Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)
Hr.260 viertes Blatt
Samstag, 5. November (928
Der Zeppelintaumel in Amerika. Moment bilder vom Zcppelinempfang in Neuyork.
Aus unserer Leserschaft wird uns in dankenswerter Weise der launige Brief eines sungen Gießeners zur Verfügung gestellt, der den groß, artigen Empfang des „G af Zeppelin" durch die Amerikaner miterlebt hat und seine Eindrücke an den für die Deutschen Neuyorks wohl besonders fcstlichcn Tagen des Eckener-Besuches außerordentlich fesselnd und anschaulich schildert. Der Brief lautet:
Neuyork, 17. Oktober 1928. Meine Lieben!
(Euren lieben Bries habe ich erhalten und daraus ersehen, daß es Euch gut geht. Mir geht es soweit auch ganz gut, auch das Geschäft läßt sich gut an. Sehr viel Neues kann ich Euch nicht berichten, außer dal ganz Neuyork nur von unserem Zeppelin spricht. Es war aber uuch einfach wundervoll. Ich hatte gestern schon alle Hoffnung auftegeben, daß einer von Euch so klug wäre, mir einen Brief mit „Zepp" (wie er hier genannt wird) zu schicken, und ich war furchtbar freudig überrascht, als ich gestern abend nach Hause kam und einen lieben Brief von Gert vorfand, den er mir mit dem Zepp geschickt hat.
Also, meine Lieben, wie ich Euch schon sagte, es war direkt ein erhebendes Gefühl für einen Deutschen, mitzuerleben, wie (eint Landsleute hier gefeiert wurden.
Am Sonntag wartete alles schon fieberhaft auf die Ankunft des Zeppelins they all were disappointed, as she didn’t come. Mondav aftemoon, at 4 o’clock suddenly all steamers on the waler gave their signs and all the people was running to the roofs of the buildings and I, naturrally, did the same, und als ich auf dem Dache ankam, flog unser Zeppelin majestätisch über die Stadt, und zwar so niedrig, daß man fast die Leute sehen und erkennen konnte, die aus den Fenstern der Kabin' heraussahen. Und die Begeisterung hättet Ihr sehen müssen, die Leute wußten einfach nicht, was sie alles vor Freude machen sollten.
Es war ein wundervoller Anblick, als der Zeppelin, der wie Silber am Himmel glänzte, begleitet von vielleicht hundert Flugzeugen, seinem Hafen Lakehurst zustrebte, wo er um zirka 5 Uhr landete
Am nächsten Tage war Parade am Broadway und auf der fünften Avenue, und alles schrie und tobte fürchterlich. Ihr könnt ja sicher auch bald alles im Kino sehen, wie ich hier auch. Nämlich gestern abend waren wir in der Nachtvorstellung im Capitol, wo mir die ganze Fahrt von Friedrichshafen bis Lakehurst schon im Film sehen konnten Es war eine E^tra-Mitternachtsvorstellung aus Anlaß der Begrüßung der deutschen Luftfahrer: es waren zirka 7—8000 Menschen in cm einen Theater. Plötzlich gegen 12 Uhr wurde es hell, und unter brausendem Jubel zogen Dr. Eckener und die anderen alle in das Theater ein. Und kaum waren olle da, als die Musik ansetzte und 8000 Kehlen einstimmig, ob Deutscher ober Amerikaner, das war kein Unterschied, Deutschland, Deutschland Überall-s sangen. Dann wurde die amerikanische Nationalhymne gesungen und einige Ansprachen gehalten. Auch Dr Eckener einige Worte an das American people, und die Begeisterung fand keine Grenzen. Es war Uhr, als alles vorbei war, und mir gingen nach Haufe, stolz darauf, Deutsche zu sein. Meine Lieben, bas hättet Ihr sehen muffen, es war wirklich herrlich.
And now, 1 will dose my fetter und verbleibe mit den herzlichsten Grüßen und Küssen
Euer Euch liebender
W.
Gchwmdelfirmen und Bekämpfung des Schwindelwesens.
Große Leichtgläubigkeit, wenn nicht gar noch mehr, sind die Ursachen wirtschaftlicher Schäden^ die die Here'.ngefallenen, seien es kaufmännische Firmen, feien es Privatpersonen, alltäglich durch Schwindelfirmen und Schwindler, die Immer die Maske von Biedermännern tragen, erleiden. Auch der Staat ist fast immer dabei der leidende Teil. Denn die Entlarvung von Schwindlern, die zur Anzeige gebracht werden, wenn es meist schon zu spät ist, nimmt die Kräfte des Staates — Polizei, Staats-
Neue Bücher.
— Franz Werfel: Der Abiturienten 1 ag. Die Geschichte einer Jugendschuld. 325 Veiten 8°. Paul Zsolnay Verlag, Berlin, Wien, Leipzig, 1928. (435) — Das ist ein sehr merkwürdiges Buch. Man liest es, dick, wie es ist, in einem Sitzen von der ersten bis zur letzten Seite durch: man kann nicht aufhören damit, und wenn man es gelesen hat, kommt man tagelang nicht davon los: immer wieder kehren die Gedanken zu den Gestalten und Ereignissen dieser unheimlichen Erzählung zurück. Virileicht konnte nur Werfel dies schreiben, jedenfalls scheint uns die Formulierung der Fabel gerade für ihn un- §emein charakteristisch zu sein. Werfels erster teman führte den ungewöhnlichen Titel: »Vicht der Mörder, der Ermordete ist schuldig". Sein (bisher) letzter Roman heißt „Der Abituriententag": er könnte aber, an jenes frühere Werk anklingend, ebenso umständlich aber mit gleicher innerer Berechtigung also überschrieben sein: Vicht der Angeklagte, sondern der llntersuchungsrichter ist schuldig. 3n solchem sittlichen Relativismus (wie der Frankfurter Literarhistoriker Vaumann das zu nennen pflegt) — in solchem Schwanken und stetem Derwischtsein aller Wertbegriffe im Charakter eines Menschen scheint uns die ganz besondere Eigenart dieses Buches im Sinne seines Schöpfers vor allem begründet zu srin. 3n dieser Fragwürdigkeit moralischer Grenzen und Gesetze — ähnlich jener, wie sie von E.nstein auf andere, materiellere Dinge des Lebens bezogen wurde, — scheint sich gerade Franz Werfeä Weltgefühl am entschiedensten zu offenbaren. — Die Fabel ist. in aller Kürze, etwa so zu pointieren: der mit einer Morduntersuchung beauftragte Richter wird durch die zufällige verblüffende Aehnllch- kit des Angeschuldigten mit einem Schullameraden und durch eine am Abend des ersten Verhörtages stattfindende Versammlung der zu würdigen Männern h.rangereiften Al llnrienttn sei es Jahrganges dazu gebracht, unter einem unerklärlichen. visionären Befehl in fein früheres Leben zurückzuleuchten, die schwere Schuld knabenhafter Verfehlung (begangen an jenem Kameraden, den
Oer Sternhimmel im November.
Sonnenaufgang von 6.55 bis 7.50 Ahr. — Sonnenuntergang von 16.30 bis 15 53 Uhr.
Lichtgestallen des Mondes: 3. Viertel am 4. um 15 Uhr, 1. Viertel am 20. um 15 Uhr, Vollmond am 27. um 10 Uhr.
Hoffentlich bringt uns der Vovember einen klaren Sternhimmel, was lrei'ich eine Ausnahme wäre, die sich aber in bleiern Jahre lohnen würde. denn In diese n Monat gibt es besonders viel zu schauen. Der Sternschnuppenschwarm der
dann bei günstigen Bedingungen am Südost- horizent b. obachtet werde.i. Dec folgende Wandelstern. die Venus, erscheint als Abendstern, was im Herbst für die Sichtbarkeit immer ungünstig ist. Eie wird daher trotz ihres vechältnis- mäßig großen Sonnenabstandes erst gegen Schluß des Monats bef er sichtbar. Sie größte Aufmerksamkeit werden hingegen die beiden äußeren Wandelsterne, der Mars und der Jupiter, beanspruchen. Don ihnen hat der Jupiter den
Merkur
(Qjup/fer
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J7ERNB/L DER: 6R0SJE BUCH-/*, J-TABEN / /
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3*^Jonne y 1 Vierte/ (?) Vot/monet C J. Vierte!
Der die 24 Stundenzahlen een Witter - nacht He Mitternacht einte Tages enthaltend« Kreis und die dich punltierte Linie, der sogenannte Horizont, sind fest- stehend tu denken. Der Sternhimmel dreht sieh samt dem auf Mitternacht geigenden geraden Pfeil — gewissermaßen dem Zeiger der Himmelsuhr — in 23 Stunden und 56 Minuten im Sinns des gelogenen Pfeils einmal um seinen Mittelpunkt. Der ein gezeichnet« Horizont umrahmt die tu der Stunde, auf die der gerade Pfeil zeigt, um die Monatsmitte eicht- laren Sterne. Unser« Karte zeigt also den Zustand um Mitternacht der Monatsmitte. Will man zu einer anderen Stunde bedachten so den Ire man eich den Sternhimmel samt dem geraden Pfeil so gedreht, daß dieser auf die Beobachtung s stunde zeigt; dadurch werden die zu dieser Zeit sichtbaren Sterns in den nicht mitzudrehenden Horizont hin- eingedreht. Für jo 5 Tage vor der Monatsmitte ist der gerade Pfeil Stunde früher, für je 5 Tage nach der Monatemitte 1/3 Stunde später zu stellen. Man vergleiche die nächste Monatskarte. Der Mond nimmt die gezeichneten Stellungen ein, wenn er die angedeutete Lichtgestalt zeigt.
Leoniden zwar erscheint jedes Jahr um diese Zeit. Auch der schnei e Fortschritt der Wintersternbilder. die sich na ment ich in dem früheren Ausgang des Orion zeigt, der gezen Ende des Monats schon vor 23 Uhr voll sichtbar ist, ist nichts Besonderes. Aber über die Wand lste ne ist desto mehr zu erzählen. Da ist zunächst die Sonnenfinsternis in den Morgenstunden des 12. Vovember, bei der allerdings nur etwa ein Drittel des Sonnendurchmessers ver instert wird, die immerhin aber clls merkwürdiges Ereignis angelprocheu werden kann. 14 Tage später ist eine Mondfinsternis, die wir allerdings nicht zu sehen betommen. weil der Doll nond bei Tage eintritt, wo er natürlich unter un erem Horizont steht. Auch von den übrigen Wandelsternen sind vier sichtbar. Der Merkur geht am 9. fast zwei Stunden vor der Sonne auf und kann alS-
Zeitpunkch-der günstigsten Sichtbarkeit, die sog. Gegenstellung zur Sonne, die am 23. Oktober eintrat, unmittelbar hinter sich, w'i en) ihn der Mars vor sich hat. Sie Helligkeit de; Jupiter nimmt demnach langsam ab, was fr.i ich bei ihm seiner nur wenig veränderlichen Entfernung wegen nicht sehr ins Gewicht fällt, währ:nd die des Mars stark zunimmt, weil sich '"ei e Entfernung von der Erde verringert. Mit dieser Siel- lung der beiden Sterne hängt es zusammen, daß der Jupiler erst kurze. s:ät rhin längere Zeit vor Sonnenuntergang aufgeht und da er gegen Schluß des Monats schon in beträcht icher Höhe in der Dämmerung sichtbar wird, wählend der rötliche Mars erst nach Sonnenuntergang aufgeht und daher am Abendhimmel noch e.was länger auf sich warten läßt.
anwaltschaft und Gerichte — ganz außerordentlich in Anspruch. Untersuchungen, Buchprüfungen. Zeugengebühren usw. verschlingen alljährlich Rie- sensummen, die der Staat tragen muh, weil von einem verurteilten Schwindler bekanntlich in den allerseltensten Fällen auch nur ein Pfennig Ersatz zu holen ist. Wie viele derartige Ausgaben könnten bei der Rechtspflege gespart und für andere Dinge verbraucht werden, wenn es nicht der leichtgläubige, allzu lerchtgläubige Teil der Geschäftswelt oder Privatpersonen wäre, durch deren Verschulden den Schwin' lern immer wieder Gelegenheit zu ihren Raubzügen geboten wird.
Cs ist in der breiten Oeffentlichkeit viel zu toenicj bekannt, daß der Verband der deutschen gemelnnütz'gen und unpartesi ch n Rech sau3tunst- stellen. die sich ohne G.winnabsicht und ohne Verfolgung von Vebenzwecken die Rechtsberatung der minderbemittellen Bevölkerunaskreife zum Ziele gesetzt haben, bei seiner Geschäftsstelle eine Zentralstelle zur Bekämpfung der Schwindelfirmen besitzt mit der Aufgabe, das zum betagten Zwecke geeignete Material zu sammeln und es durch Mitteilung an andere Rechtsauskunftstellen, an Gerichte, Rechtsanwälte oder an die Geschädigten feEbft, sowie durch Rechtsgutachten und warnende Veröffentlichungen
er im Angeklagten wiederzusehen glaubt) — aufzuspüren und zu bekennen... vor sich selbst. Die Lösung ist überraschend und nicht voll befriedigend zugleich: im zweiten Verhör stellt sich die Verwechselung heraus: der Angellagte ist nicht jener verschollene Mitschüler, sah ihm nur erstaunlich ähnlich. Und also bleibt tut Grunde alles wie zuvor. In dieser Erzählung, die für eine Vovelle zu breit ist, für einen Roman aber nicht Raumtiefe genug besitzt, erzwang Werfel nicht völlig die ergreifende Abgeschlossenheit und innere Gedrungenheit, wie sie im knappen Bericht vom „Tod des Kleinbürgers" so unvergleichlich gelang: aber sie besitzt im gleichen, ja vielleicht höheren Grade eine oft unheimlich anmutende Kraft sich einwühlender Psychologie, die Gabe, feinsten, verborgensten Regungen. Zusammenhängen, Verkettungen im Seelenleben, im Unterbewußten, Unbewußten und Jenseitigen nachzuspüren, ... eine Fülle tiefer, in Schuld und Schicksal verstrickter Menschlichkeit bringt aus der Erzählung auf den Leser ein; niemand kann unberührt bleiben von diesem fremden Erleben und fremden Geständnis, irgendwie klingt immer wieder Verwandtes, Eigenerlebtes, unausgesprochen, uneingestanden, nicht gewußt oder nicht bedacht, vom Gelesenen her im Leser an und macht ihn befrei fen. Und selbst wenn er im Persönlichsten sich nicht irgend einmal angerührt oder angeredet fühlte, wird jeder, der dies liest, das hohe Ethos anerkennen, die menschliche Güte, Wahrhaftigkeit und Leidenschaft (zu bekennen und im Bekenntnis zu bessern, zu Helsen und auszuglrichen) — womit dies Buch ein Werk nicht nur der schönen, sondern auch der guten und im edelsten Sinne erziehe- rischen Literatur geworden ist und bleiben wird,
— Herbert Gulenberg: Zwischen zwei Männern. Eine Lebensdichtung. Stuttgart 1928. I. Engelhoms Vachs. Kart. 4,50, Leinen 6 Mk., Halbleder 8.50 Mk. (505) — Kann eine Frau zwei Männer zur gleichen Zeit lieben? Und kann sie dabei mit ihnen in harmonischer Gemeinschaft leben? Die Beantwortung dieser in der Geschichte der Menschhell immer wieder auf* tauchenden Fragen hat Eulenberg in feinem neuen Buch auf verschiedenen Wegen zu geben versucht. Das Problem entzündet sich an fünf verschiedenen
in der Presse zum Ruhen der Allgemeinhell zu verwerten. Schwindler und Schwindelftvmen beuten hauptsächlich die Leichtgläubigkeit und Unerfahrenheit minderbemittelter Volls- kreise aus, die besonders geschützt werden müssen. Das geschieht am besten durch die genannte Zentralstelle, die ihre Aufgabe aber nur dann erfüllen kann, wenn ihr einschlägige Mitteilungen über Firmen usw., die der schwindelhaften Ausbeutung Shritter verdächtig sind, schnellstens gemacht werden. Bei der großen Bedeutung, die einer planmäßigen Bekämpfung der gemeinschäd- lichen Tättgkeit der Schwindelfirmen zukommf, muh die Aufmerksamkeit wellester Kreise auf die vorgenannte Zentralstelle, die ihren Sitz in Lübeck hat, gelenkt werden.
Aus dem Amisverkündigungsblatt.
* Das Amtsverkündigungsblatt Rr, 80 Dom 2. Vovember enthält: Eröffnung des ordentlichen Lehrganges 1928/29 an den landwirtschaftlichen Schulen bei den h ssischen Land- wirtschaftsämtem; Uebertoeifung von Fortbildungsschülern; Schulfunk: She Schrift „Mein Weg ins Leben 1929"; Lehrbücher für den Haus wirtschaftlichen Unterricht in der Fvrtblldungsschule.
weiblichen Figuren des Romans, vor allem an dem unabhängigen jungen Mädchen, das zwischen dem rassigen Flieger und dem charaktervollen Bibliothekar schwaE, und an der erschütternden Gestalt der Herzogin, die in ihrem Herzenszwiespalt mitschuldig wird an der Ermordung ihres Geliebten. Ein besonderer Reiz des Buches ist die kunstvolle Verflechtung dieser beiden Handlungen, deren eine in der Gegenwart spielt, während die andere sich allmählich aus vergilbten ©rinne» rungsblättern offenbart und immer wieder geheimnisvolle Schotten — oder Erkenntnislichter? — auf das Geschehen der Haupthandlung wirft. Das Buch kann als ein Gegenstück und innere Umkehrung des vor zwei Jahren erschienenen Romans „Zwischen zwei Frauen" von Eulenberg angesehen werd.n, der seinerzell auch in unserem „Büchertisch" besprochen wurde.
— Wilhelm Stücklen: Das Tulipane n s ch i f f. Romain 278 Sellen. Ganzleinen- band 6.50 Mark. Verlag der I. G. Cottaschen Buchhandlung Rachfolger, Stuttgart und Berlin. (524.) — Stücklen, der sich durch eine Reihe von vieles prellen Theaterstücken und namentlich durch fein über zahllose Bühnen geführtes Schauspiel „Sie Straße nach Steinatzch" einen llterarischen Vamen machen konnte, hat hier einen Roman geschaffen, der ihn auch auf diesem ihm neuen Felde als jungen Meister erweist. Gestalten von großer Eindringlichkeit stehen hier im Rahmen einer stürmisch fließenden, hinreißenden Handlung auf der Szene. Sehr gelungen ist auch das Bild Amsterdams, auf dessen Boden der Roman spielt. Bankviertel und Hasen, Ju- denstadt und SHanumtenborfe, Blumenmarkt und Ftschh. llen, alles kommt gleichermaßen zur Geltung, so daß es beim Lesen fast ist, als durch- wandele man an der Seite der handelnden Gestalten die wunderbare Stadt, in der um Denkmale einer klassischen Vergangenheit das moderne Leben pulst.
— Sophie Hoechst etter: Königskinder. Roman. 296 Seiten 8°. Ganzleinen 6 Mk. K. F. Koehler, Leipzig 1928 (504). — Ein dankbarer Stoff: die bewegten Jugendjahre Friedrichs des Großen uird ferner Lieblingsschwester Wilhelmine, der nachmaligen Warkgräfw von Datz-
Amtsgericht Gießen.
• Gießen, 31. Ott. In der Rächt vom 8. zum 9. Juli L I. wurde ein Kaufmann aus Klein-Lindcn, der auf dem Heimweg von Grvhen- Linden begriffen war, und sein Fahrrad wegen der dortigen Steigung auf der rechten Selle des Fahrdammes der Straße drückte, in der Rühe der Waldschenke plötzlich von einem hinter ihm herfahrenden Motorradfahrer, dem heutigen Angeklagten, angefahren, so daß er samt seinem Rade zu Fall kam und in bewußtlosem Zu st and in in e;nem Auto nach Hause transportiert werden mußte, wo bei ihm einige nicht unerhebliche Verletzungen festgestellt wurden. Ein heute an Ort und Stelle unter Zuziehung der Zeugen vorgenommener Augenschein und die sich unmittelbar daran anschließende Haupt Verhandlung ergab die Schuld des Motorradfahrers an dem Xlnfall, den er aus Fahrlässigkeit infolge Außerachtlassung einer Reihe von Derkehrsvorfchriften veranlaßt hat. Er hiell zwar, ebenso wie der Fußgänger — ein geeignetes Bankett kam nicht in Betracht — die rechte Seite des Fahrdammes ein, wollte diesen auch nach Vorschrift links überholen, nahm aber den Bogen zu kurz und berührte ihn seitwärts durch einen heftigen Stoß, der die oben beschriebenen Folgen nach sich zog. Ser Angellagte. wie dies oft bei derartigen Situationen geschieht, behauptete, der Verletzte habe gerade im Augenblick des äleberholens nach links gehen wollen. Qtber selbst wenn diese von dem letzteren entschieden bestrittene Behauptung richtig wäre, trage der Angellagte die Schuld. Er hatte mit derartigen Eventual.tät n unter den gegebenen Verhältnissen rechnen und einen weiteren Dogen machen müssen. Raum war noch hinreichend vorhanden, und der Angeklagte wurde auch an diesem weiteren Dogen nicht durch das Auftauchen zweier Spaziergänger gehindert, da diese auf der anderen Seite des Fahrdammes ganz am Rande desselben gingen. Immerhin war dadurch die Situation eine etwas schwierige. Der Angellagte erhielt wegen fahrlässigerKörper- verletzung eine Geldstrafe von 50 Mark; er erkannte das Urteil sofort an.
Kirchliche Nachrichten.
Evangelische Gemeinden.
Sonntag, 4. November. 22. Sonntag nacn Trinitatis. Reformntionsfesl.
Sladkkirche. 9.30 Uhr: Pfarrer Becker; 11: Kinderkirche für die Markusgemeinde; Pfarrer Becker; 5: Pfarrer Mahr; Beichte und hl. Abendmahl für Matthäus- und Markusgemeinde. — llohanneskirche. 9.30: Pfarrer Ausfeld; zugleich Militärgottesdienst; 11: Kinderkirche für die Johannesgemeinde; Pfarrer Ausfeld; 5: Pfarrer Bechtolsheimer; Beichte und hl. Abendmahl für Lukas- und Johannesaemeinde; 8: Bibelbesprechung im Iohannessaal: Pfarrverwaller Dotzert. — Kapelle des Allen Friedhofs. 9.30: Pfarrer Lenz. — Elifabeth-Kleinkinderschule. 9.45: Pfarrverwalter Dotzert. — Dieseck. 9.30; Opfer für die Gustav-Adolf-Stiftung. — Alten-Duseck. 9.30, Beichte; 10; 11: hl. Abendmahl; 1.30. — Haufeu-Garbenteich. 10: Garbenteich 1: Hausen. — Kirchberg. 10: Kirchberg; Kollekte für den Gustav-Adolf-Verein; 11: hl. Abendmahl für die Jugend von Staufenberg; 1.30: Mainzlar. — Watzenborn-Steinberg. 1: Predigt; Opfer für den Gustav-Adolf-Derein; 2: Kinder- kirche. — Lich. 9.15: Beichte; 9.30: Stiftspfarrer Lia Schorlemmer (Mitwirkung des Posaunenchors); HL Abendmahl; 12 45: Kindergottesdienst: 2: Stiftsdechant Kahn (Kollekte für den Gustao-Adolf-Verein).
katholische Gemeinden.
Samstag, den 3. November.
Gießen. 4.30 und 7 Uhr: Deichte.
Sonntag, 4.Nooember. 23. Sonntag nach Pfingsten.
Gießen. 6.30 Uhr: Beichte: 7: Messe; Kommunion der Männer; 8: Kommunion; 9: Hochamt mit Predigt; 11: Messe mit Predigt: 5: Christenlehre und Andacht; 7.30: Clisabethenoerein. — Grünberg. 9.30: Messe mit Predigt. — Hungen: 18: Andacht. — Laubach. 10: Messe mit Predigt. — Lich. 7.30: Hochamt mit Predigt. — Rldda. 8.30: Hochamt mit Predigt. — Schollen. 10.30: Hochamt mit Predigt._____________
Sonnta-uwe-uft j. icr’.teu. .'(uotücfcn am 4.11.28 Dr. S. Klein. Dr. W. Klein. Ennelavolheke.
Zahnarzt: Dr. Jäger. *D
reuth. Im Mittelpunkt der berühmte Fluchtversuch, die Gefangenschaft in Küstrin und Katies Erschießung. Das Ganze mit viel Verständnis und gutem Gefühl für die seelischen Grundlagen der Fabel, auch fliehend und spannend, aber in einem oft sehr spröden, schwunglosen und geradezu banalen Papierstil geschrieben, was den an sich nicht unsympathischen Gesamteindruck des Duches, besonders gegen Ende hin, erheblich abschwächt.
—Suzanne de Callias: Crbfeind- schäft. Versuch einer Annäherung. Vovelle. 119 Sellen 8°. älebersetzung von Ams Rothe. Geh. 3 Mk., geb. 4,50 Mk. Paul List, Verlag, Leipzig. (493.) — Man sagt, diese Erzählung sei eine französische Antwort auf Bruno Franks „Politische Rovelle"; es man fein. Die Autorin: versucht hier, den an sich fruchtbaren Gedanken: einer versöhnlichen Angleichung wesensfremder Rationen als das Schicksal einer Liebe zwischen einer französischen Aristokratin und einem deutschen Adligen zu gestalten: Versuch einer Annäherung, toobei die beiden Partner jeweils beispielhaft für ihre Völker denkend unö handelnd aufgefaßt sind. Leider erweist sich dies als ein Versuch am untauglichen Objekt: die Partner sind zu ungleich, die Französin ist der weitaus wertvollere Mensch, der Deutsche ist im wesentlichen noch immer aus ter französischen Karikattr- perspektive vor 1914 gesehen. Er steht unter dem Durchschnitt, sie darüber. Der Versuch scheitert künstlerisch an der mangelnden Objektivität der Suzanne de Callias: sie müßte gewissermaßen auf der Grenze stehen, zwischen den Völkern, zwischen den Seelen. Aber sie hat nicht aus ihrer Haut heraus gekonnt, und ihr Buch ist zu sehr vom ftonzösischen Standpuntt aus geschrieben. Das ist sehr schade, benn an sich ift der Gedanke, der dem Buche zugrunde!iegt. wertvoll und könnte segensreich wirken, und außerdem ist der unpolitische Tell der Rovelle. sind die reinen Liebesszenen außerordentlich gut und fein geschrieben. Auch die Hebersetzung von Rothe ist von erfreulicher Sicherhell, die Der-# legerische Ausstattung untadelig.


