deutschen Firmen haben wiederholt die gegen sie erhobenen sowetrussjschen Anklagen als völlig unbegründet zurückgewiesen. Dah sich jetzt sogar der Chef der €oto;erregierung bereit findet, zu erklären, es bestünde keinerlei Veranlassung, die deutschen Firmen der 'Beteiligung an den Der-
turopa-Jdee zu Wort kamen, schloß der Vorsitzende die Hauptversammlung.
Der Höhepunkt der xolonialtagung mar der große koloniale Festzug. der sich Sonntogoormittag durch die Straßen der Stadt bewegte Im Zug« sah man odjuhtruppenreiter, auswärtige Vereine des Deutschen Kolonialkriegcrbundes, meist uniformiert, zahlreiche Musikkapellen. Jugendgruppen, eine stattliche Anzahl von Verbänden und Vereine mit ihren Standarten und Fahnen und auch verschiedene Gruppen Schwarzer. Im großen Scßlohhos hielt der frühere Reichskolonialminister Dr. Dell eine Ansprache, in der er zum erneuten Bekenntnis zur Pflege des kolonialen Gedanken» In friedlicher unh chaffensfreudlger Aufbauarbeit für Kultur und Wirt- chaft oufforderte. Der letzte Gouverneur der deut- d)cn Südfee, Exz. v. Haber, enthüllte ein« Sud- ce-Ehrentofel ,311m Gedächtnis der in der Südfee Gefallenen. In Verbindung mit der kolonialen Tagung wurde auf dem Gewerbehallenplah in Gegenwart zahlreicher Gäste, darunter des Staatspräsiden, ten Dr. Bazille und der übrigen Württemberg!- scheu Minister, die Große Kolonlalauvstel- l u n q feierlich eröffnet. An die Feier schloß sich ein Rundgang durch die Ausstellung an, die ein anschauliches Bild von dem Leben und Treiben in unseren früheren Kolonien gibt
brechen zu verdächtigen, kommt überraschend. Man kann diesen „Bekennermut" deS Herrn Kalinin nur begrüßen, wenn man sich auch fragen muß. was nunmehr der Herr Staats- anwalt der Sowjetunion zu sagen hat. Jedenfalls ist die Zurücknahme der unglaublichen Vorwürfe gegen die deutsche Industrie nur geeignet, ihr Teil zur Vereinigung des ganzen Problem» beizutragen. Ob daS russische Gericht ebenfalls den Mut hat. die Dinge so zu sehen, wie sie wirklich sind. daS muß freilich abgewartet werden. Dis jetzt jedenfalls hat Rußland mit diesem Prozeß wohl kaum etwas erreicht, was feine internationale Wirtschaftslage auch nur einigermaßen verbessern konnte. Man täte deshalb gut daran, wenn man schon Im eigenen Interesse von derartigen Manövem abließe.
Fortgang des Prozeßes.
Die Anschuldigungen Bajchlins.
Moskau. 2. Juni. (WTB.) 3m Schacht h- prozeß beschuldigte Daschkin zweifellos in dem Destreben. durch Preisgabe seiner ehemaligen Freunde den Eindruck der Reue zu erwecken, die Hauptangcklagten systematischer konterrevolutionärer Tätigkeit. Heule früh kam der deutsch« Angeklagte Meier erstmalig zum Wort. Als nämlich Baschkin neuer- dings crllärte. fein Berliner Bruder habe ihn benachrichtigt. ..daß er demnächst wichtige Mitteilungen erhalten werde, über die er sich nicht wundem möge", fragte der Vorsitzende Meier, ob er sich dazu äußern wollte. Meier erklärte, „et kenne den Bruder BaschkinS etwa so, wie er dessen Großmutter kenne". Meier, der wegen Re.venzusammenbruchs in ä z sicher Behandlung gestanden hat, macht jetzt einen frischen Eindruck 3n den Rachmittagsverhar.d- lungen beantragte Rechtsanwalt WormS die weitere Vernehmung Daschkins, auf dessen Aussagen sich die Beschuldigungen der Anklage in der Hauptsache stützen, wegen der Erkrankung des DerlcrbigerS des deutschen Angeklagten Oliv, Ozep, auszusetzen. Worms beantragte ferner, die für den Schluß des Prozesses bestimmte Verhandlung gegen die drei Deutschen zwecks schnellerer Erledigung vorwegzuneymen. Der Staatsanwalt widersprach mit der Begründung, dah „aus logischen Erwägungen die Debeu'ung der Terfammlung in der russilchen Abteilung der A. C. G. erst nach der Ausllärung dessen, was in der Zentrale geschehen ist. ertamxl Kerben könne. Das Gericht behielt sich di« Entscheidung vor. Seitens der Botschasl sind Schrille unternommen worden, um den deutschen Gefangenen eine längere Schlafenszeit zu ermöglichen, da die Verhandlungen bis gegen 23 il’jr dauern und laut Gcsängnisreglement allgemein die Aufstehenszeit auf 5 Uhr festgesetzt ist. Der Abschluß des Prozesses ist kaum vor End« Juni zu erwarten.
Sie deutsche Industrie im Dvnezbereich.
Kalinin nimmt die Vorwürfe gegen die deutschen Industriefirmen zurück.
beSfübrer 6 e I b te zu einer Degrüßungs- xnkprache das Wort. 3n Hamburg fei mit einer Teilnehmerzahl von 100 003 Mann gerechnet worben. doch seien 125000 Mann gekommen. Damit 'ei auss beste bewiesen, daß der alte deutsche Kameradschaftsgeist noch lebe. Mit den Worten: .Für die FreihÄt im Staat, in ber Welt, in bet Arbeit unb bet beutschen Seele" schloß bi« An- vrache Mit bem Deutschlanblieb fand die Feier hren Abschluß. Hierauf wurde von den Dun- desführem in zwei Marschkolonnen der Vorbeimarsch abgenommen, der fast vier Stunden dauerte. Ebenso wie beim Anmarsch wurden beim Vorbeimarsch die einzelnen Äolonnen wieder von der Polizei begleitet und in die Quartiere gebracht. Wie von der Polizeibehörde mitgeteilt wird, haben sich bis sieben UHr abends Zwischenfälle ernster Art nicht ereignet
Die Tariferhöhung der Reichsbahn.
Berlin, 3. Juni. Zur Frage der Tariferhöhung bei der Reichsbahn berichten die Blätter, daß aller Voraussicht nach das Reichskabinett, das sich in der letzten Woche mehrluch mit der Frage der Tariferhöhung befchästtgt hat, in der nächsten Woche kurz vor feiner Demission sich noch einmal mit der Angelegenheit befassen wird. Wie bereits berichtet, halt die Reichsbahn an ihrer Forderung, eine Erhöhung der Tarife oorzunehmen, fest. In den letzten Tagen haben über die Frage der Reichsbahn- finanzen Besprechungen zwischen Reichsfinanzminister Köhler und dem Reparationsagenten ftätigefunben. Für den 9. Juni ist der Dermal- tungsrat der Reichsbahn einberufen worden, der
ebenfalls zu der Frage Stellung nehmen wird. M h- rere Blätter sprechen davon, daß bei den Verhandlungen erwogen wird, nur eine Erhöhung b er Gütertarife vorzunehmen, während die Personentarife unverändert bleiben fallen. Auch spielt der Gedanke eine Rolle, der Reichs- bahn durch Ueberweisung von Beträgen aus der Verkehrs ft euer neue Mittel zu verschaffen.
Der ehemalige Bizekönig von Indien beim Aeichspräfidcnken.
Der Herr Reichspräsident empfing am Samstag den sich zur Zeit in Berlin aufhaltenden früheren britischen Bosichafter und Dizekonig von Indien, Marqueß 0 f Reading, und weiterhin den deutschen Gesandten in Bangkok Dr. 21 5 m i ß.


