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Ur. 5 Erster Blatt

(78. Jahrgang

Mittwoch, 4. Januar 1928

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Gießener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

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(Tbefrtbakteur

Dr. Fnedr. Wilh. Lange. Derantwortlich lutPolitik Dr. Fr. Witt) Hangt; für Feuilleton Dr fylbgnot; für den übrigen Ted Ernst Blumfchetn, für den An» zeigenteil )*urt Tillmann, fflmthd) in Gtetzen.

Das amerikanische Flotienbauprogramm.

Wilburs Wunschzettel als Aufiatt einer neuen Seeabrüstungskonferenz?

(Dachbruck, auch mit Quellenangabe, verboten!) Don unferem A. O. A.-Äorrefoonbenten.

Reuh or k. 30. Dezember 1927.

Dor vier Monaten, unmittelbar nach dem Fiasko der Genfer Marine-,.Tlbrüstungf-Konfe­renz, gab eine Meldung der größten amerikani­schen Dachrichtenagenlur, der Associated Preß, in groben Umrissen da- voraussichtliche Pro­gramm, das der Kongreß im Dezember vom Marineamt erwarten durfte. Darin war von zehn Kreuzern von je 10 000 Tons die Rede, deren Dau die gesamte Kreuzer-Tonnage auf 225 000 gebracht haben würde. Don Zeit zu Zeit 1auch:cn andere Prophezeiungen auf. All bie'e mehr oder minder auf "Vermutung begrün­deten Pläne haben jetzt feste Gestalt angenommen. und zwar in dem vom Marinesekretär Wilbur dem Repräfeutantenhause des Kongresse- vorge­legten Wunschzettel. Fünfundzwanzig Kreuzer, nich: zehn, dazu fünf Zlugzeug-Mutlerschise, neun Torpedozerstörer-Führer und -weiunddreißig Un- terseeboole. Herr Wilbur sagt, eS sei unmöglich, die künftigen Daukosten genau festzulegen, er deutet aber an, dah die Reubauten rund 750 Millionen Dollar kosten würden. Auf solcher Grundlage ist die- Programm da- zweit- gröhte, da- je dem Kongreh vorgelegt wurde, und Herr Wilbur erklärt, es habe die Zustim­mung des Dudget-Direktor-, undwie gemeldet werde, widerspreche es auch nicht dem Finanz­programm des Präsidenten".

Lor einem Jahr lag Herr Eoolidge mit dem Kongreß In Fehde, um die Annahme eine- bescheidenen ZlottenprogrammS zu verhindern, do- die Marine um drei Kreuzer zu bereichern beabsichtigte. Man fragt sich vergebens, welch plövliche neue Bedrohung der .Sicherheit de- Lande- ' am Horizont erschienen wäre, die da- gröhte jemal- in Friedenszeiten ausgestellte Flottenprogramm rechtfertigte. Don solcher .Ge­fahr" ist zumindest die breite Qessentlichkeit nicht unterrichtet. Amerika- Deziehungen zu Japan find noch auhenhin freundschaftlich. Die Be­ziehungen zu England sind noch immer die vernünftiger Leute, wenn auch der zwischen bei­den Ländern liegende Atlantik leicht gekräuselt ist von Wellen, die durch gewisse Gegenströmun- gen und Gegenwinde hervorgeruien sind, und wenn auch In manchen Punkten keine Einstim­migkeit zu erzielen ist. 3m Süden war vor einem Jahr viel die Rede von einer .bolschewistisch inspirierten mexikanischen Hegemonie am Panamakanal", aber da weder Ruß- land noch Mexiko nicht viel mehr al- eine Kriegsflotte aus dem Papier haben, ist kaum anzunehmen. das) Amerika seine Kreuzer­stärke verdreisacht. um zur "Verteidigung des Kanals gegen die Bösewichte gerüstet zu sein. Man schaut sich vergebens nach einer Kriegs­gefahr um. die dringend genug wäre zur Be­gründung eines fibtten' regramms. dcb in feinem Umfang nur von dem Wilson- im Jahre 1926 übertroffen wird. Tatsächlich ist denn die- Pro­gramm auch nicht das Resultat irgend einer Kriegsgefahr. Seine Bedeutung ist nicht ohne weiteres klar.

Letzten Sommer schickten die "Bereinigten Staa­ten ihre Delegaten nach Gens, um mit denen England- und Japan- über eine weitere S c c - wehr-RüstungSbeschränkung -u ver­handeln. Die Abgesandten vermochten sich nicht zu einigen. Da- amerikanische Marinekollegium hat es nunmehr unternommen, dies FiaSko voll au-zudeutem Ls ist nicht damit zufrieden, dah Amerika in Genf die Gleichstellung mit England und da- 5 zu 3 Stärkeverhältnis zu Japan i m Prinzip erneut zugestanden wurde. Richt zu- trieben, auf Grund dieser Bestätigung den Dau derjenigen Schiffe zu empfehlen, die Amerika für feine eigenen Zwecke im Pazifik. Atlantik und im karibischen Meere l rauch', und die Frage der sonstigen Gleichstellung Li allen anderen SchissStvpcn wei'cren Konferenzen und möglichen weiteren Uebereinkünften zu überlassen. Es be­steht vielmehr auf Parität im buchstäb­lichen Sinne de- Wortes.

Wäre die Genfer Konferenz niemals zusam- mengetreten. hätte sie nicht mit einem Fehlschlag geendet, so hätte daö U. S Marinekollegium sicherlich niemals daran gemacht, mit einem Wunschzettel, wie er dem Kongreß zu W'ih- nadv.cn 1927 vorgelegt wurde, hervorzutreten. Cs ist schon ein Stückchen Schlcksalsironie. dah Herrn Eoolidges 'Bemühungen auf Weltabrüstung und Welt-Befriedung jetzt ein Rüstungspro- gramm gezeitigt haben, wie eS in ähnlichen Aus­maßen bislang nur von einer einzigen Regierung geplant Worten ist. und zwar mitten im Welt­kriege.

Dies Programm schlägt allem ins Gesicht. Wa­der Präsident in bezug auf Mäßigung, auf Sparsamkeit g aat und gepredigt hat. Man muh schon nach nich direkt an der Odersläch? liegen­den Gründen suchen, die bri dem so besonnenen, nüchternen, sriedftr.igen, haushälterisch n Prä­sidenten der "Bereinigten Staaten einen solchen Sinneswechlel hervorgerufcn haben können. Könnten wäre vielleicht besser. Die Frage ist nämlich, ob man überhauv. von einer llmkehr sprechen darf. Uni» hier tritt ein Moment in d e Erscheinung, das gewifsermahen als d^ scls Lösung an gesprochen werden - Lum. Das dem

Kongreß voraelegte neue Bauprogramm ist nickt befristet, seiner Durchführung sind keine zeitlichen Grenzen gezogen. .3ch vermöchte rricht einmal zu fugen, erklärt der Dorsi Yen de deS RepräsentcnUenhaus-Ausschusses für Marine- angelegenheiten, .ob dies n:ue Programm groß oder nein ist. Wir können diese Sch.fse inner­halb eines Jahres oder auch innerhalb eine- Jahrhunderts auf Kiel legen." Der Kongreh könnte für den Anfang, d. h. fürs erste Iahr. 750 Dollar. 750 000 Dollar oder auch 750 000 000 Dollar bewilligen.

Somit verbleibt dieneue Flottenpolitik" vor­läufig auf dem Pa pier, die Schisse bleiben Ziffern selbst dann, wenn der Kongreh dem Pro­gramm seine Zustimmung erteilen sollte, bi» öle Gelder tatsächlich bewilligt stnd und das Marine- amt zum Bau ermächtigt ist. Dah die Mitglieder der nationalen gesetzgebenden Körperschaft einen so tie­fen Griff in Onkel Sams Keldkiste tun werden, ist nicht anzunehmen, so entschieden sich auch die ,Iin- goeft", die Heißsporne, dieBig Navy Men" dafür einfesten werden.

Sollte Herr Toolidge etwa die Absicht haben, jetzt, da er seinen zweifellos grundehrlichen 2lbsichten mit einem, wenn auch wahrscheinlich vom Kongreh etwas zusammengestrichenen Wunschzettel ft ä r f e r c n Nachdruck zu geben oermag, abermals eine Konferenz einzuberufen oder durch irgendeine befreundete Nation einberufen zu lasten? Als im Zahne 1922 die Washingtoner Harding-Hughes-Kon- serenz einberufen wurde, war Amerika mit der Durchführung eines Flottenprogramms beschäftigt, das ihm zur See die Ueberkegenheit über alle anderen Nationen gesichert haben würde. Amerika hatte etwas, womit es die anderen Teilnehmer überzeugen" konnte. Zn dieser Lage ist es setzt wie­der. Und wenn keine derartige Konferenz stattfindet, dann dürste es mit der Verwirklichung feines Pro- grammsin UcbereinftimnTung mit dem, was es für geboten halt", fortfahren, was gleichbedeutend^ mit der Feststellung ist, dah dcnui-die Vereinigten Staa­ten ben 21 n ft o z u neuem Wettrüsten ge­geben haben würden.

Oie Stellung des Parlaments

Washington, 3. Ian. (WB.) Die kürz­liche Tauchbvotkatastro'-He veranlahte den Ma- rincausschuh des Hinterhauses, zwei moderne Rettungsschiffe in das neue Marine- Programm einzufügen. Dagegen soll, wie in Kongrehkreisen verlautet, der Ausschuh beabsich­tigen, das Programm des Admiralstabes zu k ü r- zen. und zwar sowohl waS die Zahl der neuen Schilfe als auch was die jährlichen B a u k o st e n betrifft, indem die Zeit der Kiellegung um fünf bis sieben Iabre verlängert und dadurch die Bauausgaoe auf etwa 100 Millionen Dol­lars jährlich ermäßigt werde. Gs macht sich ferner Opposition geltend gegen den PassuS des RegierungSentwuries. der dem Präsidenten ge­statten will.^das Bauprogramm isderzeit selb­ständig abzuändern oder aufzuheben, falls eine neue Marineabrüstungskon'erenz stattfinden und positive Ergebnisse haben sollte. 3n dieser Ermächtigung sicht man im Repräsentantenhaus einen Ile bergt Hf auf die Rechte des Kon­gresses. Der PassuS dürste dachet wohl gestri­chen werden.

Oer Antikn'egspakt.

Tie Antwort des Ltaatssckrctärs Kellogg an Briand.

Ivafhinglon, 3. Jan. (7VT8. Junffprud).) Jn feinem Briefe an die französische Regierung, be­treffend den amerikanischen Gegenvorschlag über einen Anti-Kriegsoertrag, schreibt Staatssekretär Kellogg, er habe die Frage forgfätfig erwogen, und erwidere im Namen des amerikanischen Volke» von Herzendie erhabenen Gefühle der Jreunö- schast", die Brianö oeranlafjt halten, feinen Vor­schlag zu machen. Staatssekretär Kellogg regt dann an,dah die beiden Regierungen, anstatt sich mit einer zweiseitigen Erklärung zu be- j gnügen, einen bemerkenswerten Beitrag zum Jrie- ' den der Welt leisten könnten, indem sie sich ; u - fammen schlichen in einer Bemühung, die Zustimmung sämtlicher Hauptmächte der Welt zu einer Erklärung zu erlangen, worin auf den Krieg al» Instrument natio­naler Politik verzichtet wird, wenn eine derartige Erklärung von den Hauptmächten der wett zur Durchführung gebracht würde, so würde sie naturgemäß ein eindrucksvolle» Beispiel für alle anderen Rationen der Welt fein und es wäre denkbar, dah sie diese Rationen dazu bringen würde, ihrerseits das gleiche Dokument zu unter­schreiben, wodurch c ne Vereinbarung, die bi»her für Frankreich und Amerika als vertragsfeilhaber angeregt war, sich auf alte Mächte der wett aus- öefinen würde.

Kellogg schreibt: Die Rcg-erung der vereinigten Staaten ist daher bereit, mit der französischen Re­gierung Rat zu pflegen im Hinblick aus den Ab- schfuh eines Vertrages unter den Hauptmächten der w^ik, denen vnterzcicknung allen Rationen frei flehen würde, wenn die sranzösifchc Regierung ge­willt ist. sich dieser Bemühung anzufchliehen und mit den vereinigten Staaten und den anderen Hauptmächten einen geeigneten Kollektiooertrag

einzugehen, werde ich mich freuen, sofort B e - fprechungen im Hinblick auf die Vorbereitung eine» Vertragsentwürfe», der den von Brianb vor- geschlagenen Richtlinien folgen würde, aufzuneh­men. der dann von Frankreich und ben Bereinigten Staaten gemeinsam den anderen Rationen der Welt unterbreitet werden würde.

Zurückhaltung im Senat.

Washington. 2. Jan. (WTB) 3n Se­nat-kreisen wurde dem Dertreter des WTB. erflärt. man müsse sich vor Augen halten, dah da- Angebot von "Brianb komme und das Staatsdepartement nach langem Zögern seinen guten Willen dadurch bekundete, dah

es einen Entwurf formulierte, der ba® Maxi­mum dessen darstellte, wa» di« "Bereinigten Staaten zugestehen könnten. Wenn Frautreich da- nicht genüge, so sei es jedenfalls dem amerikanische Senat ebenso recht, wenn kein "Bertrag geschlossen werde, denn di« Ber­einigten Staaten gewännen nicht« durch solche "Berträge, sondern legten sich lediglich Bindungen auf, deren Tragweite gröber sein könnte, als es im voraus abzusehen sei. Das Problem sei also zur Zeit nicht die Annahme eines amerikanischen Angebot«, sondern der Be­scheid Frankreich- mit dein SchiedSvertrag. Don einem besonderen Freundschast-vertrag mit Frankreich könne keine Red« sein.

Kriegsschulden und Reparationen.

Oie Schulden der Anderen.

(Eigene Drahtmeldung des(Siebener Anzeigers".

Berlin, 4.3an. Es ist in der letzten Zeil Im Zusammenhang mit der Frage einer Revision des Dawesplanes und mit dem Bericht Parker Gilbens so häufig von unseren eigenen K.i gs- schulden die Rede gewe'en. dah es sich empfiehlt, schon zur Erleichterung des GentülcS, einmal ble- jenigen der Anderen wieder anzufeyen. Heber die Höhe der deutschen Au-landschulden siebt noch nichts fest, aber unbeschadet der Rede PoincaröS in der französischen Kammer, in der er die Phantasiezisser des Londoner Diktat-, die 132 Milliarden, wieder hervorbolte. dürfen tott zuversichtlich damit rechnen, dah im Ernst nie­mand unS eine höhere Gegenwart-schuld als etwa 34 bis 37 Milliarden im Höchstfall auf­erlegen will.

Skmgegciiübcr hat Großbritannien zur Zeit eine Gesamtschuldenlast von 150 Milliarden Kriegsschulden, wovon allerdings 128 inländische Schulden sind. Bei unS ist eine Staatsschuld in entsprechender Höhe infolge der Inflation auf den Rullpunlt zusammengcschmolzen und nur durch die verschiedenen AufwertungSgcseye in beschränk­tem Um lange je nach der DerechnungSweise handelt es sich um; 2 biS 6 Milliarden wieder aufgelegt. Aber immerhin besitzt England gegen­über einer inneren Schuld von 14.4 unö keiner Ausland chuId vor dem Kriege heute neben den 123 Milliarden inneren auch runde 22 Mil­liarden auswärtige Schulden.

Bei Frankreich ist das Gesamwerhältni- günstiger, insofern der heurige Rechnungswert seiner Gesamischulden nur 75.2 Milliarden Mark beträgt, und zwar mit 45,6 Milliarden inneren und 29,6 Milliarden äußeren Sch ilden angesetzt ist. Dabei ist freilich zu berücksichtigen, daß die Schulden gegenüber Amerika hier nach dem Mellon-Deringer-Abkommen angesetzt sind, da­von Frankreich nicht ratifiziert mürbe. D elleicht etwa» günstiger im Endeffekt bleibt doch die Gesamtschuld Frankreichs In annähernder Höhe bestehen. Dor dem Kriege hatte auch Frankreich keine äußeren Schulden und nur 27,5 Milliarden innere Schulden.

Italien hat heute eine Schuldenlast von 31 Milliarden, wovon 17 Milliarden auf die inneren und 14 auf die äußeren Schulden ent­fallen. Durch die Stabilisierung wird die Summe der inneren Schuld, die bei dieser Berechnung zum AprilkurS vorllegt. freilich noch um ein

paar Milliarden höher. Auch Italien hatte vor dem Kriege keine auswärtigen Schulden und nur 16 Milliarden innere Schulden.

In-gesamt hat sich also die Schuldenlast Groß­britanniens mehr als verzehnfacht, diejenige Frankreichs fast verdreifacht und die Stallen« durch den Krieg verdoppelt. Dabei ist aller­dings in Betracht zu ziehen, dah alle drei Staa­ten zusammen mit einer Reihe anderer an den deu t schen Reparationsleistun­gen partizipieren und auch untereinander wieder erhebliche Rechnungen haben. Aber auch, wenn man diese KrtegSguthaben, die be­sonder- bei Großbritannien beträchtlich sind. txm der Last der eigenen Schulden abzieht, bleibt für jeden unserer drei europäischen Hauptgegner eine recht ansehnliche Schuldenlast übrig, die durch keine Reparationszahlung jemals voll gedeckt werden kann, Innerhalb 62 Zähren, die für die englische und italienische Abzahlung an Amerika festgesetzte Frist, würde demnach Italien 15, Frankreich und Großbritannien je 44 und Deutschland nach dem heutigen Plane 50 Milliar­den abzuzahlen haben. 01 ton sieht also auch, daß die Gewinner des Krieges, mit Aus­nahme der Bereinig;en Staaten, ihr Reparations- päckchen zu tragen haben.

Parker Gilberi in Amerika.

Beratungen mit Eoolidge.

Washington, 3.Ian. (WD.) Parker Gil­bert, der am Samstag mit D a w e s in Washington cingct raffen war, suchte heute sriih den Staats­sekretär K e l l o a g auf und wurde heute mittag von Präsident Eoolidge zum Bortrage über die Er­gebnisse des letzten Jahres seiner Tätigkeit in Berlin empfangen. Im Anschluß an den Vortrag beim Prä­sidenten erklärte er dem WTB.-Vertreter, er müsse der delikaten Natur seiner Stellung wegen sehr vor- sichtig sein- wer jedoch seinen letzten Jahresbericht genau lese, werde darin eine vollständige Darstellung seiner Stellung zu den finanziellen Problemen Deutschlands sinden. Er habe wirklich nichts ver­schwiegen und beabsichtige nicht, hier im gegen­wärtigen Augenblick Verhandlungen über eine etwaige Aenderung der Reparativnspositik zu füh­ren. Er liebe Berlin und würde gern noch längere Zeit dort tätig sein, könne aber jetzt über tue Dauer feiner dortigen Tätigkeit nicht» sagen. Er fahre jetzt nach Neuyark und werde am Freitag mit derAqni- tania die Rückreise antreten, auf welcher er in Paris Station machen werde.

MeinsandräumungundSicherheü

Auch die deutsche Sozialdemokratie lehnt neue Leistungen ab.

(Eigener Drahtbericht des Gießener Anzetgers".

Berlin, 4. 3an. Mit Beginn de- neuen Jahre- ist die öffentliche Debatte übet das Problem der Rheinlandräumung wieder recht lebbart geworden, wobei je nach der politischen Einstellung d.e verschiedenartigsten Stellung rah­men zum Ausdruck kommen. Eine vollkommene Derkennung der Lage scheint jedoch bei der Kommentierung einer Erklärung der deutschen Sozialdemokratischen Partei zu Aeuherungen Paul-Doncour - durch den Berliner Korre­spondenten des Manchester Guardian vorzuliegen, er schreibt, daß die Ansicht über bic Rhein­landräumung. die von dem Auswärtigen Amt vertreten werde, von der Sozialde­mokratischen Partei nicht vertreten würde. Dieselbe sei bereit, auf das. was das deutsche Auswärtige Amt als ein Recht ansehe, nämlich, daß die Räumung der Rhcinlande schon letzt aus Grund des Dcrsailler Det- tragcs fällig sei. zu verzichten und eine baldige Räumung des Rheinlandes durch Annahme eines besonderen Regimes im Interesse einer angeblichen Sicherheit zu erkaufen, eines Regime-, für das der Friedensvertrag keine Genehmigung erteile, und das sich kaum dem Dölkerbund anempfchlen könne.

Don führender 8 rite der sozialdemokratischen Partei wird uns dazu erklärt, dah dies eine völlige Derkennung des Standpunktes

der sozialdemokratischen Partei bedeute. Die so- zraldemokratische Partei vertrete vielmehr die Ansicht, daß eS vollkommen unzulässig sei. bie Frage der Räumung zu einem Han­delsgeschäft zu macken und fte irgendwie mit der Frage der Sicherheit auf dem Wege neuer materieller Leistungen zu ver­knüpfen. Die sozialdemokratische Partei sei be­reit. alle Garantien zu geben, daß von leiten Deutschland- kein AngrissSkrieg erfolge, lehne aber jede dauernde Kon­trolle tm Rheinlands auf da- entschiedenste ab. Insofern unterscheide sie sich aller­dings von der Ansicht Paul-Doncours. der nach seinen letzten Aeuherungen ja immer wieder die Rheinlandfrage mit der Frage der Sicherhett und anderer materieller Leistungen verknüpft wis­sen wollte. Sie habe diesen Standpunkt auch immer vertreten und vor allem seinerzeit auch deutlich zum Ausdruck gebracht, als nach ihrer Ansicht das Auswärtige Amt sogar be­reit gewesen wäre, sich auf neue Leistungen einzullrisen. um die vorzeitige Rheinlandräumung zu erreichen.

Zu diesen Aeuherungen ist zu beinerten, daß auch daS Auswärtige A m t niemals die Möglichkeit ins Auge gefaßt hat, die R'umung der Rheinlande durch neue materielle Lei­stungen zu erlaufen, sondern vielmehr nach wie vor den Standpunkt vertritt, daß Art. 431 des