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Kr 260 Zweites Blatt

Deuischland und ll. S. A.

Don Or. Otto Hoehsch, o. Prof, der Geschichte on der Universität Äerlin, M. d. Ik.

Unfer ständiger außenpolitischer Mit­arbeiter. der sich auf der Rückreise von seinem Studienaufenthalt in den Vereinigten Staaten befindet, zieht in diesem Aufsatz das Ergebnis seiner amerikanischen Erfahrun­gen. namentlich mit Bezug auf die Ein­stellung Amerikas zum Reparations- p rechtem.

Wan wundert sich, wenn man die amerikani­schen Zeitungen Lest, wie wenig in ihnen über Europa und Deutschland zu finden ist. Das wird man für die Zeitungen des mittleren und fernen Westens begreiflich finden. Es ist sicher eine der stärksten Lehren für einen Reisenden im fernen Westen, zu sehen, wie dieses Amerika in sich selbst ruht, wie ungeheuer viele neue Aufgaben im Innern noch vor ihm liegen, und wie das ganz besonders für den ferneren Westen gilt; sowohl oben an der Grenz« von Kanada, wo man in Seattle eine gewaltige Entwicklung vom Hinterland nach dem Stillen Ozean vor sich sieht, wie namentlich und vor allem in Kalifor­nien. Das ist ja nicht nur das Land des ewig blauen Himmels und wundervoller Sonne und (was der Europäer ja wissen wird) der Mittel­punkt der Filmindustrie der Welt. Das ist in seinem südlichen Teil, in und um Los Angeles, ein Gebiet von erstaunlicher, allerneuester Ent­wicklung; Oel vor allem, aber auch Stahl und andere Schwerindustrie, Pläne großer Damm- bautem usw. Da ist es kein Wunder, wenn man nicht viel fragt, wie es in Europa wussieht und der Reifende begreift das und freut sich, wenn er gleichwohl herzliches und lebhaftes Interesse für sein Heimatland findet.

Aber das ist doch merkwürdig, daß die Riesen- -eitungen von Reuyork, deren Ramen man über­all in Europa kennt, so wenig über Europa und natürlich auch über Deutschland bringen. Ich habe immer danach gesucht und mich oft gefragt, wozu eigentlich diese Reuyorker Zeitungen ihre großen Bureaus und ihren großen Stab von Korrespondenten in Der.in unterhalten. Jeden­falls ist es völlig unmöglich, aus einer ameri- kani chen Zeitung, auch aus einer Reuyorker Zei­tung, irgendein Bild von dem zu gewinnen, was in Europa vorgeht. In diesen Wochen meiner Reis« habe ich in den Zeitungen nur gefunden: Telegramme und Artikel über Genf und das englisch-französische Flotlenabkommen, dann wohl überall den dummen Streich, den die Kommu­nisten in Berlin demDorwärts"-Redakteur Schwarz gespielt haben, und ganz ausführlich und immer wieder die Zeppelin-Fahrt, ihre Vorbereitung und Durchführung. Daneben auch, was zum Teil in dasselbe Kapitel schlägt, Rach- richten und Betrachtungen über den Bau der beiden neuen Aie-sendampfer des Lloyd in Dre- men.

Diese Beobachtung einer, wie man glauben könnte, Aeußerlichkeit regt doch viele tiefgehende Fragen an. Wieviel erfährt überhaupt das ame­rikanische Volk von den Sorgen und Röten Euro­pas, für die dieses die Hilfe Amerikas erhofft? In welcher Weise erfährt es das? Mit welchem Interesse nimmt es das auf? Wie kann über­haupt Belehrung über di« WeltAbroad" hier auf Erfolg rechnen, Belehrung und, was damit zusammerchängt, Propaganda? Wie weit toirfi eine immer noch vorhandene englisch-französische Propaganda, für die nach wie vor viel Geld zur Verfügung steht, auf die amerikanische öffent­liche Meinung, di« auch von diesen beiden Staaten recht wenig weih und auch über sie, in ihren Zei­tungen sehr wenig findet. Denn man kann nicht sagen, daß Deutschland allein so stiefmütterlich behandelt würde. Auch die anderen europäischen Staaten erscheinen ebensowenig und ebenso undoll» ständig in den Rresenspalten der Zeitungen, für deren Beförderung am Sonntag man eigentlich immer einen kleinen Handwagen braucht.

Vicht diese Fragen aber sollen hier vertieft werden, sondern die Tatsache, dah die Fahrt des

Gesang ist Leben."

Don Feodor (Schaljapin.

Der berühmte russisch« Sänger erzählt hier aus seinem Leben.

Seltsam die Schicksalskraft, die dem Gesang verliehen ist! Vermögen unsere Lippen ein Lied­chen zu formen, so haben wir den Sorgen die Schwere, dem Unglück den Stachel genommen. Cs ist nur zu begreiflich, dah auch der Derufs- sänger sich diesem geheimnisvollen Einfluh nicht entziehen kann und mag. Wenn ich hn Konzert­saal singe, so vergesse ich Vergangenheit, Gegen­wart und Zukunft. Ich befinde mich in einer anderen IBelt; ich sehe niemand von meinen Hvvern und lebe nur in meiner Stimme. Auch aus der Bühn« denke ich nie an das Publikum Ich sehe selbst nicht die Theaterbesucher in der ersten Parkettreihe. Weder Freunde noch Ver­wandte existieren dann für mich. Trotzdem emp­finde ich nur zu gut, dah ich nicht allein bin. Ich stehe unter dem Einfluß einer geheimnisvollen Kraft, im Banne eines wunderbaren Fluidums, das die wahre künstlerische Inspiration schafft. Die Anwesenheit der vielen Zuschauer bedeutet mir einen einzigen großen Impuls, und in meinem Gesang verschmelzen Künstler und Zuhörerschaft zu eins. Es ist wie der Pulsschlag eines mäch­tigen Herzens, das in Berlin und Paris, in Reuyork wie in London ziemlich gleichmäßig schlägt.

Singe ich nur in kleinem ausgewählten Kreise, so habe ich das Gefühl, dah jene seäische Kraft, die von einer großen Zuhörerschaft ausströmt. mich nicht in gleichem QEaße umgibt. Im alten Rußland sang ich oft am Zarenhofe. Ich fang vor Kaiser Wilhelm, vor König Georg von England und vor König Alphons von Spanien. Alle diese Herrscher waren äußerst liebenswürdig zu mir. Sie überschütteten mich mck Anerkennung, aber trotz all ihrer schmeichelhaften Aeußerungen über meine Kunst waren doch wohl die Urteile künst­lerisch hochstehender Persönlichkeiten von grö­ßerem Wert für mich Einmal fang ich vor Tol­stoi und später unterhielten wir uns. Seine An­sichten über das Leben und über die Kunst be­deuteten außerordentlich viel für mich. Was er mir über Musik und Gesang sagte, hatte einen großen Einfluß auf meine künftige Laufbahn.

Girtzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen) Samstag, z. November 1928 ---------------J_________1 ........ ........! . I

Zeppelin und Dr. Eckener in Amerika aufmerk­sam verfolgt und von lebhaftestem und leiden­schaftlichem Interesse getragen waren Ohne Vor- behalt ist das zunächst ein Grund zu aufrichtiger Freude für jeden Deutschen und namentlich für den, der dies« Tage selbst hier mit erlebt hat. Es ist ein deutsches Werk, dessen Gelingen gefeiert wurde, und es ist ein richtiges methodisches deut­sches Werk. Aber, wenn man über rauschende Festlichkeiten und Begrüßungen, die verbrausen, hinausdenkt, die Freude ist es vor allem und die Bewunderung über das Werk der Technik, das [o konstruiert wurde und die Probe bestand, und über die. wie wiederholt sei, methodisch-exakten wissenschaftlichen Vorbereitungen und Durchfüh­rung des ganzen Werkes. Das ist die Sicherheit und die Bürgschaft für Weiteres, und das impo­niert. Das ist ja auch nicht abhängig von Geld und Handelsbilanz und dergleichen; das ist eben etwas, was wir haben unb unter allen Um­ständen erhalten und fördern müssen. Dann mün­dete natürlich der Eckener-Flug in den ganzen Strom der deutsch-amerikanischen Beziehungen herein. Daß man darüber auf einer längeren Reise durch die Staaten nachdenkt und Beobach­tungen sammelt, das ist für einen politischen Menschen ijur selbstverständlich.

Ich habe, wie bekannt, für den Dawes-Plan gestimmt. Ich habe oft hervorgehoben, daß mir die Hauptsache dabei war, über alle bekannten und von mir geteilten sehr schweren Bedenken hinweg, die Tatsache der Rückwendung der Ver­einigten Staaten von Europa und die Förderung ihrer Bereitwilligkeit, Europa und Deutschland zu helfen Meine Eindrücke auf dieser Reise haben, so dars ich sagen, mir bestätigt, daß das ein richtiges Gefühl Wan Europa und im beson­deren Deutschland brauchen die Mitarbeit und di« Hilf« der Vereinigten Staaten von Amerika, die nun einmal in jeder Beziehung die erste und mächtigste Macht der Welt geworden sind. Und was man auch mit Recht über das Bedenkliche und Schwierige in bezug auf di« amerikanischen Anleihen in Deutschland sagen mag, diese ameri­kanischen Anleihen seit 1924 haben den finan­ziellen Wiederaufbau Deutschlands zu einem großen Teil« ermöglicht.

Die Frag«, wie das nun weiter gehen wird auf dem Geleise der Revi ion des Dawes-Planes, wie auf dem Geleise des Kellogg-Pakts. enthält die verwickeltsien und schwersten Probleme der deutschen Außenpolitik. In zahlte ea Gesprächen habe ich das erörtert und sehr oft den deutschen Standpunkt vor sehr verchieden'r ieen. fast aus­schließ ich onglo amcrikaaiichen Kreisen, vertreten können. Es ist so selbstverständ ich wie irgend etwas, daß kein Deutscher vergessen kann und wird, wie die Bereinigten Staaten in den Krieg hineingezogen wurden, wie sie feinen Ausgang zuungunsten Deutschlands allein entschieden haben und wie Deutschland mit den 14 Punkten des Präsidenten Wilson und der darauf auf­gebauten Poli.ik betrogen worden ist. Und auch zwischen Amerika und Deutschland steht heute immer noch die große Frage der Kriegsschuld­lüge. Gerade in diesen Tagen ist ein großes und, wie man mir sagt, sehr aufschlußreiches Werk darüber hier erschienen, von dem Geschichts- Professor Fay an der Harvard Universität: Origins of the World War.

Der Amerikaner, der sich sowieso nicht gern mit der Dergängenheit beschäftigt, sondern immer vorwärts drängt, denkt heute Immer we­niger an den Krieg, und er denkt in seinem Verhältnis zu Deutschland, soweit er sich über­haupt damit beschäftigt, ganz zwei ellos heute mehr an das, was er mit Deutschland gemein­sam hat, als an das, was ihn von Deutschland trennt. Gemeinsam in den Fragen der ^Sicher­heit' und der Organi'ation des Weltfriedens und gemeinsam auch in den Fragen einer ab­schließenden Ge amt'ösung der finanziellen Kriegsfolgen, die ja doch einmal kommen muß, die sicherlich und bestimmt innerhalb der vier Jahre des neuen, am 4. März nächsten Jahres beginnenden Präsidentschaf ts-Terms" zustalck)«- gebracht werden muß.

Und nun noch eins zu diesen zunächst sehr allgemeinen, aber mit vielen Beobachtungen be»

Als ich noch ein kleiner Knabe war, befaß ich einen Freund, einen Schmied, der oft an seiner Esse fang. Eines Tages lag ich auf einer Wiese auf dem Rücken und blickte in den blauen Himmel hinauf. Ich verfolgte die ziehenden Wolken am Horizont mit meinen Augen, sah die Lerchen immer höher ins Aetherblau ft eigen; ich fühlte mich glücklich. Erst leise, dann etwas lauter be­gann ich zu fingen. Ich stand ganz im Banne meines Gesanges und hatte nicht darauf ge­achtet, daß mein Freund, der Schmied, zu mir herangekommen war. Plötzlich sah ich chn und hörte auf zu fingen in kindlicher Befangenheit. Fahr nur fort, mein Junge", sagte der.Das Lied hat Flügel. Es trägt den Sanger In himm­lisch« Gefilde. Es ist ein Vergnügen, nicht nur dem Gesang zu lauschen, sondern auch von eigenem Reiz, den Sänger zu beobachten." Das waren die Worte eines einfachen Schmiedes im Ural. Ich habe oft an -sie im späteren Leben denken müssen.

Meine größte Freude war es, als ich das erste Engagement in einer kleinen Stadt im Ural erhielt. Ich wurde für den Chor an genommen und erhielt eine Gage von 20 Rubel in der Woche und 6 Rubel Vorschuß. Was für eine Unmenge Geldes bedeutete mir diese Summe damals! Seit dieser Zeit habe ich viel Geld durch meinen Gesang verdient. Ich habe sehr wertvolle Kon­trakte unterschrieben und hohe Summen als Vor­schuß erhalten, habe jedoch nie mehr das Ent­zücken verspürt, das mich damals erfaßte, als ich in dem unscheinbaren Bureau der Keinen Ural­stadt das erste selbstverdiente Geld in Händen hielt. Diese 6 Rubel bedeuteten einen neuen Ab­schnitt in meinem Geben, sie ermöglichten wir die Verwirklichung meiner sehnlichsten Hoffnungen. Mein Vater wolfte ursprünglich, ich sollte Tischler werden; bann wollte er einen Schuhmacher aus mir machen und endlich wollte er mich als Schreiber in ein Regierungsbureau stecken. Mein Herzenswunsch dagegen war es stets gewesen, ein Sänger zu werden. Diese ersten verdienten 6 Rubel nun stimmten meinen Vater um, denn sie gaben ihm den greifbaren Beweis, daß man auch durch Gesang Geld verdienen kann.

Dis zu meinem 28. Lebensjahr habe ich nie außerhalb Rußlands gesungen. Zu dem Ge­danken, ich könnte ein Engagement im Ausland erhalten, verstieg ich mich in meinen kühnsten

legten Sätzen, indem wir zu dem am Anfang Gesagten zurückkehren. Das Hauptproblem ist nicht so sehr eine Gegnerschaft zwischen den Vereinigten Staaten und Deutschland zu über­winden. sondern das Hauptproblem ist. die Kenntnis und das Verständnis auf der anderen Seite zu gewinnen, die di: Voraussetzung jedes Entschlusses ist, wie wir ihn von Amercka er­hoffen.

Ich habe in sehr viel Diskussionen gesehen, daß die leitenden Männer der Politik in beiden Parteien, in der Wirtschaft und in der Finanz, nid>t nur im Osten ber Vereinigten Staaten, sich darüber fiar sind, daß Amerika sich nicht von Europa isoliert haften kann, und wenn citoad dieses Verständnis auch Im mi.tleren und fernen Westen gefördert hat und fördert, so ist es eine sehr reale Tatsache, nämlich die: daß recht viele Anlagen in Deutschland aus dem Westen ge­kommen sind, und daß die Frage, inwieweit diese Anlagen in Deuffch'and sicher seien, recht viele Menschen, etwa in Denver, ober St. Louis, oder Chikago, oder auch in St. Franzi sko, sehr leb­haft intercf.'iert, weil sie für den Inhaber deut­scher Bonds dort allerdings höchst praktisch ist. Aber, wie zu Anfang hervorgehoben, das Land ist noch lange nicht an die Grenzen seiner Aus-

Hoffnungen nicht. Mein Vater war arm, und so hatte ich keine Gelegenheit, ausländische Sprachen zu lernen, und eS fiel mir nicht einmal leicht, ein fehlerfreies Russisch zu sprechen. Wie also sollt« ich damit rechnen, vor einem ausländischen Publikum fingen zu können! Zu meinem größten Erstaunen ja ich möchte beinahe sagen Ent­setzen erhielt ich eines Tages ein Telegramm von einem Impresario, der mich einlud, in der Mailänder Skala zu fingen. Widerstreitende, Emp­findungen durchzuckten mein Hirn. Was, fo fragte ich mich, wird mir diese neue Welt bringen. Ich fühlte instinktiv, daß abermals ein neuer Ab­schnitt in meinem Geben angebrochen war; aber ich war in Sorg«, ob ich mich auf das Instrument, das ich in meiner Kehl« besaß, auch wirklich ver­lassen formte. Richt das Erscheinen vor dem großen, mir unbekannten Publikum fürchtete ich. sondern die Mögllchkeit einer Indisposition. Gott war mir gnädig, denn an jenem schickfalsvollen Abend gab meine Stimme alles her. was sie zu geben in der Gage war, und mein Erfolg war gesichert.

Auch heute bin ich noch sehr darum besorgt, ob meine Kehle stets ihren Dienst verrichten wird. Ich zittere, wenn ich daran denke, daß meine Stimme eines Tages ihren Dienst versagen könnte. Ich vermeide jeden Sport mit Ausnahme des Schwimmens und mit Ausnahme von längeren Spaziergängen, um so der Gefahr einer Erkältung zu entgehen. Ich weiß, daß eine schwere In- dispofitivn, die. mich zwingen würde, das Zimmer zu hüten, die Pläne meiner Impresarios sehr erschweren würde, die ihre Hoffnung und ihr Geld auf mich gesetzt haben und durch meine äinachtsomkeit ruiniert werden könnten. Mein Geben wird von meinen Managern geregelt. Ich weiß nie, welche Programme si« für mich entwerfen. Ich folge ihnen, wohin sie mich auch dirigieren mögen. Ich reife Hunderte von Meilen und weiß ost nicht, weshalb ich gerade in das von meinem Impresario gewählte Land muß. Trotzdem finde ich mich mit diesen Schwierigkeiten und mit den Anstrengungen meines Berufes ab. denn die Freud« am Gesang macht alles leicht. Gesang ist mehr als Kunst. Gesang ist Elementar- getoalt, die den Menschen der irdischen Riede- rungen enthebt und ihn näher zu seinem Gott bringt. Für mich bedeutet Gesang Geben, Gesang ist meine Weltanschauung.

gaben und Möglichkeiten im Innern herangekom­men. Es wäre ein Irrtum, anzunehmen, die Vereinigten Staaten müßten heute schon ängstlich In der Welt Umschau halten, wo sie ihren Lieberschuß an Automobilen oder dergleichen ab- sehten. Am ehesten stellt sich diese Frage mit Bezug auf das Gold, das in den Kellern der Federal Reserve Banks ruht.

Don einer dringenden Rotwendigkeit, sich mit den deutschen und europäischen Fragen zu bc- fas.cn, ist noch keine Rede. Die dringendste Rot­wendigkeit stellt vielmehr Aufgaben, die buchstäb­lich auf der Straße, vor der Tür, liegen. Daher ist auch die öffentliche Meinung im ganzen, der sog.QlZann auf der Straße", nicht übermäßig bereit und vorbereitet, Erörterungen über euro­päische Fragen entgegen*un?ßmen und noch we­niger daraus die Praktischen Kon equenzen zu ziehen. Darin liegen ganz besondere Schwie­rigkeiten für die deutsche Politik gegenüber Rordamerika. Sie sind nicht gering. Aber, die Ueberjeugung nehme ich mit. bei Energie und Geschick auf unserer Seite sind sie überwindbar, und schließlich kommen uns die ps.)chelogischen Voraussetzungen hier auf der anderen S ite soviel kann man sagen doch auch entgegen.

Oer Gorilla im Schlafwagen.

Ein etwa vierjähriger Gorillajunge, der sich jetzt im Berliner Zoo befindet und auf den RamenBobby" hört, ist zusammen mit seinem Spielgefährten, einem Schimpans n von imfercm Mitarbeiter Paul Eipper nach Ber in gebracht worden. Prof. Brandes, der an dieser Reise teilnahm, schildert die Fahrt in der Zeitschrift Der Zoologische Garten". Die Herren hatten mit den beiden Tieren an der italienischen Grenze ein eigenes Schlafwagenabteil erhalten, und die Rächt verlief ohne besondere Ereignisse. Am Morgen aber waren die beiden Affen in ihren engen Kästen sehr ungebärdig, und so beschloß man, sie herauszulassen; fie nahmen denn auch ganz manierlich auf den Sitzpolstern Platz.Ich saß an der Fensterseite," erzählt Brandes,und hatteBobby", der sich von Anfang an sehr für die Gandschaft zu interessieren schien, bald meist auf dem Schoße, weil er von dort aus am besten Ausschau halten konnte; feine großen brau­nen Augen richtete er bald in die Tiefe, bald auf die schneebedeckten Höhen, und man sah deutlich, daß beide Asseninteresftert" die wechselnde Gandschaft verfolgten. Sehr interessant war das Verhalten des Tieres gegenüber den vie en Tun­nels, vor allem insofern, als es nicht durchweg dasselbe blieb. Anfangs sprang Bobby, sobald wir in einen Tunnel einfuhren, ausgelassen um­her, klaffchte sich mit durchgedrücktem Kreuz hochreckend gegen die Wände und trommelte auf sein« Brust; später verhielt er sich gerade umgekehrt. Sobald es um ihn dunkel wurde, flüchtete er an meine Brust, steckte den Kopf fast unter den Rock und verharrte so ganz ruhig, bis es wieder hell wurde. Bobby Vertrieb sich neben dem Ausschauen wie es viele Reisende tun ine Zeit durch andauerndes Fressen, unb auch die Art des Verzehrens, z. B. eines Apfels, war ganz die Art eines nicht eigentlich aus Hunger, sondern aus Gangeweile Essenden. Er blickte in die Gegend, führte nebenbei ganz gleichmütig" den Apfel zum Munde und ließ nur kleine Häppchen hinter den Lippen ver- totoinben. Professor Brandes behauptet zum Schluß, daß er niemals eine lange Reise kurz­weiliger verbracht habe, als mit diesen beiden, bald liegetoonnenen Reisegefährten.

Deutsches Schicksal in JenM-Süd-Weß. Hans GrimmsDreizehn Briefe" aus Südwestafrika. Oer Mandatsgedanke als Prinzip moderner Kolonialpolitik. Ltebernationale Böikerbundsherrschast für den schwarzen Erdteil!

Von Or. Werner WirihS.

Dreizehn Briefe" schrieb Hans G r i m m, der Verfasser vonVolk ohne Raum" als Er­gebnis einer Reise durch das nachlriegs- zeitliche Deutsch-Südwestafrila. das ihm ehedem, vor Krieg und Kriegsnot, wie so manchem Deut­schen, zweite Heimat geworden war. Grimm trat, wie er selbst gesteht, sein« Fahrt ins weite afri» kanische Land in der Meinung an, sich in Süd- West für eine Weilehinter Romantik und Aben- teuer vor deutscher Wirtlichkeit verstecken" zu können inib sah' sich daselbst erst recht a n eine deutsche Front verhetzt, wo sich sehr viel Wichtigeres abspiele, als der Reichsdeutsche, ja, als die Menschen von Südwest selbst wußten. Unter dem neuen Erlebnis der unter burisch-eng­lischem Druck so stark veränderten ehemaligen deutschen Kolonie, drang der alte Afrikaner in die Problematik des deutschen kolonialen Denkens vor, nahm er den Kampf auf gegen Vorurteile und falsche Auffassungen, die mo­ralische Seite der kolonialen deutschen Ange­legenheit zumindest ebenso wichtig nehmend wie di« politisch-wirtschaftliche, diewell man im heuti­gen Deutschland deutsche Kolonialpolitik oft leicht­hin mit dem Hinweis« abzutun pflegt, sie sei ja doch unrentabel:Es ist für ein Voll nötig, daß feinereinlichen" Abenteurer nicht zu Zucht­häuslern und Amolläufern werden vor lauter Verhemmtheit; es ist für ein Voll nötig, daß bas Blut seiner Unruhigen und Ungewöhnlichen, daraus die Führer kommen, ihm erhalten bleibt, statt anberen Böllern zugeleitet zu werden; eS ist für ein Doll nötig, daß es «ine Gelegenheit für Tüchtigkeit hat, für nichts alS für angeborene Tüchtigkeit, unabhän­gig von gellender Prüfung und geltender Partei und irgendwelcher Art vorbestimmter Rechtgläu­bigkeit und irgendwelchen herrschenden Zufällen; das Kolonialland ist für ein Doll nötig w ie der Turnplatz für die Schule. Das Beispiel Englands, dessendestrullive" Elemente in den Küllmienkonstruktiv" wurden, unter­streicht nachdrücklich dies« Sätze.

Roch ein anderes hebt Grimm gleich zu An­fang seinerBriefe" hervor: daß aktive über­seeische Kolonialpolitll eine aktive Ost­politik, das heißt «in bewußtes Erweitern und Festhallen unserer Grenzlandschaften, kei - neswegs ausschließt. Es handelt sich bei

beiden um anderes Menschenma terka l und eine andere Mentalität. Treiben wir n'cht seit tausend Jahren Ostpolitll, und ist unsere Kolonialpolitik nicht erst rund dreißig Jahre alt? Es kommt immer auf das Wie an, auf di« gute oder schlechte Ostpolitik, auf die gute ober schlechte Kolonialpolitik. Aber es fragt sich auch, ob die Deutschen heut«, um ihrer selbst und um der Welt willen, trotz des Verlustes der Kolonien auf Kolonialpolitik verzichten lönnen und dürfen. Dämmerung des kolonialpolitisch:n Zeitalters? Afrika erwacht? Grimm ant­wortet: Afrika und Asien sind n'cht vergleichbar. Afrika aber ist der einzige wirkliche ko­loniale Erdteil, weil hier die zivilisa- tori'che Angleichung der schwarzen Bevölkerung an die weißen Methoden die Abhängigkeit von Europa insofern großer machte und macht, als der Schwarz« je nach dem Kolonialgebiet, in dem er wohne, Portugiese, Franzose ober Eng­länder werd« und so wenig Gleichberechtigung der Rassen auch bestehen möge, so sehr der Far­big« als Engländer, Portugiese, Franzose zweiter Klass« behandelt werd« seine Bedürfnisse nach dieser neuen Zugehörigkeit entwickelten. Mit an­deren Worten: Afrika ist kein« schwarz« Sphinx; auf Afrika wurde der «uropäi'che Rationalismus und die europäischen Wirtschafts- kämpse übertragen; auS den Farbigen werden europäische Rationalisten.

Die große Mahnung dieserdreizehn Briese" ist: d i e ,. n e u e F o r in", die den deut'chen Kolo­nien durch das Friedensdiktat wider den deutschen Willen gegeben wurde, anders als bisher in die Rechnung aktiver deutscher Außenpolitik zu sehen. Die Form des Mandats ist allgemein verbindlich und si« besitzt inn«rhalb Eteutsch- Südwestnrikas ihre besondere Bedeutung, weil hier nicht, wie in den anderen Kolonien, das Deutschtum schon vor der Mandatserteilung fast völlig vertrieben wurde. Diese Ausnahme geschah freilich nicht, wie oft in Deutschland zu hören ist. aus der Sympathie des Durentums für Deutschland, sondern aus reinen Zweck­mäßigkeitsgründen, und heute ist, was auch in Deutschland gern übersehen wird, bet Bedränger des Deutschen in Südwest nicht so sehr ber Engländer als der Bur. Die burffche Politik Südafrikas geht trotz Man-