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Nr. 83 Erstes Blatt

178. Jahrgang

Dienstag, 3. April 1928

Erschein« täghd),aubet Snnntags nnd 5«iertags

BtUaftn;

©lefjener ffamflienMätteT Heimat im Bild Die Scholle.

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GiehenerAnzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

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Dr. Friedr. Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr. H.THyriot, für den übrigen Teil Ernst Dlumschein; für den An« zeigenteil Kurt tzillmonn, sämtlich in Gießen.

Das erwachende Aegypten.

Die Engländer kommen aus ihren Sorgen um Me Sicherung des Weges nach Indien nicht heran-. Was eigentlich in Arabien vor sich geht, wissen sie unS geheim za halten, sicher ist nur. bah dort sich ein Prozeß vorbereitet, dessen Stoß gegen England gerichtet ist und den Suez­kanal von Osten her gefährden könnte Gleichzeitig haben sich aber auch die Dinge in Aegypten so stark zugespitzt, daß zwischen Kairo und London ein regelrechter Rotenkrieg geführt wird. Die Aeghpter verlangen ihre Unabhängigkeit: gerade wegen deS Weges nach Indien kann and will England ihnen dieses Zugeständnis nicht machen. Die Londoner Diplomatie ist vielmehr ganz darauf eingestellt, den Schein einer ägyptischen Selbständigkeit herzustellen, dte aber Prak« tisch doch eine englische Vormundschaft bedeutet. England will für alle Fälle seine Hand auf Aegypten halten und sich sämtliche strategi­schen Möglichkeiten sichern. Es will deshalb seine Truppen dort stehen lassen, will den Suezkanal dauernd von englischen Kanonen bewachen lassen, will auch die ägyptische Außenpolitik beeinflussen und vor allem seine Machtstellung im Sudan nicht ausgeben, weil es von dort aus auch im schlimm­sten Fall Aegypten in Schach halten kann. Das ganze soll in die Form einer Allianz gekleidet werden und soll auch den Aegyptern die Möglich­keit eine- Eintritts in den Völkerbund geben. Eine Unabhängigkeit, deren vollständige Fesselung durch einen geschickt ausgezogenen Vertrag nach außen hin vertuscht wird.

Für England unbegreiflich, wollen die Aeghp­ter sich darauf nicht einlassen. Sie haben jetzt ein Ultimatum nach London gerichtet, worin sie einmal ihre völlige Unabhängig­keit verlangen, sie wollen nicht mehr Mitglied des britischen Reichs, sondern nur Verbün- bete Großbritanniens sein und haben endlich die kühne Idee, den Suezkanal mit eige­nen Armeen unter eigene Bewachung au stellen. Begreiflich genug, daß dieses naive Ansinnen in Downing Street einen Sturm der Entrüstung hervoraerusen hat. Aegypten ist nun einmal der Pfeiler der englischen Weltmacht, der keine Erschütterungen ver­trägt. ohne das ganze Gebäude zu gefährden. GS ist auch kein Gedanke daran, daß den Aeghp- tern so weitgehende Zugeständnisse gemacht wer­den können. Und wenn nicht alle Anzeichen trügen, wird von London aus jetzt der Versuch gemocht werden, durch Anlegen von Daumen­schrauben die Regierung von Kairo gefügig zu machen. Eine offene Unterstützung von außen hat Aegypten nicht zu erwarten. Allerdings, e i n Mittel haben die Aegypter in der Hand, das mehr wirtschaftlicher Ratur ist: die englische Einfuhr steht bei weitem an erster Stelle, sie geht in die Hunderte von Millionen und wenn jetzt nach dem Dorbilde Indiens ein Boykott englischer Waren durchgeführt .touret, bedeutet das für den englischen Handel einen starten Ausfall, der auch auf die Politik Rückwirkungen haben könnte und noch ein an­deres kommt hinzu, Amerika interessiert sich einmal wirtschaftlich sehr stark für Aegypten, auch Italien sieht es nicht ungern, wenn die Engländer dort Schwierigkeiten haben. Hinten herum wird vermutlich alles geschehen, um den ägyptischen Widerstand zu verstehen, aber poli­tisch ist England wohl doch noch stark genug, um seinen Willen durchzusetzen, allerdings unter Aufopferung seiner bisherigen wirtschaftlichen Machtstellung.

Der Abschluß der polnisch-litauischen Konferenz.

Einsetzung dreier Kommissionen.

Königsberg, 2.April. (IBIB.) Die polnisch- lilouische Konferenz fand heule nachmittag ihren Ab­schluß. 3n der Rochmittagssihung beschränkte man sich auf die Einsetzung folgender drei Kom­missionen: Kommission für w i r t s ch a f t und Verkehrsfragen. Kommißion für Sicher­heilsfragen, kommifflon für den örtlichen Verkehr. Die Vorsitzenden dieser Kommissionen sollen am 20.April in Berlin Zusammentreffen nnd den Beginn der Arbeiten vereinbaren. Ls ist in Aussicht genommen, daß die erste kommißion in k o w n o. die zweite in Warschau und die dritte in Berlin tagen wird. Am Schlüsse der Sitzung sprachen die Delegationsführer den deut­schen und den Königsberger Behörden ihren Dank für den gastfreundlichen Empfang aus.

Mvüsterpräsident Woldemaras gewährte dem Vertreter der Lelegraphen-Tlnivn heute noch eine ilntcrrebung, in der er den Abschluß der Königsberger Konferenz als einen Schritt vorwärts bezeichnete. Die Konferenz sei n i ch t abgeb rochen worden, sondern die Kommissio­nen würden weiter tagen und deren Vorsitzende würden sich demnächst zu einer Vorbesprechung treffen. Die Arbeiten seien allerdings sehr schwierig und man müsse sich darauf gefaßt machen, daß eine Klärung der vorliegenden Fra­gen nur im Laufe einiger Monate erzielt wer­den könne. Es komme hinzu, daß Litauen am 16. April gleichzeitig Verhandlungen mit Deutschland aufnehmen müsse, die einen Teil feiner Sachverständigen beschäftigen würden. Die Konferenzarbeiten würden zweckmäßigerweife dort geführt werden, wo sich das einschlägige Material zu den vorliegenden Fragen befände. Das Kovx

Oie Vorgänge im Berliner Reichsbahnzentralamt.

Reue Enthüllungen über merkwürdige Vertrage.

Berlin. 2. April. (WB.) Lieber die von einem Sonderdezernat der Berliner Staats­anwaltschaft durchgeführte Untersuchung der Ge­schäfte des Reichsbahnzentralamtes wird berichtet, daß die Rachforschungen sich auf eine Reihe großer Firmen sowie auf eine Bank in Frank­furt a. M. ausgedehnt haben. Der dringende Ver­dacht bestehe, daß außer den schon bekannten Ge­schäften des Reichsbahnoberbaurates Schulze noch weitere Lizenzgeschäfte vorgekommen sind. Im Mittelpunkte der Untersuchung steht zur Zeit eine Frankfurter Bank, die in gewissem Sinne der Repräsentant einer Reihe großer Unternehmen der Eisenbranche ist. Der Reichsbahnbeamte Müller in Göttingen, der eine Verbesserung der Lagerung von Lokomotiv-Kolbenstangen gemacht hatte, die äußerst brauchbar war, hatte sich mit der Vank in Verbindung gesetzt, um durch Verwertung der Lizenz auf sein Verfahren s i ch ein Rebeneinkommen zu sichern. Die Bank gab das Verfahren an eine Karlsruher Maschinenfabrik weiter. Müller geriet jedoch sehr bald in Differenzen mit der Bonk, da ihm, wie er jetzt aussagt, deren Berliner Ver­treter einen Teil der ihm zustehenden Beträge vorenthalten hat. Bei der Verwertung der Müllerschen Erfindung geriet die Bank und mit ihr die Karlsruher Firma in einen Kon­kurrenzkampf mit einer DerlinerIn- dustriefirma. die ebenfalls die Müller- sche Erfindung erworben hatte. Die Dank hat dann anscheinend versucht, leitende Beamte des Reichsbahnzentralamtes wiederholt dazu zu ver­anlassen, die verbesserten Kolbenstangenlager nur aus Karlsruhe, nicht aber aus Berlin zu beziehen. Tatsächlich scheint das auch erfolgt zu sein, obwohl dem Reichsbahnzentralamt offen­bar aus Betreiben der Berliner Konkurrenz« firmo eine Mitteilung gemacht worden war. daß die Erfindung von einem ih'rer Beam­te n herrühre und daß dieser erhebliche Li­zenzgebühren dafür erhalte. Bei der Prü­fung dieser Angelegenheiten ist man auch auf Verträge des Reichsbahnzentralamtes mit an­deren großen Konzernen gestoßen.

So veröffentlicht dieVoss. Ztg." weitere Ent­hüllungen, die sie mit der Bemerkung einleitet, es bestehe der Verdacht, daß der Leiter des Refe­rates S. des Reichszentralamtes, Reichsbahn­direktor Reumann, von einzelnen Firmen, die durch Vertrage begünstigt zu sein scheinen, Vor­teile erhalten hat. Es wurde, so schreibt das Blatt, festgestellt, daß Reumann eine Villa in Reubabelsberg von einem Ver­tragskontrahenten erhalten, von einem anderen auf die Villa eine Hypothek hat ein­tragen lassen. Rachdem das Blatt dann zunächst festaestellt hat, daß der zuerst bekanntgewordene Fall deS Reichsbahnoberrates Schulze nur eine Episode innerhalb einer langen Kette ge­wesen ist, gibt es eine ausführlichere Schilderung einzelner von dem Reichsbahnzentralamt abge­schlossener Geschäfte. Das Reichsbahnzentralamt habe im Jahre 1924 der Firma Dr. Kämpfer L Eo. in Gliesmarode bei Braunschweig reichseig ncs Altmetallzur Umarbeitung über­geben. Als die Firma in der zweiten Hälfte des Jahres 1925 Metalle im Werte von 400 000 Mark zurückliefern sollte, war sie dazu nicht in der Lage. Sie befand sich damals in Zahlungsschwierigkeiten und ist heute in Kon­kurs. Die Firma H. Schoyer in Eharlottenburg, deren Mitinhaber Pfeiffer mit Reichsbahn­direktor Reumann persönlich befreundet war, und die Firma Asred Drehfuh in Eharlottenburg sind dann nach derVoss. Ztg." an das Reichs­bahnzentralamt mit dem Anerbieten heran- getreten, die Forderungen an die Firma Dr. Kämpfer zu übernehmen. Dafür wurde den beiden Firmen der größere Teil des Altmelall- abfalls zum Zwecke der Umarbeitung auf die

Dauer von fünf Jahren zu hohem Umarbei­tungslohn und sehr günstigen Rücklieferungs­bedingungen zur Verfügung gestellt. Das Kon­sortium übernahm dafür die Forderungen der Reichsbahn, die aber nicht in bar bezahlt, sondern langsam aus dem Guthaben verrechnet werden sollten. Aus diesem Vertrage sollen die Firmen einen Iahresverdienst von rund zwölf Millionen Mark erzielt haben.

Aber die Seltsamkeiten häuften sich: zunächst verlautete gerüchtweise, daß Reichsbahndirektor Reumann, der eine schlohartige Villa in Reu­babelsberg besitzt, zu Dr. Kämpfer, mit dem er seinerzeit den Verwertungsvertrag geschlossen hatte, inpersönlichem Verhältnis stand, und daß der Firma Dr. Kämpser & Eo. die 400 000 Mark, die sie der Reichsbahn schul­dete, auf dem Gnadenwege geschenkt worden seien, da der obenerwähnte Schoher- Vertrag die Forderungen der Reichsbahn über­nahm und sie aus eigenem Guthaben abbuchte. Jetzt stellte sich aber heraus, daß die Villa in Reubabelsberg, die ehemals Besitz Dr. Kämpsers war. dem Reichsbahndirektor Reumann zunächst als Mietshaus überlassen und dann von diesen: zu überaus günftigen Bedingungen erworben wurde. Der Er­werb geschah mittels einer Hypothek, die der ehemalige Direktor der Frankfurter Gesellschaft, Heinrich Warning, auf das $au£ hatte ein­tragen lassen, Warning, der bis zum Jahre 1924 Berliner Vertreter der Frank­furter Metallgefellschaft gewesen war |

und als solcher vielfach mit dem Reichsbahnzen­tralamt zu verhandeln hatte, hatte im Jahrs 1924 eine selbständige Gesellschaft gegründet, an der die Frankfurter Metallgefellschaft als stiller Gesellschafter beteiligt war. Durch persönliche Verhandlungen Warnings mit Reumann wurde erreicht, daß die Firma Heinrich Warning Treu­händerin für die Verschrott ung sämtlicher zu verschrottender Lo­komotiven wurde. Während der Jahre 1924 bis 1926 sollen etwa 46000 Lokomotiven zur Verschrottung gekommen sein, und der mit War­ning geschlossene Vertrag soll außerordent­liche Gewinne für Warning vorgesehen haben. Wie behauptet werde, soll er bis zum Jahre 1926 60 v. H. des Wertes erhalten haben, während zur Zeit die Quote 30 v. H. für War­ning, 70 v. H. für die Reichsbahn beträgt Reichs­bahndirektor Reumann soll sich für diese Ver­träge Rückendeckung bei dem damaligen Präsidenten des Reichsbahnzentralamtes be­schafft haben. Zusammenfassend kommt die Voss Ztg." zu dem Schluß, daß Reichsbahn­direktor Reumann zum minöeftcn eine u n - glückliche Hand gehabt hat. und daß die Verträge, die er schloß und die möglicherweise unter den damals herrschenden wirtschaftlichen Bedingungen formell nicht zu beanstanden toaren, heute der Reichsbahn schwere Rach­teile gebracht haben. Auffällig aber und schwer belastend müsse der Villen kauf in Reubabelsbcrg erscheinen.

Oie Geldsorgen -er Reichsbahn.

(Statt Tariferhöhung Auflegung einer Anleihe zur Beschaffung neuen Anlagekapitals.

Eigene Drahtmeldung desGießener Anzeigers".

Berlin, 3. April. Seit der französische Reichsbahnkommissar seinen Bericht über die finanzielle Lage der Reichsbahn veröffentlicht hat, tft wiederholt das Gerücht aufgetaucht, das Di­rektorium biefer größten deutschen Gesellschaft beabsichtige eine Erhöhung der Tarife. Oft genug ist das dementiert worden, bis jetzt ganz überraschend der Derwaltungsrat der Reichsbahn mit der Erklärung an die Oeffent- lichkeit trat, die Finanzbedürfnisse der Reichs­bahn seien so angespannt, daß sie unbedingt durch Erhöhung der Tarife einen Mehr- ertrag von 250 Millionen Mark her­auswirtschaften müsse. Leider hat die Reichsbahn ihr Begehren nur recht notdürftig motiviert. Sie hat darauf hingewiefen, daß die Löhne und Gehälter ihrer Angestellten erheblich gewachsen seien, und daß die allgemeinen Unkosten eine bisher unbekannte Höhe erreicht haben. Diese Begründung ist aber völlig unzureichend und keineswegs überzeugend. Mit Indexziffern, wie sie der Verwaltungsrat bekanntgegeben hat, läßt sich schließlich alles beweisen. Der Plan hat daher in allen Kreisen Ablehnung ge­sunden: Die Wirtschaft weiß, daß die Erhöhung der Tarife eine Verteuerung aller Waren nach sich zieht. Reichstag und Reichsregierung sehen ein, daß eine weitere Belastung für die Allge­meinheit nicht tragbar sei.

Die Reichsbahn kann nicht gut behaupten, ihre Finanzlage sei so angestrengt, daß sie die fehlenden Mittel gerade durch eine Erhöhung der Tarife ein- bringen müsse. Sie betont einseitig die Ausgaben­seite und arbeitet nicht einmal dabei mit absoluten Zahlen. Von der Einnahmeentwicklung der Reichsbahngesellschaft während der letzten Jahre ist mit keinem Wort die Rede, und gerade sie ist interessant, weil der Ertrag des Jahres 1927 mit 5040 Millionen Mark außerordentlich gün-

sti g gewesen ist. Gewiß muß zugegeben werden, daß das Beschaffungsprogramm des rer- rloffenen Jahres so umfassend war, daß die liquiden Mittel möglicherweise recht knapp geworden sind. Dies hat aber einmal schon zu einer Verringerung des Bauprogramms für 1928 geführt: wenn aber darüber hinaus die fehlenden Mittel durch Erhö­hung der Tarife beschafft werden sollen, so hat sich die Reichsbahn die Suche nach Geld doch etwas zu leicht gemacht Normalerweise soll jeder Anlage- zuwachs aus Anleihen finanziert wer­den. Es sei ohne weiteres zugegeben, daß eine In­landanleihe in der notwendigen Höhe im Hinblick auf bevorstehende andere Emissionen den Kapital­markt vielleicht zu stark beanspruchen. Aber ein Unternehmen vom Umfange und von der Bedeu­tung der Reichseisenbahngesellschaft findet Kredit im Auslände viel leichter als irgendein Elek­trizitätswerk. Maa sein, daß der Derwaltungsrat auch über diesen Ausweg nachgedacht hat, jedenfalls deuten gewisse Anzeichen darauf hin, daß zwischen der Reichsbahn und dem Reparationsagenten, der ja praktisch in alle deutschen Finanzangelegenheiten das Recht der Einrede hat, ein Schriftwechsel in bie­fer Richtung geführt worden ist. Doch scheint dabei so etwas wie ein Verbot Parker Gilberts her- ausgekommen zu fein, den Kapitalmarkt des Aus­landes für die deutsche Reichsbahn in Anspruch zil nehmen.

Nun behaupten zwar die Juristen, Parker Gilbert besäße rechtlich gar keine Handhabe, um der Reichs­bahn die Aufnahme einer Auslandanleihe zu ver­bieten. Aber schon das Bekanntwerden seiner Be- denken genügt, um das ausländische Kapital zu veran­lassen, eine deutsche Anleihe nicht zu zeichnen. Dennoch gilt es, die Bedenken Gilberts unter allen Umstän­den zu zerstreuen, denn es ist nicht möglich, eine Tariferhöhung der Reichsbahn durchzuführen, wenn gleichzeitig ein Anschwellen des Preisniveaus in Deutschland vermieden werden soll.

noer Archivmaterial über die Enffchädigungs- ansprüche ließe sich schwer an einen anderen Ort bringen. Woldemaras zeigte sich über das Entgegenkommen polnifcherseits befriedigt Woldemaras verläßt heute abend mit dem Kow- noer Zuge Königsberg. Ministerpräsident Za- l e s k i reift morgen ab, um die Ostertage i n Venedig zu verbringen. Vom 13. April ab wird er als Gast Mussolinis in Rom weilen.

Polen schlagt einen Nichtangriffspakt vor.

Eine Note Zaleskis

Königsberg, 2. Avril. (WB.) Der polnische Delegationsführer, Minister des Aeußern Z aleski. hat heule dem litauischen Delegationsführer, Mi­nisterpräsident Woldemaras, eine Rote mit dem Angebot eines Nichtangriffspaktes zugehen lassen, in der es u.a. heißt:

Die Klagen, die Sie gegen die polnische Regie­rung erheben, betreffend das Vorhandensein von militärischen Drganifationen der litauischen Emigranten in Polen und betreffend die Verbindung litauischer Terrorffteu mit polnischen Behörden sind gleicherweise schleckt be­gründet und beruhen offensichtlich auf falschen Informationen. Um in Zukunft die litauische Regierung vor derartigen Informationen sicher-

zustellen, kann ich mir Eure Exzellenz dazu ein­laden, einen Vertreter Litauens in, Warschau zu beglaubigen, damit er in der Lage sei, der litaui­schen Regierung genau und zuverlässige Nachrichten über diese Angelegenheit zuzustellen. Was Ihren Vorschlag betrifft, einen p o ln i s ch e n A n g r i f f gegen Litauenwenig wahrscheinlich" zu machen, so erlaube ich mir, Sie daran zu erinnern, daß die polnische Regierung zu wieder­holten Malen für ihre friedlichen Absichten gegen­über der Republik Litauen die Probe abgelegt hat. Ich lenke auch die Aufmerksamkeit Euer Exzellenz auf die Tatsache, daß die polnische Regierung vor dem Dölkerbundsrat in aller Form erklärt hat, daß die Republik Polen die politischeUn- abhängigkeit und die territoriale Unversehrtheit der Republik Litauen aner­kennt und achten wird.

Ich kann Sie übrigens versichern, daß die pol­nische Regierung den Wunsch hegt, nicht nur jeden Angriff gegen Litauen unwahrscheinlich zu machen, sondern, daß sie geneigt wäre, jeglichen beidersei­tigen Angriff völlig unmöglich zu machen. Zu diesem Zwecke schlage ich Ihnen vor, unverzüg­lich einen Nichtangriffsoertrag zwischen Polen und Litauen abzu schließen. Angesichts des Obigen erhebe ich keine Einwendung, daß die Frage der Sicherheit des litauischen Staates dem Programm unserer Konferenz eingefügt werde.

preußische Personalpolitik.

3m Interesse der Festigung der republikanischen Staatssorm" verabschiedet

Berlin, 2. April. (211.) Rach dem amt­lichen Preußischen Pressedienst sind auf Grund deS preußischen Gesetzes vom 31. De­zember 1922im Interesse der Festigung der ver­fassungsmäßigen republikanischen Staatsform' folgende Beamte in den einstweiligen Ruhestand versetzt worden: die Vizepräsi­denten bei der Regierung v. Redern in Gum­binnen, Schlössingk in Potsdam, Dr., von Keudell in Erfurt, Wellenkamp in "Lüne­burg, Dr. D y ck e r h o f f in Aurich, Dr. Wer - n c r in Minden. Zu Vizepräsidenten sind ernannt worden: bei der Regierung in Gumbinnen der Landrat Dr. Steinhoff in Zeih, in Potsdam der Oberregierungsrat Dr. Mayer im Polizei­präsidium in Berlin, in Minden der Regierungs- Vizepräsident Dr. v. K r a u s e von der Regierung in Oppeln, in Lüneburg der Oberregierungsrat Dr. Beermann vom Oberpräsidium in Han­nover. in Aurich der Oberregierungsrat Dr. P e u k e r t vom Preußischen Ministerium des Innern, in Erfurt der Landrat F i s ch e n i ch aus Stuhm.

Das Dorgehen der preußischen Regierung stützt sich auf ein Landtagsgesetz vom 31. Dezember 1922 zur Abänderung der Verordnung betreffend Me