Nr. 54 Viertes Blatt Gletzener Anzeiger (General-Anzeiger M Oderhefien) Samstag, 3. März 1928
Liste 18.
Die Wahlen zum polnischen Sejm.
Von unferm O. 8-Korrespondenten.
Warschau, 1. März 1928.
Aus der Warszallowska weht der Wahlwind. 34 polnische Parteien streiten um die Palme. Zwar sind einige Listen für ungültig erklärt worden: aber trotz alledem ist das parteipolitische Durcheinander so groß, daß wir unseren Lesern eine ausführliche und systematische Auseinandersetzung ihrer Kandidaten und ihrer Programmatik ersparen wollen. Die Stimme des polnischen Volkes ist nicht gerade harmonisch, woraus sich denn ergibt, daß der regierende Marschall P i 1 s u d s k i von dem Ausfall der Wahlen wenig oder nichts zu befürchten braucht, ja, vielleicht sehr viel erhoffen kann. Wir ordnungsliebenden Deutschen sind der Meinung, daß ein Diktator sich nur durch einen überwältigenden Wahlsieg zu rechtfertigen vermag. Wir hegen die naive Auffassung, daß Pilsudski einen politischen Erfolg dann aufweisen konnte, wenn die Regierungsparteien eine überwältigende Mehrheit in dem künftigen Sejm erzielen würden. Aber Polen ist nicht Westeuropa. Die Rechtfertigung des Maiputsches und der Politik des Märschalls wird eben durch das parteipolitische Chaos geliefert, das sich im Laufe der letzten Zeit noch vermehrt und nicht vermindert hat. Gerade weil die parteipolitische Entwicklung Polens so verworren, so unklar, so ziellos ist, deswegen hat ja gerade Pilsudski mit feiner Politik recht: denn wenn die Parteien wirklich wüßten, was sie wollten, dann bedürfte es keiner Diktatur.
Sn sich geschlossen, einig und dabei dennoch Mc verschiedensten Bestandteile enthaltend, ist nur eine Liste, nämlich die Liste Rümmer 18, die Liste des Blocks der nationalen Minderheiten. Sie umfaßt die Gesamtheit des polnischen Staatsgebietes, sie umfaßt die Gesamtheit der sozialen Schichten, und sie umfaßt schließlich auch die Quintessenz dieses neuen Staates, wenn auch nur umgekehrt als Spiegelbild. Es ist der parteigewordene P r 0 - t e st gegen fortgesetzte Unterdrückung, Einschränkung der persönlichen und staatsbürgerlichen Freiheit und dennoch die Keimzelle einer politischen Zukunft, die nicht nur Polen, die ganz Europa betrifft. Die Liste 18 umfaßt u. a. Ukrainer, Weißrussen, Juden und Deutsche. Sie umfaßt alle Berufsstände, alle politischen Glaubensbekenntnisse, wie alle Religionen. Der Druck, der auf den nationalen Minderheiten lastet, hat diese Unterschiede, nach denen sich die Menschen anderswo zu gruppieren pflegen, ausgelöscht. Sie ist die Liste der nationalen Versöhnung, deS nationalen Ausgleichs. Auf ihrer Fahne steht daS Wort „Verständigung", ein in Polen unbekannter Begriff.
Theoretisch sollte der Minderheitenblock von den 144 Mgeordneten des polnischen Reichstages, genannt der Sejm, 150 Mandate erhalten. Dies Ziel wird sich nicht erreichen lassen, da die Minderheitenliste durch die Absplitterung der deutschen Sozialisten in Schlesien und die Eigenbröteleien anderer Vollssplitter, vor allen Dingen durch eine Reihe verwaltungstechnischer Maßnahmen der Polnischen Regierung an der vollen Ausnutzung der durch sie vertretenen „Stimmkraft" gehindert ist. Immerhin dürfte sie die stärkste Partei werden.
Vom gesamtpolitischen Standpunkte gesehen muß aber wiederholt werden, daß der Ausfall der Wahlen am 4. und 11. März (am 11. finden die Senatswahlen statt) an der tatsächlichen Lage Polens nicht viel ändern wird. Richt die Parteien, sondern die Wirtschaft stellen das verläßliche Barometer zur Beurteilung der pol- nischen Wetterlage dar. Die Handelsbilanz Polens wird zunehmend passiv. Der Januar erbrachte einen Einfuhrüberschuß von rund 53 Millionen Goldzloth. Das Problem, die polnische Handelsbilanz zu aktivieren, verursacht den maßgebenden Persönlichkeiten schwere Sorgen. Die Zollaufwertung und Einfuhrreglementierung werden schwerlich ausreichen, um die gewüittchten Erfolge hervorzubringen. Man denkt sogar daran, der Privatwirtschaft ausländische Zwangsanleihen aufzunötigen, um ihre Produktionskraft zu steigern. Das A und O des
Geschichten ans aller
Wett.
Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.
Die Rache der Verschmähten.
(s) Warschau.
Polenblut gerat leicht in Wallung, daS weih jeder eifrige Operettenbesucher, und so ist psychologisch die folgende Geschichte, die gegenwärtig die Hauptstadt der Republik in Atem hält, recht gut verständlich. Der Ingenieur Ian Kojeza, 54 Jahre alt, heiratete vor einigen Jahren ein 17jähriges hübsches Mädel, und lebte mit ihr in Frieden und Eintracht. Dies war aber nur Schein, denn in Wirklichkeit wurde das junge Geschöpf bald das unglücklichste von allen Grdenwesen — wenigstens bildete sie es sich ein. Der alte Ian hatte nämlich die seltsame Eigenschaft, abends, wenn er nach Hause kam, in aller Stille sein Abendbrot zu verzehren, zu Bett zu gehen und, ohne auch nur ein Sterbenswörtlein zu sprechen, sein Gesicht der Wand zuzukehren. Das bebagte dem Frauchen auf die Dauer nicht, aber all ihre Koketterie und all ihre Versührungskünste vermochten nicht, die in Wahrheit schlechtere Hälfte, wie man sieht, eines „Besseren" zu belehren. Run kam der Heilige Abend heran, und es war wieder so. Rach dem Abendbrot legte sich Jan nieder, drehte sich zur Wand und begann noch obendrein fürchterlich zu schnarchen. Das war für die Frau zu viel. Richt mehr Herr ihrer Sinne, nahm sie eine Flasche Alkohol, die auf dem Tische stand, und goß deren Inhalt über das Bett. Jan erwachte aber auch davon nicht und so zündete sie einfach die ganze Geschichte an.
Davon wurde selbst Ian aus seinem Schlafe aufgeschreckt, und in Flammen gehüllt, rannte er laut brüllend vor Schmerzen auf den Flur hinaus, wo die alarmierten Rachbarn ihn in Tücher wickelten und so den Brand löschten. Im Krankenhaus erholte sich 3an, aber sein linkes Auge war für immer erblindet. Die Richter standen vor einem schweren Problem, die Reden des Verteidigers wurden vom Publikum verschlungen. Da sich nun aber auch 3an für seine Frau einsehte, erklärte, daß er sein Unrecht einsähe und bat, sein Frauchen nicht so hart zu bestrafen, erhielt diese nur vier Monate Gefäng
nis und obendrein eine Frist für Bewährung. — Für wessen Bewährung?
Thronwechsel in Tavolara.
(b) Rom.
Während die europäischen Hauptstädte den Besuch eines gekrönten Hauptes aus Asien feiern, hat in aller Stille einer der wenigen Throne, über die das „freiheitliche" Europa noch verfügt, seinen 3nhaber gewechselt. 3n Ventimiglia an der italienischen Riviera ist K a r 1 I., K ö n i g von Tavolara, gestorben, und nicht einmal ein einziges Pressetelefon in ganz Europa ist deshalb in Tätigkeit gesetzt worden--
Denn die Insel Tavolara und ihre Herrscher sind so gut wie aller Welt unbekannt. Das Eiland liegt an der Ostküste Sardiniens und wird von etwa 200 Fischern und Ziegenhirten bewohnt. Die das Eiland regierende Dynastie datiert von 1843. Damals waren fast alle Inselbewohner Mitglieder der Familie Bartoleoni. König Karl Albert von Sardinien besuchte eines Tages die Insel und sagte bei einem Rundgang unter Führung des Oberhauptes der Bartvleonis scherzend zu diesem: „Sa, ja, ich bin König von Sardinien, Ihr aber seid König von Tavolara!" Und in der Tat richtete kurze Zeit daraus Josef Bartoleoni an den Herrscher die Ditte, ihm die Insel als Eigentum zu übertragen. Dies geschah auch, und von diesem Tage an betrachteten die Tavolaraner ihren Blutsverwandten Josef als ihren König. Sein Sohn regierte später als Paul I. und führte sogar einen Orden ein, er mußte allerdings einen Acker verkaufen, um die Kosten für die Herstellung dieser monarchischen Auszeichnung aufbringen zu können. Das „Schloß" der Herrscher, über dessen Tür ein sich den Begriffsbestimmungen aller wissenschaftlichen Heraldik entziehendes buntes Wappen prangt, ist nichts als eine der auf der Insel üblichen Fischerhütten. Paul I. folgte sein Sohn, der nunmehr verschiedene Karl L, der um die Schönheiten seines Reiches in unverfälschtes Licht zu setzen, bei Besuchen fremder Touristen selbst und in höchsteigener Person den Fremdenführer abzugeben pflegte, und nunmehr hat Karl II. den Thron von Tavolara bestiegen...
Problems ist jedoch in dem Zustande der deutsch-polnischen Handelsbeziehungen zu suchen. Polens natürlicher Markt ist das Deutsche Reich, wie Polen seinerseits der natürliche Markt für die deutsche Industrie ist. Aber es läßt sich doch nicht leugnen, daß die ne Ausfuhr nach Deutschland nur dann ag gebracht werden kann, wenn Polen seinerseits einen Ausfuhrüberschuß von Gütern erzeugt, die man auf dem deutschen Markte verkaufen könnte. Dabei handelt es sich in erster Linie um Agrarprodukte. Aber in dieser Hinsicht hat weder das vergangene Jahr noch daS Jahr davor die erwarteten Ernteergebnisse gebracht. Allenfalls besitzt Polen einen kleinen Ueberschuh an Vieh. Getreide hat man knapp genug, um den eigenen Bedarf zu decken. So bleibt denn bestenfalls die Ausfuhr oberschlesischer Kohle, für die in Deutschland ebensowenig Bedarf vorliegt wie für die Unterbietung der deutschen Landwirte auf dem eigenen Markte.
Alles in allem ist es kein Wunder, wenn polnische Minister schöne Reden über die Wirtschaftslage halten. Der Handelsminister Kwiatkowski und der Finanzminister Czechowitsch wetteifern miteinander in einer Art von wirtschaftspolitischem Sängerkriege. Aber die Tatsachen können sie auch nicht ändern. Es ist schließlich ziemlich gleichgültig, warum die Dinge so geworden sind. Wesentlich ist die Frage, wie man sie ändern könnte. Der Finanzminister freut sich, daß im Jahre 1927 ein Budget-Ueberschuß von 460 Millionen Zloty erzielt worden ist. Aber diese Feststellung ist vom Standpunkte der praktischen Wirtschaft wenig tröstlich: denn dieser Betrag ist eben nicht mehr zur Verfügung von Industrie und Landwirtschaft und bedingt eine Lücke im Kredit, die durch AuSlandanleihen gestopft werden muß. Diese aber kosten hohe Zinsen. Dabei konnnt man mit den Handelsvertragsverhandlungen mit Deutschland auch nicht weiter. Man spricht von einer Aushebung der Einfuhr
beschränkungen, will aber gleichzeitig den Zoll durch die Valorisierung so erhöhen, daß gewisse Waren nicht mehr ins Land hineinkommen. Polen sitzt zwischen Scylla und Carybdes. Man will keine Einfuhr, aber eine Steigerung der Ausfuhr. Eines ohne das andere ist aber nicht möglich.
Rur auf einem Arbeitsgebiete ist man in Polen nach wie vor aktiv, energisch und erfolgreich, nämlich dem der Bekämpfung des Deutschtums. Die Bedeutung oer Grenzzonen Verordnung, die für das Gebiet des Korridors und für Oberschlesien, kurzum für die Telle Polens, wo Deutsche wohnw, ein Ausnahmegesetz schafft, braucht hier nicht näher erörtert werden. Inzwischen ist die neue Lifte der Landlieferung für die Zwecke der Agrarreform erschienen. Auch sie zieht wieder den deutschen Besitz In erster Linie heran. Die Bedeutung diesem Landlieferungen, daS heißt Konfiskationen, hegt in der Untergrabung jeglicher geordneter Wirtschaftsführung in den betroffenen Landestellen. Kein Landwirt kann auf die Dauer bestehen, wenn er nicht einmal den Unfang seiner Existenzgrundlage kennt. Heute ober morgen kann er auf die Liste gesetzt und genötigt werden, einen erheblichen Teil seines Besitzes für ein Spottgeld abzugeben. So kann er keine Kredite erhalten, so kann er nicht wirtschaften.
Bleibt denn als Gesamtergebnis unserer Betrachtung nur die Wiederholung der alten Wahrheit, daß eine deutsch-polnische Verständigung auf irgendeinem Gebiete solange eine Unmöglichkeit bleiben wird, tote das polnische Voll und der polnische Staat nur e 1 n Ziel ihrer nationalen Politik kennen und betreiben, nämlich d i e Vernichtung des Deutschtums. Es hat, mit einem Worte, auch die Einfuhr deutscher Güter nach Polen solange keinen Sinn, wie sie von den Polen mit der Ausfuhr deutscher Menschen und der Vernichtung deutschen Eigentums bezahlt wird.
Wirtschaft.
Handels- und Gewerbebank e. G. m. b. H., Gießen.
DaS Institut hielt gestern abend seine 6 9. ordentliche Generalversammlung ab. Rach kurzen Begrüßungsworten des Vorsitzenden, der über die allgemeine Wirtschaftslage sprach, erstattete Direktor Arnold den Bericht für 1927, dessen hauptsächlichste Ziffern wir bereits bei Erscheinen des gedruckten Geschäftsberichtes mitgeteilt haben. Der Abschluß für 1927 weist eine starke Steigerung des Umsatzes von 77 Millionen auf zirka 120 Millionen Reichsmark auf, ein Zeichen der Wirtschaftsbelebung und der im allgemeinen günstigen Konjunktur im vergangenen Jahre. Ein Tell der gesteigerten Umsatztätigkeit ist auf die erfreuliche Belebung des Daumarktes zurückzuführen, die den in der Genossenschaft stark vertretenen Handwerkerkreisen zugut kam. Die Bilanzsumme beziffert sich auf 2,17 Millionen Reichsmark, das eigene Vermögen auf 563 000 Reichsmark. Die fremden Einlagen sind auf zirka 1,5 Millionen Reichsmark gestiegen. Sehr stark waren auch im vergangenen Jahre die Kreditansprüche, die aber durchweg, soweit sie berechtigt waren, befriedigt werden konnten. Eine große Ausdehnung hat das Wechselgeschäft angenommen. Es wurden für Rrn. 5 Millionen Wechsel diskontiert, die sich auf zirka 10 300 Abschnitte verteilen. Das Gewinnergebnis ist befriedigend. ES wird ein Reingewinn von Rrn. 59 294,56 cmsgewiesen und die QJertdlung einer Dividende von 10 Prozent in Vorschlag gebracht. Die Reserve 1 und II wird auf zus. 150 000 Rm. aufgefüllt, dem Aufwertungssonds werden 10 000 Rm. zugeführt. Die Zahl der Mitglieder beträgt nunmehr 1639, die Haftsummen belaufen sich auf 1 828 000 Rrn. Die Erträgnisse des Effektengeschäftes fallen in Anbetracht der stillen Börsen nicht sehr ins Gewicht.
Besonderem Interests begegnete der Erwerb des Grund st ücks Goethe st raße 7. Direktor Mattern referierte eingehender über die Gründe urtb Absichten. Die augenblicklichen Geschäftsräume seien auf die Dauer zu Nein, auch sei die Vage des Lokals der geschäftlichen Ausdehnung nicht förderlich. Es wurde 'bargelegt, aus welchen Gründen Anbauten oder Hinzuneymen von Stockwerken unzweckmäßig feien. Die Bemühungen der Derwal- tung nach geeigneten Objekten hätten in den früheren Jahren nicht zu dem gewüntoten Erfolg geführt, vor allem habe sich der Umoau bestehender Wohn- ober Geschäftshäuser nicht als zweckmäßig erwiesen. Die Verwaltung hat sich daher durch Erwerb des Grundstücks Goethestraße 7, auf dem früher die Zurbuchsche ßaeffabrtt betrieben wurde, zu aünftigen Bedingungen geeignetes Baugelände gesichert. lieber die Bebauungspläne selbst wunden feine näheren Angaben gemacht. Es steht noch nicht fest, 00 nur ein Bankgebäude, ober ein Banklokal m Verbindung mit sonstigen Geschäfts- ober Wohnräumen errichtet wenden soll. Auch der Zeitpunkt der Bebauung steht noch nicht fest. Die Verwaltung beabsichtigt nicht, wesentliche Mittel des Geschäftes festzulegen und wird die Bebauung in Erwartung günstigerer Fmanzierungsmäglichkeiten nicht überstürzen.
Die DorsctMge der Oerroathmg wurden einstimmig angenommen. 3m übrigen nntrf* der Bericht des DerdaNdsrootsors, der sich günstig äußerte, zur Kemrtnis der Versammlung gebracht. Die statutengemäß ausscheidenden Mitglieder des Auffichtsrats wunden wiedergewählt.
Handel und Gewerbe im Februar.
Rach der auf Grund von Berichten preußischer Industrie- und Handelskammern und des Deutschen Handwerks- und Gewerbekammertags im preußischen Ministerium für Handel und Gewerbe zusammengestellten llebersicht änderte sich die Wirtschaftslage im Monat Februar nur unwesentlich gegenüber dem Vormonat. Es waren nach dem Bericht der Kammern zwar einige Anzeichen dafür vorhanden, daß die Konjunktur ihren Höhepunkt überschritten hat: doch sind diese wenigen ungünstigen Momente nicht so stark, daß mit einem alsbaldigen erheblichen Rückgang der Konjunktur zu rechnen wäre, es sei denn, daß außergewöhnliche Ereignisse, wie umfangreiche Lohnbewegungen oder Streiks, eintreten. Die Arbeitslosenziffer ging nur wenig zurück. 3m einzelnen ist zu bemerken:
Orsi Kameraden.
Erzählung von Hans Bethge.
Wir saßen im Bücherzimmer eines Freundes beisammen, in tiefen Polsterstühlen, rauchten, tranken Rheinwein und sprachen vom Kriege. Einer der Herren, ein württembergischer Offizier, erzählte folgendes:
Es war im Herbst 1914, in Flandern. Wir fochten gegen die Engländer und hatten heche Tage bet Warneton und Messines. Bet unterer Abteilung war ein blutjunger bayerischer Sägerleutnant namens Perofinger, den wir alle liebten. Er war ein Mensch mit einem goldenen Herzen, eine gattz gerade Ratur, immer froh gelaunt unb gerne lachend. Er liebte den Krieg, und mit den Gefahren schienen sein Mut, seine Laune und seine soldatischen Fähigkeiten zu wachsen. Sein Gesicht war mager und ebenmäßig, es war fast schön zu nennen. Gr hatte feste, energische Züge und braungebrannte Backey. Deine Augen waten von einem leuchtenden Blau und hatten etwas Kindliches und Siegesgewisses.
Er hatte einen Burschen namens Sepp, der unzertrennlich von ihm war. Sepp vergötterte seinen Leutnant und tat für ihn, was er thm an den Augen absehen konnte. Er lud fetne Flinte, wußte Wein aufzutreiben, wo irgend noch eine Flasche zu finden war, hatte immer Tabak (der Teufel weiß, woher) und verstand es, einen ausgezeichneten Kaffee zu bereiten. 3n den Mußestunden blies Sepp die Mundharmonrka, und das tat er mit Meisterschaft. Wir alle freuten uns an seinen einfachen, mit Stiern sicheren musikalischen Gefühl vorgetragenen Weisen. Er spielte Bolls- und Soldatenlieder, Tänze und vberbaherische Schnadahüpfeln, aber auch Choräle verstand er aus seinem kleinen 3nstrument ergreifend vorzutragen und jeder Sonntagmorgen wurde eingeleitet mit „Ein' feste Burg ist unser Gott". Perofinger war ganz stolz auf das musikalische Talent seines Burschen.
„Wanns du spielst, Sepp, da vergißt man ganz,
daß der Krieg doch im Grund eine garstige Sache ist," sagte er.
CineS Tages übergab Perofinger seinem Burschen ein Paket, das eben mit der Post an» gekommen war. Sepp öffnete voll Erwartung, und als ihm dann eine kostbare, große, wunderschöne Mundharmonika in die Hände fiel, wurden seine Augen ganz groß vor Staunen und Freude. „Soll die mir gehören, Herr Leutnant?" fragte er. „Natürlich," sagte Perofinger. Da glänzten die Augen des Sepp wie der Chiemsee im Sonnenlicht, er reichte dem Leutnant seine große, breite Hand und dann fing er gleich zu spielen an und fand sich auf dem melodischen Instrument sofort zurecht, als hätte er nie in seinem Leben ein anderes gespielt.
„Wenn ich einmal fallen sollte," sagte Pero- singer, „so muht du mir auf dieser Harmonika deine Lieder zum Abschied spielen. Vergiß nicht „Morgenrot, Morgenrot".
Zu den beiden Bayern gehörte noch ein dritter Kamerad, das war der schwarze Pudel Karo. Wir hatten bei unserem Zug durch Flandern einige Tage in Thorhout in Quartier gelegen. Da war der herrenlose Pudel auf der Straße um Perofinger herumgestrichen, der hatte sich seiner angenommen und den Sepp beauftragt, etwas Anständiges für das Vieh zum Fressen herbeizuschaffen. Seitdem gehörte Karo zu Pero» finger. Er schlief nachts auf der Schwelle seines Quartiers und lieh niemanden ins Haus, außer Sepp. Er folgte uns auf den Märschen, jagte vergnügt die Raben über die Felder und sprang dann lustig bellend zu seinem Herrn zurück und an ihm empor, voll Dankbarkeit. Karo wurde von der ganzen Kompagnie verwöhnt, er kannte jeden Mann der Abteilung, aber sobald sein eigentlicher Herr pfiff, lieh er alles im Stich, lief zu dem Leutnant und schmiegte sich an seine Fühe.
Run kam ein grählicher Tag. Das heißt, der Tag selbst war herbstlich milde und schön, und kleine, weihe Wölkchen flatterten heiter am blauen Himmel, aber Perofinger mußte dran glauben.
Er tag auf dem Bauch hinter einer Hecke, dicht bei dem Dorfe Hollebeke, und schoß, neben ihm lag Sepp und schoß gleichfalls. Man sah in der Ferne mehrere Engländer, die ein Maschinengewehr in Stellung bringen wollten, bei einem Trümmerhaufen. „Die müssen wir kriegen", sagte Perofinger, „denen geb ich fei Ruh." Man sah in der Tat, wie einer von den Engländern zusammenstürzte, indem er die Hände krampfhaft in die Lust warf. Perofinger zielte von neuem, auf einmal ging es „tat* — er neigte den Kopf und das Gewehr und war tot. Der Schuß war ihm mitten durch die Stirn gegangen.
Sepp kniete neben ihm, mit vor Schrecken toeitgeöffnetem Mund. „Herr Leutnant . . . Herr Leutnant . . . Herr Leutnant“ sagte er fortwährend, immer dieselben, monotonen, verzweifelten Worte, ohne Aushören. Wir untersuchten das Herz des Gefallenen, es rührte sich nichts mehr. Um seinen Mund war ein reines, ruhiges Lächeln und eine holde Verklärung um die Stirn — keiner hatte ihn je so schön gesehen. Sepp drückte ihm die Augen zu. Damr trugen wir ihn nach Hollebeke hinein, in einen Garten. Dort gruben die Soldaten ein Grab. Sepp nahm ihm die Wertsachen und die Papiere ab, um sie seinen Eltern zuzustellen, das hatten die beiden gegenseitig so verabredet. Wir legten ihn in die Grube, mit dem Gesicht nach Deutschland zu. Sepp ging und brach die einzige rosa Herbstrose, die in diesen: Garten stand. Er legte sie auf den frischen Hügel und zwar wählte er sorgsam den Fleck, wo er meinte, daß unten in der Erde das Herz des Toten sei.
Dann setzte er sich ruhig an das Kopfende des Grabes, holte die Harmonika heraus und fing an zu spielen. Er spielte zuerst „Morgenrot, Morgenrot", wie fein Leutnant es sich gewünscht hatte, und niemals hatten wir ihn das Lied so herzzerreißend spielen Hörem Mitten während des Liedes ging ein Gebell los es war der Pudel Karo. Er erschien in der Gartenpforte, stutzte ein paarmal, schnupperte in die Luft und kam dann näher. Er roch an
dem Burschen herum, und dann fing er an zu heulen. Gr kratzte aufgeregt an der Erde des Grabes, roch, bellte in die Luft, winselte, legte sich auf den Hügel nieder und heulte, daß es kaum mit anzuhören war.
Sepp ließ sich nicht stören in seinem Harmo- nikaspiel. Mit ernsten Augen sah er da^ in dem Bewußtsein, eine Pflicht zu erfüllen, und spielte mit wehmütigem Klang die alten lieben Soldatenlieder. Er sah den Hund dabei an, der immer wieder laut aufheulte vor Verzweiflung. Es war furchtbar, dieses Heulen vermischt mit den wehklagenden Melodien der Harmonika. Ein paar Soldaten wendeten sich ab und weinten wie Kinder.
Auf einmal entstand draußen auf der Landstraße eine Bewegung. Es hieß: „Die Engländer kommen! Zurück!" Soldaten fluteten durch das Dorf, wir schlossen uns ihnen an. Sepp wollte den Pudel mitnehmen, aber der biß und kratzte wild um sich, und es war nicht möglich, ihn fortzubekommen. So ließen wir ihn auf dem Grabe seines Herrn, wir hörten ihn noch heulen, als das Dorf schon weit hinter uns lag.
Zwei Tage später hatten wir genügend Verstärkungen, um die Engländer zu werfen. Wir kamen bei der Verfolgung wieder durch Hollebeke. 3ch ging mit Sepp in den ©arten, um Pero» fingers Grab zu besuchen. Der Pudel Karo lag falt und tot auf dem Hügel, die rosa Rose war verdorrt. Wir glaubten erst, eine englische Kugel habe dem Hund ein Gnde gemacht, aber Sepp untersuchte sein Fell genau, es war nirgends eine Wunde zu entdecken.
Sepp schaufelte ein Loch am Fußende von Perofingers Grab, legte den Hund hinein und wölbte einen kleinen Hügel darüber. Ein paar Astern blühten noch im Rachbargarten, wir pflückten sie und streuten sic auf die beiden Gräber.
Als wir nachher auf einer kleinen Brücke über einen Graben schritten, zog Sepp etwas Blankes aus der Tasche und ließ es ins Wasser fallen. Gs war die Mundharmonika. Keiner hat ihn mehr spielen hören.


