Aus der Provinzialhaupistadi.
Dietzen, den 3. Aprtl 1928.
Eine Amsel rief...
Heute früh war's. Der Tag war eben erwacht und sah srAchtern über die Dächer zu den Fenstern herein. Die Gardinen wehrten dem andringenden Licht, denn e« war noch viel zu früh. Sin leiser Windzug glitt zwischen den offenen. Fensterflügeln hindurch, brachte Regcnlust mit und ein wenig Duft vom Frühling. Die Dächer glänzten feucht, und der Himmel leuchtet« nicht verklärt von Morgenglanz, fonbem blickte trüb drein. Don der Strohe heraus drang fein Laut. Kein Schritt eines Wanderers, kein Hasten eines Menschen, der »ur Arbeit hetzte. Stille ringsum. Dur der Tag schlich näher. IcmtloS, auf Sohlen, die den Doben nicht berührten, auf Schwingen, die seidenweich durch die Zeit fichrten. Do schlossen sich auch die Augenlider wieder.
ilnb eben in diesem Augenblick flog vom First gegenüber ein kleines Amsellied nieder. Schmefe rernd klang eS, hüpste von First zu First, hob 'ich empor, dem Licht entgegen, imb fiel melodisch nieder in die einsam«, ft tue. aushorchende Straße. Kam zu dem offenen Fenster herein und stahl sich schmeichelnd und lockend in« Ohr. Die Lider hoben sich nicht wieder. Warum sehen, wenn Ohr und oeele ganz aufgeschlossen Hub? Warum an den 2intag erinnert sein, wenn ein Lied vom Frühling singt, der mit dem schüchternen Morgen über die Dächer hereinblickt? Die kleine Amsel lockte und rief. SS war noch ein Stümper, ein Lernender Manchmal Nana eS. wie wenn ein Schüler einige Takte auf der Dioline übt. von seiner Fertigkeit unbefriedigt ist, abbricht und nach einer Pause der Ueberleguna von vorn beginnt. Dein. eS war gewttz kein Künstler, der dort oben dem Frühling and dem Morgen fein PreiSlied sang. Und es war doch eine Verkündigung, schön und verheißungsvoll. war doch ein Lied, da- wie ein Segensgruh an den Tag war. der über die Welt hinschreitet. toi« Tausend« hingeschritten sind und noch viele über diese Srde geben werden. <36 war auch nicht das einzige Amsellied. daS diesen Morgen begrüßte Doch viele solche Sänger werden zu afeicher Stunde ihr Lied angestimmt haben. Unb jede» war ein Gruß an den Tag, eine 3uM* Hymne, datz allen Bewohnern der alten Mutter Srde d iefer Tag geschenkt ist.
Sanz plötzlich schwieg der Heine Singer. Da war es. als ob in der Stunde etwas zerriß. Immer wieder sprang der Gedanke vor: Jetzt, in der nächsten Minute muh der Auf wieder durch das Fenster kommen. Sr kam nicht. Ab« ein häßlich hupendes Auto brauste über das Steinpflaster, schwere Schritte kamen näher und verloren sich in der Ferne. Der Tag war «r< wacht ®-
Daten für Mittwoch, 4. April.
Sonnenaufgang 5.29 Uhr. Sonnenuntergang 18.38 ilfjr. — Wondaufgang 17.51 ilf>r. Mvnb- untergang 5.44 Uhr
1520: Luther tritt feine Reise nach WornrS an;
1785: die Schriftstellerin Bettina v. Arnim in Frankfurt QL M. geboren (gestorben 1859); — 1823: der Ingenieur K. W. D. Siemens in Lenthe geboren (gestorben 1883); — 1828: der Verleger und Philgntrop Herrmann IuliuS Weyer in Gotha geboren lgestorben 1909).
Wietzener Wochenmarktpreise.
Vs kosteten auf dem heutigen Wvchenmarkt daS Pfund. Butter 180 bis 200 Pfennig, Matte 30 bis 35. Käse HO Stück) 60 biS 140. Wirsina 40 bis 50. Weißkraut 25 bi« 30. Rotkraut 40 bis 45, gelbe Rüben 25. tote Rüben 15 bis 20, Spinat 40 bis 50, Gitter-Kohlrabi 12 bis 20. Grünkohl 40 bis 45, Rosenkohl 80. Feldsalat 150 bis 200, Tomaten 130. Zwiebeln 25 biS 30, Meerrettich 50 bi« 100. Schwarzwurzeln 60 bis 90, Kartoffeln 4 bis 5, Aepfel 12 bis 20, Honig 45. Suppenhühner 100 bis 120, Endivien 100 bis 120: das Stück: Gier 12 bi« 13, Blumenkohl 60 biS 200. Salat 35 bis 45, Lauch 15 bis 30, Sellerie 30 bi« 100, Radieschen (Bd.) 20 bi« 30 Pfennig.
Voraotize».
— Tageskalender für Dien«tag: Stadttheater: 6.15 Ahr .Die Walküre" iSndc gegen 10.30 llhe). — Lichtspielhaus Bahnhof' (trabe: »Luther'. — Aftvria-Lichtlpiefe: .Belphegor' 2. Teil.
•• Zur Vorbereitung der Reichstaas- watzl such die kommunalen Verwaltungsbehörden durch Verfügung bet Staatspräsidenten angewiesen word-n, mit der 'Anlegung dcr Wählerlisten und fßohlfarteien unverzüglich zu beginnen und als Stichtag für die Aufnahme der Wahlberechtigien den 20. Mai vorzufehen.
•• Gegen die Schmiersinkerei bei der Wahlagitation. Der Landesverband de« hessifchen Einzelhandels hat sich kürzlich mit einem Schreiben an das Hessische Ministerium des Innern gewandt und gebeten, dafür zu sorgen. daß bei der bevorstehenden Wahlagitation das Bekleben der Häuser und Schaufenster mit Plakaten und Zetteln, sowie da» bringen von Farbeninfchriften ohne die Zustimmung de« Geschäftsinhabers zu unterbleiben hat. Das ftrei«- amt Gießen gibt daraufhin gemäß ministerieller Anweisung, im neuesten Amtsverkündiaungsblait bekannt, daß bei Meldung der gesetzlich ange- drohten Strafen Druckschriften ohne Unterschied nur an solchen Stellen öffentlich angeschlagen werden dürfen, die von der Ortsvolizeibehdrdc als hierzu geeignet bezeichnet worden sind Zu° Widerhandlungen haben die Polizeibehörden un- nachsichtlich zur Anzeige zu bringen. Die Ber- unreinigung der Häuser durch die rücksichtslose AettelanNeverei und Farbenschmiererei Ist hiernach unter Strafe gestellt. Allzu eifrige Agitatoren mögen sich das in den kommenden Wochen immer vor Augen halten.
•* Personalien. In den Ruhestand versetzt wurde der Studienrat an der Dtudienanftalt zu Gießen Professor Dr. Markert auf sein Rachsuchen mit Wirkung vom 1. April ab. — Ernannt wurden der Oberförster Dr. Gustav Zimmer zu Friedberg zum Forstmeister des Fvrstcimtes Rabenau! der Arbeitersekretär Heinrich Zinnkann zu WormS mit Wirkung vom 15. März 1928 an zum ständigen Hilfsarbeiter beim Ministerium für Arbeit und Wirtschaft mit der Amtsbezeichnung „Regierungsrat."
•• Dienstjubiläen bei der Reichsbahn Der bei dem hiesigen Bahnbetriebswerk beschäftigte Werkmeister Wilhelm Grau konnte am 1. April auf eine 30jährige Tätigkeit als Beamter bei der Reichsbahnverwaltung zu- rückblicken. Ebenso konnte an demselben Tage der bei der gleichen Dienststelle tätige Werkmeister Philipp Raumann sein 2Sjähriges Dienstjubiläum feiern. Den beiden, bei Vorgesetzten, Kollegen und Untergebenen gleichermaßen beliebten und geachteten Beamten wurden an ihrem Subeltag herzliche Gratulationen zuteil. Die besondere Wertschätzung von Kollegen und Mitarbeitern wurde durch die Ueberreichung von Geschenken zum Ausdruck gebracht.
** Cin Anlagenkonzert unserer M i - litstrkapelle findet morgen.Mittwoch, 4.30Uhr (bei günstiger Witterung) in der Südanlage statt. Die Mustkfolge ist: 1- Marsch I, Nr. 1 von König Fried» rich II. (1741). 2. Ouvertüre zu „Ein Sommer- nachwtraum" von F. Mendelssohn-Bartholdy. 3. Armeemarsch II, Rr. 210, „Der Torgauer Parademarsch". 4. Große Fantasie au# der Oper „Die Götterdämmerung" von R. Wagner. 5. Armee- marsch II, Nr. 207, Bombardonmarsch aus Motiven der Oper „Das goldene Kreuz" von Brüll.
•* D i e Gießener Geldinstitute geben im heutigen 'Anzeigenteil bekannt, daß fie am kommenden Samstag (Ofterfamstag) für jeglichen Der kehr geschlossen sind.
*♦ A m Krematorium auf dem Friedhof am Rodberg wurden im ersten Quartal dieses Jahres 20 Einäscherungen, gegen 17 im gleichen Zeitraum des Vorjahres, vorgenommen. 3m ganzen fanden seit Bestehen dieser Einrichtung, seit August 1926 bis heute, 124 Feuerbestattungen in Gießen statt. _______
* Ein ungeeigneter Gefängnis- Ersatz. 3n Homberg a. d. Ohm hat Hd) vor einigen Taoen ein Vorfall ereignet der nicht zu den Alltäglichkeiten gehört. Dort kamen am Donnerstag- nachmittag zwei auf der Flucht befindliche Zigeuner- ramitten im Wagen von Neustadt über Alsfeld und Kirtorf an. Durch Fernspruch mar noch Homberg gemeldet worden, daß sich unter den Ankömmlingen ein wegen Körperverletzung mit tödlichem Ausaang bereit» (eil zwei Lchren von einer lyrischen Staatsanwaltschaft gesuchter Zigsuner befinde, der zu verhaften sei. Unter den fahrenden Gesellen fand man denn auch einen, der wegen verschiedener Delikte von einer hessischen Justizbehörde gesucht wurde, und man vermutete, daß dieser mit dem „Freund" der Bayern identisch sei. Der Zigeuner wurde verhaftet. Nun ist aber da» Hornberger 9e- richisgefängms wegen Penstonierung des seitherigen ®efangenenauf(ebers bereits feit einem Vierteljahre Ben, und da die Berhaftung auch erst in der leit Dorgeiwmmen werden komtte, wurde ber Festgenommene entsprechend der jüngsten Gepflogenheit voreckt in der Herberge untergebracht, um ihn anderen Tage» dem Hornberger Amtsgericht zur Bernehmung oorzuführen und dann ins Gerichtsgefängnis in Alsfeld einyiliefern. Nachdem der Berhastete etwa eine Stunde lang in ber Herberte gesessen hatte, gelang <• einem andern Zigeuner, in einem unbewachten Augenblick den primittoen Tür Verschluß zu öffnen und dein Festgenommenen die goldene Freiheit wiederzugeben. Die beiden 3igem ner oerbufteten natürlich schleunigst, und auch die Wagenkolonne mit den Zigeunersamilien setzt« sich fchnellftens in Trab. Die verfolgende Gendarmerie botte Ne Wayen bei Bernsfeld ivieder ein und gab die ganze Gesellschaft der Ortsoolizeibehörde für die Nacht in Verwahrung, jedoch befand sich keiner der beiden Homderger Hauvtalteure aus der Zigeunerschaft unter den Festgeyaltenen. Dank des ungeeigneten Hornberger Gefängnis-Ersatzes war es also einem langgesuchten „Freund" der Justiz möglich, dieser wieder ein Schnippchen zu schlagen.
** Der Schlachthof-Gebührentarif hat jetzt einen Rachtrag über die Fleischbeschau- aebühren erhalten. Interessenten seien aus die heutige amtliche Bekanntmachung hingewieien.
•• Gärtner - Gehilfenprüfung für Oberhessen. Dieser Tage hielt die Land- Wirtschaftskammer für Hessen die diesjährigen Gehilfenprüfungen für Oberhessen in Gießen in der Gärtneret Wilhelm Moser ab. Es unter« zogen sich der Prüfung 16 Lehrlinge, die sämtlich die Prüfung bestanden, darunter einer mit der Gesamtnote „sehr gut". Die Prüfungskommission, die aus zwei auswärtigen Praktikern und dem Fachbeamten der Landwirtschaftskammer unter dem Borsitz eines Dorstandsmitgliedes der Landwirtschaftskammer bestand, waltete ihre« Amtes mit strenger Sachlichkeit. Die Prüfungen bienen in erster Linie ber Hebung des gärtnerischen Rachwuchses und bilden die Grundlage für das Fortkommen im gärtnerischen Berufe. Es ist daher wichtig zu wissen, daß zu diesen Prüfungen nur solche Lehrlinge zugelassen werden, die in Gärtnereien ihre Lehre absolvierten, die von ber Oandwirtschafts- fammer al« Lehrbetriebe anerkannt sind.
WSN. drauenabtcile in den Liege wagen 3. Klasse. Da es öfter oorgekommen ist, daß alleinreisende Damen in den Liegewagen 3. Klasse mit männlichen Reisenden zusammen in einem Abteil untergebracht werden mußten, hat die Mitropa, wie sie der Reichsvereinigung ber Reisenden und Vertreter im Gewerkschaftsbund der Angestellten auf eine Anfrage milteilt, diesem Uebelftanbc dadurch abgeholfen, daß sie zwei Abteile für Damen in jedem Wagen freihalten läßt. Die Reisebureaus und die Schaffner haben die Möglichkeit, Herren und Damen getrennt unterzubringen. Die Einrichtung ist seit einiger Zeit erfolgt, und Klagen sind seitdem nicht mehr oorgekommen.
•• ReisaauSwei« zum 14. Deutschen Turnfest mttbrlngenl Der Reichskommis- sar für die besetzten rheinischen Gebiete teilt dem Hauptausschuß für das 14. Deutsche Turnfest die Regelung der Einreise ins besetzte Gebiet wie felgt mit: »Alls Personen, die ihren gewöhn-
Nchen Wohnsitz 'm Deufichltmst haben Berat ohne Rücklicht auf Ihr» Staatsangedörigfett -* in der ganzen Ausdehnung des besetzten Be» biete« und zwischen dem besetzten Gebiet mtb dem unbesetzten Deutschland frei verkehren, sofern fie, wenn sie älter al« 16 Zähre sind, entweder mit einem Personalausweis beliebigen Musters, der von einer zuständigen deutschen Behörde ausgestellt und unterzeichnet ist. oder mit einem von ihrer heimischen Behörde aungeteilten und visierten Paß versehen sind' Demzufolge muß also ber Ausweis von der zuständigen amtlichen Stelle, in der Regel von der Polizeibehörde de« Wohnorte« ausgestellt werden. Die Festkarte zum 14 Deutschen Tumfeft ist al« Ausweis nicht ausreichend.
Kirchliche Nachrichten.
JfraclUifdx Refigionsgemeinde. Gottesdienst tu der Synagoge (Sübanlagc). Donnerstag, 5., und Freita» ft. April Donnerstag: Paffahfest Vorabend 7 Uhr: morgen* 8.30, P r c b i g t. Yreitag- vorab«ich 7; morgens 8.30. Samstag, 7. April. Vorabend stt morgens 8.30; abends 7.15 und 7.55 Uhr.
Israelitisch« AeligionsgcseUschnfl Donnerstag. 5., Freitag st April Passahfest. 1 lag: Vorabend ft.50 Uhr. vormittags 8; Predigt ; »achmlttaas 4. 2. Tag: Vorabend 7.50; vormittags 8. — Saobott feier den 7. April. Vorabend 6.40; vormittags 8: nachmittags 4; Sabbatausgana 7.55. — Wochen- gottcsdienst morgens 6.30; abends 6.30 Uhr
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$n unser Handelsregister Abteilung A wurde eingetragen:
Am 14. März 1928: Die Firma Moritz Köhler in Gießen. Inhaber ist der Äaup mann Moritz Köhler m Gießen.
üm 20. März 1928: bei der Firma Lösch & Trünkner in Gießen Die ^inna
heriger Firma weiter.
Gießen, den 20. Mürz 1928.
Hessisches Amtsgericht.
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ist erloschen.
Am 27. Mar) 1928: a) bei der Firma Philipp Weiler Nachfolger in Gießen: Die Firma ist erloschen, b) Bei der Firma Älffen & Co. in Gießen. Willi Arnold zu Gießen ist aus der offenen Handel«- gesellschast auLgeschieden und diese er- loschen. Ferdinand Msfen führt das Geschäft als Einselkaufmann unter fest
Zaumvsi^e.^Na'b' I Rudolf eine,. in der Geschäftsstelle MSdettchretuere, de« Gieß. An- [<**13573D Steiustr.
Nu^ und Seefisch- gewasserte Stockstiche xwd LSKleinhenn Bahnhofstraße 69 Teleph. *6
Bekanntmachung.
Der Voranschlag der Landjudensckaft der Provinz Oberhessen für das Rechnungsjahr 1928 liegt zur Einsicht der Beteiligten acht Tage lang auf dem Bureau des Unterzeichneten, Alicenstraße 2, offen.
Nur während dieser Frist können gegen den Inhalt Einwendungen erhoben werden.
Gießen, den 2. April 1928. 3564D
Der Vorsteher der Landjudenschaft der Provinz Oberhessen.
Louis Marcus.
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